Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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siel, n., m.

siel, n. m.

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schleuse, abzugsgraben; im deichbau 'eine deichschleuse, das hinter dem deiche zusammenlaufende wasser herauszulassen und zugleich zu verhüten, dasz nicht das vor dem deiche aufschwellende wasser hinter den deich laufe'. Jacobsson 4, 160ᵃ. das wort ist, wie die sache, auf die marschgegenden beschränkt. die etymologie des wortes ist dunkel. Weigand 2, 713. ansprechend ist die vermutung von Franck 1208, der es (im anschlusz an ten Doornkaat Koolman 3, 183ᵃ) mit norw. schwed. sil sieb, sila seihen, mittelengl. (und neuengl. dial.) sīlen, sile zusammenstellt, auf *sîgwl zurückführt und als l-ableitung zu altem sîgan, sîhan auffaszt (die von Grimm gramm. 1³, 405 versuchte erklärung scheitert an der unverkennbaren durchgängigen länge des î).
1)
das wort ist dem fries.-nd. sprachgebiete eigenthümlich.
a)
es ist zufrühest im altfries. reichlich bezeugt, s. Richthofen 1014ᵇ f., und als sîl noch im heutigen fries. (Saterland, Wangeroog, nordfries.) lebendig.
b)
im nd. und nl. tritt es so spät und in beschränktem umfange auf, dasz hier wol die annahme der entlehnung aus dem fries. statthaft ist. von den bei Förstemann namenb. 2², 1337 zusammengestellten ortsnamen des 9.—11. jahrh. scheiden die auf hd. oder slav. boden von vorn herein aus, die mit -sile als 2. bestandtheil zumeist schon wegen danebenstehender e - formen (-sele); auch würde die bedeutung kaum composition mit einem personennamen gestatten. (diese gehören zu alts. seli, wohnsitz, womit Grimm das wort zusammengeworfen hatte.) nach abzug dieser bleiben dann auch Silobiki (wüstung bei Holzminden) und Silihêm (Sielen an d. Diemel), beide aus dem 9. jahrh., recht zweifelhaft.
c)
mnl. sîl Schiller-Lübben 4, 206ᵇ f. (belegt in einer Rasteder urk. und bei Renner), mnl. sijl, aquagium (gemmula vocab. Antwerpen 1490) s. horae belg. 7, 14ᵃ: aquagium ... sijl, syle, kalle, conduyt, sluysz. Dief. gloss. 43ᵇ (gemma gemmarum. Cöln 1507); incile ablasz o. bett (aque), sijl, ain sail, slusz ... nl. goote, hueel, zijl, tocht. 291ᶜ (nl. glossare); sijle, sille, holl. fris. incile, aquagium, cataracta. dazu die anm.: quae vox adhuc in regione Groningana superstes est, et ab ea zijl-recht, zijl-rechters. Kilian. jetzt zijl, f. älter und verbreiteter ist auf nd.-nl., wie auf hd. boden, das lat.-franz. lehnwort schleuse, s. dasselbe, theil 9, 659.
d)
in nd. mundarten als sîl, siel (vereinzelte nebenform sied, siedje s. nd. korrespondenzbl. 18, 84) noch jetzt weit verbreitet: hamb. syl Richey 254, brem. siel 'eine schleuse, oder ein unter dem wasserdamm durchgehender kanal, der das inländische überflüssige wasser in die see, oder in einen flusz durchläszt: welcher, wenn er klein ist, mit einer fallthüre, wenn er aber gröszer ist, mit zwoen starken flügelthüren versehen ist, die bey dem andrange des inländischen wassers sich selbst öffnen, bey dem anflusse der flut aber, oder bey dem anschwellen des ausländischen wassers, sich selbst schlieszen.' brem. wb. 4, 786, holst. siel 'in der marsch ein graben, der mit einer hölzernen oder steinernen röhre das wasser unter den deich durchleitet ... 2) hamb. kanäle oder flete, die zur abführung der unreinigkeiten zwischen den erben durchgiengen ... itzt ist in Hamb. ein siel eine leitung unter der erde, wodurch der unrath mit dem spülwasser aus den häusern abflieszt.' Schütze 4, 102 f.; altmärk. sîl (schleuse, wasserröhre; stadtthor) Danneil 191ᵇ f.; ostfries. siel (1) schleuse, 2) abzugsriole eines kellers, 3) zuleitungsröhre zu einem brunnen, der keine quelle hat) Stürenburg 246ᵃ, sîl ten Doornkaat Koolman 3, 182ᵇ, preusz. sîl Frischbier 2, 341ᵃ; auch im westf. Hessen Vilmar 385. auffällig ist dies vereinzelte vorkommen im binnenlande. in hd. mundarten nirgends bezeugt. vgl. auch nd. korrespondenzbl. 8, 30, anm. 1.
2)
in die schriftsprache ist das wort erst in neuerer zeit und mehr als technischer ausdruck aufgenommen. zuerst verzeichnet bei Frisch 2, 276ᶜ: siel, subst. neutr. ist sonderlich bey den teichen oder see - dämmen gebräuchlich, claustrum aggerale; emissorium. eine öffnung in der aufgeworfenen teich - erde, wodurch sich das gesammlete wasser in das meer ergiessen kan. Adelung schreibt siehl, Jacobsson 4, 160ᵃ siel, syl, syhle. während das wort im fries. und mnd. masc. ist, wird es im nhd. gewöhnlich als neutr. gebraucht. belege: da wo in den tiefen bäche rieseln, erheben sich hochgewölbte brücken oder siehle durchziehen den weg, wo er niedriger liegt. domherr Meyer darstellungen aus Nord-Deutschland 17; in genauer, fast unzertrennlicher verbindung mit dem ganzen deichwesen stehen die schleusen, in den Marschen siele genannt. Allmers marschenb.³ 36; soweit ... wird der siel durch den deich und die bärmen bedeckt. 38. vgl. auch sieltief. — in abweichender bedeutung: in den sihlen (kleine buchten, welche vom meer aus eine kurze strecke den bächen entgegen gehen) von Grönland, der Hudsonsbay und Neufundland. Oken 6, 189; in Ostfriesland, an der küste der Nordsee, gibt es buchten, die gleichsam kleine hafen bilden und siele heiszen. Heine 6, 86 Elster; die hauptsache für den fischer, der auf seinem einsamen siel wohnt, ist der fischfang. ebenda.
3)
verschiedene arten werden durch zusammensetzungen bezeichnet:
balkensiel
aus aufeinander gelegten balken zusammengefügte schleuse;
klappsiel, kumpsiel
(s. theil 5, 980) oder kumpsiel (s. Schiller-Lübben 4, 207ᵃ), kleines, mit bohlen gefüttertes siel mit einer klappe oder fallthür;
pumpsiel
siel, durch den das wasser ausgepumpt wird;
ständersiel
siel aus ständern, balken und kleidholz, s. Adelung. Campe. brem. wb. 4, 786;
pompsiel höhlensiel
pomp- und höhlen-siele, ist ein niedriger ort, wo sich das wasser sammlet, dasz man es daraus pumpen kan, alveus et locus profundior, e quo aqua antliis hauritur. Frisch 2, 276ᶜ;
ebbesiel fluthsiel
s. Jacobsson 4, 160ᵇ; in anderm sinne hauptsiel, nd. höfdsiel der theil der schleuse, wo die thüren sind. brem. wb. a. a. o.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 952, Z. 20.

siel

siel,
s. siele.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 953, Z. 41.

siele, f.

siele, f.
riemen, zugriemen, pferdegeschirr. das wort steht im ablaut zu seil, s. dieses, sp. 208 f., und seilen, m., sp. 221, und ist wie dieses eine l-ableitung zu der indogerm. wurzel si- binden; die dritte ablautsstufe (*seilo-) liegt vor in kirchensl. silo, n., silŭkŭ, m. seil, s. Fick³ 2, 482 f. 674. vgl. ferner J. Grimm gramm. 2, 44 und kl. schr. 6, 215 f. Weigand 2, 713. Kluge⁶ 365ᵃ. die form mit i findet sich auch in den nord. sprachen: altn. sili und seli, m. Cleasby-Vigfusson 521ᵃ. 528ᵇ, dän. schwed. norw. sele, scheint also urgerm. zu sein.
I.
formales.
1)
das wort ist ursprünglich ein schwaches masc., wie die übereinstimmung des altn. und ahd. zeigt: silo epihredium, traheria, esseda, sielo epiredia Graff 6, 185; doch ist schon mhd. grosze verwirrung eingetreten: neben der schwachen flexion begegnet starke, neben dem masc. das fem. und neutr., neben der form sile, sil auch siel, sele, sel, besonders mitteldeutsch, s. Lexer handwb. 2, 921 und die belege.
2)
im nd.-nl. ist die grenze gegen sêl = seil schwankend; im holl. sind beide in zeel, n. zusammengefallen, s. Franck 1196. im mnd. sele, f., s. Schiller-Lübben 4, 178ᵇ f., wo es irrig als plur. zu sêl, seil, gefaszt wird, und 179ᵇ, wo daneben ein besonderes wort sele 'wagen ohne rad, schleife, schlitten' angesetzt ist. in den heutigen mundarten gewöhnlich säle, s. brem. wb. 4, 582. 746. 6, 298. Dähnert 394ᵃ, sääl, säle Stürenburg 208ᵇ, séle, säle, sêl, sä̂l ten Doornkaat Koolman 3, 172ᵃ, sä̂l, sîl Danneil 179ᵃ, häufig im plur. sälen Mi 73ᵇ, seelen Schütze 4, 89, selen, sellen, sielen Strodtmann 210, oder dafür sêlentü̂g Schütze 4, 89. Schambach 189ᵇ, selentüch Frommann 5, 293 (um Fallersleben), sälentüg brem. wb. 4, 582. Dähnert 394ᵃ.
3)
im nhd. findet sich das wort besonders bei oberdeutschen autoren des 15. 16. jahrh. und hier noch durchaus als schwaches masc., so auch: eyner der an eynem sielen zeucht, helciarius. Dasypodius. bei Luther dagegen mit abweichender, zum nd. stimmender vocalisation: sie haben meine saelen ausgespannen ... und das meine abgezeumet. Hiob 30, 11; dehne deine seele lang. Jes. 54, 2, var.; ich lies sie ein menschlich joch zihen, und in seelen der liebe gehen. Hos. 11, 4; hie ist kein achse, deistel (deichsel), gestell, lonsen (lünse), leiter, woge, seele, noch strenge. bibelübers. 7, 351 Bindseil (8. vorr. zu Hes.). s. auch unter seil I. ebenso: funiculus .. dy szelen. Trochus Q 4ᵇ. in neuerer sprache hat sich die hochd. form siele (auch sihle, siehle geschrieben) durchgesetzt, dagegen das weibliche geschlecht. (von ainer sil in einer Scheirer dienstordn. von 1500 bei Schm. 2, 260; Frisch 2, 276ᶜ gibt an: siele, n. helcium, ein kommet, fuhrmanns-pferds-kumt, scheint indessen das wort nur aus ältern quellen zu kennen und hier das masc. miszverstanden zu haben. Adelung kennt oberd. die siehle und der siehlen, nd. plur. sälen bez. die siehlen). doch ist das wort in der litteratur überhaupt selten geworden. neben siele steht sille, das für sich behandelt wird.
4)
neuere mundarten bieten folgende formen: schweiz. sila, sili Bühler Davos 1, 129, vgl. J. Grimm kl. schr. 6, 216, sille und silm Stalder 2, 374 (sil- und sim- in compositen Hunziker 241); schwäb. siele, f. pferdegeschirr ohne kummet. Schmid 495; bair. sil, sile und sele, silla, s. Schm. 2, 260, österr. das sihl Höfer 3, 142, tirol. sil, silen, m. f., sillen, sile, f. Schöpf 674, ung. silln, m. Schröer 206ᵇ; mittelfränk. siele Reinwald 2, 160; hess. silen, sellen, süllen, sinn, m. Vilmar 385, westerwäld. sille, n. Kehrein 1, 377; thür. síle und sílen Hertel sprachsch. 227 f., nordthür. sîlen, f. Kleemann 21ᵃ, sîle, f. Liesenberg 214; siebenb. siln, m., gewöhnlich plur. Haltrich 22ᵇ. Kramer 123; preusz. siel, sîl, plattd. sël, säl, n., siele, f., gewöhnlich im plur. sielen, nd. sëlen, und sielenzeug, s. Frischbier 2, 340ᵇ. 549ᵇ, in Liv- und Estland siel, n. und siele, f. Hupel 218, vgl. Sallmann 38. (über die nd. mundarten s. 2.) vielfach auch dafür sielenzeug oder sielscheit, vgl. diese. das fehlen des wortes ist bezeugt für den Handschuhsheimer dialekt, Lenz 65ᵇ.
II.
bedeutung.
1)
gewöhnlich zugriemen, geschirr der zugthiere. Adelung, stränge, woran die pferde einen wagen ziehen oder das ganze pferdegeschirr. Jacobsson 4, 160ᵃ; bald mit kummet gleichgesetzt, bald davon geschieden, vgl.: 'die siele, ein theil des pferdegeschirrs, welches aus breiten gepolsterten oder gefutterten lederstücken bestehet, welche den pferden über brust und schultern gelegt werden und woran sie ziehen; zum unterschiede von dem kummet, welches ein hölzernes gestell hat.' Campe: epirhedium .. chomat, sielo, sele episea. Dief. gloss. 204ᶜ, piredia sele. nov. gl. 153ᵇ; epiphia ein sil, episia eyn zele der perde. 153ᵇ; epiphya pl. illud per quod equus trahit currum sil vel affersil. gloss. 206ᵃ; reda, rheda hd. nd. slede, sele (in curru). 488ᵇ, zele, sile o. wagen. nov. gl. 315ᵃ, vgl. Schiller - Lübben 4, 179ᵃ, der danach ein sele 'schleife, schlitten' ansetzt, und: reda dicitur a rodo quod rodit collum equi vulgariter sil vel ruggwid et impropere sumitur pro curru. quelle v. j. 1412 bei Schm. 2, 260; silen rhedare, uno modo proprius dicitur rhedale id est collipendium equorum in curru. voc. ante, s. auch Dief. gl. 488ᵇ; riga hd. czile, zyle, czeylle, zeil, ziel, sczijl, czylle vel rijge, zil, zilet, sil. 498ᵃ, ling, ein zilet, czil, roge. zuͦgel. nov. gl. 319ᵃ; trahale langwid an einem wagen; langkwijde. seel an den w., sele in dem wagen o. wayne, sil. .. traheria silo, zugsayl, leyne. gloss. 592ᵃ; syl, sel, sele in dem waghene .. züge seil, sela. nov. gl. 369ᵇ; exedula zele. 157ᵃ (vgl. auch zülle). im eigentlichen sinne: item eczliche reder und gestelle, leitern, dünghorde, sielen, flechten und solich zugehorunge zu wagen, karren, plugen und solichem geferte. inventar der Else v. Holczhusen, 1410, im Frankf. archiv, in einem andern verzeichnisse: item iij gulden umb vier wagen sielen, seche, scharen und ander gerede. ebenda; it. mangel an silen, daʒ man oft wegen zu peut het gepracht, so mangelten sillen. d. städtechron. 2, 335, 3 f.; der soll nemmen sein pferdt in sein handt undt sein silen undt ihnen do helffen. Grimm weisth. 2, 164 (weisth. von Gutenberg, 1498); nimmt er das thier allein one silen und strick, so mag er nüts entwegen; harwiderum, nimmt er allein das gschirr one das thier, schaffet er aber nüts. Zwingli 3, 3; nuͦn müsz es gott trewlich erbarmen, das ich noch so vier guͦter, starcker, geruͦheter ross im stal hab ston, und ist deren keins, es möcht basz ziehen dann ich, unnd wirdt mir als dem schwächsten die gröste bürde uffgelegt, also das ich allein ziehen muͦsz. ich gedenck, ich werd am sielen ersticken. Frey gartenges. s. 19, 24 Bolte; so seden se ick scholler naer stadt voyren, aseck dat nich dann wol, do brüden se meck use vahle mercken uthn sehlen. nd. bauernkomöd. s. 270 Jellingh.;
dâ rihte man siln
unde spien diu ros dar in.
Moriz von Craon 728;
Concordiâ deu küniginne
deu maʒ sie (die rosse) schône in die sil.
Heinr. v. Neustadt von gotes zuokunft 899;
dur die (speise) du zallen zîten strebest,
als in dem siln der esel tuot.
Boner 41, 11;
si aʒʒen schuͦch, sil, chuͤnt (kummete) und hewt.
Suchenwirt 18, 129;
da hingen an haken in graden fluchten
sielen und sättel mit zügel und zaum.
Wolff der landsknecht von Cochem s. 254.
2)
häufig in freierer verwendung.
a)
mhd. besonders in der wendung in eines sil(n) ziehen ihm dienen, angehören:
lâ mich mit dir gelîche ziehen in der êren sil.
minnes, 2, 231ᵃ Hagen;
die er (der antichrist) vaʒʒet an sînen sil.
Heinr. v. Neustadt von gotes zuokunft 5552;
wanne si zwu sint gespilen,
und ziehent auch in des teufels silen.
renner 7633.
b)
obscön:
ich ... hab mich nie daran gespart,
den frauen zu dienen auf zwaien knien
und in dem rauhen sielen zu ziehen.
fastn. sp. 238, 19;
in rauhem silen er also zeucht
und kein loch noch pfutzen fleuht,
das er einer frauen als ir traurn hinfürt.
347, 12. vgl. 733, 3.
c)
sprichwörtlich in éinem sielen ziehen, zu einander passen, einander gleich(wertig) sein, vgl.: kalbfleysch und rindtfleysch seudt nimmer gleich mit einander, so wenig als ein junger unnd alter ochs gleich in einem sylen zusamen copelt, ziehen. Franck sprichw. 2, 105ᵃ; der nemer ist in disem fall wol so edel als der geber, weil er der diener seinem herrn ein anders, nemlich seinn dienst umb sein gelt geben hat, drumb ziehen sie wol in eim silen, und hat keiner dem andern nicht auffzurucken, noch ein esel den andern ein mülthier zu nennen. 45ᵃ; vgl. auch sielen 2.
d)
bei Hans Sachs begegnet wiederholt die redensart:
sie hat ein gang wie ein samrosz,
kein sillen thut sie dir zerreyssen.
H. Sachs 1, 527ᵃ ('der alten weiber roszmarck');
der hett ein faulen reysing knecht,
drumb hiesz man jhn den faulen Fritzen,
war grosz von leib und klein von witzen,
der keinen sielen nicht zurisz.
sich nur der grossen brocken flisz.
4, 3, 67ᶜ;
tag unde nacht ist sie stets vol,
und schewet wo man arbeitn sol.
derhalb kein sillen sie zureist.
5, 382ᶜ.
e)
weitere sprichwörtliche redewendungen: in den sielen gehen, stets arbeiten. Campe; man kommt den ganzen tag nicht aus den sielen. he mot ömmer ön e säle ligge. Frischbier 2, 340ᵇ. — in allen sîlen trecken, in allen sätteln gerecht sein. Wander 4, 561. wier in de aulen sîlen smiten (ins alte geleise bringen?). ebenda.
3)
nähere bestimmungen werden durch zusammensetzung gegeben, so besonders aftersiele hintergeschirr (als gegensatz zu siele, vordergeschirr), s. theil 1, 188; vgl. hintersiele: das der beclagte Hans Wagenern dem hoffmann zu Fronhausen negst verschienen herbst einen zugk siell und ein affter siell gestolen hat. quelle vom j. 1601 bei Vilmar 385; zugblätter, aftersillen, steigleder in einem mandat v. 1754 bei Schm. 2, 260;
so ich das ross einsetzen wil,
do het es verlorn den aftersil,
den satel, kumat, zaum und hacken.
fastn. sp. 566, 1;
wa kumat, geschirr und aftersil?
wa strickleder und echssil?
Uhland volksl.² s. 558 (nr. 278, 8).
arbeitssiele (bildlich, vgl. 2, e): der mann ist freilich für mich unschätzbar, und darum bin ich so unschuldig, es darauf ankommen zu lassen, dasz er im arbeitssielen, vor meiner egge verendet. Goltz jugendleb. 3, 55. echssiele, s. theil 3, 20 (und oben Uhland unter aftersiele). halssiele, siele um den hals, nd. halssël Frischbier 2, 340ᵇ (s. auch halsel, halssêl, n. f. 1, 269ᵇ). hintersiele, nd. hindersël, siele für ein pferd des hintergespannes (demnach von achtersiele verschieden?). ebenda; sprichwörtlich in die hintersielen kommen, im geschäfte, in der wirtschaft zurückkommen. 549ᵇ. tragsiele, -sël, tragriemen, traggurt, den lastträger über den schultern haben. 340ᵇ, dragsäle Adelung. vordersiele, nd. värsël, siele für ein pferd des vordergespanns. Frischbier 2, 340ᵇ. zugsiele: die lebendigen pferde .., welche im gegerbten und mit ihrem bruderfett geschmierten thierleder, sich unter peitschenhieben zu tode zogen, um sich dann ebenfalls wieder in zugsielen und peitschenleder verwandelt zu sehen. Goltz jugendl. 3, 93; s. auch die stelle aus Vilmar unter aftersiele.
4)
abweichende bedeutungen.
a)
österr. sihl, beim schiffszuge ein gekrümmtes holz, das den pferden hinten über beide füsze reicht und woran die seile zum ziehen des schiffes befestigt werden. Höfer 3, 142.
b)
tragriemen der karrenschieber. Campe. Kleemann 21ᵃ; 'siehlen, sind lederne riemen, welche die karnläuferjungen theils über die achsel, theils auch übern hindersten hängen haben, und daher achsel- oder arschsiehlen genannt werden.' Jacobsson 7, 349ᵃ. so besonders im bergwesen, s. Veith 449, sielen, sillen, courroie. Jacobsson 4, 162ᵃ.
c)
in vielen mundarten (nicht nur fränkisch, wie Campe meint) wird siele für 'hosenträger' gesagt, so schweiz. sille, f. Stalder 2, 374 (unterschieden von silm, pferdegeschirr ohne kummet), sila, f. Bühler Davos 1, 129. 2, 34, sili, vgl. J. Grimm kl. schr. 6, 216, tirol. (im obern Innthal) Schöpf 674, in verschiedenen gegenden Baierns. Schm. 2, 260, besonders in Mittelfranken. Reinwald 2, 160.
d)
in der weidmannssprache sillen 'heisset ein ins dreyeck zusammen geschlungenes starkes bändlein oder ein riemen von einer nestel zum ansillen der vögel'. Kehrein weidmannsspr. 273.
5)
unverwandt sind
a)
schweiz. sîla, f. ziege, als lockruf (als deminutiv zu sie? vgl. das. II, 2, i, α, sp. 767). Bühler Davos 1, 130, und
b)
schlesw. syle, sihle für hering, clupea harengus. Nemnich. Campe (aus dän. sild).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 953, Z. 59.

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„siele“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/siele>, abgerufen am 23.10.2021.

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