Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sigrist, m.

sigrist, m.,
oberd. küster, meszner.
I.
form und verbreitung. das wort ist umgebildet aus mlat. sacrista (custos sacrorum, ecclesiae. du Cange 7, 262), schon ahd. sigiristo, sigristo, aedituus (Steinmeyer - Sievers gl. 2, 508, 21), sigeristo, mansionarius (2, 245, 28), sigersto, secretarius (Diut. 2, 183ᵇ). Graff 6, 151, ebenso alts. sigiristo Wadstein kl. alts. sprachdenkm. (1899) 99, 26, mhd. sigrist(e), sigerst(e) Lexer mhd. hdwb. 2, 919 (weitere belege unten), im 15. jahrh. sigriste, ecclesiasticus Dief. 194ᵃ, sigristy, sigrist, sacrista 506ᶜ, später sigrist oder meszmer, aedituus, ad limina custos, tutelarius. Maaler 373ᵈ, sygrist, meszner, glöckner, aedituus. Golii onomast. (1582) 11, sigrist, meszner, sacristain. Hulsius (1616) 298ᵇ, aedituus. voc. von 1618 bei Schm.² 2, 244, bis heute auf oberd., besonders alemannischem (schweiz.) sprachgebiete lebendig, siegerist, küster. Stalder 2, 374, sigrist, sigerist, sigerst, küster, meszner Seiler 269ᵃ, sigrist, sigerist, Hunziker 241. vereinzelt erscheint das auslautende t dem s assimiliert: dem pfarrhof .., da er zwar den sigrisz, aber nicht den pfarrer zu hause fand. Simplic. 3, 420, 12 Kurz, zeigt die stammsilbe e statt i (vgl. das gleichbedeutende mlat. segrestanus, secrestarius. du Cange 7, 262ᵇ): were eʒ, daʒ got wende, daʒ die messebuch verlorn würdent, oder anders bresthaftig, ôn des pfaffen schulde oder des segristen und der gebur. weisth. 5, 490, 14 (Unter-Elsasz), auch dem lat. entsprechend a: sacrist, sacristanus. voc. von 1429 bei Graff 6, 151, sacriste Dief. 506ᶜ. vgl. sakristan oben th. 8, 1677. als eine nebenform zu sakristan hat wol die form der folgenden stelle zu gelten: der meiger sol es minre froͤwen, irme gesinde, dem lúperester (so) und sinem sigeristenen wol bietten mit wildem, mit zam, (mit?) fliessenden und mit fliegende, vierne und núwe. weisth. 4, 158 (Elsasz, ausgang des 14. jh.). dieselbe quelle bietet allerdings den nom. sigerist. vergl. oben sigerstein. das wort flectiert meist schwach, doch sind auch starke flexionsformen bezeugt, z. b. Fischart bienenk. 21ᵇ und Pestalozzi Lienh. u. Gertrud 2 (1819), 11 (die stellen s. unten). die hochd. belege aus der lebenden sprache weisen wie die glossen und wörterbücher nach Oberdeutschland: ein probst sol ouch nach sinem willen einen meier und einen sigersten setzen. weisth. 5, 435, 11 (Unter-Elsasz, von 1329); so sollen die bürger einen sigristen kieszen, und soll in der meier setzen und der leutpriester. 455, 7 (von 1344); von einem trunckenen sigristen der in einen keller fiel. Frey gartenges. (1556) 105ᵃ; nimm du den fan, der sigerist dʒ weywasser, der teuffel den pfaffen. Garg. 250ᵇ; Petermann, der sigrist. Schiller Tell personenverzeichnis; so dasz der pfarrer es merkte und dem siegrist sagte, der befehl gehe die weiber an wie die männer. Pestalozzi Lienhard u. Gertrud 2 (1819), 11; mit mächtiger schwingung der faust gab der im mittelpunkt stehende sigrist den takt an. Gaudy erz. 131 (die erzählung spielt in Bern);
do der sigrist nit daheim was,
do hast du wyn und brot gereicht.
fastn. sp. 870, 34 Keller (Elszli Tragdenknaben).
II.
bedeutung und gebrauch.
1)
die bedeutungsentwicklung des worts ist die gleiche wie die von küster (s. dies oben theil 5, 2880) und meszner (s. dies oben theil 6, 2138), das in den belegen mehrfach als gleichbedeutend erscheint: doch so halff er (Eulenspiegel) mit den bauren hantieren, wann der meszner oder sigrist des selben dorffs was kurtzlich tod. Eulenspiegel 17 neudruck (11. historie); da rüff der vorig sigerist (vorher: der verständigst under jhnen, der einmal ein meszner gewesen). Garg. 32ᵃ; sonderlich wan die gevattern reich sint, und den glockner, meszner oder sigerist wol vermögen zuhalten. bienenkorb 21ᵇ. der sigrist hat den kirchenschatz zu hüten: claustris sacrorum preerat: ille erat sigirísto costárári. Werdener Prudentius-glossen bei Wadstein kl. alts. sprachdenkm. 99, 26; die gnossami von Adelgeswile die sullen einen sigristen kiesen, der inen ir kilchen schatz behuete. weisth. 1, 163 (gebiet von Luzern, 14./15. jahrh.). er hat die glocken zu läuten: von dem selben korn gehört einem sigristen jährlich 1 quart von dem wetterlüten. 843 (von 1486, Elsasz?); doch musz der sigrist von Lemersheim von 9 bis 10 uhr ein ganze stund leuten; darvon hat er bei dem meier zu Hundisheim einen imbisz. 5, 411, anmerkung 2 (von 1657, Unter - Elsasz); kaum dachte Elisi, nun könne vom städtchen aus sie niemand mehr sehen, nicht einmal mehr der sigrist im thurm oder der landjäger im schlosz. Gotthelf Uli d. knecht 276 Vetter. er musz singen können: als nun Ulenspiegel in dem dorff ein meszner wʒ da kunt er nit singen als dan eim sigristen zuͦ gehört. Eulenspiegel 17 neudruck (12. historie; es handelt sich um gesang bei der messe). wie dem pfarrer, so sind auch ihm gewisse abgaben zu leisten: aber ist recht, daʒ einem sigristen gehört von einer lich ein brot und von einer brutt ouch ein brott. ouch so hat ein sigrist ein krützgang, und wen er mit dem krütz gat, den sol im geben ein jeclichs gehusseti ein schillig oder des wert. weisth. 4, 380, 5 (Luzern, von 1500); welicher ouch denselben zenden enpfacht, der git dem sigristen zuo den groszen bëdren vorûs zwei mütt kernen und ein malter haber, und dem lütpriester ein hundert garben strau. 5, 103, 11 (Aargau). doch heiszt er wol arm im vergleich mit dem pfarrer: es beklagt sich einmal ein armer sigrist, dasz er den pfaffen dienen müst, und sie allzeit das geld, früchte, wein und andere zinsen unnd gülten einnemen, jhm aber kaum das rauhe brod uberliessen, damit er sich unnd sein weib, unnd seine kinder ernehren möchte. Frey gartengesellschaft (1556) 112 (cap. 113). er wird als ungelehrter laie den gelehrten geistlichen gegenübergestellt: wir können nit alle geleert seyn, muͦsz ouch sigrist haben. Seb. Franck sprichw. (?) 2, 143ᵇ. sein amt erscheint als das niedrigste in der kirchlichen rangordnung: und der ungloub ist gewesen zuͦ den selben zyten under den juden. und ist auch noch hütbeytag in der gantzen christenheit, under geistlichen unnd weltlichen, nammlich obnen abher von dem babst bitz uff den sigristen. und vom keyszer und künig abher, bitz uff den hirten. Keisersberg postille (1522) 3, 42ᵇ.
2)
in bildlicher anwendung: in der sele closter sol got ünser herr prior sin .. gnade der sigrist. Wackernagel altd. pred. 51, 5.
3)
von heidnischen tempelhütern: es war aber der sigristen einer da, der wehret jr in den tempel (der Isis) zu gehen. buch der liebe 209ᵈ; Cybele .. sprach zu dem sigristen: mein allerliebster hüter des tempels der götter, du kanst beide die gäst und uns erfreuwen. 210ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 966, Z. 33.

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Zitationshilfe
„sigrist“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sigrist>, abgerufen am 22.10.2021.

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