Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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silbe, f.

silbe, f.
syllaba.
I.
formales. das zu grunde liegende griech.-lat. wort erscheint ahd. in seiner ursprünglichen form syllaba. Notker de interpret. 6 (1, 508, 7 Piper) und der häufigen mlat. schreibung i für y gemäsz als sillaba. Otfrid 1, 1, 23, im obliquen casus ebenso: samint tero anderûn syllaba pezeichenet iʒ (die silbe rex in sorex). Notker de interpret. 6 (1, 508, 13 Piper), aber auch mit schwacher flexion sillabon. ps. 44, 2 (die stelle s. unter II, 1). daneben begegnen formen mit vocalassimilation, und zwar wird sowol der erste vocal den beiden andern angeglichen: sallaba Steinmeyer-Sievers gl. 1, 247, 30 als der zweite dem ersten: sillibon Notker Wessobr. ps. 44, 2 (s. II, 1). mhd. schwächt sich wie bei deutschen wörtern gleich ahd. geba die endsilbe ab zu e, dringt dann diese abschwächung weiter bis zur mittelsilbe: sillabe, sillebe Trist. 10120 (s. unter II, 1) und schwindet endlich der mittelvocal ganz: silbe. minnesinger 3, 468ˡ Hagen (s. II, 1). aus dem 15. jahrh. ist eine form mit m für b bezeugt, die wol durch angleichung an das n der flexionssilbe entstanden ist:
mein silmenczal
die sein doch wol geseczet
mit silmen reimen also gancz.
Beheim bei Schmeller² 2, 266.
noch nhd. begegnet sillab, syllaba Dief. nov. gloss. 339ᵃ, syllabe Luther 6, 309ᵇ. 8, 346ᵇ. Opitz poet. 36 neudruck. Comenius sprachenth. 747 (s. II, 1. 2) und noch später: wilstu, liebe seele, mit nutzen in der bibel lesen, so mustu den herrn Jesum in allen zeilen, ja in allen worten und syllaben suchen. Sperling Nicodemus quaerens et Jesus respondens 1 (1718), 40. heute ist diese form veraltet, ebenso die im 17. und 18. jahrh. bezeugte schreibung syllbe. Opitz poet. 36 neudruck. Gottsched sprachk. 62. Lessing 3, 409 (s. II, 1. 2). häufiger ist nhd. sylben Maaler 397ᵃ. Calepin (1579) 1514ᵇ, sylb Hulsius syllabierbüchl. 5, 2 Roethe (s. II, 1). Stieler 2244, sylbe Hulsius (1616) 317ᵃ. Stieler 2244. Steinbach 2, 780. Frisch 2, 358ᵃ. Adelung und so wol bis heute. daneben setzt sich die dem deutschen vocalismus angeglichene mhd. schreibung mit i fort, die auch nhd. gewisz stets der herrschenden aussprache gemäsz bleibt, silb Dasypodius. Schottel 1416, silbe Hulsius (1616) 298ᵇ. Frisch 2, 271ᵃ. Campe. Stieler bemerkt: quid? si nobis hoc vocab. tribuamus, atque derivemus a selb, quod est per se existens, solitarius, et ipsissimus, atque ita scribendum esset silbe, non sylbe. 2244. Adelung miszbilligt silbe als nicht der abstammung des worts entsprechend. heute überwiegt diese schreibung.die flexion ist mhd. schwach, frühnhd. schwach und stark, heute die gewöhnliche der feminina.aus frühnhd. zeit ist übergang ins masc. bezeugt: item latein die nicht congrua, sey ein wort oder mêr oder ein aigner nam für iden silben, einen silben zw straff. schulzettel d. meistersinger zu Nürnberg v. 1540 § 2 bei Hertel mittheil. über d. Zwickauer handschriften des Hans Sachs 26. das wort ist natürlich von den puristen bekämpft worden, aber bis heute ohne erfolg: Germani nostri critici pro hoc vocab. substituunt wortglied, quod tamen in monosyllabis vocabulis non quadrat. glied, membrum, enim relationem ad aliud habet. ergo potius teutonice proferendum erit: letterstand, quoniam syllaba est, quae primo nascitur ex litera, et deinde generat ex se vocem. Stieler 2244. dem hier vorgeschlagenen letterstand läszt sich ndl. lettergreep, silbe vergleichen.
II.
bedeutung und gebrauch.
1)
silbe als ausdruck der grammatik. ältere erklärungen: sylben (die) das ist, begriff etlicher buͦchstaben zuͦ einer stimm, syllaba. Maaler 397ᵃ; ein sylb ist ein ordenliche samlung der buͦchstaben zu eim gewissen gethön. Helber syllabierbüchl. 5, 2 Roethe; so viel man ihrer (der 'selbstlauter und mitlauter'), mit einem einzigen aufthun des mundes, zugleich aussprechen kann, so dasz sie nur einen laut geben, die nennet man eine syllbe. Gottsched sprachk. (1762) 62. (über die heutige auffassung des begriffs, eintheilung u. dergl. vgl. Sievers in Pauls grundr. d. germ. phil. 1 [1891], 270 ff.). andere belege für die eigentliche grammatische anwendung: ein uuort ist, daʒ der fater gesprochen habet, daʒ ist fone diû spuôtig, uuanda iʒ eînzen sillabon niêht gesprochen neist, doh iʒ so êuuigo gesprochen sî, daʒ an demo sprechenne initium noh finis nesî. Notker ps. 44, 2 (Wessobr. ps. sillibon); kain wort, sillab oder bûchstap. quelle v. 1386 bei Lexer mhd. handwb. 2, 925; ain kurtze underweysung, wie man die teütschen wörter in jre silben taylen, und zusamen buchstaben soll. Ickelsamer gramm. 29 Kohler; denn ich auch selber mich an solche wort und syllaben nicht binde, sonder heute so, morgen sonst, die wort spreche. Luther 6, 309ᵇ; darumb sollen wir auch bey dem jungen und einfeltigen volck, solche stück (des katechismus) also leren, das wir nicht eine syllaben verrücken. 8, 346ᵇ; buchstaben werden auf viererlei weisen zusam gefüegt, domit ein sylb aus jhnen werde. Helber 12, 16 Roethe; sie (gewisse wörter) mangelen des buͦchstabs e nach dem g oder b, in der ersten sylben. 13, 13; er (der sprachlehrer) hefftet die syllaben zusammen. Comenius sprachenth. (1657) 747; die wortforschung beobachtet die silben, wie solche recht auszureden und zu schreiben. Schottel 182; dieselben wörter und silben, welche wesentlich zusammen gehören, sollen billig unzerteihlt also zusammen gelassen, und unzertrennet geschrieben werden. 195;
nu begundes an in beiden (den namen 'Tantris' und 'Tristan')
die sillaben (lesart silleben) scheiden.
Gottfried v. Straszburg Trist. 255, 2 Maszmann (10120 Hagen);
ir (der rhetorik) bluomen gênt vür golt, edelʒ gestein,
die silben, rîm' mit worten glanz,
mit blüender red' gesliffen ûf ein(en) stein.
minnes. 3, 468ˡ Hagen.
2)
die letzte stelle scheint in erster linie auf gebundene rede zu gehen, wie denn das wort natürlich überhaupt vielfach in bezug auf metrik gebraucht wird: (ein vers) ein silben zu kurz, ein silben zu lang (kostet) 1 silben zu straff. schulzettel d. meistersinger zu Nürnberg v. 1540 § 2 bei Hertel mittheil. über die Zwickauer handschriften des Hans Sachs 27 ('das heiszt wol s. v. a. für eine sylbe muszte eine kleinste münze als strafe erlegt werden' 25); ein reim ist eine uber einstimmung des lautes der syllaben und wörter zue ende zweyer oder mehrer verse. Opitz poet. 36 neudr.; damit aber die syllben und worte in die reimen recht gebracht werden, sind nachfolgende lehren in acht zue nemen. ebenda; so schicken sich auch nicht zusammen entgegen und pflegen; verkehren und hören: weil das ö von unns als ein ε, unnd mitlere sylbe im verkehren wie mit einem η gelesen wirdt. ebenda; der vers ist eine sylbe länger. Steinbach 2, 780; wer wollte sie (die volkslieder) sammeln — wer für unsre kritiker, die ja so gut sylben zählen, und skandiren können, drucken lassen? Herder 5, 189 Suphan;
du (der Marner) hâst die mûseken an der hant, die sillaben an dem vinger
gemeʒʒen.
minnes. 3, 56ᵇ Hagen;
der ich zu tichten han gedacht,
wie vor der maister zunge vlacht
materig zu reim, mit sluʒ in punt
der silben zal, der chunsten grunt
ir hertz was ancherheftig.
Suchenwirt 21, 8;
hilff, gott, das mir gelinge,
du edler schöpfer mein,
die silben reimen zwingen
zu lob den ehren dein.
bergreihen 21, 15 neudruck.
silben verschleifen, in der aussprache zusammen ziehen: mithin ist auf der vierten hebung ein wort aus zwei verschleiften silben auch mit consonantenauslaut unrichtig. Lachmann anm. zu d. Nib. 24. lange, kurze, mittlere sylbe, syllaba longa, seu producta, brevis, sive correpta, et anceps, sive media. Stieler 2244: und also glauben sie es noch nicht, dasz levis, wenn die erste syllbe lang ist, allzeit glatt oder blank heiszt? Lessing 3, 409.
3)
es heiszt von der grammatik:
die lert lateinisch reden und sprechen,
die silben spalten, piegen und prechen.
fastn. sp. 740, 9 Keller.
silben spalten dann auch freier: wortklauberei treiben, ebenso silben klauben. Campe und sylben stechen. Adelung ('eine vermutlich aus den leseschulen entlehnte redensart, wo die kinder die sylben mit spitzigen griffeln zeigen'):
dann lachen sie mit recht, wenn einer sylben sticht.
Kästner bei Adelung;
scherzhaft von schriftstellerischer thätigkeit: freilich kommt jetzt die zeit, wo ihr andern Διονύσου τεχνῖται was bessers zu thun habet, als gedanken zu haschen und sylben zu stechen. Wieland in den briefen an Merck (1835) 306.
4)
nicht eine silbe, keine silbe, wie: 'kein wort', doch die negation verstärkend: nu aber ist von Christo, von glauben, von vergebung der sünde, nicht ein syllabe, nicht ein tittel in so viel grossen büchern jrer decretal. Just. Jonas bei Luther 6, 420ᵃ; er kan keine sylbe darvon, nihil omnino memoria tenet de ista re. Stieler 2244; nicht eine sylbe vorbringen können. Adelung; ich verstehe keine sylbe davon. ebenda; glaubt es nicht vater! glaubt ihm keine silbe! Schiller räuber 1, 1 schauspiel; auch dieses fürsten wurde in dem Lübecker frieden mit keiner sylbe gedacht. schriften 8, 132; aber im allgemeinen genommen, ist in deinen schluszworten keine wahre sylbe. Göthe 36, 245; der fremde selbst erwiederte keine sylbe auf meine abschlägige antwort. Thümmel reise 1 (1791), 45; daran hatte ich nun mit keiner sylbe gedacht. Seume 2 (1826), 171. ähnlich:
und so bewundernswerth er (der grüne esel) anfangs allen schien:
so dacht itzt doch kein mensch mit einer sylb an ihn.
Gellert 1 (1775), 98;
hätten sie mir mit einer sylbe gesagt, dasz sie etwas von der hören wollten, in einem weg hätte ich plaudern wollen. Iffland hagest. 1, 4; Wuz trug seinen mit dem gas der liebe aufgefüllten und emporgetriebnen herzballon freudig ins alumneum zurück, ohne jemand eine silbe zu melden. J. Paul Wuz 138. pluralisch:
was du mir künftig magst
zu hinterbringen haben, sprich es nie
mit sylben aus, vertrau es nie den lippen.
Schiller don Carlos 2, 4.
im anschlusz an solchen gebrauch erscheint dann das wort auch wo kein negativer sinn vorhanden ist, mundartlich in der bedeutung: kurze äuszerung in worten: er het-em e silbe mitg'gë, ein kleines schreiben. Hunziker 241.
5)
in freier übertragung: zerstücke den donner in seine einfachen sylben, und du wirst kinder damit in den schlummer singen. Schiller Fiesko 3, 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 968, Z. 11.

silbe, subst.

silbe, subst.,
dasselbe wie schwilbe (s. dies oben th. 9, sp. 2624). Frisch 2, 250ᵇ. vgl. lat. sil, ocker, berggelb.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 970, Z. 37.

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Zitationshilfe
„silbe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/silbe>, abgerufen am 27.10.2021.

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