silberling m.
Fundstelle: Lfg. 6 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1022, Z. 11
der bildung nach (mit dem um unorganisches l vermehrten suffix -ing) etwas vom silber stammendes, dazu in beziehung stehendes bezeichnend.
1)
silberne münze (vgl. pfenning, schilling, engl. sterling), schon ahd. bezeugt und zwar nur von den 30 ἀργύρια, argentei des Judas: inti uoruuorpfanên silabarlingon in thaʒ tempal thana fuar, gangenti erhieng sih mit stricu. Tatian 193, 3 (Matth. 27, 5); thiê hêrôston therô heithaftôno infanganên silabarlingon quâdun. 4 (6); siê intfiengun thô drîzzug silabarlingô uuerd werdônti, thaʒ siê uuerdôton fon kindon Israhêlô. 6 (9); argenteos, denarios, silberlinga (glosse des 9. jh. und des 11. jh.), daneben (schreibfehler?) silberringa (glosse des 11. jh.). Steinmeyer-Sievers 1, 717, 55 (glossen zu Matth. 26, 15). die mhd. wörterb. bieten keinen beleg für das wort, und es ist beachtenswert, dasz der codex Teplensis dafür Matth. 26, 15 silbrinne, 27, 3 silberin, 27, 5. 6 silbrin (sc. pfenning), die gedruckte Augsburger bibel von 1477 an all diesen stellen silberin pfenning hat, ebenso Keisersberg post. (1522) D 2ᵃ. silberling lebt aber in der tradition gewisz an diesen stellen fort, wo es dann durch Luthers bibel endgültig gefestigt wird: sie boten jm dreissig silberling. Matth. 26, 15; da das sahe Judas, der jn verrhaten hatte, das er verdampt war zum tode, gerewet es jn, und bracht erwider die dreissig silberling den hohenpriestern und den eltesten. 27, 3; er warf die silberlinge in den tempel, hub sich davon, gieng hin und erhenget sich selbs. 5; die hohenpriester namen die silberlinge ... und keufften einen töpffers acker darumb. 6; da ist erfüllet, das gesagt ist durch den propheten Jeremias, da er spricht, sie haben genomen dreissig silberlinge, da mit bezalet ward der verkauffte, welchen sie kaufften von den kindern Israel, und haben sie gegeben umb einen töpffers acker. 9. aus der letzten stelle, wo augenscheinlich auf Sacharja 11, 12. 13 bezug genommen wird, erhellt, dasz hier die oben theil 8, 1619 unter säckel 5 behandelte jüdische münze gemeint ist (vgl. 2 Mose 21, 32, wo dreissig silbern sekel als busze für die fahrlässige tötung eines fremden knechts oder einer fremden magd erwähnt werden). Luther gebraucht das wort auch Sacharja 11, 12. 13 und sonst im alten testament, wo es sich um diese münze handelt, allerdings nur an stellen, wo die eigentliche bezeichnung derselben (לקֶשֶׂ) ausgelassen und eine zahl unmittelbar mit der bezeichnung des metalls verbunden ist: ich habe deinem bruder tausent silberlinge gegeben. 1 Mose 20, 16; und da die Midianiter die kauffleute fur uber reiseten, zogen sie jn (Joseph) heraus aus der gruben, und verkaufften jn den Ismaeliten umb zwenzig silberling. 37, 28; (sie) gaben jm siebenzig silberling aus dem haus BaalBerith. richt. 9, 4; zu der (Delila) kamen der Philister fürsten hin auff, und sprachen zu jr, uberrede jn (Simson), und besihe worinnen er solche grosse krafft hat, und wo mit wir jn ubermögen, das wir jn binden und zwingen, so wöllen wir dir geben, ein jglicher tausent und hundert silberlinge. richt. 16, 5; da nam seine mutter zwey hundert silberling, und thet sie zu dem goldschmid, der macht jr ein bilde und abgott. 17, 4; ich wil dir jerlich zehen silberlinge und benante kleider und deine narung geben. 10; warumb schlugestu jn (Absalom) nicht daselbs zur erden? so wolt ich dir von meinet wegen zehen silberlinge und einen gürtel gegeben haben. 2 Sam. 18, 11; die kauffleute des königs kaufften die selbige wahr, und brachtens aus Egypten er aus, ja einen wagen umb sechs hundert silberlinge, und ein pferd umb hundert und funffzig. 1 kön. 10, 29; sie aber belagerten die stad, bis das ein eselskopff acht silberlinge, und ein vierteil kab daubenmist fünff silberlinge galt. 2 kön. 6, 35; er (Salomo) gab den weinberg den hütern, das ein jglicher fur seine früchte brechte tausent silberlinge. hohel. 8, 11; wo jtzt tausent weinstöcke stehen, tausent silberlinge werd, da werden dornen und hecken sein. Jes. 7, 23; ich ward mit jr eins, umb funffzehen silberlinge, und anderthalben homer gersten. Hos. 3, 2; sie wugen dar, wie viel ich (der herr) galt, dreissig silberlinge. Sacharja 11, 12; ich (der herr) nam die dreissig silberlinge, und warff sie ins haus des herrn, das dem töpffer gegeben würde. 13. eigenthümlich ist die folgende stelle: (ich) wug jm das geld dar, sieben sekel und zehen silberlinge. Jer. 32, 9. der hebr. text bedeutet: 7 sekel und 10 silbers = 17 sekel silbers. ob Luther sich völlig bewuszt gewesen ist, dasz seine silberlinge gleichbedeutend mit sekeln (wie er schreibt) sind, was nach der übersetzung der letzten stelle bezweifelt werden darf, kann hier nicht untersucht werden. Kramer deutsch-it. dict. 2 (1702), 811ᶜ bietet silberling [voce che non hd uso ch' in sacris] siclo d'argento, ebenso Steinbach 2, 592. Frisch 2, 277ᵇ: silberling, siclus argenteus. Adelung bezeichnet den silberling als mit dem seckel gleichwertige altjüdische münze und gibt den wert auf 12 groschen an (12 gute oder meisznische groschen sind gleich einem halben thaler. heute wird der wert auf 2, 15 mark angegeben). unter der einwirkung von Luthers bibelübersetzung begegnet nun silberling auch in der lebenden neueren sprache häufig als bezeichnung der erwähnten jüdischen münze, und zwar meist unter bezug auf bestimmte stellen, wo Luther es bietet, besonders Matth. 26 und 27: etlicher meinung und auszsag ist, beforderist desz heil. Anselmi und Antonini, als seyen dise silberling (des Judas) eben die jenige gewest, welche von den Madianitern die saubere brüder des Josephs empfangen, wie sie ihren brudern verkaufft, und ob schon solcher nur umb 20. silberling verhandlet worden, so haben noch die hebreische priester 10. hinzu gesetzt, weil es sich nicht gezimbte, dasz der herr nit solt mehrer gelten, als der diener. Abraham a S. Clara Judas 2 (1690), 127; sie zerbrechen sich die köpffe wie es doch möglich gewesen wäre, dasz die natur hätte können einen Ischariot schaffen, und nicht der schlimmste unter ihnen würde den dreyeingen gott um zehen silberlinge verrathen. Schiller räuber 2, 3 schauspiel. freier von einem geldstück, das ein jude der neuzeit in besitz hat:
nichts ist so schön als Harvstehude,
und darum ist es eurer werth,
wo auch der allerkärgste jude
den silberling mit muth verzehrt.
Hagedorn 3, 117.
auch in allgemeinerer anwendung erscheint das wort in neuerer sprache mit der bedeutung silbermünze, die ihm ja eigentlich gemäsz ist: ich mochte gar sehnlich nach dem beutelchen blicken, aus welchem er (der rector des gymnasiums Albrecht) die schaumünzen (vorher: die silberne praemia virtutis et diligentiae) hervorzog; er winkte mir, trat eine stufe herunter und reichte mir einen solchen silberling. Göthe 24, 198;
wiszt ihr wohl was ich mir sammle?
meint ihr etwa goldne münzen,
mir vom papst und seinesgleichen
einen himmel zu erhandeln?
oder meint ihr silberlinge,
mir beim richter recht zu schaffen?
Gleim bei Muncker Anakreontiker 217, 11 (Kürschner);
ausgegangen fand ich aus der leeren hand
alle gulden sammt den silberlingen.
Rückert 11 (1882), 512;
donna Tulpe sucht in zähren,
frommen zähren, mutterzähren,
einen silberling durchlöchert.
Immermann 12, 26 Boxberger.
in der gaunersprache bezeichnet es den silbergroschen und den 'silbersechser'. Avé-Lallemant 4, 608. als allgemein gültige bezeichnung einer bestimmten deutschen münze ist das wort dagegen nicht nachgewiesen. die bemerkung bei Weigand⁴ 2, 714: 'silberling, ehemals eine 1⁄2 preusz. thaler geltende münze' beruht wahrscheinlich auf der angabe Adelungs über den wert des altjüdischen silberlings (s. oben). dazu silberlingsschild, m.:
'kehre mit ihm oder auf ihm!'
spricht die mutter, reicht dem sohne
den bethränten silberlingsschild (der aus einer silbermünze
hergerichtet ist).
Immermann 12, 27 Boxberger.
2)
eine apfelsorte, nl. zilverling. Nemnich.
3)
eine traubensorte, der weisze gutedel, heiszt im Breisgau silberling, auch silberweiszling, eine andre, der rote gutedel, ebenda roter silberling. Pritzel-Jessen 445ᵇ.
4)
die mondviole, lunaria biennis und rediviva, heiszt im magdeburgischen Judassilberling. Pritzel-Jessen 222ᵇ.
5)
am Neckar heiszen zwei arten der fischgattung alburnus silberling: alburnus lucidus, die laube, der uckelei Siebold süszwasserfische 155 und alburnus dolabratus (bastard). 165.
6)
silberling war zu anfang des 19. jahrh. ein spitzname der preuszischen gardejäger wegen ihrer silbernen litzen am roten kragen. Horn soldatenspr. 39.
Zitationshilfe
„silberling“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/silberling>, abgerufen am 22.10.2019.

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