Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sindlich, adj.

sindlich, adj.,
österr. sindli, verdutzt, flehend Castelli 256; ebenso bair. (sinnli, sindli) Schm. 2, 295; vgl. unten sinnlich. aus mhd. senlich, senentlich. andrerseits bezeugt Schmeller a. a. o. sindlichait in der bedeutung 'sinnlichkeit'.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1065, Z. 57.

sündlich, adj.

sündlich, adj.,
peccatorius, 'von sündiger art'. ahd. suntlîch, mhd. süntlich, sündelich. seinem eigentlichen inhalt nach, als religiöser oder sittlicher begriff, mit sündig zusammenfallend, selbstständig aber und differenzierter als dieses in seinen attributiven, prädikativen und adverbiellen beziehungen.
1)
als kennzeichnendes attribut bei handlungen, seelischen regungen und bei gegenständlichen beziehungsworten, ein gebrauch, der bei sündig (s. d. 4) und sündhaft (s. d. 1 b) nur schwach entwickelt ist. in älterer sprache, bis 1500 so fast ausschlieszlich und, nach vorübergehender verwischung der grenzen im 16., 17. und frühen 18. jh. (s. u. sündlich 3), in jüngerer sprache so wieder vorherrschend, mit deutlicher tendenz zum alleingebrauch: voluptas pismiz suntlih (9. jh.) ahd. gl. 4, 24, 24 St.-S.:
duent se (die sünden) unsih unguate   mit suntlichemo bluate
Otfrid IV 25, 8;
sie hette got untz dar behut
vor aller suntlichen tat
väterbuch 37755 Reissenberger;
daz suntlich wort, werk noch gedank
dich nie beruret in keim wank
Hans Folz meisterlieder 58 Mayer;
dasz man wegen jeder an sich sündlichen handlung sich an die kirche wenden ... könne Eichhorn rechtsgesch. (1821) 2, 418; alles sündlichs raten Reinicke fuchs (1650) 115; wegen der sündlichen einfälle unter dem gebete kränken sie sich nicht Lavater verm. schr. (1774) 2, 49; an allen sündlichen freuden nahmen sie teil theater d. Dtsch. (1768) 16, 156; so verderbt die sündliche lust die blüte der jugend Chph. v. Schmid ges. schr. 6, 12;
Adams sündliche begier
J. Chr. Günther ged. (1735) 7;
einen einzelnen feind, der sich harmlos nähert, zu erschlagen, scheint mir ein sündlicher mord zu sein Stifter (1901) 5, 362; in verbindung mit konkreten meist im sinne von 'mit sünde behaftet':
suntliches gutis gewin
Daniel 8185 Hübner;
sündlicher gewinn Kramer 2 (1702) 1040ᵃ; als welcher die menschen viel lieber im sauf-, hur-, spielhause und auf der sündlichen handelsbörse siehet J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 2, 207; auf dem sündlichen berge (heiligtum der Astarte) Zachariä poet. schr. (1763) 6, 60; ehe das sündliche buch, das diese beschuldigung aufbringt, ans licht gekommen Zinzendorf büdingische samml. (1741) 1, 601; weh über mich, rief er aus, was sind das für sündliche bilder Holtei erz. schr. 10, 36.
2)
in diesem bezirk hat sich einzelnes, meist in deutlicher abgrenzung gegen sündig und sündhaft, zu besonderer sprachläufigkeit verdichtet.
a)
formelhaft:
ich aber, herre, bin mit namen
gezeuget aus süntlichem samen
Hans Sachs 18, 236 lit. ver.;
halt ein! ich schaudere! wehe! wehe! der brut aus sündlichem samen erzeugt! Kotzebue sämtl. dram. w. (1827) 3, 78; scherzhaft: da es (Petrons satyricon) durch mönche, die vermutlich aus dem sündlichsten samen gezeugt waren, und durch erklärer und verbesserer so sehr verunstaltet worden, dasz es schwerlich zu lesen ist W. Heinse 2, 3 Schüdd. im rein erotischen gebrauch bezeichnet sündlich vornehmlich die handlung oder ein gegenständliches:
in daz suntliche hus (ein freudenhaus)
väterbuch 32946 Reissenberger;
denn selig ist die unfruchtbare, die ... unschuldig ist des sündlichen bettes weisheit Sal. 3, 25; weil die alte frau ihr theil an dem gewinn hatte, den dieses sündliche gewerbe ihrer tochter abwarf J. J. Chr. Bode Thomas Jones (1786) 2, 243; soll eine sündliche beiwohnung darum nicht fruchtbar sein, weil sie sündlich ist? J. Jac. Engel schr. (1801) 1, 306.
b)
häufig ist sündlich hier 'zur sünde führend, verleitend': ein sündliches clima hat die gütige natur nie geschaffen J. A. Ebert Youngs nachtgedank. (1760) 2, 79; ich will solch sündlich ding (ein amulett) nicht auf meine zunge nehmen O. Ludwig 4, 64 Schm.-St.; ähnlich: do er dein leut sündliche freiheit gelernt hat J. Dietenberger christl. vermanung (1525) c 1; der fromme, der dadurch ... einen gefährlichen sündlichen hang in dem burschen zu tage treten sah, ereiferte sich gewaltig M. Meyr erz. aus d. Ries 2, 266; im erotischen zusammenhang auch mit dem nebensinn 'verführerisch': eine nonne, die durch sündlichen verstand und noch sündlichere schönheit bei den groszen schutz gefunden hatte Klinger 3, 104; um ihre arme, die von sündlicher schönheit sind, hatte sie ebenfalls etwas gebunden Lichtenberg briefe 1, 141 L.-Sch.
c)
im unterschied zu sündig und sündhaft häufig als attribut bei synonymem oder verwandtem begriff; schon mhd. und bis ins 19. jh.:
dâ wart begangen meines vil,
der süntlich und unedel hiez
Konrad v. Würzburg troj. krieg 12959;
besonders in der sprache der mystik: er zerflösset gefrornes îs süntlicher gebresten Seuse 452 Bihlm.; daz ist natürliche gebreste, süntlich gebreste Tauler pred. 322 Vetter; später wohl im anschlusz an sünde II A 1 b; sündliches laster in fester frühnhd. formel: durch das sündliche laster fleischlicher begierd und unkeuschheit Ruoff hebammenbuch (1580) 37; es sol sich auch ein jeder des zutrinkens und ander mehr sündlicher laster maszen Fronsperger kriegsbuch 1 (1578) 21ᵃ; weniger fest:
daz ich niht ahte wizzen kan
mîner süntlîchen schulde
Hartmann v. Aue Gregor. 2957 Paul;
aber Lucretia was umb so sündlich ubel trawrig buch der liebe (1587) 311ᶜ; ein sündliches vergehn Ayrenhoff w. (1814) 1, 101; ein sündliches verbrechen Rückert 3, 307; ähnlich in adjektivischen verbindungen: sündlich und gebrechlich Luther 28, 759 W.; sündlich und unrein A. Olearius persian. reisebeschreib. (1696) 1, 111; sündlich und weltlich dtsche erz. d. 18. jh. 108 lit.-denkm.; sündliche und thörichte ausschweifung J. A. Cramer nord. aufseher (1758) 1, 261; nun weisz ich freilich wohl ..., dasz dieses schwache und sündliche gedanken sind Immermann 2, 148 Boxb.; in anlehnung an sünde und schande (sünde IV) nur in älterer sprache: dins sintlichs, schentlichs wesen (1477) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalt. 1, 184; damit das, so uns vor gott nit sündlich ist, ouch vor den menschen nit schändlich sye Zwingli dtsche schr. (1828) 1, 49; dasz das sterckmachen ein schändlich und ganz sündlich handwerck ... sei J. Prätorius saturnalia (1663) 372.
d)
als gattungsbegriff im engeren sinne bei art, sache, ding u. ähnl.:
der lîp von süntlicher art
Konr. v. Würzburg Silvester 3739 Gereke;
van sundliker materien Rotmann restitution 28 ndr.; denn wäre es dem natürlichen recht entgegen, so wäre es eine sündliche sache H. v. Fleming teutsch. soldat (1726) 109; ob das theater zu den sündlichen und auf alle fälle zu vermeidenden dingen gehöre Göthe I 28, 192 W.; ebenso in dem für sündlich charakteristischen gebrauch des substantivierten neutrums: das sündliche in uns Mathesius Sarepta (1571) 76ᵇ; ob nichts sündliches mit unterlaufe Joh. Riemer d. polit. maulaffe (1679) 228; so galt durch das ganze mittelalter ... das tanzen als etwas sündliches F. M. Böhme gesch. d. tanzes 91; gelegentlich einfach für das substantiv:
die füsz und händ
allzeit abwend,
nichts sündlichs zu verbringen!
J. Ayrer spiegel weibl. zucht 2130 Keller.
3)
als stehendes attribut bei mensch, leben, fleisch u. ä., wie sündig 1 a und b β. erst seit 1500, zeitweilig aber, so im reformatorischen schrifttum bis ca. 1600, sündig fast verdrängend: wiltu nit gedenken, das du ... ein süntlichs prechenhaftiges mensch ... bist Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) a 6ᵇ; ein sündlicher fleischlicher mensch Luther 18, 170 W.; das aber got schafft die sundlich creatur, darumb sündet er nit Geiler v. Keisersberg bilgersch. (1512) b 5ᶜ;
verlass vast bald din süntlichs leben
N. Manuel 16 Bächtold;
wer da lebet in einem sündlichen wesen Luther 33, 662 W.; der sündlich leib musz aufhören zu sündigen J. Agricola teutsche sprichw. (1534) 8; so er sinen sun gesendt hat in der gestalt des sündlichen fleischs Zwingli dtsche schr. (1828) 1, 212; auch später noch möglich, aber zugunsten des ursprünglichen gebrauchs wieder mehr und mehr zurücktretend: der priester ist ein mensch, ... sündlich ... wie sie G. Forster s. schr. 7, 175; so sind wir auch alle zugleich aus seinem (Adams) verderbten, sündlichen fleische geboren Jac. Böhme s. w. 7, 147 Schiebler; vgl. 3, 357;
sie hieben den rücken sich wund und rot,
oder wälzten das sündliche fleisch im kot
Platen 2, 20 Redlich.
4)
sehr umfänglich ist der aus sünde II C und III entwickelte abgeschwächte gebrauch von sündlich im sinne von unrecht, im besonderen für das, was masz und grenze überschreitet. auf verschiedenen stufen, von der affektbetonten moralischen entrüstung bis zur bloszen verstärkungsformel. sprachläufig seit der mitte des 18. jh., später auch auf sündig (s. d. 3) und sündhaft (s. d. 1 e) übergreifend und damit ursprüngliche gebrauchsgrenzen verwischend: unnütze und überflüssige jagdbediente ..., die ihr brod durch sündlichen müsziggang verdienen Göchhausen notbilia (1741) 285; der sündliche hochmuth einer frau Rabener s. schr. (1777) 1, 216; wegen ihres sündlichen fluchens und schwörens Falk satiren (1800) 3, 50; immer wieder müssen wir ... von der sündlichen liebe zum gelde hören D. Fr. Strausz schr. 6, 41; als sie noch ein paar worte ... gehört, rief sie ihrerseits erleichtert, ja mit sündlicher freude (schadenfreude) G. Keller (1889) 5, 266; welchen antheil sie und ihr wesen haben an meinem gestrigen unfalle sündlicher verzweiflung Holtei erz. schr. 2, 116; zur kennzeichnung übertriebenen aufwandes: aber die mutter ... sprach von eitelm weltsinn und sündlicher kleiderpracht J. M. Miller briefwechsel (1778) 1, 191; das kann nur durch miszbrauch in sündliche üppigkeit ausgeartet sein Jac. Grimm kl. schr. 4, 55.
5)
im prädikativen gebrauch dominiert sündlich durchaus vor sündhaft und sündig, in alten, festen formeln. seit ca. 1600 wie sünde V 1 b; es ist sündlich:
des menschen will ist nimmer gut,
es ist all sündlich, was er thut
Petri weiszheit (1604) 1, b 4ᵃ;
ich damals ... mir nicht einbildete, dasz liebtränke beizubringen sündlich wäre
A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 427;
wenn ichs bedenke, so ist es sündlich, in eine solche betrügerei zu willigen
samml. v. schausp. (1764) 5, 14;
sein besseres gefühl ... belehrte ihn, dasz es sündlich sei, über das ableben eines menschen zu jubeln
Holtei erz. schr. 8, 11;
in jüngerer sprache oft im sinne von sündlich 4: solch eines gastes halber aber die ganze hochzeitfreude aufzuheben, ist sündlich Hippel lebensläufe (1778) 3, 2, 372; es ist sündlich, dasz ich ihnen von Italien aus noch nicht geschrieben habe Gleim briefw. 2, 442 Körte; es ist sündlich, dasz sie ihre stunden verderben, diese affen menschlicher auszuputzen Göthe I 21, 290 W.; als jüngere formel für sündlich halten: viele ... von denen, die ... alle gemeinschaft der liebe und pflege für sündlich hielten Zimmermann über die einsamkeit (1784) 1, 360; auch giebt es noch viele edle gemüther, die den unnützen genusz des schönen ... für sündlich halten A. W. Schlegel s. w. 9, 104; sehr häufig auch in anderen verwandten verbalverbindungen: der herr verfasser erklärt sie (die ehe zwischen ungleichaltrigen) für sündlich und unerlaubt Gottsched anmuth. gelehrsamk. 3, 317; in Deutschland war man ... darüber im streit, ob ihr ungehorsam ... als sündlich betrachtet werden müsse Ranke s. w. 1, 35; ich will nur erklären, wie ich dazu komme, dasz es mir weder sündlich noch ehrenrührig erscheint Bismarck ged. u. erinn. 1, 205;
hat jemand was hier einzuwenden,
was dies vergnügen sündlich macht?
Stoppe Parnasz (1735) 220.
6)
auch die adverbiale verwendung beim verbum bleibt ursprünglich sündlich vorbehalten, erst später wird sie auch auf sündhaft (vgl. sündhaft 3) übertragen: umbe die zît, die sie (die säufer) als unnützelîchen unde süntlîchen an geleit haben Berthold v. Regensburg 1, 19 Pf.; das der mensch darbei süntlich und übel leb Tauler sermones (1508) 92ᵇ;
wer andren dient, ist herr, sofern er from sich hält;
wer andrer herr ist, dient, wann sündlich er sich stellt
Logau sinnged. 80 lit. ver.;
was ich sündlich hab verbrochen
Cl. Brentano (1852) 3, 272;
kaum aber hatte dieser angefangen, mit der heiligen gottesgabe (brot) also sündlich umzugehen, so zog ein ... gewitter daher Grimm dtsche sagen (1891) 1, 62; seit ende des 18. jh. gern in der bedeutung sündlich 4: ich komme so sündlich in der neuesten literatur zurück Schubart briefe bei D. Fr. Strauss w. 9, 168; der text ist auch sündlich zugerichtet Görres ges. br. 2, 516; speziell bei zeitvergeudung und vernachlässigung: es war eine zeit, wo ich monate sündlich wegwarf Schiller br. 1, 283 Jonas; o ihr goldnen tage, ihr wochen und jahre! wie seid ihr doch so sündlich verschleudert worden Tieck (1828) 17, 14; du hast das klavier sündlich vernachlässiget Kürnberger novellen (1861) 2, 5; seltener als verstärkungsformel wie sündhaft 3 beim adjektiv: die beigefügten kupfer sind von erfindung und ausführung sündlich schlecht Jac. Grimm kl. schr. 6, 202; mundartlich: sündlich teuer, schwer, kalt, dumm, grosz u. ä. von da aus auch attributiv als steigerung: sündliche froid Fischer schwäb. 5, 1961.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1186, Z. 31.

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Zitationshilfe
„sindlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sindlich>, abgerufen am 23.10.2021.

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