Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sinn, m.

sinn, m.
sensus, animus, sententia.
I.
herkunft und form.
1)
sinn ist ein dem deutsch - fries. sprachgebiete eigenthümliches wort: ahd. mhd. mnd. mnl. altfries. sin (Richthofen 1015ᵇ. Paul - Braune beitr. 11, 230), holl. zin. wahrscheinlich sind aus dem deutschen entlehnt dän. sind, schwed. sinne, neuisl. sinni, wobei geschlecht (überall neutr.) und zum theil stammform aus dem altn. sinn, sinni, n. (weg, gesellschaft, mal, s. Cleasby-Vigfusson 529ᵇ f.) übernommen sind.
2)
sinn ist wahrscheinlich eine nominalbildung zu dem verbum ahd. ags. sinnan, mhd. nhd. sinnen (vgl. auch das schwache altn. sinna reisen, beistehen, sich um etwas kümmern?). dieses hängt wiederum zusammen mit dem germanischen sinþa- gang, mal, got. sinþs, altn. sinn und sinni, n., ags. alts. sîđ, ahd. sind, dem genau kelt. séntos (altir. sét, cymr. hynt, bret. hint, hent u. s. w.) entspricht, s. Fick³ 3, 318 f. ⁴2, 300. vgl. ferner senden sp. 573. auszerhalb des germanischen gehört dazu ferner lat. sentio, sententia, sensus. Fick⁴ 1, 562 (die zusammensellung mit lit. siunczù sende, ksl. se̜štī σοφός, ist weniger überzeugend.) man darf danach ein westindogermanisches thema sento- ansetzen (weiterbildung zu indogerm. senu-, ans ziel gelangen Fick⁴ 1, 139?), wovon das subst. *séntos weg, gang, richtung, und ein verbum mit doppelter präsensbildung, *séntjô (lat. sentio) und *sentnô (germ. sinnan).
3)
die ursprüngliche bedeutung der wurzel war augenscheinlich die einer ortsbewegung. sie liegt unverkennbar vor in den vertretern des alten subst., in dem ahd. sinnan und in dem germanischen causativ senden. daneben findet sich die übertragung in die geistige sphäre, so ousschlieszlich im lat. und auch im germanischen bei ags. sinnan (sich worum kümmern, worauf achten) und mhd. nhd. sinnen, vgl. daselbst. dem neugebildeten subst. sin(n) scheint sie von vorn herein eigen zu sein. (die ältere bedeutung 'richtung' lebt vielleicht noch nhd. fort in dem compositum widersinns, vgl. daselbst.) in diesem sinne (verstand, auch: art und weise; richtung, seite) ist es früh ins romanische entlehnt, ital. altspan. altport. senno, prov. altfranz. rhätorom. sen, katal. seny, s. Diez⁴ 291. diese frühe und allgemeine entlehnung beweist das hohe alter des german. wortes und wortsinnes. es ist daher einflusz des lat. sensus ausgeschlossen. (übernahme dieses als sens kommt ahd. daneben wirklich vor, s. Graff 6, 266.) man musz daher annehmen, dasz der bedeutungsübergang bereits in vorgermanischer zeit wenigstens in den anfängen ausgebildet war, oder dasz er im lat. und germanischen unabhängig von einander eingetreten ist. auf jeden fall ist er nicht auffällig und hat an den meisten verwandten ausdrücken, wie erfahren, leiden, der wurzel lis- (got. lais, ferner list, lehren gegenüber leiste u. s. w.) genaue parallelen. vgl. J. Grimm kl. schriften 5, 383. Graff 6, 229. Weigand 2, 719. Kluge⁶ 365ᵇ. Franck 1209.
4)
sin ist im ahd. und frühmhd. durchaus starkes masculinum. im laufe der mhd. zeit treten jedoch schwankungen und abweichungen ein.
a)
im 15. jahrh. findet sich eine nebenform sinne: ingenium hd. nd. seyn, sin, hd. sinne, sinde, synd, sind, sen. Dief. gloss. 298ᵇ; sensus hd. (der, dye) nd. synne, hd. der vel ein syn .. sensus communis gemeyn sinne. 527ᵇ; vgl. auch Weigand 2, 719.
b)
man faszt dies gewöhnlich als übergang in die schwache flexion; jedoch ist auch mit der möglichkeit zu rechnen, dasz das e nur ein unorganisches anhängsel ohne grammatische bedeutung ist. um so mehr, als sich sinne auch häufig genug als acc. findet (dagegen nicht sinnen!): dat die van Coellen in dem beleger ein sinne erdachten, wie si des keisers heir ... schenden moechten. d. städtechron. 13, 306, 34 (Koelhoffsche chron. von 1499). so oft im Alsfeld. passionssp., theilweise durch den reim als blosze schreibweise gekennzeichnet, so:
nu foren mer en zu Kaiphan hin!
der fant doch den irsten sinne,
dasz mer sollen alle gan,
wie mer Jhesum mochten fahen.
3511;
hebe en uff und cruczige en!
das ist unser aller sinne.
4387;
das musz ummer ein rechtfelscher sin,
der da vorkeret disser prophecien sinne,
4742.
nu mercket, herre, min sinne!
sie musszen hen gehen zu der pin.
5426 (ebenso 6750).
dagegen:
hir uff, er Judden, stellet alle uwern sinne!
wollen mer nit eins andern beginne,
so ist unse gesecz vornichtiget.
2339;
dar umb stehet mer min sinne,
dasz er en widder furet von hinne.
4134.
c)
deutlich liegt dagegen in einer anzahl stellen ein fem. sinne vor (als mitteldeutsche eigenthümlichkeit?), s. die belege bei Lexer handwb. 2, 932, vgl. auch die glossen unter a.
d)
häufig ist (seit dem 13. jahrh.) der schwache plur. sinnen, s. Lexer handwb. 2, 926. weitere belege: nu mochte man sprechen, er wer von den sinnen kuͦmen oder erne hette der sinnen betalle niht der daʒ salz wolde salzen. Schönbach pred. 1, 54, 19 (ebenso 23, 22, dagegen sinne 14, 32);
her bischolf, pflâgt ir sinnen,
dô ir mir rietet ze tuon
mit kunic Ruodolfen suon?
Ottokar reimchr. 14402, s. ferner 33933. 91454;
und pin verzuckt,
der synnen ploslich entruckt.
Oswald v. Wolkenstein 88, 3, 5.
e)
zuweilen geht sinn(e) in sind(e) über, eine form, die auch in lebenden mundarten begegnet, s. die glossen unter a, ferner: animus ... sin, sinde. Dief. gloss. 36ᵃ. hierher sind vielleicht auch zwei stellen aus Oswald von Wolkenstein zu rechnen, wo zwar synne geschrieben ist, der reim aber sinde zu verlangen scheint:
du leist mir in dem synne (: erbinde).
61, 2, 10;
was hilfft mich manig kluͦghait frömder synne,
seyd ich pin worden gar zuͦ ainem kinde?
116, 2, 5.
5)
der plur. sinnen hält sich auch nhd. neben sinne bis ins 19. jahrhundert.
a)
jenes gibt Stieler 2030, dieses allein haben unter andern Schottel, Kramer und Frisch, beide formen kennt Steinbach 2, 608. in der litteratur scheint besonders im 17. jahrh. sinnen zu überwiegen, es herrscht z. b. bei Gerhart, Logau, Schuppius und noch bei Günther, Göckingk, Bürger, dagegen sinne bei Steinhöwel, Hamann, Lessing, s. die belege. viele autoren verwenden beide formen neben einander. bei Luther ist die gewöhnliche form sinne, so in der bibelübersetzung Syr. 9, 13. 2 Cor. 3, 14. 11, 3. Phil. 4, 7. 1 Tim. 6, 5. Ebr. 10, 16, dagegen sinnen nur: das wort gottes .. ist ein richter der gedancken und sinnen des hertzen. Ebr. 4, 12; die durch gewonheit haben geübete sinnen, zum unterscheid des guten und des bösen. 5, 14. auszerdem z. b.: die weyse ist, das man wenig wort mache, aber vill und tieffe meynungen ader synnen. werke 2, 81, 14 Weim. ausg. (Jenaer ausg. 1, 67ᵇ; belege für das gewöhnliche sinne s. unten). bei Göthe ist sinnen das gewöhnlichere; die verwendeten belege bieten es 23 mal gegen 14 mal sinne, vgl. Strehlke wb. zu Göthes Faust 126ᵇ und die reg. zu Göthes werken 7—9, dramen 2—4, herausgegeben von Schröer (deutsche nat.-litteratur 88—90). so steht z. b. im Faust sinne v. 611, 1805, 10035, sinnen dagegen *431, 479, *892, 1633, *2734, *3329 und öfter (im reim nur letzteres an den mit einem stern bezeichneten stellen). dagegen gebraucht Schiller sinnen nur vereinzelt und besonders in jugendwerken. (bei Wieland 13 sinne: 11 sinnen.) bei späteren findet sich diese form nur noch selten (z. b. H. v. Kleist Käthchen 1, 1, Geibel 1, 140, s. unten); doch klingt sie auch uns noch nicht fremd und kann in der dichtung noch immer verwendet werden.
b)
Adelung bemerkt: 'in der ersten endung des plurals lautet dieses wort bey einigen die sinnen, besonders in den figürlichen bedeutungen, wo es oft für den singular gebraucht wird. im hochd. ist diese form veraltet, auszer dasz die dichter sie um der bequemlichkeit des reimes willen zuweilen beybehalten', — was im allgemeinen auch heute zutrifft. doch ist zu beachten, dasz die litteratur irgend einen unterschied in der verwendung beider formen nicht innehält. sie stehen nicht selten dicht neben einander: alle der menschen wissenschafft, kommt durch die fünf sinnen; ... wie nun die sinne; also auch die wissenschaft. Butschky Pathmos s. 344; sind es unsre innerlichen sinnen? was sind diese anders als das vermögen der einbildungskraft die erscheinungen der äussern sinne nachzuäffen? Wieland 1, 154 f. (Agathon 3, 3). ebenso finden sich beide in derselben verbindung: wiewohl die liebe zu den wollüsten der sinne seine herrschende neigung zu seyn schien, so hatte doch die eitelkeit nicht wenig antheil an den meisten handlungen seines lebens. 1, 83 (2, 1); was sind die wollüste der sinnen ohne grazien und musen? 2, 282 (9, 8). sie wechseln bei parallelstellen: so steht in der unter II, 1, d angeführten stelle aus Scultetus bei Lessing 8, 272: der sinnen, dagegen s. 264: der sinne. bei Göthe im Götz von Berl. 4 steht werke 8, 131: meine sinnen (s. II, 17, b), dagegen 42, 388 in der bühnenbearb.: meine sinne.
c)
ebenso wenig wie mhd., findet sich im nhd. sinnen in den casus obl. des sing. man wird daher auch in den folgenden stellen bei Fleming eine ungewöhnlichere verwendung des plur. annehmen müssen:
alsdenn wird man dir können
ein rechtes opffer thun nach deinem wunsch und sinnen.
22;
ich kan einem ja vergönnen,
dasz er seines maules braucht.
redet er mir nicht zu sinnen,
wie bald ist ein wort verhaucht.
469.
d)
andere abweichungen kommen nicht vor, abgesehen von den belanglosen varianten der schreibung im ältern nhd. (sin, synn, syn). nur das vereinzelte sün scheint eine mundartliche aussprache zu bezeichnen: des geleichen lagen den (l. die?) zwen herrn do als ob sy tod wärent und das sy von anmacht kein sün mochten haben. Wilh. von Österreich 23ᵇ. s. ferner Braunschweig 17ᵇ unter II, 23, c.
6)
die mundarten zeigen keine bedeutenden abweichungen; nur die abweichenden geschlechter haben sich hie und da erhalten: hd. sinn, sin Hunziker 242. Zingerle 51ᵃ. Lenz 65ᵇ. Jecht 104ᵇ, bair. sin, si ̃ Schm. 2, 293, in den alpen auch sind Schöpf 675. Bühler Davos 2, 90, ebenso cimbrisch sin, auch sint (dativ sinne), und sinne, f. cimbr. wb. 231ᵃ; nd. sinn brem. wb. 4, 791 (alt senn 6, 306). Schütze 4, 104. Dähnert 424ᵃ. Schambach 192ᵃ. Woeste 237ᵇ, ostfries. de und dat sinn Stürenburg 246ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 183ᵇ.
II.
die bedeutung läszt eine historische entwicklung nicht erkennen, da die hauptgebrauchsweisen schon in der ahd. sprache erkennbar sind und sich unverändert erhalten haben. nur in den spezielleren verwendungen sind änderungen eingetreten, indem manche jetzt nicht mehr üblich, andre erst in der neueren zeit entwickelt sind. auch eine streng logische gliederung ist nicht durchführbar, da, bei dem flieszen der grenzlinien und der unbestimmtheit und allgemeinheit der bedeutung in den meisten fällen, die genaue nuance oft nicht mit sicherheit festzustellen ist, nicht selten auch mehrere bedeutungen zugleich in dem begriffe des wortes zusammenflieszen.
1)
allgemein für das innere wesen eines menschen, unbestimmter als seele.
a)
so in geistlicher sprache: und stellet euch nicht dieser welt gleich, sondern verendert euch durch vernewerung ewers sinnes. Röm. 12, 2; der barmhertzige gott bekere sie, und erlöse jren sinn von den stricken des leidigen satans. Luther 3, 438ᵇ;
entsündge meinen sinn,
dasz ich mit reinem geiste
dir ehr und dienste leiste,
die ich dir schuldig bin.
P. Gerhardt nr. 39, 13 Gödeke.
b)
als gegensatz zum leibe:
eine ruh für leib und sinn, ist gelassen jedem zu.
Logau 2, 87, 44;
der desz leibes zierden putzt, läst den sinn im kote liegen;
dieser kan zum königreich unter allen narren tügen.
3, 151, 79.
vgl. auch Opitz 1, 56 unter 3, d.
c)
mit synonymen zusammengestellt: ich wil mein gesetz in jr hertz geben, und in jren sinn schreiben. Jerem. 31, 33; denn der sterbliche leichnam beschweret die seele, und die jrdische hütte drückt den zerstreweten sinn. weish. Sal. 9, 15; der friede gottes ... beware ewre hertzen und sinne in Christo Jhesu. Phil. 4, 7; den reinen ist alles rein, den unreinen aber und ungleubigen ist nichts rein, sondern unrein ist beide jr sinn und gewissen. Tit. 1, 15;
kom heiliger geist herre got,
erfüll mit deiner gnaden gut
deiner gleubigen herz mut und sin.
Luther dicht. nr. 11, 3 Gödeke;
ich musz verlassen ehr und gut,
macht, krafft, freud, wollust, sinn und mut,
als ob ich nye gewesen wer.
H. Sachs 1, 105ᵇ;
das ungerechte gut, wers recht und wol besieht,
ist lauter centnerlast, die herz, sinn und gemüt
ohn unterlasz beschwert, seel und gewissen dringet.
P. Gerhardt nr. 1, 38 Gödeke;
wolauf mein herz und sinn.
6, 2;
zeuch allen meinen geist und sinn
nach dir und deiner höhe!
13, III, 25;
nimm, was dir misfällt, von uns hin,
gib neue herzen, neuen sinn.
30, 64;
nimm hin, es ist mein geist und sinn,
herz, seel und mut.
58, 5;
o dasz mein sinn ein abgrund wär
und meine seel ein weites meer,
dasz ich dich möchte fassen!
33.
d)
als sitz des sinnes wird theils das herz genannt, vergl.: er ubet gewalt mit seinem arm, und zerstrewet die hoffertig sind in jres hertzen sinn. Luc. 1, 51, s. auch Ebr. 4, 12 unter I, 5, a;
sô rætet mir mins herzen sin
daʒ ichʒ in lâʒen solte.
Parz. 523, 20,
bezw. die brust:
du pfropfest in die brust der sinnen wunderkraft.
Scultetus bei Lessing 8, 272;
oder das haupt:
wahrlich, dem ist kein herz im ehernen busen, der jetzo
nicht die noth der menschen, der umgetriebnen, empfindet;
dem ist kein sinn in dem haupte, der nicht um sein eigenes wohl sich
und um des vaterlands wohl in diesen tagen bekümmert.
Göthe 40, 267 (Herm. u. Dor. 4).
s. ferner d. städtechron. 9, 521, 8 unter 2, a, Logau unter 9, b, Megenberg unter 9, c und Steinbach unter 18, e. — sinne meiner stirn. Göthe 16, 141, s. 18, c.
e)
der sinn ist dem menschen eigenthümlich: was soltu tuͦn mensche, der mit rede und mit sinne bist begriffen? Schönbach altd. pred. 1, 13, 22; vgl. Veghe unter 9, c. daher auch:
diʒ êristi dier was ein leuwin;
si havite mennislîchin sin.
Annolied 192.
s. ferner Göthe 2, 168 unter 12, a. doch wird sinn auch in bezug auf gott gesagt:
dâ bî dîn gewaldes sin (dein allmächtiger geist)
warf Pharaonem und des her
zû grunde in dem rôten mer.
pass. 2, 76 Köpke;
ich hab in gottes herz und sinn
mein herz und sinn ergeben.
P. Gerhardt nr. 27, 1 Gödeke
seltner von der allgemein thierischen empfindung: alles was mit leben, empfindnis (sinn), und bewegung begabet ist, das ist ein thier, quicquid vita, sensu, et motu praeditum est, animal est. Comenius sprachenth. 142.
f)
personification findet sich vereinzelt im mhd., s. 13.
2)
individualisierend bezeichnet der sinn die einem jeden eigenthümliche geistig-seelische veranlagung, die seine sonderart ausmacht: sinn, sinne, plur. senso, sentimento, animo, temperamento, humore, it. opinione, naturale, inclinatione, passione dominante, genio, ingegno, v. art, weise, kopf, natur. Kramer dict. 2, 816ᵃ.
a)
dieser sinn ist jedem angeboren:
nur dasz, was jene zierlich und geschickt
als ausdruck üben angebornen sinns,
sie rauh und derb nachahmen, weil geborgt.
Grillparzer⁴ 8, 188 (jüdin 3).
jeder hat seinen eigenen sinn, sogar: es (das kind) hette zwei herze und zwei houbet, und hette iedes houbet sine sunder nature und sin, das eis slief, daʒ ander wachte u. s. w. d. städtechron. 9, 521, 8. ferner: zwey knaben von entgegengesetztem sinne balgen sich schon unter dem herzen der mutter. Göthe 24, 217.
b)
daher das sehr häufige sprichwort: quot capita tot sensus vel sententiae, viel köpff viel sinn. Kirchhof mil. discipl. 91; viel köpfe, viel sinne. Stieler 2031. Frisch 2, 279ᵃ;
ein sprichwort ist: viel köpff, viel sinn.
eim gefält diesz, dem andern das,
ein jeder hat sein sondre masz.
Spangenberg anbind oder fangbr. 2 (1636) L 10ᵇ;
ferner andre: wir haben nicht alle einen sinn. Petri Ppp 8ᵃ. wenn wir alle einen sinn hetten, so könten wir alle in einem hausz wohnen. D dd 5ᵇ; hetten wir alle einen sinn, wir lieffen alle einen weg. Schottel 1133ᵃ. Simrock sprichw. 9547, hier meist in die folgende bedeutung (3) übergehend; ên mans sin (geistige richtung) is nêt allemans sin. ten Doornkaat Koolman 3, 183ᵇ; ein ieder hat sein sinn unnd weise, damit wirts allen kaufft. Franck sprichw. 2, 122ᵃ; eins jeden sinn ist der beste. Petri Y 3ᵃ; mein synn der beste. Luther sprichw. 252.
c)
doch sagt man auch: er hat seines vatters sinn, egli hà l'humore, il temperamento, il naturale di suo padre. er hat meinen sinn, er hat meines sinns viel. Kramer dict. 2, 816ᵃ; seines vaters sinn haben, ingenium patris habere. Steinbach 2, 608;
o Jesu, gib uns deinen sinn!
P. Gerhardt nr. 12, 346 Gödeke.
genitivisch ausgedrückt: er ist gar nicht meines sinns, egli non è punto dal mio humore, genio etc. Kramer dict. 2, 816ᵃ; denn ich habe keinen, der so gar meines sinnes sey (οὐδένα γὰρ ἔχω ἰσόψυχον), der so hertzlich fur euch sorget. Phil. 2, 20; unter den hohen frauen stand sie (Thusnelda), aber meines sinnes, nicht seine tochter, sondern mein weib! Klopstock 9, 248 (Herm. u. d. fürsten 5).
d)
ebenso nähern sich den folgenden bedeutungen die verbindungen einen oder einerlei sinn haben u. ähnl., einmütig, einträchtig sein. sie sind besonders in der sprache der bibel üblich.
α)
einerley sinn haben, eines sinnes sein, esser d'un medesimo sentimento, animo. Kramer dict. 2, 816ᵃ; einerley sinn haben, idem sentire. Frisch 2, 279ᵃ; habt einerley sinn unternander. Römer 12, 16;
wenn eheleut haben einen sinn,
so tragen sie all unglück hin.
Lehmann 161.
β)
genitivisch: das jr eines sinnes seid, gleiche liebe habt, einmütig und einhellig seid. Phil. 2, 2.
γ)
in einem sinn: lasset nicht spaltung unter euch sein, sondern haltet fest an einander in einem sinne, und in einerley meinung. 1 Cor. 1, 10; damit sie nach aufhebung (austilgung) der blässenden uneinigkeit in einem sinn (unanimes) und beharrlich übereinstimmen mögen. Comenius sprachenthür 911;
sie setzen sich zum braten hin
uneins und doch in einem sinn.
wunderhorn 1, 131 Boxberger.
dieselben redeweisen bedeuten daneben auch 'dieselbe meinung haben (im einzelnen falle)', s. 16, d. e. vgl. auch die folgenden abschnitte.
3)
der sinn ist zunächst das organ und der sitz alles strebens, wollens, verlangen, u. s. w.: sinn, senso .. animo, cioè disegno, intentatione, mente, fine, proposito, volontà, it. voglia, inclinatione, gall. penchant. v. wille, it. lust etc., verlangen, neigung. Kramer dict. 2, 816ᶜ.
a)
herr gott unser vater .., beware ewiglich solchen sinn und gedancken im hertzen deins volcks. 1 chron. 30, 18; der aber die hertzen forschet, der weis, was des geistes sinn sey. Röm. 8, 27 (τί τὸ φρόνημα τοῦ πνεύματος; Weizsäcker: was der geist will). dem willen gleichgestellt:
drumb laszt euch euren sin nicht sein
so lieb, das er euch bring in pein,
und folget unserm willen drat.
Rebhun Susanna 3, 2, v. 117.
als subject des willens u. s. w.:
gleichwie ein kaufman, dessen sinn
nach anders nichts dan reichtumb trachtet.
Weckherlin 380 (od. 1, 8).
b)
der sinn als die treibende macht zum handeln: und gleich wie sie nicht geacht haben, das sie gott erkenneten, hat sie gott auch da hin gegeben in verkereten sinn, zu thun, das nicht taug. Röm. 1, 28; von mir soll nie weichen der sinn, der den menschen vorwärts treibt, und das verlangen, das nie gesättigt von dem, was gewesen ist, immer neuem entgegen geht. Schleiermacher 3, 1, 416 (monol. 5);
sin, hertze, tzungen, und munt
mit guͦtem willen ist berait
tzu wirchen reiches lobes chlait.
Suchenwirt 1, 32;
als ausz deiner sinnen stärcke
Jupiter nam ein gemercke,
dasz du durch so kühnes streiten
würdest bisz in himmel schreiten.
Logau 1, 15;
heldin, euren tapffren sinnen
fehle nimmer kein beginnen!
2, 29;
laszt euch von ihm in ferne zeiten tragen,
wo frisch der sinn, verwegen war die that.
Grillparzer⁵ 3, 17.
sprichwörtlich: williger sinn macht leichte füsz'. Eiselein 643; es wil iederman reich werden, es felet niemandt am sinn, sonder allein am gwin. Franck sprichw. 2, 63ᵃ.
c)
der bedeutung 2 nahe stehend sind wendungen wie: seinem sinne folgen, facere ingenium. Steinbach 2, 608; ich bin ein schaf, und bleibe ein schaf, das ich so leichtlich gleube, mich so füren und leiten lasse, .. und nicht viel mehr meinem sinn folge. Luther 3, 333ᵃ. auf seinem sinne bleiben, beharren: der die leute also davon zeucht, ... das zu letzt, wenn sie in dem sinn bleiben, alle lust und begierd verlischet zum evangelio und sacrament. 163ᵃ; der alte bestand auf seinem sinne. Göthe 19, 227;
aber wer fest auf dem sinne beharrt, der bildet die welt sich.
40, 337 (Herm. u. Dor. 9).
so auch spezialisierend und der bedeutung 5 nahe kommend:
allein ein weib bleibt stät auf einem sinn
den sie gefaszt.
9, 36 (Iphig. 2, 1).
wieder auf seinen alten sinn kommen, redire ad ingenium, Steinbach 2, 608.
d)
so als innere kraft zum beharren und widerstande gegen äuszere einflüsse:
disz fell, disz uberkleidt
kan unterthänig seyn: der sinn bricht durch die zeit
und aller fürsten sinn, er läst sich nicht regieren
von einer frembden hand, nicht bey der nasen führen
als wie ein armes vieh.
Opitz 1, 56;
über vieles kann
der mensch zum herrn sich machen, seinen sinn
bezwinget kaum die noth und lange zeit.
Göthe 9, 222 (Tasso 5, 1).
den sinn brechen: es ist darümb geschehen, das gott unsern sinn brechen und die menschliche weisheit zur thorheit machen wolt. Luther 16, 63, 12 Weim. ausgabe; mit ungewöhnlichem plural:
brich die sinnen Galathee,
zwinge doch den harten muht,
gönne Daphnis, dasz er sehe
dich, sein allerhöchstes guth.
Rist des Daphnis aus Cimbrien Galath. (Hamburg 1642) E 3ᵃ.
diese bedeutung wird jetzt deutlicher und schärfer durch das compositum eigensinn ausgedrückt.vgl. auch: darumb mustu den sinn und das schewen hindan setzen, und hin gehen, und gott bitten, das er dir helffe. Luther 3, 163ᵃ.
e)
im sinne geschehen daher willensbestimmungen, entschlüsse, vorsätze: im sinn fürnemmen, statuere apud animum suum. Dasypodius; wenn einer ein ding in sinn nimet, das ers thun darff, so ists schon halb geschehen, denn hüte dich für dem, der dich mit ernst meinet, denn wenns im sinn also beschlossen ist, so gehet die faust balde hernach. Luther 16, 208, 27 Weim. ausgabe; und da sie zu Salomo kam, redet sie mit jm alles was sie im sinn hatte furgenommen. 2 chron. 9, 1;
Domitianus selbst zu letzt
sich darab hefftig hat entsetzt
und auch an sanct Johann hinfort
nicht wollen gar vollziehn den mordt,
den er vorhet in seinem sinn.
Spangenberg anbind (1636) M 10ᵇ.
f)
daher auch etwas im sinn haben, sich vorgenommen, beschlossen, die absicht haben: etwas im sinne haben, sinnes seyn etwas zu thun. im sinn haben, nach Rom zu reisen. ein grosses, sonderbares werck im sinne haben. Kramer dict. 2, 816ᶜ; nichts gutes ò etwas böses, ein schelmstück im sinn haben. er hat sich noch nie wol gehalten, und hats auch noch nicht im sinne. ebenda; er hat nichts gutes im sinn, meditatur mala, volutat in animo astutias. Stieler 2030; man siehts ihm an den augen, was er im sinn hat, animus ejus in oculis habitat. 2031; er hetts nüt im sinn, longe alia meditatur. Schmidts idiot. Bern. bei Frommann 4, 15ᵃ; öpis im sinn hâ, beabsichtigen. i ha's starch (fest) im sinn, die feste absicht. i ha's guet im sinn, eine gute absicht (iron.). i han im sinn, ich well etc. mórn han-i im sinn, hei (-z'go). Hunziker 242, vgl. Seiler 269ᵃ; der N. had nix guad's in sinn. Hügel 149ᵇ. belege: mein vater David hatte es zwar im sinn, das er ein haus bawete dem namen des herrn. 1 kön. 8, 17; nu hab ichs im sinn einen bund zu machen mit dem herrn dem gott Israel, das sein zorn und grim sich von uns wende. 2 chron. 29, 10; jr mund ist gletter denn butter, und haben doch krieg im sinn. ps. 55, 22; denn Nebucad Nezar der könig zu Babel, hat etwas im sinn wider euch, und meinet euch. Jerem. 49, 30; was einer im sinn hat, das sihet man jm an den augen an, es sey guts oder böses. hat er guts im sinn, so sihet er frölich auff. Syr. 13, 31 f.; auff das wir nicht uberforteilet werden vom Satan, denn uns ist nicht unbewust, was er im sinn hat. 2 Cor. 2, 11; weil du solche sach im sinn hettest, warumb giengestu nicht an ein heimlichs ende. Kirchhof wendunm. 1, 366 Österley (1, 326); 2 sesel auf welschs, wie du sy im sin hast gehabt, machen zu lassen. Paumgartner briefw. s. 270 Steinhausen (sept. 1596); ihr lieszt mich holen, gnädiger herr .. habt ihr im sinn über die religion zu spotten, oder fangt ihr an vor ihr zu zittern? Schiller 2, 181 (räuber 5, 1 schauspiel);
her ritter, wat hefstu in dinem sinne?
mi dunket, du wult gans node van hinne.
dodes danz 621 Bäthcke;
der todt sahe was er für ein han
an jm hat, und wolt nicht hinan,
wie er im sinn hat mit der sissen.
Fuchs mückenkr. 82 (2, v. 317);
herr, was hast du im sinn?
wo denkt dein eifer hin?
P. Gerhardt s. 104 Gödeke.
sprichwörtlich: ich habs im sinn, gott hat den gewalt. Wander 4, 572, 24.
g)
ähnliche redeweisen.
α)
etwas in (den) sinn nehmen: er neuuolta in sin nemen, daʒ er uuola tâte (noluit intellegere, ut bene ageret). Notker ps. 35, 4; durch gott sag uns, wannen disse verretery kumm! ... wie hastu sy törffen inn sinn nemmen? Haimonsk. s. 114, 9 Bachmann; wo ist der, der solchs in seinen sinn nemen thüre, also zu thun? Esther 7, 5; das jm kein ding unmüglich sein wird, wenn ers nur in sinn nimpt, das er allein möcht die gantze welt schlahen. Luther 6, 261ᵇ; wilchs mich sogar nichts bereuet, dasz ich mirs auch in sinn genummen hab, in solcher emsigkeit und schärpf zu bleiben. briefe 1, 507; und dürfft euch nicht inn sinn nemen, ja dürfft nicht gedencken, das jhr die kirchen allein mit dem schwerd und gewalt wölt bey euch erhalten. Melanchthon apol. Augsb. conf. s. 135 in corpus doctr. christ. (Leipz. 1560);
ein fromme fraw solt sich des schemen,
und dörffts in jren sinn nit nemen.
Waldis Esop 4, 29, 30.
β)
einem ist im sinne: wie es mir im sinn ist, wie ich mich zuͦ thuͦn beradten hab, ut mihi est in animo facere. Maaler 374ᵈ; ich habe auch vor geredt, es sey mir gar nicht im sinn zu sterben. Frey gartenges. (1556) 65ᵇ (cap. 63). selten zu sinne:
dô gienc Ilsunc zehant
dâ er sînen herren vant.
er sagte im diu mære
waʒ im (Laurin) ze sinne wære.
Laurin 1826.
γ)
in (den) sinn kommen, hier der bedeutung 15, a nahe stehend, einfallen, beikommen, doch mit inf. der absicht: der thuͦt was jm in sinn kompt, homo sui arbitrij. die sach hette dir nie so feyn mögen in den sinn kommen. Maaler 374ᶜ; keinem welcher sich nur einmal betrunken hatte, durfte es in den sinn kommen, sich zu diesem amte zu melden. Schiller 9, 170. auch zu sinne kommen:
und mir und meiner priesterzunft
kam es zu sinne, die vernunft
von tausenden und ihr gewissen
in eine gleiche form zu giessen.
Ramler fabellese 3, 231;
denn es kam mir zu sinnen,
dasz ich sie wolle gewinnen.
Rückert (1882) 12, 28 (Nal 6).
zu sinn:
denn der frum guͦt knecht
spricht, er hab sie nit genommen,
sig im nie zuͦ sinnen kommen.
Manuel s. 258 Bächtold (Elsli Tragdenkn. 54).
ähnlich:
die natur zu meistern,
steigt meines gleichen nie zu sinn.
wir lassen dieses amt euch andern grossen geistern.
Wieland 5, 275 (der verklagte Amor 1, 129).
δ)
ungewöhnlich in bezug auf das thun andrer: das sie jre söne und töchter verbrennen, welchs ich nie geboten noch in sinn genomen habe. Jerem. 7, 31; da von ich jnen nichts befolhen habe, und ist mir nie in sinn komen, das sie solchen grewel thun solten. 32, 35.
ε)
einem etwas in sinn geben, inspirare, suggerire, metter nel cuore ò in petto, in mente qualche cosa ad uno. er thate, sagte alles, was ihm sein grimmiger zorn in sinn gab. das hat ihm gott in sinn gegeben. gott wird uns in sinn geben, was wir zu thun haben. Kramer dict. 2, 816ᵇ; objicere alicui mentem, einem etwas in kopff bringen, in sinn geben. Dentzler 1, 343ᵇ; mein herz im leib sagt mirs, und dasz es mir gott in sinn gab, so wolt es auch meines verstands die nothdurfft erfordern. Götz v. Berlichingen 54;
was gab ir got in iren sinn?
dasz wider heim zuͦ schlafen gieng.
Uhland volksl.² 188 (107, 3).
so auch: alicui mentem injicere, ut, etc. einem zu sinn legen, dasz. Dentzler a. a. o.das in nd. mundarten weit verbreitete an sinnen wesen, einem etwas zumuten (z. b. brem. wb. 4, 791) ist wol nichts andres als das part. des verbs ansinnen, s. theil 1, 463, also eigentlich ánsinnend(e) wesen, dann mit unauffälliger accentversetzung ansínnen wesen, was die falsche ableitung von sinn nahe legte.
4,
a)
mit anderer wendung: seinen (gantzen) sinn, alle seine sinne und gedancken auf etwas legen, richten, setzen, haben. Kramer dict. 2, 816ᵇ. hierbei wird indessen meistens nicht blosz an das streben und begehren gedacht, sondern zugleich an das erdenken und suchen der mittel und wege zu dem erstrebten ziele, besonders in den ausdrücken seinen ganzen sinn, alle seine sinne worauf richten u. ähnl.
α)
sein sinn und gedanck etwarauff legen, occupare animum in re aliqua, animum adjicere alicui rei. sein sinn auff schlaͤchte unnd verachtliche ding legen. Maaler 374ᵈ; seinen ganzen sinn worauf legen, mente tota, omnique animi impetu in aliquid incumbere. Stieler 2031;
er vuorte sie ûf die burc hin
und leget allen sînen sin
und allen sînen vlîʒ dar an, ...
wie er ir gepflêge wol.
Heinrich v. Freiberg Tristan 5828.
β)
seinen sinn auf etwas setzen, animum adpellere ad aliquid. Frisch 2, 279ᵃ; sein sinn auffs birg setzen, saxa et montes cogitare. Maaler 374ᵈ; hê hed sîn sin d'rup setd, dat hê dat hebben wil. ten Doornkaat Koolman 3, 183ᵇ;
wenn er die dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen,
und auf die er den sinn, den festbestimmten, gesetzt hat.
Göthe 40, 317 (Herm. u. Dor. 8).
γ)
richten: mein sinn ist darauf nicht gericht, consilia mea eo non referuntur, non collineat ad hanc rem intentio mea. Stieler 2030;
die ihr demnach eure sinnen
richtet nach desz himmels zinnen.
Schuppius erkl. desz kupfferblats.
δ)
den sinn stellen, s. z. b. Alsfeld. passionssp. 2339 unter I, 4, b;
weil einzig ihr sinn gestellt ist
auf sie, die die perle der welt ist.
Rückert (1882) 12, 13 (Nal 2).
b)
dem entspricht die sehr häufige neutrale wendung der sinn steht wohin oder wonach.
α)
rein örtlich mit richtungsangabe:
an dirre stat dâ lieʒ ich in:
war ab stüende sîn sin,
des enwolter mir niht sagen.
Iwein 5904;
kunic Wêlân stuont al sîn sin
gegen dem Plattensê zetal.
Ottokar reimchr. 7437;
wô die Lettowen kêren hin
und ob zû lande stê ir sin (ob sie heimkehren wollen).
livländ. reimchron. 5132;
kein Kretênen stûnt ir sin.
6987;
ûf die burc stûnt al ir sin.
10019;
mein sinn unnd danck stadt auff die grüne, animus est in hortis. Maaler 374ᶜ; sein sinn stand in die ferne. Göthe 21, 154;
wie die wolken wandern am himmlischen zelt,
so steht auch mir der sinn in die weite, weite welt.
Geibel 1, 49.
β)
geistiger und abstracter:
ze gemache ân êre stuont sîn sin.
Iwein 76.
(mit übergang in die bedeutung 22:)
manch buͦcher sen vor alter hin,
zuͦ hoher tugent stuͦndt jr sinn.
Schwartzenberg Cic. 157ᵃ.
gewöhnlich mit nach construiert: eines sinn nach etwas stehen: eines sinn auf etwas gericht und gespannet seyn, haver l'animo, la mente, l'intentione, lo spirito, l'inclinatione teso, volto a qualche cosa. mein sinn stehet nur allein nach gott und nach seiner gnade. Kramer dict. 2, 816ᶜ; sein sinn steht darnach, in animo habet, vult, desiderat illud. Frisch 2, 279ᵃ; 't sin steid hum na't geld (na appels, na god). ten Doornkaat Koolman 3, 183ᵇ; wir können hier nicht unberührt lassen, dasz uns der sinn auch schon nach einem erzbischofe steht. Klopstock 12, 362;
all unser sinn und muth
steht nach gelt und gut,
und wann wir das erwerben,
ligen wir, und sterben.
Zinkgref apophth. 4, 364.
γ)
seltner mit abhängigem satze: denn sein (Mosis) sinn ist dahin je und alle wege gestanden, das er allen gerne geholffen hette. Luther 16, 26, 12 Weim. ausgabe; s. auch Alsf. passionssp. 4134 unter I, 4, b;
alsô stêt mîn sin,
daʒ ichʒ immer diene.
Nibel. 309, 2.
δ)
dafür: de (dat) sin is hum d'r up fallen, dat hê gërn 'n appel mug. ten Doornkaat Koolman 3, 183ᵇ.
c)
so auch, besonders in der ältern sprache, den sinn zu, auf jemand richten, als ausdruck der zuneigung und liebe:
junfrouwe, gerne moicht ir verzien
dis spottis und deser raserien
unde keren zo mir wert uren sin.
Hagen boich van Colne 210.
meistens jedoch im plur., vgl. 17, b: der iüngling .. sy in solicher masz in sein hercze enpfieng das er alle andere sach liebha [l]ben liesz, unnd zuͦ ir alle seine synn, hercz und gemüte keret. Steinhöwel decam. 248 Keller (4, 1);
ich hân den muot und die sinne gewendet
an die reinen, die lieben, die guoten.
Walther v. d. Vogelweide 110, 20;
vgl. auch:
wann si (die minne) hât all mîn sinne
der schœnen hin gesendet.
Laber jagd 676;
daher ferner:
und musz ich noch einmahl so weit
durch wilde see und land,
mein sinn ist bey ihr allezeit.
Fleming 473.
d)
das gegentheil: darumb sol der gottlosen sinn ferne von mir sein. Hiob 21, 16;
fern ist mein sinn vom frieden mit dem dauphin.
Schiller 13, 230 (jungfrau von Orl. 2, 2).
so auch:
darvon müg wir die sinne
gar von ir nicht geziehen.
Laber jagd 194.
5)
daneben steht sinn auch mehr objectiv und spezialisierend für 'absicht, wille, lust':
a)
das ist mein sinn, absicht, meinung, vorhaben, bestreben: denn mein sinn ist je, das ich jederman nützlich, niemand schedlich, were. Luther 1, 67ᵃ;
ich ging im felde
so für mich hin,
und nichts zu suchen
das war mein sinn.
Göthe 3, 54.
bestreben, trachten, das suchen nach mitteln einschlieszend:
eft he syck konde lözen, dyt was syn syn.
Reineke Vos 1230.
so ferner seinen sinn sagen u. ähnl. (besonders mhd.):
ir sult mir sagen ûwern sin.
livländ. reimchr. 5005;
wand im was bekant
des Karlotten sin und muot (absicht).
Ottokar reimchron. 4121;
so auch:
daͦ saͦg i, er soll mă nix vorübi nemmă ̃,
mir îs wiedăr ăn àndără si ̃ (entschlusz) kemmă ̃.
Hartmann-Abele volksschausp. s. 258, 169.
b)
wille in bezug auf das handeln andrer:
hebe en uff und cruczige en!
das ist unser aller sinne.
Alsf. passionssp. 4387;
darumb magstu unns sagen deinen sin,
so ge wir darnach gleich da hin.
tirol. passionssp. s. 306, var. 7.
rat: darumb wer mein syn und meinung du gingest wider zuͦ dem. Steinhöwel decam. 453, 37 Keller (7, 9);
Emmor sprach zuͦ in 'nu vernemet minen sin:
iur swestir ist minem sun liep,   nu scheidet si von im niht'.
gen. 68, 20 Diemer.
c)
der sinn einer handlung u. a., die absicht, die man damit verfolgt (vgl. 22, a):
dô dî brûdre irkant
hattin sîns gewerbis sin,
sî intpfîngin lîblîch in.
Nic. v. Jeroschin 9845;
doch da er überall geweihte kreuze sah,
erkannt er (Heinrich d. löwe) Friedrichs sinn, warum der ruf geschah.
J. E. Schlegel 4, 23.
vgl. auch:
Hans. wie, junckherr, wie? begert ihr mein?
sohn. nein, nein, es hat im sunst ein sin.
Ackermann s. 100 Holstein (der ungeratne son 2, 2, 905).
auffällig ist die poetische redewendung:
die tugent alssdan bald verzöhret
des bösen lusts sinn und gewalt.
Weckherlin ged. 348.
d)
mhd. auch geradezu für das, was man vorhat, die ausführung einer absicht, vorhaben, unternehmen:
ir heren, lait desen sin
bestain etzlichen daich.
d. städtechron. 12, 244 (weverslaicht 36).
e)
sinn zu etwas haben, haver' animo, inclinatione, affettione, volont', gusto; esser portato verso qualche cosa. v. neigung, lust. sinn zu etwas bekommen (krigen). Kramer dict. 2, 817ᵃ. so zunächst sinn haben etwas zu thun, lust, den willen oder die absicht haben: keinen sinn haben zu lernen. Kramer a. a. o.; ich meyn es gefall ir, sie hat es synn von mir zerrissen. Terent. (1499) 52ᵃ (sperat se a me avellere. Eun. 3, 3, v. 520); ich hab alltag syn zubessern mein leben unnd mich keren zuͦ gott, es ist aber vil das mich daran hinndert. Keisersberg granatapfel (1510) A 7ᶜ;
was ir ie guotes hand getân;
hand sinn, ir wellint meren.
Hugo v. Montfort 26, 6;
das volck von Israhel hatt synn
stroffen die suͤn Benyamyn.
Brant narrenschiff 21, 31;
habt ihr zu kämpffen sinn? stoszt das behertzte schwerdt
in des tyrannen brust der euren tod begehrt.
A. Gryphius 1, 64 (Leo 4, 3, v. 205).
sinn haben wohin, wobei ein verbum der bewegung zu ergänzen ist:
in die stat Paris hab ich sin.
schausp. des 16. jh. 1, 221, 12.
ähnlich:
zu Jherusalem wollen mer gen hin,
darzu hon ich minen sin.
Alsf. passionssp. 1296.
seltner mit dem artikel:
wann du zu trincken host den syn,
nym brosum unnd kuw die wol fin,
Brant tischzucht 463.
f)
gewöhnlich hat aber den sinn haben eine andre nuance: die gesinnung haben, so gesonnen, beschaffen, veranlagt sein (vergl. 2):
die andern heten den sin
daʒ sî ze rehter mâʒe in
wol gemîden kunden.
der arm. Heinrich 315, vgl. 290;
ich heiʒe ein rîtr und hân den sin
daʒ ich suochende rîte
einen man der mit mir strîte.
Iwein 530;
die brûdere hatten doch den sin,
daʒ sie manchem dûtschen man
hulfen ritterlîchen dan.
livl. reimchron. 7492;
so auch:
auch haben weyber disen syn,
das ungleych hassens under jn.
Schwartzenberg Cic. 152ᵇ;
vergl.:
ach, verleih und gib mir auch
diesen edlen sinn und brauch,
dasz ich freund und feinde liebe.
P. Gerhardt nr. 23, 47 Gödeke.
g)
sinn haben zu etwas, neigung, lust, verlangen: uuara habent oûh kîtege sin âne ze dero uuerlte. Notker ps. 23, 2; pfuy des wahnsinns, dass ein edles geschöpf sich mit einem von ewigkeit verworfnen abgiebt, der nur sinn zum bösen hat, nur im bösen beystehen kann! Klinger 3, 57;
hot er (ihr) zu dem gutten sinn.
Alsfeld. passionssp. 1505.
mundartlich nd. daar hebb ik kinen sinn to, keine begierde danach. brem. wb. 6, 306; ek hebbe neinen sin tau. Schambach 192ᵃ; bà tau hes du sinn? ik hewwe nien sinn dertau. Woeste 237ᵇ; ostfries. mit an: geen sinn d'r an hebben, keine neigung dazu. Stürenburg 246ᵇ; hê harr' d'r gans gên sin an, um dat tô dôn. hê krêg sin an 'n stük flêsk. hê hed sin an musîk. ten Doornkaat Koolman 3, 183ᵇ. auch abweichend gewendet: ek hebb' er nits mêe in'n sinne. Schambach 192ᵃ; hai het der nitt viel van inn sinn. Woeste 237ᵇ.
h)
selten und veraltet sinn zu jemand haben, haver' animo, inclinatione, portar' affetto, amore à (verso) qualcheduno v. lieben. er (sie) hat keinen sinn zu ihr (ihm). Kramer dict. 2, 817ᵃ; sprichwörtlich êner het sinn tau der môer, de andere tau der dochter. Woeste 237ᵇ. allgemeiner:
dann ich nit mehr sinn hab zuͦ weiben,
in wittwen stand hoff ich zuͦ bleiben.
G. Wickram der irr reitend bilger 10ᵇ.
selten sinn tragen: ich wil nicht zulassen .., dasz jhr von uns reiset ... wann jhr sinn zu uns traget, so schreibet nach hause: dann euch selber mag ich jetzund der see und gefahr nicht uberlassen. Opitz Arg. 1, 476.
i)
gleichbedeutend mit sinn (absicht) haben ist sinns sein, gewillt sein u. ähnl.: ich bin aber sins, ein zeitlang in ewerm künigreich zuͦ bleiben. Galmy (1540) 82ᵇ; so doch sonst under denen, die einander werd und in ehren zuhalten sinnes, je eins vor dem andern sich bemühet, daszjenige so dem andern am anmütigsten, auch jren gemein und wolgefällig zumachen. Fischart ehez. D 8ᵃ; Valentinianus bekam auf seiner reise kurtz vor Paris die nachricht, dasz Procopius ... sich zum kaiser aufgeworffen, und war anfangs fast sinnes seinen weg zu ändern. Mascou 1, 267; aber Belisarius eroberte den ort (Neapel) mit gewalt, und gab ihn zur plünderung preisz, um ein desto grösseres schrecken denen städten einzujagen, die etwan den Gothen getreu zu bleiben sinnes seyn möchten. 2, 94. mundartlich er ist sinns, beabsichtigt. Hunziker 242; nd. ik weer sinnens, der meinung, entschlossen. Schütze 4, 104; ik bin 't nêt sins um d'r hen to gân. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ; dafür ostfriesisch auch ik bin fan sin (oder, mit vermischung beider ausdrucksweisen, fan sins), um mörgen to reisen. ebenda, ikk bünn (van) sinns. Stürenburg 246ᵇ. — sinnes werden, entrar' in un tal ò tal sentimento. anders sinnes werden, seinen sinn ändern. Kramer dict. 2, 816ᶜ; darumb ich sinnes bin worden, auch die andern zugehörigen stück mit gleichen fleisz auszführlich zuerkleren, unnd in ein buch zuverfassen, auff dasz mans alles fein beysammen finden .. könne. Dan. Schaller theol. heroldt (1604) vorr.; dasz ich, .. noch, weil es zeit were, dem ungewitter zu entgehen, sinns wurde. Phil. Lugd. 3, 201. — mit artikel des sinnes seyn, ea mente esse. Stieler 608; dann die frouwen sint gar nauch alle des sins, daz sy aller liebst des begeren das jnen aller maist wirt versait und verbotten. Nicl. v. Wyle transl. 43, 7 Keller; dieweil du je desz sinnes bist, so wisz, dasz er (der klepper) mir nit neher (wohlfeiler) feil ist zuͦverkauffen dann umb fünffzig kronen. Wickram rollwagenb. 72, 16 Kurz.appositionell: weil er nun auf diese art fortzukommen, aller hoffnung beraubt war, gieng er wieder Gallata zu, des sinns seinen landsmann, Hanns Rattichen ... zu suchen. Heberer pfälz. Robinson 2, 193; der meister ... stund im schopf, eine pfeife stopfend und sinns, auf das bänkli vor dem stalle sich zu setzen. Gotthelf Uli der knecht 18 Vetter. vgl. auch: sie handleten jres sins. Keisersberg granatapfel 4.
k)
in der ältern sprache auch, obschon seltner, im sinne sein: unde de rad wolde an de ringe munte nicht, wente se weren jo in dem sinne oren pennigk by werde to holdende. deutsche städtechron. 16, 429, 4; als sie nu sahe, das sie feste im sinn war mit jr zu gehen, lies sie ab mit jr davon zu reden. Ruth 1, 18; die weyl .. ich ym synne byn, nit allein dyr zuantwortten u. s. w. Luther 7, 264, 19 Weim. ausgabe.jetzt höchstens noch in appositioneller verwendung: er bot ihr die hand an, im sinne sie wegzuführen. Göthe 20, 14. — mundartlich auch inn sinne fingen, bereit finden: lôs dich nich inn sinne fingen uns zu varrôten. Jecht 104ᵇ.
l)
in älterer sprache zuweilen mit sinne mit absicht, vorsatz: etlike (geiszler) slogen ok mit sinne, dat se ed kume voleden. d. städtechr. 7, 205, 16 (oder 'bedächtig, vorsichtig', vgl. 12, k?); ähnlich mit dem plural:
ich habs gewagt mit sinnen
und trag des noch kain rew.
Uhland volksl.² s. 719 (350, 1).
mit allem sinne mit dem gesamten streben, mit ganzer seele, mit aufgebot aller kraft: weil jene handelnden personen .. an der bezeichneten bahn des eigenen sowohl als des mitbürgerlichen lebens einen so tiefen antheil nahmen, mit allem sinn, aller neigung, aller kraft auf die gegenwart wirkten. Göthe 37, 21;
daʒ di brut quelet nach minne
und rufet mit allem sinne:
zu mich, bule, nach dich.
Brun v. Schonebeck 12188.
âne sin ohne absicht:
dâ hin mich nû gerüeret hât
âne sin ditz weʒʒerlîn.
Heinrich v. Freiberg Tristan 3795;
betwungen eid soll enbinden nicht,
der von rechter vorcht beschiht.
wer durch vorcht glubede tut
one sine und on muͦt,
on laster mag er davon gan.
quelle bei Haltaus 1689.
m)
mhd. durch den sin in der absicht, zu dem zwecke, aus dem grunde:
daʒ tet er niwan durch den sin
daʒ er in slüege ân sînen schaden.
Wigal. 2028;
zum anderen mâle durch den sin,
daʒ ouch die gûten lûte
an mir beschowen hûte u. s. w.
pass. 30, 36 Köpke;
durch den sin
an mich leit ich ander gwant,
daʒ mîn der kneht niht kant.
Seifr. Helbling 4, 542.
in der gleichen bedeutung ûf den sin:
er stilt und roubet ûf den sin,
daʒ sîn vriunt hêrren mügin wesen.
Boner 62, 20;
daʒ tetens alle ûf den sin, ...
daʒ si in ê benæmen
beide lîp und guot.
Ottokar reimchron. 7281;
mit dem here hûb er sich hin
kein Darbeten ûf den selben sin,
er wolde der Rûʒen her bestân.
livländ. reimchron. 6656;
daʒ er in ainn auff solchen sin
auss seinen reten schiket hin,
daʒ er zu in in giene.
Beheim buch von den Wienern 226, 19.
6)
sinn für 'wille, wunsch, lust, neigung', wobei zuweilen der begriff der individuellen seelischen veranlagung hineinspielt, findet sich in andern präpositionalen ausdrücken.
a)
nach seinem sinn, fantasey, art und lust laͤben, ingenio suo vivere. Maaler 374ᶜ; wenn ein monarchischer staat auf eine solche art verwaltet wird, dasz, obgleich alles nach eines einzigen willen geht, der einzelne bürger sich doch überreden kann, dasz er nach seinem eigenen sinne lebe, und blosz seiner neigung gehorche, so nennt man diesz eine liberale regierung. Schiller 10, 94;
nach Sabul kehr' ich heim, wo ich ein könig bin
wie Kawus, walten kann ich dort nach meinem sinn.
Rückert (1882) 12, 184 (Rostem 58).
das ding ist recht nach meinem sinn. Kramer dict. 2, 816ᵃ; es gehet ihm nach seinem sinne, ex voto res succedit. Stieler 2030. Frisch 2, 279ᵃ: bisher war alles nach seinem sinne gegangen. Göthe 17, 15;
mancher in grossem glücke steht,
es fleuszt jhm alls nach seinem sinn.
Spangenberg anbind (1636) M 1ᵇ;
was mir nie war vergunt bey meinem meisten leben,
das hat mir nun der tod nach meinem sinn gegeben,
ich mein ein eigen haus.
Logau 1, 183, 70.
sich nach eines sinn richten ò schicken, accomodarsi alle battute, al genio, secondare il genio di uno. Kramer dict. 2, 816ᵃ;
richt unser ganzes leben
allzeit nach deinem sinn.
P. Gerhardt s. 115 Gödeke.
einem nach dem sinne reden (häufiger nach dem munde, auch zu sinne, vgl. d): sie .. hatte sich bald bei dem pfarrer .. eingeschmeichelt, indem sie .. jedem nach dem sinne zu reden wuszte, und dabei immer that was sie wollte. Göthe 19, 57; weil nun auch dies durch menschen von talent geschah, so fand das völlig unzulässige desto eher eingang, als man es dadurch gerade dem ungebildeten menschen desto mehr nach seinem sinne machte. briefe 12, 383 (an Schiller 397). — verstärkt: es geht ihm alles nach wunsch und sinnen. s. auch Fleming 22 unter I, 5, c.
b)
ähnlich in jemandes sinne: der redner sprach ganz in meinem sinne, so wie ich gesprochen haben würde; das war recht im sinne deines vaters gehandelt und dergl.; ähnlich auch (?): die herausgeber sind im sinne des erfordernisses so sehr, als man es in späterer zeit seyn kann. Göthe 33, 204; es dienet freilich der zauber der sprache auch mehr der welt als uns. der welt bietet sie genaue zeichen und schönen überflusz für alles was in ihrem sinn gedacht wird und gefühlt. Schleiermacher 3, 1, 392 (monol. 3).
c)
dafür sagt man auch ohne unterschied der bedeutung aus jemandes sinne: vieles ... ist ganz aus unserm sinne geschrieben. Göthe an Schiller 275 (den 4. februar 1797).
d)
vorwiegend, jedoch nicht nur in der ältern sprache üblich ist zu sinne sein nach wunsch, genehm, recht sein, gefallen: wer awer das, das im noch seinen erben dye mul nicht ze sinn wer. urk. von 1403 bei Haltaus 1690; ob sie sich nun wol stelleten, als dasz inen das nicht gantz zuͦsinnen und gelegen wer, muszten sie doch zum letzten desz wirts fleissigem anhalten platz geben. Kirchhof wendunm. 1, 243 Österley (1, 198); die wahl fiel ihm schwer, im gebirge einen hausgenossen zu finden, der ihm zu sinne war. Musäus 2, 7 Hempel;
dâ stirbt ouch nieman inne
eʒ sî im dan ze sinne.
Heinrich v. Neustadt Apollon. 883;
(dasz er) aigentlichen da vernem
dy warhait und dy rehten mer,
waʒ in zu sin und willen wer.
Beheim buch von den Wienern 226, 26;
darumb ist dir und deiner tochter zu sinn,
er bedarf ir, das sie im spinn,
so lasz michsz und die piderleut verstan.
fastn. sp. 514, 19 (hierher?).
so auch: diese rede wolte dem jungen fäntgen nicht zu sinne. Chr. Weise erzn. s. 8 neudruck;
ja, billig sollt ich dich dahin
in alles herzleid senken;
allein es will mir nicht zu sinn,
ich hab ein andres denken.
P. Gerhardt nr. 48, 23 Gödeke.
in demselben sinne zu sinne gehen (?, vgl. 15, a): es erfolgt zugleich auch ein neues heft kunst und alterthum, wobei wohl einige artikel dir zu sinne gehen mögen. Göthe an Zelter 334. — zu sinne reden, s. Fleming 469 unter I, 5, c, wofür jetzt nach dem sinne, vgl. a.ostfries. dafür dat was hum hêl nêt mit 't sin, dat sîn sȫn studéren wul. ten Doornkaat Koolman 3, 183ᵇ. vgl. auch sinns, zu sinns 'recht, ordentlich, wie man es verlangt hat', das Klein 2, 156 für Koblenz, Jülich und Berg bezeugt.
e)
das gegentheil etwas geht mir wider den sinn: ich kann das kleine nicht leiden, es geht mir wider den sinn. Heinse Ardingh. 1, 344. ostfries. 't is hum all' tegen 't sin, wat hê hörd un sügt. hê is d'r tegen sîn sin hengân. ten Doornkaat Koolman 3, 183ᵇ.
f)
hierher läszt sich auch die jetzt veraltete redeweise einem durch den sinn fahren ziehen, deren verwendung verschiedene sinnesnuancen aufweist: einem durch den sinn fahren, aliquem de sententia detrudere. Steinbach 2, 608; einem zuwiderhandeln, sein vorhaben durchkreuzen:
drum fährt uns gott durch unsern sinn
und läszt uns weh geschehen.
P. Gerhardt s. 24, 29 Gödeke;
die wahrheit sprach: mein blitz musz siegen,
er fährt der bosheit durch den sinn.
Günther bei Steinbach a. a. o.
gewöhnlich mit worten; milder, einem dreinreden, seinen sinn, seine stimmung ändern (?): in dem sie nun dergestalt ihr altes lied wieder anstimmen, und durch ihre thränen die Sylvie zu gleicher betrübnisz anlocken wolte, versuchte Amando, ob er nicht durch ihren sinn fahren könte, und sagte: meine Belise, sie zwinge ihren kummer. Weise kl. leute 155. noch im 18. jh. nicht selten für: einem widersprechen, seine meinung sagen, die leviten lesen: man muss dem filosofen durch den sinn fahren, sagten sie; man muss ihm nicht weiss machen, dass er alles besser wisse als wir. Wieland 19, 91 (Abder. 1, 9); und noch dazu laszen sie mich allda da stehen wie einen wahnwitzigen dem man nicht durch den sinn fahren darf damit er nicht rasend werde. Leisewitz Jul. v. Tarent s. 24, 2 neudruck (1, 5); ich will zu ihm gehen, will ihm sagen, was ich denke. und dann zu deinem oheim! ihm musz ich durch den sinn fahren, bevor ich reise. Klinger 8, 258.
g)
ganz vereinzelt scheint sinn auch den gegenstand des verlangens, der lust zu bezeichnen (?):
(ich) het vich und schaff, inn grosser meng,
auch diener vil und dienerin,
manch süsz gesang der menschen sinn,
silber auch gold und ander zier.
Schwartzenberg Cic. 107ᵇ.
7)
häufig bezeichnet sinn in verbindung mit adjectiven die gesinnung, das gemüt oder den character: allgemein einen guten sinn haben, haver un buon' animo ò una buon' anima. v. gemüt. Kramer dict. 2, 816ᵇ; eine interessante physiognomie, darin eine stille trauer den hauptzug machte, die aber sonst nichts, als einen geraden guten sinn ausdrückte. Göthe 16, 135; sie folgte ihrem guten sinne. 17, 179;
so sprach der edle greis und schwieg, doch Kawus nahm
zu herzen, dasz der rath aus gutem sinne kam.
Rückert (1882) 12, 182 (Rostem 56).
mit seltnerem plural:
fliehen lasz uns vor dem pracht,
weil er gute sinnen schnell verwöhnet,
und das beste herz so launisch macht,
dasz es immer sich nach wechsel sehnet.
Göckingk 1, 53.
ein schlimmer, böser sinn, senso reprobo, cattivo. in einem bösen sinn dahingeben. Kramer dict. 2, 816ᶜ; schlimmer sinn, animus malevolus, mens prava. Stieler 2031; sprichwörtlich: ist die jungfrau hübsch und schön, sie ist von bösen sinn. Schottel 1144ᵇ; sîd siê âne got uuellen sîn, sô uuerfe siê got in reprobum sensum (gl.: in auuerfigen sin). Notker ps. 9, 18. — edler sinn:
swem ist mit edelem sange wol,
des herze ist vol   gar edeler sinne
sang ist ein sô gar edeleʒ guot:
er kumt von edelem sinne dar.
Schweizer minnes. 296 (Hadloub 8, 24. 26);
ach sollt ich, Eutrophe, doch einst so edeln sinnen
die freyheit schuldig sein! ein so gesetzter muth,
ein herz, wie dieses ist, verräth ein edles blut.
J. E. Schlegel 1, 27 (Iphig. über die gefang. Orest u. Pylades);
sprichwörtlich: je adelicher sinn, je grösser scham. Schottel 1144ᵃ. hoher sinn: den ich suchen ge von nider gepurt ist. aber on czweyfel sich erczeiget von hohen sinnen. Steinhöwel decam. 175, 20 Keller (3, 2);
ein hoher sinn adelt auch niedres geschlecht.
Bürger 32ᵇ (Lenardo u. Blandine);
bei gott! der graf trug hohen sinn.
37ᵃ;
der hohe sinn des papsts.
Göthe 9, 126 (Tasso 1, 4).
stolzer, hochmütiger sinn: die da sagen in hohmut und stoltzem sinn. Jes. 9, 9; unde demo opheront siê, der superbum spiritum (glosse: hohmuôtigin sin) dero principum dananimet unde humilem spiritum (diêmuoten sin) gibet. Notker ps. 75, 13;
mit hoffertigen sinnen
ist nichts zu gewinnen.
Petri Pp 2ᵃ;
mädchen mit stolzen
höhnenden sinnen.
Göthe 12, 52.
gerechter sinn u. ähnl.: et spiritum rectum innova in visceribus meis. unde grehten sin .. den ih sundondo gechrumpta, den geniûuuo in mînen innâhten. Notker ps. 50, 12; auch die wilden Frankenkönige und die Angelsachsen erwiesen dem handel billigen sinn. Freytag bilder 1, 289;
sein gerechter, frommer sinn
wird in einfalt gehen.
P. Gerhardt nr. 60, 5 Gödeke;
der werthe thron der frommen sinnen
ein alapaster-gläntzen führt.
Finckelthaus deutsche ges. A 5ᵃ ('der schönen tugendt schöne wohnung').
ehrlicher, falscher sinn: ein ehrlich sinn ein ehrlich kleid. Petri T 2ᵇ;
so meint er, und gibt für: dasz redligkeit der sinnen
nur tölpisch einfalt sey.
Logau 3, 218;
hier sind die treuen sinnen,
die niemand unrecht thun.
P. Gerhardt nr. 40, 41 Gödeke;
schlag' er (der liebste, mit dem ruder) das meer nur immerhin,
das treulos ist und falsch von sinn!
Leuthold ged.⁴ 89.
beständigen sinn haben, animo stare. Stieler 2031; einen beständigen sinn haben, haver sensi constanti, stabili. einen liederlichen sinn haben. einen wanckelbaren, unbeständigen, flüchtigen etc. sinn haben. Kramer dict. 2, 817ᵃ;
er was wankel und unstæter sinne.
Ottokar reimchron. 13746;
ähnlich:
gäbet ihr uns auf der erde
festen sinn und guten muth.
Göthe 2, 89;
aber wo ihm ein würdiger und gehaltener sinn entgegentritt, wird er ihn ehren. Freytag soll u. haben 2, 303; tief lag in dem wesen der Deutschen das gefühl für billigkeit, sehr mächtig war ein gleichmäsziger sinn, der die verhältnisse des lebens unbefangen abwog. bilder 1, 14;
der unbewegte sinn erliegt in keinen schmerzen.
Haller ged.¹⁰ 72;
doch ein weiser zwingt das leid
durch der sinnen tapferkeit.
Günther 98.
harter sinn, durum caput, homo pertinax. Stieler 2030;
und jener sah des königs harten sinn.
Rückert (1882) 12, 240 (Rostem 111);
den sanften sinn, den frommen mut
den musten sie ihm lassen.
P. Gerhardt nr. 12, 212 Gödeke.
anderes:
sein frecher sinn sank hin und brach.
125.
mehr nach seite des temperaments liegen schwerer, leichter sinn: wehe, wenn die jugend in mir, die frische kraft, .. der leichte sinn, der immer weiter strebt, sich je bemengte mit des alters geschäft .. haben sie so in vergeblichen versuchen die schöne hälfte des lebens verschwendet ..: so verdammen sie den leichten sinn und das rasche leben. Schleiermacher 3, 1, 418 f. (monol. 5); träger sinn, dem, wenn es mühe gelten soll, lieber die armuth gnügt. 381 (3);
der Lothringer geht mit der groszen fluth,
wo der leichte sinn ist und lustiger muth.
Schiller 12, 56 (Wallensteins lager 11);
ein mann ist viel werth in so theurer zeit,
ich möcht' ihn nicht mit leichtem sinn verlieren.
13, 190 (jungfrau von Orleans 1, 2).
in geistlicher redeweise: des er nie keins gesehen hat, und ist on sache (grund) auffgeblasen in seinem fleischlichen sinn. Coloss. 2, 18. mit bestimmterem attribut christlicher, heidnischer sinn: jene schilderung des alterthümlichen, auf diese welt und ihre güter angewiesenen sinnes führt uns unmittelbar zur betrachtung, dasz dergleichen vorzüge nur mit einem heidnischen sinne vereinbar seyen ... dieser heidnische sinn leuchtet aus W(inckelmann)s handlungen und schriften hervor. Göthe 37, 23. ähnlich deutscher sinn (gesinnung): deutscher sinn ist ehrenpreis. Simrock sprichw. 1550;
deutsche sinnen sind gefallen, deutsche reden sind gestiegen;
scheint also, man lasz an worten mehr als thaten jhm genügen.
Logau 2, 124, 27;
ach, herr Eitzen, wehrter mann,
den kein Teutscher tadlen kan,
der noch teutsche sinnen libet.
Rist Parn. 768.
jugendlicher sinn: es erniedrigt sich selbst wer zuerst jung sein will, und dann alt, wer zuerst allein herrschen läszt was sie rühmen als jugendlichen sinn, und dann allein folgen was ihnen der geist des alters scheint. Schleiermacher 3, 1, 417 (monol. 5). diese verbindungen sind theilweise auch zu compositen verschmolzen, wie edelsinn, geradsinn, leichtsinn (ferner frohsinn, trübsinn zu 8, scharfsinn, tiefsinn zu 10 u. a., vgl. Grimm gramm. 2, 646). ferner beruhen auf dieser gebrauchsweise wendungen wie die folgenden: gleich wie der ofen bewert die newen töpffe, also bewert die trübsal des menschen sinn. Syrach 27, 6;
ich kenne woil uwern sinne und mut.
Alsf. passionssp. 1661;
mein fraw ist oft mitsam und güetig,
sie ist auch oft zornig und wüetig ..
mein weib ist erbar, trew und früm,
doch nit eins sines alle stünd.
H. Sachs fab. u. schwänke 1, s. 222 (70, 127);
alsbald die haube deckt das haupt, entdecken sich die sinnen,
die nicht, wie wann sie jungfern sind, die weiber bergen künnen.
Logau 3, 158, 19;
sieht man am hause doch gleich so deutlich, wesz sinnes der herr sey.
Göthe 40, 258 (Herm. u. Dor. 3).
8)
ferner ist der sinn der sitz des gefühls, der stimmungen, also synonym mit gemüth: sinn, m. empfindlichkeit, f. sentiment. Hulsius 298ᵇ.
a)
manche der unter 7 behandelten verbindungen begegnen auch in der bedeutung eines vorübergehenden gemütszustandes, einer stimmung:
wîf is ên sônerinne
mannes torne unde bôser sinne.
vruwenlof 92;
de konnynck myt der konnygynne
weren beyde van swareme synne (bedrückt und nachdenklich).
Reineke Vos 3136;
seitdem sie das gesagt hat, ist mir nicht wohl zu muthe. ein schwerer sinn lähmt jede freudige bewegung. Iffland 5, 251 (hagest. 2, 5); ähnlich auch:
hab' oft einen dumpfen düstern sinn,
ein gar so schweres blut!
Göthe 1, 19.
andre verbindungen gehören immer hierher:
thô sprah si zi themo kinde   mit gidrôstemo sinne.
Otfrid 1, 22, 42;
dô gink he vôrbat alsô bolde
unde gink dâr dor mit kônem sinne.
van d. holte des hill. cruzes 111;
se ghyngen hen myt drovigen synnen,
Isegrym unde Brun, vor de konnygynnen.
Reineke Vos 2022;
hilf, dasz mein gesunder mund
und erfreute sinnen
dir zu aller zeit und stund
alles liebs beginnen!
P. Gerhardt s. 247, 110 Gödeke;
die rose, strebend selber auch
mit freud'gem sinn empor.
Grillparzer⁵ 1, 174.
nd. de dulle sinn die böse laune. Dähnert 424ᵃ. mit bildlichen ausdrücken:
mein armer sinn
ist mir zerstückt.
Göthe 12, 177;
da sprach sie, die der schmerz beklemmte, ...
mit von kummer erschüttertem sinn.
Rückert (1882) 12, 31 (Nal 7);
so sprach der alte held in tiefbewegtem sinn.
173 (Rostem 47);
so wäre mirs leicht sie mitten im schmerz noch ärger zu zermalmen, und dem zerknirschten sinn noch das geständnisz auszupressen, dasz nur innre trägheit war was sie als äuszere gewalt bejammern. Schleiermacher 3, 1, 398 (monol. 4). auch hieraus wachsen zahlreiche zusammensetzungen (vgl. 7 gegen ende), so auch: nach so langem kühl- (nicht kalt-) sinn ... sah er sich ordentlich genöthigt, wahre rührung vorzuholen. J. Paul Titan 3, 166. — mhd. auch genitivisch:
dô bat sis alsô lange   mit jâmers sinnen starc,
daʒ man zebrechen muose   den vil hêrlîchen sarc.
Nibel. 1008, 3.
b)
empfindungen u. s. w. spielen sich daher ab im sinne: daʒ ih mih erquam in mînen gedanken unte in mînemo sinne. Williram 79, 7;
de konnynck unde de konnygynne
worden vorschrecket in ereme synne.
Reineke Vos 3132;
desz freut er sich in seinem sinn.
P. Gerhardt 12, 149 Gödeke;
was kränkst du dich in deinem sinn
und grämst dich tag und nacht?
41, 57.
so auch:
und plötzlich wird ihr sinn
voll groszer schwerer sorgen.
14, 45.
c)
oder der sinn ist als subject zu ihnen gesetzt:
Seth bôt sîn hôvet tôr dôren in,
eme vrôwede herte unde sin.
van d. holte des hill. cruzes 134,
seyd gesichert, dasz mein sinn sich in eurem gnügen weide.
Logau 2, 142, 7.
bildlich in der redensart: 't sin lêp hum afer, lief ihm über, er geriet auszer sich, wurde böse, toll. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ.
d)
sinn als object zu verben:
verzagen mir die sinne
al ze dicke rüeret.
Laber jagd 368;
ein redde besweret mer min sinne,
da ich sere bekummert midde bin.
Alsfeld. passionssp. 5124;
hier trübe deine sinnen,
o mensch, und lasz die thränenbach
aus beiden augen rinnen.
P. Gerhardt nr. 32, 49 Gödeke;
immer erschien er (der Rhein) mir grosz, und erhob mir sinn und gemüthe.
Göthe 40, 242 (Herm. u. Dor. 1).
auffällig: wer heftig den sinn regte, der kam bei diesem spiel in gefahr. Freytag ahnen 1, 346. — so auch mit bildlichem ausdruck in den sinn beiszen, verdrieszen, kränken: dieweil er den hertzogen ... nicht zuvor gesegnet, hat es denselbigen in seinen sinn gebiszen, und war eine ursach, dasz weder sie oder ihre diener fürter guten willen .. zusammen trugen. Kirchhof wendunm. 3, 64 Österley (4, 55).
e)
besonders häufig und auch jetzt noch üblich ist zu sinne sein, gleichbedeutend mit zu muthe sein: denn er war so gar erschrocken, das er aller zitterte, daraus man leichtlich spüren kundte wie ubel jm zu sinn war. 2 Macc. 3, 17; also braucht Habacuc hie malerkunst, das er den einzug der feinde für die augen malet, und daneben anzeigt, wie denen zu sinn ist, den es gilt, nemlich, das sie dünckt, es sey mit jnen nichts anders, denn das sie sich müssen fressen lassen. Luther 3, 234ᵃ; denn es seind allein blosse wort, und vergeblich geschwetz, derjenigen, die nicht erfaren, wie einem erschrockenen gewissen zu sinne ist. 6, 422ᵃ (Just. Jonas); Mosi ist alhio zu sinn gewesen, als müste er sterben. 16, 65, 24 Weim. ausg.; lieber, wie mainstu, dasz diesem betler zusinn und zumut sein würde? Gretter erkl. der ep. Pauli an die Römer (1566) 284 (vgl. unter stück);
och wo rechte wunderliken is mi to sinne!
des dodes danz 233 Bäthcke;
mer ist also leit zu sinne.
Alsf. passionssp. 2217;
nun ist mir anderst nit zuͦ sinn,
dann sey mein leben halb von hinn.
Schwartzenberg Cic. 151ᵇ;
da was dem fuchsz nicht wol zu sinn,
er dacht, es ist hie kleinr gewinn.
Alberus fabeln s. 98 neudruck (21, 289).
ungewöhnlich dafür: er (Wieland) dichtete als ein lebender und lebte dichtend. in versen und prosa verhehlte er niemals was ihm augenblicklich zu sinne, wie es ihm jedesmal zu muthe sey. Göthe 32, 238. — auch in bezug auf körperliches befinden: nd. ik bün nig good to sinn, unmutig, kränklich. Schütze 4, 104; good to sinn (to mode, togg u. s. w.) wäsen, sich wohl befinden. schlecht (mall) to sinn, unpasz. Stürenburg 246ᵇ.
f)
etwas zu sinne nehmen, sich zu herzen nehmen: se en hedden des so archliken nicht ghemeynet, alse de rad sek dat to synne ghenomen hedde. d. städtechr. 16, 76, 18; to sinnen nemen, empfindung wovon haben. Dähnert 424ᵃ. auch sich zu sinne ziehen, dolore adfici, moerore adfligi. Frisch 2, 279ᵃ. selten und jetzt kaum noch gesagt. (zu sinne nehmen häufig in anderm sinne, s. 15, b.) — in sinn ziehen, sich einbilden (?): wie nun die gesellschafft es merckete, und dieses Cimons wohl lachen muste, sonderlich weil er sich noch viel dabey in sinn zog, brach einer heraus: monsieur Cimon, ihr seyd ein einfältiger tropff, ihr habet das carmen ohne nachdencken auszgeschrieben. Reinhold reime dich s. 25. sich anmaszen, sich etwas herausnehmen: da hiesz es, was ziehet sich der pfaff wohl in sinn? was gehet jhn unser fressen und sauffen [[undefined:etc]]. an? Phil. Lugd. 3, 252.
g)
speziell erscheint der sinn zuweilen als sitz der liebe (wie häufiger das herz), vgl. 4, c. 5, h. 15, h. andre wendungen: genug! sie hat allen meinen sinn gefangen genommen. Göthe 16, 24;
dasz all mein mut und sinn
in deiner liebe brennen!
P. Gerhardt nr. 74, 17 Gödeke;
aber keiner, als ihr vielgetreuer
rührte jemals ihren sinn.
Hölty s. 60 Halm.
gegenstand der liebe (? vgl. 6, g):
du meines herzens herz und sinn!
P. Gerhardt nr. 13, VI, 19.
h)
noch seltner bezeichnet sinn prägnant einen bestimmten gemütszustand. so wird es im Vinschgau für 'zorn, verdrusz, ärger' gesagt. Schöpf 676. — unklar ist folgende stelle:
das glick ist allen gleich und gut,
ja auch beständig heut und morgen.
den reichen gibt es forcht, müh, sorgen,
den armen hofnung, sinn, und muht.
Weckherlin ged. 811 (epigr. 48).
9)
am häufigsten geht indessen sinn auf die geistige, intellectuelle, verstandesmäszige seite des menschen.
a)
sinn (der) verstand, das fassen unnd erwütschung unsers verstands, sensus. vernunft, gemuͤt, meinung, mens, comprehensio. Maaler 374ᶜ; gemuͤt, der sinn, die gedancken, maynung, sensus quo aliquid percipimus. Henisch 1489, 22; sinn, senso, intelletto, intendimento, it. ingegno, spirito, animo. v. verstand. Kramer dict. 2, 816ᵇ.
b)
sehr gewöhnlich wird dafür in der ältern sprache, oft ohne ersichtlichen grund, der plural gesetzt, vgl. auch 17: aber sy als die lärer dann eyn hol ror was und die sich mit synnen Salomon meynet geleich wär, und bei eynem iungen kalb mer vernunft unnd synn wären funden worden, ires vettern Frescho czüchtige straff nicht vernam. Steinhöwel Bocc. 397, 29 Keller (6, 8); aderlassen .. läutert die sinn. Wirsung arzneib. 20 D; den mund damit geschwencket .. trucknet das hirn, und stärcket die sinn. Tabernaemont. 728 C;
uwer sinne sint wisheit vol.
Alsf. passionssp. 1673;
Capito hat kopffs genug, wenig aber hat er sinnen;
wie ein mon-kopff lauter schlaf, sonsten hat er nichts darinnen.
Logau 2, 197, 11;
in vielen fällen läszt sich nicht entscheiden, ob nicht vielmehr die bedeutung 18 anzunehmen ist.auch in der neuern sprache, besonders in der dichtung, begegnet der plural sehr oft in einem ähnlichen unbestimmten sinne, vgl. 17.
c)
in verbindung mit synonymen: unde bediû uuard ih sament in mînes sinnes unde mînero fernumeste ze niêhte brâht. Notker ps. 72, 22; und ist daʒ haupt (daʒ ist der sin oder diu vernunft) klain. Megenberg 115, 18; dar umb ist er (zwiebel) der vernunft und dem sinn schad. 388, 33; muͤs noch wol als viel synn und witz brauchen, als er ymmer gethan hat. Luther 15, 128, 17 Weim. ausg.; nimb Madlenenkraut .. und zwage damit, disz kräfftiget haupt, hirne, sinn, sonderlich die gedächtnisz. Wirsung arzneib. 43 C; sonderlich werden .. die geister erquicket, sinn, vernunfft und gedächtnusz geschärffet. Tabernaemont. 758 A; diese lattwergen .. schärpffet sinn und verstand. 1032 E;
sie ne habent sin noch gedanc.
Silvester 454 Schröder;
Martha, hettestu sinn und witzen,
du hisszest din honer ubber die eier sitzen.
Alsfeld. passionssp. 1926;
ich (frau Venus) kann jn nemen sinn und witz.
H. Sachs fastn. sp. 1, 20 neudruck;
ja, het der pfaff sin und vernunft,
so lies er uns gar wol pey er.
6, 33;
sinn im plural: das die erbar frawe Angnesz Radefeldyn vor unsz ist komen bey gesundem leibe mit gantzer vornufft ör synne und verstendigkeit. urkunde von 1432 bei Haltaus 1688; vulheit vordervet sinne unde wit, ebrietas aufert animos et mentis acumen. Tunnicius 909; god gaff den menschen voer ander creature synne, witte, rede und verstant. Veghe 139, 36 Jostes; allmechtiger gott, verleih uns fürsichtigkait, weishait, vernunft und sinne, dasz wir noch hinfüro das best für uns nemen! d. städtechron. 5, 205, 2; nuͦ bittent got, daz er uns kraft und maht gebe und sinne unde witze, daz wir sü also vollebringent. 8, 117, 3; unsere sinnen und verstand gleichen der schärfe oder schneiden an den messern; lässet man solche ungenüzt liegen, frist sie der rost. Butschky Pathmos s. 394;
do het in bevangen
des alters überlast,
dâvon im gebrast
witze und sinne.
Ottokar reimchron. 34454.
d)
gegensätzlich wird sinn mit dem leibe bezw. einzelnen gliedern zusammengestellt: denn wenn an der einen seite diejenigen stehen, die sich mit den einfachen und rohen erzeugnissen beschäftigen, an der andern solche, die schon etwas verarbeitetes genieszen wollen, so vermittelt der gewerker durch sinn und hand, dasz jene beiden etwas von einander empfangen. Göthe 24, 239;
nicht mir den weisen mund den Amadis gelehret!
ob zunge lauffet gut, ist sinn doch gantz versehret.
Logau 2, 66.
in der bibel werden sinn (νοῦς) und geist (πνεῦμα) geschieden, sodasz jenes den klar bewuszten, dieses den religiös erregten, ekstatischen zustand (bezw. theil) der seele bezeichnet: so ich aber mit zungen bete, so betet mein geist, aber mein sinn bringet niemand frucht .. ich wil beten mit dem geist, und wil beten auch im sinn. 1 Cor. 14, 14 f.
e)
daher geht das denken und die geistigen prozesse im sinne vor sich: wann wir in unsern sinnen betrachten sulche sorge und vlisse. urk. Karls IV. von 1361 bei Haltaus 1688; gleich wie die prima principia, das ist, gewisse regel uber die ding die man allein im sinn auszrechnet, dem theil des menschlichen verstands, den man theoreticum nennet, von natur sein eingepflantzet. Gretter erkl. der ep. Pauli an die Römer (1566) 128;
si gedâhte in ir sinne.
Nibel. 1188, 1.
nd. ik dacht(e) in minem sinn(e) bei mir selbst. Dähnert 424ᵃ. Woeste 237ᵇ, so auch sonst in der umgangssprache sehr gewöhnlich (im gegensatz zu der lauten äuszerung des gedankens).
f)
daher auch mit dem sinne denken, doch nur mit verstärkenden zusätzen:
hyr mod ik up dencken myt allen synnen.
Reineke Vos 1946;
dar uff wel ich dencken mit sin und wiczen.
Alsfeld. passionssp. 255.
g)
der sinn als inbegriff der gedanken: so vilerley gedanken der sinn begreifft, fast so vielerley veränderungen kan eine geübte stimme hören lassen. Butschky Pathmos s. 165. als subject des denkens:
mein sin der urtailt und mein list,
welcher man ain frauenschender ist
den schol man schwerzen als ainn morn.
fastn. sp. 705, 22;
wie mein sinn überleget.
Rückert (1882) 12, 37 (Nal 9).
vgl. auch: wir wissen aber, das der son gottes komen ist, und hat uns einen sinn gegeben, das wir erkennen den warhafftigen. 1 Joh. 5, 20.
10)
sinn in verbindung mit adjectiven und verben (als object), wobei oft schon eine spezialisierung der bedeutung eintritt (vgl. die nächsten abschnitte):
a)
gute sinne, besonders in älterer sprache: ist er niht wizic und hat er niht gute sinne, swie alt er ist, so enmac er doch der aller keineʒ gesin, die phleger namen hânt. Schwabenspiegel 52, 3; Honorius der vierde ein Römer was bobest 2 jor. und was lam an allem sime libe und hette doch guͦte sinne. d. städtechron. 9, 577, 4;
ein wîb darf guͦter sinne,
daʒ man icht bœser mære
von ir sagen beginne.
Laber jagd 619.
b)
das gegentheil:
er chod 'hie ist niemæn inne   so bosir sinne,
die des niht versten'.
exod. 148, 1 Diemer.
auch kranker sin (schwacher geist):
habe ich nû alsô kranken sin.
pass. 5, 87 Köpke.
dafür nhd.:
halt ein, mein schwacher sinn, ...
wilst du, was grundlos, gründen?
P. Gerhardt nr. 52, 79 Gödeke.
nhd. (älter) besonders blöde sinne (vgl. blödsinn): mir sind drey exempel bekannt, schreibt ein alter prediger, solcher personen, die in öffentlichen sünden gelebet, dasz sie in ihren besten jahren von gott mit blödem sinn gestraffet worden, dasz man vor ihrem ende von der busse und besserung nicht einmahl mit ihnen reden können. Sperling Nicodemus quaerens 2 (1719), 155; die blödigkeit unserer sinne und verstandeskräfte läszt uns fehler in schönheiten finden, indem wir alles nur stückweise betrachten. Hamann 1, 104;
rühre meine blöden sinnen,
dasz sie recht erkennen können
ihren heyland.
Schuppius (1701) 206;
und weil unsre blöden sinnen
ohne dich nichts guts beginnen.
207.
c)
rechter sinn:
weiche gott und rechtem sinn, werther freund, und dich zusammen
sey zu sammlen nur bemüht!
Logau 2, 47;
die kenntnisz alter sprachen und des besten
was uns die vorwelt liesz, dank' ich der mutter;
doch war an wissenschaft, an rechtem sinn
ihr keine beider töchter jemals gleich.
Göthe 9, 105 (Tasso 1, 1);
gesunder sinn (wie sonst gesunder menschenverstand): es kann auch seyn, dasz ich das pulver nicht erfände — aber so viel gesunden sinn, als man für's haus braucht, traue ich mir zu. Iffland 1, 47 (jäger 2, 5). vgl.: mit gesundheit libes und der sinnen. urkunde von 1369 bei Haltaus 1688. sinn(e) stärken, kräftigen, s. Tabernaemont. und Wirsung unter 9, b. c.
d)
stumpfer sinn, sensus hebes, tardus, stupidus. scharfer sinn, acutissimus, acerrimus. Stieler 2031, geht sowohl auf die receptivität (vgl. 14), wie auf den erdenkenden verstand, vgl. scharfsinn, stumpfsinn. den sinn schärfen: er (der stein) scherpft den sin. Megenberg 467, 10; uber das haben sie (nägelein) eine krafft die sinn zu schärffen. Tabernaemont. 1318 F; an diesen gehen auch die wohlthätigen bilder verloren, deren sanfter reiz den stumpfen sinn schärfen soll und spielend belehren. Schleiermacher 3, 1, 351 (monol. 1), s. auch unter 9, c. — feine, plumpe sinne: plumpe sinne behalten wol. Petri R r 1ᵃ; der stücklin seines gelencken sinnes sind viel mehr. Luther 3, 46ᵃ.
e)
weiser sinn: (Melchisedek) pald sein weise sinne gespiczet het, dem soldan antwürt und sprach. Steinhöwel decam. 33, 36 Keller (1, 3); oft auch geben die götter dem jüngern weisen sinn. Klinger 2, 96;
weiser sinn und weisses haar
sind ein wol gepaartes paar.
Logau 3, 229, 58.
mit verschobener fügung:
van sinne, witten he was klok.
Gerhard v. Minden prol. 3 Leitzm.;
ein reynes wib ist synne wisz (klugen sinnes).
Muskatblüt 47, 69;
weise von sinn und stark von hand.
Rückert (1882) 12, 7 (Nal 1).
ähnlich: die uber 12. jar und vornunfftiger synne sint. urk. von 1421 bei Haltaus 1688;
wer gelt nimpt, do keyns nit ist, ...
der ist von kunsterichen synnen.
Murner schelmenz. 10, 6.
das gegentheil:
sondern ich hab geliden grosse not:
das machet mein viel tumer sinne.
bergreihen s. 34, 28 neudruck (16, 1);
rühre durch der weiszheit hand
meiner sinnen unverstand.
Schuppius (1701) 207.
dafür mhd. auch taub:
sumelîche wâren der sinne toub.
livländ. reimchron. 9330 (vgl. oben);
synne, witz macht er dich tauber.
Muskatblüt 50, 65;
oder blind:
die rîchen alle wîse sint:
der armen sinne dunkent blint.
Vridanc 42, 18;
en ape was van sinne blint.
Gerhard v. Minden 103, 1 Leitzm.
vergl. auch:
wô was ik mînes sinnes sô dul
dat ik up dî sitten scholde.
van d. holte des hill. cruzes 592.
in ähnlichem sinne sagt Luther auch: das jr nicht mehr wandelt, wie die andern heiden wandeln, in der eitelkeit jres sinnes, welcher verstand verfinstert ist. Eph. 4, 17 (ἐν ματαιότητι τοῦ νοὸς αὐτῶν, Weizsäcker: in der eitelkeit ihres denkens, verfinsterten sinnes).
f)
hoher sinn, so stehend in der bezeichnung des Petrus Lombardus als der meister von hohen sinnen ('magister sententiarum'), vgl. 21, b und Ch. Schmidt hist. wb. der els. mundart 325ᵃ: darumb spricht der mayster vonn hohen synnen, als vor gesagt ist. Keisersberg schiff der penit. 36ᵃ; das auch die götlichen lerer sanctus Thomas und Bonaventura über das ander buͦch des meisters von den hohen sinnen setzend dise regel. irrig schaf D 1ᵃ;
wir wöllent mit dir disputieren
usz meister Peter von hochen synnen,
den du nit weist und wir wol kynnen.
Murner narrenbeschw. 5, 17
(vgl. Spaniers anm.; hier indessen doch wohl eher eigentlich zu verstehen);
durchgründen die dryvaltigkeit,
wie meister Peter lernt und seyt,
den man nent von hochen synnen.
17;
spricht meister Peter von hohen synnen.
gäuchm. 17, 67 (vgl. Uhls anm.);
dann auch in allgemeinerer verwendung: der Wittenbergische prediger von den hohen sinnen (Carlstad) schendet gottes gnade. Luther 3, 52ᵇ (entsprechend: wie denn der landleufftige prediger von tieffen sinnen pflegt zu toben. ebenda); nach deme kamen die philosophi: die herren von hohen sinnen. Philand. 1, 307;
noch kan die kunst der schelmen rot,
das sy mich uberreden kynnen,
wie das ich sey von hohen synnen.
Murner schelmenz. 12, 36;
ironisch:
und fragt der narr von hohen sinnen
me, dann viertzig gelerter kinnen
antwurt geben und berichten.
narrenbeschw. 61, 45.
g)
enger, weiter sinn, vgl.:
im engen kreis verengert sich der sinn,
es wächst der mensch mit seinen gröszern zwecken.
Schiller 12, 7 (Wallenst., prolog);
eine höhere ... gemeinschaft der geister ahnden, und beschränktem sinn und kleinen vorurtheilen zum troz sie fördern wollen, ist eitel schwärmerei. Schleiermacher 3, 1, 386 (monol. 3). seltneres, fester sinn:
fest bleibt dein sinn und richtig dein geschmack,
dein urtheil g'rad.
Göthe 9, 105 (Tasso 1, 1).
harter sinn, langsam und schwerfällig zum lernen oder begreifen (gewöhnlicher harter kopf): einen harten sinn haben, haver' il senso cioè l'ingegno, l'intelletto, spirito duro, indocile, asinesco, stupido. Kramer dict. 2, 816ᵇ. ähnlich: dies ist die innige und nothwendige nur thoren und menschen trägen sinnes unerklärte .. verbindung zwischen thun und schauen. Schleiermacher 3, 1, 364.
h)
wie in der unter e angeführten stelle aus Logau, so wird der sinn mit den haren in parallele gestellt in der sehr verbreiteten sprichwörtlichen redewendung: lange haar und kurzer sinn 'wird von unbesonnenen, vergeszlichen mädchen gesagt' Schmid 626, meistens indes als abschätzige bezeichnung des weiblichen geschlechts überhaupt. kurzer sinn kommt nur in dieser redensart vor und besagt, dasz die gedanken nicht weit reichen, dasz man nur das nächste sieht und bedenkt. in gleichem sinne auch: wyve hebben lange kleider unde einen korten sin. (veste sub oblonga mulieri mens brevis errat.) Tunnicius 1047;
kurtze synn und lange kleyder
tragen die frawen unnd die meyde.
quelle bei Wander 4, 572, 29.
minder gewöhnlich ist krûs hâr, krûs sin. Tunnicius 1290 ('quis calamistratus pilus est, cito bile tumescunt', danach also unter 7 einzuordnen).
i)
helle, frische, wache sinne: schöne ruhe des klaren sinnes, mit der ich heiter die zukunft .. begrüsze. Schleiermacher 3, 1, 396 (monol. 4); jährlich am st. Johannisabend warden unweise, arme menschen zu ihm geführt, die lehnten ihr haupt auf seine rechte schulter, da wurden sie wieder heller sinne. Brentano 4, 105; ich habe heute früh schon meine traurigen stockenden geister im schnee gebadet. ich dencke das soll ihnen frische sinnen geben. Göthe br. 3, 207 (an Chr. v. Stein, den 12. jan. 1778);
neuen lebenslauf
beginne,
mit hellem sinne.
werke 12, 83;
eia! wie so wach und froh,
froh und wach sind meine sinnen!
Bürger 28ᵇ.
ungewöhnlich ist freier sinn: eyn recht guͦt urteyl das musz und kan nicht ausz büchern gesprochen werden, sondern ausz freyem synn daher. Luther 11, 279, 32 Weim. ausgabe. müde, matte sinne:
welch ein wahn betäubt die müden sinnen!
E. v. Kleist 1, 63.
die ermüdete, ermattete sinne durch den schlaf erlaben. der schlaf bindet die sinne, il sonno lega i sensi. Kramer dict. 2, 815ᵃ; was die letzte nacht mich ungewisz auf meinem lager wachend hielt, das schläfert nun mit unbezwinglicher gewiszheit meine sinne ein. Göthe 8, 296 (Egmont 5).
k)
verrückte, zerrüttete sinne: schulgezencke solcher menschen, die zurütte sinne haben, und der warheit beraubt sind. 1 Timoth. 6, 5; niemandt verwundert sich, dasz diejenigen, so in täglichem füllen, unmessigen fressen, sauffen, unzucht .. ire zeit zuͤbringen, in verrütte sinn und wanwitzigkeit gerahten. Kirchhof wendunmuth 1, 130 Österley (1, 102); o des verschrobenen sinnes, dem in so niederm gözendienste das höchste gern zu opfern tugend scheint. Schleiermacher 3, 1, 384 (monol. 3);
mit groben schwencken war jhm wol.
darauff er legt all seinen fleisz,
in masz samb wer er nit wol weisz
und etwas von zurüten sinnen.
H. Sachs 4, 3, 59ᶜ;
schweig, alter, grauer thor! wir sind nicht da,
dir die verrückten sinnen einzurenken.
H. v. Kleist 3, 31, 14 Zolling (Käthchen 1, 1);
während ich nun euch ihr beschreibe,
hat die lächelnde mondenscheibe,
verwirrten sinns, mit eignem worte
mich erwählt, o ihr weltenhorte.
Rückert (1882) 12, 21 (Nal 4).
so auch: also sagt man zu denen, so in sinnen zerrüt und erschupfft seind, er geht in sinnen umb wie ein hundt in flöhen. Franck sprichw. 2, 58ᵃ. — ich versmähe iuch und gevahe tobende sinne (gerate in wut). Schwabenspiegel 173, 12.
l)
ähnlichen sinn hat in älterer sprache zerstreute sinne:
zwey esel ohren ich auch hab.
darbey nembt leicht ein weyser ab,
das umb mich ist die weiszheit klein,
zerstrewet sind die sinne mein.
H. Sachs 1, 540ᵇ (fab. u. schwänke 36, 32).
dasselbe bild liegt zu grunde der wendung seine sinne zusammennehmen, in sich gehen, sich bedenken: nun hat uns auch gott bishero durch zeichen und wunder allerley unglück andeuten lassen, darum nehme doch ein ieglicher eilend .. seine sinnen zusammen, und bekehre sich zu dem herrn, seinem gott. Sperling Nicodemus quaerens 1 (1718), 52 (vergl. 10, g zu ende).
m)
den sinn üben:
und tugent scheint ain hoher bergk.
wiltu recht klimmen auff dj spitz,
in guͦtem üb stet sinn und witz.
Schwartzenberg Cicero 124ᵇ;
besonders im part.: wolgeübete sinnen haben. Kramer dict. 2, 816ᵇ; geübete sinnen. Ebr. 5, 14, s. I, 5, a; das disputiren wird zu dieser unser zeit vornehmlich auf academien gebraucht und getrieben; und soll theils dazu dienen, dasz junge leute geübte sinne kriegen, und geschickt werden, denen adversariis desto besser zu begegnen. Chr. Gerber sünden der welt 1, 584;
in die zeit sich schicken können,
können nur geübte sinnen.
Fleming 469.
n)
das ist der grössist schade an herren höffen, wo eyn furst seynen sinn gefangen gibt den grossen hanszenn unnd schmeychlern. Luther 11, 274, 15 Weim. ausgabe (in anderm sinne 8, g).
11)
im allgemeinsten und umfassendsten verstande steht sinn für das bewusztsein, die bewusztheit oder besinnung. die hier behandelten ausdrücke kommen zum theil auch in andrer bedeutung vor, vgl. 12, sodasz eine genaue sonderung in vielen fällen nicht möglich ist. sehr gewöhnlich ist auch hier der plural. dabei denken wir leicht an die bedeutung 18, wie die unter b angezogene stelle aus Bürger zeigt.
a)
die sinne vergehen, wenn einer das bewusztsein verliert (in ohnmacht, tod oder schlaf): do vergieng ir der sin, das bewusztsein, s. Schm. 2, 293; d' sinne sind-em fergange. Hunziker 242; laszt mich! meine sinne vergehn. Göthe 10, 90 (Clavigo 3);
da's braune mädel das erfuhr,
vergingen ihr die sinnen.
249 (Claudine 2);
wehe! mir vergehn die sinnen!
57, 216;
und wie die sinne langsam mir vergehen,
trägt mich ein hauch zu morgenroten höhen.
Körner 1, 72 Fischer ('abschied vom leben').
so auch: alle meine sinnen waren hinweg. Schiller 2, 125 (räuber 3, 2 schauspiel);
brich dich aus mein hertz: ihr sinnen
seyd schon hin! der todt ist dar.
Finkelthaus d. ges. A 6ᵇ.
die sinne kommen zurück, z. b. nach einer ohnmacht: cimbr. ist bidar gakeart de sinne, è ritornato il senno. cimbr. wb. 231ᵃ.
b)
die sinne rauben, nehmen:
wand im hete der leu benomen
sô gar die kraft untten sin
daʒ er vür tôt lac vor in.
Iwein 6783;
ach, warum nimmt mein elend
mir nicht die sinnen ganz?
Wieland suppl. 4, 300;
doch als er leise vor's bettchen kam,
o weh! da nahm
der schrecken ihm alle fünf sinnen.
Bürger 80ᵇ.
der sinne beraubt u. ähnl., ohne bewusztsein, betäubt:
und pin verzuckt,
der synnen ploslîch entruckt.
Wolkenstein 88, 3, 5;
dasz Send am boden lag, leblos, des sinns beraubt.
Rückert (1882) 12, 198 (Rostem 71).
c)
sinn(e) haben, behalten, verlieren und ähnl.: und erquamen die toten siner martere unde sines todes die doch niht mochten gesprechen noch sinne hatten. Schönbach pred. 1, 13, 19; des geleichen lagen den (l. die?) zwen herrn do als ob sy tod wärent und das sy von anmacht kain sün mochten haben. Wilh. von Österreich 23ᵇ;
dane was der wetthero (wächter am grabe) nechein,
di dâ behîlden iren sin:
so engeslich ward iʒ under in.
denkm.³ 2, 105 (Friedberger Christ u. Ant. Eᵇ, 13).
d)
bei sinnen sein: wol bey sinnen, wol bey im selbs, mentis compos, compos animi. Maaler 374ᵈ; er ist kaum bey sinnen, mente vix constat. 373ᶜ; nit bey sinnen, der nit bey jm selbs ist, exul mentis. ebenda. (häufiger wol im sinne 12, e, vgl. daselbst); er ist bi sinne (plur.) Hunziker 242. das gegentheil: er ist fo sinne. ebenda;
bin ich bey sinnen, bey verstand?
Göckingk 3, 139;
hier sank sie auf den sand,
ganz matt durch langes reiten
und herzensbangigkeiten,
von sinnen und verstand.
Bürger 23ᵇ.
ohne sinn(e):
er lac dâ als ein tôter man
âne kraft und âne sin.
Wigalois 7920;
das er ab dem kasten darauf er entschlafen was zuͦ der erden fiel eynem andern toten menschen geleiche on alle synn und vernunft. Steinhöwel decam. 302 Keller (4, 10). — von sinnen kommen, sein (vgl. 12, f):
von jâmer wart im sô wê,
daʒ er vil nâch als ê
von sîme sinne was komen,
unde im wart dâ benomen
des herzen kraft alsô gar
daʒ er zer erde tôtvar
von dem orse nider seic.
Iwein 3939.
dafür auch: da sie .. sich alle tage mit brandtewein, meeth und bier also anfüllen, und sich mit dem trincken letzen, dasz sie von ihren sinnen nichts wissen. Olearius reisebeschreib. 161ᵇ; in diesem zustande schlief er einige stunden ohne von seinen sinnen zu wissen, als er aber wieder zu sich kam, schämte er sich dieser ausschweifung. Forster reise 1, 306.
e)
mhd. findet sich vremder sin für den zustand der ekstase, verzückung (vgl. Wolkenstein unter b):
beide gebet unde andacht,
die heten zeimâl in bracht,
daʒ er in vremden sin quam.
pass. 361, 6 Köpke;
vgl. dazu Wieland 1, 279 unter 17, a. einen gelinderen zustand der geistesabwesenheit bezeichnet die scherzhafte sprichwörtliche redensart: sie haben jr sinn zuwaschen geben. die verzuckt in weite land dencken, und nit sein da sie seind, der gemüt wandert und ist in frembden landen. Franck sprichw. 2, 69ᵇ.
f)
auch die unter a angeführten redewendungen bezeichnen häufig einen schwächeren grad von bewusztseinsstörung, wo jemand nicht bei völlig klarer besinnung ist, nicht ganz seiner geisteskräfte herr ist, besonders im banne eines heftigen gefühls: die ältesten, die ohne sinne waren, wie sie um's bette standen. Göthe 16, 85;
ich schwör' euch, ihr vergehn die sinnen.
12, 140.
deutlicher drücken dies andre verbindungen aus: sie sah mich an — alle sinnen gingen mir um. und ich fühlte ihre lippen auf den meinigen. 8, 197 (Egmont 1); lasz mich allein! — meine sinnen verwirren sich; ich musz luft haben, um die tausend gedanken, die in mir durch einander gehn, zurecht zu legen. 14, 70 (triumph der empfinds. 6); und mit mir ist es aus! meine sinnen verwirren sich, schon acht tage habe ich keine besinnungskraft mehr. 16, 153; ihre sinnen verwirrten sich ... die welt verging ihnen. 176;
und um mich war's gar bald gethan,
die sinnen gingen mir über.
2, 194;
dasz der hörer ganz erschrocken
fühlet sinn und sinne stocken.
3, 110;
alle sinne wirbeln taumlich.
41, 249 (Faust II, 3);
mir schwindeln alle sinnen.
Eichendorff² 1, 393.
g)
ähnliches: halt' diese bangigkeit, diese verlegenheit, die dir alle sinne zu übermeistern scheint, nicht für eine wirkung des hasses. Göthe 10, 84 (Clavigo 3);
eur lieb die hat uns so entzündt,
das wir keins sinns nicht mechtig sind.
Rebhun Sus. 3, 2, v. 58;
meine sinnen
vom wilden sturm der weltregierung eingelullt.
Schiller 1, 332 (Semele 2, 573);
sieh her und bleibe deiner sinne meister!
13, 393 (Turandot 2, 4);
gott, er verwirrt sich, er ist ausser sich —
fasz dich, mein sohn! o sammle deine sinne!
394.
h)
umschreibung für trunkenheit:
als dasz mein sinn in wein, und wein schwümm in dem sinne.
Logau 1, 97.
12)
während sinn in der bedeutung 10 mehr neutral den sitz und das organ des vorstellens angab und erst durch zusätze näher bestimmt wurde (guter — schlechter, weiser — dummer sinn), nimmt es sehr häufig den positiven sinn 'verstand, klugheit, überlegung' u. ähnl. an.
a)
der verstand im gegensatz zu andern seelenvermögen: der kalte sinn lös't den knoten nicht. Göthe 10, 187 (Stella 5);
statt den menschen in den thieren
zu verlieren,
findest du ihn klar darin,
und belebst, als wahrer dichter,
schaf- und säuisches gelichter
mit gesinnung wie mit sinn.
2, 168 (an Tischbein).
verständigkeit, dem wahnsinn gegenübergestellt:
o! sag mir, ich lüge! o sag, sie ist rein!
willkommner als sinn soll der wahnsinn mir seyn.
vom wahnsinn zum sinne welch glücklicher schritt!
vom sinne zum wahnsinn! wer litt was ich litt?
40, 397 (Pandora).
klugheit: nun durch synne und weistum der künige (könig) sein reiche in gutem stant und fride hielte. Steinhöwel decam. 171, 34 Keller (3, 1); die selbig meyd von eynem iren vettern gestrafft ward, unnd ursach weniger synn sein rede nicht vername. 396 (6, 8); ain frow hett ein tochter, die waz iunkfrow, doch gar torocht; die bat die gött emsiglich, daz sie ierer tochter sinn yn wöltent gieszen. Esop s. 74 Österley. als eigenschaft einer person:
fürstin, der geht blind davon, der die sonne sihet an;
der verzuͤckt, der euern sinn bey der schönheit sehen kan.
Logau 1, 223, 19.
daher auch: er hält mich für einen menschen von sinn. Göthe 16, 59.
b)
sinn haben verständig sein (in älterer sprache):
guotiu wîp, hânt die sin,
deste werder ich in bin.
Parz. 827, 25;
wir sulen mit triwen iwerm gebote
immer blîben, hab wir sinne.
Willehalm 252, 7;
heb gy macht, so hebbet dâr sin by!
Theoph. 289;
haben wyr denn nicht synn odder oren? Luther 15, 87, 35 Weim. ausg.; item wirt von jemandt, der jugent oder anderer gebrechlicheyt halben, wissentlich (bekanntermaszen) seiner synn nit hett, eyn übelthatt begangen. Carolina art. 179;
ob weiber mügen verse schreiben?
disz ding zu fragen lasse bleiben
wer sinnen hat: dann, sollten sinnen
nicht auch die weiber brauchen künnen?
Logau 2, 40, 49 (vgl. unten 13).
noch mundartlich haben sinne aver giudizio. cimbr. wb. 231ᵃ; sprichwörtlich: wër nid sinn (gedanken, überlegung) het, het füesz. Hunziker 242. Seiler 260ᵃ. mhd. dafür auch:
si pflâgen witz und sinnen
an ir ietwederm teile.
Ottokar reimchron. 33933,
s. auch unter I, 4, d. weitere belege s. unter II, 9, b. c.
c)
den sinn, die sinne verlieren, den verstand, verrückt werden: seine sinne verlieren, von sinnen kommen, perdere i sensi, ò il senno, perdere il senso commune. Kramer dict. 2, 815ᶜ; und sy die übung der tugent nit mügen leiden, sy wöllen dann jre sinn verliern (als sy bedunckt). Keisersberg granatapfel J 5ᵈ;
vrouwe, ir mugt wol schouwen
daʒ er den sin hât verlorn.
Iwein 3399;
du host din sinne verlornn.
Alsf. passionssp. 1883.
mit synonymen: alle sinn und verstand verlieren, gar ab kommen, tota mente deficere. Maaler 374ᶜ;
hostu sin und wicze verlorn?
Alsf. passionssp. 624;
übertreibend, auszer sich geraten:
sinn und verstand verlier' ich schier,
seh' ich den junker Satan wieder hier!
Göthe 12, 127.
ähnlich: dann es sey in der hellen ein solches stetwehrendes heulen .., dasz einer schier sinn und witz vergesz. Ayrer hist. proc. 621.
d)
gleichbedeutend mit sinn als subject:
die sinne sint dir entrunnen.
livländ. reimchr. 6420;
hätt' ich es nicht gefangen,
so müszten mir entgangen
verstand und sinnen seyn.
Bürger 29ᵃ.
in anderm, schwächerm sinne die sinne stehn (= der verstand steht) mir still:
da däucht's der ganzen schaar
sie guckten durch eine zauberbrille:
sie schrien aus einem munde: fürwahr,
hier stehen einem die sinne stille!
Wieland 18, 244 (winterm. 1).
e)
wol bei sinnen, compos animi, mentis compos. Dasypodius; wol bey sinnen sein, mente consistere, suae vel sanae mentis esse. Maaler 374ᵈ; nit wol bey sinnen, nit durch einhin witzig, valetudo mentis. 374ᶜ; nit wol bey sinnen, ubel verwirrt sein, laborare cerebro. 374ᵈ; bey sinnen sein, seine fünf sinne haben, propr. sensibus praeditum ac instructum esse, communius autem: habere sensum incorruptum atque integrum, intelligere, animadvertere. Stieler 2030. läszt sich nicht scharf von 11, d scheiden. belege: Pietro ich lasz mich fürwar beduncken, dir traume oder du seyest nicht bei synnen. Steinhöwel decam. 459, 11 Keller (7, 9); bist du bei sinnen, Kallias? Wieland 2, 210 (Agathon 9, 3);
nu jeht, wie solt ich armeʒ wîp ...
alsolher nôt bî sinne sîn?
Parz. 616, 29;
Isegrym is nicht al by synnen ...
syne worde synt nicht al so klar.
Reineke Vos 5857;
herr Tannhäuser, nicht sprecht also,
ihr seid nicht wohl bei sinnen.
wunderhorn 1, 127 Boxberger;
bist du bey sinnen?
bedenk' doch, Illo, wo du bist!
Schiller 12, 176 (Piccol. 4, 7).
f)
das gegentheil heiszt von sinnen: wer sich herausnimmt, beleidigungen dieser art einer dame zu sagen, ... musz dieser dame eine grosze seele zutrauen, oder — von sinnen seyn. Schiller 3, 400 (kab. u. liebe 2, 3); sind sie von sinnen? 428 (3, 2);
al rasende, eft he were van den synnen.
Reineke Vos 697;
was dringt ihr alle wie von sinnen
auf den unschuld'gen jüngling ein?
Göthe 1, 212 (bez. 21, 80);
seltner im sing.:
arglistig halb und halb von sinne,
verschmachtend nach dem kelch der minne,
der stets an ihrem mund versiegt,
umgaukelt sie (die fes Morgane) des wandrers pfade.
Storm ged. 98.
von sinnen kommen, verrückt werden, exire de potestate. Dasypodius; von sinnen kommen, taub werden, dementire, labi mente. von sinnen kommen, externatus, taub worden. Maaler 374ᵈ; er wer von sinnen kuͦmen. Schönbach pred. 1, 54, 19, s. I, 4, d; (der stein medus) hailt die von iren sinnen koment in irem siehtum, die ze latein frenetici haiʒent. Megenberg 452, 32; denn sie sprachen, er wird von sinnen komen. Marc. 3, 21; die wirthschaftliche Krobyle wollte über eine so unzeitige spitzfündigkeit von sinnen kommen. Wieland 3, 258 (Agathon 14, 2); wäre es ein wunder wenn ich von sinnen käme? Göthe 14, 122 (grosz-cophtha 1, 1);
und wenn ich dich nicht sehen kann,
so komm ich von meinen sinnen.
wunderhorn 1, 282 Boxberger;
lasz mir das dumpfe glück, damit ich nicht
mich erst besinne, dann von sinnen komme.
Göthe 9, 242 (Tasso 5, 5).
dafür auch: do voͤr se van torne uth den sinnen. quelle bei Schiller - Lübben 4, 209ᵃ; hê râkde gans fan sinnen. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ (sowohl 'auszer bewusztsein', wie 'von verstande'). — von sinnen bringen, taub und unsinnig machen, externare. Maaler 374ᵈ; einen von sinnen bringen, stravolgere i sensi, il cervello, il senno ad uno. Kramer dict. 2, 815ᶜ; so auch bestimmter: das erstemal in seinem leben, dasz er carakter zeigt, sich interessirt, und mir seit 3 tagen den kopf fast von sinnen ängstiget. Herder bei Merck briefsammlung 2, 7.
g)
zu sinnen kommen, zu verstande, z. b. vom kinde: ih uuissa before sîna stat, unz ih unbedenchet uuas; so ih ze sinne cham, so fermissa ih iro. Notker ps. 36, 36. — gewöhnlich wieder zu sinnen kommen von einem, der von sinnen war: wider zuͦ sinnen kommen oder zuͦ seinem verstand, ad sanitatem redire. Maaler 374ᵈ; das wird er selbst begreifen, wann er wieder zu sinnen kommt. C. F. Meyer nov. 2, 149. dafür in älterer sprache auch greifen: unde hope, gy werden to sinne gripen (vernünftig werden) und van iuwen erdome treden. quelle (vom jahre 1516) bei Schiller - Lübben 4, 209ᵃ; das ein radt der altenstadt das barfuesser kloster hat lassen befehlen zuzustehen, bisz das rumorisch volck wieder zu sinnen greiffe. d. städtechron. 27, 172, 11.
h)
seiner sinnen gantz beraubet, corde captus. Maaler 374ᵈ;
du weiszt ja, dasz Kawus hat wenig hirn im haupt,
und heft'ger zorn ihn oft des sinnes gar beraubt.
Rückert (1882) 12, 183 (Rostem 57).
ohne sinn:
ein tobende brûder wundete in
der was leider sunder sin,
er was ûʒ den witzen komen.
livländ. reimchron. 7098;
milder:
er îst jà ă mensch, aͦls wiar ohne si ̃.
waͦs măr eam ságt, dös glâbt ă, und ăso lebt ă daͦhi ̃.
Hartmann-Abele volksschausp. 30, 253 (s. 261).
die bedeutung ist also streng zu scheiden von 11, c. d, wo dieselben und ähnliche verbindungen stehen für 'bewusztlos, ohnmächtig'.
i)
der sinn rät zum handeln; dafür in der älteren sprache auch: recht zuthunde und unrecht tzu vormyden, alse mich myne besten synne und witze anwiesen. Haller urkunde von 1425 bei Haltaus 1689;
sô rætet mir mîn bester sin
daʒ ichs mit rehten triwen phlege.
Parz. 5, 14.
so deutlich, der lust gegenübergestellt, womit sinn sonst auch synonym gebraucht wird:
aber mit zwang zieht neue gewalt, und ein anderes räth mir
lust, ein anderes sinn. das bessere seh' ich und lob' ich,
schlechterem folget das herz.
Voss Ovid 2, 7 (32, 20).
k)
mit sinn handeln, mit verstand, überlegung, umsicht u. ä.:
mit sinne si 't al darzo dreven,
dat si is an vier heren bleven.
Hagen boich van Colne 3218;
nochtan so saich hei alda (im traume),
dat de selve coninginne
umb de mure van Colne geinc mit sinne.
3914;
du betrachtest mit staunen die trümmern alter gebäude,
und durchwandelst mit sinn diesen geheiligten raum.
Göthe 1, 277;
du vertheilst sie mit sinn, ich müszte dem zufall gehorchen.
40, 247 (Herm. u. Dor. 2);
und das gewürz, wie mit sinn gewählt! wie im wahrsten verhältnis!
J. H. Voss 2, 226 (id. 13, 161).
daraus ergibt sich zuweilen die bedeutung 'bedächtig, vorsichtig, langsam, gemächlich' u. ähnl., so in der nd. redensart: all mit sinnen melkt de buer den bullen. Wander 4, 571; vgl. auch 5, l.mit verstärkendem zusatz: darto halp Esdras de guͦde, de die alden bouke, de verbrant waren, mit groten sinne wider scrief. d. chron. 2, 82, 23; dat was ere harde ummere unde werede sie eme mit groteme sinne. 93, 23. mhd. steht auch hier gern der plur.:
des andirn wil ich mit sinnen
in gotes namen beginnen.
Brun v. Schonebeck 427;
dise waʒʒer bescheide ich wol mit sinnen,
glich den die wʒ dem paradise rinnen.
4197;
mit sinnen und mit witzen grôʒen
der bâbest si hin wider sant.
Ottokar reimchron. 13470;
sîne mâge wol mit sinnen
antwurten im der rede dô.
livl. reimchr. 2890;
der bote sprach mit sinnen
wohl zu dem mönche fein.
wunderhorn 1, 363 Boxberger;
vereinzelt noch später (oder subst. inf.?):
in den marstall trat er mit sinnen.
Rückert (1882) 12, 95 (Nal 23).
so auch:
die boten fuorn dâhin
und wurben mit sinnes kraft
ires herren botschaft.
Ottokar reimchron. 53295;
und daʒ si mit sinne kraft
wurben an den kunic hêr.
66402.
das gegentheil: er wird dem ersten besten betrieger sich wieder in die hände geben, sich immer leidenschaftlich, ohne sinn, verstand und ohne folge betragen. Göthe 14, 222 (grosz-cophtha 4, 8).
l)
daran schlieszt sich ferner das in älterer sprache häufige mit allen sinnen (mit aller klugheit oder allem nachdenken) etwas nicht können:
ich kan mit allen sinnen
mir selbe niht entrinnen.
Vridanc 124, 13. Simrock sprichw. 9490;
daʒ er mit sîner grôʒen schar
der burc nicht mochte gewinnen
mit alle sînen sinnen.
livländ. reimchron. 8252;
ich kund noch nie mit meinen sinnen
kain falsch da zwischent pringen.
fastn. sp. 501, 3.
seltner in positiver ausdrucksweise: daʒ er danne wider wirbet mit allen sinen sinnen, und wirbet, daʒ im an sinen lip gêt. Schwabensp. 148, 10. vgl. auch:
(der löwe) erzeict im sîne minne
als er von sîme sinne
aller beste mohte.
Iwein 3874.
m)
gleichbedeutend mit vernunft, als organ des reinen denkens, steht sinn in wendungen wie etwas ist über alle sinne: unde an demo denchenne irlag ih. si ziêhet hôhor danne mîn sin. man nemag uuiʒʒen sîna (gottes) lussami. Notker ps. 76, 4; vernunfft müsste hie sincken und verzweiveln, und wer bleiben solte, der müsste uber alle sinn und vernunfft, alleine in gottes wort schweben und hangen. Luther 3, 241ᵃ; denn es ist zu ferne von sinnen, und zu hoch uber menschen verstand. 6, 203ᵇ; denn es ist zu gar widder und uber synn, brauch und erfarung aller welt. 19, 352, 23 Weim. ausgabe.
n)
in der ältern sprache über den sinn thun betrügen: daz man gesaget hat von den frawen die iren man über den syn getan und betrogen haben. Steinhöwel decam. s. 464, 28 Keller (7, 10).
13)
in der ältern sprache bezeichnet sinn auch den erfindenden, schöpferischen verstand, z. b. des künstlers:
der pfelle den si an truoc
der was von golde guot genuoc,
geworht in der heidenschaft.
dâ ist der sinne hœhstiu kraft.
Wigalois 10580;
von merbelstein steht dort ein hausz
erbaut nach meisterlichen sinnen.
H. Sachs 3, 2, 18ᵇ.
vergl. dazu: nun vernahm ich eine musik aus dem tiefsten sinne der trefflichsten menschlichen naturen entsprungen, die durch bestimmte und geübte organe ... wieder zum tiefsten besten sinne des menschen sprach. Göthe 19, 347. von der erfindungsgabe des dichters; so personifiziert:
her Sin, her Sin, nu dar! nu schreib
daʒ peste daʒ du von im chanst.
Suchenwirt 1, 60;
her Sin, nu bildet mir ein wîp.
Frauenlob minneleich 2, 1.
auch die stelle:
wâ sprüche sam die rôsen clâr,
wâ sinnic satz, wâ vündic sin?
Heinrich v. Freiberg Tristan 5
ist wegen des vündic wol hierher zu ziehen, obgleich die zusammenstellung die bedeutung 21 näher legen würde. ähnlich auch die zweite der unter I, 4, e citierten stellen aus Osw. v. Wolkenstein (116, 2, 5; nach dem glossar 'fertigkeiten, die hier zu lande unbekannt sind', einfacher wol 'ungewöhnliche talente'). andrerseits wird aber der sin auch der kunst gegenübergestellt, als die kritik, die fähigkeit zur betrachtung und beurtheilung des kunstwerks:
cunst unde nâhesehender sin,
swie wol diu schînen under in,
geherberget danne nît zuozin,
er leschet kunst unde sin.
Tristan 33—36;
dieselbe zusammenstellung in anderm sinne (wobei sin den gesunden menschenverstand, kunst die gelehrsamkeit meint):
waʒ hilfet âne sinne kunst?
waʒ hilfet wol gehœren,   der dar zuo niht hât vernunst?
Reinmar v. Zweter 93, 1 Roethe (vgl. dessen anmerk. und s. 192).
allgemeiner, geschick, geistige befähigung zu etwas (?):
wand er het ze ritterschefte
beidiu sinne unde krefte
und liutsæligen gelimph.
Ottokar reimchr. 16500.
dem nhd. sind diese gebrauchsweisen im allgemeinen nicht geläufig, nur sinn als ausdruck für das poetische talent erscheint wieder, und zwar recht häufig, im 17.—18. jahrh., namentlich bei den schlesischen dichtern: wenn mancher, so genanter deutscher poët, so blind werden solte mit den augen, als er mit seinen sinnen ist, er würde kein eintziges carmen mehr zur presse bringen können. warum? ie er könte keines mehr aus anderer leute sachen zu sammen lausen und zausen. Reinhold reime dich (1673) s. 23;
fürstin, euren ruhm zu preisen, ist ein werck nicht meiner sinnen.
Logau 3, 45, 32;
die wercke kluger sinnen
hat nie vertilgen künnen
der zeiten starcke flucht.
3, 66, 57;
ihr poeten,
der tod kan keinen nöthen,
den jhr und eure sinnen
nicht lassen wolt von hinnen.
3, 102;
ich kan es noch nicht thun, dasz ich mich solte stellen
hin zur poeten-rey; ein urthel mag vor fellen
der selbst ist ein poet mit recht und durch die kunst;
fellt dieses nun für mich, so ist mirs sondre gunst,
wo nicht? so stets dahin; zu ubung meiner sinnen
ist alles angesehn; verfehlet gleich das künnen.
241, 131 (s. auch 2, 40, 49 unter 12, b);
nun hofft auch disz mein blat, die frucht ergebner sinnen,
die spät und mühsam reifft, ein auge zu gewinnen.
Günther 750.
ähnlich auch:
da macht der kluge feind der sinnen eyfer heisz,
und zwingt den faulen geist, den ruhm und ehre lencken,
der sachen möglichkeit gewisser auszudencken.
410.
talent überhaupt:
Cornus wil bey hofe dienen; hat er etwa sondre gaben?
die, die denen sind gemeine, welche händ und füsse haben:
gar genug! der ist der beste. sieht man da auff was, was innen,
ist es etwa nur der magen; denn man achtet keine sinnen.
Logau 3, 91, 75.
eine art productiver phantasie ist auch das ahnungsvermögen. für dieses steht sinn besonders in nd. mundarten: dat het mi de sinn wol to dragen, meine ahnung hat mich nicht betrogen (hoc mihi animus praesagivit). brem. wb. 6, 305 f.; de sinne sachten 't mi. Woeste 237ᵇ. ähnlich:
du wirst mich tot in deinem sinne schaun.
Grillparzer⁵ 7, 58.
14)
daneben aber und jetzt häufiger bezeichnet sinn das geistesleben nach seiner receptiven seite, die empfänglichkeit für eindrücke, das auffassungsvermögen: man nennt aber, (wiewohl nur uneigentlich) auch die empfänglichkeit der einbildungskraft in der mittheilung bisweilen einen sinn und sagt: dieser mensch hat hiefür keinen sinn, ob es zwar eine unfähigkeit nicht des sinnes (in der bedeutung 18), sondern zum theil des verstandes ist, mitgetheilte vorstellungen aufzufassen und im denken zu vereinigen. Kant 10, 173.
a)
allgemein: den sinn abwenden, abducere aciem mentis. Maaler 374ᶜ; bey welchen der gott dieser welt der ungleubigen sinn verblendet hat, das sie nicht sehen das helle liecht des evangelij. 2 Cor. 4, 4; ebenso gibt es mehr leute, als man wohl glaubt, die von gutem, ja sogar äuszerst feinem, aber schlechterdings nicht musikalischem gehör sind, deren sinn für töne .. ganz unempfänglich ist. Kant 10, 172; es sind nur wenige, die den sinn haben und zugleich zur that fähig sind. der sinn erweitert, aber lähmt; die that belebt, aber beschränkt. Göthe 20, 213; Montan geleitete seinen freund nunmehr in dem bergrevier methodisch umher, überall begrüszt von einem derben glück auf! ... 'ich möchte wohl', sagte Montan, 'ihnen manchmal zurufen: sinn auf! denn sinn ist mehr als glück ... das glück thut's nicht allein, sondern der sinn, der das glück herbeiruft'. 22, 182; mir aber hat dies alles nur an andern der sinn erspäht. Schleiermacher 3, 1, 370 (monol. 2); was ists wofür mein sinn verschlossen wäre? 373; so und nicht anders musz ich thun, bestrebt gleichmäszig mir den sinn zu füllen und zu erweitern. 374; wol ist manchem der sinn geöffnet, um das innere wesen der menschheit zu ergreifen, verständig ihre verschiedenen gestalten anzuschauen, oder in sich zu saugen die natur und mit liebe sich einzuschmiegen in ihre geheimnisse. 385 (3); alle die geistlichen freunde dort gefielen mir sehr. sie haben alle vielen sinn und guten willen und sind für nichts wahres und gutes verschlossen. Brentano 9, 122;
mit welcher leichtigkeit, mit welchem sinn
erfreut sie sich des gegenwärtigen.
Göthe 9, 254 (nat. tochter 1, 1);
die geisterwelt ist nicht verschlossen;
dein sinn ist zu, dein herz ist todt!
12, 32;
wie schön, o mensch, mit deinem palmenzweige
stehst du an des jahrhunderts neige ...
mit aufgeschlosznem sinn, mit geistesfülle.
Schiller 6, 264;
ein streitendes gestaltenheer,
die seinen sinn in sklavenbanden hielten.
268;
die untern bilden sich nach ihrer obern bilde,
zu dumpfheit oder sinn, zu herbheit oder milde.
Rückert weish. des brahm. 2, 31 (5, 49);
doch nicht wandt' er dahin den sinn!
werke 12, 32 (Nal 8).
wo der plural steht, nähert sich der ausdruck der bedeutung 18: sondern jre sinne sind verstocket. 2 Cor. 3, 14;
ihr gantz vergälltes volck, ihr gar verstockter sinnen!
Fleming 13.
b)
häufig sagt man sinn für etwas, wobei allerdings neben der empfänglichkeit oft die lust und neigung zu etwas, die freude an etwas mit einbegriffen ist: in dem alter, wo gefühlvolle seelen einen noch ungeschwächten sinn für das sittlich schöne und grosse haben. Wieland 31, 277 (gespräche 7); für alles dieses schien die stille Hilarie freien und schönen sinn zu besitzen. Göthe 22, 133; vergönnten sie mir doch den sinn für alles, was sie geschäftig thun und treiben, mir offen zu erhalten! Schleiermacher 3, 1, 374 (monol. 2); im fremden hause ging der sinn mir auf für schönes gemeinschaftliches dasein. 399 (4); wie schwach das gesetz, wie ungebildet der sinn für recht auch sein mochte. Freytag bilder 1, 14; Hawermann was nah desen afschied stiller un deipsinniger worden as vördem, hei hadd nich sinn noch ogen för wat anners, as för sin kind. Reuter⁷ 7, 230 (stromtid 3, 32); der N. had für gar nix mehr an sinn, ist freudelos. Hügel 149ᵇ. so auch von der empfänglichkeit für ein gefühl:
ich habe keinen sinn mehr für die furcht.
Schiller 13, 117 (Macb. 5, 5).
ist so auch zu verstehen: ich habe .. keinen sinn als euch zu lieben und zu thun was euch gefällt? Göthe 8, 130 (Götz von Berl. 4)? — anders gewendet: rein und entehrt! ich habe keinen sinn für das (verstehe, begreife das nicht). Schiller 3, 38 (Fiesko 1, 12). — vgl. auch: gesez und gewissen schüzen uns oft vor verbrechen und lastern — lächerlichkeiten verlangen einen eigenen feinern sinn, den wir nirgends mehr als vor dem schauplaze üben. 518;
das mädchen lasz nur! die sträusze,
so wie das mädchen selbst, sind für den feineren sinn.
Göthe 1, 309.
c)
dafür ganz vereinzelt: dasz es menschen geben soll, ohne sinn und gefühl an dem wenigen, was auf erden noch einen werth hat. Göthe 16, 123. zuweilen steht der genitiv:
und ehe der sun (Isaac) het weibens synn (mannbar geworden),
hiesz got den vatter tödten jn.
Schwartzenberg Cic. 102ᵃ;
so haben wir gewagt,
die wirklichkeît euch diesmal vorzuführen,
nicht blosz zum allgemeinen sinn des schönen,
zum vaterländ'schen sinn zugleich zu sprechen.
Grillparzer⁵ 3, 14.
dafür treten ferner zusammensetzungen ein, z. b.: man gibt oft der urtheilskraft, wenn nicht sowohl ihre reflexion, als vielmehr blos das resultat derselben bemerklich ist, den namen eines sinnes und redet von einem wahrheitssinne, von einem sinne für anständigkeit, gerechtigkeit u. s. w. Kant 7, 151; treffliche personen von hohen sitten, reinem natur- und menschensinn. Göthe 28, 254; männer ..., die mit groszem vater- und bürgersinn nach innen, und mit klarem handels- und weltsinn nach auszen wirkten. 35, 342; Cosmus war ohne frühere literarische bildung, sein groszer, derber haus- und weltsinn bei einer ausgebreiteten übung in geschäften diente ihm statt aller andern beihülfe. 344. — mit inf. (fast = fähigkeit): unnd der sinn zuͦ findenn würdt geübt durch die betrachtunge der natur unnd manigfaltigkait der ingeschossenen und unnderschaydt der gelyder. Braunschweig chir. 19ᵈ.
d)
noch entschiedener wird sinn spezialisiert durch adjectivische zusätze, wie ästhetischer sinn, empfänglichkeit für ästhetische reize, fähigkeit ästhetisch zu empfinden und zu urtheilen und dergl.: dieses (das moralische) gefühl einen moralischen sinn zu nennen ist nicht schicklich; denn unter dem wort sinn wird gemeiniglich ein theoretisches, auf einen gegenstand bezogenes wahrnehmungsvermögen verstanden; dahingegen das moralische gefühl, (wie lust und unlust überhaupt) etwas blos subjectives ist, was kein erkenntnisz abgibt .. wir haben aber für das (sittlich-)gute und böse ebenso wenig einen besonderen sinn, als wir einen solchen für die wahrheit haben, ob man sich gleich oft so ausdrückt, sondern empfänglichkeit der freien willkühr für die bewegung derselben durch praktische reine vernunft und ihr gesetz, und das ist es, was wir das moralische gefühl nennen. Kant 5, 226; dasz die ästhetische urtheilskraft eher, als die intellectuelle, den namen eines gemeinschaftlichen sinnes führen könne, wenn man ja das wort sinn von einer wirkung der blosen reflexion auf das gemüth brauchen will; denn da versteht man unter sinn das gefühl der lust. 7, 154; der anblick so vieler gegenstände, die seinen moralischen sinn beleidigten. Wieland 1, 95 (Agathon 2, 3); so empfindlich Agathons augen waren, so waren sie es doch nicht mehr als sein moralischer sinn. 124 (2, 7); diesen nuzen leistet überhaupt nun der ästhetische sinn, oder das gefühl für das schöne. Schiller 3, 513; sinn geht dabei bald mehr auf die denkfähigkeit und denkrichtung, so: die masse der liberalen hielt noch lange an den überwundenen lehren des naturrechts fest und zeigte trotzdem in einzelnen fällen mehr historischen sinn, mehr verständnisz für die zeichen der zeit als die gegner. Treitschke deutsche gesch. 2, 63; bald mehr auf die empfindungsweise und neigung, wie in geselliger sinn, vaterländischer sinn (s. Grillparzer unter c); allen diesen spezielleren sinnen steht gegenüber der allgemeine sinn: redliche, gescheidte und entschlossene leute, die einen gewissen allgemeinen sinn haben, aus dem allein der gesellige sinn entstehen kann. Göthe 20, 236; die erste bedingung der eigenen vollendung im bestimmten kreise ist allgemeiner sinn. Schleiermacher 3, 1, 372 (monol. 2); je mehr sich alles eigen gestaltet in mir, um desto mehr gehört auch allgemeiner sinn dazu und freie liebe zu fremdartiger bildung, wenn einer auf die dauer mich soll verstehn und lieben. 379.
15)
der sinn ist der ort und behälter für gedanken, vorstellungen, erinnerungsbilder, daher die wendungen
a)
in den sinn kommen, in die gedanken, einfallen: das ist mir in den sinn kommen, cogitatio hujus me subiit. Steinbach 2, 608; es ist mir nicht ein mahl in den sinn kommen, hoc ne quidem cogitavi. ebenda; Newton's kleine blättchen .. für gar nicht empfindbar und nun weiter für verstandeswesen auszugeben, ist niemanden von seinen anhängern in den sinn gekommen. Kant 3, 341. in der ältern sprache ohne artikel: in sinn kommen, succurrere, in mentem venire, subire mentem. Dasypodius; es ist mir dozemal nie in sinn kommen, non admisi tum in animum. Maaler 374ᶜ; sinn, sentimento, animo, mente, memoria, pensiere. es kömt mir in sinn, vi viene pensato etc. ò in pensiere, in testa, in animo. das ist mir nie in sinn kommen, ... non vi ho sognato manco. Kramer dict. 2, 816ᵃ; es kommet mir in sinn, in mentem venit, illius rei memini, in memoriam redeo, recordatio subit. Stieler 2031; ich höret wol, sie weren die aller grösten liebhaber der frouwen, doch möchten sie nicht. aber es ist mir armen nye in synn kummen ich het in sunst etwan hin verschlossen. Terent. (1499) 67ᵇ (eunuch 4, 13); mit pron. poss.: es ist mir nie in meinen sinn kommen, je n'y pensay iamais. Hulsius 298ᵇ. der ausdruck bezeichnet sowohl das erste auftauchen einer vorstellung, wie auch ihre wiederkehr im gedächtnis, so deutlich: einem etwas wieder in sinn kommen ... cioè risovenirsene, v. erinnern, beyfallen. Kramer dict. 2, 816ᵃ;
mir träumte nachts, dasz ich auch einen sohn gewann.
das kam mir in den sinn durch jenen Türkenknaben.
Rückert (1882) 12, 175 (Rostem 49).
in anderm sinne:
dasz einer mogen dri sin,
das enkan nit kommen in den sinne min (kann ich nicht begreifen).
Alsfeld. pass. 5131.
mit andern, stärkern verben: als wolt ich leren, ein yglicher mocht mutwillig ... den conciliis widderstreben, wilchs mir nie ynn synn noch fedder gefallen ist. Luther 7, 429, 34 Weim. ausg.; unnd wa wolten wir (lies mir) alle solche geuchlieder, darmit sich noch die buben jhrer graszmuckeneyer rühmen, in sinn fallen? Garg. 29ᵃ; nd. 't schütt (schieszt) mi in 't sinn, soeben fällt mir ein. Stürenburg 216ᵃ.
b)
dafür auch, obwohl zumal jetzt seltener, zu sinne kommen, so mundartlich in der Schweiz es chunt - mr öpis z'sinn, fällt mir ein. Hunziker 242; daher in Davos als substantiv z'sindchon, m. einfall. Bühler Davos 2, 90. belege: zuͦ letzten kam jm zuͦ sinn, damit er sant Veiten nit mit seinem langen auflentzen unwillig machte, wolt er einem guͦten frommen mann von seinetwegen die fart verdingen auszzerichten. Wickram rollwagenb. 8, 4 Kurz; der einfall, sie (die auflösung des problems) in sich selbst zu suchen, war gerade der einzige, der ihm unter allen möglichen nie zu sinne kam. Wieland 6, 25 (gold. spiegel, einleitung); so hatten die beiden alten gelegenheit genug, von den jungen herren zu profitieren, die immer den mund offen hatten, über alles entschieden, alles wussten, und sich gar nicht zu sinne kommen lieszen, dasz es ihres gleichen in gegenwart von männern anständiger sey zu hören als hören zu lassen. 19, 354 (Abderiten 3, 9);
wente nu kumt mi dat to sinne, dat Paulus heft geschreven.
des dodes danz 369 Bäthcke;
und wan my dyt kumpt to synne,
so spele ick ok na myneme ghewynne.
Reineke Vos 3915;
ihm war, zwar etwas pät, zu sinne
gestiegen, dass es ihm nicht allzu rühmlich sey,
wenn Hyon seine braut dem recken abgewinne.
Wieland 22, 122 (Oberon 3, 47);
denn, euch aus Babylon mit ruhm gekrönt zu sehen,
ist was dem kaiser nicht im schlaf zu sinne fällt.
23, 296 (12, 81);
nicht warlich solches eitle konnte mir
zu sinne kommen in dem haus des todes.
Schiller 14, 69 (braut von Mess. 2, 5).
mit annäherung an die bedeutung 3, g, γ:
nein, nein doch, lieber herr, das kömmt euch nicht
zu sinn (das meint ihr nicht im ernst).
357 (Tell 3, 3).
so auch etwas will mir nicht zu sinne (oder in den sinn), das kann ich nicht begreifen oder nicht glauben: dasz man auch auf diese weise den beabsichtigten zweck erreichen könne, will mir nicht zu sinne. zu sinne gehen, zu denken geben: es war manches in der rede, was dem herrn von Ilitz zu sinne ging. W. Alexis Isegrimm⁵ 259.
c)
nur in der ältern sprache kommt vor in sinn nemmen, gedencken, inn verstandt oder gedächtnusz fassen, concipere aliquid mente, instituere. Maaler 374ᶜ; das soltu aber nicht in sinn nemen, das uns gott gar verlassen habe. 2 Macc. 7, 16; wo sind da die weisen, die das je hetten erdencken, oder in sinn nemen können? Luther 6, 67ᵃ; meinst göttliche allgemeine gerechtigkeit, welche allen unbill sihet und richtet, werd dich allein ubersehen? nemm dirs nur nicht inn sinn. Garg. 215ᵃ. — hier stellt sich dann zuweilen die stärkere bedeutung 'bedenken, erwägen, beherzigen' ein:
die propheten nim in dinen sinne!
auch gedenck vorbasz daran,
dasz die propheten lobesam
hon gesprochen die wort.
Alsfeld. passionssp. 6750.
d)
dafür gewöhnlich zu sinne nehmen: hat doch der rate zu sinne genommen und weislich bedacht. d. städtechroniken 2, 347, 10; sus noment sü für sich zu sinne alle landes herren von tutschen landen und kundent nüt überein kummen. 8, 41, 18; hiirumme nemen to sinne de abbet myt sinen broderen de wort de Cristus sulven ghesproken hefft in ewangelio. 16, 520, 5;
sî nâmen daʒ zû sinne,
daʒ in der tât der minne
wirt an eim iclîchen ...
intpfangin unsir hêrre Crist.
Nic. v. Jeroschin 377;
auf mein eid, Kunz, das nim dir zu sin.
fastn. sp. 72, 6;
dat moghe gy mede nemen to synne.
Reineke Vos 3618;
wer aber gläubt es wol? dasz gott so zörnen könne?
wer nimmt jhm gottes grimm, und seine schuld zu sinne?
Logau 1, 231, 66;
ehe wir hieher gekommen,
haben wir's zu sinn genommen.
Göthe 41, 159 (Faust II, 2);
die allmächtigen weltgestalter,
mit deren füsze staub ich nicht bin
gleichzusetzen, das nimm zu sinn!
Rückert (1882) 12, 19 (Nal 4).
in ähnlichem sinne sagt man in neuerer zeit in den sinn fassen, in animum inducere. Steinbach 2, 608: gleich wie holtz, steine, kalk, u. w. leichtlich zu sehen, und zu unterscheiden; ein wohl-proportionirtes haus aber zu sinne zu fassen, und recht anzugeben, nicht iedem wissend ist. Butschky Pathmos s. 746; sogleich faszte ich die situation in den sinn und dachte mir, wie artig es seyn müszte, wenn irgend ein hübsches kind mir wirklich gewogen wäre. Göthe 24, 263. in älterer sprache für 'wahrnehmen': nuͦ vernement von Pinabel dem speher, der dem keyser zustundt ... under dem gesprech, darumb het er all red in sinn gefast. Aimon t 5ᵃ.
e)
gewissermaszen ein causativ dazu ist zu sinn legen, ingerere et inculcare alicui, ad memoriam alicujus rei animum alicujus revocare. Dentzler 2, 265ᵃ; meistens zu sinne führen:
so wolte sichs gebühren,
dass wir ihm diesen traum zu sinnen solten führen.
Fleming 53.
in stärkerem sinne (vgl. d): die vorige staatsverfassung (ist) noch nicht so ganz vergessen, .. und dieser Damokles ist es eben, der dieses mit allem nachdruck zu sinne führen kann. Klinger 2, 357. dafür jetzt gewöhnlich zu gemüthe führen.
f)
einem im sinne sein von dem, was einer denkt, meint, woran er sich erinnert:
wolte gott! noch dir noch mir wär die ursach also kündig;
mir zwar ist sie in dem sinn, aber dir, dir ist sie fündig.
Logau 2, 45, 70
(daher in Ramlers überarbeitung 2, 618:
ich zwar weisz sie nur, doch du hast sie grausam fühlen müssen);
weil aber uns im sinne schwebt der alte spruch:
dasz von den göttern alles zu beginnen ist.
Göthe 11, 304 (was wir bringen 16).
gewöhnlich im sinne liegen, vom gefühl, stimmung:
auch lag's nicht anders mir im sinn,
als wär mir was genommen.
Bürger 30ᵃ.
meist in bezug auf das festhaften im gedächtnisse, auch mit dem nebensinne 'einen innerlich beschäftigen': es ligt mir das ding immer im sinne. Kramer dict. 2, 816ᵃ; was einem stets im sinne liegt, quod penitus animo infixum est. Steinbach 2, 608; mehrere tage lag Wilhelmen dieser ausdruck im sinne, er wuszte nicht, wie er ihn auslegen, noch was er daraus nehmen sollte. Göthe 18, 283;
der liebliche gesang
lag allen noch im sinn', und füll'te sinn und muht.
Brockes 1, 338.
vgl. auch: manet alte mente repostum, sie schreibt jhr hinter ein ohr, es bleibt jhr tieff im sinn eingebildet. Corvinus fons lat. 39ᵃ. — selten sind hier wendungen mit zu: wo langk de derde unde verde greve leveden .. unde wen se storven, des en ys my nicht tho synne (ist mir nicht bewuszt, erinnerlich). quelle bei Schiller - Lübben 4, 209ᵃ; 'und mir', sagte Simplicius, 'ist gantz zu sinn und glaube es auch festiglich, du seyest ein gantzer narr'. Simpl. schriften 3, 189, 11 Kurz;
sein letztes ende liegt ihm tag und nacht zu sinne,
sein thun und tichten ist, wie er wohl sterben könne.
Aszig bei Bobertag 2. schles. schule 1, 355, 5.
g)
im sinne haben: was gutes von einem im sinne haben, amice de aliquo cogitare. Steinbach 2, 608; was einer im sinn hat, das sihet man jhm in den augen an. Petri Yy 4ᵃ; was einer nicht im sinn hat, das komt jhme zuerst in sinn. Lehmann 239, 28 bei Wander 4, 543, 45. — im sinne behalten: quis sapiens? et custodiet hec .. souuer uuizzigh ist der behuôte disiu in sînemo sinne. Notker ps. 106, 43; dieser, der seine frühe liebe zu Charlotten hartnäckig im sinne behielt. Göthe 17, 21. ähnlich mit bildlicher wendung: wenn sich das die kinder recht in den sinn schreiben, so haben sie den ganzen tag daran auszuüben. 401.
h)
einen menschen im sinne haben, tragen, beständig an ihn denken, mit ihm beschäftigt sein, umschreibung für lieben:
er truoc in sîme sinne   ein minneclîche meit.
Nibel. 131, 2;
nehme ich dann ein ander weib,
als ich hab in meinem sinne.
wunderhorn 1, 126 Boxberger;
doch Damajanti, ihr angesicht
im kreise wendend, sahe nicht
den einen, den sie trug im sinn.
Rückert (1882) 12, 23 (Nal 5).
so auch: schon damals bist du mir im sinn gelegen, und ich habe dich immer hundertmal lieber gesehen, als ds Elisi. Gotthelf Uli der knecht s. 395 Vetter;
dû leist mir in dem synne.
Oswald v. Wolkenstein 61, 2, 10;
jetzt todtet ihr gott selbst, gott selbst! gott euren könig,
o du verdamptes volck, der euch von anbeginn
zu seinem reich erwehlt, dem ihr stets lagt im sinn.
Fleming 13;
freund, ich soll dir auff begehren etwas in dein stamm-buch schreiben:
stets solst du in meinem sinne, mich lasz stets in deinem bleiben.
Logau 3, 152, 89.
i)
aus dem sinne kommen: einem etwas aus dem sinne kommen. Kramer dict. 2, 816ᵃ;
ein märchen aus alten zeiten,
das kommt mir nicht aus dem sinn.
Heine 1, 95 Elster.
mit andern verben: etwas aus dem sinne entfahren, .. scappare, uscire dal pensiere, dalla memoria. Kramer dict. 2, 816ᵇ; ausz dem sinn fallen, eschapper de la memoire. Hulsius 298ᵇ; dat is mî wër ût 't sin fallen, wo dat hêt. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ. dafür auch:
der vor der götter ohren
mir lieb' und treue geschworen,
o sprich, wie ging das seinem sinn verloren?
Rückert (1882) 12, 115 (Nal 28).
so auch: wie die toten sind, die gar aus den augen und sinnen kommen sind. Luther 38, 423 Erlanger ausg., in anschlusz an das verbreitete sprichwort aus den augen, aus dem sinn, vgl.:
der heuchler freundschaft ist dahin,
wie meine frewd verdorben;
und ausz den augen ausz dem sin,
bin ich selbs als gestorben.
Weckherlin ged. 140 (ps. 31, 18).
k)
aus dem sinne lassen, ex animo amittere. Steinbach 2, 608;
mein lebetage will ich dich
aus meinem sinn nicht lassen.
P. Gerhardt nr. 20, 42 Gödeke.
gewöhnlich aus dem sinn schlagen, dare ventis, portare ventis, tradere ventis. Eyering 1, 142; etwas aus dem sinne schlagen, bringen, fahren lassen, levarsi, torsi, cacciarsi, cavarsi qualche cosa dall' animo, dalla mente. Kramer dict. 2, 816ᵇ; man musz sich aber nichts zu gemüthe ziehen; denn was sich nicht ändern läszt, musz aus dem sinn geschlagen werden. Kant 10, 256;
schlacht das hertzleidt ausz ewrem sin.
H. Sachs fastn. sp. 1, 11 neudruck;
die gar ein schweres creutz thun tragen
und jmmerdar gedencken dran,
sich auch nicht wollen trösten lan
den sol man dieses sprichwort sagen,
sie sollens aus dem sinne schlagen
oder in wind schlagen die not.
Eyering a. a. o.
mit persönlichem object (vgl. h): schlag dir deinen grafen aus dem sinne. Lenz 1, 113; ich bitt' dich, schlag dir das Marannele aus dem sinn. das ist ein keinnütziges ding. Auerbach dorfgesch. 1, 18. — von unabsichtlichem vergessen: etwas aus dem sinne verlieren. Kramer dict. 2, 816ᵇ. negative ausdrücke: ich habe sie nie aus meinem sinne verloren, und würde mich an ein anderes weib nicht gewöhnen können. Brentano 5, 274; ich ging recht unzufrieden weg, und konnte mir das halsband einige tage nicht aus dem sinne schaffen. Göthe 14, 146 (grosz-cophtha 2, 2);
denn á ̃ sorg hôn i' drum
und brings nit aus 'n si ̃.
Frommann 3, 173, 171.
ferner: einem etwas aus dem sinne reden, bringen, schwatzen, cavare, togliere, torre qualche cosa dall' animo, della mente ad uno; dissuaderglielo, farglielo discredere, v. ausreden. Kramer dict. 2, 816ᵇ.
l)
sinn hat in den behandelten wendungen sehr häufig geradezu die bedeutung 'gedächtnis', s. besonders f, g, i. so auch zuweilen sonst, besonders in volksthümlichen ausdrücken: aus dem sinn singen, auswendig. Schm. 2, 293; kei sinn ha, hebeti memoria esse. Schmidt idiot. Bern. bei Frommann 4, 15ᵃ; du hast auch gar keine sinne und gedanken, zu jemand, der alles vergiszt;
solchen armen musz man nichts als beiten;
man braucht viel sinn und kreiden.
Hartmann-Abele volksschausp. s. 81, 87; ebenso 84, 190.
16)
sinn bezeichnet aber auch objectiv das gedachte oder vorgestellte, gedanke, meinung und ähnl. doch gehören diese gebrauchsweisen zum gröszten theile der ältern sprache an.
a)
sinn, gedanck, muth, la pensée de l'homme. Hulsius 298ᵇ; raͤchte sinn unnd gedancken, sani affectus (—?) Maaler 373ᶜ; das gemuͤt hat mancherley sinn und einbildungen, varios sensus expromit animus. ebenda; ein christ sol seines sinnes und glaubens gewis sein. Luther 6, 18ᵇ; sprichwörtlich: es got wi sinnen und gedanke, sehr rasch. Hunziker 242; vgl.:
he hadde an sinen danken mennigen sin.
van d. holte des hill. cruzes 377.
es chunt-mr eke sinn dra, fällt mir nicht ein. Hunziker 242 ('s chump-mer kai sinn dra. Seiler 269ᵃ): niemanden kam ein sinn daran, das aufgeregte volk durch eine kundmachung von seiten des grossen rathes zu beruhigen, oder ihm auf irgend eine weise freundlich entgegenzukommen. zeitschr. für d. histor. theol. 1840, 3, s. 104.
b)
den früheren verwendungen stehen am nächsten wendungen wie etwas im sinne thun, in gedanken, in der vorstellung, phantasie, nicht in wirklichkeit: ich habs ym synn, hett ichs ym beutel. Luther sprichw. 342; dasz ich damals als bald mit den tausend (versprochenen) ducaten habe angefangen im sinn und in gedancken zu wuchern. Schuppius 246; so noch jetzt: des zinngieszers spitzhund, der, das rad tretend, auf derselben stelle eine wallfahrt nach Jerusalem im sinne zurücklegt. Brentano 5, 386; meist mit pron. poss.: seine knechte abladend die beute, sie zu ihren füszen legend; und sie schon in ihrem sinn all das in ihren schränken aufbewahrend. Göthe 10, 190 (Stella 5). mit andrer nuance, innerlich, ohne es im äuszern zu zeigen: einer liebte heimlich und im sinn, wie die arme juden wucheren. Philand. 1, 156;
jâ trûtes in den sinnen   vil manic riter guot.
Nib. 1608, 3.
im (in seinem) sinne etwas sein, in seiner meinung, vorstellung, einbildung: in meinem pennal-jahr, war ich in meinem sinn viel gelährter, als jetzo. ich gieng nicht mit einem, sondern mit zwey oder drey doctorn schwanger. Schuppius 239; im übrigen war ich im sinn mit meinem saurbrunn so reich und grosz, dasz alle meine gedancken und witz genug zu thun hatten, zu berathschlagen, wo ich ihn hinsetzen ... wolte. Simpl. 2, 80, 18 Kurz;
von faust ist Schnaubo faul, doch rüstig in dem sinne;
ein hertze hat er wol, doch wenig hertzens drinne.
Logau 3, 150, 73.
im 16. jahrh. auch genitivisch ausgedrückt: von denen auch Christus zeügnis gibt, dz sy die schrifft nit wissen, noch jr krafft verstehn, so sys doch jres sinnes auff eim nägelin auszwendig kündten und an einem schnürlin hetten. S. Franck weltb. 161ᵃ.
c)
dies führt zu sinn, meinung, ansicht: sinn, meynung, sentence, opinion, aduis. Hulsius 299ᵃ; ich weisz seinen sinn und meinung wol, ego illius sensum pulchre calleo. Maaler 374ᶜ;
seg, Johan Vrie, wat is din sin?
Daniel v. Soest s. 120, 238 Jostes;
'ihr denket, ich sey der herr abt von St. Gallen' —
'ganz recht! und das kann von der wahrheit nicht fallen'. —
'sein diener, herr kaiser! euch trüget eur sinn'.
Bürger 67ᵇ.
mhd. sin haben, meinen:
beidiu her heten sin,
eʒ möht daʒ nieman understân.
Ottokar reimchron. 17432.
den sinn ändern, sententiam mutare. Steinbach 2, 608; einem einen andern sinn bey bringen, de sententia aliquem movere. ebenda.
d)
so besonders in genitivischen wendungen: ich bin desz sinns und der meinung, in ea sum sententia. Maaler 374ᶜ; idem sentiunt ad unum omnes, desz sinnes oder der meynung seyn sie alle. Corvinus fons lat. 587ᵇ. selten ohne artikel: sensa — alles, was man sinnes ist, und was man gedenckt, ut: sensa mentis explicare. 588ᵃ. häufig dagegen mit pron. poss.: ich bin deines sinns, oder meinung, consentio tibi. Maaler 374ᶜ, vgl.: der hat nit mein sinn, oder ist nitt meiner meinung, iste haud mecum sentit. ebenda. ferner: eynes sinnes sein, consentire. Dasypodius; wir sind nicht eines sinnes, non eadem est cogitatio tua et mea. Steinbach 2, 608; eyns anderen sinns sein, dissentire. Dasypodius. vom einzelnen: anders sinnes werden, changer d'aduis. Hulsius 299ᵃ; doch er wurde bald gezwungen, andres sinnes zu werden, als er sie hörte. Wieland 1, 296 (Agath. 5, 5); aber mein hertz ist anders sinnes. Hos. 11, 8 (Kautzsch: mein sinn in mir verwandelt sich).
e)
mit präpositionen: wenn du viel darnach sihest, so kommestu zu letst yn den syn, das du gedenckest, 'ey wo wil ich bleyben ..' Luther 12, 536, 4 Weim. ausg. in dem sinne sein: das sie (die juden) nicht wollen gleuben, das die heiden so wol gottes volck sind, als die jüden. darumb ist Jona auch in solchem sin. schriften 3, 203ᵃ. in dem sinne bleiben, wofür auch: bei dem sinne bleiben, in sententia manere. Steinbach 2, 608. ferner: also bliben die zwey beieinander, unnd liessen den herren im sin, sye machten kind mit einander. Keisersberg emeis 7ᵃ. — in jemandes sinn:
ich bin in euerm sinn ein majestätenschänder,
weil mir ein weib — ein weib, und keine göttin scheint.
Wieland 17, 59 (Idris 1, 89).
ähnlich: er konnte gar wohl bemerken, dasz er, dem geist und dem sinne der gesellschaft nach, wirklich längst verabschiedet war. Göthe 20, 92 (Wilh. Meister 7, 8). — mhd. ûf den sin, auf grund der annahme, in der voraussetzung:
er het eʒ ouf den sin getân,
er wânde in kante nieman.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 522.
f)
im mhd. und im 16. jahrh. steht sinn überaus häufig für 'gedanke, plan, anschlag, ausweg, mittel, list' und ähnl. (vgl. dazu 5). einen sinn erdenken (bedenken, gedenken, denken): er wolt ie mer gewalts und freihait haben, darnach stellet [er] und haimlicher art und erdacht sich ains sinns. deutsche städtechron. 5, 198, 27; dat die van Coellen in dem beleger ein sinne erdachten, wie si des keisers heir ... schedigen ind schenden moechten. 13, 306, 34, s. auch 14, 419, 12; dorumm erdochten sye einen sinn, wie sye sein möchtend abkummen. Keisersberg post. 3, 85ᵇ; doch ir selbes den tode nicht thon wölte, und ir neüe syn erdachte damit sie ir leben enden möchte. Steinhöwel decam. 322, 8 Keller (5, 2); diser sach die czwen gesellen geren eyn eygenschaft vernomen heten. aber das zewissen weder weg noch synn bedencken mochten. 462, 5 (7, 10); zu letzt aber, da er sahe, das sich dennocht ettlich nicht daran wollten keren ... hatt er erdacht eynen andern synn. Luther 15, 127, 30 Weim. ausg.; er gedacht ein sinn, das er ir ab kem. Pauli schimpf u. ernst 102 Österley (nr. 142); dacht im ainen sin, schicket sein treffenliche potschaft gên Constantinopel. Aventin chron. 2, 128, 6; da ich nun höret dasz es Trachinus war, erdacht ich ein sinn, wo er uns gefangen nemme, wer der sach noch wol zu helffen wie denn geschach. buch der liebe 202ᵇ;
dô diser listigen sinnen
der von Francrîch erdâhte.
Ottokar reimchr. 91454;
sey keck, ich wil ein sin erdencken.
H. Sachs 3, 3, 22ᵈ (fastn. sp. 2, 122 neudruck);
der wirt zu letzt ein sinn erdacht,
mit seinem weib ein anschlag macht.
4, 3, 64ᶜ.
mit reflexiver wendung: und als er weinet, do bedaucht er sich eines sins. Haimonsk. 127, 30 Bachmann;
do er den wisch hin heime pracht,
der student im einsz sinsz erdacht.
pfarr. v. Kalenberg 76;
der könig hätt sich eins sinns bedacht,
vil guts geschütz er für Kopfstain bracht.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 245, 6.
einen sinn finden, erfinden: wie sie ain sinn mochten finden, dasz arm leut korn mochten han und nit hungers sturben. d. städtechr. 5, 159, 4; (Muciatto) zuͦ allen seinen sachen palde wege sinn fande, dann alleine wem er etlich schuld etlicher Burgondie gelassen möchte die ein ze prengen. Steinhöwel decam. 19, 18 Keller (1, 1); doch nit lang verginge er syn und weg fande, do mit er pey der frawenn sein mochte in irem hausz. 186, 7 (3, 4); die iungfraw nit anders begeren was dann sich allein bei im zefinden, doch niemant solicher irer liebe vertrawen wolt .., mit ir selbs gedacht neü synn zefinden (seco pensò una nuova malizia). 248, 14 (4, 1); (die frau) ir gedacht synn czefinden (da trovare modo) domit sy den toten leibe möcht ausz dem hausz bringen. 302, 17 (4, 10); rath suchet, wie im doch zuthuͦn were, und nach langem hin und her gedencken letstlich ein sinn erfande. Montanus s. 20, 21 Bolte (wegk. cap. 5); darumb ir mich fürbasz werden gehn lassen oder andere sinn finden, damit ich leben mag. 61, 30 (29); die funden aber auch ein sinn, richten die kelberheut zue und paistens nur den überfluesz. Aventin chron. 1, 476, 26; so hat er nichts mer dan das lant der grafschaft Tirol, da findet man etwo sinn, das er davon auch khumb. quelle bei Schöpf 675;
einen sin ervand er,
ein alt witziger man.
Ottokar reimchron. 4450;
die müllnerin ein sinn erdacht,
weckt den mülner, und sprach: mein man,
einen sinn ich erfunden han,
auff dasz wir mögen trincken wein
und dennoch ungestraffet sein.
H. Sachs 4, 3, 65ᵈ;
wir wöllen wol ein sinn erfinnen,
das mans in einem schwang auffnem.
fastn. sp. 4, 38 neudruck.
mit andern verben: doch ander sinn noch wege nicht gehaben möchte das ze thon; dann des nachtes unerkante in dez küniges form zuͦ ir zegen. Steinhöwel decam. 172, 36 Keller (3, 2);
ich wel mich zu er machen,
ein gudden sin wel ich gerachen:
dar usz wel ich er raden,
dasz es uns nicht sail schaden.
Alsf. passionssp. 683;
er nam im für ain frembden sin
wie er den dingen tät.
Uhland volksl.² 261 (136, 4);
was werd ich brauchen vor ein sin,
damit er mir auch glauben geb?
Ackermann s. 30 Holstein (Thob. 2, 1, v. 560).
mhd. ûf einen sin vallen (mit hinneigung zu der bedeutung 5):
dô si gevielen ûf den sin,
daʒ si den rîchen gewin
wolden teilen under in.
pass. 21, 45 Köpke;
sie vielen ûf den selben sin
und santen boten in daʒ her.
livl. reimchr. 2396.
einem einen sinn eingeben: das die lieben engel da sind, und durch inwendige anregen plötzlich einen raht oder sinn eingeben .. damit der mensch gewarnet oder gewendet wird dieses zu thun, das zu lassen .. denn, weil sie mit worten nicht reden zu uns, thun sie das mit sinn eingeben oder eusserliche ursache plötzlich für legen. Luther 3, 407ᵃ;
dar umme ik in deme banne byn,
is, dat ick Ysegryme gaff den syn, ...
dat he wech leep uth deme orden.
Reineke Vos 4118;
Judith zu got thet jhr gebet,
got jhr heymlich ein sin eingab.
H. Sachs 1, 58ᵇ;
ach frewlein zart, viel kluger sinnen
und scharpffer list die liebe leret.
fastn. sp. 1, 6 neudruck.
weitere ausdrücke: ich .. bedachte, wie nun dieser sachen zu thun were, die ich nicht wendten köndte, da fiel mir ein sinn eyn. buch der liebe 202ᵈ;
daʒ daʒ durch einen sin
geschæhe und durch einen list.
Ottokar reimchron. 11037;
und betraht die wîl, mit welhem sinne
man in die veste angewinne.
22514;
durch list daʒ geschach:
wand wæren diser sinne
die vînde worden inne,
die heten lîht gepflegen
etlicher liste hin enkegen.
97012;
thuts lieber willig, dann mit pein!
das dünckt mich sein der beste sin.
Ackermann s. 18 Holstein (Thob. 1, 1, 175).
mit dem hier auffälligen und seltnen plur.: gesellen, vernemet mine sinne. wi willet den koning slan. d. chroniken 2, 99, 24.
17)
für sinn steht häufig der plural, auch ohne erkennbaren grund, so besonders in der ältern sprache, vergl.: sinn, der; sinnen, die; für, das genie, die gemüthsgaben, der geist, der gute kopf. so werden diese wörter, besonders das in der vielfachen zahl, von unserm dichter (Logau) und von seinen zeitverwandten gebraucht. Lessing 5, 343. namentlich und so auch in der neuern sprache ist er üblich in allgemeiner, unbestimmt zusammenfassender bedeutung, wo sich der sinn dann einer genaueren bestimmung entzieht.
a)
mehr nach der intellectuellen seite hin, die geistigen kräfte, geist, das bewusztsein, nicht selten auch die körperlichen sinne (18) mit einschlieszend, vgl. auch 9, b und 11, sowie: alle andere sinnen, alle thätige kräfte der seele scheinen (in der verzückung) stille zu stehen, und in einen einzigen blick .. verschlungen zu seyn. Wieland 1, 279 (Agath. 5, 3); mit dem alten, dessen handlungen, blicke und minen augenscheinlich bewiesen, dasz einfalt des lebens vermögend sey, die sinnen bis ins hohe alter bey vollen kräften zu erhalten. Forster reise 1, 220; gott erhalte unsre sinnen, und bewahre uns vor der theorie der sinnlichkeit! Göthe 33, 32;
sint daʒ mine sinne irluchten.
Brun v. Schonebeck 437;
nachdehm der schwarzen augen straal,
die tracht und anmuht der Dorinden
mir meiner sinnen ruder stahl.
geharnschte Venus s. 24;
du hattest mir die sinnen eingewiegt.
Göthe 9, 24 (Iphig. 1, 3);
o ich rasende!
jezt endlich, jezt .. wo waren meine sinne?
jezt gehn mir die augen auf.
Schiller 5, 1, 128 (dom Karlos 2, 10);
eine macht der hölle
umnebelt deiner sinne hellen tag.
12, 182 (Piccolom. 5, 1).
b)
mehr nach seite des gemüts, der empfindung, receptivität u. s. w.: ich fürchte aber, das nicht wie die schlange Heva verfürete mit jrer schalckheit, also auch ewre sinne (τὰ νοήματα ὑμῶν) verrücket werden von der einfeltigkeit in Christo. 2 Cor. 11, 3; mein herz ist zu voll, meine sinne halten's nicht aus. Göthe 8, 131 (Götz von Berl. 4); wenn meine sinnen gar nicht mehr halten wollen, so lindert all den tumult der anblick eines solchen geschöpfs. 16, 20; es ist natürlich, wenn uns ein unglück, oder etwas schreckliches im vergnügen überrascht, dasz es stärkere eindrücke auf uns macht, theils wegen des gegensatzes, theils .., weil unsere sinnen einmal der fühlbarkeit geöffnet sind. 34; und diesz herz ist jetzt todt, aus ihm flieszen keine entzückungen mehr, meine augen sind trocken, und meine sinne, die nicht mehr von erquickenden thränen gelabt werden, ziehen ängstlich meine stirn zusammen. 130; ich vergehe! — das ist ihre stimme! wie mir der ton durch alle sinnen läuft. 57, 131;
mir liebt für alle mein sinne
ein röslein ist wol gestalt.
bergreihen s. 9, 1 neudruck (3, 1);
du schaffst dass unsre sinnen
sich weit weit über uns ans blaue schwingen können,
wo man kein leid nicht kennt. der wollust-volle klang
verzäubert uns den sinn, und macht uns sehnend kranck.
Fleming ged. 59 (an herrn Joh. Klipstein);
dann der schönheit güldner schein
nimt das hertz und sinnen ein.
Schuppius erkl. desz kupfferblats;
brennt, hitzige papier! voll seelen, sinnen, hertzen,
voll seuffzer, küsse, gunst!
A. Gryphius 1, 221 (Card. u. Cel. 3, 149);
all meine sinne sind gefühl.
E. v. Kleist 1, 72;
und ehe nun verzweiflung deine sinnen
mit ehrnen klauen aus einander reiszt.
Göthe 9, 219 (Tasso 4, 5);
ha! welche wonne flieszt in diesem blick
auf einmal mir durch alle meine sinnen!
12, 32;
ha! wie's in meinem herzen reiszt!
zu neuen gefühlen
all' meine sinnen sich erwühlen!
33;
du rissest mich von der verzweiflung los,
die mir die sinne schon zerstören wollte.
39;
in die welt weit,
aus der einsamkeit,
wo sinnen und säfte stocken,
wollen sie dich locken.
83;
was bin ich denn. wenn es nicht möglich ist
der menschheit krone zu erringen,
nach der sich alle sinne dringen?
90;
da zieht die andacht wie ein hauch
durch alle sinnen leise.
Geibel 1, 140.
so besonders in geistlicher dichtung:
ihr aber, meine sinnen,
auf, auf, ihr sollt beginnen
was eurem schöpfer wolgefällt!
P. Gerhardt nr. 60, 4 Gödeke;
wenn deine sinnen sich erhöhn
und gottes namen ehren.
34, 75;
Jesu, mache meine sinnen
und mein ganzes herze rein.
Hannov. gesangbuch 216, 5;
heilger geist, erleuchte mich ...
brich die trägheit, zieh die sinnen
aus der welt zu dir von hinnen.
382, 3.
über die innern sinne bez. den innern sinn s. 18, b. vergl. auch 18, e.
18)
weiterhin wird sinn auf die körperlichen organe der wahrnehmung, wie das gesicht, gehör u. s. w. angewendet. diese gebrauchsweise ist namentlich im nhd. sehr gewöhnlich (bei dem plur. heute die vorherrschende).
a)
sie werden bestimmter als die äuszern sinne bezeichnet: von den eusserlichen sinnen, de sensibus externis. Comenius sprachenth. 321; sinn .. sensus, et quidem propr. quinque sensus exteriores, die fünf euserliche sinnen, aliàs mens, animus, ingenium. Stieler 2030; daʒ gesicht, daʒ in den augen sitzet, gibt uns ze erkennen mêr ding denn kein ander auʒwendich sin. Megenberg 9, 13. zusammenfassend im sing.: vermittelst des äuszeren sinnes .. stellen wir uns gegenstände als auszer uns, und diese insgesammt im raume vor. Kant 2, 62.
b)
erst im gegensatze hierzu scheint die wendung innerer sinn geprägt.
α)
im sing. von der inneren wahrnehmung, dem unmittelbaren gefühl und bewusztsein seiner selbst, häufig als philosophischer kunstausdruck: das vermögen des inneren sinnes d. i. seine eigene vorstellungen zum objecte seiner gedanken zu machen. Kant 1, 18; der innere sinn vermittelst dessen das gemüth sich selbst oder seinen inneren zustand anschaut. 2, 62; die zeit ist nichts anderes, als die form des inneren sinnes d. i. des anschauens unserer selbst und unseres inneren zustandes. 72; das bewusztsein seiner selbst, nach den bestimmungen unseres zustandes bei der inneren wahrnehmung ist blos empirisch .. und wird gewöhnlich der innere sinn genannt oder die empirische apperception. 645; in anderm sinne, das seelische erfassen im gegensatz zum äuszern wahrnehmen ausdrückend: ich konnte zwar .. nur einzelne worte dieser litaney .. verstehen; allein das feierliche dieses sehr einfachen und um so herzrührendern gesangs, weil er blosze sprache des innigsten gefühls der singenden zu seyn schien, wirkte mit seiner vollen kraft auf meinen innern sinn, und erregte .. ein leises verlangen in mir, mit den guten wesen, die sich mir durch diesen einzigen sinn auf eine so angenehme art mittheilten, in nähere gemeinschaft zu kommen. Wieland 27, 299 (Peregr. Prot. 4);
und dann nach dieser ernsten unterhaltung
ruht unser ohr und unser innrer sinn
gar freundlich auf des dichters reimen aus.
Göthe 9, 106 (Tasso 1, 1).
ganz allgemein für sinn: hier nun liegt mir etwas auf dem herzen, auf dem ganzen innern sinn, worüber ich aufgeklärt zu seyn wünschte. 21, 190.
β)
im plural: die natur hat dir diese empfindlichkeit, diese innerlichen sinnen versagt. Wieland 1, 117 (Agath. 2, 6), s. auch unter I, 5, b. die ältere psychologische theorie zählt ihrer gewöhnlich drei: die innerliche sinne seynd der verstand, die einbildung, li sensi interiori, interni, spirituali. Kramer dict. 2, 815ᶜ; innerliche sinnen, sensus interiores, quales sunt: intellectus, memoria et voluntas, seu potius: sensus communis, phantasia, et memoria. Stieler 2030; von den innerlichen sinnen. auff dasz du mögest mercken (innen werden) dz du etwas empfindest, so sind dir drey jnnerliche sinne gegeben: die im gehirn .. jhren sitz und wohnung haben (im folgenden als allgemeiner sinn, phantasie und gedächtnis behandelt). Comenius sprachenthür 340; s. ferner c.
c)
sehr gern werden innere und äuszere sinne einander gegenüber gestellt: sinn, sinnlichkeit, empfindlichkeit, sensus, sensatio. die krafft, durch welche der mensch von den äusserlichen dingen einen eindruck empfindet .. nach solcher zweyfachen empfindung werden auch die sinne oder sinnlichkeiten in äusserliche und innerliche abgetheilet. der ersteren werden fünfe gezählet .. der anderen werden auch drey angemercket. die gemeine empfindung, sensus communis, welche den eindruck der bewegung, so durch die äusserliche sinnen zum gehirn gelanget, annimmet: die einbildungskrafft, so dieselben nach ihrer art unterscheidet, und ihr daraus gewisse bilder machet: und das gedächtnisz, welches die angenommenen bilder beylegt, und nach gelegenheit wiederhohlet. Jablonski 723ᵇ; so ain mensch sein auszwendig sinn (plur.) bedeckt .. so er innwendig ernst hat in lauterem keer zuͤ got. Keisersberg s. theil 5, 400; die euserlichen sinne, haben eine wesentliche und betastliche ergreiffung: die innerlichen, belangen geistliche und unergreifliche sachen. Butschky Pathm. s. 746; wenn der äuszere sinn richtig ist, so ist zu wünschen, dasz der innere diesem gemäsz vollkommen sey. — der innere sinn ist die vorstellung und bildung der eindrücke in dem äuszern sinne, und, mit einem worte, was wir empfindung nennen. Winckelmann 2, 394; ich, als denkend, bin ein gegenstand des inneren sinnes und heisze seele. dasjenige, was ein gegenstand äuszerer sinne ist, heiszt körper. Kant 2, 309;
im garten auch wo dichterblumen sprossen,
den äuszern sinn, den innern sinn erquicken.
Göthe 4, 100.
der sinn der entgegensetzung und damit des inneren sinnes ist also verschieden. bald werden zwei verschiedene arten der wahrnehmung unterschieden (so bei Kant); bald bezeichnet der innere sinn gleichsam den zweiten akt der gewöhnlichen wahrnehmung, der sich im innern abspielt, die aufnahme der äuszern sinneseindrücke ins bewusztsein (s. oben Winckelmann; dies heiszt sonst speziell der allgemeine sinn, il senso commune. Kramer dict. 2, 815ᶜ, vgl. Jablonski und: unter dem vorhäupt sitzet der allgemeine sinn, welcher ergreiffet [fasset] das bild eines dinges, dasz man sihet, dasz man höret und schmecket. Comenius sprachenth. 341); bald die wirkung aufs gemüt, den seelischen oder ästhetischen eindruck (so bei Göthe und Wieland, s. oben unter b, α), während der plural die gesamten geistigen (bez. intellectuellen) vermögen und thätigkeiten zusammenfaszt. einen ähnlichen gegensatz (des innerlichen schauens der phantasie zum äuszern) enthält auch folgende stelle: wie mich die gestalt verfolgt! .. hier, wenn ich die augen schliesze, hier in meiner stirne, wo die innere sehkraft sich vereinigt, stehn ihre schwarzen augen .. mache ich meine augen zu, so sind sie da; wie ein abgrund ruhen sie vor mir, in mir, füllen die sinne meiner stirn. Göthe 16, 141.
d)
einzelne sinne: und das ist der erste sinn, das fühlen. Comenius sprachenth. 323; dann durch solche liebkosende anreitzung insonderheit zwey sinne des menschen erregt und gleichsam erfrischet werden, das gesicht und der geruch. Hohberg 3, 1, 478ᵃ; weil töne und buchstaben durch ihren anerkannten eindruck nichts als die dunkeln triebfedern sint, durch deren reitz in beiden respective competenten sinnen eine empfindung erweckt wird. Hamann 6, 37; dasz Agathon für sie allein augen, und über ihrem anschauen den gebrauch aller andern sinne verloren hatte. Wieland 1, 241 (Agath. 4, 5). dieser zustand wird noch kräftiger bezeichnet: alle seine sinne waren ohr. 298 (5, 5), vgl. auch die stelle unter 17, a.sonst werden die sinne mit ausschlusz des gesichts, in gegensatz zu diesem, als dunkle bezeichnet: die dunkeln sinne hingegen, der geschmack, der geruch, das gefühl, können dergleichen realitäten .. nicht mit bemerken. Lessing 6, 517. für das gehör findet sich der ausdruck mittlerer sinn (?): allerley saitenspiel, auf welchen ja die schönen geister dieses jahrhunderts virtuosen sind, und durch die cultur des mittlern sinnes in der sphäre der empfindseligkeit von aussen sich einen gröszern namen gemacht haben, als der gott der juden. Hamann 4, 65.
e)
im allgemeinen sitz der sinne: die sinne sind in dem kopfe als in einem schlosse wunderlich zu dem nöthigen gebrauche gemacht und gesetzt. Steinbach 2, 608. verhältnis zu andern seiten des menschlichen wesens: die sinnen sind boten, dolmetscher und fenster des gemütes, sensus sunt quinque nuncii ac interpretes rerum animique fenestrae. Stieler 2030; vermuthlich verhalten sich die sinne zum verstand wie der magen zu den gefäszen ... nichts ist also in unserm verstande ohne vorher in unsern sinnen gewesen zu seyn. Hamann 4, 43 f.; sinne und leidenschaften reden und verstehen nichts als bilder. 2, 259; die sinne aber sind Ceres, und Bacchus die leidenschaften; — alte pflegeltern der schönen natur. 268; die phantasey, der muthwillige affe der sinne gaukelt unserer leichtgläubigkeit seltsame schatten vor. Schiller 2, 163 (räuber 4, 5 schauspiel). — gebrauch der sinne: seiner sinnen gebrauchen, mit den sinnen begreifen, sensu capere, comprehendere, judicare, sensibus uti. Stieler 2031; sie (die muse) wird es wagen, den natürlichen gebrauch der sinne von dem unnatürlichen gebrauch der abstractionen zu läutern. Hamann 2, 283; dieser mann, der in seinem zwey und siebzigsten jahre steht, genieszt noch den gebrauch aller sinne und eines genauen gedächtnisses. Göthe briefe 5, 162;
dasz unsre sinnen
wir noch brauchen können
und händ und füsze, zung und lippen regen.
P. Gerhardt nr. 37, 11 Gödeke;
wie das alles, was wir sehn
und durch der sinne dienst mit unsrer seele gatten,
von dem, was übersinnlich schön
und göttlich ist, nur wesenlose schatten,
nur bilder sind.
Wieland 9, 63 (Musar. 2).
ihre beschränktheit: wie weit mehr sündigt der mensch in seinen klagen über das gefängnisz des körpers, über die grenzen, in die ihn die sinne einschränken, über die unvollkommenheit des lichts. Hamann 1, 128; ist es nicht ein wunder unsers geistes selbst, der die dürftigkeit der sinne in einen solchen reichthum verwandelt, über dessen ausbreitung wir erstaunen müssen? 129. ihre verläszlichkeit: die sinne betriegen nicht, sensus vera nunciant. Stieler 2031; unsre sinnen können uns trügen. Fr. Nicolai in dessen leben v. Göckingk s. 143;
der arme weise sinkt im schlamm des zweifels ein,
er kennt sich selbst nicht mehr, meint, alles seye schein,
sein wesen zweifelhaft, die sinnen nur betrüger.
Haller ged.¹⁰ 59;
vgl. auch: es ist mehr als das zeugnisz der sinne und der vernunft, was zur religion gehört. sie hat ein festeres siegel, als den beyfall dieser unmündigen nöthig, dieser bestochenen hüter, die uns erzählen, was sie im schlafe sehen. Hamann 1, 108;
die sinne weisz ich (mahlerei) lieblich zu betrügen,
ja, durch die augen täusch ich selbst das herz.
Schiller 15, 1, 11.
scharfe, stumpfe sinne: scharfe sinne haben, haver' i sensi acuti, penetranti, vivi, vivaci. Kramer dict. 2, 815ᶜ; die stimme der thiere kommt uns für ihren gemeinschaftlichen wechsel uneingeschränkter vor, als sie seyn mag, weil unsere sinne unendlich stumpfer sind. Hamann 2, 125;
an allen sinnen scharf, von augen wie ein luchs.
Rückert (1882) 12, 197 (Rostem 70).
etwas fällt in die sinne, wird von ihnen wahrgenommen (vgl. sinnfällig), in der regel in bezug auf das gesicht: greifen die kinder nicht nach allem, was ihnen in den sinn fällt? Göthe 16, 129; dann laszt ihnen einen andern gegenstand in die sinnen fallen, auf und davon sind sie, und vergessen alles. 57, 127 (Erwin); die natur selbst ist nur eine idee des geistes, die nie in die sinne fällt. Schiller 14, 6. was die sinne anzieht ('augenfällig'): stark in die sinne fallende phänomene werden lebhaft aufgefaszt. Göthe 53, 10. ähnliche wendungen: obiecta movent sensus, was den sinnen thut vorschweben, demselbigen sie nachstreben. Garg. 77ᵇ; der einzige schlüssel des vom unsichtbaren nichts durch alle äonen des den sinnen allgegenwärtigen weltalls bis zur auflösung desselben sich selbst entwickelnden ... räthsels. Hamann 7, 125; nun sind ihre eigenschaften so tief in dein gemüth geprägt, als ihr bild jemals in deine sinne. Göthe 20, 243; zuweilen mit der bedeutung 14 oder 17, b sich berührend:
denn schnell und spurlos geht des mimen kunst,
die wunderbare, an dem sinn vorûber.
Schiller 12, 6 (Wallenstein, prolog);
ein holder zauber spielt um deine sinnen,
ergiesz' ich (musik) meinen strom von harmonien.
15, 1, 12.
eigenthümlich ist die wendung: dergleichen sehen wir, bey geschwinder veränderung des menschen sinnes; wenn das ferneglas gleisam ümgewendet wird, so scheinet in gleicher zeit nahe, was fern. Butschky Pathmos s. 290. — anderes:
tod sind alle sinnen, tod!
Göckingk lieder zweier liebenden (1779) 20;
es ist klar, ich hab' geträumt!
wenn sich gleich die sinne sträuben,
das gedächtnisz es verneint,
doch ist's so, ich hab' geträumt!
Grillparzer⁴ 3, 23 (ahnfrau 1).
hierher auch:
du selber machst die zeit: dasz uhrwerk sind die sinnen;
hemstu die unruh nur, so ist die zeit von hinnen.
Scheffler wandersm. s. 30 neudr. (1, 189) —?
f)
solcher sinne werden in der regel 5 gezählt: sensilis, et sensibilis, adj., das man mit seinen fünff sinnen begreiffen kan, empfindlich. Corvinus fons lat. 588ᵃ; unter den fünff sinnen ist das gesicht das schärffeste. ebenda; die fünf äusserliche sinne seynd: das gesicht, das gehör, der geschmack, der geruch, das gefühl. Kramer dict. 815ᶜ; von den fünf sinnen, so die natur den thieren gegeben. Steinbach 2, 608; die fünff sinne seindt der seelen kundtschaffter. Henisch 1290, 12; si (das fleisch) hete ouch funf dienistman, die ir zallen citen hulfen; daʒ waren die funf sinne des libes: daʒ gesuone, diu gehorde, der smac, der waʒ, diu berurde. Roth pred. s. 45; mensche, dirre schatz daʒ ist diu wunif sinne, die dir got hat verlichen, die soltu nu kern zu gotes dineste. Schönbach pred. 1, 14, 32 (daher übertragen: here got, .. der du bist daʒ ewige licht, erluͦchte min ougen, min geystliche vumf sinnen. 23, 22); sunde, de ik mit mynen vyff sinden an zênde, an horende, an smeckende, an rukende, an tastende gedan hebbe. qu. bei Schiller-Lübben 4, 208ᵇ; in allen fünff synnen ubertreffen den menschen ettliche thiere. Agricola sprichw. 662; denn wie man sagt von den funf sinnen, sehen, schmecken, hören, greifen, versuchen, so wissen, dasz die fünf in den thieren weit übertreffen die menschen. Paracelsus (1590) 9, 96; dasz die fünf sinne des menschen die gröszte siebenschläfer sein. Opel-Cohn 375; erläuterung über einiges bedencken, ob die wilden thiere fünf sinne haben. Döbel 3, 102 (vgl. unten g, δ); fünf sinne, die wir mit den unvernünftigen thieren gemeinschaftlich besitzen. Hamann 1, 127; 'sie werden uns am ende wohl gar noch unsre fünf sinne streitig machen!' das verhüte der himmel! antwortete Demokrit. wenn sie so bescheiden sind keine weitere ansprüche zu machen als auf fünf sinne, so wär' es die grösste ungerechtigkeit, sie im ruhigen besitze derselben stören zu wollen. fünf sinne sind allerdings, zumahl wenn man alle fünf zusammen nimmt, vollgültige richter in allen dingen, wo es darauf ankommt, zu entscheiden, was weiss oder schwarz, glatt oder rauh, weich oder hart, widerlich oder angenehm, bitter oder süss ist. Wieland 19, 88 (Abder. 1, 8);
ein voller mensch vünf sinne hât, ...
sêhen, hœren, grîfen,   riechen, smecken, sus sint si genant.
Reinmar v. Zweter 164.
vgl. auch:
der sich die werlt læt betœren,
mac er sehen unde hœren,
smecken, grîfen unde dræhen,
sô muoʒ diu werlt im versmæhen,
wand sie versmæhelich zergât.
swes herze die fünf sinne hât,
swaʒ eʒ hœret smecket siht
dræhet grîfet, ist ein niht.
Lamprecht v. Regensburg tohter v. Syon 2793;
der sele fiunf sinne.
Martina 249, 61.
g)
fünf sinne wird jedoch häufig auch da gesagt, wo an die äuszeren sinneswahrnehmungen gar nicht gedacht wird; es steht dann einfach formelhaft für sinne, sinn überhaupt, z. b.: seine fünff sinn anwenden und brauchen, all sein stercke ankeeren, contendere omnibus nervis. Maaler 374ᵈ;
die liebe, der reudichte schäbichte hund,
hat ihm seine 5. sinnen verwundt.
Gryphius Peter Squentz s. 21 neudruck.
so steht es besonders
α)
für bewusztsein, besinnung (s. 11): wie ich so auf dem sandhügel am flusz hintrolle, glitsch, so rutscht der plunder unter mir ab ... — da lag ich, und wie ich mir eben meine fünf sinne wieder zurecht seze, treff ich dir das klarste wasser im kies. Schiller 2, 118 (räuber 3, 2 schauspiel); nun hab ich veranstaltet, dasz wir auf jedem thor wenigstens sechs kreaturen unter der wache haben, die genug sind, die andern zu beschwäzen, und ihre fünf sinne unter wein zu sezen. 3, 91 (Fiesko 3, 4).
β)
noch gewöhnlicher für den gesunden menschenverstand, die gesunde vernunft: es musten auch die rahtsherren vor einen jeden ziegel ihrer häuser 6 pfenning erlegen, welche grosse summe und ufflag mit unsern 5 sinnen nicht zu fassen noch zu verstehen. Schuppius 783;
dô dir got fünf sinne lêch,
die hânt ir rât dir vor bespart.
Parz. 488, 26 (oder zu f?);
dirre bruͦder wil mich rauben
miner funf sinne.
altd. wälder 2, 77, 219 (indem er gesagt hat:
mich dunket, daʒ ir raset.
209);
hast du dein fünff syn,
so leg sy wol an.
Clara Hätzlerin 2, 14, 52.
mundartlich: er het sine guete feüf sinne = er ist follsinnig. Hunziker 242.
γ)
so besonders in wendungen wie: wie er in dem büchlin .., wo er anders seine fünff sinne hette, deutlich und greifflich gnug solt gefunden haben. Luther 6, 6ᵇ; das solche deutler .. solche wort mir zum auffrhur deuten, und solten sich des billich schemen, wo sie nur einen von jren fünff sinnen hetten. 8ᵃ; wer seine fünf sinne nur noch einigermaszen beysammen hat, wird einsehen, dasz wir die allein rechtlehrenden sind. Klopstock 12, 356. — ei du dummer mann, ... wo waren heute deine fünf sinne? J. Paul uns. loge 1, 113.
δ)
ferner negiert: er hat nicht alle fünf sinnen beysammen, caret communi sensu. Steinbach 2, 608; seine fünff sinne nicht haben, oder derselben nicht recht gebrauchen, sensu communi carere, stupidum esse. Frisch 2, 279ᵃ; es ist eine gar gemeine redensart, wenn an einem menschen einfältige oder tumme streiche vermercket und gesehen werden, dasz man zu sagen pflegt: er hat seine fünf sinne nicht, und ist so tumm, als ein unvernünfftiges thier. hieraus folgt also, dasz die wilden thiere keine fünf sinne haben. ich will aber allhier gantz klärlich darthun, dasz die wilden thiere ebenfalls fünf sinne haben. Döbel 3, 102;
er dunckt mich nit ain weiser man,
dem got seiner fünff synn nicht engan.
Clara Hätzlerin 1, 9, 17.
nd. hê hed sîn fîf sinnen nêt bî 'n ander. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ.
ε)
formelhaft in der ältern rechtssprache, nach seinen fünf sinnen, nach bestem wissen und gewissen: unde dat gy dyt holden willen na juwen viff sinnen, so gy best kunnen unde mogen. quelle bei Schiller-Lübben 4, 208ᵇ; he wolde eme eyne antworde geven nae sinen vyff sinnen (eidesformel). ebenda; das er sinen gn. und sinem stiffte zu Magd. in dem .. ampte der saltzgraveschafft und dem talgerichte getruwe und gewere sein, und die nach alle sinem vormogen und sinen fünff sinnen getruwelichin verhegen. urkunde von 1463 bei Haltaus 1688, woselbst weitere nachweise gegeben sind.
h)
dafür finden sich häufig scherzhafte verdrehungen, indem an stelle der fünfzahl eine gröszere oder kleinere erscheint.
α)
von der fünfzahl ausgehend in den sprichwörtlichen redensarten er hat alle sinne — bis auf fünf. Eiselein 569. Simrock 9548; er hat seine fünf sinne alle drei. Wander 4, 574, 69.
β)
vier sinne: habe ich doch (bündel) getragen, dasz ich von meinen vier sinnen kaum weisz. Schoch stud. leb. E 3ᵃ (2, 2); aber das geben mir meine vier sinne, dasz ich nicht schuldig bin, meinen esel umsonst in der sonne stehen zu lassen, damit sich ein andrer in seinen schatten setze. Wieland 20, 12 (Abder. 4, 2).
γ)
sieben sinne: wo denckestu hin? hastu auch dein sieben sinne alle bey einander? oder fünffe wie ander menschen? Nigrinus 1. centur. T 4ᵃ, theilweise scherzhaft für sinne: als indessen Spring-ins-felt sich wieder witzig stellte, oder .. als er wieder zu seinen sieben sinnen kommen, fragte ihn der obriste, was er mit dieser gugelfuhr gemeint hätte? Simpl. schriften 3, 113, 10 Kurz; setzt eure 7. sinnen in die falten, herr Peter Squentz .. hat etwas nachdenckliches anzumelden. Gryphius Peter Squentz s. 7 neudruck; sonst ist vergessen nicht gut für einen geschäftsmann .. man musz immer seine sieben sinne bei einander haben. Auerbach dorfgesch. 8, 48 (edelw. 10); nimm deine 7 sinne zusammen. Albrecht 212ᵇ. die zahl stammt vielleicht aus der bedeutung 21, a, vgl.:
zwâr anders nieman in bestât,
wan der der siben sinne
an im dekeinen hât.
Ecken liet 190, 12
und Zupitzas anmerk. dazu.
δ)
theilweise und häufiger bezeichnet indessen sieben sinne bereits einen nicht normalen zustand, so sprichwörtlich: er hat sieben sinne, drei tolle und vier verrückte. Wander 4, 574, 72, vgl. 75; so auch:
a, e, i, o, u: die ochsen schreien mu;
ich hab' noch alle siben sinn'.
Eiselein 498.
gewöhnlich werden indessen 7 sinne als eigenthümlichkeit des bären angesehen: er hat sieben sinne wie e bär, ist ungeschickt, dumm. Albrecht 212ᵇ; er hat nicht sieben sinne wie ein bär. Wander 4, 574, 67; doch auch: er hat drei sinne wie ein bär. 66.
ε)
andre verwendungen s. unter sieben III, 5, i, sp. 792 f. ferner unten 21, a.
ζ)
eine scherzhafte übertreibung der sieben sinne ist wiederum: in solcher betöberung und niderlag meiner rechten vernunfft und siebenzehen sinnen lag mir nichts mehrers an, als dasz ich .. allezeit unsichtbar seyn muste. Simplic. schriften 4, 68, 17 Kurz.
i)
zuweilen werden auch wirklich noch andre sinne als die gewöhnlichen 5 erwähnt. diese sind zunächst spezialfälle der gewöhnlichen, so der formen- und farbensinn, als zwei besondere formen, fähigkeiten und richtungen des gesichtes, der sinn für tonhöhe u. a. diese ausdrücke unterscheiden sich von den unter 14 behandelten dadurch, dasz sie etwas rein körperliches bezeichnen: der active gefühlsinn ist daher zugleich formensinn. Oken 4, 270; das gefühl der figuren aber nennt man tasten, und so ist also der höhere gefühlsinn ein tastsinn und die bedeutung des tastsinns nicht mehr blosz widerstands-, sondern formensinn. 271; der sogenannte fledermaussinn ist nichts weiter als feines gefühl des widerstandes der luft. 295. oder es werden wirklich andre arten körperlicher empfänglichkeiten angenommen, so magnetischer, electrischer, chemischer sinn. Oken 4, 267 f. auch von einem wärme- oder temperatursinn könnte man reden. oder endlich es werden innere sinne mit gezählt, so bei Wieland, um die sprichwörtlichen sieben sinne herauszurechnen: auf diese (sublunarische welt) schränken wir uns ein, weil sie unter allen möglichen welten am ende doch die einzige ist, von der wir mit hülfe unsrer sieben sinne (das selbstbewusztseyn und den gemeinsinn mit eingerechnet) eine erträgliche kenntniss haben. 14, 72 (Koxkox 16). vergl. auch: manchmal träume ich auch, .. Joseph wäre bei mir, und spräche vertraulich mit mir, wie er nun bald abreise und wir briefe mit einander wechseln wollen. auf diese briefe freue ich mich sehr, denn ich habe noch an niemand geschrieben; es ist mir wie ein neuer sinn, der mir aufgehen soll. Brentano 5, 292.
k)
daher häufig sechster sinn: denn freilich aus einer gewissen unnennbaren empfindung, aus einem sechsten sinne für die schönheit, kann man alles, was man will, ohne kopfbrechen ausfinden. Herder 3, 55 Suphan. scherzhaft mit fledermaussinn (s. oben) gleichgesetzt: in seiner nähe waltete frau von Baldereck und beobachtete mit einem auge die gesellschaft, mit dem andern ihre tochter und mit dem unnennbaren sechsten sinn, welchen die fledermäuse in so ausgezeichnetem grade besitzen sollen, herrn von Fink. Freytag soll u. haben 1, 185. unbestimmt: ein mann wie du, der aus der geheimen vorrathskammer der natur den sechsten sinn zu stehlen wuszte. Klinger 2, 405; was für einen sechsten oder siebenten sinn haben wir, um das wirkliche daseyn der gegenstände damit zu erkennen, womit man die geisterwelt bevölkert? (das weitere s. I, 5, b). Wieland 1, 154 (Agath. 3, 3). andere bedeutungen s. 19, f.
19,
a)
die eindrücke der sinne vermitteln aber nicht nur wahrnehmungen, sondern sie sind von lust- oder unlustgefühlen begleitet: bemühe dich so sehr als du willst, dir götter ohne gestalt, ohne glanz, ohne etwas das die sinnen rührt, vorzustellen; es wird dir unmöglich seyn. Wieland 1, 142 (Agathon 3, 2);
sumerzît unt wîbes minne
mannen trœstet die vünf sinne:
vrouwen tuont gesihte wol u. s. w.
minnes. 2, 393ᵃ Hagen;
wie angenehm ist doch der thon dem ohr und sinn,
wenn man beym truncke sitzt bisz zu dem morgen hin.
Olearius rosenth. 54ᵃ (3, 27);
o werthe blumen-schaar! ihr neuert unsre sinnen
mit eurer lieblichkeit.
ihr wecket in uns auf ein neues lust-beginnen.
Hohberg 3, 1, 478ᵃ;
er .. verzärtelt seine sinnen.
Caniz ged. 31;
leicht begnügen sich die sinnen
an der schönheit tüncherei ...
und wie oft gewann die lüge
ihr betrügerisches spiel,
wann den sinnen nur zur gnüge
ihre larve wohlgefiel.
Bürger 116ᵃ;
sein geist zerrinnt im harmonienmeere
das seine sinne wollustreich umflieszt.
Schiller 6, 274;
er hörte seine lust und schaute sein vergnügen
und trank den frohen muth dazu in langen zügen.
mit allen sinnen so schöpft' er des festes wonne.
Rückert 12, 132 (Rostem 6);
das aug' und jeden sinn erlabend ist der morgen.
225 (97).
b)
daher lust, lüste der sinne, vgl. sinnenlust, s. Wieland 1, 83 und 2, 282 unter I, 5, b: alle diese vergnügen sind es für die sinnen, oder für die einbildungskraft, oder sie sind — nichts. 1, 140 (Agath. 3, 2); in einem gemüthszustande, worin die leidenschaften schweigen, wo uns vor den ergetzungen der sinne ekelt. 2, 324 (10, 3); vgl. auch:
an neigungen und reitzbarkeit der sinnen,
sind, wie man weisz, die ältesten göttinnen
stets — sechzehn jahre alt.
10, 204 (Aur. u. Cef.).
c)
daher erscheinen die sinne auch gern als eine art begehrungsvermögen: was den sinnen thut vorschweben, demselbigen sie nachstreben. Garg. 77ᵇ. daher trieb der sinne und ähnliches:
der gottheit kenntnisz dämpft der sinnen wilde triebe;
veredelt unsern geist, und mehrt die tugendliebe.
Lichtwer 228;
begraben in des wurmes triebe,
umschlungen von des sinnes lust,
erkantet ihr in seiner brust
den edlen keim der geisterliebe.
dasz von des sinnes niederm triebe
der liebe beszrer keim sich schied,
dankt er dem ersten hirtenlied.
Schiller 6, 270.
auch ausdrücke, die eine heftige erregung der sinne andeuten, sind von hier aus zu verstehen:
dasz immer die vernunft der sinnen feuer kühlet.
Haller ged.¹⁰ 74;
nie stört sein gleichgewicht der sinne gäher sturm.
81;
welcher trank hat deine sinnen,
diese sclaven, wider dich empört?
Göckingk lieder zweier lieb. 126.
die sinne bezwingen u. ähnl.: ja, es ist keine grössere uber windung, als wenn einer sich selbst überwindet; die sinnen recht übermeistert. Butschky Pathmos s. 329;
der die eigenen sinne bezähmte
und die begierden der bösen lähmte.
Rückert (1882) 12, 7 (Nal 1).
d)
dieses begehrungsvermögen ist in der regel im sexuellen sinne gemeint. die sinne bezeichnen dann zugleich die sinnlichen wahrnehmungen, welche den reiz auslösen und die begierde anregen, vgl.: die fünff sinnen sind fünff röhrlein, wordurch die seele den gifft der verbottenen wollust an sich ziehet. Hohberg 3, 1, 122ᵃ, 62, und auch den dadurch in thätigkeit gesetzten trieb (geschlechtstrieb) selbst. diese verwendung gehört hauptsächlich der neuern sprache an und ist sehr gewöhnlich, vergl. auch sinnlich, sinnlichkeit, die von hier aus ihre jetzt herrschende bedeutung erhalten haben.so schon in vielen der angezogenen stellen, ferner: sitze nicht bey eins andern weib, ... das dein hertze nicht an sie gerate, und deine sinne nicht bethöret werden. Syr. 9, 13; ich habe blut, mein vater; so jugendliches, so warmes blut, als eine. auch meine sinne, sind sinne. Lessing 2, 187 (Em. Galotti 5, 7); die ansprüche der schönen Cyane, ... das schlüpfrige, das ihm an ihrer ganzen person anstöszig war, löschte das reitzende so sehr aus, und erkältete seine sinne so sehr u. s. w. Wieland 1, 124 (Agath. 2, 7); wenn ich bei ihr gesessen bin, .. und mich an ihrer gestalt .. geweidet habe, nach und nach alle meine sinnen aufgespannt werden, .. dann mein herz in wilden schlägen den bedrängten sinnen luft zu machen sucht, und ihre verwirrung nur vermehrt. Göthe 16, 80; (ein katholik ist lutherisch geworden;) die ursache soll sein vertrauter umgang mit der wittwe C. sein ... der unglückliche mann scheint seinen sinnen unterlegen zu sein, denn seine überzeugung war katholisch. Brentano 9, 189;
schöne weiber, sind der himmel, greuliche, die sind die hölle;
dort, für augen; hier für sinnen.
Logau 3, 24, 1;
bring' die begier zu ihrem süszen leib
nicht wieder vor die halb verrückten sinnen.
Göthe 12, 174.
e)
es wird von dem unter 1—6 behandelten begehrungsvermögen ein mehr körperliches, triebhaft instinctives unterschieden, vgl.:
die wîl sie (die seele) ist sô manhaft
daʒ sie des lîbes sin geleget.
Lamprecht v. Regensburg tohter v. Syon 131.
daher oft im gegensatz zu herz, seele: eine liebe, an der das herz und der geist mehr antheil hat als die sinne. Wieland 1, 262 (Agathon 4, 9); das gemählde, welches sich in diesem augenblick unserm helden darstellte, war nicht sehr geschickt weder sein herz noch seine sinnen in ruhe zu lassen. 294 (5, 5);
zwar bleibt sein wille unverführt;
doch alles, was er sieht, und höret, und berührt,
er wolle oder nicht, berauschet seine sinnen:
ihr wollustschwerer blick, ihr süsser athem schürt
die flammen an, die schon in seinen adern rinnen.
17, 32 (Idris 1, 38);
allein, der reitzendste genuss
soll eure sinne nur, nie euer herz erweichen.
246 (4, 65);
so auch: das herz ruft nie die sinne zu hülfe. wahre empfindung wird sich nie hinter schmukwerk verschanzen. Schiller 3, 45 (Fiesko 2, 2). zusammengestellt: die liebe welche die sinne, den geist und das herz zugleich bezaubert, .. war ihm noch unbekannt. Wieland 1, 263 (Agathon 4, 9);
bis zu dem kusz, der seel' und sinne
eintaucht' ins taumelmeer der minne.
Immermann 13, 23 Hempel.
wo sich im mhd. ähnliche zusammenstellungen finden, ist noch kaum an einen solchen gegensatz zu denken, sondern sind herze und sin eher als synonyme zu fassen:
jâ ist si mînes herzen tac
und der wunsch mîner sinne.
Wigalois 8115.
f)
auf dieser bedeutungsentwicklung beruht es, wenn häufig (namentlich im 18. jh.) der geschlechtstrieb als sechster sinn (vgl. 18, k) bezeichnet wird, vgl. Weigand 2, 719: Philo zählt γόνιμον φωνήν (?) zum sechsten sinne. Hamann 4, 60; faulheit, ehrgeiz und sogar der sechste sinn finden befriedigung ... ich rechne den geschlechtstrieb mit. Forster briefe über Italien 2, 78; weniger deutlich in den folgenden stellen:
dieweil der sechste sinn schleust in sich alle sinnen,
wolt alle sinnen gern in einen bringen künnen
die schlaue Gellia; drum nimmt sie stündlich an
was ihr der sechste sinn nur jmmer üben kan.
Logau 1, 106, 47;
so ohr als zunge wird zu einer wollust-rinne,
mein fühlen ist vermählt mit einem sechsten sinne.
Lohenstein rosen 58;
zeugts, schwestern, sanft bekrabbelt
um hüft' und brust,
wie hold ihr zuckt und rabbelt
vor seelenlust.
wie drängt euch wahrzusagen
der sechste sinn im magen!
Voss 4, 122;
und — wär nicht frau amtmännin gekommen
(unserm amtmann krachts im sechsten sinn)
wär der balg (Venus) ins trokne fortgeschwommen,
dank seys der frau amtmännin!
Schiller 1, 193.
im folgenden vielleicht vom tastsinn zu verstehen: ich gelangte bey dem höchsten reize, den junge zarte nackte vollkommene weibliche formen in der dunkelheit für unsern stärksten sinn nur haben können, zum entzückendsten ziel meiner entflammten begierden. Heinse Ardingh. 1, 211. — ganz abweichend, aber ebenfalls von einem körperlichen begehren: in dem verdauungsviertelstündchen nach der mahlzeit, da der sechste sinn, die empfindung des hungers und durstes, die seele nicht mehr beschäftigte. Musäus volksm. 2, 77 Hempel.
20)
in der dichterischen sprache der ältern zeit, besonders des 17. jh., wird sinne für personen, die damit begabt sind, gesagt, ähnlich wie jetzt etwa genies. es erscheint dabei stets im plur. und stets mit (adj.) attribut; die verbindungen schlieszen sich theils an 7, theils an 10 an: hier solte ich etwas erinnern von der rechtschreibung. ich habe mich darinnen aber auch, noch zur zeit bequämet unserer ubligkeit, ... wiewol ich nicht verwerffe, was von fleissigen sinnen, sonderlich von herren Schottelio ... diszfalls richtig gewiesen worden. Logau 3, 3;
die helden-zeit ist jetzt, jetzt herrschen solche sinnen,
die nicht im grase gehn, die auff den hohen zinnen
der würde stehn voran, in denen mut und geist
den mund nichts als von krieg, sieg, mannheit, reden heist.
Logau 2, 13;
jhr, jhr lieben (musen), habet lust
an reiffen sinnen (im gegensatze zu andern mädchen, die nur junge liebhaber wollen).
3, 91, 77;
dasz dein (Schlesiens) Opitz ist Apollo, dasz die andren klugen sinnen
deiner kinder dieses worden, was sonst sind die Castalinnen,
dieses ist dir ewig rühmlich.
192, 3;
ähnlich als poetische figur:
und als des Petri strenger sinn
den Malchum schluge, heilt er ihn.
P. Gerhardt nr. 12, 70 Gödeke,
s. auch J. E. Schlegrl 1, 27 unter 7.
21)
viel häufiger nimmt sinn eine objective bedeutung an, indem es etwas gedachtes, vorgestelltes (als für sich bestehend) bezeichnet. hierher gehört in gewissem sinne schon 16, f. andre fälle, wo es 'meinung, vorstellung' bedeutet, finden sich hauptsächlich in der ältern sprache.
a)
mhd. siben sinne, die sieben freien künste, vgl. sieben III, 5, i, sp. 792:
dû kanst sô mangen alten list,
ich bin des worden inne,
daʒ die siben sinne
besloʒʒen alle sint in dir.
Reinh. fuchs s. 340, 1348 Grimm;
s. auch 18, h, γ.
b)
gedanke: liber sententiarum buͦch von den hohen synnen. Dief. nov. gl. 233ᵇ (voc. rer. 1466 und 1486); in dem buch der hohen sinn, in libro sententiarum. meister der sinnen, magister sententiarum (St. Gregorius). maister von hohen sinnen (Petrus Lombardus). Petrus der maister Lampardus, der die sentencias machet, das ist das puch von hochen synnen zu teutsch genant. quelle bei Schm. 2, 294, vgl. dazu 10, f. ferner: von schönen getichten und hohen synnen. ebenda; er .. gebirgit tiêfe sinna in sînen scripturis. Notker ps. 32, 7; die weyse ist, das man wenig wort mache, aber vill und tieffe meynungen ader synnen. Luther 2, 81, 14 Weim. ausgabe.mit genitiv der person, was jemand sagt oder sagen will: wider alle, die den sinn Christi und den geyst der schrifft darthuͦnd. Franck weltb. 161ᵃ; dasz sie .. die vom h. geist eingegebene sinn mit zierlicher und klarer red, der zuhörer gemüther eingiessen möchten. Schuppius 725;
uuellet ir gihôren   Dâvîden den guoten,
den sînen touginon sin?   er gruoʒte sînen trohtîn.
denkm. nr. 13 (ps. 138, 2).
meinung:
immer hin zum dritten male (geheiratet)! ....
wer nur sonst ist gut gesinnet, ist ein zeuge meiner sinnen,
du hast der gestallt umarmet alle drey die Charitinnen.
Logau 3, 85, 48.
ähnliches in neuerer sprache, doch meist mit annäherung an die bedeutung 22:
(Tantalus,) an dessen alterfahrnen, vielen sinn
verknüpfenden gesprächen götter selbst,
wie an orakelsprüchen, sich ergötzten.
Göthe 9, 16 (Iphig. 1, 3).
mit andrer nuance (oder zu 13?):
dem denker winkst du treu und lieb,
dasz sich der sinn entfalte.
5, 43 (divan 2, 11).
c)
auch von der mittheilung von thatsächlichem, erzählung, geschichte, sachverhalt u. ähnl.: iʒ ist mangerleige sin von disen kungen. d. mystiher 1, 47, 27;
und schreib deim vater allen sin,
wie itzund unser sach all steht,
und zeig ihm an, das dirs wol geht.
Ackermann s. 57 Holstein (Thob. 3, 4, 1376).
satz: iedoch wiʒʒ, daʒ ich den sin von dem miltaw von andern maistern niht hân genomen. Megenberg 87, 18.
d)
inhalt eines schriftstücks: her solde eines mâles ein buch koufen, dô hate her gar grôʒe libe zu; und dô her iʒ besach und sînen sin gemerkete, dô sprach her zu sînen gesellen: 'ich enwil des buches niht koufen'. d. mystiker 1, 101, 5; des selben priefes sin wil ich hie kürzleich begreifen (zusammenfassen). Megenberg 217, 22;
dat in deme rentzel breve weren,
de he myt Reynken hadde gheschreven,
unde he den syn hadde uthghegeven.
Reineke Vos 4504.
gegenstand, thema:
hie wil ich laissen desen sin.
d. städtechr. 12, 254 (weverslaicht 390).
poetische idee (?): der gantz Homerus ist vol haimlicher künsten die doch mit wilden sinnen unnd worten uszgesprochen sind. Reuchlin augensp. 11ᵃ.
e)
entwurf, plan: in diseme briefelin stot geschriben zwene sinne des gebuwes (baupläne), der erste sin wie es Ruoleman meinde zuo buwende, der ander sin wie ir es meindent zuo buwende. Nic. v. Basel 304.
f)
noch ungewöhnlicher sind die glossen selbnamin sin und dannenburtigin sin zu Notker ps. 77, 43 als übersetzung von 'nominativum' und 'genitivum'.
g)
im mhd. wird sin häufig nach art eines adj. als prädicat verwendet: daʒ ist (ein) sin, daʒ sint sinne 'das ist verständig, vernünftig', vgl. Grimm gramm. 4, 257:
bewar daʒ, daʒ sîn (des trankes) mit in zwein
ieman enbîʒe, daʒ ist sin.
Tristan 11469;
daʒ ich sô gar ein meister bin
an trinken: seht, daʒ heiʒ ich sin.
weinschwelg 298;
swer guote gewarheit
im selben schaffet, deist ein sin.
Greg. 2819;
swer ir des widerbringens nû gedenket
unt ir mit heiʒen trehenen widerschenket
ûʒ riuwegem herzen, daʒ sint sinne.
Reinmar von Zweter 237, 9.
22)
in neuerer zeit ist sinn nur noch üblich und sehr gewöhnlich von der bedeutung, meinung, dem geistigen gehalte, der tendenz einer äuszerung, eines werkes oder (seltner) einer handlung im gegensatze zu ihrem wortlaut bezw. ihrer äuszern erscheinung: der sinn unnd die meinung, sententia animi. der raͤcht sinn und bedeütung der worten. Maaler 374ᶜ; sinn etiam quandoque est sententia, argumentum, scopus, intentio, ita: der sinn des gesetzes, sententia legis, et verbis, sive literis legis opponitur. Stieler 2030; sinn, der worte verstand, sensus verborum. Frisch 2, 279ᵃ.
a)
sinn einer rede, äuszerung: ich sprach, und du vernahmst den sinn meiner worte nicht. Klinger 3, 57;
mit bunten wappenschildern ist's (das haus) bemahlt,
und weisen sprüchen, die der wandersmann
verweilend liest und ihren sinn bewundert.
Schiller 14, 282 (Tell 1, 2);
was îst der langen rede kurzer sinn?
12, 75 (Picc. 1, 2);
herr, dunkel war der rede sinn.
11, 255 (gang nach dem eisenhammer).
die beiden letzten citate sind zu geflügelten worten geworden. ferner:
gemüthliche worte,
sylben köstliches sinns wechselt ein liebendes paar.
Göthe 1, 278 (röm. el. 13).
vom einzelnen worte:
ein kardinal! das wort schallt recht, —
sein sinn ist: der knechte niedrigster knecht.
Chamisso 1, 267 Koch (vetter Anselmo 3).
so auch: nimis stât hier pro valde, iʒ pezeichenet zuêne sinna, einer ist apud Grecos agân, daʒ chît ze filo, anderer ist spôdra daʒ chît filo unde harto. Notker ps. 118, 4; seitdem erst verlor der name der historischen schule den gehässigen sinn einer parteibezeichnung. Treitschke d. gesch. 2, 63. — der rechte wahre sinn und verstand eines textes, il vero senso, intelletto, intendimento d' un testo. v. verstand. einem den sinn der heil. schrifft erklären. der sinn und geist des gesetzes. Kramer dict. 2, 816ᵇ; Carl der grosze wollte nicht haben, dasz ein kind aufwachsen solte, ohne eine kunst zu lernen, womit es sich ernähren könnte. dies ist der sinn des gesetzes: de computo ut omnes veraciter discant u. s. w. Möser patriot. phantasien 1, 83; genug, wenn die erfindung (der fabel) des dichters ist, der vortrag sey des ungekünstelten geschichtschreibers, so wie der sinn des weltweisen. Lessing 1, 130 (fabeln 1, 1); es sind hundert dinge zu beobachten, welchen der Italiäner allen sinn des gedichts aufopfert. Göthe 29, 215; zuweilen geradezu 'absicht, zweck' (vgl. 5, a. c):
dar umme is dyt boek ghedycht,
dyt is de syn unde anders nicht.
Reineke Vos 6834.
ähnlich in der ältern sprache, doch hat sinn hier meist eine selbstständigere stellung und eine andre nuance, s. besonders 21, b. d; ferner: daʒ sint dîe lûtteron unte dîe scônen sinne dero hêiligon gescrifte. Williram 59, 17;
hir umb wer do wulde war
siner sunde werden ledigk in der zit,
der mercke den sinne, der da lit,
do got sprichet in der warheit u. s. w.
Alsfeld. passionssp. 2864.
von bildern: die gegenstände waren nicht so auffallend, nicht so mannigfaltig; aber desto einladender den tiefen stillen sinn derselben zu erforschen. Göthe 22, 24. — sinn einer handlung (vgl. auch 5, c, welche bedeutungen leicht in einander übergehen): Plato verstand den stillschweigenden sinn dieser zumuthung. Wieland 2, 370 (Agath. 10, 6); aber wenige dringen ein in die tiefsinnige allegorie, und verstehen den sinn der vielfach wiederkehrenden aufforderung. Schleiermacher 3, 1, 351 (monol. 1); im sinne einer sühne der schuld ist das menschenopfer erst in der zeit Manasses bezeugt. Smend alttest. religionsgesch. s. 129. — ungewöhnlicher sinn der sache, wie es sich damit verhält (vergl. 21, c): die beiden eheleute machten umständlich ihre bekenntnisse; aber kaum hatte er den sinn der sache vernommen, als er verdrieszlich vom tische auffuhr. Göthe 17, 24. — mit zu ergänzendem genitiv: diê an in selbên starchi suôchent nals an gote, die heîʒʒent fortes terre̜. diz ist der sin. Notker ps. 46, 10; in inmaturitate, id est en aoria grece, mit zuein prepositionibus daʒ ist der selbo sin. 118, 147 (s. 537, 12 Piper); und hie ist der sinn (auslegung), da weisheit zugehöret. offenb. Joh. 17, 9.
b)
daher werden häufig sinn und wort (wortlaut, auch buchstabe) in gegensatz gestellt; so mhd. (mit leichter abweichung, vgl. 21, d):
sîn (Blikers von Steinach) zunge diu die harphe treit
diu hât zwô volle sælekheit:
daʒ sint diu wort, daʒ ist der sin.
Tristan 4705;
ungezieret sint mîn wort;
doch hânt si kluoger sinnen hort.
Boner s. 184, 14;
vremde rede hat vremde sinne.
Brun von Schonebeck 776.
nhd.: vita Esopi .. von doctore Hainrico Stainhöwel schlecht und verstentlich getütschet nit wort usz wort, sunder sin usz sin! s. Gödeke grundr.² 1, 369 f.; denn die seel, wenn sie gewar wird, was sie spricht, und in derselben betracht, auff die wort und sinne denckt, mus sie die wort faren lassen, und dem sinne anhangen, oder widerumb, den sinn mus sie fallen (lassen), und den worten nachdencken. darumb sind solch mündlich gebet nicht weiter anzunemen, denn als ein anreitzung und bewegunge der seelen, das sie dem sinne und den begirden nachdencke, die die wort anzeigen. Luther 1, 67ᵇ; wie denn alle schulmeister leren, das nicht der sinn den worten, sondern die wort dem sinn dienen, und folgen söllen. 3. vorr. auf den psalter s. Bindseil 7, 323; aus dem gegensatz des buchstabens und sinns entsteht jene κοινωνία und ἀνακολουθία. Hamann 4, 444; ich versteh' es nur zu wohl! nicht die worte; aber den sinn. Göthe 14, 68 (triumph der empf. 6);
geschrieben steht: 'im anfang war das wort (λόγος)!'
hier stock' ich schon! wer hilft mir weiter fort?
ich kann das wort so hoch unmöglich schätzen,
ich musz es anders übersetzen,
wenn ich vom geiste recht erleuchtet bin.
geschrieben steht: im anfang war der sinn.
12, 66.
anders ist der gegensatz in folgender stelle gewendet, wo sinn kaum anders als für 'seele, geist' gemeint sein kann:
Venus soll man nicht mehr sprechen, nur Lustinne soll man sagen:
als wann name zu der sache künt ein ander art beytragen;
.... wann wir christen in dem sinne
nicht der heyden wesen hausten, wurden wenig jhre worte
ärgern durch die blossen namen.
Logau 2, 168, 47.
c)
sinn haben, etwas bedeuten:
ich bin der ich bin,   der nam hat tieffen sin.
exod. 127, 16 Diemer.
nd. dat hed hêl gên sin of ferstand. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ. mhd. daʒ hât sin in der abweichenden bedeutung 'das hat seine richtigkeit, verhält sich so':
'ir wist viellicht nit, wer ich bin'.
der alt der sprach 'das haut kain sin.
ich wais wol das du ritter bist'.
Herm. v. Sachsenheim mörin v. 58 (vgl. d. anm.);
die küngin sprach: 'das haut wol sin'.
3804 (u. ö.).
es ist, liegt worin: dor is nich sinn orer verstand in. nd. korrespondenzbl. 14, 20, 78; dâr ligt gên sin of ferstand in. d'r is gên sin of wit in sîn prôt. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ. — sinn worin suchen: der (künstler) sucht geheimen sinn und harmonie im schönen farbenspiele der natur. Schleiermacher 3, 1, 370 (monol. 2). ähnlich auch: aus diesem bericht, kan man ja nicht bringen, das wir einer gestalt brauch recht halten, man wölle es denn böslich deuten, und mutwilliglich solchen sinn eraus zwingen. Luther 6, 18ᵇ; sie (die psalmen) sind theils als solo, duett, chor (in musik) gesetzt und unglaublich original, ob man gleich sich erst einen sinn dazu machen musz. Göthe 29, 292. — groszer, guter, hoher, tiefer sinn u. s. w.: dasz das wort sinn, (aber nur im singular) so häufig für gedanken gebraucht, ja wohl gar eine noch höhere stufe, als die des denkens ist, bezeichnen soll; dasz man von einem ausspruche sagt: es liege in ihm ein reichhaltiger und tiefer sinn, (daher das wort sinnspruch) und dasz man den gesunden menschenverstand auch gemeinsinn nennt ..., gründet sich darauf: dasz die einbildungskraft, welche dem verstand stoff unterlegt, um den begriffen desselben inhalt ... zu verschaffen, vermöge der analogie ihrer (gedichteten) anschauungen mit wirklichen wahrnehmungen jenen realität zu verschaffen scheint. Kant 10, 173; warum soll hier λαμπρον der name eines musikers seyn? weil er es seyn kann? weil auch alsdenn noch die worte einen sinn behalten? ist das grundes genug? hätte Muretus nicht vorher zeigen müssen, dass καθαριζειν λαμπρον και καλως keinen sinn, oder wenigstens keinen guten sinn machen? Lessing 6, 302; zeigen viele begebenheiten im anfange nicht einen groszen sinn, und gehen die meisten nicht auf etwas albernes hinaus? Göthe 18, 192; auch in diesen sonderbarkeiten, auch in dieser anscheinenden unschicklichkeit liegt ein groszer sinn. 19, 92;
ein wort — kaplan, sie kennen mich.   ich pflege
doch sonst vor worten nicht zu zittern.   disz mal
war sinn darin — und schwerer.
Schiller 5, 1, 136 (dom Karlos 2, 13);
wage du, zu irren und zu träumen,
hoher sinn liegt oft in kindschem spiel.
11, 374.
andre stellen nähern sich mehr der gewöhnlichen subjectiven bedeutung von sinn (vgl. 7 und 10): der mensch und das menschliche wurden am werthesten geachtet, und alle seine innern, seine äuszern verhältnisse zur welt mit so groszem sinne dargestellt als angeschaut. Göthe 37, 21; er hatte die rolle .. in einem groszen sinne gesprochen. 19, 209;
er hatte die munteren worte
mit behaglicher art, im guten sinne gesprochen.
40, 325 (Herm. u. Dor. 9).
d)
sehr häufig werden mehrere sinne unterschieden, sowohl mehrere bedeutungen z. b. eines wortes (z. b. Notker ps. 118, 4 unter a, jetzt weniger üblich), als auch besonders mehrere auffassungsweisen. namentlich wird gern dem wörtlichen oder buchstäblichen sinne ein freierer, geistiger, bildlicher, innerer, geheimer sinn u. ähnl. gegenübergestellt: der buchstäbliche, historische sinn, wort - sinn, il senso literale, historico. der geistliche sinn, il senso spirituale, figurato, mistico. Kramer dict. 2, 816ᵇ; darumb der spruch Pauli 2. Cor. 3 'der buchstab tödtet, der geist macht lebendig' reimet sich eben so wol zu diesen zweien sinnen schrifftlich und geistlich, als Emsers kopff sich zu der philosophia .. reimet. Luther 1, 379ᵃ; darumb ists nicht wol genennet, schrifftlich sinn, weil Paulus den buchstaben gar viel anders deutet denn sie. besser thun die jn nennen, grammaticum, historicum sensum. und were fein, das man jn nennet, der zungen oder sprachen sinn. ebenda; alles was du geistlich sinn heissest ..., wirstu in der gantzen biblien nicht einen buchstaben finden, der mit euch stimme. S. Paulus heisset es mysteria, verborgene, heimliche sinn .. doch hie etlich aus unverstand haben der schrifft vier sinne gegeben, literalem, allegoricum, anagogicum, tropologicum, des kein grund nirgend bestehet. ebenda; das licht und recht des geistes und herzens liegt nicht im geblüte guter willensmeynung, noch im reinen sinn des buchstabens. Hamann 7, 116; wir läugnen zwar nicht, dasz die ganze Abderitengeschichte in gewissem betracht einen doppelten sinn habe: aber ohne den schlüssel zu aufschlieszung des geheimen sinnes, den unsere leser von uns selbst erhalten sollen, würden sie gefahr laufen, alle augenblicke falsche deutungen zu machen. Wieland 19, 261 (Abder. 3, 1);
und könnte man wirklich in thränen zerflieszen,
ich hätt' im wörtlichen sinn zur quelle werden müssen.
5, 148 (Amadis 17, 29);
auf einer ähnlichen unterscheidung beruht der gegensatz: der sinn ist vollkommen übertragen, aber der geist ist verflogen. Lessing 7, 89.
e)
andere gegensätze beziehen sich meistens auf die bedeutung des einzelnen wortes, so höherer — niederer sinn: der herr dieser besitzung, im höhern sinne wohlthätig, dasz er alles um sich her zum thun und schaffen aufregte. Göthe 21, 68; die pflicht des geistlichen, sittlich im täglichen sinne, religiös im höheren, auf die menschen zu wirken. 26, 262; haben wir gleich zu anfang die competenz der kritik, selbst im höheren sinn, auf diese arbeit gewissermaszen bezweifelt. 33, 204; in diesem sinne dürfen wir dem schwachen, ja dem feigen selbst charakter zuschreiben ... doch bedient man sich des wortes charakter gewöhnlich in einem höhern sinne. 54, 100; unklar ist:
er hofft auf deine lehren,
dich, wenn der wein den geist erhebt,
im höchsten sinn zu hören.
5, 42.
in bezug auf den begriffsumfang: engerer — weiterer sinn: dasz hier die selbstbetrachtung sich rein ethisch gestaltet, und das im engern sinne religiöse darin nirgend hervortritt. Schleiermacher 3, 1, 349 (vorr. zur 3. ausg. der monol.). seltner in bezug auf den begriffsinhalt: er ist unser hausfreund im schönsten und weitesten sinne, bei tage der belehrende gesellschafter, bei nacht astronom und arzt zu jeder stunde. Göthe 21, 175. anderes: ein jüngling im vollen sinne des worts. 17, 199; indessen giebt es auch eine feyerlichkeit im guten sinn, wovon die kunst gebrauch machen kann. Schiller 10, 125;
nicht dasz ich hier das wort der wollust rede
im gröbern sinn.
Wieland 7, 63 (Musarion 2).
f)
weitere verschiedenheiten (vgl. oben Luther): der buchstäbliche oder grammatische, der fleischliche oder dialectische, der kapernaitische oder historische sinn sind im höchsten grade mystisch. Hamann 2, 774; unsere absicht fördert es mehr, der legende näher zu treten und in ihr oder hinter ihr einen welthistorischen sinn auszuspähen. Göthe 43, 406. auf der möglichkeit verschiedener auffassungen beruhen ferner wendungen, wie den sinn einer stelle verdrehen, fälschen: hinnan ist uuarazetuônne in sancto evangelio uuiêo der temptator disen sin uuehselota. Notker ps. 90, 12;
der da vorkeret disser prophecien sinne.
Alsfeld. passionssp. 4742.
mit übergang in die bedeutung 7:
Duplus hat nicht duple stärcke, da er doch hat duples hertze,
dann er führet duple sinnen; sagt im ernste, meint im schertze.
Logau 2, 59, 26.
23)
hieran reihen sich verwendungen, die ein stufenweises verblassen der bedeutung von sinn zeigen.
a)
folgende wendungen schlieszen sich den unter 22, d. e behandelten an, zeigen jedoch den übergang in die bedeutung 'art und weise': das äuszere sowohl als das innere (der kirche) im alterthümlichen sinne herzustellen. Göthe 17, 208; warum machen wir so selten ein epigramm im griechischen sinn? briefe 12, 386 (an Schiller 399).
b)
häufig sind so adverbiale ausdrücke allgemeiner art, wie in jedem sinne in jeder hinsicht, beziehung: dasz man nicht deutlicher sehen könne, wie ungebildet in jedem sinne die menschen seyen, als in solchen augenblicken allgemeiner verwirrung. Göthe 15, 86; ein junger mann, auf den sie ihr zutrauen warf, und der es in jedem sinne zu verdienen schien. 116; die tragödie kam seltner vor, und der gemessene schritt, .. das allgemeine des ausdrucks machten sie mir in jedem sinne faszlicher. 24, 142; man hört und denkt und spricht hier im hause von nichts, als von noth und helfen nach jedem sinn. Brentano 9, 131;
denn euch gehört es zu in jedem sinn.
Göthe 9, 117 (Tasso 1, 3);
ich darf in jedem sinne vor ihm stehn.
204 (4, 2).
gleichbedeutend in allem sinne: es ist in allem sinne ein trefflich buch. 29, 294; ich bin fleisig in allem sinn. briefe 5, 10; dasz ich nach so vieler zeit und mancherlei bemühungen nur so wenig in allem sinne überschicken kann, würde mich beschämt machen. 20. — in manchem sinne: es ist keine frage dass wir zusammen in manchem sinne vorwärts gekommen sind. 14, 29 (an Schiller 574); Wilhelm ... fand in mehr als einem sinne räthlich dahin zu gehen. werke 18, 246;
so sehr in manchem sinn das grosze werk
mich freut und freuen musz, so sehr vermehrt
sich auch zuletzt die ungeduld in mir.
9, 111 (Tasso 1, 2).
ferner:
so halt' ich's endlich denn in meinen händen,
und nenn' es in gewissem sinne mein!
117 (1, 3);
die dringende gefahr, womit die hierarchie sich umfangen sah, hatte jene blutigen rettungsmittel in einem sinne gerechtfertigt. Schiller 7, 147; wenn wir in diesem sinne die vor uns liegende gedruckte sammlung dankbar und läszlich behandeln. Göthe 33, 205; was fremde nationen, Engländer am meisten, Franzosen weniger, Spanier in einem andern sinne, ... dieser liederweise besitzen. 204. (in diesem sinne zieht gern ein resumé aus einer betrachtung, 'aus den angegebenen gründen, in anbetracht dessen' u. ähnl., so auch hier.) — dennoch wollte sie auch im entferntesten sinne weder etwas wagen, noch etwas vornehmen das ihn verletzen könnte. Göthe 17, 380; Wilhelm und Laertes glichen sich, wiewohl in einem sehr entfernten sinne. 19, 231. — ähnlich mhd. mit wîten sinnen (im allgemeinen?):
sunder got den milden,
den wir mit wîten sinnen
in der geschaft minnen,
der spreche sunder geschaft
zû uns mit eigenlicher kraft.
pass. 426, 61 Köpke.
c)
in älterer sprache geradezu für 'art und weise', auch auszerhalb dieser verbindungen: do waren seine diener alle als er dem einen gethon het beschoren und daz hare allen auf einen sin (ad un medesimo modo) abe geschnitten. Steinhöwel decam. 175, 18 Österley (3, 2); der ander modus oder sinn, ist das du über nehest als die kürszner thuͦn. Braunschweig chir. 13ᵈ; besonder sie müssen haben ain regiment, das ist, der ain sin damitt abgestelt und auch gehinderet mag werden der flusz des bluͦttes, und der sin gschicht auch in mancherlay weysz, etwann so geschicht ehr mitt binden des widertails. 17ᵇ; item der ander sin, das ist der modus und regiment wie man die äusserlichen ärtzney, das seind die localia darauff zuͦ legen unnd regieren soll. ebenda.
d)
zuweilen scheint geradezu die bedeutung 'richtung' herauszukommen (die vermutlich die ursprüngliche war, s. I, 3): in manchem sinn zersägte und zersplitterte schädel. Göthe 55, 160. so auch zuweilen mhd., vgl. mhd. wb. 2, 2, 311ᵇ:
et (das gewölbe) hadde in vier sinnen
goeder venster viere.
Eneit 9468.
weniger deutlich:
sin herze wirt geteilit,
in mengen sin gestuckit.
Martina 131ᵃ, 14.
(jedenfalls anders zu beurtheilen ist Diemer gedichte 192, 10, s. Lampreht Alex. 327 Kinzel.) s. auch widersinns.
e)
besonders im ältern nd. zuweilen noch abgeblaszter, einiges sinnes in irgend einem sinne, überhaupt: auch eyn wenig zuvor hat sich Arnoldus der bischoff von Brixen auch hefftig wider der papst auffgelehnet, und wolt glatt nit gestehn, dasz jm das schwert der oberkeyt eynigs sins solte zustehn. Fischart bienenk. 11ᵇ; nênes sins in keiner weise, gar nicht: se slogen Jhesum, dat he nenes syns wedder up stan en mochte. quelle bei Schiller-Lübben 4, 209ᵇ; anders sins sonst: weert, dat emend mit anderen nacien van wissele of anderssins to doene hedde. ebenda.
24)
zum schlusse seien einige ganz isolierte stärker abweichende verwendungen zusammengestellt:
a)
es hat einen sinn, hat eine eigene bewandtnis (?): der fürst fragt in wie es zuͦgieng. er sprach, gnediger her es hat ein sin, es ist kein ämptlin so klein, es ist nützlich. Pauli schimpf 223 Österley.
b)
zum sinn bringen, zu stande (?): wollten mit messern an der mauer abreiszen ein Mariäbild, weil sie aber der malerkunst nit erfahren, konnten sie es nicht zum sinn bringen. quelle bei Schm. 2, 293.
c)
ohne allen eigenen sinn in der verbindung kein sinn, gar nichts: oder hett man ain schusz zu in getan mit ainer hantpühs oder armbrost, ... sie hetten sein kain sin gewunnen. d. städtechron. 5, 36, 13.
d)
ebenso scheint es in folgender stelle lediglich umschreibend zu stehen:
und wiss, das ich erstanden pin
von des todes syn.
Tirol. pass. s. 502, 8.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6,7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1103, Z. 16.

sinn, f.

sinn, f.,
s. sinne 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1152, Z. 11.

sinne, f.

sinne, f.,
1)
mhd. selten als nebenform zu sin(n), s. das. I, 4, c, sp. 1104. Lexer handwb. 2, 932.
2)
alemannisch das aichen, visieren, oder der ort, da dies geschieht, s. zweites sinnen: die sinn, an der Preusch. (Straszb. policeyordn. append. p. 6) locus ad fluvium ubi dolia ad vindemiam praeparantur, soll nicht unsauber gehalten werden, s. Frisch 2, 280ᵇ; sinn, f. 'die aiche oder das obrigkeitliche masz, wornach die masze flüssiger dinge geaicht werden. it. der ort, da der geschworene sinner oder aichmeister die fässer und andere masze flüssiger dinge zu sinnen und zu aichen pfleget'. Spreng idiot. raur. s. Alemannia 15, 220ᵇ. vgl. Scherz - Oberlin 1502. auch name einer strasze in Colmar und eines gestades in Mühlhausen.in der Schweiz dagegen als masc. der sinni 'der ort, wo man die fässer visiert sowohl, als das visiermasz'. Stalder 2, 374.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1156, Z. 16.

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Zitationshilfe
„sinne“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sinne>, abgerufen am 27.10.2021.

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