Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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obsinnen, verb.

obsinnen, verb.
mit dativ, nachsinnen über: wenn ich diesen sachen in ernst obsinne. Philander (1650) 1, 170.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 1120, Z. 60.

sinnen, verb.

sinnen, verb.
seine gedanken worauf richten, nachdenken.
I.
formeltes.
1)
sinnen ist ein altes, nur im westgermanischen erhaltenes, starkes ablautendes verbum, *sinnan aus *sinþnan, indogerm. *sentnô, das mit *sentos 'weg' zusammenhängt und mit abweichender bildung des präsensstammes in lat. sentio vorliegt, s. sinn I, 2. 3, sp. 1103. es ist bezeugt durch ags. sinnan, altfries. sinna (nur einmal belegt: seka ni sinna, lehnwort aus dem deutschen?, neuwestfr. sinnen, s. Richthofen 1017ᵇ), ahd. sinnan, mhd. mnd. mnl. sinnen, holl. zinnen, vgl. auch Fick³ 3, 318. Grimm gramm. 2, 34 f. 378. Noreen urgerm. lautlehre s. 173. Streitberg urgerm. gramm. s. 145. 295. Weigand 2, 720. Franck 1209. (an. sinna, reisen, ist schwach, gehört also nicht hierher, sondern zu ags. síđian, ahd. sindôn.) die continuität der hd. überlieferung beweist, dasz unser sinnan trotz der tief einschneidenden bedeutungsänderung wirklich das alte verb fortsetzt, nicht erst von sinn aus gebildet ist, obwohl ein solches denominativ in einzelnen fällen deutlich am tage liegt, s. 3 und II, 8. 9.
2)
die flexion ist im allgemeinen die ablautende: ags. sinnansann-sunnon-sunnen, ahd. sinnan-san-sunnun, mhd. sinnensan-sunnen-gesunnen. im ältern nhd. finden sich noch häufig abweichungen von der jetzigen flexion: sinnen, ich sinnte, sonne, et san, du sinntest, sonnest, et sanst, er sinnte, sonne, et san, etc. ich sönne, gesonnen, et gesinnet. Stieler 2032; ich sinne .., secund. du sinnst, er sinnt, imperf. ich (ratione literarium radicalium sann, sed quia producitur) sahn vel sahnn. Steinbach 2, 607; für Frisch 2, 279ᵃ. Gottsched 340. Adelung. Campe stehen die heutigen formen ich sinne-sann-gesonnen fest (über schwache nebenformen, s. 3), nur gibt Gottsched noch den imperativ als sinn, Adelung bereits als sinne an. über einzelne formen ist zu bemerken.
a)
mhd. hat das prät. vocalwechsel. sing. san- plur. sunnen. vereinzelt dringt jedoch der voc. des plur. in den sing. ein:
swaʒ ich erdenken möchte,
daʒ sunn ich understunden.
Hadamar v. Laber 376.
ebenso im ältern nhd. für H. Sachs belegt Shumway s. 83 die formen ich san(n), (pe)son, (pe)sone, (pe-, nach)sunn. davon begegnet die auffällige form sonne noch häufig im 17. und 18. jahrh.: ich ... sonne nach, wo ich doch einen bessern trunck bekommen möchte. Simplic. schriften 3, 330, 30 Kurz; ich ... stützte den kopff mit beyden händen, und sonne nach. Felsenburg 1, 49; s. auch Olearius 149ᵇ unter II, 6, e.die gewöhnliche entwicklung ist bekanntlich die umgekehrte, dasz zu dem sing. sann ein neuer plur. sannen gebildet ist.
b)
im conj. hält sich die ältere form sönne bis in die classische zeit, vgl. oben Stieler und Göckingk 3, 115 unter II, 3, d. so noch schweizerisch: aber wäre ich an deiner stelle, ich besönne mich nicht zweimal. Gotthelf Uli der pächter s. 425 Vetter.Adelung gibt dagegen sänne und so seit der classischen zeit:
als wenn er unheil sänne sasz er gegen mir.
Göthe 41, 181 (Faust II, 3);
doch erst als ich den urlaub schon genommen, schon
der thüre zuging, kam sie auf mich zu
schnell, als besänne sie sich erst.
Schiller 12, 98 (Piccolom. 2, 2).
c)
im part. hat Luther noch gesunnen (ebenso Spittendorff, s. II, 4, b), in der ausgabe der briefe dagegen steht gesonnen, wie später durchweg.
3)
jedoch findet sich im hd. auch schwache flexion. theilweise liegt aber deutlich eine neubildung von sinn vor, namentlich im part., s. II, 8. 9. häufig aber auch ohne abweichung der bedeutung. so schon mhd., s. mhd. wb. 2, 307ᵇ f. (besonders 2, b. f). Lexer handwb. 2, 934 (als besonderes wort behandelt):
wan wir nâch ir gesinnet   nû lange zîte hân,
wie wir si wider bræhten   von Ludewîges lande.
Gudrun 1340, 2.
s. auch Lanzelet 5572 unter II, 2, a und andre belege. ebenso nhd.: (ich) ersinnete mich also alles dessen was mir von anfang dieses gesichts vorkommen wäre. Philand. 1, 278; dasz er als ein kluger hausvater auf einen guten vorrath desselben ertztes bey zeiten sinnete. Lohenstein Armin. 1, 181ᵃ; zweitens begeht der richter, der solchen glaubenseid dem parten ansinnete, .. einen groszen verstosz an der gewissenhaftigkeit des eidleistenden. Kant 5, 116; weitere belege (aus Luther, Manuel, Stumpff, Dietr. v. d. Werder, Simpl., Lohenstein, Kramer, Baggesen) s. unter II, 3, d. e. 4, c. 6, d. e. 7, c. noch jetzt schweizerisch, s. die belege aus Gotthelf unter II, 6, a. c.
4)
die idiotiken bringen wenig abweichungen: schweiz. sinne Hunziker 242, sinna Bühler Davos 1, 128 (part. g'sinnat). 2, 89 (part. g'sunna); bair. sinnen, cond. sunn, sänn, sinnet, part. gesunnen, gesinnt Schm. 2, 292, kärnt. sinn -sinnet, sunngsinnt, gsunnen. Lexer 233, cimbr. sinten, meditare, pensare. cimbr. wörterb. 231ᵃ; rheinfr. sennen Frommann 2, 553, 15; nd. sinnen (preusz. sönnen Frischbier 2, 341ᵇ), mit starker flexion: sunn, part. (ge)sunnen Mi 79ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 185ᵃ, nur brem. wb. 5, 454 gibt im prät. ik sunn und sinnede, und Woeste 237ᵇ das auffällige sann und sunte. die genaueren formen verzeichnet Schambach 192ᵇ: präs. sinne, sinnest, sinnet, pl. sinnet; prät. sun, pl. sunnen, conj. sünne; part. esunnen.
5)
von den zusammensetzungen sind intransitiv nur das häufige, dem simplex nahezu gleichbedeutende nachsinnen (theil 7, 126 f.) und die seltnen und loseren fortsinnen (4, 33), um(her)sinnen, vor-, zurücksinnen. die meisten werden transitiv, so ansinnen (theil 1, 463). aussinnen (1, 973), durchsinnen (2, 1686), ersinnen (3, 985), über-, zu-, zusammensinnen. besinnen (th. 1, 1622 ff.), entsinnen (3, 625), hintersinnen (4, 2, 1517), versinnen werden überwiegend oder ausschlieszlich reflexiv verwendet.
II.
bedeutung.
1)
die alte sinnliche bedeutung 'gehen, reisen' ist noch im nhd. und ältern mhd. (12. jahrh) erhalten; einige beispiele mit richtungsadverbien:
do hieʒ er behuͦten,
daʒ er danne ensunne   und im niht entrunne.
exod. 123, 27 Diemer;
daʒ si heim sunnen   da si ir erbe funden.
137, 5;
war sol ih sinnen
nâh mînen lieben kinden?
kaiserchr. 2917 Schröder;
baide wîp unde man
allenthalben zuo san.
13574.
mit präpositionen:
thô wolt er sâr in morgan   in Galilea sinnan.
Otfrid 2, 7, 39;
wolt er thô biginnan   zi Hierusalem sinnan.
4, 4, 1;
ein buͦch heiʒet exodus,   darinne lesen wir sus
wie Jacobes chunne   ze lande heim sunne.
exod. 119, 19 Diemer;
do Moises wart ze man,   ze sinen bruͦderen er san.
122, 35;
der guͦte man daʒ vernam,   ze stet er von im san,
vor der burge er gestuͦnt.
145, 11;
duo Juljus wider ze Rôme san,
si newolten sîn niht enphâhen.
kaiserchron. 455.
die in den mhd. wörterbüchern angezogenen belege aus quellen des 13. jh. dagegen gestatten oder verlangen überall die spätere bedeutung, s. 2, a. das vereinzelte sinden (altd. wäld. 3, 193, 12) setzt natürlich ahd. sindôn fort. (gesindet jüng. Titurel 4568, gehört dagegen nicht hierher, sondern zu gesinden, s. Lexer handwb. 1, 914.)
2)
dann nimmt aber sinnen im mhd. gewöhnlich dieselbe wendung ins geistige an, die sinn von vorn herein hat. auch hier ist von der bedeutung eines geistigen strebens, trachtens auszugehen. sie findet sich bereits ahd. bei dem compositum gisinnan:
Johannes, wiʒîs thû thaʒ,   zi kristes houbiton saʒ,
thô er sô hôho gisan,   thes evangelien bigan.
Otfrid 5, 8, 22;
thô sie thes bigunnun,   zi himile gisunnun.
ad Hartm. 69
(dagegen = sinnan 2, 12, 33). im mhd. ist die geistigere verwendung seit dem 13. jahrh. die alleinherrschende.
a)
zuweilen noch rein local wohin sinnen, jedoch nicht im sinne der wirklich vollzogenen bewegung, des gehens, sondern nur der absicht dazu, wohin wollen, trachten:
du vindest aber in (Artus) ein gar
aller sîner gesellen,
und enweiʒ, wenne sie wellen
wider ze hove sinnen.
krone 5738;
an dem andern morgen ...
manic helt ze velde san (nun folgt erst die beschreibung,
wie sie sich rüsten).
18187;
do begunde er heim sinnen.
Helmbr. 690;
als er den sic gewinnet,
ze sîner heimuot er sinnet.
warnung 2714;
wie bald sein hertz hin zuo dem alte san.
Wackernagel leseb. 1², 1029, 28.
mit schwacher flexion:
sus wolte er si beswîchen,
diun ûʒ der mâʒe minnete,
wand er heim sinnete
in sînes œheimes hûs.
Lanzelet 5572.
b)
übertragen, wonach verlangen, streben, worauf denken, mit präpositionen, vgl. Grimm gramm. 4, 838. ze:
die ze ritterschefte sinnent
unde turnieren minnent.
Erec 666;
hei wolten si ze fröiden sinnen!
Walther v. d. Vogelweide 98, 4,
nâch:
dem sî nû nâch dem grâle wê,
unt doch wider nâch ir minne.
nâch bêden i'emer sinne.
Parz. 389, 12;
swer nâch êren sinne,
triuwe und êre minne.
Wigalois 20;
swer erkunnet,
swaʒ lieb an liebe minnet,
unt wie liep nâch liebe sinnet.
minnes. 1, 352ᵃ Hagen;
ûf:
(eine frau,) der herze unde lîp
kan ûf wîbes lop sô sinnen.
358ᵃ.
c)
das ziel des strebens wird auch durch den gen. ausgedrückt, s. Grimm gramm. 4, 662 f.:
daʒ si nefunden   genade der si sunnen.
exod. 134, 1 Diemer;
die unser frouen minnent   und ir gnaden sinnent.
fundgr. 2, 183, 1;
ich wil daʒ bewæren,
daʒ sie des selben sinnet
und mich mêr minnet,
dan sie iuch immer tuo.
krone 4962;
mnd.: he vel to vote vor sinen sone ... unde oc vor des paveses boden unde san gnaden. d. chron. 2, 186, 23;
irer hulphe dha dher koninc san.
507 (Braunschweiger reimchron. 3738);
unbestimmter:
Jetro triuwen san (war treu gesinnt).
fundgr. 2, 90, 6.
so auch:
mirst geseit,
er sinn Engelboltes tohter Âven.
Neidhart v. Reuental 41, 12
(allerdings nur nach conjectur).
d)
erst später (etwa um 1350) kommt auch transitive fügung mit dem acc. auf:
die wîle er niht bôsheit sint,
sô gehœrt er ze guoter tât.
Teichner 129.
gewöhnlich in anderm sinne, s. 6, a.
3)
so im nhd. sehr gewöhnlich.
a)
in räumlichem sinne nur noch vereinzelt: ich sinnen an das schiff, mein will stadt zum schiff, animus in navi est meus. ich sinnen langest in die kuche, jamdudum est animus in patinis. Maaler 375ᵃ. freier: anderschwo hin sinnen unnd dencken, duci cogitatione aliò, aliud agere. ebenda.so wohl noch: dann ob wol als dann die bürger auff uns zu gesonnen, waren sie doch von unsern ankommenden soldaten zu ruck gehalten. Philand. 2, 694.
b)
gern mit präpositionen, vgl. 2, b. nach etwas sinnen: sinnen und betrachten nach mancherley wollust, contrectare mente varias voluptates. Maaler 374ᵈ; nach etwas sinnen, aspirare à qualche cosa, specolare etc. per ottenerla. Kramer dict. 2, 819ᵃ; denn er hat uns das evangelium .. geschenckt, ehe wir darumb gebeten, oder jemals darnach gesunnen haben. Luther 4, 419ᵇ; denn das ist je wahr, dasz er darnach widder gesonnen noch gedrungen hat. briefe 2, 238. in neuerer zeit nur ganz vereinzelt und ungewöhnlich:
(wie ich) meine ganze lage,
vermögen, stand, geschäft in's auge faszte
und, um mich her, nach einer gattin sann.
Göthe 9, 347 (nat. tochter 4, 2).
ganz ungewöhnlich:
man musz, wenn in der flutt der steuermann ertrincket,
umb schutz-herrn sinnen für, umb hülffe sich bemühn.
Lohenstein Cleop. s. 74 (3, 619).
c)
gewöhnlich auf etwas sinnen, wobei (wie auch in der letzten stelle) auszer der absicht die überlegung und erwägung, wie etwas zu erreichen sei, eingeschlossen ist: praemeditari, vorher auff etwas dencken, dichten, sinnen. Corvinus fons lat. 392ᵇ; auf eine list sinnen, dolum meditari. auf etwas neues sinnen. auf seine erhaltung tag und nacht sinnen. auf mittel sinnen, rationem mediorum habere. er sinnt auf der stadt verderben, civitati pestem molitur. er hatte lange darauf gesonnen, diu hoc secum agitaverat animo. auf das heil der unterthanen sinnen. Steinbach 2, 607; meditari aliquid, sinnen auf etwas; bedacht seyn auf etwas. Fbisch 2, 279ᵃ; er sann auf neue foltern ihn zu peinigen. der geist der kaufmannschaft sinnt nur auf den erwerb der reichthümer. Adelung; vom ersten augenblick an, da man uns die traurige nachricht (von deiner sclaverei) brachte, sann er auf mittel, dich loszumachen. H. L. Wagner der wohlthätige unbekannte 26;
der undanck nimmt dein gnadenbrot
und sinnt davor auf fall und tod.
Günther bei Steinbach 2, 607;
da hub er an zu sinnen
auf arge list und trug.
Bürger 21ᵇ;
tückisch hatte schon
Thyest, auf schwere thaten sinnend, lange
dem bruder einen sohn entwandt.
Göthe 9, 18 (Iphig. 1, 3);
die begier der rache
aus seiner brust zu tilgen, sinnt er still
auf unerhörte that.
ebenda;
versammelt sinnt er (der senat) auf das beste, will,
mit herrscherwort, den übelthaten steuern.
7, 264 (Tancred 2, 1);
der herzog
sinnt auf verrath, ich kann noch mehr euch sagen,
er hat ihn schon vollführt.
Schiller 12, 256 (Wallensteins tod 2, 6).
d)
sehr häufig ist im nhd., namentlich in der neuern zeit und in dichterischer sprache, transitive construction, in demselben sinne wie auf etwas sinnen und zuweilen damit wechselnd: wer vil nnet, der kan kein ding gnugsam beginnen, pluribus intentus minor est ad singula sensus. Henisch 314, 22, dagegen bei Petri: wer auff viel sinnet, der kan keines gnug besinnen. Eee 2ᵃ, s. auch Wander 4, 574, 2—4; etwas anstreben, worauf bedacht sein:
o aller helgister vater min!
das ist doch ein selig mensch gsin,
der dich hat bracht zuͦ sölchem stat,
den Petrus nie gesinnet hat.
Manuel s. 60, 774 Bächtold;
Germanien! was könntest du
nicht thun und werden! sönnen die magnaten,
die immer sinnen, was geradezu
die kasten füllt, auf edle, grosze thaten!
Göckingk 3, 115.
beabsichtigen, vorhaben, planen, erdenken:
sinnst du auch nichts gefährliches?
Schiller Tell 3, 1;
sinnt ihr bänder nur und fesseln
für den deutschen sausebraus?
Arndt ged. (1860) 397;
denn was er sinnt, ist schrecken.
Uhland ged. (1864) 390 (des sängers fluch);
was sinnt er nur? mir wird so bang und schwer.
Grillparzer⁴ 6, 91;
was ficht euch, vermessene thörinnen, an,
dasz so ihr, berauscht von verderblichem wahn,
unmögliches sinnt?
denn nimmer vollendet ihr, was ihr beginnt.
Leuthold ged.⁴ 283.
so auch in zusammensetzung:
doch nun haben es anders gewollt fluchsinnende götter.
Voss Od. 1, 235;
doch zuvor misleitet beschloss sie,
darzubieten mein haupt der unheilsinnenden Juno.
Ovids verwandl. 2, 146 (40, 18).
mit weiterer bestimmung (indirectem object):
was sinnst du mir,
o könig, schweigend in der tiefen seele?
ist es verderben?
Göthe 9, 87 (Iphig. 5, 3);
wollt' ich nun böses sinnen an ihn,
nie würd' es mir von dem volke verziehn.
Rückert Firdosi 2, 119.
e)
mit infinitiv: sinnen auszhin zegon, von einem zeziehen, cogitare de exeundo. sinnen einen zebetriegen, fraudem cogitare alicui. sinnen in Engelland zeziehen, Britanniam cogitare. sinnen sich selbst zehencken oder zeerwürgen, cogitare suspendium. sinnen unnd fürnemmen sich selbs umbzebringen. Maaler 374ᵈ; da er sich nun nidergelassen, und sein gar betaget alter zuverschleyssen gesinnet. Stumpf 214ᵃ;
ein kind mag sinnen, das nit müglich sin werd,
gott abzemalen.
H. v. Rüte faszn. K 4;
wie? sinnt der könig, was kein edler mann ..
je denken sollte? sinnt er vom altar
mich in sein bette mit gewalt zu ziehn?
Göthe 9, 11 (Iphig. 1, 2).
f)
wo jede bestimmung fehlt, ist selten diese bedeutung deutlich zu erkennen (vgl. 5):
wie er sinnt,
befürcht' ich andern harten schlusz von ihm.
Göthe 9, 11.
am ehesten noch im infinitiv: man straafft keinen umb sinnens willen, dann wie man spricht, gedencken ist zollfrey, cogitationis poenam nemo patitur. Maaler 375ᵃ; sparen und erwerben, .. darauf geht ihr einziges sinnen. Auerbach dorfgesch. 8, 26 (edelw. 5). so besonders in der zusammenstellung sinnen und trachten (für das häufigere, biblische dichten und trachten): sis sinne-n und trachte. Hunziker 242;
drum lass' jetzo die freier und all ihr sinnen und trachten!
Voss Od. 2, 282.
4)
mit doppelter beziehung, wenn sinnen nicht das ziel des eignen thuns oder strebens bezeichnet, sondern etwas, was man von einem andern will.
a)
so kann mhd. und mnd., wie bei allen verben des wollens, bittens u. s. w., neben dem eigentlichen object (im gen. oder acc.) noch die person, von der man etwas will, angegeben werden, theils mit von:
von der ich lônes sinne.
minnes. 1, 74ᵃ Hagen;
vorwar is dat en dumme man,
de gi (der je) van dem genade san,
den he vor sine gode dat
mit bosheit gi mishandelt hat.
Gerhard v. Minden 63, 18 Leitzmann;
häufiger mit umgekehrter richtungsbezeichnung, an:
der sîn an den man sinnet
vriuntlîch unde ze gibe.
krone 4533;
vil mengen hohen werdhen man,
an dhem dher koninc hulphe san.
Braunschweiger reimchron. 3766;
se jahen, iren eren
were iʒ gar scemelich,
oph se an dhen von Bruneswich
dhen alten vridhes sunnen.
nu hatte ouch steten mut gewunnen
Heynrich, dher hoheborne man,
daʒ her ouch an in neheynes ne san.
4104—10.
zu:
eʒ giench Moyses,   got vlegot er des
daʒ er in lieʒʒe   abir sa genieʒʒen
der sinen barmunge   der er zuͦ im sunne.
exod. 149, 11 Diemer;
vruntschop, gunst he to er san.
Gerhard v. Minden 51, 30 Leitzmann.
weitere belege s. bei Schiller-Lübben 4, 213ᵇ. s. auch brem. wb. 5, 454. Schm. 2, 292 (b).
b)
halb technisch ist der ausdruck der (die) lehen an einen sinnen (auch muten, s. besonders 1, b, theil 6, 2796. Lexer handwörterb. 1, 2243): lehen sinnen, petere investiturae renovationem, s. Scherz-Oberlin 895; so jung dat kint is na sines vader dode, of it sin vormünde to'me herren bringt, unde sines lenes na rechte an den herren sint, die herre sal ime sin gut lien. Sachsensp. lehnrecht 26, § 5; so sinnen sie an den overen herren der lenunge. 71, § 10; dun N. sines gudes an mi san, done vragede ik enes ordels, eft he des so gesunnen hedde alse id em hulpelik were. richtst. 14, § 4; uffn dinstagk .. warn etzliche des raths uff der burg zum Gybichenstein vor meinem herrn .. und hatten gesunnen der ersten lehen. Spittendorff 266, 24; so der rath und die von Magdeburg die lehn noch einmahl an unsern hern sinnen und muthen werden. 295, 14. s. ferner Schiller-Lübben 4, 213ᵇ. auffällig dafür: item, so welch man eine heck (jagdgebiet?) umb die herren gesynnet habe, der solle solche heck seine lebtagh nit pflichtigh sein zu halten. Grimm weisth. 1, 608.
c)
nhd. etwas an einen sinnen in der ältern sprache häufig für 'einem etwas ansinnen, zumuten, verlangen, dasz er etwas thun soll': als sie dann fürsten, herren, steten und auch uns berüfften und an uns sunnen und begerten, darczu hilfflichen und dienstlichen ze sein. d. städtechron. 2, 34, 1; in solcher verhörung wir an sie bede semptlich gesünnen und gevordert haben, uns und den unsern solch unser hab ... widerzugeben. 72, 21; so ist auch ... darin von uns begert worden, das wirs mit dem predigen alhie sollen anstehen lassen ... wir haben aber jrer maie. wider drauff antwort geben, daraus jr maie. gnediglich zuvernemen haben, das wir in diese ding, wie sie an uns gesunnen, nicht willigen können. churf. Johann von Sachsen bei Luther 5, 25ᵇ; etlich punkt, so der ehrwirdige herr Carolus von Miltitz ... an e. k. f., mich belangend, hat gesonnen, nämlich dasz ich hinfurter stille stehn sollt. Luther briefe 1, 237;
und (wenn er, Antonius) alles knechtisch thut, was Cæsar an ihn sinnt.
Lohenstein Cleop. 26 (1, 898);
man hat an uns gesinn't
für sie, mein licht, mein trost, Octavien zu kiesen.
42 (2, 316).
mit unregelmäszigem dativ: es hat ... doct. Brück ... an mir gesonnen, dasz ich mich hinfurt des scharfen schreibens ... enthalten wollt. Luther br. 4, 276. für an zuweilen bei: es hat bey mir sinnen lassen mein gnädiger herr, graf Albrecht zu Mansfeld [[undefined:etc]]., an euer gestreng ein schriftlich unterricht zu thun. 2, 453, auch schriften 2, 271ᵃ.
d)
aus der fügung (etwas) an einen sinnen ergibt sich dann leicht, indem die präposition durch das entsprechende adverb ersetzt wird, die sogenannte trennbare zusammensetzung ansinnen, s. theil 1, 463. schon mhd. ane sinnen, hier noch mit dem acc.:
iʒ ist recht, den du minnis,
daʒ du in keiner dinge anesinnis
da im siner erin an gebreche.
Wernher von Elmendorf 700.
daneben schon früh der nhd. allein mögliche dativ:
unde swenne der eine wirt virwunnen,
so sule wir eineme anderen ane sinnen,
daʒ her beschirme sine rede.
Trierer Silv. 725.
zu ansinnen ist wohl auch folgende stelle zu ziehen: disser keiser Otto (III.) vursz hadde ein geil unkuisch wif, die gesan einen mechtigen greven an leifden ind boilschaf, dat he ir dicke weigerde. d. städtechron. 13, 473, 16. wollte man hier an als präp. nehmen, so wäre die gewöhnliche und allein berechtigte construction (s. c) gerade umgekehrt.
5)
meistens ist indessen bei sinnen die vorstellung eines strebens oder wollens ganz verschwunden und es bezeichnet einfach ein anhaltendes denken: sinnen ... cogitare, animo volvere, secum commentari, reputare, retractare. Stieler 2032; specolare, fantasticare, astrologare, pensare, cercare nel suo cervello, studiare. gall. rever. Kramer dict. 2, 819ᵃ. die angabe, dasz das simplex wenig oder gar nicht gebräuchlich sei, trifft im allgemeinen entschieden nicht zu.
a)
so häufig absolut, gewöhnlich in prägnantem sinne, seinen gedanken nachhängen, in gedanken versunken sein: mancherley gedancken haben und vil sinnen, cogitationes volvere. Maaler 375ᵃ; über bestimmtes nachdenken: ich sinne und sinne, und kann mich doch nicht darein finden. Adelung; ik sinn' al lank, man ik kan 't nêt finden, wo 't hêt. he hed lange sunnen, man hê kun 't wôrd nêt finden. ten Doornkaat Koolman 3, 185ᵃ; gewöhnlich unbestimmter: sie hielt ihre blicke nach dem bündel gesenkt, das auf ihren knieen lag .... 'sinnst zu viel, dirndl', sagte eine stimme. Anzengruber³ 2, 145;
weint sie nachts, sinnt still bei tage,
ja, dann sag: ich sei gesund.
Eichendorff² 1, 261.
mit adverbien: scharf sinnen, in acerrima cogitatione versari. Stieler 2032;
und wer nicht schärffer sinnt als sieht,
der dörffte, wenn die mannschafft zieht,
ihr heer ein fliegend hertze nennen.
Günther 123.
häufiger sind adverbiale zusätze allgemeinerer art: hin und her sinnen. überall herum sinnen. Adelung; ek sun hen un hër. Schambach 192ᵇ; ik sinn' al hen un wër, wâr ik dat wol sên heb'. ten Doornkaat Koolman 3, 185ᵃ. daraus erwachsen dann sog. trennbare zusammensetzungen, wie z. b.:
sondern er (Zeus) sann unruhig im geist um.
Voss Il. 2, 3.
b)
mit synonymen, dadurch verschieden nuanciert: Julchen denkt und sinnt und lebt in mir. Gellert bei Adelung; anstatt dasz ich sonst nur dachte, wollte, sann, befahl und dictirte. Göthe 27, 35; sie muszte tag und nacht mit mut, list und kraft bei der hand sein, sinnen und sorgen, um sich zu behaupten. Keller 4, 162;
ich minne,   sinne,   lange zît.
Walther v. d. Vogelweide 47, 16;
wir können deutlich lesen
im buche der natur, dasz gott, der alles weisz, ...
ein geist, der sinnet, sey, ein ewig-denckend wesen.
Brockes 1, 334;
nicht zeit ist's mehr, zu brüten und zu sinnen.
Schiller 12, 209 (Wallenst. tod 1, 1);
heimlich sei es (das kämmerchen) und stille,
schatten mäsz'ge den tag,
dasz ich gern sitzen und sinnen,
dichten und denken mag.
Grillparzer⁵ 2, 20.
concreter: bey jm selbs sinnen unnd radtschlagen, secum in animis versare, secum volutare aliquid, agitare aliquid animo, animo tractare aliquid. Maaler 375ᵃ; ye mer ich nahen sinnen und betrachten. ebenda.
c)
so gern im part., vom menschen:
die scheidende sonne
verguldet die höhn;
die sinnende schöne
sie läszt es geschehn.
Göthe 1, 100.
substantiviert:
uns zum erstaunen wollte Schiller drängen,
der sinnende der alles durchgeprobt.
4, 57.
prädicativ: wie sehr ein solcher sich vertiefen mag in tausend irrgängen der betrachtung sinnend und denkend hin und her. Schleiermacher 3, 1, 359 (monol. 1);
ich sehe sie zu ganzen stunden sinnend
hier unter dem druidenbaume sitzen.
Schiller 13, 175 (jungfrau von Orl., prolog 2),
dafür auch:
und mit sinnendem haupt sasz der kaiser da,
als dächt' er vergangener zeiten.
11, 386 (der graf von Habsburg).
mit loserer beziehung, worin sich sinnen ausdrückt, was vom sinnen herrührt: und von meiner stirne die sinnenden runzeln wegzubaden, gibt es ja wohl noch ein freundlich mittel. Göthe 8, 225 (Egmont 2, schlusz); diese stille sinnende heiterkeit. J. Paul Hesp. 1, 114; sein sinnendes schweigen ungünstig deutend. Bielschowsky Göthe 1, 438.
d)
ferner im substantivierten infinitiv (der gewöhnlich diese allgemeine bedeutung aufweist): sinnen (das, infin.) meditatio. Steinbach 2, 611; jedes ansehen geht über in ein betrachten, jedes betrachten in ein sinnen, jedes sinnen in ein verknüpfen. Göthe 52, xii; die freie musze ist meine liebe göttin; da lernt im unbefangnen sinnen der mensch sich selbst begreifen. Schleiermacher 3, 1, 371 (monol. 2); er tändelte und lachte manchmal eine ganze viertelstunde lang, bis ihm der ernst und das sinnen wieder kam. Gotthelf Uli der knecht 424 Vetter;
umsonst, dasz trocknes sinnen hier
die heil'gen zeichen dir erklärt.
Göthe 12, 31;
doch gönne mir nur eine nacht der ruh,
des sinnens, der erholung.
Grillparzer⁴ 6, 46;
ich beugte mich — o gott, mein sinnen schwand —
ein blutfleck war's, worauf die blicke fielen.
Geibel 1, 177.
zuweilen der zuvor behandelten bedeutung (vgl. 3, f gegen ende) näher stehend, sehnen:
mein leib nur ist gefangen, es hält die dumpfe gruft
mein sinnen nicht, das schweifet hinaus nach freier luft.
Chamisso 2, 157 Koch (die klage der nonne).
die redeweise:
man kann mit allem sinnen
sich selber nicht entrinnen.
Wander 4, 574, 1
enthält ursprünglich das subst. sinn, s. das. II, 12, l (Freidank).
e)
auf der absoluten gebrauchsweise beruhen auch scheinbar reflexive wendungen:
o es sinnt sich gut
im kahne.
Geibel 2, 56 (vgl. unten 6, d).
ferner mit angabe des effects, sich in etwas hineinsinnen:
versonnen und versunken ist in bewunderung
mein geist, seit er sich tiefer in gottes wunder sann.
Rückert (1882) 5, 234 (ghasel. 2, 22).
sich müde sinnen u. ähnl.: es ist eine wahre genugthuung in der historischen bemerkung: dasz gerade die entschiedensten wagstücke des lasters, wenn gleich alle verschlagenheit an ihnen sich müde gesonnen ..., dannoch ihres ziels verfehlt ... haben. Schiller 9, 380; indesz sinne ich bey mir selbst nach, welche dimension seine feder den Homerischen göttern auf der leinewand anweisen wird; sinne nach ... sinne nach ... sinne nach — nein; ich würde mich zu schanden sinnen. Lessing 8, 10. sich zum narren sinnen: narren, das ding helffet ja kain bissel ninx bey enck, und ich müesst mich halb zum narrn sinnen. tintenfäszl 54; ich für meine person gestehe, dass ich mich eher zum gimpel sinnen würde, eh' ich aus all diesem verfluchten zeuge klug werden könnte. Wieland 11, 238 (don Sylvio 3, 7). ferner: er sann sich den kopf aus, ob er den junker mit nichts erschrecken ... könnte. Pestalozzi Lienhard u. Gertrud 1, 201.
6)
fügungen.
a)
mit acc., denken, im sinne haben, meist mit allgemeinem object: was sinnestu? quid tecum commentaris? Stieler 2032;
und um zu sehen, was ihm ist,
geht sie mit leisen schritten furchtsam hin
und spricht zu ihm: mein herr, was sinnet ihr?
Wieland 18, 63;
Siegfr. ... was sinnest du?
Genov. ich denk', dasz es im krieg viel wunden giebt.
Hebbel 1, 99 Werner (Genov. 1, 2).
schweiz. na, was sinnist au, was fällt dir auch ein, wie absurd! Bühler Davos 1, 128. — es war kein zeyt daran er nit etwas ze sinnen oder zetrachten hette, nullum tempus illi unquam vacabat a cogitando. Maaler 375ᵃ; nun aber hatt' ich was zu sinnen und mich zu freuen. Eichendorff² 3, 20 (taugen. 2); ich weisz gar nicht, was du auch sinnest und was du denkst, wo das hinaus soll. Gotthelf Uli der knecht s. 6 Vetter;
genusz, genusz, genusz! sonst sann und trieb er nichts.
Gotter 1, 323;
bedenken: ich hab wol ander ding ze sinnen gehabt, non id mihi negotium fuit. Maaler 375ᵃ; eigentlich sei der Melcher an allem schuld, der habe immer alles hinter einander gereiset, und der Karrer es nicht besser g'sinnet. Gotthelf Uli der knecht 233 Vetter;
Adâm verlôs niht êwikeit noch die gestalt,
niur den gewalt
unt sîn gemach, daʒ sinnet.
Frauenlob 26, 3.
s. auch Hadamar unter I, 2, a. weitere bedeutungsnuancen unter 7. — seltner mit bestimmtem object:
ob ich ird'sches denk' und sinne,
das gereicht zu höherem gewinne.
Göthe 5, 8;
und fürder spricht er keinen laut,
den tod nur musz er sinnen.
Lenau 1, 222 Koch (der traurige mönch).
in folgender stelle beruht die transitive bedeutung auf der zusammensetzung:
aber so sehr ihn die wuth auch beherrschte, so sann er doch sorgsam
und scharfsichtig die reihn der schwierigkeiten herunter.
Klopstock 4, 45 (Mess. 7, 39).
es ist zu beachten, dasz diese gebrauchsweise, nach ausweis der belege, auszer in dichterischer rede nur in der Schweiz üblich zu sein scheint. s. ferner c.
b)
früher findet sich sinnen zuweilen für ersinnen, erdenken, doch gewöhnlich nur von der thätigkeit des dichters: lieder, reimen [[undefined:etc]]. sinnen, verseggiare, poeteggiare, far versi ò rimeggiare, v. ersinnen. Kramer dict. 2, 819ᵃ; lieder sinnen, carmina fingere. Stieler 2032;
wenn der poet was sinnt und ticht.
Sandrub poet. kurzw. s. 4 neudruck;
wann wird man wieder süsze lieder sinnen?
Strachwitz ged.⁸ 181.
ähnlich in bezug auf bildende kunst:
als Gellert, der geliebte, schied, ...
stand Oeser seitwärts von den leuten
und fühlte den geschiednen, sann
ein bleibend bild, ein lieblich deuten
auf den verschwundnen werthen mann.
Göthe 2, 153.
c)
ganz an die stelle von denken getreten ist sinnen in der verbindung an etwas sinnen, die nur in der Schweiz üblich (vgl. auch a), hier aber ungemein häufig ist: sinnen und widersinnen an die widerwertigkeit und ellend diser wält, adversa revertere. Maaler 374ᵈ; an mancherley sinnen unnd gedencken, collocare multa in pectore. an sein arbeitsäligkeit nit sinnen. 375ᵃ; in jm selbs an mancherley ding sinnen und dencken, sorg im hertzen tragen. ebenda; treüwlich an einen sinnen, cogitatione amplecti absentem. ebenda; me cha nid an alls sinne. Hunziker 242; du sinnest ein ander mal besser daran. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 1, 79; du sinnest nicht mehr daran, wenn ich dich nicht abstrafe. 147; es ist jetzt alles vorbei, und was vorbei ist, daran sinne ich nicht mehr. (1831) 2, 184; wenn mir etwas anläuft, so will ich an dich sinnen. Gotthelf Uli der knecht s. 145 Vetter; nur müsse er nicht meinen, dasz man dem weibervolk alles machen müsse, woran es sinne. 258; kömmt dir jetzt in sinn, dasz du zu uns kommst? an dich hatten wir jetzt nicht gesinnet. 279; ich darf jetzt nicht mehr an Vreneli sinnen ... und doch habe ich auch während der geschichte mit Elisi mehr an Vreneli gesinnt als an ds Elisi. 386; e, Vreneli, sinnest denn nicht an gott? 390; unsereins kann doch wahrhaftig nicht an alles sinnen. 401; er habe schon mehreremale ans wiben gesinnet, aber lieb gehabt habe er keine wie ihns. 402; bald hatte es nicht zeit gehabt, recht daran zu sinnen; bald hatte es eben daran gesinnet und gefunden, es sei besser, noch einen sonntag oder zwei zu warten. 425; man sinnet nicht an solche dinge. Hans Joggeli (1893) 17; so ist es mir, als ob du gerade an das denkst, woran ich auch gern sinnen möchte. Keller 1, 413;
es muͦss noch einer bezalen, der nit dran sint.
Manuel s. 86, 1464 Bächtold.
d)
andre präpositionen begegnen auch sonst, doch nicht gerade häufig. von: dein name Jesu ist die köstliche salbe: sie lindert, wenn man von Jesu redet, sie befeuchtiget, wenn man von Jesu sinnet. J. M. Meyfart das himmlische Jerusalem (1630) 2, 276;
das ruder zog ich ein, und sasz, und sann
von goldner zukunft.
Geibel 2, 56.
über: er sinnt noch immer drüber, egli vi stà specolando ancora. ich hab lang drüber gesinnet. Kramer dict. 2, 819ᵃ; ich habe lange darüber gesonnen, diu de hoc cogitavi. Steinbach 2, 607; unser geselle Moritz liesz nicht ab, .. über die innerlichkeiten des menschen, seine anlagen und entwickelungen fortwährend zu sinnen und zu spinnen. Göthe 29, 186. mhd. sinnen ûf bedenken:
daʒ din sin unwerhaft
ist, und niht von steter craft,
dar uf solden sinnen wir.
Ludwigs kreuzf. 7646.
der ursprünglichen bedeutung näher stehend, vom schweifen der gedanken:
er sah sie sitzen an des hüttleins schwelle
im langen, gelben haar, wie sie, mit schnelle
die spindel wirbelnd, in die ferne sann,
wohl her zu ihm.
Geibel 3, 102 (tod des Tiberius).
e)
mit abhängigem satz: sinnen, betrachten und erwägen was darausz erwachsen möge, volutare animo eventus. Maaler 374ᵈ; er sinnet nit was die arbeit seye. 375ᵃ; als ich aber tag und nacht sonne, wie ich sie doch anderst disponiren möchte. Olearius reisebeschreib. 149ᵇ; ich sann und überlegte, was ich zu thun hätte. Göthe 23, 101; Diez und seine gute frau denken mit angst, dasz sie wieder gehen, und er sinnt und betet, wie er eine armenkinder- und gesindeschule zu stande kriegen ... könne. Brentano 9, 130; es konnte auch halbe und ganze nächte sinnen, was ihm als hausfrau alles obliege. Gotthelf Uli der knecht 424 Vetter;
swer grunt suochet, dâ nie grunt enwart,
der kumt von wizzen gar,
unt sinnet umb den niunden kôr,
waʒ sî dâr obe.
minnes. 2, 15ᵃ Hagen (wartburgkrieg 70);
des wurden sî sinnen,
wî sî mit listin herbin
sî mochten vorterbin.
Nic. v. Jeroschin 11654;
hernach fast er sich doch, und dacht' jhm nach und sinte,
auff was weis' jrgend nicht noch dieses wahr sein künte.
Dietr. v. d. Werder Ariost 23, 194, 1;
im anfang, als die welt begann,
sah Jupiter den ersten mann,
wie einsam, wie voll ernst er sann:
von wem doch das, was ist, den ursprung hätte.
Gleim 1, 116.
f)
die bestimmung steht im regierenden satze: die sache ist mir viel wichtiger vorgekommen, als ich afangs g'sinnet. Gotthelf Uli d. knecht s. 90 Vetter; der gute Hans Joggi hatte ein jahr gehabt, in welchem er mehr eingenommen, als er gedacht, aber diese jahre sind selten, gar viel öfterer kommen die jahre, in denen man mehr ausgiebt, als man gsinnet. schuldenbauer 160.
7)
besonderheiten der bedeutung.
a)
sinnen im gedächtnis behalten:
auch wöll man der statt zugedenken
an jden fanen dazu henken
ain atlasseckel, und darinnen
fünf denkpfenning, solchs lang zusinnen.
Fischart glückh. schiff 972.
schweizerisch oft an etwas sinnen in ähnlichem sinne, s. 6, c. so auch eim dra sinne, es einem nachtragen. Hunziker 242.
b)
hoffen:
thränend scheiden wir von hinnen;
doch wir kommen oft, und sinnen
ach! ein frohes wiedersehn.
Voss 6, 14.
c)
undeutsch klingt sinnen für 'wahrnehmen' (?):
immer in engeren kreisen umflog der schmetterling Eros
Nordfranks träumendes haupt, bis ganz verloren im anschaun
dieser, gebückt vorwärts, nichts sah, nichts sinnte, noch wahrnahm.
Baggesen 1, 55 (Parthen. 3, 45).
d)
doch sind auch für das rheinfr. sennen die bedeutungen 'sinnen, ahnen, gewahren' bezeugt Frommann 2, 553, 115. nd. unpersönlich et sint mek, ahnt mir. Schambach 192ᵇ.
e)
preusz. träumen: schlaop scheen gesund on sönn sehr nett. Frischbier 341ᵇ.
f)
kärnt. sinnen nachdenkend, schwermütig sein. Lexer 233.
8)
nominalformen. über den substantivierten inf. s. 3, f. 5, d, über das part. präs. 5, c.besondere beachtung verlangt das part. perf., welches stets activen sinn hat.
a)
es steht zunächst in der wendung gesonnen sein, die absicht haben, kaum verschieden von einfachem sinnen in der bedeutung 3: gesonnen, intentionato. gesonnen seyn etwas zu thun, esser' intentionato, haver' intentione, disegno, animo, volontà di far qualche cosa, v. gewillt, entschlossen. ich bin gesonnen, eine reise zu thun. Kramer dict. 2, 820ᶜ; gesonnen seyn, vorhabens seyn, im sinn haben etwas zu vollziehen, id agere; constitutum apud se habere. Frisch 2, 279ᵇ; ik bün sunnen um to ferreisen. ten Doornkaat Koolman 3, 185ᵃ; dasz Fiesko von Lavagna aus dem gestohlenen diadem ihres durchlauchtigsten bruders einen strik gedreht hat, womit er den dieb der republik điese nacht aufzuhängen gesonnen ist. Schiller Fiesko 4, 13;
dasz Karlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
wo er zu wollen hat.
dom Karlos 2, 5.
an stelle des inf. kann ein unbestimmtes pron. stehen, in älterer sprache im gen.: wessen seyd ihr gesonnen? ch' intentione etc. è la vostra. Kramer dict. 2, 820ᶜ, jetzt im acc.:
Eboli ... sie wollen mich
doch nicht ermorden? marquis. in der that, das bin
ich sehr gesonnen.
Schiller don Karlos 4, 17.
weiteres s. unter gesinnen 7, theil 4, 1, 4119.
b)
hierfür hat indessen die ältere sprache durchweg gesinnt: am abend meiner profession, saget mir die domina für der gantzen versamlunge im capitel, man solt mir wol die schwerligkeit der regel fürlegen und fragen, ob ich das gesinnet were zu halten. Luther 2, 383ᵇ. mit genitiv: wes die leute gesinnet gewest, oder fur anschlege gehabt haben. vorr. auff den prophet Jes., bei Bindseil 7, 343. so auch noch in neuerer sprache (neben gesonnen): i bi g'sinnet das und das z' tue. Hunziker 242;
dort erblickt' ihn die kluge, gewandte Kypris, die göttin,
ihm zu begegnen gesinnt.
Göthe 40, 357 (Achilleis 1).
diese anfangs consequent angewendete schwache bildung zeigt, dasz es sich hier gar nicht um eine form des verbs sinnen handelt, sondern um eine ableitung von dem subst. sinn. gesinnt ist also einer, der sinn hat, und entspricht in seiner bildung wörtern wie gewillt. vgl. gesinnt theil 4, 1, 4120 f. für diese bedeutung sind daselbst unter 5 weitere beispiele gegeben.der adjectivische character tritt besonders hervor in zusammensetzung mit un-: do doch ir churfürstl. gn. zu guter nachparschafft nit ungesinnet unnd dieselbig mit meniglich zu erhalten begerten. urkunde von 1575 bei Dief.-Wülcker 855.
c)
gesinnt findet sich auch in andern bedeutungen, s. daselbst 1—4. namentlich bezeichnet es die gesinnung, s. gesinnt 2; mit adverbien: so ist er gesinnet, sic animatus est. Stieler 2032; er war eben so gesinnt, eodem sensu erat. Steinbach 2, 610;
doch nicht dir ist also das herz im busen gesinnet.
Voss Od. 17, 403.
wie bist du gesinnt? quid cogitas? Steinbach 2, 610; ich weisz wohl wie er gesinnet ist. Frisch 2, 279ᵃ; wie ist er gesinnet? qua mente est? 279ᵇ; man hört doch, wie sie gesinnt seyn mögen. Göthe 42, 373 (Götz von Berl., bühnenbearb. 4, 12);
denn noch weiszt du ja nicht, wie der Atreione gesinnt sei.
Voss Ilias 2, 192.
sie sind alle gleiche gesinnt, una mente et voce consentiunt. Steinbach 2, 610; eben so gesinnet seyn, eodem sensu, oder eadem mente, eodem animo esse, idem sentire. Frisch 2, 279ᵃ; und ich bin in gemeinen sachen gesinnet, wie jr in ewern eigen sachen. Luther 5, 42ᵇ; sein schwiegervater, ihm gleich an list, gesinnt wie er. Göthe 24, 219. er ist anders gesinnt, alia atque antea sentit. Steinbach 2, 610; anders gesinnet seyn, dissidere cum aliquo aliqua re. sie sind ganz anders gesinnet. anders gesinnet werden. Frisch 2, 279ᵃ; der sultan ist gerecht, sagte Danischmend: er verabscheuet den blossen gedanken, dir die schöne Aruja mit gewalt zu entwenden. würde sie noch in deinem hause seyn, wenn er anders gesinnt wäre? Wieland 8, 396 (Danischm. 45). — mit bezug auf eine andre person: gegen einen wohl gesinnt seyn. ich bin noch gegen dich gesinnt wie zuvor. wie bist du gegen deinen bruder gesinnt? er läszts nicht mercken, wie er gegen mich gesinnt ist. Steinbach 2, 610;
wie ist die fürstin gegen mich gesinnt?
Göthe 9, 203 (Tasso 4, 2);
wie ich für ihn gesinnt bin, weisz der fürst.
Schiller Piccolom. 4, 7;
denn lange war er feindlich mir gesinnt.
Wallensleins tod 1, 1.
spezieller: frantzösisch, kayserlich [[undefined:etc]]. gesinnt seyn. römischgesinnt. hurisch-, weibisch-gesinnt. Kramer dict. 2, 820ᵇ f.; gesinnet seyn, es mit einer partey halten, stare a partibus alicujus, sequi partes alicujus, partium alicujus esse. französ. gesinnet seyn. die ubel-gesinnten. Frisch 2, 279ᵇ; irrdisch gesinnt, cujus mens humi defixa est. 279ᵃ; dieser Mansfeld zeigte sich jetzt in Böhmen, und faszte durch einnahme der festen und kaiserlich gesinnten stadt Pilsen in diesem königreiche festen fusz. Schiller 8, 75. solche verbindungen werden häufig zusammengeschrieben zu compositen, so z. b. deutsch-, falsch-, gleich-, irdisch-, treu-, übelgesinnt. Steinbach 2, 610 f.mit übergang in die bedeutung b:
verwundert fand ich hier
ein neues grosses heer von jünglingen und frauen,
des elends kinder! gleichgesinnt mit mir,
auf fremdem strand sich anzubauen.
Schiller 6, 383 (zerstör. Trojas 134).
selten findet sich hier starke bildung: gesonnen animatus, affectus. wie bist du noch gesonnen? ich bin noch so, wie ich allezeit gesonnen. Steinbach 2, 611. s. auch gesinnen 7 zu ende.
9)
in diesen fällen liegt also deutlich eine denominativbildung zu sinn vor. ganz vereinzelt begegnen auch formen des verb. fin., die eine ähnliche auffassung zulassen; sie zeigen durchweg schwache bildung und reflexive fügung: das ist der trutz, den die blinden pfaffen hond erschöpfft, das sy gantz sicher seind zuͦ dem altar gelauffen, wie ain saw zum trog, haben sich nun gesynnet, das sy ain aygen gelauben im hertzen heten mügen erbitten. Luther 15, 773, 17 Weim. ausg.; so hiesz es doch: viel köpffe, viel sinne, weil sich jeder kopff nach seinem glücke sinnete. Simpl. 1, 186, 10 Kurz. sich sinnen bedeutet also etwa 'einen sinn annehmen'. man könnte auch vermuten, dasz die reflexive gebrauchsweise einfach an stelle der gewöhnlichen activen getreten sei, doch scheint die schwache flexion eher für die erste auffassung zu sprechen. ähnlich mhd. mit unpersönlichem subject:
alsus bedûtet sich der sin,
der sich darabe sinnet.
pass. 430, 25 Köpke.
(im glossar übersetzt mit 'angedeutet werden'.) ein intransitives sinnen führt Scherz-Oberlin 1502 an:
siu sinnet unde tœret.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1156, Z. 62.

sinnen, verb.

sinnen, verb.
fässer ausmessen und bezeichnen, ahmen, ohmen, visieren: sinnen ein fasz, capacitatem dolii metiri, mensuram dolii colligere, inire. Dentzler 2, 265ᵃ; sinnen, ist vor alters von den weinfässern gebräuchlich gewesen, lavare et purgare dolia ut novum vinum infusum contineant. Frisch 2, 280ᵇ (die bedeutung hat Frisch, der das wort nicht aus der lebendigen sprache kennt, wohl nur aus der unten angeführten stelle erschlossen); sinnen, signare in doliis quantitatem mensurae. Scherz-Oberlin 1502. lehnwort aus lat. signare, besonders im alemannischen üblich, so in der Schweiz, s. Stalder 2, 374, sinne Seiler 269ᵇ, ferner els. s. Scherz a. a. o. und Ch. Schmidt hist. wb. der els. mundart 325ᵃ, schwäb. Schmid 495; auszerdem nur am Untermain bekannt, s. Schm. 2, 292. das wort ist schon seit dem 14. jh. bezeugt, zuweilen in der form sünnen, s. Lexer mhd. handwb. 2, 934 und Schmidt a. a. o.: und sol ye der wurt der veilen win hat uff dem berge dar bügen (lies bringen, 'apporter') sine masse für den meiger und für die ambahtlüte, und sol man sü sünnen (on les comparera) by der alten mossen das sü gereht sy. Hanauer constit. des campagnes de l'Alsace s. 248; er sol ouch synnen (il visitera) alle die mossen und die messe, die man uff dem berge des iores bruchet. 273; es war ein so heisser sommer, dasz man gegen die weinlese die fasse mit wein sinnet, aus mangel des wassers. Wurstisen Baszler chron. zu 1540 bei Frisch a. a. o.; die fasz sollen gesinnet seyn. Hanausche ohmgeldsordnung von 1668 bei Schm. a. a. o.; es wird im ganzen lande auch nur eine manier sein, die frucht- und weinmasze zu eichen, zu sinnen, zu fechten. Hebel 2, 221; scherzhaft auch von menschen:
gsinnet hen sie 'n emol uf siebe mos und e schöpli.
1, 144 (d. statth. von Schopfheim 50).
er isch nit g'sinnt, von einem der viel trinken kann.subst. inf. das sinnen, stereometria. Dentzler 2, 265ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1167, Z. 8.

versinnen, verb.

versinnen, verb.,
mhd. versinnen mhd. wb. 2, 2, 309ᵇ. Lexer mhd. handwb. 3, 229. 230. Schmeller bayer. wb. 2, 292; mis- et versinnen, rara sunt, et notant cogitando titubare, aberrare, labi; der menschliche verstand versinnet sich oft, acies intellectus saepicule erroribus caecatur. versinnen, tamen quoque idem est, quod besinnen, reminisci. Stieler 2034; versonnen, prät. ich versinne (mich), recolligo mentem, ad me redeo. Steinbach 2, 612; versinnen, 'ist veraltet, im nidersächsischen hat man es ehmals sehr gebraucht ... anstatt dieses versinnen hat man besinnen bisher gebraucht, dasz man in dem lied: herr Jesu Christ wahr mensch und gott; das sonst in einem versz stunde:
wann mein verstand sich nicht versinnt.
anjetzt singt:
wann mein verstand sich nicht besinnt'.
Frisch 2, 279ᶜ; sich versinnen in der bedeutung 'sich besinnen, sich erinnern, an etwas denken' gilt Campe als veraltet. dagegen sich versinnen 'sich in nachdenken, gedanken verlieren' verzeichnet er als gebräuchlich und belegt es aus Benzel-Sternau. mnd. vorsinnen Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 445ᵇ. brem. wb. 4, 791 (noch lebendig). Dähnert plattd. wb. 528ᵃ (veraltet). Stürenburg ostfries. wb. 315ᵇ (lebendig). ten Doornkaat Koolman ostfries. wb. 1, 463ᵇ (lebendig). nld. versinnen, bedencken, deliberare, animadvertere, reputare apud se, cogitare, consulere, consultare, considerare. Kilian 2, 725ᵃ (1777). jetzt verzinnen. das schöne wort, das im mhd. einen reich ausgebildeten gebrauch zeigt, im entwickelten nhd. aber fast ganz verschwunden ist, nur in eingeschränkter bedeutung sich wieder belebt, ist ein beleg für die auch sonst zu beobachtende erscheinung, dasz verba, bei denen der sinn des präfixes ver- sich bis zur völligen neutralität abzuschwächen scheint, allmählich durch parallele bildungen in diesem fast neutralen sinne ersetzt werden (hier durch besinnen); das wort lebt nur weiter in der bedeutung, bei der ver- eine deutliche färbung des verbalbegriffs hervorruft (sich versinnen, sich in sinnen, nachdenken, grübeln, träumen verlieren); vgl. unten das part. versonnen, in gedanken verloren, eine bildung, die der sprache wohl nicht wieder verloren gehen wird. daneben hält sich das wort in der für die verba mit ver- typischen verbindung mit zeitbegriffen: ganze stunden versinnen. im mhd. und mnd. flectiert das verbum stark und schwach, ebenso wie das simplex (vgl. sinnen I, 3 th. 10, 1, sp. 1127); beim compositum, das in der flexion der analogie des verbum simplex folgt, braucht man an sich nicht an ein schwach flectierendes denominativ zu denken, um die schwache flexion zu erklären, besonders da eine deutliche trennung der bedeutung nicht festzustellen ist. doch vergl. die stellen aus Veghe und aus Tieck unter 1. erhaltung der alten bedeutung 'gehen' in versinnen vermutet Jellinek zu Friedrich v. Schwaben 6114.
1)
nicht reflexives versinnen. in älterer sprache bezeichnet versinnen wahrnehmen, bedenken, erkennen, merken, die überlegung auf etwas richten, ausdenken, ersinnen: oft du dat rechte wult vorsinnen, wenn du das recht bedenken willst. beleg bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 445ᵇ;
de maget genck myt kynde ...
do Joseph dat versynde (das bemerkte).
ebenda;
de abbet dat wol vorsan
dat de brôder was ên nutte man.
von Sunte Marinen 57;
in der bedeutung von ausdenken, aussinnen: dat het he versunnen, das hat er erdacht. brem. wb. 4, 791; hê hed sük dat fersunnen, sich das ausgedacht. ten Doornkaat Koolman ostfries. wb. 1, 463ᵇ. eigenthümlich mit persönlichem object: wij lesen, dat god den koninck van Babilonyen dar to versynnet hadde, dat he de kynder van Israhel wolde loes laten uth syner ghevencknisse. Veghe 296, 3; hier bedeutet das wort, einen mit dem sinn, mit der willensmeinung versehen, es scheint also ein vom subst. sinn abgeleitetes versinnen vorzuliegen. nld.
mer die katief enversindes niet (merkte es nicht),
wær Reinaert die tale wende.
Reinaert II, 690;
nld. verzinnen, ersinnen, ausdenken. hochdeutsche belege: versinnen, bemerken, wahrnehmen, merken, erkennen:
dô si daʒ versunnen,   dô was in dannen gâch.
Nib. 1474, 2;
dô er die güete dran versan.
Biterolf und Dietleib 2175;
dâ sol ich nimmer niht an
verdenken noch versinnen,
wan gnâden unde minnen.
Ulrich v. Lichtenstein 145, 4;
do ich daʒ versan,
die vil guoten ich gevienc.
minnes. 3, 270ᵃ Hagen;
und wer das selbe recht versint,
das wär wol ain hoher hort genueg.
Vintler blumen der tugend 290.
versinnen, absolut, das wahrnehmen, dem verstehen gegenüber gestellt: er gab ir wesen mit dem stamb (stain?), leben mit den paumben, versynnen mit den tiern und versten mit den engeln. gesta Rom. 68 Keller. das nicht reflexiv gebrauchte versinnen tritt schon im älteren hochd. zurück und geht dann völlig verloren. neugebildet von sinn ist versinnen bei Tieck:
aber möchtest dich bemühn,
was du (nachtigall) singend wollst beginnen,
ihm in prosa zu versinnen (zu erklären, den sinn des gesungenen
darzulegen).
10, 151.
2)
sich versinnen; zwei völlig verschiedene gebrauchsweisen sind zu verzeichnen, die theoretisch zwei verschiedenen partikeln entsprechen, mit denen das verbum sinnen sich verbindet.
a)
sich versinnen, fehlen, irren; erhalten im nd. und nld.: sükk versinnen, sich irren. Stürenburg ostfries. wb. 315ᵇ; du fersinst dî wol, du irrst dich wohl. ten Doornkaat Koolman ostfries. wb. 1, 463ᵇ; ebenso im nld. zich verzinnen:
swâ ich mich versinnet hân,
ich hân iʒ unwiʒʒent getân.
Rolandslied 294, 10;
si verirrent mich und versûment sich.
Walther v. d. Vogklweide 110, 32 (versinnent sich AC; vgl. Haupt in d. zeitschr. f. d. alt. 15, 257, s. unten versinnung).
b)
entwicklung des gebrauchs in positiver richtung.
α)
sich versinnen, zum bewusztsein kommen, das bewusztsein wieder erlangen, zur besinnung kommen, den verstand wieder erlangen, bewusztsein, verstand haben; im gegensatz zu zuständen der schwäche, krankheit, ohnmacht u. ä. (vgl. unversunnen, besinnungslos): contra insaniam capitis, wenn sich der mensch nicht versun. beleg bei Schmeller bayer. wb. 2, 293;
als sî ûf sehen began
und sich widere versan.
Hartmann v. Aue Erec 8837;
dô diu küngîn sich versan.
Wolfram v. Eschenbach Parz. 112, 21;
die in dem houbte wâren siech,
daʒ si niht versunnen sich.
bruder Philipp Marienleben 5501;
sô mac ir ein gedanc
den lîp machen lîht sô kranc,
daʒ er sich lützel versinnet.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 445;
al die wîle was ir kraft
mit solher krancheit behaft,
daʒ si sich lützel versan.
1576;
swer vor alter sich nicht wol versinne.
Hadamar v. Laber jagd 524;
darna do he sik echt vorsan
unde weder ein dêl der macht gewan.
Gerhard v. Minden 54, 30 Seelmann;
wenn der siehtum den frawen kümt, sô vallent si dick hin und versinnent sich niht. Konrad von Megenberg buch der natur 426, 29. liebesverträumtheit:
ich was sô verre an si verdâht,
daʒ ich mich underwîlent niht versan,
und swer mich gruoʒte daʒ ichs niht vernam.
minnes. frühling 46, 7.
zu verstande kommen aus der unbewusztheit der kinderjahre:
si kunde wol getriuten
ir sun. ê daʒ sich der versan,
ir volc si gar für sich gewan:
eʒ wære man oder wîp,
den gebôt si allen an den lîp,
daʒ se immer ritters wurden lût.
Wolfram v. Eschenbach Parz. 117, 19;
sint ich von kinde mich versan,
sô was ich arm des guotes.
Ebernand v. Erfurt Heinrich u. Kunegunde 4368.
in allgemeiner anwendung, sich besinnen, zur richtigen vorstellung gelangen, sich der verstandeskräfte, der überlegung bemächtigen, seine sinne, seinen verstand zusammen nehmen, überlegen, zu verstande kommen, verständig werden, seine aufmerksamkeit auf etwas richten, verständig sein, bewusztsein haben von etwas, an etwas denken; das kann unter umständen auch ein hoffen oder ein erinnern (sich entsinnen) sein; dann verblassend: denken, meinen, wissen. häufig in nebensätzen wie: ehe er sich versinnt, ehe er sich bedenken kann, als ich mich versinne, so viel ich urtheilen kann, weisz. avisa te, versinn dich. wörterb. bei Schmeller bayer. wb. 2, 292ᵇ; alzo yk my kan vorsynnen. beleg bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 445ᵇ; de sik nig versinnen kan, der sich nicht besinnen kann, attonitus brem. wb. 4, 791; ich versinne mich, recolligo mentem, ad me redeo. Steinbach 2, 612; sich versinnen, sich besinnen, sich erinnern, an etwas denken. Campe (als veraltet):
och leive here, versinnet ju (bedenkt doch!)
Theophilus 426;
vil mannich wil dregen enen man,
de weder wert, êr he sek kan
vorsinnen, sulven jo bedrogen.
Gerhard v. Minden 81, 85 Seelmann;
so verne alse ik mi vorsinne.
85, 28;
dû begunde sich versinnen der heire.
Kraus ged. d. 12. jh. 10, 60 (vgl. die anmerk.);
als ich mîh versinnen kan.
Lamprecht Alexander 1174 (vgl. die anmerk.);
versinnet iʒ sih wol in der kinthait,
iʒ grîfet an die frumchait.
kaiserchron. 3353;
enphâ, hêrre, sprach er, dise minne!
dâ bî maht dû dich versinnen,
dir enbiutet unser maister;
maht erʒ wol gelaisten,
er diente dir nâch dîn chuniclîchen êren.
10963;
of ich mic rechte versinnen kan,
mich dunket gôt, hêrre,
daʒ wir dese boden êren.
Rother 259;
nu beitet eine wîle   (ich kündiu mînen muot),
unʒ ich mich baʒ versinne.
Nib. 146, 2;
als ich mich versinne,   si sint vil zornic gemuot.
1712, 4;
als ich mich versinne,   si wellent unsich bestên.
1776, 4;
tûsent werten einem ungefüegen man,
unʒ er schône sich versan;
und muose sich versinnen:
sô vil was der gefüegen dô.
Walther v. d. Vogelweide 64, 10;
der sich baʒ denn ich versinne,
der berihte mich.
69, 3;
swen si minnet,
der wirt liebes wol gewert,
ob er rehte sich versinnet.
minnes. 1, 356ᵃ Hagen;
von disen selben schulden,
als ich mich versinne,
twanc in sîn hôhe minne.
pass. 81, 11 Köpke;
daʒ ist bezeichent dâran,
als ich mich versinnen kan,
daʒ diu tûbe ûʒ drîstunt
flouc.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2518;
daʒ der tôt uns zucket von hinnen,
ê wir versinnen uns beginnen.
Hugo v. Trimberg renner 20951;
ab sich mîn mût mit witze vorsinnet.
Brun v. Schonebeck 1815;
an der leit als ich mich vorsinne.
karitas di wâre minne.
5928;
ich gedacht, bis ich mich versan,
was creatur es möcht wesen.
Clara Hätzlerin 2, 53, 16;
der spricht, als ich mich vorsinne.
Alsfelder passion 4607;
es wär pesser, ich wär nie geporn,
das ich mich het versunnen vor.
fastn. sp. 1, 414, 26;
als ich umbsah und mich versan.
H. Sachs fabeln u. schwänke 1, 12 (5, 49) neudruck;
wann mein verstand sich nicht versinnt
und mir all menschlich hilff zerrint.
Wackernagel kirchenl. 4, 4 (2, 3);
ich sah ein todten-bild! ....
das, eh ich mich versann die kleidung von sich risz.
A. Gryphius 1, 243 (1698);
und sullen ouch di selben funf man bey iren eyden als verre si sich versinnen, keinen zu in ein di verbuntnüʒʒe nemen, di an dem auflauffe und an der zweyung zu Nuremberch schuldig sein. d. städtechron. 3, 329, 14; darup sich der raet von Collen versan und vunden einen breif in dem gewulf, we de stat belent is van eime keiser und van dem riche. 13, 106, 20; unde vorsan sich czu male tif. Griseldis 10, 20 Schröder. mit präpositionen wird angeknüpft, worauf sich das sich versinnen bezieht. an:
an swiu si sich versunnen,
daʒ im nütze was aldar,
daʒ wart im gewunnen gar.
Mai u. Beaflor 201, 18;
schier het sich versunnen
an Gâwein dirre wirt.
Heinrich v. d. Türlin 6167;
sich versinnet ouch ein man,
der mit den dingen umbe gêt,
baʒ danne ein wîp dâran.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2861;
sô man sîn ie baʒ kunde gwinnet,
sô man sich ie mêr versinnet.
3763.
auf:
sich kunde wol darûf versinnen
von Lavent bischolf Kuonrât.
Ottokar österr. reimchron. 54402;
(sich verstehen auf etwas):
waʒ frumt der tag den blinden,
oder liecht daʒ liecht brinnet?
sô waʒ touc golt ze finden
dem tôren der sich ûf gold nicht versinnet.
Hadamar v. Laber jagd 625, vgl. minnes. 3, 433ᵃ Hagen.
gegen:
hievür næme ich, daʒ ich mîn liep gegen mir lieplich versunne.
minnes. 2, 382ᵇ Hagen.
nach:
des kan sich der karge
villîhte versinnen
nâch vliesen und nâch gwinnen.
Heinrich v. d. Türlin krone 6164.
sich versinnen mit dem gen., mit mannigfachen färbungen des verbalbegriffes, die sich aus dem zusammenhange leicht ergeben (vgl. versunnen eines dinges unter 2, b, γ):
des versinne de wise sich
unde wese milde des er kan.
Sachsensp. praef. rhythmica 162;
we sik des kan vorsinnen.
de spreke nummer vrûwen leit.
vruwenlof 30;
(seine aufmerksamkeit richten auf jemanden, sich seiner annehmen:)
des louwen ser he sik vorsan:
he loste en van des dornes we.
Gerhard v. Minden 47, 18 (vgl. die anmerk.) Leitzmann;
mac si sich doch
mîner rede versinnen?
nein si, niht,
got enwelle ein wunder
vil verre an ir erzeigen.
des minnesangs frühling 127, 28;
dô sich der starke Sîfrit   der grôʒen wunden versan (sie bemerkte,
sich ihrer bewuszt wurde).
Nib. 923, 4;
von des helmes dôʒe   und von des swertes klanc
wâren sîne witze   worden harte kranc,
daʒ sich der degen küene   des lebens nicht versan.
1984, 3;
da er sich schîmpfes nicht versan (nicht darauf gefaszt war).
Wolfram v. Eschenbach Parzival 229, 3;
und swes si sich versinnete,
daʒ ime ze senfte und ze fromen
und ze heile möhte komen,
dâ was si spâte unde fruo
beträhtic unde geschäffec zuo.
Gottfried v. Strassburg Tristan 7924;
daʒ min sælden frîer sin
noch stæte riuwe nie gewan
sît ich mich sünden êrst versan.
Winsbeke 66, 5;
als sich diu ors versunnen
der sporn in den sîten,
si begunden schiere wîten
die sprünge ûf der heide.
Heinrich v. d. Türlin krone 7548;
aller hande creatûre,
die sich joch von natûre
nihtes kunden versinnen.
Lamprecht v. Regensburg S. Franciskus 2475;
daʒ man sich versinne
der inren süeʒe in sîner minne.
tochter Syon 1734;
da er sich ir triu versan,
davon sein hertz grosz trauren gewan,
er gund sich ir ergeben.
Cl. Hätzlerin 1, 6, 21.
Rückert erneuert das verbum in dieser verbindung mit dem genitiv; in der bedeutung: etwas erwarten:
er hat sich versonnen
des besten von ihnen.
ges. ged. 4, 197 (1837);
dem gewöhnlichen gebrauch der alten sprache entsprechend:
eh diese sich versannen der wehr in ihrer noth,
der könig und die zwei mannen lagen von den heiden todt.
3, 486;
auch die in der ersten stelle angewendete gebrauchsweise ist alt:
sît ich gein dem trage haʒ,
den si von herzen minnent
unt sich helfe dâ versinnent.
Wolfram v. Eschenbach Parz. 450, 20;
ich was im diens undertân,
sît ich genâden mich versan.
332, 6;
nû bit ich mâge unt man
und al die von den ich mich helfe ie versan.
Lohengrin 5282.
mit nachfolgendem abhängigen satze; ein genitiv kann überleiten:
so wolden sich versinnen   dise degene (sie würden meinen)
daʒ ichʒ durch vorhte tæte.
Nib. 1719, 2;
der junge sich versinte
daʒ ime kein wer wære sô guot.
Virginal 174, 10;
frowe, dû versinne
dich ob ich dir zihte mære si.
Walther v. d. Vogelweide 51, 5;
daʒ si niht versinnent sich
waʒ liebe sî, des haben undanc.
49, 33;
versinne | Minne | sich,
wie si schône | lône | mîner tage.
47, 17;
swer ein guot gewinnet,
und sich des versinnet,
daʒ erʒ niht gar vergolten hât.
sperwœre 192;
Kâedîn sich wol vorsan,
daʒ erʒ der vrouwen solde geben,
mit swelcher vuoge im daʒ quême eben.
Heinrich v. Freiberg Tristan 5844;
swenn er sich danne versinne,
daʒ sich tempern beginne
diu fluot und daʒ waʒʒer wenden.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2296;
wand si von witzen sich versan,
daʒ si in die senenden swære
von ir schulden komen wære.
3312;
wand ich mich nicht versinnen kan,
welch hie sî ûwer man.
pass. 47, 97 Köpke;
zu hant sich iener dô versan,
daʒ ê der tûvel zu im quam.
226, 72;
daʒ ieglich wol versinnet sich,
wie ir bôse lûte sît.
315, 62;
si virsunnen sich des wol
daʒ dâ icht gûtes mochte sîn.
pass. 336, 84 Hahn;
wan er sich niht versinnete,
wie er ze rehte minnete.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 45721;
wan er sich des wol versan,
daʒ niht trûwe was daran.
livl. reimchron. 9613;
hiet er sich sîn baʒ versunnen,
wieʒ umb die sach ze Rôme lac,
er hiets gemacht ein andern tac.
Ottokar österr. reimchron. 9287;
so hette wir uns billich da mit vorsunnen,
daʒ ir got der eren wolde gunnen.
Mone altd. schauspiele 1, 1713;
of he's sik nicht versint dat he't gedinge dar an jemande gelegen hebbe. Sachsensp. lehnrecht 57, 2. das subject des von versinnen abhängigen satzes vorweggenommen und zum verbum sich versinnen fast wie ein object gestellt: do nevorsan er sich niht alliʒ daʒ er da sach und horte daʒ daʒ ein truͦgene was. Schönbach pred. 1, 132, 12. mit abhängigem infinitiv:
doch sô getânen genieʒ,
als er gewinnen sich versan (hoffte)
dâ wart er versûmet an.
Ottokar österr. reimchron. 40204.
infinitiv mit zu:
swâ ein hund nâch gewinnet,
und der sich doch ze jagen
weidenlîch versinnet.
Hadamar v. Laber jagd 506.
β)
die wirkung der partikel ver auf die bedeutung von sich versinnen, kann sich so äuszern, dasz die handlung bis zu einer gewissen übertreibung fortgeführt wird, sich versinnen heiszt also dann: sich in gedanken verlieren, vertiefen, so dasz der sinn nur in einer richtung beschäftigt, gefesselt ist, für anderes aber die aufnahmefähigkeit verliert; in dieser bedeutung besonders wird sich versinnen von unserm sprachgefühl aufgefaszt, unter einwirkung des entsprechenden gebrauchs von sinnen. sich versinnen, sich in nachsinnen, in gedanken vertiefen und verlieren. Campe; hierzu ebenda ein beleg aus Benzel-Sternau: warum in so tiefen gedanken? — hier darf man sich nicht versinnen; dabei wird also stets die vorstellung festgehalten, dasz der sinn befangen ist, dasz die gedanken sich mehr wie von selbst aneinander ketten, nicht verstandesmäszig streng verknüpft werden (vgl. am schlusz von 2, b, γ das citat aus G. Hauptmann); in der folgenden stelle ist es anders, da bezeichnet sich versinnen ein wirkliches nachdenken:
als ich nun erhöret das,
das wunder mich selber frasz,
das sich die schön so ferr versan (so weit ging in ihrem nachdenken).
Cl. Hätzlerin 2, 68, 313.
γ)
das part. versunnen wird durchaus activisch verwendet, es kann im sinne von besonnen, verständig ganz zum adjectivum werden; der gegensatz ist unversunnen, vgl. mhd. wb. 2, 2, 311ᵃ. Lexer mhd. handwb. 2, 1967. Schmeller bayer. wb. 2, 393:
als si begunden wachen
und wurden versunnen (ihrer sinne, ihres verstandes wieder mächtig, vgl. oben 2, b, α zu anfang).
Heinrich v. d. Türlin krone 26810;
das mir zu thunde dochte
die kunst was mir zerunnen.
doch eilte ich als ich mochte
dem valken nach, do ich ward versunnen.
minnefalkner 139;
der topeler was versunnen
ûf allerhande wurfelspil.
beide kleine unde vil
warf er, diu kunst was im bekant.
pass. 408, 58 Köpke,
er verstand sich auf das würfelspiel, vgl. oben Hadamar v. Laber jagd 625 unter 2, b, α. mit dem genitiv, vgl. oben sich versinnen eines dinges unter 2, b, α:
me daʒ her was so vorsunnen
naturlicher vromicheyt,
daʒ im dher armen lute leyt
irbarmete und ir tot.
braunschweig. reimchron. 4133;
versunnen wart ûf kamphes list
der starke wandels frîe.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 29020 (vgl. oben sich versinnen ûf unter 2, b, α).
versunnen, verständig, besonnen, rechte gedanken, rechten sinn habend; auch übertragen im sinn von verständig auf unpersönliches, das ein zeugnis rechten sinns, guten verstandes ist. discretus, versunnen, vorsonnen. Diefenbach gloss. 185ᵃ; mit vorsunnen rade unde wolghedachtem mude. Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 445ᵇ; ir sprecht as ein versunnen getruwe man der uns goitz gunt. d. städtechron. 13, 576, 36;
ir helde wol versunnen.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 25794;
diu hôchgeborne reine
clâr unde wol versunnen.
28654 (ebenso braucht er auch versinnet, s. unten);
we im sin vrowe gar vorsunnen
Richkeze hette gewunnen
eyne tochter sundher hone.
braunschweig. reimchron. 2244;
ouch vur dher vurste gar vorsunnen,
aller scandhen eyne,
vor dhe stat zo Peyne.
7984;
ir sprechet als ein versunnen man
de uns godis und eren gan.
d. städtechron. 12, 81, 2055;
im jach des manic guot kneht,
er wære gar versunnen.
Ottokar österr. reimchron. 271;
grâf Yban der versunnen
kurzlîchen daʒ erkande.
25497;
von dan so rait der wol versun
mit ern an der selben stunt.
Suchenwirt 7, 146;
dar nach der wol versunnen
tzu Münck stuͦrmt mit vrecher hant.
13, 110.
das schwache partic. in gleicher anwendung:
die wel versint is in sinen toren,
daer is grote wijsheit in gheboren.
Reinaert 7273;
do sprach diu wol versinte.
Hugo v. Langenstein Martina 153, 107;
ob aller minne der geminte
ob aller wisheit der versinte.
270, 90;
dîn zunge wol versinnet
kan vremede sache entslieʒen.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 27170.
versinnt sein mit etwas, seinen sinn beschäftigen mit, seinen sinn richten auf, schicken in etwas:
ob er in der lieb prynnet,
so sey er mit harren versynnet.
Cl. Hätzlerin 2, 15, 12.
in der folgenden stelle wird versinnet wie sonst verdâht gebraucht, verloren in seinen gedanken:
sag mir, ist daʒ diu minne,
diu sô dîu liute kan tœren,
daʒ sie die ûʒern sinne
verrigelt, sehen, sprechen und ouch hœren,
und sich inwendig mit gedänken wirret?
swen siu ze recht begrîfet,
der ist versinnet hie und dort verirret.
Hadamar v. Laber jagd 192;
die zusammenstellung mit verirret zeigt, dasz der sinn des part. sich hier der bedeutung von sich versinnen, fehlen, irren nähert (2, a), wenn er auch von einer andern vorstellung ausgeht. nhd. versonnen schlieszt sich an den oben nachgewiesenen neueren gebrauch von sich versinnen an (2, b, β); vgl. zeitschr. f. d. deutsch. unterricht 15, 380: Kramer versonnen in den anblick des toten und in die lichter. G. Hauptmann Michael Kramer 129 (1900).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1905), Bd. XII,I (1956), Sp. 1332, Z. 65.

versünnen, verb.

versünnen, verb.,
s. versonnen sp. 1359.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1914), Bd. XII,I (1956), Sp. 1851, Z. 35.

zersinnen, verb.

zersinnen, verb.,
refl. sich durch angestrengtes sinnen aufreiben: beleg von 1620 im schweiz. id. 7, 1069; Stieler 2034; ich habe mich die gantze nacht zersonnen und zerspeculiret J. G. Schmidt rockenphil. 2, 142; sollte das weibchen umsonst so lange sich zersinnet haben! Barb. Schultesz in schr. d. Götheges. 5, 9; W. v. Polenz ges. w. 9, 160. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1932), Bd. XV (1956), Sp. 770, Z. 34.

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„sinnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sinnen>.

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