Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sinngrün, singrün, n.

sinngrün, singrün, n.
immergrün, vinca.
1)
der erste theil der zusammensetzung ist eine alte partikel, die 'beständig, ewig' (oder auch 'allgemein, grosz', s. sintflut) bedeutet und mit dem indogerm. worte sen(a)- 'alt' (lat. senex, got. sineigs, sinista u. s. w.) zusammenhängt, s. Fick³ 3, 322. sie wird in allen altgerm. dialecten häufig als erstes compositionsglied verwendet, vergl. sin-, sp. 1064. Grimm gramm. 2, 564. Weigand 2, 718. die schreibung mit nn, neben der auch im nhd. noch immer das ältere singrün sich hält, ist daher unberechtigt und beruht auf volksetymologischer anlehnung an sinn, vgl. auch sinnpflanze. Andresen volksetym.⁴ 196, anm. 2. singrün ist also auch etymologisch vollkommen gleichbedeutend mit dem erst in nhd. zeit gebildeten immergrün, s. theil 4, 2, 2074. auszerdem kennt die ältere sprache in dieser verwendung noch ingrün, s. das., sp. 2117.
2)
die zusammensetzung sinngrün findet sich in fast allen altgerm. dialecten (auszer got.) und kann mithin als urgerm. angesprochen werden, vgl. Grimm gramm. 2, 554. 561: altn. sígrǿnn Cleasby-Vigfusson 531ᵃ; ags. singréne Bosworth-Toller 877ᵃ; ahd. singruna, singrun, sintgrune (? hschr.: snitgrune, vgl. Weigand 2, 718 u. unten) semperviva, pervinca. Graff 4, 299; mhd. singrüen, n.(?) und f. Lexer hwb. 2, 931; mnd. singrone. Schiller-Lübben 4, 212. die hd. zeugnisse reichen nach Weigand a. a. o. ins 12. jahrh. zurück.
3)
sin(n)grün bezeichnet jetzt gewöhnlich die pflanze vinca minor, auch kleines sinngrün, immergrün, ingrün, sidergrün, ewiggrün, wintergrün u. s. w., s. Nemnich, mittellat. saliunca, salumbra, pervinca nach Pritzel-Jessen 438, der die formen singrün, sinngrün (schles.), sinngrön (mnd.), singruone (ahd.), singröne, sigrien, sintgriene, -grune (mhd.), senegrün (hamb.), sigri (Lechrain), anführt. s. ferner Oken 3, 1037 (unterscheidet das gemeine und das rosenrothe sinngrün, vinca minor und rosea). Jablonski 724ᵃ. öconom. lex.² 2728 f. Behlen 5, 623 f. Adelung. daneben wird sinngrün auch für den gemeinen kreuzdorn gesagt, rhamnus catharticus. Nemnich. die ausdrücke der ältern sprache werden in der regel jedenfalls die erstere pflanze meinen, wenn auch die sehr variierenden lat. ausdrücke hierüber nicht volle sicherheit geben.für epheu: zwen angethone mann, einer in syngrün oder ephew, der heyszt der Summer, der ander mit gmösz angelegt, der heiszt der Winter. S. Franck weltb. 131ᵇ.
4)
die glossare von Diefenbach zeigen folgende glossierungen: colatidis ags. singrene. gloss. 131ᵃ, i. temolus vel titemallos. nov. gl. 99ᵇ; pervinca ... sin-, vel ingruͤn, -grun, -grien, -grone, snit- vel jngrien, snitgrune. gl. 431ᵃ; potentilla ... sigruͤn. 450ᵇ (voc. von 1440); saliunca ... berwinkel vel singruin. 508ᵇ; salumbra singrun, -grone. 509ᶜ; semperviva ... ingrun, singrun, -groene. 526ᵃ; vinca ... inn- vel sinngrun ... singrien. 619ᶜ. nhd. wörterbücher: pervinca ingrün, singrün. Alberus; clematis, vinca pervinca, Daphnoides ingrün, sinngrün, wintergrün. Corvinus fons lat. 160ᵃ; wintergrün, sive sinngrün, vinca pervinca, sive daphnoides. Stieler 709; sinngrün (ein gewächse) vinca pervinca. Steinbach 1, 648; sinn-grün, ein kraut. Frisch 1, 378ᵇ. — das geschlecht ist in den zeugnissen und belegen meistens nicht zu erkennen. jetzt durchaus neutr. (so angegeben bei Adelung, auch deutlich bei Salis); in der ältern sprache zuweilen abweichend, als fem. bei Megenberg (geändert bei Ortolf v. Bayrland), als masc. bei Hohberg, s. die belege unter 5. — mundartlich bair. si ̃grə, sigərə, sidegreə ̃. Schm. 2, 291. in der Handschuhsheimer mundart nach Lenz 65ᵇ nicht vorhanden. weitere angaben fehlen, s. jedoch Pritzel-Jessen unter 3.
5)
belege: calopus ist ain tier, daʒ sich hengt mit seinen hörnern in die singrüen. Megenberg 132, 10; von der singrüen. semperviva haiʒet singrüen. daʒ kraut hât pleter sam der puchspaum, ân daʒ des krautes pleter grœʒer sint und dicker und sint winter und sumer gleich grüen. 422, 2—5 (dazu singrüensaf. 423, 6); von dem singruͤnen. Ortolf v. Bayrland 80ᵃ (sonst gleichlautend); syngrun aber und yngrün ist es geheissen worden darumb, das es allzeit grun bleibt. Fuchs de hist. stirpium (Basel 1542) c. 135 (dazu: clematis daphnoides syngrun. abb. 360); singrün, ingrün, oder beerwincken, item mägdpalmen, und todtenkraut, Graecis κληματίς, Latinis clematis daphnoides, vinca pervinca, und pervinca. Lonicerus kräuterb. 203ᵃ (dazu: singrün wasser. 203ᵇ); nimm tormentill, syngrün, welchs du hast. Wirsung arzneib. 107 C, dazu im reg.: sinngrün, oder syngrün, ingrün, berwinck, mägdpalmen und todten violen: heiszet griechisch clematis, clematis daphnoides, myrsinoides, polygonoides, daphnoides, und bey dem Plinio, chamaedaphne, lateinisch vinca pervinca, unicordia, palma virginea, corona virginea, pervinca, und voila (l. viola) mortuorum. ist ein bekannt kraut, wächst an dunckelen und feuchten orten hinder den zäunen ... noch ein ander geschlecht dises krauts ziehlet man in gärten, hat braune blumen, und ist sonst allerdings grösser denn das gemeine; ferner: singrün, clematis daphnoides. Tabernaemont. 1270 C; singrün mit gefüllten blumen (flore pleno). F; von der natur, krafft, und eygenschafft desz singrüns. K; weil der singrün ein treffliches wund-kraut ist, werden auch seine blätter fleissig zu den meisten wund-träncken gebraucht. Hohberg 3, 1, 444ᵃ; frische singrün-blätter auf heisser heerstatt ein wenig gedemmt ... vermehret den säugenden die milch. 444ᵇ. — ich nannte den ort das grab des Piccolomini und bepflanzte ihn heimlich mit sinngrün, das ich in meiner botanisierbüchse aus dem walde holte. Keller 7, 304;
bildner, wähle zum kranz der holden bescheidenes sinngrün,
weich wie der sanftmuth reis, stark wie der eppich der treu.
Salis ged. (1821) 104 (kranz für Berenice's bild);
die nahm das herz der krepierten kuh, stach drei eiserne nägel von einer todtentruhen hinein, schlug um das ganze einen kranz von singrün und sott es in schmalz, dann warf sie es in den rinnenden Lech. Leoprechting aus d. Lechrain 43; nicht nur dasz (zum fronleichnamsfeste) in der kirche alle altäre, bildstöcke, der himmel und die fahnen mit kränzen vom singrün (si ̃gri = vinca minor) umwunden werden. 187; auf das grab (eines kindes) stellt man ein krönl von buchsbaum oder singrün. 239.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1178, Z. 6.

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Zitationshilfe
„sinngrün“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sinngr%C3%BCn>, abgerufen am 23.10.2021.

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