Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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allersinnlichst

allersinnlichst:
sind die vergnügen des herzens weniger sinnlich? sie sind die allersinnlichsten. Wieland.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1852), Bd. I (1854), Sp. 228, Z. 26.

sinnlich, adj.

sinnlich, adj.:
dem bereich der sinne angehörend, aus den sinnen stammend. mhd. sinnelich, sinlich (seit dem 13. jahrh. bezeugt), s. Lexer handwb. 2, 933, mnd. sinnelik, sin-, synlik. Schiller-Lübben 4, 213ᵃ, holl. zindelijk (reinlich, sauber, s. u. 6), vergl. Franck 1209 f. der hier fest gewordene einschub eines d findet sich vereinzelt auch im mnd., s. unten 5, a, und besonders in lebenden deutschen mundarten, vergl. sp. 1065, so bair. sinli', sinle', sindle', sindla. Schm. 2, 295, österr. sindli(ch) Höfer 3, 143. Castelli 256; ostfries. sindelik, sindelk, sinnelk. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ. sonst findet sich sinnlich nur in gewissen gegenden und überall in besondern verwendungen, s. unten.
1)
die bedeutung des wortes zeigt nach ort und zeit beträchtliche verschiedenheiten. in den früheren zeiten wird es noch nicht scharf von den andern ableitungen von sinn, besonders sinnig, gesondert, s. Stieler 2032 unter sinnisch. so wird es mhd. mnd. für 'verständig, klug' u. ähnl. gesagt, z. b.: unde settet dar tho sinlike menne (andere übers.: kloke lude), de se dar beslaten bewaren. qu. bei Schiller-Lübben 4, 213ᵃ (Jos. 10, 18); do seghde Hinrik Grotekop sineliken to deme bisscope. ebenda;
des muose sich der fürste rein
mit sinnelîchen listen
under den boumen fristen
von sîner slege unfuoc.
Reinfried von Braunschweig 19064.
ähnlich noch im ältern nhd. sinnliche vernunft: so hatt die weislich erfarung der menschen ... das gemaine schreiber ambt ... mit sinnlicher vernunft erfunden. qu. bei Haltaus 1690; meinten ir herr wäre narricht und sinnlicher vernunfft beraubt. ebenda; dergleichen herwiderumb verachten wir die sinnliche listigkeit, die sich philosophiam nennt. Paracelsus 1, 118 A. und noch im 18. jahrh. bei Wernike für 'sinnvoll, -reich, sinnig, geistreich': nichts ergetzet den verstand eines sinnlichen lesers mehr, als wenn man ihm ... in einem gemeinen bilde eine nachdenkliche sache vorstellet. ein gemeiner leser hält sich an die eigentliche worte; ein sinnlicher aber siehet im ersten augenblick so weit als der verfasser. überschr. (1763) 188. s. auch die belege unter sinnlichkeit 1. — weitere entfaltungen dieser bedeutung s. unter 6.
2)
dagegen hat in neuerer zeit die bedeutung von sinnlich consequent eine abweichende richtung eingeschlagen, welche nicht vom sinn (willen, verstand u. s. w.), sondern von den sinnen als den organen der äuszern wahrnehmung und einer mehr körperlichen lustempfindung und begierde (s. sinn II, 18. 19) ausgeht, und sich reich und mannigfach entfaltet hat, vergl.: so hat auch in dieser erklärung Baumgarten ein wort gebraucht, das bis zur vieldeutigkeit reich und prägnant ist, das also auch bis zum streit und zum miszbrauch vieldeutig werden kann; das wort sinnlich. wie viel begriffe paaret die deutsche philosophie mit diesem worte! sinnlich leitet auf die quelle und das medium gewiszer vorstellungen, und das sind die sinne: es bedeutet die seelenkräfte, die solche vorstellungen bilden, das sind die sogenannten untern fähigkeiten des geistes: es carakterisirt die art der vorstellung, verworren und eben in der reichen, beschäftigenden verworrenheit angenehm zu denken, d. i. sinnlich: es weiset endlich auch auf die stärke der vorstellungen, mit der sie begeistern, und sinnliche leidenschaften erregen — auf alle vier gedankenwege zeigt das vielseitige wort sinnlich, sensitiv. Herder 4, 132 Suphan. so: sensibilis ... fulende mensche, gevoelich, synnlich. Dief. gl. 527ᵃ; sensibiliter ... sinlich. ebenda; sensim. ebenda; sensualis. sinne- vel versinlich. ebenda; sensualiter sinlichen, sinnelich. ebenda; sensus (der, dye) sinne ... synlich bewegung. 527ᵇ; sinnlich, sensibilis. Dentzler 2, 265ᵃ; sensualis Steinbach 2, 610; nach der sinnlichen empfindung. Frisch 2, 280ᵃ. diese bedeutung begegnet schon bei Luther: seid nicht wie ross und meuler, die nicht verstendig sind (ps. 32, 9). das sind die, die mich (l. sich?) nicht lassen regiren, sondern gleich wie die sinnliche thiere, folgen, so fern sie fuͤlen, wo sie nicht fuͤlen oder pruͤfen, folgen sie nicht, und verstehen den geist nicht. 3, 7ᵃ (hier also im ausgesprochenen gegensatz zu verständig); unselig aber, die auch das vergessen noch dazu vergessen, als die sinlichen sünder, und die hoffertigen heiligen, die da sat sind, jene mit eusserlichen, diese mit innerlichen, gütern. 17ᵇ. s. auch Schwartzenberg unter 4, a. häufig ist sie, wie das wort überhaupt, allerdings erst seit dem 18. jahrh. geworden. sie gliedert sich in zwei hauptbedeutungen, die jedoch nicht immer scharf aus einander zu halten sind.
3)
in bezug auf die sinne als organe der wahrnehmung und erkenntnisquellen.
a)
was durch die sinne geschieht oder vermittelt wird, in den sinnen gegründet ist: sinnliche empfindung. Adelung; sinnliche wahrnehmung, erfahrung: wer von den künsten nicht sinnliche erfahrung hat, der lasse sie lieber. Göthe 33, 25; sinnliche anschauung, das sinnliche anschauungsvermögen. Campe; dasz also die statue des körpers der geäuszerten stärke nicht durchaus, und schon dem sinnlichen anblicke nach wiederspreche! Herder 3, 117 Suphan; wenn die augen krank wurden, so war es aus mit allen sinnlichen forschungen. Keller 7, 11. — sinnliche eindrücke u. ähnl.: wie schwellen, wie glühen, wie rauschen die sinnlichen eindrücke zum gefühl und augenschein des glaubens und des geistes! Hamann 1, 108; wenn zwey menschen in einer verschiedenen lage sich befinden, müssen sie niemals über ihre sinnlichen eindrücke streiten. 440; denn jedem ist bekannt, wie mächtig gewisse sittliche eindrücke sind, wenn sie sich an sinnlichen gleichsam verkörpern. Göthe 25, 238; im traume werden diese bilder (der einbildung) so klar und deutlich, dasz wir so lange wir träumen sie oft für empfindungen halten, bis wir endlich erwachen und die ungleich grössere klarheit der sinnlichen vorstellungen wieder empfinden. Gottsched erste gründe der weltweish., theor. theil § 890; die sinnliche vorstellung dessen, was allen begrif übersteigt, kann nicht anders als verkleinerlich ausfallen. Forster ansichten 1, 133; dasz ... der wahre geist des schauspiels tiefer in die seele gräbt ... als roman und epopee, und dasz es der sinnlichen vorspiegelung gar nicht einmal bedarf uns diese gattung von poesie vorzüglich zu empfehlen. Schiller 2, 5; ein sinnlicher begriff, der sinnliche ursprung der begriffe. Campe (nach der sensualistischen richtung in der philosophie).
b)
was zur sinnlichen wahrnehmung dient: die sinnliche kraft, facoltà, virtu̍, potenza sensitiva ò sensibile. v. empfindlich. Kramer dict. 2, 819ᵃ; sinnliche wirckungen, operationi sensitive ò de' sensi. ebenda; ain holeu âder gêt von dem hirn zuo den augen, diu haiʒt opticus, diu tregt die sinnelichen gaist zuo den augen. Megenberg 9, 20; unsre sinnlichen kräfte scheinen ... eine grössere gegend unsrer seele auszufüllen, als die wenigen obern. Herder 4, 27 Suphan; sollten also wohl für den sinnlichen verstand, und die einbildung, also für die seele des volks, die doch nur fast sinnlicher verstand und einbildung ist, dergleichen lebhafte sprünge ... so eine fremde böhmische sache seyn? 5, 185.
c)
der sinnliche mensch, auf die sinne angewiesen, von ihnen abhängig, als wesentliche eigenschaft des menschen: adieu liebe tante, und lassen sie uns manchmal ein sichtbares zeichen ihrer erinnerungen sehen. sie wissen wir sind sinnliche menschen. Göthe briefe 2, 112 (Weim. ausgabe); als theil des menschenwesens, vergl. 4, c. ähnlich: giebt uns die schlechte busenschlange der gemeinen volkssprache das schönste gleichnisz für die hypostatische vereinigung der sinnlichen und verständlichen naturen. Hamann 7, 12; s. auch sinnlichvernünftig. gewöhnlich den menschen auf einer niedern entwicklungsstufe meinend, da er noch in der sinnlichen wahrnehmung befangen, auszer stande ist, sich über sie zum reinen denken zu erheben: bey einer solchen meinung mag wohl die trägheit einzelner sinnlicher menschen ihre rechnung finden. Wieland 3, 491 (Agathon 16, 3); der sinnliche naturmensch, der träge, der nicht selber denken, nicht einmal andern nachdenken mag, und der rohe, der beides nicht einmal kann, personifizirt sich die unsichtbaren und unbekannten wirkenden kräfte. Hebel 3, 225; so sieht der sinnliche (dafür weiter oben: dessen blikk nur auf dem äuszern thun und leben der menschen weilet), wie nur äuszerlich sein thun ist und sein denken, auch alles nur vereinzelt und äuszerlich. Schleiermacher 3, 1, 359 (monol. 1); dem sinnlichen menschen erscheint ja das innere handeln nur als ein schatten der äuszeren that. 362. milder: ins geheim übersetzt ihn (Homer) sich die seele des lesers, wo sie kann, selbst wenn sie ihn griechisch hört: und ich sinnlicher leser! ich kann mir ohne diese geheime gedankenübersetzung sogar kein wahrhaftig nutzbares und lebendiges lesen Homers denken. Herder 3, 126 Suphan. so auch: diese zeiten, die man zu den einfachsten, geistigsten, des christenthums hat umprägen wollen, sind die sinnlichsten, materiellsten; man will es mit händen greifen, das heilige. Immermann Münchh. 3, 214. vergl. auch sinnliches thier bei Luther unter 2. der zustand eines solchen menschen wird als sinnlicher schlummer bezeichnet: er kommt zu sich aus seinem sinnlichen schlummer, erkennt sich als mensch. Schiller 10, 279 (ästhet. erz. 3. br.).
d)
in abweichender verwendung ('sinnlicher wahrnehmung fähig'?) bei Brockes:
bemercke,
dasz gott, damit der erden pracht,
und seiner allmacht wunder-wercke,
zu deiner freude mögten taugen,
dich durch die spiegel deiner augen,
vor solcher anmuht, sinnlich macht.
1, 32;
aller dieser eingeweide
unerforschliche natur
zielet auf des cörpers freude,
dienet den fünf sinnen nur.
denn die uns verborgnen säfte
geben unsern sinnen kräfte
und ihr endzweck ist allein,
dasz die sinne sinnlich seyn.
2, 309;
er leget ihnen (gott den menschen) tausend schätze, in seinen creaturen vor;
er macht sie wunderbarlich sinnlich; er schencket ihnen aug und ohr.
6, 356.
vgl. auch:
wenn man mit sinnlichem gemüht
das feld von einer höhe sieht;
so gleicht es einem bunten garten.
1, 127
(wofür wenig weiter oben:
mit ruhigem aufmercksamen gemüht).
e)
passivisch, was durch die sinne wahrgenommen wird oder in die sinne fällt: sinnliche sachen, cose sensili, sensibili, che cadono sotto 'l senso. Kramer dict. 2, 819ᵃ; daher erfordert man auch, einen abgesonderten begriff sinnlich zu machen d. i. das ihm correspondirende object in der anschauung darzulegen, weil ohne dieses der begriff (wie man sagt,) ohne sinn ... bleiben würde. Kant 2, 239; jede handlung ist ... mancherley ... bedeutungen fähig, welche eben so wenig als des handelnden absichten und gesinnungen 'begucket und betastet' werden können; sondern, wie alle intellectuelle und moralische eindrücke, ohne sinnlichen ausdruck, keiner mittheilung ... empfänglich sind. Hamann 7, 89; sinnlich wird die darstellung, wenn sie das allgemeine in das besondere versteckt, und der phantasie das lebendige bild ... hingiebt, wo es blosz um den begriff ... zu thun ist. Schiller 10, 393; um einen dritten charakter zu erzeugen, der ... zu einem sinnlichen pfand der unsichtbaren sittlichkeit diente. 281 (ästhet. erz. 3. brief); als er einst sich in Hieron's gegenwart verlauten lassen, dasz er jeden körper ... aus seiner stelle zu rücken vermögen würde, und der könig in ihn drang, diese aufgabe durch ein sinnliches beispiel zu lösen, kaufte Archimedes eine veraltete galeere u. s. w. Stolberg 9, 152; sie (d. sprache) giebt ein sinnliches bild des übersinnlichen. Fichte 7, 317; und so schlieszen wir mit einem sinnlichen gleichnisz, nachdem wir etwas, das nicht in die sinne fallen kann, durch eine übersinnliche gleichniszrede begreiflich zu machen gesucht haben. Göthe 53, 196; leibhaftig, gegenwärtig: von dem reinsten gefühl der sinnlichen gegenwart bis zu den leisesten ahnungen und hoffnungen der entferntesten geistigen zukunft. 20, 217. vgl. auch: aus dem allen (den sinneseindrücken) webt und würkt nun die seele sich ihr kleid, ihr sinnliches universum. Herder 8, 189 Suphan.
f)
das neutrum substantiviert: sie (d. Griechen) schauten die gegenstände tüchtig und lebendig und fühlten sich gedrungen, die gegenwart lebendig auszusprechen, suchen sie sich darauf von ihr durch reflexion loszuwinden, so kommen sie ... in verlegenheit, ... sinnliches wird aus sinnlichem erklärt. Göthe 53, 17; in der silhouette hätte ich so viel innerliches nicht gesucht, mehr sinnliches. briefe 5, 109; religion wirkt im ganzen mehr auf den sinnlichen theil des volks — sie wirkt vielleicht durch das sinnliche allein so unfehlbar. Schiller 3, 514.
g)
adverbial: man führte mich in Jappachs wohnung, wo mir das was ich sonst nur innerlich zu bilden pflegte, wirklich und sinnlich entgegentrat. Göthe 26, 288; die armee, als wollte sie sich ihres triumphs recht sinnlich versichern, breitete sich längs dem ganzen gerüste aus, um den stolzen strom, dem man das joch aufgelegt hatte, friedfertig und gehorsam unter sich hinweg fliessen zu sehen. Schiller 9, 53. vor adjectiven: seine poetische absicht war blosz, das wenigste ... dieser collisionsfälle mit dem reinen geiste abstracter vernunft in einer künstlich sinnlich vollkommenen vorstellung, oder in einer durch die kunst vorgestellten sinnlichen vollkommenheit ... nachzuahmen. Hamann 7, 88; dasz sie (die Pythagoräer) farbe und oberfläche mit einem worte bezeichnen, deutet auf ein sinnlich gutes, aber doch nur gemeines gewahrwerden. Göthe 53, 18.
4)
in bezug auf die sinne als organ der (lust-)empfindung und begierde, s. sinn II, 19. diese verwendung ist in neuerer zeit besonders häufig geworden.
a)
sinnliche freude, lust: sinnliche genüsse, 'wobei man nur auf befriedigung der sinnlichen begierden sieht, welche nur genüsse für die sinne, aber nicht für den geist sind'. Campe; die ganze masse der moralischen und sinnlichen freuden lag vor mir. Thümmel reise 7, 88; es sind also, wenn man genau reden will, alle vergnügungen im grunde sinnlich, indem sie, es sey nun unmittelbar oder vermittelst der einbildungskraft, von keinen andern als sinnlichen vorstellungen entstehen können. Wieland 1, 140 (Agathon 3, 2); künste, die der grosse haufe bloss als werkzeuge sinnlicher wollüste anzusehen gewohnt ist, in ihre ursprüngliche würde wieder einzusetzen. 26, 286 (üb. d. d. singspiel);
wie kann ein weiser mann in sinnliches ergötzen
der menschheit höchstes gut, den zweck des lebens setzen?
Uz s. 226 Sauer;
mit schaudern versenkt sich in ihn (gott) mein geist ...,
und o! wie verschwindet mir dann die sinnliche freude.
Ramler 2, 184.
adverbial: das glück ist die göttin der lebendigen menschen, und um ihre gunst wahrhaft zu empfinden, musz man leben und menschen sehen, die sich recht lebendig bemühen und recht sinnlich genieszen. Göthe 18, 55. — seltner sinnlicher schmerz: oder er (d. theaterdichter) fügt sie (d. reden u. s. w.) zu einer maschine zusammen, welche die säfte des zuschauers durch geschicktes prickeln nach den thränendrüsen kitzelt und den sinnlichen schmerz der überfüllung derselben nach vier akten langer, wohlberechneter steigerung im fünften mit der sinnlichen lust ihrer entladung bezahlt. Ludwig 5, 50. so auch:
darob soͤll nimant nemen graw (grauen),
das jn uͤmb tuͤgent truͤbsal uͤbt,
ob yemant sinnlich wuͤrt betruͤbt.
Schwartzenberg Cicero 151ᵃ.
b)
sinnliche begierden, neigungen. Adelung: die sinnliche begierde, appetito sensitivo. Kramer dict. 2, 819ᵃ; wir sagen von einem menschen, er handle gemein, wenn er blosz den eingebungen seines sinnlichen triebes folgt. Schiller 10, 156; die vernachlässigung ... der entwickelung der positiven bestimmung des sinnlichen triebes durch das sittengesetz führt nothwendig zum stoicismus in der sittenlehre. Fichte krit. der offenb. 32.
c)
vom menschen, der durch sinnliche triebe bestimmt ist: sinnlich, adj. sensitivo, sensibile it. [in sign. piu̍ fiamenga che tedesca dinota honestamente] sensuale, carnale, lussurioso, lascivo, libidinoso. Kramer dict. 2, 818ᶜ; sehr sinnlich, allzu sinnlich seyn, esser troppo sensuale, sensualaccio, carnalaccio, voluttuoso, molle, delicato. 819ᵃ; das publikum ... war auch hierin zu sinnlich (nur auf den reiz des gehörs, den angenehmen klang bedacht), um eine gründliche reformazion des singspiels ... zu befördern. Wieland 26, 286; sinnliche naturen, das heiszt solche, die mit mächtigen trieben ausgestattet sind, neigen auch leicht zu freigebigkeit und wohlthätigkeit. Auerbach dorfgesch. 4, 38. — als theil des menschenwesens, s. Göthe 48, 147 unter e, ferner: die sittenreine liebe erfaszt den ganzen menschen, nicht den sinnlichen nur. Gutzkow ritter v. g. 6, 28. so auch: nichts was blosz die sinnliche natur angeht, ist der darstellung würdig. Schiller 10, 153.
d)
so auch: du brauchst deine kräfte nur zur befriedigung deiner leidenschaft, und diess hast du mit dem thier gemein, das reinere verhältnisse durch seinen bloss sinnlichen bau nicht ahndet. Klinger 2, 381; von diesem lüsternen städtchen weg einen leichtern weg zu finden aus dem frömmern land ins sinnlichere land. Gotthelf 4, 20 Vetter.
e)
häufig werden sinnlich und sittlich (vgl. dieses) einander entgegengesetzt: in ihm selbst mochte wohl der begriff des sittlichen und sinnlichen menschen ein ganzes bilden. Göthe 48, 147. im subst. neutrum: die absonderung des sinnlichen vom sittlichen, die in der verflochtenen cultivirten welt die liebenden und begehrenden empfindungen spaltet, bringt auch hier eine übertriebenheit hervor, die nichts gutes stiften kann. 26, 213; poetische arbeiten, die über dem sittlichen und sinnlichen schweben. 322. derselbe gegensatz auch in der bedeutung 3, a, s. das. complicierter und weniger klar ist die zusammenstellung sinnlich und sinnig, sittlich und sittig (begabt). Göthe am Zelter 542, s. sinnig 6.
f)
besonders steht sinnlich in bezug auf die sexuelle sphäre: sinnliche lüsten, gelüsten, begierden, wollüsten, piaceri, diletti, concupiscenze, voglie, appetiti sensuali, carnali. v. fleischlich. Kramer dict. 2, 819ᵃ; sinnliche liebe, ein sinnlicher mensch, sinnlich in der liebe sein. Campe. s. auch Gutzkow unter c.
g)
zuweilen auch in milderem, freierem, edlerem sinne, vom empfindungs- und triebleben überhaupt (vgl. Göthe 18, 55 unter a, Auerbach unter c): ein schönes, reines, edles, höchst moralisches wesen, ohne die sinnliche stärke, die den helden macht, (Hamlet) geht unter einer last zu grunde, die es weder tragen noch abwerfen kann. Göthe 19, 76; seine (Börnes) abstrakte journalistische bildungssprache war brillant, pikant ... und wurde doch niemals sinnlich warm; ihr fehlte die seele, die macht der natur. Treitschke d. gesch. 3, 710.
5)
andere verwendungen haben ein beschränkteres verbreitungsgebiet und gehören meist der ältern oder mundartlichen sprechweise an. eine bedeutungsgruppe, die sich an das verb sinnen anlehnt, ist besonders im nd. entwickelt.
a)
ganz vereinzelt in activem sinne, syn[t]lich werden, aufmerksam, sein augenmerk worauf richten (?):
do de veerundetwyntich
worden tomalen syntlich
up den nyen receszbreff.
d. städtechron. 16, 120
(schichtsp. 857; unannehmbar erscheint der erklärungsversuch nd. korrespondenzbl. 9, 37).
b)
gewöhnlich passivisch, dessen man sich entsinnt, erinnerlich, in erinnerung:
nu is in jennen tîden (Noah's) to vorn
der mynschen vel storven unde verlorn ...
nu is my sinlik noch ein stam.
sündenfall 1892.
so noch jetzt im nd., meist in der form sintlich. (daneben sinnig, s. das. 8, b.)
c)
ähnlich vereinzelt in der nhd. schriftsprache, in stärkerem sinne (sinnlich fühlbar):
denn in die brust schneid' ich mir eine wunde,
die reiz' ich stets mit nadeln, halte stets
sie offen, dasz es mir recht sinnlich bleibe.
H. v. Kleist 1, 115 Zolling (fam. Schroffenstein 2, 1, 846).
d)
das unpersönliche mir ist sinnlich findet sich im ältern nd. und mitteld. auch in andern bedeutungen; meist 'ich bin gesonnen, willens, beabsichtige', so: were id iw synlik unde woldet striden. qu. bei Schiller - Lübben 4, 213ᵃ; ist im das sinlich. Chemnitzer urk. von 1471, s. Germ. 27, 180; uns wart synlich (wir kamen auf den gedanken) anders doruf zu sprechen. ebenda (vom j. 1449).
6)
sonst zeigt das neuere nd.-nl. gebrauchsweisen, die sich aus der bedeutung 1 entwickelt haben: bescheiden, ehrbar, sauber, reinlich. brem. wb. 4, 792; so auch im nhd.: sinnlich modestus. Schottel 1416 — ? ostfries. sindelik, sindelk, sinnelk verständig, ordentlich, bescheiden, nett, niedlich, sauber, reinlich. Stürenburg 246ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ; südhann. sinlik, -lek sinnig, gemütlich (et is en recht sinlek minsche). Schambach 192ᵇ. die bedeutung 'reinlich, sauber' ist heute dem holl. zindelijk eigen und hat sich vielleicht von da aus verbreitet; sie findet sich nicht nur an der Nordsee (ostfries. brem., s. oben), sondern auch preusz.: ein sinnlicher mensch, der sehr auf reinlichkeit hält; eine sinnliche farbe, zart, empfindlich und leicht zu beschmutzen, s. Klein 2, 156 (Danzig). Frischbier 2, 341ᵇ.
7)
andere nuancen zeigt das bair.-österr. sprachgebiet; bair. wann es still und sinnlich, leis und langsam hergeht. qu. bei Schm. 2, 295;
ein fünckel in der aschen gar sinnlich glunsen thut,
stroh möcht es gern erhaschen oder holz dürr und gut.
ebenda.
in andern fällen ist vermutlich vermischung mit sehnlich, mhd. senelich im spiele, s. auch sindlich, sp. 1065, so besonders in der wendung sinnlich drein sehen, einen ansehen, 'still und mit ausdrucksvoll verlangendem oder fragendem blicke'. Schm. a. a. o., 'sehnlich, verduzt und flehend' (ear haͦd mih so sindli aͦngschaud). Castelli 256; sinnli dreinschaun unschuldig thun, begehrliche sehnsucht wonach haben. Hügel 149ᵇ, s. auch Höfer 3, 143: da musz er vorerst gröszer werden, bis er mir gefallen kann, aber lieb hab' ich ihn schon, weil er so sinnlich schaut, als möcht' er sich einem anbetteln, da er sich selber doch auch gar nit zu helfen weisz. Anzengruber³ 2, 323; zu nichts ist er anstellig, als zu narrigkeiten, die trifft er, wie eine leichte dirn' das sinnlichschau'n. 4, 196 (vgl. 4, f?);
gel, Hansel, iaz schaust ja ga̍nz sinlă drei ̃?
Hartmann-Abele volksschausp. s. 156, 221
(im glossar als 'still und nachdenklich' erklärt).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1185, Z. 5.

sinnling, m.

sinnling, m.
sinnlicher, nur ein sinnenleben führender, genuszsüchtiger mensch; scheint eine poetische neubildung Seumes: die besten apostel der despotie und sklaverey sind die mystiker, meistens gescheidere, grobe sinnlinge. spaziergang 3 (1811), s. 102;
der grobe sinnling mag in rotten
nur meine hohe schwärmerei verspotten.
ged. (1826) 96.
eine andre bildung enthält das nd. adv. sinnlings un blindlings, öffentlich und insgeheim. Dähnert 424ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1195, Z. 22.

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Zitationshilfe
„sinnlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sinnlich>, abgerufen am 28.10.2021.

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