Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sinnlichkeit, f.

sinnlichkeit, f.
sinnliche art. mhd. sinnelicheit, -keit, sinlichkeit, sindlichait Lexer handwb. 2, 933; mnd. sinnelcheit, sinlecheyt. Schiller-Lübben 4, 213ᵃ; mnl. sinlicheit (verstand), holl. zinnelijkheid: sensualitas hd. sin- vel fleischlichkeit. Dief. gl. 527ᵃ; sensus ... synlichkeit. 527ᵇ; synlichkeyt. Eychman vocab. predicantium (Nürnb. 1481), s. Weigand 2, 720. er bemerkt mit recht, dasz das wort zuerst in der sprache der mystiker erscheine. die bedeutung gliedert sich im allgemeinen der von sinnlich entsprechend.
1)
nur in der ältern sprache begegnet es vereinzelt für 'verstand, verständigkeit, klugheit': mens .. das gemüth, die vernunft, die sinnligkeit, dasz sich einer besinnen und bedencken kan. Corvinus fons latin. 396ᵃ; sinnlichkeit, die, et sinnigkeit, solertia, acumen ingenii, docilitas, indoles, et vigor naturalis. Stieler 2032; aber menschliche sinnelichkeit die ist gar verre richer und grœsser uffe alle kluoge sinneliche werg, unde ouch uffe alle die sinne wie men guot und ere dirre welte gewinnen mag, denne si ouch in vil hundert jaren ie wart. Nic. v. Basel 200; vulmechtig myner redelecheyd unde sinlecheyt, allene beswaret myd krankheyd mynes lives. qu. bei Schiller-Lübben 4, 213ᵃ; ich hab durch vernunft und verstendlicher sinnligkeit mit geschickten von Christo gehandelt. Schade sat. u. pasqu. 3, 96, 36; der ist aber der untödtlich leib desz menschen, demselbigen hatt gott geben sein vernunfft, sinnligkeit, weiszheit, lehr, kunst, wesen. Paracelsus opp. (1616) 2, 67 A; dasz ihm gott einen viel behebtern kopf, und schärffere sinnligkeit mitgetheilet, als etwa nur zu einiger hand-arbeit von nöthen. Brandt bericht vom leben Taubmanns s. 12. so noch im 18. jahrh. bei Wernike (vergl. sinnlich 1): die Franzosen ... sind diejenige, welche seit der Griechen und Römer zeiten uns am besten gewiesen haben, worinnen eine männliche sinnlichkeit bestehe. überschr. (1763) 103; dieweil man demjenigen, was er gesagt, nachdenket; und wenn man die sinnlichkeit der sache begriffen, hernach eben so viel vergnügung darüber empfindet, als wenn man sie selbst erfunden hätte. 182; ob gleich diese worte nur eine blosse übersetzung ... scheinen; ... so hat man doch denselben durch den schwung den werth einer eignen erfindung, und durch die zueignung eine spitze sinnlichkeit gegeben. 198. s. auch kunstsinnlich, theil 5, 2727. in den letzten stellen in die bedeutungen von sinn (II, 22) übergehend.
2)
gewöhnlich hat die bedeutung von sinnlichkeit dieselbe richtung genommen, wie die von sinnlich, s. das. 2. so schon mnd.: während es in der unter 1 angezogenen stelle synonym mit redelicheit gesagt wird, steht es in einer andern im gegensatze dazu: mine sinnelcheit der redelcheit underdanig to makende, s. Schiller - Lübben 4, 213ᵃ. ebenso mhd.: daʒ uns got genuoc sî nâch redelicheit, unde daʒ er uns ouch genuoc sî nâch sinnelicheit, daʒ hât underscheit an den lieben friunden gotes. genuoc sîn nâch sinnelicheit, daʒ ist, daʒ uns got gît trôst, lust und genüegde und hie mite verwenet sîn. daʒ gât abe den lieben friunden gotes nâch den inren sinnen. aber redelîchiu genüegde daʒ ist nâch dem geiste. Eckhart 47, 29. nhd. sinnlichkeit (die) sensualitas. Steinbach 2, 610; dabei ist wiederum zwischen der sinnlichen wahrnehmung und der sinnlichen lust oder begierde zu scheiden. zuweilen scheint beides in einem allgemeinern sinne einbegriffen: und nymm hie die sinnlicheit ... für alles das wir gemein habent mit den tieren. und also sprich ich das vierd liecht ist blödikeit der sinnlicheit, wenn die bösen geist mögen unserer sinnlicheit, das ist unszren sinnen, unser fantasy, unszren gedencken und hertzigungen, unruͦw, anfechtungen, und entrichtigungen ... machen. Keisersberg irrig schaf D 5ᵃ (vgl. das folgende); kein mensch hat noch ... seinen ganzen verstand und seine ganze vernunft gebraucht ... ohne das kissen der sinnlichkeit lägen wir zwar auf einem sehr reinen, aber sehr kalten marmor, und wahrscheinlich würden wir darauf erstarren. Klinger 11, 31. — ganz allgemein für das animalische leben(?): ja noch mehr höhere und grössere erkäntnüsz hat ihme gott gegeben, dasz er kan allen dingen ins hertze sehen, wasz essentz, krafft und eigenschafft sie haben: es sey gleich in creaturen, in erden, steinen, bäumen, kräutern, in allen bewegenden und unbewegenden dingen, so wol auch in sternen und elementen, dasz er weisz wesz wesen und krafft die sind, und wie in derselben krafft alle natürliche sinnligkeit, wachsen, mehren und lebend wesen stehet. J. Böhme 3 princip. s. 3.
3)
(fähigkeit der) sinnlichen wahrnehmung: sinn, sinnlichkeit, empfindlichkeit, sensus, sensatio. die krafft, durch welche der mensch von den äusserlichen dingen einen eindruck empfindet. Jablonski 723ᵇ; gott erkennet alles ohne sinnlichkeit. manche thiere haben eine weit feinere sinnlichkeit als der mensch. Adelung; blosz geistige wesen werden ohne alle sinnlichkeit gedacht. Campe. so schon mhd.: dar umbe solt dû, mensche, lidic unde blôʒ sîn alles gemerkes unde prüevens und aller sinnelicheit. Eckhart 509, 1; zu der beschowung götlîcher heimlichkeit soltu vorlâszen sinne und sinligkeit und alles, das die sinne begrîfen mügen. theolog.³ 26 (cap. 8); das wachsen hat er (der mensch) mit den pflanzen, die sinnlichkeit und entpfinden mit allen thieren und die vernunft mit den engeln gemein. Egenolf naturbuch (1536) 1ᵃ; sie (mandragora) kelten nit, sie benement aber die sinligkait, das ist das entpfinden. Braunschweig chir. 35ᶜ; wann nun die nervi .. verwundt werden, das da ist ain hantraichung oder instrument des sinnes, .. darumb von wegen seiner sinnlichait gewinnet er grossen schmertzen. 14ᶜ; daher das fleisch am leib, die sinnligkeit im hirn, und alle affecten desz hertzens geringert, verderbt, und zuͤ nicht gemacht ... werden. Thurneisser von probierung d. harnen (1576) 75ᵇ; also wirt das hirn erschaffen, damit es die fürtreffenlich natur der leblichen geister empfahen, behalten und endern möge, darausz die sinnlichkeit verursacht und vollbracht werden. J. Rüff hebammenb. 22; denn ausz solchem marck desz ruckgrads, viel der nerven jren ursprung haben, von welchen der leib sinnlichkeit und bewegung empfahet. 23; dieser dinge nimm eben war meine seele und beschleusz die thür deiner sinnlichkeit, auf dasz du mögest hören, was gott, dein herr, in dir redet. Thomas a Kempis übersetzt von Arnd (1670) 140; die fähigkeit (receptivität), vorstellungen durch die art, wie wir von gegenständen afficirt werden, zu bekommen, heiszt sinnlichkeit. vermittelst der sinnlichkeit also werden uns gegenstände gegeben, und sie allein liefert uns anschauungen. Kant 2, 59 (krit. der reinen vernunft 1, 1, § 1); wollen wir die receptivität unseres gemüths, vorstellungen zu empfangen, so fern es auf irgend eine weise afficirt wird, sinnlichkeit nennen. 89 (1, 2, einleit., 1); die sinnlichkeit im erkenntniszvermögen (das vermögen der vorstellungen in der anschauung) enthält zwei stücke: den sinn und die einbildungskraft. das erstere ist das vermögen der anschauung in der gegenwart des gegenstandes, das zweite auch ohne die gegenwart desselben. 10, 153; entspringen sinnlichkeit und verstand, als die zween stämme der menschlichen erkenntnisz, aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten wurzel. Hamann 6, 49, vgl. 7, 10—13; die natur weckt die seele gleichsam aus dem dunkeln schlafe des gefühls und reifet sie zu noch feinerer sinnlichkeit. Herder bei Adelung; die sinnlichkeit hat ihre werkzeuge. 8, 238 Suphan; unsere altväter hätten, begabt mit groszer sinnlichkeit, vortrefflich gesehen. Göthe 30, 32;
eintziger ursprung und quelle der freuden,
geber der sinnligkeit, schöpffer der lust.
Brockes 1, 33;
ach liebster vater, lasz mich heut
dir dancken und mit lust bedencken,
zu welchem zweck die sinnlichkeit
dein gnaden-will uns wollen schencken.
gewisz zu nichts, als dasz wir hier
(da deine creatur so schön)
betrachteten, wenn wir sie sehn,
woher zuerst so grosse schönheit käme.
388;
die sinnlichkeiten, wie sie thieren und auch dem menschen allgemein,
sind eindrück körperlicher ding' in unsrer nerven zäserlein.
9, 209;
wir unterscheiden und erkennen vermittelst dieser sinnlichkeit
der körper äusserliches wesen, figuren und beschaffenheit.
ebenda.
von den einzelnen sinnen (selten und veraltet): Galenus der aller berümptest und fürtrefflichest artzet leret das guͦt gesundt wasser erkennen durch dreierley sinnlicheyt, namlich am gesicht, geschmack, und geruch. Ryff spiegel der gesundh. (1544) 60ᵃ; so es (das kind) in allen glidern und sinnlichkeiten vollkommen oder unmangelhaft. schwangerer frauen roseng. (1569) 183ᵃ; das haupt, mit sampt des hinderen und fordern hirns cellulis .. auch den nerven desz gesichts, gehörs, und anderer sinnligkeitten. Thurneisser prob. der harnen (1576) 38ᵃ. vgl. auch: ich wil vilmehr meine augen und sinnligkeiten wenden, zu jenem höchsten vaterlande. Butschky Pathmos s. 266. ganz allgemein: dasz man kein einzige sinnlichkeit bey jhme mehr gespurt, von maniglich gar für todt gehalten worden. quelle bei Schm. 2, 295. — aber man redet auch von innerer sinnlichkeit: wenn also aus unsern sinnen in die einbildungskraft, oder wie wir dies meer innerer sinnlichkeit nennen wollen, alles zusammenfleuszt. Herder 8, 190 Suphan. ähnlich: den öffentlichen übungen wurden alle mögliche privat-erbauungen, wie man sie nennt, hinzugefügt, und auch dadurch nur phantasie und feinere sinnlichkeit genährt. Göthe 19, 324. so auch (?): wird mein herz endlich einmal in ergreifendem wahren genuss und leiden, die seeligkeit die menschen gegönnt ward, empfinden, und nicht immer auf den wogen der einbildungskrafft und überspannten sinnlichkeit, himmel auf und höllen ab getrieben werden. briefe 2, 293. weniger klar ist seelische sinnlichkeiten: derhalben sy (meisterwurz) auch, ... die von kelte erstarrete lebliche geister empfindtlich zuͦmachen, und zuͦerwecken, auch die verschlisznen seelischen sinnligkeitten zuͦscherpfen ein sunderlich artt, unnd wircklichs vermögen an jr hat. Thurneisser erdgewächse 5ᵇ.
4)
auch objectiv,
a)
von gegenständen, die in die sinne fallen: anstatt dasz man zufrieden gewesen wäre, durch ein geistiges gleichnisz diese unfaszlichen wesen aus dem reiche der sinnlichkeit in ein geistigeres herübergespielt zu haben. Göthe 53, 196; der ganze bau der morgenländischen sprachen zeuget, dasz alle ihre abstrakta voraus sinnlichkeiten gewesen: der geist war wind, hauch, nachtsturm! Herder 5, 78 Suphan; so wohl auch: unser verstand ist nur ein verstand der erde, aus sinnlichkeiten, die uns hier umgeben, allmälich gebildet ... der reine verstand kann überall nur verstand seyn, von welchen sinnlichkeiten er auch abgezogen worden. 13, 20 (ideen 1, 2).
b)
abstract, als eigenschaft: diese herren ... hielten wärme und sinnlichkeit des ausdrucks ... für enthusiasmus und schwärmerei. Lessing 11, 463; wenn aber die ganze legende der schlange im paradiese ... auf nichts als ein hyperbolisches miszverständnisz der sinnlichkeit hinauslaufen soll. Hamann 6, 27; dasz ... letzterer ... die sprache nehmen müsse, wie sie ist, mit allen muttermälern der sinnlichkeit. 31.
5)
sinnliche lustempfindung und begierde, vgl. sinn II, 19 und sinnlich 4: sinnlichkeit, f. sensualita, senso, carnalita, delicatezza. der sinnlichkeit ergeben, dato al senso, alla carne, a' piaceri del senso. sachen, die der sinnlichkeit zuwider seyn, cose contrarie al senso. Kramer dict. 2, 819ᵃ. zur entwicklung aus der bedeutung 3 vergl.: die sinnlichkeit bringt leyd, als überschrift des spruchs:
ein auge dasz sich nie der lust desz sehns entbricht,
wird endlich gar verblendt, und siht sich selbsten nicht.
Scheffler cherub. wandersm. s. 24 neudr. (1, 122).
als sitz der empfindung: das ist aber nitt allso zuͦverston, das er darumb, in der synnlicheytt, nyemer trurig werd, das mag nit gesein. Keisersberg seelenpar. 17ᵈ. fähigkeit zu genieszen: zudem erweckte der anblick der lebendigen und wirksamen natur, dessen er seit sieben jahren in dem düstern kerker hatte entbehren müssen, seine stumpfe sinnlichkeit auf einmal so mächtig, dasz er aus jeder grasblume entzücken einsog. Musäus volksm. 1, 91 Hempel; es war seit meiner krankheit der erste ausflug ins grüne, und die sinnlichkeit hatte ein so leichteres spiel, als die saiten, die sie rührte, frisch aufgezogen und zur freude gestimmt waren. Thümmel reise 7, 179; genuszsucht: wie er die üppigen bäder, die bezauberten gärten, kurz, wie er alles sah, was das haus des weisen Hippias zu einem tempel der ausgekünsteltsten sinnlichkeit machte. Wieland 1, 88 (Agath. 2, 2); (die schönen) künste, die der grosse haufe bloss als werkzeuge sinnlicher wollüste anzusehen gewohnt ist, in ihre ursprüngliche würde wieder einzusetzen, und die natur auf einem throne zu befestigen, der so lange von der willkührlichen gewalt der mode, des luxus und der üppigsten sinnlichkeit usurpiert worden. 26, 287 (über d. d. singspiel); so bemächtigen sich die einsichtigen männer hier der weltlichen sinnlichkeit durch ein anständiges theater. Göthe 27, 8; auch die musik der neuern scheint es vorzüglich nur auf die sinnlichkeit anzulegen, und schmeichelt dadurch dem herrschenden geschmack, der nur angenehm gekitzelt, nicht ergriffen .. seyn will. Schiller 10, 154. ähnlich auch: das vaudeville, das nicht allein durch einen sinnig - wiederkehrenden refrain einbildungskraft und gefühl zusammen hält, sondern auch in sinnlosen, ja unsinnigen klängen die sinnlichkeit und was ihr angehört aufregt. Göthe 46, 331. — sinnliches begehrungsvermögen, sinnliche begierde; so schon seit dem 15. jahrh.: die vernunft hengt der sindlichait nach; so er nachhengt der sindlichait und luntzt in dem pet. quelle bei Schm. 2, 295; wa die sinnlichait hin wil, da henget die vernunft und der frei wil hinnach. Keisersberg granatapfel (1511) M 6ᵈ, s. klotz II, 4, c, th. 5, 1251; nichts wider jr sinlichkeit, neiglichkeit fürbringen. Joh. Nas grosse glogge zu Erf. 25; was mackel und sunden ich ube, was versaumnus ich begee, was ich mit synnlichkeit meyns leibs verschulde, das alles wasche und raynige ich in den funff prunnen diser wunden. herzmaner 116ᵇ; hier muss unsre seele von den hefen der sinnlichkeit und selbstheit gereiniget werden. Wieland suppl. 3, 180; die leichtigkeit, bey seinem groszen vermögen jeden wunsch der sinnlichkeit zu befriedigen, und durch täglich wiederholte versuche die hungerquelle des vergnügens zu erschöpfen. Thümmel reise 7, 86; wieder andere reiszt der strudel der sinnlichkeit in ein ruhmloses grab. Schiller 2, 352; aber dasz es gerade dieses edelste aller menschlichen vermögen ist, welches sich bey jenen wilden unternehmungen (den kreuzzügen) äussert und ausbildet, söhnt den philosophischen beurtheiler mit allen rohen geburten eines unmündigen verstandes, einer gesetzlosen sinnlichkeit aus. 9, 395; den einen gebietet die unersättliche sinnlichkeit eine immer gröszere masse irdischer dinge um sich her zu sammeln. Schleiermacher üb. d. rel. 8; monarchieen ... öffnen den menschlichen leidenschaften mehr abzugskanäle, zum beispiel titel, adelsdiplome, hofdienste, orden dem ehrgeiz, der eitelkeit; hier (in d. Schweiz) aber wirft sich aus mangel an anderem die ganze sinnlichkeit fast allein auf's geld. Vischer auch einer 2, 248; selten (wenigstens jetzt) im plural: ohne zweifel ist das ein andrer mann, als wer, ohne mit begierden zu kämpfen, ewig unter rosen schlummerte ... diese schwache seele hat sich an wenig sinnlichkeiten geübt. Herder 8, 252 Suphan; beim blick in die sich eröffnende scenen erneuert sich mein ganzes ich, erhebt sich, voll entschlusz und in kraft, es verschwinden die thörichten sinnlichkeiten, die rücksichten auf den augenblick. Joh. v. Müller 6, 250;
verstattet uns etwa nur diese leidenschaft (ehrgeiz)
die freyheit, die durchaus an keinem triebe haft't?
was tadelt Antonin gemeine sinnlichkeiten?
Withof acad. ged. 1, 32;
die sich in sinnlichkeiten verweben! sie hatten der lüste
bande muthig zerrissen; allein die feinere wollust
lockt sie täuschend vom gipfel der besseren freuden herunter!
Klopstock Mess. 10, 908.
das leiblich-sinnliche wesen des menschen im gegensatz zum seelisch-sittlichen, zum freien willen, zur vernunft u. ähnl.: das was gebetten nach der synnlicheit, wenn die vernunfft begeret des nitt. Keisersberg seelenpar. 28ᶜ; leib und seel sein zwen brüder, der leib ist ein nar und die sinlichkeit, die sel ist witzig. der leib wil hie den lüstigen weg gon der sünden. Pauli schimpf und ernst s. 31 Österley; vernunfft, sinnligkeit, wille ... doch seyn auch der wille und die sinnligkeit nicht einerley ding: denn das gutte, welches wir vorhabens seyn zu wirken, wird genennet die vernunfft: die sinnligkeit wiedersäzt sich; aber der wille hat die wahl. Butschky Pathmos s. 549; nie darf sich ihm (dem Griechen) die sinnlichkeit ohne seele zeigen ... er führte die freyheit ... auch in die geschäfte der sinnlichkeit ein ... dieser zärtliche sinn der Griechen nun, der das materielle immer nur unter der begleitung des geistigen duldet, weisz von keiner willkührlichen bewegung am menschen, die nur der sinnlichkeit allein angehörte, ohne zugleich ein ausdruck des moralischempfindenden geistes zu seyn. Schiller 10, 69; ein bis ins thierische gehender ausdruck der sinnlichkeit erscheint dann (bei schmelzender musik) gewöhnlich auf allen gesichtern, die trunkenen augen schwimmen, der offene mund ist ganz begierde, ein wollüstiges zittern ergreift den ganzen körper, der athem ist schnell und schwach, kurz alle symptome der berauschung stellen sich ein: zum deutlichen beweise, dasz die sinne schwelgen, der geist aber oder das princip der freyheit im menschen der gewalt des sinnlichen eindrucks zum raube wird. 154.
6)
seltener objectiv, dinge, welche sinnliche lust und begierde erregen, sinnliche güter, genüsse: o wenn du diese (himmlische) welt nur sehen könntest, wie glückselig sie unsern itzigen zustand machen hilft! es sind hier zwar noch feine sinnlichkeiten; aber auch diese bereiten uns zu etwas höherm. (Marg.) Klopstock 11, 103; die versetzung eines meiner mitgeschöpfe, aus den sinnlichkeiten einer blühenden handelsstadt in die felsenburg, ... in die nebel eines stürmischen eilandes. Thümmel reise 7, 77; erschöpft von den höhern anstrengungen des geistes, ermattet von den einförmigen ... geschäften des berufs, und von sinnlichkeit gesättigt, muszte der mensch eine leerheit in seinem wesen fühlen. Schiller 3, 512; jene praktische stärke des gemüths nehmlich, das theuerste an das edelste zu setzen und einem blosz idealischen gut alle güter der sinnlichkeit zum opfer zu bringen. 9, 394.
7)
in neuerer sprache häufig auf das sexuelle gebiet eingeschränkt oder doch vorwiegend darauf bezogen: wohl mir, dass weder ein überwiegender hang zur sinnlichkeit, noch irgend eine andre selbstsüchtige leidenschaft, die liebe zur wahrheit ... in mir überwältigte! Wieland 3, 479; ich ... genosz zuweilen des anblicks himmlischer gestalten, ohne dasz sie auf meine sinnlichkeit einigen eindruck machten. Musäus volksm. 2, 22 Hempel; wie ein wollust athmender liebhaber aus fein berechneter sinnlichkeit verweilt, um jeden einzelnen reitz seiner geliebten ... noch aufzufangen; wie er seinen heiszhunger bis zum ungestüm wachsen läszt, ehe er sich erlaubt, den letzten schleyer zu heben. Thümmel reise 2, 84; hier (am kinn) sind die züge zur nothdurft, oder (welches mit jenem eigentlich eins ist) die buchstaben der sinnlichkeit im gesicht. Herder 8, 50 Suphan; die aufgeworfene nase (bei Potiphars frau in einem gemälde von Cignani), das runde vortretende kinn, die starken lippen des geöffneten mundes, alles deutet auf jugendliche kühne sinnlichkeit. A. W. Schlegel krit. schr. 2, 226; im plural:
die monas, die in mir gedenkt,
vermag, in deinen reiz versenkt,
die blinden sinnlichkeiten
nicht länger zu bestreiten.
Uz s. 35 Sauer.
ganz vereinzelt in andrer richtung spezialisiert: dasz einer vielmalen, als wenn er der sinnlichkeit beraubet, 7 wochen ohne speis gelebet. Philand. lugd. 7, 177.
8)
milder und edler, sinnliche veranlagung, temperament, worin die empfänglichkeit der sinne den abstracten verstand und das instinctive triebleben den bewuszten willen überwiegt, mit neigung zu heiterer lebensfreude und harmlosem genieszen, zuweilen auch die bedeutung 7 einschlieszend: ihr (Ophelias) ganzes wesen schwebt in reifer süszer sinnlichkeit. Göthe 19, 78; mit einer heitern glücklichen sinnlichkeit begabt, hätte er alt werden können, ohne über seinen zustand irgend nachzudenken. 111; dasz wenn Anakreon, der greis, seine erhöhte sinnlichkeit mit leichten rosenzweigen zu schmücken unternahm, die sittliche sinnlichkeit, die gemäszigte, geistreiche lebensfreude unseres edlen (Wieland) einen reichen ... kranz verdiene. 32, 236; sie (die österr. dramatiker) hatten vor sich ein schaulustiges, dankbar empfängliches publikum, dessen naive, kräftige sinnlichkeit noch nicht durch die gelehrte kritik verdorben war. Treitschke d. gesch. 2, 22; in seinen trauerspielen 'Sappho' und 'das goldene vliesz' zeigten sich reine form und scharfe charakterzeichnung, deutscher ernst und die schöne warme sinnlichkeit des Altösterreichers. 23. vgl. auch: kann dies volk sich erheben, selbständig handeln, kann es sich empören? ... dazu gehören andere lokalbedingungen, anderes, südliches blut, andere, glühende augen, andere sinnlichkeit. Alexis Isegrimm⁵ 259.
9)
zuweilen scheint sinnlichkeit geradezu für sinn zu stehen, z. b.:
keiserinne, alle dîn herte unde sinlicheit
hefstu gelecht an wertlike idelicheit.
des dodes danz v. 257 Bäthcke;
vergl. sinn II, 4, a.ganz sonderbar ist folgende stelle, wo es für 'sinn (II, 14, b), empfänglichkeit für etwas' zu stehen scheint: ein grausames urtheil, ein hartes wort, da müszte sich ein stein erbarmen wider die natur, wider die menschheit, wider alle sinnlichkeit für religiöse gefühle! ein kind, ein so schönes, liebes comteszchen soll keine puppe haben? Brentano 5, 128.
10)
nd. auch reinlichkeit, sauberkeit, s. sinnlich 6; so in Danzig, s. Klein 2, 156. Frischbier 2, 341ᵇ; ostfries. sindel(i)kheid. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵇ, holl. zindelijkheid.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1190, Z. 13.

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Zitationshilfe
„sinnlichkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sinnlichkeit>, abgerufen am 15.10.2021.

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