Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sinnreich, adj.

sinnreich, adj.
reich an sinn, mhd. sinnerîch(e), sin(n)rîch(e), sinnenrîche. Lexer hwb. 2, 934. nachtr. 366, s. auch sinnenreich und Weigand 2, 720.
1)
gewöhnlich von menschen, reich an verstand, klug, scharfsinnig: dicibilis .. sinne-, synne-, sind-, syn-, zinrich, -reich, -rick, lerig. Dief. 180ᵃ; ingeniosus hd. sin-, sinnen-, sinderich, sinnreich, sinnig; nd. sinne-, sinnenrik, -rick, zinnich, synlich, vernynftich. 298ᵃ f.; sagax wise, .. sinrich, sinricher. 507ᵃ: sensatus hd. synnig, ein synnig mensche, eyn sindig man, vol synnick, .. unsinnich (l. ein s.) mensche, sundich mensch. 527ᵃ; sinnreich, industrius, solers Dasypodius; sinnreych, gar geschwinds verstands, peringeniosus, ingeniosus, capax, docilis, sagax, solers. Maaler 375ᵃ; sinnreich, von hohen sinnen, scharffsinnig, ingenieux, d'un esprit relevé. Hulsius 299ᵃ; ein sinnreicher mann, sinnreicher lehrer, un huomo sensato, spiritoso, giudicoso, un dottore sottile, acuto. Kramer dict. 2, 817ᶜ; sinnreich, ingeniosus Stieler 1583. belege: wer ainen kurzen hals hât, der ist listig und sinnreich. Megenberg 47, 24; alsô tuont die sinnereichen maister und schuoler, die lesent oft daʒ her wider, daʒ si vor wol künnen. 119, 18;
dô gîng der sinrîche man
und besprach sîne vrauwin.
Eilhart v. Oberge 8968;
Tristan der sinne rîche
der kom vil sinneclîche
sînes willen überein.
Trist. 5865;
von Liehtenstein
der witzige Heinrich
der was sô gar sinne rîch.
Ottokar reimchr. 1348;
sît si heten under in
sô manigen man sinnerîch,
und dem niht tæten gelîch,
daʒ si sich witze fliʒʒen.
46469;
Seneca spricht der sinnereich.
Vintler 7194;
gott helt auch die welt dafur, das ja die alten synnreicher seyn denn die jungen. Luther 16, 409, 9 Weim. ausg. (Jenaer ausg. 4, 491ᵇ); dz nit alle der fürsten legaten und botschafften gleich sinreich seind, haben auch nit gleiche erfarung aller ding, und je weiser einer ist in solchen sachen, je mit grösserm nutz .. er damit wirt umbgohn. Hedion Comines 75ᵇ; die aus kalten landen sein die frischesten zum kriegen, doch unbesunnen, aus warmen verzagt aber sinnreich. Aventin chron. 1, 431, 32; da er im zwölfften jar seines alters im tempel zu Jerusalem sasz, leret, und gantz geschickt ausz den propheten von göttlichen sachen redet, hielte man jn gleichwol für einen sinreichen knaben, ausz dem in mitlerweil möchte ein fürtrefflicher man werden. Gretter erklär. der epistel Pauli an die Römer (1566) 19; hieher gehöret auch die gabe dasz einer in seinem handwerck fürtrefflicher und sinnreicher ist, dann ein anderer gleichs handwercks. 453; der .. war ein wolgelehrter sinnreicher herr. buch d. liebe 262ᶜ; denn er war ein sehr weiser sinnreicher man. Hennenberger landtafel 371; diejenigen, die schimpff verstehen kondten, pflegt er (kais. Sigismund) weisz, unnd die hurtig mit schimpffreden weren, sinnreich zu nennen. Zinkgref apophthegm. 63; es bezeuget die erfahrung, dasz die blinden leut sinnreich sein. exilium melancholiae (Straszb. 1655) 57; regenten-spiegel, vorgestellt ausz denen eilff ersten capituln desz ersten buchs der königen: andern gottesfürchtigen und sinnreichen politicis auszzuführen ... überlassen. Schuppius s. 1; da kam Philanderson, ein edler, sinnreicher, sehr gelahrter und bescheidener jüngling zu ihm. 3; warum hat käyser Augustus den sinnreichen poeten Ovidium ausz Rom gejaget ..? 514; ich wil nicht sagen, dasz den autoren der sinnreiche Baile (ein warhafftiger bel esprit) einer ziemlichen derben .. unwarheit beschuldiget hat. Thomasius von nachahmung der Franzosen s. 29, 34 neudr.; die übereinstimmung der gedanken dieses sinnreichen mannes (des astronomen J. H. Lambert) mit denen, die ich damals vortrug. Kant 6, 17; der im höheren grade in einem geistesproduct beide (witz und urtheilskraft) verbindet, ist sinnreich (perspicax). 10, 238; der vater, ein sinnreicher zimmermann, verfertigte sich zum zeitvertreib eine orgel. Lichtenberg 5, 260;
wer starck haar hat und rauch,
wird freundlich und sinnreich auch.
Fischart groszm. 67 (kloster 8, 598);
da kamen fern ausz morgenland
die weise sinnreich von verstand,
ein stern der thät sie leiten.
Mäyntzisch gesangb. (1661) s. 116;
sie wählten einen mobeden klug,
redekundig und sinnreich genug.
Rückert Firdosi 1, 88.
substantiviert: kaiser Vespasianus ... füdert vast all künstler und die sinreichen. Aventin chron. 1, 832, 1. — eine leichte verschiebung hat im nhd. insofern stattgefunden, als die für die ältere zeit bezeugten bedeutungen 'verständig, klug', auch 'gelehrt' jetzt zurückgetreten sind; dagegen nähert es sich theils der bedeutung 'erfinderisch' (s. z. b. oben Lichtenberg), und:
ein lügenhaft gewebe knüpf' ein fremder
dem fremden, sinnreich und der list gewohnt.
Göthe 9, 49 (Iphig. 3, 1),
oder 'geistreich, witzig', so z. b.: so? und ihr taumelt gar? nun begreif ich, warum ihr so sinnreich seyd. Lessing 1, 310 (die juden 4); ich rede gar nicht dem eingeschränkten witze des wort, welcher seine scherze und einfälle blosz aus dem gleichlaute, oder der zweydeutigkeit der worte nimmt. dieser kindische weg sinnreich zu scheinen ist allen schriftstellern eine schande, besonders aber dem dichter, als bey dem die wahre scharfsinnigkeit am meisten gesucht und am leichtesten vermiszt wird. 3, 127.
2)
zuweilen auf einen besondern fall bezogen:
jâ hilfe ich iu ûʒ sorgen,   ob ich bin sinnerîch.
Wolfdietr. A 571, 4.
so besonders mit näherer bestimmung, sinnreich zu etwas: eins war zu dem vergnügen des andern sinnreich. Gellert 4, 428. auf etwas:
(ein land) voll thoren, die den witz nach maul und kleidung messen,
auf schaden sinnreich sind.
Günther 395.
mit infinitiv: ich stritt mit mir selbst; ich war sinnreich genug, meinen verstand zu betäuben. Lessing 2, 8 (Sara Sampson 1, 7);
wir sind sinnreich, uns zu quälen,
und vergrössern unsre pein.
Brockes 2, 311;
ihr seid sinnreich, euch zu quälen.
Müllner schuld 4, 3, v. 1784.
3)
wie von menschen, wird sinnreich auch gesagt
a)
von collectiven und abstracten: die jugent ist starck und das alter verstendig, synnreich und witzig. Luther 16, 409, 13 Weim. ausgabe; zwischen der rohen natur und der lebensart des begüterten theils eines gesitteten und sinnreichen volkes das mittel halten. Wieland 1, 149 (Agathon 3, 2); die person umschreibend:
diu kint diu vor driu jâren
zuo gesetzet wâren,
mit kunst eʒ diu sô schiere ervuor
daʒ der meister selbe swuor
er gesæhe von aller hande tugent
nie sô sinnerîche jugent.
Gregor. 1178.
b)
von den betreffenden körpertheilen: doch ist grosser verstand, unnd ein geschickter sinnreicher kopff auch ein bösz ding, wenn es ubel gereht. Luther tischr. 62ᵇ; der nervus der da aller sinnreichest oder empfintlichest ist under andern gelidern, der hatt und muͦsz haben den sterckesten schmertzen. Braunschweig chirurgie (1539) 14ᶜ.
c)
sinnreicher verstand und ähnl.: und in dessen dienste möchte der herr die mannligkeit und groszmütigkeit seiner person ... und seinen hohen sinnreichen verstand erweisen und darthun. juncker Harnisch (1669) 322;
swer aber sinnerîchen muot
von angeborner tugent hât,
des witze gêt vür allen rât.
troj. krieg 6460.
d)
in anderm sinne: die anzahl der dinge, von denen sie (die mutter) gebrauch machen lernte, vermehrte sich, und die mutterliebe wurde sinnreich im erfinden. Schiller 9, 130;
dem Naso geb' ich zu, dasz kummer sinnreich sey,
und den betrübten offt der worte nachdruck schencke.
Günther 666.
e)
von personificationen:
Hetrurien, der künstler vaterland,
wo die natur, das auge zu entzücken
recht sinnreich ist, berg, thal und busch zu schmücken.
Hagedorn 2, 170.
4)
auf dinge angewendet,
a)
worin sich sinn, verstand, geist, erfindungsgabe zeigt, oder in denen sinn (II, 22) liegt, besonders von reden, gedichten u. ähnl.: sinn-reich, adj. ricco di senno ò di sentimenti, cioè sensato, arguto, sottile, spiritoso, giudicioso, ingenioso, ingegnoso, pieno di senso e sentimenti acuti. ein sinnreicher spruch, ein sinnreiches gedicht, sinnreiche gedancken. Kramer dict. 2, 817ᶜ; ein sinn - reiches gedicht, multis ingenii luminibus illustratum carmen. Frisch 2, 280ᵃ; des weisen Lokmans sinnreiche gedichte und fabeln (überschr.), s. Olearius pers. rosenthal s. 111;
diu liet diu wâren sinne rîch.
Ulrich v. Liehtenstein 436, 10;
von grôʒen sinnen, die er truoc,
lêrt in sîner witze hort
vürbringen sinnerîchiu wort.
Barl. u. Jos. 25, 16;
es sind von je her die poeten,
in ihren sinn- und anmuth-reichen bildern
.. bemüht gewesen, sie zu schildern.
Brockes 3, 69.
so auch: zu andern dieses siebenzehenden sæculi grosse glückseeligkeiten, ist auch zu zehlen die belustende sinnreiche singe-kunst. Schuppius 779;
des Martials sinn-reicher wohn,
glückseelig in der welt zu leben.
Weckherlin ged. 827.
elliptisch als antwort auf geistreiche äuszerungen:
sieh! wie sinnreich.
Lessing 2, 201 (Nath. 1, 2);
sinnreich!
ich musz gestehen. in der that. sehr sinnreich.
Schiller 5, 1, 166 (dom Karlos 3, 2).
pleonastisch in: der sinnreiche verstand der heiligen schrifft, l'intelletto della sagra scrittura, gravida di sensi e sentimenti reconditi. Kramer dict. 2, 817ᶜ. als oxymoron: in lagen, wo das gefühl mit der vernunft ins gedränge kommt, ist uns alles willkommen, was uns in einen andern zusammenhang von vorstellungen versetzt, die .. durch einen anstrich von sinnreichem unsinn und räthselhaftigkeit zum nachdenken reitzen. Wieland 36, 32 (Arist. 4, 4). ferner: ein sinnreicher scherz. wie kommen sie zu dem sinnreichen einfalle? Adelung. pläne u. dergl., die mit sinn ausgesonnen sind: das stückchen war sinnreich, es thut uns leid, dasz es nicht besser geglückt ist. Schiller 14, 171 (der neffe als onkel 3, 2); mein project ist zwar nicht das sinnreichste, aber auch nicht das unthunlichste. (Karl) Lessing 13, 596. von gegenständen, mit sinn erdacht: ich habe einen ganz eisernen sinnreichen pflug geschmiedet, der ... an der landwirtschaftlichen ausstellung gelobt worden ist. Keller 6, 272.
b)
in loserer verbindung: bey edlen naturen zwar, gelten alle gutte künste etwas: doch die jenigen am meisten, welche nicht allein sinn-reiche lust, sondern auch beides dem absonderlichen, und gemeinen besten, manchen nutz erzeigen können. Butschky Pathmos s. 96.
c)
was viel sinn, verstand erfordert: der Imbercort, ein solicher man, desz gleichen ich unterm adel niemand erkant hab, der an verstand, sinnreiche und grosse sachen zuͦ verwalten, tauglicher were. Hedio Comines 149ᵃ.
d)
was sinn verleiht, sinnreich macht (s. auch 3, d):
nichts ist so sinnreich, als der wein.
Uz 1, 39,
wo die älteste fassung liest: nichts macht so sinnreich, s. seite 54, 16 Sauer.
5)
adverbial: sinnreich, adv. ingeniose, acute. Frisch 2, 280ᵃ; ich fand augenblicklich eine ausserordentliche begierde ... dieses berühmte schlosz (Plesse) .. in gantz genauen augenschein zu nehmen, auch recht sinnreich zu betrachten. Plesse 1, 14. — merkwürdig und vielleicht nur ein schreibfehler ist die glosse: sensualiter (sinlichen, sinnelich,) sinrich. Dief. gl. 527ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1198, Z. 3.

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Zitationshilfe
„sinnreich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sinnreich>, abgerufen am 28.10.2021.

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