Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sint, präp.

sint, präp.
conj. seit, da. alte nebenform zu seit, vergl. dieses, sp. 370 ff.
I.
geschichte der form.
1)
sint findet sich nur innerhalb des deutschen sprachgebietes (engl. since hat andern ursprung, s. Skeat 555ᵃ) und erst seit der mhd. zeit; seine herkunft ist nicht klar (keinesfalls darf man mit Grimm gramm. 1, 387 sît aus sint ableiten). mhd. sint s. mhd. wb. 2, 2, 322ᵃ. Lexer handwb. 2, 935 (weitere belege s. unten). es findet sich schon im 11. jahrh., im Annolied und der Vorauer genesis; beweisende reime finden sich nur in der letzteren:
Agar gewan ein chint   von dem wuͦhsen chaltsmide sint.
36, 12 Diemer;
do gebar si ein chint,   Ruben nante si den sint.
56, 34.
im allgemeinen ist sint von sît und sider weder in der verbreitung noch in der anwendung geschieden; auch die einzelnen autoren gebrauchen mehrere formen nebeneinander, z. b. Heinrich v. Freiburg sint (: kint Trist. 2650) und sît (: zît 1287), ebenso d. Elisabeth (sonst auch sider, d. erlösung nur sît und sider, s. Germ. 7, 24); herzog Ernst hat sint, sît und sider im reime, s. anm. zu 3559; Ottokar sint, sînt (vergl. b) und sider (auch sît?), s. d. glossar. nur sint haben im reime z. b. Berthold v. Holle (s. anm. zu Crane 98) und Heinrich v. Neustadt (nur sît dagegen Ebernand v. Erfurt, anm. zu 284), ohne reimbelege Hagens boich v. Colne und d. livländ. reimchr. nur sint herrscht auf dem nd.-nl. gebiete, mnl. sint, mnd. sint, ganz vereinzelt sent, sunt, s. Schiller-Lübben 4, 214ᵇ.
2)
neben sint findet sich sînt, im reime:
und ouch im selben sînt
wart der kunic von Bêheim vînt.
Ottokar reimchron. 13677;
der dem Zæwisch wær sô vînt,
als er im ouch erzeiget sînt.
20709.
sonst stets in der bair.-österr. lautform seint, seind (die natürlich auch für Ottokar gilt): seind der mensch vernunft hât und witz über alliu tier. Megenberg 20, 28 (und öfter, daneben seit, s. d. glossar);
seind fürsten halden tzagen werd.
Suchenwirt 25, 297;
seint ichs euch sagen soll.
altd. blätter 1, 17 (Nib. 226, 2, bruchst. i).
man könnte versucht sein, darin die vorstufe zu sint zu sehen; auch würde das späte auftreten nicht stören, da früher passende reimwörter kaum vorhanden waren. indessen die weite verbreitung von sint (mit kurzem vocal) und die sichere bezeugung der vocalkürze in den ältesten hd. belegen zwingen zu der annahme, dasz sint älter und sînt (seint) eine spätere mischbildung aus sint und sît (seit) ist (ebenso wie die gleichlautende verbalform, s. sein I, 3, f, η. g, ε, sp. 233 f. 236 f.).
3)
im nhd. ist sint bei den autoren des 16.—18. jahrh. überaus häufig. so ist es in Luthers bibelübersetzung die einzige und auch sonst bei ihm mindestens die vorherrschende form. auszerdem findet es sich bei zahlreichen autoren des 16. jahrh.; andre dagegen, wie Hans Sachs, Fischart, scheinen es nicht zu kennen. daneben wird im 16. jahrh. auch noch seind, seint gebraucht, jedoch ungleich seltner und wohl nur bei schriftstellern, die auch sint kennen, so vereinzelt bei Luther (fast nur in der ausgabe der briefe), ferner im Ambraser liederb., bei B. Waldis, Ringwaldt, Ackermann (sint und seind, beide im 'ungeratnen son') und Kirchhof, s. unten die belege (durch gesperrten druck hervorgehoben). dagegen ist auf grund des unter seit mitgetheilten materials nicht auch sint und seit in derselben quelle neben einander aufzuweisen (jedoch im Simpl. seither neben sint). im 17. jahrh. werden die belege für sint viel seltner, die für seint hören ganz auf. dagegen ist sint wieder häufig im 18. jahrh. bezeugt, so noch bei den ältern dichtern der classischen zeit: Claudius, Pestalozzi, Miller, Bürger, Schubart, also sowohl bei nd. wie bei schwäb.-schweiz. autoren. seitdem in der schriftsprache erloschen. vgl. Kehrein gramm. des 15.—17. jahrh. 3, § 287. 469. 483 und Weigand 2, 720 f.von nhd. wörterbüchern verzeichnen sint merkwürdigerweise erst die spätern: sint, est praepositio, seid, seider, initium temporis denotat, depuis, post illa. Schottel 1416; Kramer dict. 2, 760ᶜ giebt die formen: seint, sint, seit, seiter, sieder, seither, dazu beispiele mit seint; ferner: sint, seint, a goth. seent, sero: sed hodie notat: hactenus, huc usque, ad hunc diem, usque adhuc. Stieler 2076; seit ... dicitur etiam alia dialecto sint, seint, et sieder. 2622; sint (praepositio nominis idem ac: seit). Steinbach 2, 593; sint, ist so viel als das hier vorhergehende seit, es ist nur das n eingeschoben worden. Frisch 2, 261ᵇ. nach Adelung in der schriftsprache völlig veraltet, im oberd. noch üblich.
4)
mundartlich scheint sint gerade im oberd. jetzt ganz zu fehlen (entgegen der angabe Adelungs), denn auch Schm. 2, 316 kennt es nur aus der ältern sprache. dagegen lebt es noch in mitteld. mundarten, so in Nassau (rhein. unterrh.) s. Kehrein 1, 377, bei St. Goar. Pfister 277, laus. sint (der zit bin ich krank). Anton 4, 11; siebenb. sängd (aus sint, säng dês seitdem). Frommann 4, 281, 5. 284, 132; nordthür. siit und sint (bez. síd, sind). Schultze 45ᵇ. Hertel sprachsch. 227. Keller 42. häufiger ist die erweiterung sinter, so ostfränk. sintè, sinterès seitdem. Baierns mundarten 2, 331ᵃ (Bamberg, nicht obersächs.), fränk. hess. sinter, s. Reinwald 1, 151 (neben sitter, auch südfr. hess.). Kehrein 1, 377 (rhein., auch zinter, zenter). Pfister 277 (sinder in der Wetterau). 344 (zinder in der oberen gr. Hanau, auch westerw., für gemeinhess. sider, sidert). Klein 2, 156 (Coblenz, Jülich, Berg); thür. sinder Hertel sprachsch. 228 (sinder dass seitdem, in der Vogtei auch sein der zíd), in Koburg sinter. Frommann 2, 180, in Stiege senderdas seitdem. Liesenberg 213. beide formen werden bezeugt für das Mansfeldische. Jecht 103ᵇ (sent, senter im Grunde, auch zent, zenter; zenthär bis dahin, dersent, -ert seitdem), und Posen Bernd 266 (dagegen nach Weinhold 90ᵃ in Schlesien nicht mehr üblich). im nd. nur für einzelne gegenden bezeugt, brem. seder, -ert, sedder, auch wohl sunt, sint, sinter, sunter. brem. wörterb. 4, 731, ostfries. ssint, ssins, ssünt neben gewöhnl. sedert u. s. w. Stürenburg 242ᵇ, sind oder sint, sünt. ten Doornkaat Koolman 3, 184ᵃ; westf. sind und sidder (mit dat., jedoch sindes, -dessen). Woeste 237ᵃ, märk. sinner (neben sidder, sieder, sir, sîd). Frommann 4, 271, 85. 5, 137, 4.
5)
ganz vereinzelt begegnen weiterbildungen.
a)
sinten belegt Kehrein gr. 3, § 469, 5 aus G. Wicel wintertail homiliae orthod. (1546) 112ᵃ: welche Jesus, sinten dem er vom berg gestigen, in Galilea volnbracht hat.
b)
sinter findet sich vereinzelt als zusammenschreibung für sint der (so Luther 15, 39, 2 Weim. ausg., s. II, 2, d, δ). sonst nur in mundarten, s. oben 4. hier scheint es z. th. für sint-her (dem häufigen seither entsprechend) zu stehen. so ausdrücklich angegeben bei Anton 4, 11 (neben d. präp. sint).
II.
verwendung.
1)
adverb, seitdem, nachher, später.
a)
so mhd. sehr häufig. beispiele:
in der burch sint wârin
die kuninge vili mêre.
Annol. 173 Rödiger (vgl. das glossar);
Silvester hieʒ der pâbis,
der in sint bekêrte.
Trierer Silv. 132;
sus brâhten sie mich dannen sint.
herzog Ernst 3559;
alsô quam Crane an den hof,
dâr her sint irwarf sô grôten lof.
Berthold v. Holle Crane 98;
unlange wart ditz sint verdolt.
Wiener mervart 181;
dus wurdestu eirst heilich Colne genant,
unde schreif dir darna alzehant
der pais unse geistlicher vader
und sint sin nakomelinge allegader
der heilger steide sin salut.
Hagen boich van Colne 145 (vgl. das glossar);
daʒ hân wir wol bevunden
sint zû manchen stunden.
livländ. reimchr. 562;
der kunic von Beheimer lant,
der Odacker was genant
(der leider wart irslagen sint).
Elisabeth 97;
ich wil iu diu mære sagen,
wie diu andern kint
wurden ergetzet sint.
Ottokar reimchron. 80521;
doch wâren sie des spiles nicht kint,
sie heten sîn vor unde sint
gespilt.
Heinr. v. Freiberg Tristan 2650;
der vorgenante (templer-)orden bleib
vil lange sint, unz in vortreib
und vortilgte allintsam
ein pâbst, Clêmens was sîn nam.
Nic. v. Jeroschin 1375;
sint bin ich ummer men (mer?) gewesen
vorholn siner jungern ein.
Alsf. passionssp. 6612;
nochtant vergas der greve sint der truwen ind was dem herzogen zo groissem wederwillen. d. städtechron. 13, 146, 6. typisch ist die redeweise:
deu juncfrou wart gelêret sus,
daʒ weder vor noch sint
nie keins küneges kint
alsô wol gelêret was.
Heinr. v. Neustadt Apollonius 1931.
b)
seltner mnd.: gift de vader sime sone kledere unde ors .. stirft sint sin vader, he ne darf des nicht deilen mit sinen brüderen. Sachsensp. 1, 10; Salomon let do dat holt besenken an enen dik, de wart sint geheten probatica piscina. deutsche chron. 2, 123, 38; dese koning Waldemar .. behelt do dat koningrike alene, unde sider sine twene sone: allererst koning Knut unde sider koning Waldemar, de sint al dat lant over Elve gewan. 222, 9;
sint von Gandersem en weit ek nicht mere.
429 (Eberhard reimchron. 1936);
dô wunnen se tô sâmende ein kint
dat Seth hêt unde dem vâder sint
hôrsam wart unde underdân.
van deme holte des hill. cruzes 40.
c)
nhd. in dieser verwendung selten und nur im 16. jahrh.: also ists geschehen durch seinen muthwilligen frevel, dasz die sach ist seint viel ärger worden, die zu der zeit an einem guten ort war. Luther briefe 1, 511;
das mich seind hat gereut so sehr.
Ackermann s. 132 Holstein (der ungeratne sohn 3, 5, v. 1814);
synt ists in der welt gut gewesen,
sie mag hinfort nimmer genesen.
froschmeus. Ss 2ᵇ (3, 1, 14).
2)
als präposition. so mhd. ziemlich selten (meist mitteld.), dagegen häufig im mnd. und nhd.
a)
selten mit dem genitiv: es hat gerengt, das wasser gewagssen, das man saget, es wer sind des 1501. jars so gros nit gewesen. d. städtechron. 15, 105, 1; sind desz reichstags, so was im 1532. s. 207, 6; s. ferner e, α. f, α.
b)
häufiger mit dem dativ: weil bepstlicher heiligkeit legat, ... der cardinal S. Sixti, uns sint dem abscheid zu Augsburg ein beschwerlich schrifft, auff die handlung, so er mit D. M. gehabt, geschrieben. Luther 1, 141ᵃ; wenn sind mehr sacrilegia geschehen begebener person, denn sint deinem herfürgebrachten evangelio? 3, 191ᵃ;
sindt der zeit und den stunden,
das die geistlichen han erfunden
das himmelreich und die hellen.
B. Waldis Esop 4, 24, 81.
s. ferner e, β. f, β. γ.
c)
andre stellen, und zwar weitaus die meisten, lassen den casus nicht erkennen: dat ek my gesônt hebbe mit deme rade to Brunsw. unde oren borgeren .. unde ek en hebbe se sint der zône nicht beschediget. d. städtechron. 6, 429, anm. (urk. v. 1384); datum anno domini 1435 do was der kaldeste winter, der sint gotz geburte je gewas. 13, 170, 4; item hat man auch bezalt in diesem 61⁄2 jare sint der ersten rechenunge ... 200 g. 17, 104, 36; das holtz, das seint der nechsten rechnung herein zu der stat nottorft komen ist. Tucher baumeisterbuch 71, 24 Lexer; das ist alles erfüllet, sint der verstörung Jerusalem, denn sint der zeit ist kein jüdischer mensch komen, der etwas were geacht in der christenheit. Luther 3, 309ᵇ; ist doch bishero seint der aufruhr .. feine einigkeit blieben. br. 5, 476; wie die Euphrosina sint unserer letzten zusammenkunft so genau bewachet würde. Plesse 3, 93; sint der stunde deines abschiedes bin ich nur halbmensch. Schubart bei Strausz Schubart's leben 2, 199; so auch: sint vorgestern, pridie abhinc. Stieler 2622;
ein her in mîme hove lac
sint gestern biʒ an diesen tac.
livl. reimchr. 3026.
d)
so besonders in der sehr häufigen verbindung sint der zeit.
α)
adverbial: sint, et seint der zeit, ex illo tempore. Stieler 2076; sint der zeit, ab eo tempore. Frisch 2, 261ᵇ. s. auch Gottsched kern (1748) s. 103; das ist sint der zeit und fort hin in Israel ein sitte und recht worden. 1 Sam. 30, 25; sint der zeit bawet man, und ist noch nicht volendet. Esra 5, 16; sint der zeit ist mein hertz von jm gefallen. Luther 4, 374ᵇ; weil .. nicht zu hoffen ist, das die welt sint der zeit besser worden sey. 6, 161ᵇ; was mehr seint der zeit ausgangen ist. briefe 2, 170; aber er hette es (sprach doctor Luther) sind der zeit wol erfahren. tischred. 18ᵇ; der dieb ist doch seind der zeit gehenckt worden. Kirchhof wendunm. 1, 341 Österley (1, 297); darumb sint der zeit nimmermehr kein juͤde in die insel Cyprum hat dörffen kommen. Nigrinus judenfeind (1605) 101; sint der zeit habe ich auch die Euphrosina niemals wieder gesehen. Plesse 3, 90; und was werden sie sint der zeit nicht für paspagees gelernt haben. Claudius 1/2, 218; erfunden ist sint ihrer zeit auch nichts, das zu einer andern sprache berechtigen könnte. 7, 226.
β)
mit näherer bestimmung, meist im genitiv: denn sint der zeit Salomo, des sons David des königs Israel, war solchs zu Jerusalem nicht gewesen. 2 chron. 30, 26; denn die kinder Israel hatten sint der zeit Josua des sons Nun, bis auff diesen tag nicht also gethan. Nehem. 8, 17; das er (der prophet Habakuk) sind der apostel zeit noch nie das liecht gesehen habe. Luther 3, 224ᵇ; wie sie (die juden), sint der zeit jrer verstörung, unstete sind. 309ᵃ; wie denn bisher sint der apostel zeit geschehen ist. 5, 214ᵃ; das sint der apostel zeit, kein doctor noch scribent .. so herrlich und klerlich die gewissen der weltlichen stende .. getröstet hat, als ich gethan habe. 6, 9ᵃ; der gute herzog litt indessen sint einiger zeit mehr, als gewohnt. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 3, 301.
γ)
mit folgendem bestimmungssatze, gewöhnlich durch dasz eingeleitet: sin bute die is ok tvevalt, .. sint der tiet dat he to vronenboden gekoren wirt. Sachsensp. 1, 8, § 2; mer synt der tijd, dat de nye ee beghunnen is, so is de staet der untholdynge .. al to hoghe ghesat boven den staet der echtschap. Veghe s. 78, 33 Jostes; sint der tid dat use here hertog Otte der vordrevenen guͦt entsette. d. städtechron. 6, 46, 1; sint der zit, dasz wir uszgefaren sint. 17, 30, 31; aber sint der zeit, das solche Irenei und Hieronymi nicht mehr gewest, hat der teufel seinen rattenkönig ... so hoch erhöhet. Luther 6, 493ᵇ; sind der zeit dasz der bapst hat wöllen ein herr seyn uber alle keiserthumb und königreiche. tischred. 396ᵃ. seltner mit da: denn wir haben viel leiden müssen, sint der zeit, da wir uns wider die heiden gesetzt haben. 1 Macc. 1, 12. zuweilen mit ausgeprägt causalem sinne (vgl. 3, e): sint der cziet das ich das gut nicht fry funden habe, so fryhet is uch unde nicht mir. Magdeburger fragen 2, 9, 1.
δ)
auch mit auslassung von dasz, sodasz die verbindung sint der zeit nun selbst die function einer conjunction übernimmt. diese wendung ist bei Luther überaus häufig: ich bin je und je nicht wol beredt gewest, sint der zeit, du mit deinem knecht geredt hast. 2 Mose 4, 10 (s. auch werke 16, 56, 18 Weim. ausg.); des gleichen nicht gesehen haben deine veter und deiner veter veter, sint der zeit sie auff erden gewesen. 10, 6; denn die ersten geburt sind mein, sint der zeit ich alle erstegeburt schlug in Egyptenland. 4 Mose 3, 13; und habe nichts an jm gefunden, sint der zeit er abgefallen ist bis her. 1 Sam. 29, 3; sint der zeit man angefangen hat, die hebe zu bringen ins haus des herrn. 2 chron. 31, 10; sint der zeit diese stad gebawet ist, bis auff diesen tag. Jerem. 32, 31; sint der zeit er aufferstanden ist von den todten. Röm. 1, 4; und ist, synter zeyt die sprachen gefallen sind, nicht viel besonders ynn der christenheyt ersehen. werke 15, 39, 2 Weim. ausgabe; sonderlich sint der zeit das evangelium an tag ist komen. Jenaer ausgabe 4, 480ᵇ; hat doch, sint der zeit, der römisch bischoff zu bapst worden ist, .. schier nichts gethan, denn blut vergossen. 6, 15ᵇ; darumb habe ich N. in bann gethan, ... wil nicht, dasz er unser sacrament brauche, hat sie auch nicht gebraucht, sind der zeit ich sie jhm hab lassen verbieten. tischred. 174ᵃ.
e)
ähnliche verbindungen werden in der ältesten sprache mit mâl gebildet. hier läszt sich der gemeinte casus deutlich erkennen.
α)
im genitiv: sint des males daʒ er mich vristet hat. Leyser pred. 31, 38;
darumme, went he sint des mals were geborn,
sint dat sin vader to konige were gekoren.
Eberhard reimchron. von Gandersh. 1543;
sint des mals, dat Gandersem wart erhaven.
1916.
(einen gen. plur. scheint der ausdruck sît der mâl in Ottokars reimchron. 8414 zu enthalten.)
β)
gewöhnlicher mit dem dativ, und zwar auch in denselben quellen, die den gen. gebrauchen: sint dem mal, seint dem mal, seit dem mal, ex quo. voc. von 1445 bei Schm. 2, 316; sint dem male daʒ der tuvel also engestliche und so gruwelich ist an zu sehne. Leyser pred. 112, 24; das N. F. Jo. T. den vorgenanten kouff sulde halden, sintdemmole das her des kouffes bekente. Magdeb. fragen 2, 9, 1; synt dem male, das yr mich nicht erhörn kont, so bitte ich doch, das yr eyn wylichen by myr sytczet. altd. blätter 1, 159; s. auch s. 160; sint dem male dat markgreve Jost vorstorven were. d. städtechron. 7, 331, 14; sint dem male dat he sulven in de land nicht konde komen. 32;
des ok de vorlorne minsche so genot,
dat he sint dem male deme duvele is genomen.
Eberhard reimchron. 580.
aus dieser verbindung (in der unter d, δ besprochenen verwendung) ist dann die conjunction sintemal erwachsen, s. daselbst.
f)
feste, formelhafte verbindungen bildet sint ferner mit dem demonstrativpronomen,
α)
im genitiv: sint des quemen deme heren de mere. quelle bei Schiller-Lübben 4, 214ᵇ; sint des, sind wir deiner meinung nie hold gewest. Luther 3, 190ᵇ;
sint dessen seyn sie nicht zusammen wieder kommen.
Dietr. v. d. Werder 25, 129, 5.
β)
im dativ: sint dem, post illa. Stieler 2076; aber das glaube ich sicherlich, dasz sint dem unser harmoniæ der hallsz umdräht wordn. tintenfäszl A 7ᵃ. mit folgendem satze: denn sint dem, das ich hin ein bin gangen zu Pharao, mit jm zu reden in deinem namen, hat er das volck noch herter geplagt. 2 Mose 5, 23.
γ)
mit ausgelassener conjunction: wie mein hospes sintdem ich aus seiner classe wäre, .. sich zeithero noch immer allerhand rechte und zucht über mich angemasset. Plesse 1, 58; sint dem ich des vergnügens beraubet worden, meine andere seele zu sehen, und zu sprechen, werde ich von meinen leidenschafften empfindlich geplaget. 3, 94;
die ursach hab' ich ... offtmal verstanden,
sintdem ich mich befind' allhier in diesen landen.
Dietr. v. d. Werder 20, 9, 6.
δ)
dafür sint das? ?:
seind das bin ich gescheiden
von deinen braun äuglein klar,
ein böses kraut hat mich verdrungen gar.
Ambr. liederb. 86, 5.
(kaum als nebensatz zu fassen; druckfehler für seind des?)
3)
als conjunction. diese gebrauchsweise ist im mhd. und mnd. sehr verbreitet, findet sich aber auch nhd. bis ins 18. jh. hinein; sie ist also in übung, solange das wort überhaupt gebräuchlich ist. gleichbedeutend mit dem bloszen sint werden auch die verbindungen sint der zeit (sint dem male, s. sintemal) und sint dem verwendet, s. 2, d, δ. f, γ. sehr gern tritt auch sint dasz ein (was man nicht ebenso wie sint dem beurtheilen kann, da sint mit dem acc. nicht vorkommt). fälle, wo sint den conj. regierte, sind nicht bekannt.
a)
zeitlich, seit, seitdem: wie vil ouch der armer luͦte were, den sie genade hat getan, so si sie anriefen in irn noten, sint sich die heilige erhub und merete. Leyser pred. 102, 32;
alsus di reine frouwe lac,
sint vergangen was der dac.
Elisabeth 9196;
das ist uns wol worden schein,
sint wir haben verlorn
den der uns zu troste wart geborn.
Wackernagel leseb. 1², 1023, 30;
weinen was mer unbekant,
sint ich mutter wart gnant.
Alsf. passionssp. 6058;
alle scult is nu ghelost,
alle dynk werden nu vullenkomen,
sunt dine mynscheit heft to sik namen
de gotliken clarheit.
Redentiner ostersp. 238.
so besonders nhd.: auff das gefoddert werde von diesem geschlecht aller propheten blut, das vergossen ist, sind der welt grund gelegt ist. Luc. 11, 50; denn sie (die juden) müssen an allen enden wonung suchen, sint jre wonung im jüdischen land verstöret ist. Luther 3, 309ᵃ; sind ich aber Paulum durch gottes gnade verstanden habe, hab ich keinen doctorem können achten. tischred. 398ᵃ; und fing an und klaget über dy pfaffen, sind sy in dy wiegen hetten geschissen, wie gemaine stat mercklich grosz scheden von wegen gemainer geistlikait grosz verderben geliten hett. d. städtechr. 15, 63, 5; es war mein herr so ein ehrlicher, verstendiger, vernünftiger geselle, sind er sich aber an den balk (hure) gehenget hat, da ist er ein brunlauter narr, tolpel, unflat und wurst worden. Mathesius Syrach 1, 117ᵇ; andere aber bekanten, dasz sich keiner mehr vollsöffe, sind die räusche auffkommen. Simpl. 1, 121, 21 Kurz (2, cap. 3); in welchem (walde) ich die meiste zeit, sint ich von meinem knän war, zubracht. 180, 27 (2, 19); ich muste bey ihm einkehren und alles erzehlen, wie mirs ergangen, sint ich von L. nach Cöln verreist. 396, 19 (4, 10); sint du weg bist, habe ich mich nicht frisiren lassen und bin zu keinem menschen gekommen. Schubart bei Strausz Schubart's leben 2, 232;
ohn dich kan ich   nicht frewen mich,
sind du mich hast gefangen.
Ambr. liederb. 34, 2;
sint ich hörte seinen sang,
wird es mir ums herz so bang.
Göttinger musenalm. 1774, 69 (später in seit geändert, s. Weigand 2, 720 f.);
sint zwischen Atreus sohn, dem könige
der schaaren, und dem göttlichen Achill
der zwiespalt ... begann.
Bürger 142ᵃ (Il. 1, 6).
b)
dafür sint dasz:
und (wir) hatten mêr wunnen,
dan wir ie gewunnen,
sint daʒ wir worden geborn.
Lampreht Alex. 5325 Kinzel;
unser gesecze wel sich nu bekeren,
sint dasz der ungestalte man
die toden heischet uff stan!
Alsf. passionssp. 2335;
weissestu nicht, das allezeit so gegangen ist, sint das menschen auff erden gewesen sind. Hiob 20, 4; und war in Israel solch trübsal und jamer, des gleichen nicht gewesen ist, sint das man keine propheten gehabt hat. 1 Macc. 9, 27.
c)
zuweilen steht sint mehr unserm 'nachdem' entsprechend, fast überall mit starker annäherung an die bedeutung d: weigeret man sie vore to bringene, sint man sie to rechte geeschet hevet, unde man des getüch an des koninges boden hevet, man dut to hant in de achte alle die sie vengen. Sachsensp. 3, 60, § 3; sint we der herschap over mere to ende komen sint, so scolle we seggen, wou romesch rike sich irhove. d. chron. 2, 78, 21; sint du gewarnet bist bi dines eldervader plage, de gras unde hoie at alse en rint, so wil got over di selven sine plage laten gan. 77, 9;
sint die reine sunder var
wurzelin hat gelaʒen nider,
so sal ir frucht zu berge wider
wassen gein der hohe.
Elisabeth 1078;
sint wir han beschriben gar,
waʒ zu liblicher nar ...
Elizabeth die zarte ...
den armen det zu guͦte u. s. w.
8401.
d)
aus der zeitlichen bedeutung ergibt sich leicht die causale, 'da, da nun, weil' (post hoc, ergo propter hoc, vergl. z. b. die stellen aus Luther, Mathesius u. a. unter a), die sich nicht immer mit sicherheit davon scheiden läszt. sie ist im mittelalter weitaus die vorherrschende, und liegt in folgenden belegen mehr oder weniger deutlich vor: ik mach om des nicht vorseggen, sint ik sin suster hebbe. d. städtechron. 7, 14, 7; darumb donket uns und die unsern, daʒ wir der schulde nit gelten ensullen, sint wir gewest sin gehorsam aller dirre vorgeschreben stucke. 17, 23, 6;
got hat die Sassen wol bedacht,
sint diz buch ist vore bracht
den lüten al gemeine.
Sachsensp. praef. rhythm. 98;
dô sprach he 'dit is godes wrâche,
sint ich unrehte sache
an den grêben hân getân'.
Berthold v. Holle Crane 378;
het ich gesên an ûch den dôt,
des wolde ich ummer sîn gemeint,
sint ir mit ûwer dôrheit
ûwer geslehte so sêre hônet.
1808;
wir suln gerne mit ûch varn,
sint ûch sô nôt zû strîtene ist.
livländ. reimchron. 1885;
er sprach: 'nû gebet uns ûwern rât,
sint uns got er gesendet hât'.
5184;
sich endar weren neiman beginnen,
sint der greve entfluwen is.
Hagen boich van Colne 4590;
wâ bin ich oder wâ sol ich hin,
sint ich alsus vorirret bin
under disen Îsôten zwein?
Heinrich v. Freiberg Tristan 192;
doch sint er hôhes prîses vil
erwerben mac, dar um ich wil
im nicht leiden die vart.
1499;
sint ich nâch hilfe schrîe,
unt doch bin ân gedingen, ...
sag, Minne, mag mich ieman widerbringen?
Hadamar v. Laber jagd 463;
wer möcht dein lob durchgründen,
seind got von hymel zu dir quam?
Wackernagel kirchenl. 2, nr. 547, 1, 6 (mönch von Salzburg);
kum, senfter trost, heyliger geist,
seit (handschr. D: seind) du der armen vater heist.
555, 1, 2;
sint ir mir daʒ bescheiden hat,
daʒ ich uch sal an deser stad
an heben den glouben der kristenheit,
so merket alle und sit gemeyt.
Mone altd. schausp. s. 24, 81;
sint gy nicht willen avelaten,
so wil ik ju wysen an ener straten
dâr gy den duvel vindet wisse.
Theoph. 502;
sint en das nu nit hot vordrosszen,
hie hot dar umb sin blut vorgosszen ...,
so soln mer es em dancken sere.
Alsfeld. passionssp. 13;
sint du es, herre, nit wilt entpernn,
sich! so thun ich es rechte gernn.
934;
ich weisz, hie wirt mich wol entphaen,
sint ich em hon so liebe gethaenn.
1047;
nhd.: pox kürein, Gred, wie traustu mir
so wenig! mich verwundert fast,
seind du noch nie erfaren hast,
das ich dich alle meine tag
mit einem wort betrogen hab.
Ackermann s. 102 Holstein (der ungeratne sohn 2, 3, v. 982);
ir trauen stet auch nur zu dir,
sint du sie hast versönt mit mir.
schausp. des 16. jahrh. 1, 261, 120.
e)
dafür sint dasz:
sint dat ich irkande
ir mâge und ir slehte wol,
dor reht ich vor se beten sol.
Berthold v. Holle Crane 98;
sint daʒ wir von wîbes bilde dolten arbeit.
minnes. 2, 256ᵇ Hagen;
sint daʒ ich sîner minne
doch muoʒ enpern diz halbe jâr,
sô wil ich im erlouben zwâr
die reise und wil in lâʒen varn.
Heinr. v. Freiberg Trist. 1503 (vgl. d. gloss.);
wehr er nicht erstanden,
so wehr die welt vorgangen.
sindt das er erstanden ist,
so lobn wir den herren Jesum Christ.
Wackernagel kirchenl. 2, nr. 945, 2
(altes osterlied; die andern texte, 935 ff., haben zumeist seid, auch weil, dieweil, so; Luther 20, 343, 18 Weim. ausg. citiert es mit seind);
ich enwel Moises buch numme lesen,
sint dasz das magk gewesen,
dasz die toden mogen erstan.
Alsfeld. passionssp. 2346;
nhd.: darumb folget es auch recht wol, sint das das reich Christi mitten unter den feinden ligt. Luther 1, 93ᵃ; sint das ich noch nicht die zeit habe, wider diesen geist in sonderheit zu schreiben, wil ich mit dieser vorrede meinen glauben bezeugen. 3, 285ᵃ;
denn seint das ich der meinung war,
desselben fabeln gantz und gar
in reim zu machen für genomen, ...
hab ich nicht wöllen unterlassen,
auffs kürtzest sein legend zu fassen.
B. Waldis leben Esopi 5.
in folgender stelle scheint sind das für einfaches dasz zu stehen:
ach gott der jemmerlichen stunden,
sind das mich gott beschuff.
Ambr. liederb. 55, 23.
auffällig ist der erweiterte ausdruck: do fragt ich obgenanter landtrichter die erben, was sy nü recht dewcht nach clag und antwort, seind langk das her Conrat Wannbacher seiner urkunde nicht hye hett. monum. boica 25, 210 (urkunde von 1436; es scheint eine vermischung von sint dasz und so lange als vorzuliegen).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1204, Z. 71.

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Zitationshilfe
„sint“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sint>, abgerufen am 17.10.2021.

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