Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sinwel, adj.

sinwel, adj.
rund, walzenförmig.
1)
sinwel ist ein gemeingerm. adj., zusammengesetzt aus dem verstärkenden sin-, vgl. das., sp. 1064, und sinngrün, und dem im mhd. bezeugten adj. wel rund Lexer handwb. 3, 749, das den stamm des zeitworts wellen, rollen, wälzen, enthält, vgl. welle und wälzen; es bedeutet also 'überall, vollständig rund oder rollbar'. vgl. Weigand 2, 721. J. Grimm gramm. 2, 554. kl. schr. 6, 326. an stelle des einfachen -wel sind in einzelnen mundarten die erweiterungen -wald, -weld oder -welf getreten. auszerdem zeigen die nord. und engl. sprachen die vocalstufe a: altn. sívalr, altschwed. sifval, sihvalf, altdän. sivæl. Fritzner 3, 254ᵇ; ags. sinu-, seonu-, sionu-, sino-, sine-, sin-, synewealt, -walt. Bosworth-Toller 865ᵇ; alts. sinuuellun lunatis agmina peltis: in modum lune factus. Wadstein denkm. s. 114ᵃ, 26 (Oxforder Vergilgl.); mnd. dafür sene-, sen-, senne-, zene-, zenne wold, -wolt, sennewalt, senbalt, senvolt; dazu senweldicheyt, f. Schiller-Lübben 4, 189; ahd. sina-, sinu-, sini-, sineuuël (flect. -uuellêr) teres, limpidus. Graff 1, 840, daneben sinuuelbi. 845; mhd. sinewel, -wal, sinuwel, sinwel, -well, -wal, sinnwell, senewel; sin-, synbel, sim-, symbel, simpel, sünbel; simel, sibel(le), snewelle (schreibf.) Lexer handwb. 2, 936 f. glossen: circularis .. senewelt. Dief. 121ᶜ; senwolt, runt alzo eyn appel. nov. gl. 92ᵃ; globalis sinibel als ein chugell. 195ᵃ; orbicularis trint vel senewolt, also eyn dop van enem eyge i. spericus; teres id., also eyn staff, zenewolt. 273ᵃ; syn-, senewolt, sinwel, sybelich. gl. 399ᵃ; orbis .. sinwel o. hol. 399ᵇ; sinwel und hol. nov. gl. 273ᵃ; rotundus .. sinwel. 320ᵇ; sinwel, -well, -wolt, sinewel, sinnwell, senewolt, sewolnt, syn-, symbel. gloss. 501ᵃ; spericus .. sinwel vel ringlocht, sinwel vel scheibelechter vel -iger, senefel, snewelle. 546ᵃ; sinwelich. nov. gl. 345ᵃ; teres sinwel, sinbel und lang, eyn zenewelle (voc. v. 1420) 362ᵃ; schweblich vel simbel, sinwell, -wellechtig, -wel, sinwalcz, synnewel, synebel, synbel, senewol, senwel, senebal, nd. zene-, senewolt. gloss. 579ᵇ; tornabilis .. sinewal, sene-, sennewalt. 588ᵇ.
2)
sinwel im nhd.
a)
im 16. jahrh. ist sinwel noch sehr gewöhnlich, dann aber schwindet es ziemlich plötzlich aus der schriftsprache. das 17. jahrh. bietet nur noch vereinzelte belege:
dann wie man sagt, ist glück sinnwell,
kompt bald zu einem, fleucht auch schnell.
Mauricius Hamann (1607) H 2;
und wirt das sinwell glick standhafft.
Weckherlin 436;
und wan jhn schon das sinwel glick
mit einem freindlichen anblick
nicht allzeit pfleget zubegrüssen.
456.
weitere belege aus Lori (urkunde von 1614), einem voc. von 1629 und noch Wagenseil (1697) bei Schm. 2, 291, s. unten.
b)
auch von wörterbüchern verzeichnen es nur die des 16. jahrh.: sinwel, teres. Dasypodius; sinnwel, volubilis, rotundus. Maaler 375ᵃ. dann erst wieder bei Frisch 2, 280ᶜ aus der ältern sprache, und bei Campe als mundartlich.
c)
die gewöhnliche form im nhd. ist sinwel, wofür als orthographische varianten sinwell, synwel, sinnwel (Agricola sprichw.), sinnwell (Zimm. chron.), sinwäl; geringe lautliche abweichungen zeigen simwell (urk. von 1614 bei Lori, s. unten) und sinwill: darum so wäre das glück sinwill. quelle von 1505 bei Schm. 2, 291. daneben bestehen die formen weiter, in denen w zum verschluszlaut geworden ist: sinbel (Aventin, H. Sachs), simbel (S. Franck, H. Sachs, Ayrer), simpel (H. Sachs), meist in unterschiedslosem wechsel mit einander. vereinzelt und auffällig ist seinwel: das glück, das seinwel und selten lang an aim stand beleibt. Zimm. chron.² 1, 164, 15 Barack; so auch seinwall im voc. von 1629, s. 4, a. das nd. senewel steht auch bei Wagenseil, s. 3, d.
d)
heute kommt das wort nur noch in oberd. mundarten vor, vielleicht nur in der Schweiz: sinfel, sphaericus. Schmidt idiot. Bern. bei Frommann 4, 15ᵃ, simel noch im Berner oberland. Schm. 2, 291. sonst scheint er wie auch Höfer 143 f. und Schmid 495 das wort nur aus der ältern sprache zu kennen, doch giebt ersterer si ̃ wál für Kitzbühel an.
3)
sinwel bezeichnet eigentlich und zunächst rund nach allen drei dimensionen, kugelförmig.
a)
mit kuglicht gleichgesetzt: also sol der huͦt kuglecht syn, dz heisset in zirckels wise oder sinwel. Keisersberg bilg. 61ᵃ (wo allerdings der zusammenhang eine vermischung mit der bedeutung 4, e zeigt). als typus dieser gestalt erscheinen die kugel oder der ball: das du mir hest gesant einen gebogen stap und einen syneweln ballen. d. städtechron. 8, 307, 6; ein tayg der sinwel sey als ein kugel. quelle von 1529 bei Schm. 2, 291; lass dir ein haffner kugeln machen, sinwell, und inwendig hol. Fronsperger kriegsb. 2, 183ᵇ; mach ein taig darausz, der sinwel sey, als ein kugel. 215ᵇ;
daʒ er im sante drâte
einen guldînen bal
scône unde sinewal.
Lamprecht Alex. 1453 Kinzel;
des wurden in die vûʒe
als die kugeln sinewel.
Wiener mervart 114.
b)
von andern dingen, bes. früchten, körnern u. a.: es vallent auch oft körnlein, allermaist in dem lenzen, diu sint sinbel sam die arwaiʒ. Megenberg 85, 32; dar umb sint des schaurn körner gestalt sam die cristallen und sint sinbel, dar umb, daʒ si sich sleifent durch den luft her ab zuo allen enden. 86, 13; der (andere quittenbaum) ... tregt gemain küten, die sint sinbel und niht lengloht sam die êrsten. 319, 35; sinwel wie eyer-dotter. quelle (vom jahre 1546) bei Frisch 2, 280ᶜ;
auff das mir niemandt steig darein
und mir abbrech die opffel mein,
welche all sindt von klarem goldt,
sinbel und glat.
H. Sachs 3, 2, 259ᵈ;
als denn die perlein (perlen) wachssen thund
schön, weisz, grosz, glat, simbel und rund.
4, 1, 78ᵈ.
von gliedern: der slangen milz ist clain und sinbel. Megenberg 261, 14;
sîn (des sperbers) ougen schœne und sinewel.
mœre v. d. sperwaere 108.
als krankhafte erscheinung (wenn die augen aus dem kopfe heraustreten?): dunckele der augen, und so die augen darzuͦ rot und synwel seind, das ist ein gewissz zeychen der maltzey (des aussatzes). Gersdorff feldb. der wundartzn. 86ᵃ.
c)
von der erdkugel und weiterhin von der welt, dem himmel: der guldein appfel der bezaichent uns die sinweln scheibligen werlt. gesta Roman. s. 100 Keller (vermischung mit 4, c); wie wol die welt simpel ist das man just uberall mit schiffen faren und gehen mag. Martin Beheim auf seinem weltapfel oder globus bei Schm. 2, 291; der himmel ist sinewel, die erde ist sinewel, s. Frisch 2, 280ᶜ; doch ist ein grosser streit in der schrifft wider den won des gemeinen volcks, dz gerings umb allenthalb unden unnd oben in der simbelen welt leüt auff erden sein sollen, die gegen dem himel den kopff kerende gegen uns die füsz. Franck chron. (1531) 11ᵃ. vgl. sinwelligkeit.
d)
von dingen, die zufällig solche gestalt haben oder darein gebracht sind: klein sinbele specklein. kuchenmeist. 65; zwey senewel stück wachs. Wagenseil Nürnb. 251 bei Schm. 2, 291. so auch: si (die stare) vliegent scharot mit ainander und in dem flug machent si ainen sinweln haufen, alsô daʒ iegleicher begert, daʒ er in der mitt sei. Megenberg 224, 34.
e)
in andern fällen kann man schwanken, ob diese oder eine andre bedeutung gemeint ist. so könnte sinweller stein auch einen cylindrischen (4, a) bedeuten: under demselben altar steet ein sinbeler stein, als von einer senten. Tucher (1584) bei Scherz-Oberlin 1501; deutlich 'kugelrund' dagegen in folgender stelle: sie schossen synwel rotund stein. Adelphus türk. chron. (1513) D 5ᵃ bei Schmidt els. wb. 325ᵃ. — wenn vom brode gesagt, wird eher die bedeutung g zu verstehen sein: einen sibellen laib packen; swer zu rocgen gersten mischet, der sol sinbelis brot bachen, daʒ man eʒ erchent. quelle bei Schm. 2, 291.
f)
so auch prädicativ: nim des gesoten als groz als ein morche. walkez sinewel in der hant und füege ez umme den spiz als ein marach. buch von guter spise nr. 23; von den grossen stein sinwel zu hawen zu den grossen puchssen. d. städtechr. 1, 260, 14 (rechnung vom jahre 1384);
gleich als die kind ein klosz behend
werffen, der sich da umbher wendt
sinwel in einem leren sal.
Murner Virg. 170ᵇ.
g)
manchmal bezeichnet sinwel nicht vollständige kugelgestalt, sondern nur theilweise rundung, halbkugelförmig u. ähnl.; ausdrücklich angegeben: diu air, diu an der spitz sinbel sint, dâ werdent hennel auʒ. Megenberg 193, 28. vom brode, s. unter e. von bergen:
er (der fels) was aller sinewel.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 12410;
ich rait fürbass zur selben frist ...
uf ain berg, der was sinwell.
Zimm. chron.² 4, 238, 42 Barack.
ein Sinbelsberch als eigenname begegnet in einer urk. von 1378, mon. boica 2, 37. besonders vom menschlichen leibe und seinen gliedern. von den brüsten, dem bauche: sein pauch ist sinbel und pauʒet herfür. Megenberg 51, 20;
beisse brüstlein sybell als die piern.
Osw. v. Wolkenstein 37, 2, 3.
von der stirn: sein stirn ist sinbel geleich ainem pallen. Megenberg 51, 22;
jr stiren glat wie marmelstein,
sinwel nit zu grosz noch zu klein.
H. Sachs 5, 330ᵃ.
abgeschwächter ist der begriff, wenn in der mhd. dichtung der ganze leib, namentlich der weibliche, als sinwel bezeichnet wird:
snêwiʒ, sinewel was ir lîp.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 5123;
ir lîp nâch wunsche sinewel.
Bartsch mitteld. ged. 2, 905 nach der conj. s. 218;
di maget was zu masse lank,
enmiten chlain, sinibel, und swank.
Suchenwirt 25, 182.
merkwürdig ist die allegorische deutung, die vielleicht einen andern sinn voraussetzt: du machest den menschen synwell, das er nit ungelych sey an sinem wandel. quelle bei Scherz-Oberlin 1503. — ebenso von den äuszern gliedmaszen: sîne hente sint guldîn, samo sineuuel, alse sîe gedrât sîn. Williram 92, 1;
ir vinger sah man slîfen,
sie wâren sinewel unde lanc.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 16074;
sy legt ir ärmlen weisz herfür,
die wauren gantz nach aller kür,
sywëll, weisz und planck.
Cl. Hätzlerin 2, 27, 159;
mit iren sinbeln armen weisz
ward ich do umb slossen.
quelle bei Schm. 2, 291.
diese gebrauchsweisen leiten mehr oder weniger zu der folgenden über.da sinwel hier nur eine annäherung an die kugelgestalt ausdrückt, so ist es auch einer steigerung fähig: daʒ vierd (zeichen, dasz eine frau mit einem knaben schwanger ist, ist), daʒ der frawen der leib sinweller ist. Megenberg 40, 23.
4)
sehr häufig bezeichnet aber sinwel auch nur die runde gestalt nach zwei dimensionen.
a)
von körpern mit kreisrundem durchschnitt oder grundrisz, also cylindrisch. vergl.: cylindrus ein langer seinwaller stain damit man tennen oder esterich ebnet. nomencl. von 1629 bei Schm. 2, 291. in ausdrücklichem gegensatz zu den andern bedeutungen: es ist ein underscheid, sein kugelecht, rotund, rund, als da ein kugel ist, sinwel, teres, als ein spiess, ... scheibelecht als ein hostien, als ein deller, ringlecht als ein ring und ein reif in zirkels weis. Keisersberg brösamlin 2, 62ᵃ (s. Schmidt els. wb. 325ᵃ); der ring ist ringsweisz, nit sinwel alsz ein spiesz, noch rund alsz ein kugel, aber zirckelweisz wie ein reiff. post. 101 bei Scherz-Oberlin 1503, s. auch Frisch 2, 280ᶜ; sinwel, adj. ist in den vorigen seculis sehr im gang gewesen, theils für rund, rotundus, theils für länglich-rund, cylindrisch, oblongus, teres, als eine welle oder walze. ebenda.
b)
von langen oder hohen gegenständen, cylindrisch, walzenförmig: calamus, eyn ror, .. item eyn schreibfeder, und eyn jetlich hol sinwel ding. Dasypodius; snît zwei klüppelîn eines vingers lanc, als ein elnschaft (elle) fornen sleht sinewel. buch von guter spise nr. 23; die neunten .. sind simbel hantpüchsen. d. städtechron. 2, 292, 25; sinwele stangen. s. Schmidt els. wb. 325ᵃ;
der bruoder versunnen
dem kunige zehant
ein sinwel holz bant
mit riemen in den munt.
Ottokar reimchr. 50322;
die hetten sinwel pfeil herbracht.
Murner Virg. 182ᵃ;
sie sagen es wachsze als bei uns fraxinus eschin ein sinweler boum (arborem teretem). derselbe bei Hutten 5, 415, 29. prädicativ: es solle auch obbemelter zuschlager von einem harten holz, und halbet simwell gemacht seyn. Lori bergr. 391ᵃ (urk. von 1614). so besonders von bauwerken und -theilen; von säulen: kugl scheiben, sinbel rund ratscheiblig würflet seulen. Aventin chron. 1, 428, 5. sehr häufig sinweller thurm, auch zusammengewachsen und als eigenname verwendet, der Sinwel-turn, Simpelthurn, s. Schm. 2, 291 und Lexer handwb. 2, 936; binnen deme mantele is gebuwet de torn van tegele, senewolt unde ho (an der Engelsburg in Rom). d. chroniken 2, 140, 28; summa torwart under dem silbeln turn (in Nürnberg). d. städtechron. 1, 273, 37 (rechnung von 1388); auf dem synweln turn ein genanter tag und nacht. 3, 357, 5 (1442); daz man allen geschosz und tzeug, der auf der vesten ist, dannen tu, auszgenomen der auf dem simeln turn .. ist. 384, 31; das er im den sinbeln turn auf der vesten verleihen wolt. 10, 132, 8 (und sehr oft in den Nürnberger chron., s. das glossar in 11); und wurden die drei sinwällen thüren und die andern zwen in dem judenkirchhof angefangen (in Augsburg). 22, 70, 7; item fürter am wasser hinab (liegt) Vespran: da stehet ein sinweler thurn, gehört dem bistumb Chur. Stumpff 622ᵃ; auch in Ulm, s. Schmid 495;
eʒ was ein turn sinewel.
Ottokar reimchron. 30421.
so auch: und sind gar köstlich wintmülin da (bei Rhodos), die sint gepawen als turn sinwel. d. städtechr. 5, 105, 10; kirchen: dar na in dem 1016 jare geschach dat twe juncfrouwen, de wonden bi der kerken de Rotunda heit, eine senewolde kerke. 7, 87, 7;
an die selben stat
man erbûwet hât
ein sinwel kirchen kleine.
Ottokar reimchr. 21506.
hier vielleicht in der bedeutung 'gewölbt', die sich an 3, g anschlieszen würde; so öfter im mhd., s. Lexer handwb. 2, 937.
c)
aber auch in bezug auf dinge von sehr geringer höhe bez. dicke, wo es dann 'scheibenförmig' bedeutet. vom schilde: enen senewolden schilt in der anderen hant. Sachsensp. 1, 63, § 4. von münzen: auch wöllen wir slagen lassen haller, die sullen simel werden. Lori münzr. 1, 33 (bei Schm. 2, 291, zum j. 1434); die pfenning und haller werden simpel sein von erkennens wegen der andern münsz. 45 (1457); es wurden disz jaars (1400) sinwele runde pfenning erstlich zuͦ Zürych angefangen zumüntzen: die vorigen pfenning waren virecket. Stumpff 494ᵃ;
der pfenning ist simpel und rund,
und laufft darvon in kurtzer stund.
H. Sachs 5, 389ᵇ.
von der oblate, hostie: die oblaut ist sinwel. quelle bei Schmid 495. so wohl auch in folgender stelle gemeint: dann es stünde panis im text, und söllte nit sinwel syn. redt Zwingli wie vor: aber der gstalt halb, dasz's eben sinwel syn müszte, das wäre unrecht, er möchte wol lyden, man näme gwont brot darzuͦ (zum abendmahl). Zwingli 1, 532. — von blättern: des paums (mirra Arabiae) pleter sint als ains ölpaums pleter, ân daʒ si kräuser sint .. und ain wênig sinweller. Megenberg 370, 10; steinweitz wird darumb also genannt, dasz seine dicke synwäle blätlein den weitzenkörnlein an der gestalt änlich sehen .. an diesen stengeln stehen auff unnd auff in der ordnung blettlein, die sind sinwel unnd langlecht wie ein weytzenkorn. Toxites horn des heils (1595) 94ᵃ f.
d)
noch entschiedener zeigen andre verbindungen die vorstellung der flächenausdehnung: daʒ der warm schein dâselbs diu wolken umb und umb von im treibt in kraiʒes weise, reht sam ain sinbelʒ fensterlein in diu wolken gê. Megenberg 97, 9; dese satte, dat de papen platten hebben alse en senewelt spegel. d. chroniken 2, 266, 19 (vgl. unten); und gab darzuͦ einem kilchherrn an dem selben end zuͦ einer frien ewigen gottsgab ein matten, die man nempt das sinwel mad under dem weg. Stretlinger chron. s. 72, 17. vom menschlichen gesicht: sein antlütz ist gar sinbel. Megenberg 51, 17. von der platte, tonsur: der satte uf, daʒ die pfaffen trügent sinwel blatten. d. städtechron. 8, 16, 27, ebenso 9, 511, 21. so auch: nit beschneide das haar in sinwel. quelle bei Schmid 495.
e)
während sinwel in allen diesen gebrauchsweisen die gestalt einer kreisfläche andeutet, meint es in andern die kreisperipherie, also ringförmig: diser ring sol rotund und sinwel sein. Keisersberg pater noster T 4ᵃ; im bilde:
die lieb steh nit in einer rhu, ...
und sich beweget alle stund,
gleich einem rad simpel und rund.
H. Sachs 5, 284ᶜ.
so ferner:
sie umbgaben jr mauren schon
gantz sinwel als da ist ein kron.
Murner Virg. m 5ᵇ;
der mensch hât ainen engen sinbeln munt. Megenberg 13, 1; item am 3. tag junii ward bei hellem tag an dem himel gescheibt umb die sonnen herdan ain sinweller regenpog gesechen. d. städtechron. 22, 184, 26.
f)
wiederum eine andre gestalt (gewölbt?, s. 3, g. 4, b zu ende) ist in folgender verbindung gemeint: ein verglest sinwäl krügelin oder ein nepfflin. quelle bei Schm. 2, 291;
ein tûsent kleiner hefenlin,
daʒ si sinwel und dunne sîn.
Ottokar reimchr. 4454.
5)
sinwel in übertragenem und bildlichem gebrauche meint 'unbeständig, wankelmütig, unsicher'.
a)
so sehr häufig in fester, sprichwörtlicher redeweise vom glück. hier scheint die sinnliche bedeutung noch sehr stark durch; und zwar flieszen zwei vorstellungen zusammen, die einer auf einer rollenden kugel schwebenden gestalt und die des glücksrades. mhd. belege verzeichnen Grimm und Bezzenberger zum Freidank 114, 27. nhd.: weil aber das glück sinwel, und das best selten hernach kompt. Egenolff sprichw. 108ᵃ; das glück ist sinwel, den es jetzt bisz in himmel hebt, wirfft es offt bisz in die hell in einem augenblick. 145ᵇ; so gar ist das glück sinwel. 352ᵇ; so ist bei uns Teutschen ein g'mains sprichwort, das glük sei sinbel, hab kain fues, stê nit, hab auch flügel, pleib nit. Aventin chron. 1, 359, 1; geschach vil pluetvergiessens, das glück war sinwel. 192, 1; wie dan das glück sinbel ist und voraus in den kriegsleuften. 2, 62, 21; darbei das wunderbarlich und sinwell glück mag gespürt werden. Zimm. chron.² 4, 247, 20 Barack;
das glück ist synwell, als man spricht.
Clara Hätzlerin 1, 53, 24;
da antwort mir das waltzend glück:
weyst nit, ich bin sinbel und flück.
H. Sachs 1, 108ᶜ;
wenn ich weisz, dasz das menschlich glück
unbstendig ist, sinbel und flück.
2, 1, 4ᵇ;
derhalb so ist das glueck
walzent, sinbel und flüeck.
22, 329, 20 Götze;
s. auch die belege unter 2. — mit eigenthümlicher etymologischer deutung: daʒ gelük daʒ da allweg sinwel ist, wann daʒ nimt oft ainem man die sinn. quelle bei Schmid 495. — das glücksrad ist deutlich bezeichnet: von verkerung der zyt und des glükrads hör dise fabel und lerne, daz die säligen und gewaltigen den armen nit söllen schmach erzögen noch unrecht tuon, sonder sollent sie bedenken, wie daz gelück sinbel ist und sich bald verkeret. Steinhöwel Äsop 143 Österley; das glückrat (wie man spricht) ist sinwel, treibt eins auf das ander ab. Aventin chron. 1, 57, 26;
gelückes rat ist sinewel.
Reinmar v. Zweter 91, 1;
das glückradt ist simbel und rund,
stürtzt den baldt, der vor oben stund.
Ayrer 1512, 14 Keller.
dagegen liegt die andre vorstellung zu tage: wie das weltzend rad der reich unnd herrschung nit still, unnd das sinwel glück auff einer kugel steet. S. Franck chron. 23ᵃ. — vergl. auch: streit ist sinwel, wer weisz welcher den andern strafft oder schlecht. Murner an den adel deutscher nation D 3ᵇ.
b)
ganz ähnlich zuweilen von andern personificationen, von der liebe, s. H. Sachs unter 4, e; vom rechte:
dieweil das recht gar sinwel ist,
das offt der ghrecht durch hindterlist
mit rechter warheit undterlieget,
die ander parrt mit luͦg gesyget.
1, 545ᶜ;
dieweil das recht so sinbel ist
und grundtiosz der juristen list.
2, 2, 39ᶜ.
c)
dagegen scheint die anwendung auf den menschlichen character im allgemeinen nur mhd. zu begegnen:
ich hân eteswenne friunt erkorn
sô sinewel an sîner stæte.
Walther v. d. Vogelweide 79, 30;
ûʒ sinewellem muote ein man
zuo wem der walgt, von dem   sô walget er ouch wider dan:
nû walge hin, nû walge her,   eins ungevierten mannes muot!
Reinmar v. Zweter 61, 1, vgl. die anm.;
des muotes   vierecke unt niht sinewel.
57, 5.
in beiden stellen zeigt der gegensatz, wie deutlich die sinnliche bedeutung noch gefühlt wurde. ferner:
reid und sinewel
muoste sîn rede wesen.
Ottokar reimchr. 13080.
d)
vereinzelt ist die redeweise: dasz dieses zu thun sinbell (schwer) sey. quelle vom jahre 1521 bei Schm. 2, 291.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1218, Z. 54.

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Zitationshilfe
„sinwel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sinwel>, abgerufen am 17.10.2021.

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