Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sippe, f.

sippe, f.
pax, foedus, affinitas, propinquitas, u. a.
1)
unter den gemeingermanischen bezeichnungen von verwandtschaftsverhältnissen nimmt sippe, bezeugt im got. sibja, ahd. sippia, sippea, sippa, sibba, mhd. sippe, altsächs. sibbia, ags. sibb, sib, altfries. sibbe, sowie im altnord. plur. sifjar, verwandtschaft, und der zusammensetzung sif-kona schwägerin, und im namen der göttin Sif, der gemahlin Thors, eine besondere stellung nach der eigenthümlichen entfaltung seines ursprünglichen begriffes ein. sein eigentlicher sinn kann keineswegs (wie Müllenhoff deutsche altertumskunde 4, 322 annimmt) abstammung von einem gemeinsamen stammvater, die gesammtheit der durch blutsverwandtschaft verbundenen, die parentel sein, sondern es bezeichnet vielmehr in viel engerer weise zunächst die durch ein bündnis begründete verwandtschaft, in erster linie das zusammentreten zu solchem bündnis selbst, wie nicht nur das urverwandte altind. sabhâ' versammlung, gesellschaft darthut (vergl. Kuhn zeitschr. 4, 370. Norreen urgerm. lautlehre s. 218), sondern auch das germanische in gewissen alten bedeutungen des wortes und dazu gehöriger bildungen: got. suniwê sibja als bezeichnung eines adoptionsverhältnisses (ei suniwê sibja andnimaina, ἵνα τὴν υἱοθεσίαν ἀπολάβωμεν Gal. 4, 5), ga - sibjôn frieden schlieszen, sich aussöhnen (gagg faúrþis gasibjôn brôþr þeinamma ὕπαγε πρῶτον, διαλλάγηθι τῷ ἀδελφῷ σου Matth. 5, 24); unsibjis friedlos (miþ unsibjaim μετὰ ἀνόμων Marc. 15, 28; unsibjaim ἀσεβέσιν 1 Tim. 1, 9); ahd., wenn sibba ein friedens- und schutzverhältnis ausdrückt: sînerâ sipbeâ ni uuirdit endi (pacis ejus non erit finis). Isidor 19, 32 Weinhold; quam ther heilant inti stuont in mittimen sînerô iungerôno inti quad in: sibba sî iu (pax vobis). Tatian 230, 1; nu forlâz thû truhtîn thînan scalc after thînen wortan in sibba (nunc dimittis servum tuum, domine, secundum verbum tuum in pace). 7, 6 u. ö., vergl. dazu seditio unsippe l. unfridu Steinmeyer gloss. 1, 246, 17; und zumal ags., wo die bedeutung des bündnisses und friedensverhältnisses besonders oft und deutlich hervortritt:
hafast þû gefêred, þät þâm folcum sceal,
Geáta leódum ond Gâr-Denum
sib gemæne ond sacu restan.
Beowulf 1858;
und sich neben dem begriffe der verwandtschaftlichen verbundenheit:
nû ic Beówulf þec,
secga betsta, mê for sunu wylle
freógan on ferhđe; heald forđ tela
nîwe sibbe.
950,
zu dem der liebe und freundlichkeit überhaupt verinnerlicht:
feóndscipe dwäscađ,
sibbe sâwađ on sefan manna.
Crist 487;
wir dürfen wohl annehmen, dasz das urgermanische wort der technische ausdruck für das verfahren war, welches Tacitus schildert: de reconciliandis in vicem inimicis et iungendis affinitatibus ... consultant. Germ. 22; und dann den sinn der verwandtschaft annahm, wie sie durch heirat zur befestigung des friedensbündnisses, durch verschwägerung wie durch geburt entstand, woraus denn der begriff der verwandtschaft im allgemeinsten sinne erwuchs.
2)
die alte hoch- und niederdeutsche sprache verwendet sippe als bezeichnung der zugehörigkeit durch abstammung und verwandtschaft: adfinium chuenûn sippia kalangerô. Steinmeyer ahd. gloss. 2, 329, 75; adfinitate sippu gilengidu. 1, 272, 31 (nach Lev. 18, 14 quae tibi affinitate coniungitur); swaʒ ieman erbes zû sîget âne von sippe, daʒ heiʒet niht erbe gût. Schwabensp. cap. 171; daʒ ist fleischlîchiu sippe. Br. Berthold 1, 311, 38 (gegensatz zu geswægerliche sippe 312, 31); es soll auch allweg ein ieder pauman oder hindersæsz desz gotshaus ... iärlich der herrschafft seinen rechten gewær und furstand nach sipp und blut warleich fürpringen und stellen. weisth. 3, 669 (Baiern, um 1440);
sie (die Franken) in sibbu joh in ahtu   sîn Alexandres slahtu.
Otfrid 1, 1, 88;
sol man iuch bî zühten sehn,
sô muoʒ des iwer zuht verjehn,
daʒ sippe reicht ab iu an mich.
Parz. 415, 25;
du lobest mir vaste den neven dîn:
daʒ mac wol von der sippe sîn.
mir lobent sîn aber di vremden niht:
da von ist dîn lop gar en wiht.
Ulr. v. Lichtenstein 101, 18;
sô ist mîn frowe, iwer wîp,
mîner muomen kint. daʒ weiʒ ich wol ..
ob mir diu sippe rehte seit,
sô sol ich iu dienstes sîn bereit.
Pleike Garel 21003;
von küneges sippe.
H. v. Neustadt von gotes zuokunft 2082;
auch in collectivem sinne, gesammtheit der so zugehörigen personen:
ob unser tûsent wæren,   wir lægen alle tôt,
der sippe dîner mâge,   ê wir den einen man
gæben hin ze gîsel.
Nib. 2042, 3.
3)
sippe auch der grad der verwandtschaft, deren verschiedene, fünf bis sieben, im alten recht angenommen und nach staffeln, fächern, spänen oder gliedern des leibes gezählt werden, vergl. J. Grimm rechtsalt. 468 f.: nu merke wir ouch, wô die sibbe beginne, und wô si ende. in deme houbete ist bescheiden man und wîb zu stênde, die êlîche und echtlîche zu samene komen sîn. in des halses lide die kindere u. s. w. ... in dem sibenden stêt ein nagel, und nicht ein gelid; dar umme endet dâ sibbe, und heiʒen naglmâge. Sachsensp. 1, 3, 3; daher erste, zweite, dritte sippe u. ähnl.: in dissem jare 1225 was dat grote concilium, dar pawes Innocencius twe sibbe vorlegede (abthat, minderte) unde vorlovede dat men in dem veften lede sik eliken nemen mochte: dat was vor in dem seveden. d. städtechron. 7, 147, 3; (die deutsche frau) entpfing dise haimsteuer, das sis bei gueten wirden wider überantwurtet zue seiner zeit iren sünen, von welchens die schnür gleicher gestalt auch entpfingen und käm also weiter pis auf die drit sip, auf die enikel. Aventin. bayerische chron. 1, 112, 19; die warfen Joas, so nur siben jar alt und allain von dem küniglichem stam David verhanden war, zu eim künig auf. er war hie von Nathan in der sibenden absteigenden sip. 247, 12; es heiszt sippe reiten, zeln, die verwandtschaftsgrade berechnen und darlegen: unde so man die sippe reiten wil, die sol man an dem houbete an heben. Br. Berthold 1, 312, 16;
swâ man sicht den wîsen man,
dern zelt decheine sippe dan,
zwischen vater und des kinden,
wil er die wârheit vinden.
Parz. 752, 12;
der sol mir deste holder sîn   sint unser sippe ist ûʒ gezelt.
minnes. 3, 17ᵇ Hagen;
der reite die sippe.
Wiener mervart 133;
vgl. mnl.:
hi rekende, dat hi ware mijn oom,
ende began ene sibbe tellen.
Reinaert I 2097.
4)
sippe, in erweiterter bedeutung; die kirche des mittelalters schafft auch den begriff einer geistlichen sippe, ein verwandtschaftsverhältnis von personen, die als pate und täufling durch das band des heiligen geistes verknüpft sind: habet ir nû dise drîer hande sippe vermiten, fleischlîche sippe und geswægerlîche sippe und die geistlîchen sippe. Br. Berthold 1, 315, 23; aber auch in dem allgemeinen weltlichen sinne des stammes, volkes:
der selbe fisîôn (naturkundige)
was geborn von Salmôn.
ûʒ israhêlscher sippe erzilt
von alter her.
Parz. 453, 27;
und dann selbst in dem der natürlichen, angeborenen art:
alsus lac er nâch menschen sippe
ûf einem höwe in einer krippe,
dâ sîn muoter sîn genas.
Lamprecht v. Regensburg S. Francisken leben 275.
5)
das einfache sippe verliert sich in der schriftsprache seit dem 16. jahrhundert, aber es wird nicht allein hier durch das weiter gebrauchte abgeleitete sippschaft (s. d.) und das collective gesippe (vergl. theil 4, 1, 4122 f.) im andenken erhalten, sondern lebt auch in den mundarten, bairisch die sipp Schm. 2², 317, ebenso tirolisch Schöpf 676, niederdeutsch sibbe, blutsverwandtschaft, grade der verwandtschaft. brem. wb. 4, 781; düringisch in verächtlichem sinne die sippe von einem zusammengehörigen gesindel; und so kommt es, dasz sippe in den wörterbüchern fort verzeichnet wird: sipp consanguinitas Schottel 1416; sippe, gradus cognationis Stieler 1783; der nächste in der sippe, proximior in gradu. ebenda; später als veraltet hervorgehoben, so als sip vel sipp (pro freundschaft) consanguinitas bei Steinbach 2, 593, angeführt nur als stammwort zu sippschaft, gesippe und gesippt; ebenso bei Frisch mit der bemerkung: bey den alten, sonderlich in den rechten und lehens-sachen gebräuchliches und bequemes wort, wird auch noch in einigen fällen gebraucht, bestimmt als consanguinitas, propinqua cognatio, prosapia, progenies, bluts - freundschafft, verwandtschafft dem geblüt nach. 2, 280ᵇ; bei Adelung und Campe, welch letzterer aber sippe mit verwandten als ein veraltetes wort kennzeichnet, das von guten schriftstellern schon wieder erneuert worden ist. in der that war schon zu Adelungs zeit wenigstens das masc. sippe (unten) aufgefrischt und im gebrauch, wenn auch alterthümelnd; und im anfange des 19. jahrh. hatte die naturforschung das fem. sippe in ihren dienst genommen, um unterarten von thier- oder pflanzenfamilien so zu benennen: er (ein gelehrter) feire mit uns den triumph der physiologen metamorphose, er zeige sie da, wo das ganze sich in familien, familien sich in geschlechter, geschlechter in sippen, und diese wieder in andere mannichfaltigkeiten, bis zur individualität scheiden, sondern und umbilden. Göthe 58, 167; ein sprachgebrauch der sich auch später fortsetzte, woneben das wort auch in eigentlichem sinne schriftstellerisch hie und da wieder erscheint; collectiv: der freiherr geleitete und beschützte ja sein töchterlein, für das er gewisz die sichere gastfreundschaft seiner sippe in einem der vornehmen Engadinerdörfer angesprochen hatte. C. F. Meyer Jürg Jenatsch 26; in freier verwendung:
schon wieder gaukelt da die böse sippe
von nachtgestalten der vergangenheit.
Lenau werke 48.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1223, Z. 64.

sippe, sipp, m.

sippe, sipp, m.
verwandter.
1)
zu dem subst. sippe findet sich das gemeingermanische (nur altnordisch nicht bezeugte und durch sifjađr vertretene) adjectiv got. sibjis (in unsibjis, vergl. oben sippe 1), ags. sibb, sib, altfries. sibbe, sib, ahd. sippi, das bis in das mhd. sippe hinein lebendig fortdauert: adfinis sipper Steinmeyer ahd. gloss. 1, 272, 39; consanguineus sipper 275, 45; alle die im sippe sîn. Br. Berthold 1, 312, 36;
wêttu irmingot obana fona hevane,
dat dû neo dana halt dinc ni gileitôs
mit sus sippan man.
Hildebrandslied 32;
(gott) hieʒ im werden ein wîp
ûʒʒir einem sînem rippe,
alsô ist diu werlt sippe.
Waag ged. des 11. u. 12. jahrh. s. 77, 387;
si wêre im dann sippe
von fleischlichem rippe.
Martina 133ᵈ, 110;
bildlich:
diu cluokheit ist der kündikeit
kebshalp vil nâhen sippe.
Reinmar v, Zweter 123, 2;
länger hält es sich in der bildung gesippe (s. d., theil 4, 1, 4123), aber auch hier über das 16. jahrh. hinaus nicht mehr.
2)
als substantivische masculinform erscheint zu diesem adjectiv das altsächs. sibbeo, altfries. sibba, ahd. sippo im weitesten sinne des überhaupt verwandtschaftlich verbundenen: federis discessione derâ sceidungâ derô sippôno. Steinmeyer ahd. gloss. 2, 229, 33; ad foedera za den sippon. 229, 35;
thô bâtun sîne sibbon,   sô oft mâgâ sint giwon.
Otfrid 3, 15, 15;
mhd. sippe: der ander mensche, den dû zer ê mîden solt, der heiʒet geswægerlîche sippe. daʒ ist der mensche, der dînen mâc oder dîne mæginne hât gehabet zer ê oder zer unê. Br. Berthold 1, 312, 31; auch als gesippe, ahd. gesippo: consanguineus gesibbo, gisibbo (neben adjectivischem gesibb, gesipper, gesiber). Steinmeyer ahd. gloss. 3, 67, 32; mhd. consanguineus gesippe. Dief. nov. gloss. 109ᵃ; vergl. auch besippe oben theil 1, 1624; gesippe ist auch im älteren nhd. nicht vergessen, vgl. theil 4, 1, 4123, und nach ihm erscheint einfaches sippe im 18. jahrh. wieder aufgefrischt:
drum nennt mir nur geschwind
den mann, der ihr als bruder oder ohm,
als vetter oder sonst als sipp verwandt.
Lessing 2, 326 (Nathan 4, 7);
spanne das barbiton,
bald das goldene, dem Dania horcht mit lust,
bald auch, welches die gastfreundin Teutonia
dir tonkundigem sippen gab.
Voss 3, 211 (an Jens Baggesen);
und erhält sich auch später hie und da alterthümelnd: so haben die Ditmarscher geschlechter den ausheimischen, welcher beständiges zeugnis von seiner ehrlichen geburt, herkommen, handel und wandel einzeugen liesz, zu einem vetter angenommen, und nicht geringer geachtet als den angebornen sippen. Niebuhr 1, 341; welche stelle auch sehr deutlich die sippen und die nicht im blut befreundeten vettern unterscheidet. 577; als das bauernheer über seinen grund hereinbrach, wuszte er (Götz von Berlichingen) sich mit seinen sippen keinen rath. Freytag bilder 2² (1882), s. 250; er mit seinen freunden und hohen sippen. P. Heyse werke 9 (1872), s. 259;
ihr mit euren sippen da und freunden.
Grillparzer 5, 45;
mein alter vater war mir gern zu dienst,
zu dienst die fürsten, seine sippen alle.
53;
mit meinem freund,
der viel ein gröszrer herr in unsrem land
als eure rostgen gäst und sippen alle.
7, 63.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1225, Z. 82.

sippe, f.

sippe, f.
name der singdrossel, turdus musicus, im Münsterschen. korrespondenzbl. des vereins für nd. sprachforschung 16, s. 86. der name nach dem rufe des vogels, der sonst als zipp zipp gegeben wird; vergl. zippdrossel und zippe.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1226, Z. 64.

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Zitationshilfe
„sippe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sippe>, abgerufen am 28.10.2021.

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