Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sirene, f.

sirene, f.
fabelhaftes seeungeheuer, bei Voss Od. 12, 39 ff. mit gelehrter anlehnung an das griech. in der form seirene (s. unten 1), früher auch mit y oder ü geschrieben: darumb semliche schmeichler und zudütler .. sein wie die sürenen in dem mer, die den menschen singen sie zuͦ ertrencken. Pauli schimpf u. e. 232 Österley, mhd. sogar mit e statt i bezeugt:
alsam diu schiff serênen sang
ir zarteʒ bilde mich bezwang
in swære hulde schier.
liedersaal 2, 202, 43 Laszberg,
häufiger mhd. sirêne, syrêne. Lexer mhd. handwb. 2, 940, einmal belegt als sireine:
mit einer stimme, diu was hel,
süeʒe unde pleine
als einer sireine.
Heinr. v. d. Türlin krone 937,
aus franz. sirène und wie dies auch unmittelbar aus mittellat. sirena. Weigand⁴ 2, 722, daneben frühnhd. syren, syrien. Dief. 538ᵃ, mhd. sirên, syrên. Lexer mhd. handwb. 2, 940, dem älteren lat. siren und dem ursprünglichen griech. σειρήν gemäsz. bei Notker in einem aus deutschen und lateinischen wörtern gemischten text mit lat. flexionsendung: sirenes sint meretîer, fone dero sange intslâfent die uerigen, et patiuntur naufragium. 1, 12, 25 Piper. ebenso scheint die folgende schreibung des ahd. physiologus lat. flexionsendung zu bezeichnen (sirenae): in dem mere sint uunderlîhu uuihtir, diu heiʒʒent sirene̜ unt onocentauri. Müllenhoff - Scherer denkm.³ 1, 263, 5. — mhd. ist syrên einmal als m. bezeugt:
dâ kam ein syrên gefloʒʒen,
der den selben sarc ûf prach.
Orendel 88 (lesart) Berger.
Singer vermutet anz. f. d. alterth. 22, 45 hier einen irrthum eines md. schreibers. auch mnd. begegnet das wort als m.: se (die unkeuschheit) voret in dem banner eynen sirenen, dat is ein merwunder. quelle bei Schiller-Lübben 4, 216ᵇ.
1)
griechischer vorstellung gemäsz als bezeichnung fabelhafter seeungeheuer, die die schiffer durch ihren gesang anlocken um sie zu tödten, zuerst in der Odyssee erwähnt, wo sie dem helden verderben drohen (12, 39 ff.). dort ist nur von zweien die rede (12, 52), später erscheint ihre zahl nicht beschränkt. sie sollen oben menschen, jungfrauen, unten vögeln oder fischen gleichen. in späteren berichten, wo sie wol als thiere bezeichnet werden, wird über die art, wie sie die menschen in ihre gewalt bekommen und sie tödten, manches erzählt, was Homers bericht ergänzt oder von ihm abweicht: sirene̜ sint meremanniu unde sint uuîbe gelîh unzin ze demo nabilin, dannan ûf vogele, unde mugin vile scôno sinen. so si gesêhint man andemo mere varin, so sinen sio vilo scôno, unzin si des uunnisamin lîdes so gelustigot uuerdin, daʒ si inslâfin. so daʒ mermanni daʒ gesihit, so verd eʒ in unde brihit si. Müllenhoff - Scherer denkm.³ 1, 263, 5; sirene sint merwunder gar wol gestimmet, sam Aristotiles spricht. die mügent ze däutsch merweip haiʒen, wan si habent oben von dem haupt unz an den nabel ainr frawen gestalt .. daʒ nider tail an dem tier ist als daʒ nider tail ains adlarn, sam Adelînus spricht, und hât daʒ tier gar scharpf kræuln an den füeʒen, dâ mit eʒ reiʒt waʒ eʒ begreift, und hât ze letzt ainen swanz mit schüepeln als ain visch, mit dem swimt eʒ in den waʒʒern .. (es singt wie ein vogel, schläfert die schiffer ein und zerreiszt sie). darumb verschoppent die schefläut ir orn, daʒ si des gesanges iht hœrn, und wenn sie die sirên oder diu merweip sehent, so fürhtent si in hart. Megenberg 240, 6 ff.; sirenen sind bey den dichtern gewisse meer-wunder, die oben bisz an den nabel als schöne jungfrauen gestalt gewesen, der untere theil aber wie ein fisch. Wiedemann gefangensch. 11, 83;
ein wunder was dar în (in das 'wâpencleit') gebriten,
daʒ diu sŷrêne heiʒet
und kiele ûf schaden reiʒet
mit ir gedœnes bilde.
daʒ selbe wunder wilde
schein dâ maget unde visch.
Konrad v. Würzburg troj. 3739;
in eine reitzende sirene
war ein gewisser mensch in heisser lieb entbrannt.
er sah, so lang' er sie begehrt,
nichts, als der schönen stirn und weissen leibes glantz.
er siht, so bald sie ihm gehört,
nichts, als die schuppen und den schwantz.
Brockes 1 (1739), 457;
an dem ufer des see sasz eine blonde sirene,
wassernixe genannt, und kämmte die güldenen haare (sie lockt knaben ins wasser, mästet sie in ihrem palast mit mandeln und rosinen und friszt sie).
Zachariä 1, 334 (phaet. 5, 20);
zu den seirenen zuerst gelangest du, welche die menschen
zauberisch all einnehmen, so jemand zu ihnen herankommt.
wer nun thörichtes sinnes sich naht und der hellen seirenen
stimm' anhört, nie wird ihn das weib und die stammelnden kinder
als heimkehrenden künftig mit freud' umstehn und begrüszen;
nein, ihn bezaubern daselbst mit hellem gesang die seirenen,
sitzend am grünen gestad; und umher sind viele gebeine
modernder männer gehäuft, und es dorrt hinschwindende haut rings.
Voss Od. 12, 39;
schlinge die seil' um den mastbaum,
dasz du erfreut die stimme der zwo seirenen vernehmest.
52;
Mephistopheles.
wer sind die vögel in den ästen
des pappelstromes hingewiegt? ..
sirenen.
ach was wollt ihr euch verwöhnen
in dem häszlich wunderbaren!
horcht, wir kommen hier zu schaaren
und in wohlgestimmten tönen,
so geziemet es sirenen.
Göthe 41, 120;
habt von sirenen gehört? — Melpomenens töchter sie prunkten
zöpfumflochtenen haupts, heiter entzückten gesichts.
vögel jedoch von der mitte hinab, die gefährlichsten buhlen,
denen vom küszlichen mund flosz ein verführendes lied.
47, 94;
denn von dem geiste war mirs kund geworden,
dasz die sirenen wohnen an der klippe,
wohin sie schiffer ziehn, um sie zu morden.
von oben weib und unten fischgerippe!
Rückert 3 (1882), 137.
es heiszt: den siren wirft man lere legeln hin, damit sie spilen, um das schif zu retten. Geiler v. Keisersberg bei Eiselein 569. in vergleichen, meist mit betonung des zauberhaften gesanges:
alsô zôch si (die singende Isolde) gedanken în
ûʒ maneges herzen arken,
als der agestein die barken
mit der syrênen sange tuot (der magnetstein scheint
hier den sirenen auszer dem gesang als mittel zum
anziehen der schiffe zu dienen).
Gottfried v. Straszburg Trist. 8115;
du (Maria) bist daʒ süeʒe minnetranc
dar in diu goteheit suoʒe dranc;
sîrênen sanc
nie wart so rehte süeʒe.
lobgesang auf Maria und Christus 22, 7;
si (die geliebte mit süszer rede und schönen worten) tuot als diu sîrêne,
der stimme ist alsô schœne,
daʒ si mit ir gedœne
die kiele an sich ziuhet
und si dan under diuhet
mit liute und mit getreide.
Konrad v. Würzburg Engelh. 2216;
nû sich, wie diu sŷrêne
und ir süeʒes dônes grif
ziehe an sich vil manic schif,
sus kan diʒ wunneclîche wîp (Helena)
mit ir clârheit mangen lîp
an sich ziehen unde nemen.
troj. krieg 2668;
sô würde von mir gesungen,
daʒ nie sirên so sueʒe sanc.
gesammtabent. 1, 301, 755 Hagen;
und wær' er schœn als Parcivâl,
und sünge baʒ, wenne Sirên.
2, 234, 587;
die smaichungred die ist nicht frisch.
die selben gleicht man der syreen visch.
Vintler blumen der tugent 2417.
2)
übertragen auf weibliche wesen oder als weiblich gedachtes.
a)
ohne üblen nebensinn, von den Musen:
Apolle und die Kamênen
der ôren niun sirênen, ...
die gebent ir sinne brunnen
sô volleclîche manegem man,
daʒ si mir einen trahen dâ van
mit êren niemer mugen versagen.
Gottfr. v. Straszburg Trist. 4870.
von der nachtigall:
ich höre die siren der büsche,
die wunder-süsse nachtigal,
wie sie mit klingendem gezische
erfüllte wälder, berg' und thal.
Brockes 1 (1739), 50;
vergl.:
so bald sie (die nachtigall) wieder schweigt, beginnt Apoll voll feuer
ein lautes jubellied mit angestrengter leyer.
die waldsirene wird aufs neue wach,
und jauchzet lauter noch, und schmettert länger nach.
Ramler fabellese 1, 25.
b)
mit hervorhebung des tückischen, trügerischen, wie: verführerin. Campe ergänzungswb., falsche schmeichlerin, kokette: dies konnte ich ihr so wenig verzeihen, dass ich mich vielmehr überflüssig berechtiget hielt, sie bey jeder gelegenheit als die gefährlichste sirene zu schildern, und selbst die liebenswürdigkeit, die ihr jedermann zugestehen musste, für eine blosse larve zu erklären, unter welcher eine falsche, gefühllose und grausame seele laure. Wieland 28, 210;
und du, sirene (die prinzessin)! die du mich (Tasso) so zart,
so himmlisch angelockt, ich sehe nun
dich auf einmal! o gott, warum so spät!
Göthe 9, 241;
mit süszer rede schmeichlerischem ton
willst du, sirene (Johanna), deine opfer locken.
Schiller jungfrau von Orl. 2, 10.
ebenso von persönlich gedachtem:
swaʒ diu syrêne (die lockende welt) trügsam
versenken wil der schiffe
mit süeʒer dœne griffe,
diu leitest, vrouwe (Maria), dû ze stade.
Konrad v. Würzburg goldn. schmiede 148;
so facht in Adelheid ein kützelnder roman,
von süszen träumen voll, der lüste feuer an.
die geilheit, die er ihr in feinen zügen schildert,
erhitzt das junge herz, und Adelheid verwildert.
verstopfe, kind! dein ohr, wenn die sirene singt.
Lichtwer (1828) 193;
o Celia, betrüge nicht die absichten des schöpfers, der dich gebildet hat! mache deine grazien nicht zu sirenen, die uns zum tod einladen! Wieland suppl. 3, 140.
3)
bezeichnung von geräten, die im wesentlichen aus einer mit einschnitten oder löchern versehenen scheibe bestehen und zur erzeugung von tönen sowie zur messung von tonschwingungen dienen. Karmarsch-Heeren³ 8, 289.
4)
bezeichnung robbenartiger seethiere, die einige ähnlichkeit mit den fabelhaften sirenen haben und einen anlaszwenn auch nicht den einzigenzur ausbildung der sage davon bieten konnten: wie denn bey dem africanischen vor-gebirge Caput bonae Spei genandt, solche see-thiere seyn sollen, die aussehen, als wie die sirenen gemahlet werden .. es sind auch solche sirenen von den anatomicis zergliedert und beschrieben worden. Wiedemann gefangensch. 11, 86; meer-mensch, sirene, meer-weib, meer-mann, ist ein meer-fisch, .. fast 8 spannen lang, mit einem länglich-runden kopff, einem menschen-gesichte, iedoch ohne kinn und ohren, dagegen aber zweyen armen und händen versehen, daran die finger wie die gänsepfoten zusammen gewachsen sind. öcon. lex. (1744) 1843 (die beschreibung ist noch ziemlich phantastisch).
5)
bezeichnung einer schlangenart bei Megenberg: sirena haiʒt ain sirên, aber eʒ ist niht diu sirên, dâ von wir vor gesait haben, dô wir von den merwundern schriben .. eʒ sint auch etleich derlai slangen, die flügel habent. 281, 29. vgl. syrena slang die vloegelen hevet. Dief. 538ᵃ. bei Aristoteles hist. animal. 9, 40 bezeichnet σειρήν eine wilde bienenart.
6)
volksmäszige bezeichnung der syringe, syringa vulgaris, eine entstellung des eigentlichen namens der pflanze. Nemnich 2, 1414. Pritzel - Jessen 394ᵇ. Andresen volksetym.⁴ 106, nd. zirene. Pritzel-Jessen. Andresen a. a. o., auch syrenie. Nemnich, nd. zirenje. Pritzel-Jessen a. a. o.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1231, Z. 34.

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Zitationshilfe
„sirene“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sirene>, abgerufen am 20.10.2021.

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