Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sessel, m.

sessel, m.
sitzgerät, ruhestuhl, gröszerer bequemer stuhl, meist mit lehnen und polster. ein gemeingermanisches wort, obwol nicht überall bezeugt, got. sitls, ags. setl (engl. settle), ahd. seʒʒal; ableitung zu sitzen, schon vorgermanisch gebildet, vgl. lat. sella aus sed-la, lakon. ἑλλά, gall. sedlon (Fick⁴ 2, 298), slav. sedlo 'sattel', s. Uhlenbeck 126. Noreen urg. lautl. 200. Weigand 2, 703. Kluge⁴ 326ᵇ. Grimm gramm. 2, 99. 3, 433. über das verhältnis zu sedel, sidel s. Noreen a. a. o. mundartlich auch setzel, so sèdsl im Donau-Lech-winkel, s. Baierns mundarten 1, 306. — im hd. zu allen zeiten bezeugt, ahd. seʒʒal, -el, seʒel cathedra, tribunal, solium, sponda (pl. seʒal neben seʒʒelâ?) Graff 6, 303, mhd. seʒʒel Lexer handwb. 2, 898, hier noch oft in einem weiten sinne (wie sitz):
(Maria) dû gotes seʒʒel, unt gotes kindes klôse.
minnes. 2, 381ᵇ Hagen;
das bluͦt ist ein sitz, oder ein sessel der selen. Keisersberg post. 3, 3ᵃ. auch 'unterlage des edelsteins in einem ring': daʒ sein (des diamants) kraft vil dester grœʒer sei, wenn man im seinen seʒʒel eisnein mach, sô man in in ain vingerlein wil setzen. Megenberg 433, 13. — im nhd. nur von einem sitzgerät: sessel, cathedra, sella, stipadium, sedes, sedile. Dasypodius; sässel (der) stuͦl, banck, sedes, sedile, cathedra, abacus, scabile, scamnum. Maaler 341ᵃ; sedile, ein sessel, ein sitz, ein banck stuel. Corvinus fons lat. 582ᵇ; sessel, sedia, seggia, .. auf (in) einem sessel sitzen. Kramer dict. 2, 771ᶜ; sessel, der, et alia dialecto siedel, die, sedile, sedes, sella. Stieler 2043; säszel (der) sella, sedile Steinbach 2, 582 neben seszel (der) 583; darin ist ain alter, herlicher man mit ainem langen, growen bart in einem sessel gesessen. Zimm. chr.² 3, 14, 23 Barack; Franz wirft sich in seinem sessel herum in schröcklichen bewegungen. Schiller 2, 187 (räub. 5, 1 schausp.); der marquis lag in einem sessel, den kopf zwischen beide arme geworfen. 3, 569; (ich) nöthig' ihn auf einen sessel in des zimmers mitte nieder. H. v. Kleist Käthchen 1, 1; er sei geng z'ringsetum hinter ihre seszle durchgegangen, und habe einer jeden ein kompliment gemacht. Gotthelf 1, 121 Vetter. sprichwörtlich: wer sich auf zwei sessel zugleich setzt, kann leicht auf die erde fallen. Wander 4, 544; österr. zwisch'n zwa sess'ln auf der erd' sitz'n, mit zwei projecten u. ähnl. durchfallen, weil man sich nicht für eins genügend verwendete. Hügel 148ᵇ; Andres war gleichsam zwischen zwei sesseln heruntergesessen. Meyer-Merian Mareili s. 134. — wie die angeführten autoritäten zeigen, wird sessel vielfach für stuhl, einzelsitz überhaupt gesagt (so auch Adelung); gewöhnlich wird es indessen in eingeschränkterem sinne angewendet, und da bezeichnet sessel dem stuhl gegenüber fast immer das gröszere, vornehmere, prächtigere oder bequemere möbel (ursprünglich umgekehrt, s. Heyne hausalterth. 1, 53). so ausdrücklich geschieden: an das vorzimmer stöszt ein kleines kabinet, schon wohnlicher und behaglicher, die stühle haben sich in sessel verwandelt. Hackländer krieg u. frieden 1, 8. sessel neben dem niedrigeren schemel:
auf dem sessel sitzt die dame,
auf dem schemel sitzt der ritter,
und sein haupt, das schlummermüde,
ruht auf den geliebten knieen.
Heine 1, 145 Elster (heimkehr Almansor 3).
ähnlich:
im sessel du, und ich zu deinen füszen,
das haupt zu dir gewendet, saszen wir.
Storm ged. 31.
vielfach als attribut von amt und würde, sessel des ministers, des richters u. a., so z. b.:
ietweder sol ein sessel hân,
darûf er size. ein buoch zertân
vor im sol ligen, daran stê
das reht geschriben. nu hörent mê:
sie son rihtern sîn gelîch.
Konrat v. Ammenhausen schachzabelb. 4243.
vgl. zusammensetzungen wie herrensessel, seggia, seggio alla nobile, reale, signorile, tribuna, seggio à trono. Kramer dict. 2, 771ᶜ (vgl. theil 4, 2, 1141); prang-sessel, ehren-sessel, sedia di parata ò da pompa. 772ᵃ; red-sessel, tribuna. ebenda; ratssessel, s. theil 8, 202. früher auch sessel des königs, wofür jetzt thron (vgl. königssessel, theil 5, 1715, und thronsessel theil 11, 433. auch im got., Col. 1, 16, steht sitlos als übersetzung von θρόνοι): könig sessel, solium Dasypod.; herrlicher sessel, thronus. ebenda; ein guldin kron, ein helfenbeinen sessel, ein helfenbeinen zepter. Carbach Liv. (1546) 15; der güldin sessel Vulcanj. H. Sachs 4, 3, 114ᵇ (überschr.); ein stuel bedeut ein amt und hoheit, oder ein weib .. der königin sessel, bedeut die königin, was nun dem stuel oder sessel böses oder gutes begegnet, das begegnet auch den obgemelten personen. Coler traumb. 241 (auch sonst wird ja in derartigen gebrauchsweisen überwiegend stuhl gesagt). vom throne gottes, bildlich: der himmel ist mein sessel, und das erdtreich ist ein schemel meiner füsz. Pauli sch. u. ernst 205 Österley;
des seʒʒel ist der himel dort
unt hie diu erde sîner vüeʒe schamel.
minnes. 2, 380ᵇ Hagen.
vgl. noch:
ab der künste seʒʒel
sitz, dâ si sâʒen.
Frauenlob 166, 11.
in andern fällen überwiegt der begriff des bequemen, zum ausruhen einladenden: in einem saͤssel sitzen unnd geruͦwen. Maaler 341ᵃ. schweiz. sës(s)el, 'jeder bessere stuhl': si wot nume-n im sëssel hoke, sie will nicht arbeiten, sondern die dame spielen. Hunziker 240. so als krankensitz: es war eine impertinente composition von laune meiner natur, die mich vier wochen, an den bettfus, und vier wochen, an den sessel anschraubte. der junge Göthe 1, 45; da ich mich in einem sessel, die füsze wie eine mumie verbunden, vor einen tisch gelagert habe. 50. dazu auch schlaf-sessel, s. th. 9, 308, sedia da dormirvi dentro. Kramer dict. 2, 772ᵃ. in ähnlichem sinne übertragen: führe mein Grandgauchiher ein hauszschwalm heim, die jhm ein gesellin sey inn der not, seins hertzens ein sessel, seim leib ein küssen und elenbogensteurerin. Garg. 69ᵇ. — nähere beschreibung und besondere arten: der sessel entspricht ursprünglich unserm stuhl, als das gewöhnliche sitzgerät für eine person, s. Heyne hausalterth. 1, 55. 108. 255. 373. eine bestimmte form läszt sich aus den alten quellen nicht erschlieszen. später wird das wort vielfach auf eine sitzform angewandt, die der altröm. sella curulis entspricht, einen zusammenlegbaren klappstuhl, ohne lehne, aber mit sitzpolster, der im mittelalter ebenfalls als prunk- und herrensitz dient und gewöhnlich valtstuol (woher fauteuil) heiszt, s. Heyne hausalterth. 1, 106 f. Schultz höf. leben² 1, 81 ff. sie dienen später auch als feldstuhl und als kirchenstuhl: zusammengelegter sessel, aliàs kirchstul, sella plicatilis. Stieler 2043; ein sessel den man zusammen legen kan. Frisch 2, 265ᵇ; kreutz-sessel, zusammenleg-sessel, sedia, seggetta piegante ò che si piega. Kramer dict. 2, 771ᶜ; feld-sessel, sedia di campagna. ebenda, sella castrensis Stieler 2044; 2 sesel auf welschs, wie du sy im sin hast gehabt, machen zu lassen, sind uberal beschlagen an örtern, das mons kan zusamlegen und uber lond fiern, wo man hin wil. Paumgartner briefw. s. 270 Steinhausen (sept. 1596). sessel in der kirche: da solichs die weiber haben gesehen, sind sie hinzuͦgelauffen und [haben] sie (die prediger) bei irem har ernidergeworfen und mit iren seslen wol erplüt und erzaust. d. städtechron. 23, 194, 4. eine ähnliche lehnenlose form hält sich noch länger in schlafzimmern und weiblichen boudoirs: sessel, ist eine art kleiner ausgestopffter und beschlagener niedriger stühle sonder lehne, so man insgemein in denen zimmern an die fenster oder ercker zu stellen pfleget, das frawenzimmer nennet sie auch nönngen. frauenzimmerlex. 1842 (Schultz alltagsleb. s. 131). s. auch öcon. lex.² 2722. Jacobsson 7, 342ᵃ. (nach Adelung würde dies in der umgangssprache die gewöhnliche bedeutung von sessel sein, ganz im gegensatz zum heutigen sprachgebrauche.) über ähnliche minder vornehme sitzgeräte s. unten.heute bezeichnet dagegen sessel im allgemeinen gerade einen sitz mit rücken- und womöglich auch mit armlehnen: sessel mit länen, sella dorsuaria et brachiata. Stieler nachsch. 27ᵃ; seszel, ein lehn-seszel, lat. sella reclinatoria, a tergo loricata. Apin gloss. 495; so in zusammensetzung: lehnen-sessel, arm-sessel, sedia d'appoggio, à spalliera, ò à bracci. Kramer dict. 2, 771ᶜ (vgl. th. 1, 560 und 6, 551: lehnsessel). gemeinsam beiden arten ist die polsterung: sessel mit läder überzogen, pellica Stieler 2044. — besondere arten: halber runder sessel, hemicyclus Dasypod.; doppelter sessel, sedia doppia Kramer a. a. o.; duppelter seszel, bisellium Stieler 2043; bogensessel, s. theil 2, 221; drehesessel, seggia girante, tornatile ò che si gira Kramer a. a. o. (vgl. th. 2, 1368); rollen- ò fahr-sessel, sedia à carrucola ò à carriuola. Kramer dict. 2, 772ᵃ (vgl. th. 3, 1263 und 8, 1150: rollsessel); tragsessel (vgl. daselbst), sedia, seggia, segg(i)etta, portatile ò à barra. ebenda. für dies gerät, darin vornehme personen und kranke getragen wurden (sänfte), auch sessel schlechthin: basterna, ein sessel, darauff man jemand trägt, eine senffte. Corvinus fons lat. 85ᵃ; auf (in) einem sessel getragen werden. Kramer dict. 2, 771ᶜ; einen auf einem sessel tragen, in sella aliquem ferre. Steinbach 2, 583; trug ich so schwer, von starckem wein, fürt man mich heym, im sessel bald. Garg. 89ᵃ. — im gegensatze zu diesen gebrauchsweisen bezeichnet sessel noch zuweilen gerade einen kleinern, minder bequemen und angesehenen sitz als stuhl: nidriger sessel, sedia bassa, seggiuola, seggetta. Kramer dict. 2, 771ᶜ; ein kleiner niedriger sessel ohne arme, und ohne rück-lehne, sellae sine cubitali et sine dorso, sella humilior. Frisch 2, 265ᶜ; dreybeinichter- sive schustersseszel, sessibulum tripus Stieler 2044. bei den bleiarbeitern ein kleiner tragbarer sitz aus einem brett, der an ein geknötetes seil gehakt wird und ihnen zum befahren der glockenthürme dient. ebenda. vgl. auch feld-sessel, s. oben. — sessel des wagens, wagensitz, wagenkorb:
(Poseidon) faszte die geiszel,
schön aus golde gewirkt, und trat in den sessel des wagens
(ἑοῦ δ' ἐπεβήσετο δίφρου — ?)
Voss Il. 13, 26;
und er entsank aufröchelnd dem schöngebildeten sessel
(εὐεργέος ἔκπεσε δίφρου — ?).
399;
vergl.: sella curulis, der sessel uffm wagen (miszverständnis? vgl. oben). Corvinus fons lat. 192ᵇ. in folgender stelle ist dagegen ein wirklicher thron gemeint:
dô saʒ diu Minne minneclich
ûf einem seʒʒel (daʒ sah ich)
imme wegenlîn enmitten.
Heinzelin v. Konstanz 1, 806.
der nachstehenden stelle läszt sich nur ein befriedigender sinn abgewinnen, wenn man sessel als den zum sitzen dienenden körpertheil versteht:
hier liegt Hortensius ein alt Parnassus-kind,
er wolte führer seyn, und war doch selbsten blind.
wer auf den grabestein sich nur wird wollen setzen,
dem wird die türre faust den sessel weidlich fetzen.
Hoffmannswaldau poet. grabschr. nr. 68 ('eines einfältigen schulmeisters').
als ausdruck der anatomie sessel des weckenbeins, sella turcica, s. Hyrtl kunstw. 160.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 631, Z. 70.

sisseln, verb.

sisseln, verb.,
kärnt. wetzen, schleifen, ásiss·ln, abwetzen, abtrennen, tüchtig prügeln. Lexer kärnt. wb. 234. vielleicht ist es ursprünglich lautmalend wie nd. sisseln, säuseln, zischen. Woeste 238ᵃ, deminutiv zu sissen, zischen. Frommanns zschr. 4, 35 (nordwestfäl.). ten Doornkaat Koolman 3, 188ᵃ, mnd. sissen, zissen. Schiller-Lübben 4, 217ᵇ; ndl. sissen; engl. siss, dem hd. zischen nahe steht. eng verwandt sind wol auch die gleichbedeutenden bildungen sirsen, ssirsen. ten Doornkaat Koolman 3, 188ᵃ, sisen. Woeste 238ᵃ. Vilmar 386, deminutiv siseken. Schambach 192ᵇ (dazu sisemänneken, aus schieszpulver gekneteter kegel, der zum spiel angezündet wird. Woeste 238ᵃ. Schambach 192ᵇ, daneben zisemänneken (Hildesheim). 81ᵃ, süsemänneken. 192ᵇ, dazu wol auch westfäl. sise, sisken, leise, sacht. korrespondenzbl. d. vereins für nd. sprachforsch. 12, 77), ebenso ziseken, lang gezogene wörter mit spitzem mund in feinem tone vorbringen, einnehmend, schmeichelnd reden. brem. wb. 5, 316 (dazu ziseke, zieske, schmeichler, zieskewäske, zieskezaaske, schmeichlerin. ebenda) und schweiz. zisen, zysen, zischen, gleiten. Stalder 2, 475 (dazu zysen, strahl einer flüssigkeit, zys, zisen, streifen, strieme. ebenda), das in der zweiten bedeutung eng an das oben erwähnte kärnt. sisseln rührt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1237, Z. 60.

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Zitationshilfe
„sisseln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sisseln>, abgerufen am 26.10.2021.

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