Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

sitte, f.

sitte, f.
mos.
I.
formales.
1)
das wort ist gemeingermanisch und lautet got. sidus; altnord. siđr, schwed. sed, dän. sæd; ags. sidu, seodu, siodu. Bosworth-Toller 871ᵇ, engl. fehlend; fries. side, sede. Richthofen 1002ᵃ; anderfrk. sido (bezeugt gen. sidin, dat. sida). Heyne kl. and. denkm. 171ᵇ, mndl. sede, nndl. zede; alts. sidu, sido, mnd. sede, nnd. sede, säde. ten Doornkaat Koolman 3, 167ᵇ, auch contrahiert zu se-e (zweisilbig), säe; ahd. situ, sito, im Keronischen glossar sidu. Graff 6, 159, im rheinfränk. Isidor dat. sing. sidiu 3, 16 Hench (vgl. Braune ahd. gramm. § 163), mhd. site, frühmd. sete, side. Lexer mhd. handwb. 2, 942. man vermutet etymologische verwandtschaft mit griech. ἔθος, gewohnheit, sitte, εἴωθα, bin gewohnt, ἦθος, sitte, gebrauch, herkommen, pl. wohnort, θεῖος, traut, skr. svadhā͏́, gewohnheit, sitte, behagen, lat. sodalis, gefährte und in weiterem grade mit lat. suesco. Uhlenbeck etym. wb. d. got. spr. 124. vgl. dazu Feist in Paul u. Braunes beitr. 15, 548. an ἔθος, ἔθω (perf. εἴωθα) erinnert schon Wachter 1529.
2)
sitte ist ursprünglich m., wahrt dies geschlecht ahd. durchaus, mhd. in der regel und scheint nhd. bis zum anfang des 17. jahrh. noch vorwiegend so gebraucht zu sein. in der schriftsprache ist es bis zur mitte des 17. jahrh. als m. bezeugt: guete wort und nichts darhinder, vil verhaissen wenig laisten war der sit. Aventin 1, 557, 8 Lexer; das sey ein ewiger sitte bey ewren nachkomen, in allen ewrn wonungen, das jr kein fett noch blut esset. 3 Mos. 3, 17; böser sitt, cacoëthes. Dasypodius; ain schönen vergulten kelch .., darauf des fundatoren namen und wappen zum schönesten, als domals der sitt gewesen, geschmelzt. Zimm. chron.² 1, 145, 37;
so bruchens ouch kein hoffart nit
und blibent stets uff eynem syt.
Murner geuchm. 735 Uhl;
der stark bedarf des arztes nit,
sonder der krank, das ist der sit.
schauspiele aus dem 16. jh. 1280, 719 Tittmann;
eins trœstet mich, ich sey der erste nicht,
es ist vorlangst gewesen auch der sitt.
Wackernagel deutsches leseb. 2, 228, 2 (von 1605);
dann geitz und hohfart ist ein sitt,
den gott will sträflich niderlägen.
Rompler 39.
mundartlich hält sich das m. bis heute, der sitt. Schöpf 676. das f., das aus dem häufigen plur. erwachsen zu sein scheint. Schm.² 2, 338, begegnet auf hd. sprachgebiet seit dem anfang des 13. jahrh. (für das nd. ist es bei Schiller-Lübben 4, 162ᵇ erst aus späterer zeit bezeugt):
dô wart gewâfent Irinc   nâch ritterlîcher sit.
Nib. 34, 4, 1 Zarncke;
daʒ ors einer site pflac:
grôʒ arbeit eʒ ringe wac.
Wolfram Parz. 161, 9;
al die wîle in gûter site
quam daʒ her in Kûrlant.
livländ. reimchron. 5912;
daʒ si da dugentliche mide
was nach cristenlicher side.
Elisabeth 2746 Rieger;
gedenk daʒ dein schepher was
mit solher sit auf erden.
Suchenwirt 40, 63.
zu überwiegen beginnt es erst seit dem 17. jahrh., sitt, f. Hulsius (1616) 299ᵃ. Schottel 1416, sitte, f. Stieler 2044 und so allein bis heute.
3)
das wort beginnt im ahd. aus der ursprünglichen u - declination in die der masculina der i - declination überzutreten. Braune ahd. gramm. § 230. mhd. flectiert es in der regel ganz wie der kurzsilbige männliche i - stamm wine, freund und der jo - stamm hirte. Paul mhd. gramm. § 118. 121. frühnhd. zeigt es als m. noch oblique casus nach der art starker stämme, wenigstens im sing., wobei der allgemeinen neigung dieser zeit gemäsz in der regel verkürzung eintritt:
seinen hohen verstand   ierret die jugent nit,
ist menigklich bekhant   wiszen den seinen sit.
lied auf die schlacht von Pavia in Wagners archiv 1, 164, 9;
er lepte glich dann irem sitt.
Ruff Etter Heini 1660 Kottinger;
meint ihr, das ich den sit nicht weisz?
Ackermann u. Voith 111, 1238 Holstein;
er (Baal) bleibt ein götz nach altem sitt.
H. Sachs 3 (1561), 1, 156ᵃ.
daneben weist das wort in mhd. zeit bisweilen schwache flexion auf:
wis ot stête an dime siten.
pass. 58, 47 Köpke;
vrouwe, törste iuch ie man biten,
daʒ ir lieʒet iuwer bœse siten,
die ir wider mînen herren tuot.
gesammtabenteuer 1, 53, 474 Hagen;
under in, als ich uch sagen wil,
werlich ir quam tzu fuʒe vil
der Frisen, als sie des haben siten.
Ludwigs kreuzfahrt 564;
der spigel hat den siten
und ist also gestalt.
Altswert 152, 31.
frühnhd. scheint im plur. schon die schwache flexion zu überwiegen: lere mich heilsame sitten und erkentnis. ps. 119, 66; die guten löblichen sitten, von den alten königen geordnet, thet er gar abe. 2 Macc. 4, 11; die sitten rächt gestalten, conformare mores. Maaler 375ᵇ; böse sitten schwerlich vermitten. Kirchhof wendunm. 4, 372 Österley. doch zeigt in derselben zeit auch der sing. nicht selten die gleiche flexion: (er) redet auch disen sitten gewesen sein den eltern aller gelertesten und hayligisten mannen, das sie inn den dingen des glaubens etwann sich zweitend, und nach jren argumenten nicht ains weren. Wackernagel ad. leseb.² 1045, 39 (Niclas v. Wyle); nach burgerlichem sitten unnd brauch handlen, more agere, institutisque civilibus. Maaler 375ᵇ; ich lob den sitten, der bei graf Endressen zeiten auch gewesen. Zimm. chron.² 2, 69, 4;
die Römer hetten disen sitten.
Ayrer 327, 15 Keller.
zu solcher flexion konnte der nom. mhd. site, nhd. sitte, wie er für das 16. jahrh. 3 Mos. 3, 17 bezeugt ist (s. oben), unmittelbaren anlasz geben. man bildet nun aber in frühnhd. zeit auch einen nom. sitten: von dem sagt man, als er noch daselbst zu hof gewest, hab er sein langes haar, wie domals der sitten gewest, im maienthow morgens früe in aim garten pflegt zu netzen. Zimm. chron.² 2, 462, 27 und dementsprechend wol einen gen. sittens:
von keyserlicher mayestat,
der sich ein gemein und erbar rat
frewt ihres demütigen sittens
und ihres ehrlichen erbietens,
das sie ob ihn wil halten schutz.
H. Sachs 2, 394, 7 Keller.
hier könnte allerdings auch der substantivisch gebrauchte infinitiv eines intransitiven verbs sitten vorliegen. vgl. das folgende. von der mitte des 17. jahrh. ab scheint wie das geschlecht auch die flexion nach der gewöhnlichen art der feminina (sing. stark, plur. schwach) festzustehen.
II.
bedeutung und gebrauch. das gebrauchsgebiet des worts war früher, besonders in mhd. zeit, gröszer als heute. zu unterscheiden sind im allgemeinen eine beziehung auf einzelne und eine anwendung auf gröszere kreise, gemeinschaften von personen sowie eine äuszerlichere und eine innerlichere bedeutung. die letztere erscheint, wenigstens in neuerer zeit, abgesehen von zusammenfassender und prägnanter anwendung, in der regel an den plural gebunden. von diesen hauptbedeutungen zweigen sich dann einige weitere ab, die meist der älteren zeit angehören.
1)
gewohnheit, brauch, gepflogenheit in allgemeinem äuszerlichen sinne.
a)
auf einzelne bezogen: des êrsten well wir sagen von den merwundern, der namen sich ze latein an ainem A anhebent, und dar nâch an ainem B, als unser sit vor gewesen ist. Megenberg 231, 7; nu hette der bapst einen sitten, das er sich offt vereinet und sein gebet sprach. Luther 6, 500ᵇ; es ist seine sitte nun so. Adelung;
aines sites er dô phlac,
daʒ er gerne aine
rait sîne birsewaide.
kaiserchron. 16795 Schröder;
der künec Gramoflanz pflac site,
im versmâhte sêre daʒ er strite
mit éinem man.
Wolfram Parz. 705, 19;
ich bin des milten lantgrâven ingesinde.
eʒ ist mîn site daʒ man mich iemer bî den tiursten vinde.
Walther 35, 8;
nu hêt der künec einen site ...:
daʒ er ze tische nie gesaʒ
des morgens, ê er eteswaʒ
von âventiure hiet vernomen.
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 247;
als er des in strîte siten het,
Ludewic vor si alle tet.
Ludwigs kreuzfahrt 6730.
sprichwörtlich: alte schuhe verwirft man leicht, alte sitten schwer. Simrock 450, 9550. e'rst 'n bede, den 'n sede, den 'n plicht (zuerst bittet man einen etwas zu thun, dann wird es eine gewohnheit und schlieszlich eine pflicht für ihn). ten Doornkaat Koolman 3, 167ᵇ.
b)
auf gröszere gemeinschaften, kreise von personen bezogen: dô sante der kunig von Indiâ ûʒ sîne boten daʒ si ime brêchten einen meister der ime bûwete einen palas nôch deme rômeschen siten. myst. 1, 24, 13; wann man hie angefangen hat, die preutt auff den adelichen sitten (nach der sitte der adelichen) in röcken gen kirchen zuͦ fieren. d. städtechron. 25, 272, 5 (Augsburg, von 1497); zo der selver zit hatten sich der pais (papst) mit dem keiser beraeden, dat si die Duitschen woulden schetzen, die paffen nae iren seden (ihren äuszeren lebensgewohnheiten) ind die leien nae iren seden. 14, 800, 31 (Cöln, von 1499); also begert der kaiser an sie (fremde mönche), dasz sie sollten ain ampt singen nach irem sitten. 25, 80, 20 (Augsburg, von 1517); und die andren burgerin truͦgen hernach klaine schlairlin, doch nicht auff den edlen sitten (nach der sitte der adelichen). 84, 8 (von 1518); dise christen haben kein glocken, und nichts dann ein creütz in jren tempeln, ruͤffen auff den griechischen sitten zur kirchen. Franck weltb. 2, 226ᵃ; hiezwüschen lagen das frawenzimmer in den fenster mit iren schwarzen sammatin schapperen und gugeln nach niderlendischem sitten. Zimm. chron.² 4, 293, 32; Teweschen hochtiet. dat ys: ardige vyf uptöge darin der eenfolligen bueren wunnerlicke see und selsene ree to sehn. titel einer 1644 gedruckten nd. bauernkomödie; wie es die sitten itzo mit sich bringen, ut nunc sunt mores. Steinbach 2, 593; jedes jahrhundert hat seine sitten. Adelung; sich auf des landes sitten verstehen. ebenda; mir aber hat von jeher geschienen, die gesetze müssen sich den sitten, und die maximen den zeiten anschmiegen, wenn der erfolg sie begünstigen soll. Schiller 7, 194; nach alter reichsstädtischer sitte posaunte der thürmer des hauptthurms so oft truppen heranrückten. Göthe 24, 130;
gên den unkunden   strichen si ir lîp,
des ie site hêten   wætlîchiu wîp.
Nib. 383, 2;
dâ wart ir bekant
vil manic site fremde,   den si ê nie gesach.
1281, 3;
sine wolde doch nicht melden   den site von ir lant,
swie lange si den hête   ze den Burgonden erkant.
1802, 4;
dô daʒ kint nâh rîterlîchen siten
wol gewêfent was und geriten.
Lamprecht Alexander 430;
daʒ was ein kappe wol gesniten
al nâch der Franzoyser siten.
Wolfram Parz. 313, 8;
swâ wîbes siten phlegten man (in bezug auf kleidung, haartracht),
die hieten grôʒen spot erliten.
Ottokar 77609 Seemüller;
dus geingen irre zwenzich der Wisen ...
mit scharlaichen unde gronen undersneden
gecleit na ritterlichen seden.
d. städtechron. 12, 145, 4330 (Cöln, Hagen);
bî hern Nîtharts zîten vorn
vant man niuwer site genuoc
von der bûren ungevuoc
mit gebære und gewant.
Teichner 34;
daʒ sy ersicht ain newen sitten (mode),
wie ainer ist ir rock geschnitten.
Keller altdeutsche erzählungen 188, 21;
seyt mir die schöne Magarich (l. -rit)
stach durch die ôren mit der nadel
nâch yres landes sitt.
Oswald v. Wolkenstein 6, 156;
und welcher schneider den mantel hat gesniten
der gevelt mir nit wol mit seinem neuen siten.
fastn. sp. 667, 2 Keller;
wer einen neuen siten (mode) erdenken kan,
es maint, es hab ain gutsz gethan.
671, 21;
seim leithund er hoflich zusprach,
wie dann das ist nach jägers sitt.
Teuerdank 40, 53 Gödeke.
etwas ist sitte, es ist sitte mit folgendem abhängigen satz oder zu und inf., wie es sitte ist. Stieler 2044. Adelung, älter als, so (es) sitte ist, in älterer zeit auch mit artikel: ze Rômo was sito, daʒ die forderen hiêʒen in tabulis al gescrîben, daʒ sie benêimdon iro afterchomon. Notker ps. 24, 10; iû uuas sito, so regiones provintie̜ uuurden, daʒ man hiêʒ siê zins keben. 49, 8; unde die furefarenten apostoli unde prophete̜ nechâden in niêht zuô, sô iʒ in Judea sito uuas: gotes segen sî uber iûh. 128, 8; umbe thene blata, gef hi enne mon sle, thet thrimene geld, and thi frethe lidzie uppa sine halse; thet twede geld geve sine friund, as er syde was. Richthofen 329ᵃ, 4; es ist nicht sitte in unserm lande, das man die jüngste ausgebe vor der eltesten. 1 Mos. 29, 26; die Scherpfin hat mit seiden und wollen fürbindig wol nehen und arbaiten künden, wie dann domaln der sitt gewesen. Zimm. chron.² 1, 448, 35; das herr Johanns Wörnher aus zorn ain langen sticher, wie dozumal der sitt gewest zu tragen, über sein herr vater zuckt, und wenig gefelt, er het den in in gestochen. 460, 32; her Wernher freiher zu Zimber hielt sich ganz altfrenkisch mit seinen claidern, wie es dann vor jaren in seiner jugendt der sitt war gewesen. 480, 16; wie domals der sitten gewest. 2, 462, 27 (s. oben I, 3); mit überreichung der feder als sitt ist. quelle bei Scherz-Oberlin 1506; es ist bey uns nicht sitte, non e usanza da noi. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 821ᵃ; ich bin ihnen zu allem, was sitte im lande ist (provision für das sammeln von subscribenten), gerne erböthig. Claudius 1, V;
thâr stuntun waʒarfaʒ,   sô thâr in lante situ was,
then mannon sus iowanne   sih zi wasganne.
Otfrid 2, 8, 27;
ther (Nicodemus) brang mit imo in wâra   salbun filu diura,
krist zi salbonne,   sô thâr was situ thanne.
4, 35, 20;
eʒ ist site mîner hêrren,   daʒ si gewâfent gân
ze allen hôhgezîten   ze vollen drîn tagen.
Nib. 1801, 2;
nû was eʒ ze den zîten site
daʒ der schuldegære lite
den selben tôt den der man
solte lîden den er an
mit kampfe vor gerihte sprach,
ob eʒ alsô geschach
daʒ er mit kampfe unschuldec wart.
Hartmann Iwein 5429;
es ist doch allweg gewesen sitt,
das man gern hört,
new mär von alten dingen.
Ambr. liederb. 140, 135;
ich bin
der meinung, ihre majestät, dasz es
so sitte war, den einen monat hier,
den andern in dem Prado auszuhalten,
den winter in der residenz, so lange
es könige in Spanien gegeben.
Schiller don Karlos 1, 3;
in ein'gen tagen werd' ich krank; man trennt mich
von der person der königin — das ist
an unserm hofe sitte, wie sie wissen.
2, 12;
zum kampfe zieht ein zärtliches geschlecht (das weibliche),
dem engen zwang entwachsen, nicht hinaus.
in andern landen mag es sitte seyn;
doch hier versagt's gewohnheit und gesetz.
Göthe 7, 312.
mit sinnverwandten ausdrücken verbunden: det is syd end plegha, det neen frouwe mei richter wesa um hyr onstedig syns willa. Richthofen 248ᵇ, 5; na wonheit und plechlikem sede. quelle-bei Schiller-Lübben 4, 162ᵇ; doch so soll er (wer aus der stadt fortziehen will) geben 3 nachsteur, als dann desselben mals sitt und gewonhait was. d. städtechron. 5, 200, 7 (Augsburg, 15. jahrh.); wo nu solcher rad und trewe ermanung nicht helffen wolte, sondern (die fleischer, bäcker u. s. w.) wölten also nach yhrem gefallen stoltziren und die leut trotzen, müste man thun, wie ynn etlichen steten sitt und gewonheit ist, das man einen redlichen fromen man auffwerffe, dem ein rad zwey odder drey hundert gülden fürstreckte, auff das er eine gantze stat mit fleisch odder brot versehe. Luther 16, 518, 17 Weim. ausg.; do hat in der ritter .. ermant und gepeten, bei seiner loblichen voreltern gebreuchen, sitten und cleidungen zu beleiben. Zimmersche chron.² 1, 482, 13; herr Wernher ... strüch sich herfür nach dem ansehenlichsten, alsdann dozumal der sitt und gewonhait was. 2, 8, 32; nach bürgerlichen sitten und gebräuchen, institutis civilibus. Steinbach 2, 594;
gesetz, gewohnheit, sitte darfst du nennen;
ich fühle mich erhoben über sie.
Göthe 7, 312.
sprichwörtlich: szo manch landt, szo manch sytten. Luther 6, 300, 31 Weim. ausg.; anders land, andere sitten. Kramer deutsch-it. dict. 2 (1702), 821ᵃ; andre zeiten, andre sitten. Müller Siegfr. v. Lindenb. 2, 198.
2)
lebensgewohnheit, brauch, gepflogenheit als äuszerung, bethätigung einer gesinnung, innerer art, zumal in hinblick auf moral und schicklichkeit, meist pluralisch. die besondere beziehung auf eins der beiden gebiete kann durch adjectiva ausgedrückt werden (z. b. reine sitten, moralisch, grobe sitten, in bezug auf gesellschaftlichen anstand).
a)
auf einzelne bezogen: ziêre lob tuôt imo (gott), des site ziêre sint. Notker ps. 146, 1; der volgit ouch vil saliclîchen dem crûce, allir tagelîch, der sîne sitte nâch gote gesetzit und der sînen lîp von unrehte behuotit. spec. eccl. 75; welhes menschen varb grüen ist oder swarz, der ist pœser site. Megenberg 43, 16; von der obirtretindin erbarkeit siner setin unde wandelunge. leben d. heil. Ludwig 19, 10; das si das thöchterchin sölde liblich ufczien in allen czüchten unde thögenden und sölde es lernen gute seten unde herlich geberde. Griseldis 12, 20 Schröder; Salomo aber hatte den herrn lieb, und wandelt nach den sitten seines vaters David. 1 kön. 3, 3; dann des Syllae ingenium und weisz zu handlen, waren in des Pompeji sitten, wie himmel und erden von einander. Schuppius 765; es bleibet wohl bey dem alten, das der so in künsten zu- und in sitten abnimt, mehr ab- als zugenommen habe. Butschky Pathm. 152; wir ändern wohl mit der zeit die kleider; nicht aber das gemütte, noch die sitten. 591; sich guter sitten befleissigen. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 821ᵇ; die groben sitten abgewehnen. ebenda; es ist aber zwischen einem menschen von guten sitten (bene moratus) und einem sittlich guten menschen (moraliter bonus), was die übereinstimmung der handlungen mit dem gesetz betrifft, kein unterschied, (wenigstens darf keiner sein). Kant 6, 190; ich hab das noch nicht gewuszt, dasz ihnen der mann von unbescholtenen sitten mehr ist als der von einflusz. Schiller kab. u. liebe 3, 2;
Keiî, daʒ ist dîn site, ...
daʒ dû den iemer haʒʒen muost
dem dehein êre geschiht.
Hartmann Iwein 137;
und dennoch mêr im was beredt
scham ob allen sînen siten.
Wolfram Parz. 319, 7;
si lebte in solhen siten,
daʒ ninder was underriten
ir prîs mit valschen worten.
427, 9;
wil denneʒ alter tumpheit üeben
unde lûter site trüeben,
dâ von wirt daʒ wîʒe sal
unt diu grüene tugent val.
489, 8;
wan wir haben an disen stunden
unverzagetlîch iuch funden,
daʒ man Olyvier und Ruolant
nie genendeclîcher vant,
und ist ouch daʒ mit kiuschen siten.
Willehalm 250, 19;
got si unse leite,
sin minne an uns sich breite
und beʒʒere al unse sete.
deutsche chron. 2, 66, 73 Weiland;
wente des en mach neimant wedderspreken mit rechte:
me schulle iomer des minschen edelcheit
aldermeist bekennen an der siden vromecheit.
422, 1633:
die best gezierd, und höhster nam
das sint guͤt sitten, zucht, und scham.
Brant narrensch. 9, 26 Zarncke;
von sitten war sie schön, von schönheit war sie reich,
von tugend war sie grosz, doch nur sich selber gleich.
Rist Parnasz 545;
was Sappho nun betrifft, so wirst du ihre sitten,
sammt aller ihrer kunst nicht wünschen oder bitten.
Rachel bei Steinbach 2, 594;
Achilles fällt und stirbt in seiner Brisis arm,
wenn ihm ein heisser kusz die lippen weich und warm,
die sitten lau gemacht, und den verstand entrîssen.
Günther 1063;
den übermuth des jünglings trag' ich nicht,
spart mir den anblick seiner rohen sitten.
Schiller M. Stuart 1, 3;
er warf sich auf zum richter meiner sitten!
jungfrau von Orleans 2, 2.
sprichwörtlich: böse geschwetze verderben gute sitten. 1 Cor. 15, 33; böses beispiel verderbt gute sitten. Simrock 41, 901. ähnlich: meyde ruchlose unnd die nicht werthe gesellschafften denn sie verderben die sitten. Comenius sprachenth. (1657) 931; hoffart besudlet schöne sitten, inquinat egregios adjuncta superbia mores. Dentzler 1, 357ᵃ. als der eigentliche sitz der sitten in tieferem sinne wird die seele bezeichnet: der augen gestalt und ir varb sint zaichen der guoten und der pœsen siten in des menschen sêl. Megenberg 10, 4.
b)
auf gröszere gemeinschaften, kreise von personen bezogen: wiewol dasselb vilmehr den bösen sitten deren verderbten und mit sünden geplagten nationen, dann des himels lauf oder dem gestirn, zuzumessen. Zimm. chr.² 2, 433, 18; seitmals zum tail dardurch wargenommen werden mag, was der zeit die verderbten sitten und gebreuch am französischen hof. 3, 260, 19; die verdorbenen sitten (des zeitalters). Haller 86 Hirzel (überschrift eines gedichts); wer sich unterfinge andre grundsätze einführen zu wollen, würde als ein vergifter unsrer sitten und als ein zerstörer unsers wohlstandes auf ewig aus unsern grenzen verbannt werden. Wieland 6, 112; ich fand ein hindernisz (beim studium der theologie) in meiner zunge, in meinem schwachen gedächtnisz, und viele heuchelhindernisse in meiner denkungsart, den verdorbenen sitten des geistlichen standes, und der wichtigkeit, worin ich die pflichten desselben setze. Hamann 1, 170; hier tritt nun eine subjective bedingung der vernunft ein: die einzige ihr theoretisch mögliche, zugleich der moralität .. allein zuträgliche art, sich die genaue zusammenstimmung des reichs der natur mit dem reiche der sitten, als bedingung der möglichkeit des höchsten guts zu denken. Kant 4, 270; er sollte uns in den hymnen desselben (des Orpheus), die sitten eines zeitalters entwickeln, das seine götter aus nothdurft und gefahr suchte, sie durch ehre und leidenschaft lenkte, und die ganze natur für und wider sich zu göttern belebte. Herder 2, 155 Suphan; schon unterwegs wollten dergleichen naturübungen (im freien zu baden) nicht gut zu den modernen sitten paszlich erscheinen. Göthe 48, 136; die oekonomie desselben (des schauspiels 'die räuber') machte es nothwendig dasz mancher karakter auftreten muszte, der das feinere gefühl der tugend beleidigt, und die zärtlichkeit unserer sitten empört. Schiller 2, 5; eure gerühmte schule der sitten (das theater), wie oft nur die lezte zuflucht des gesättigten luxus? 3, 512;
die königin (Ceres) ziehet ein,
die bezähmerin wilder sitten,
die den menschen zum menschen gesellt.
11, 292;
heil'ge ordnung, ...
die herein von den gefilden
rief den ungesell'gen wilden,
eintrat in der menschen hütten,
sie gewöhnt zu sanften sitten.
315;
nun sehen wir nach langem schönen frieden
in das gebiet der sitten rohe wuth
im taumel wiederkehren.
Göthe 9, 164.
sprichwörtlich: ausz boszen sitten komen gutte gesetz. Luther 15, 694, 22 Weim. ausg.; böse sitten machen gute gesetze. Schottel 1124ᵇ; schlechte sitten machen gute gesetz. Simrock 450, 9549. die guten sitten, das nach allgemeinem urtheil in bezug auf anstand und moral erforderliche: wider die guten sitten. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 821ᵃ; was wider die guten sitten streitet. Adelung; um ihre zusammenkünfte dem gemeinen wesen so nützlich zu machen als sie ihnen selbst angenehm waren, erwählten sie die beförderung der tugend und der guten sitten unter ihrem geschlechte zum gegenstand ihrer groszmüthigen bemühungen. Wieland 11, 6.
3)
singularisch als zusammenfassende bezeichnung der lebensgewohnheiten, gepflogenheiten, der gewohnheitsmäszigen art zu leben, sich zu bethätigen.
a)
in allgemeinem sinne, von gröszeren gemeinschaften:
der site was im wol bekant,
des man in den landen pflac.
livländ. reimchron. 3168;
ein jowelk lant heft sinen sede.
Gerh. v. Minden 13, 1 Seelmann.
b)
in tieferem sinne, von einzelnen: riurjand sidu gôdana gavaurdja ubila. 1 Cor. 15, 33 (bei Luther im plur., s. oben 2, a); nu scult ouh ir gedenchen danach daʒ iwer site und iwer leben so getan sî, daʒ ir sîniu (gottes) chint geheiʒʒen muget. spec. eccl. 185;
sî therer situ in manne,   ther tharana gange:
thu scalt haben guati   joh mihilo ôtmuati,
in herzen io zi nôti   wâro kâritâti.
Otfrid 1, 18, 31;
er ist lasterlîcher schame
iemer vil gar erwert,
der noch nâch sînem (des königs Artus) site vert.
Hartmann Iwein 20;
gy synt van söter wandelyngen, ...
gheystlyk unde van guder sede.
Reinke de Vos 2815 (von menschlich gedachten thieren);
reines herzens war er, reiner sitte.
Hölty 62, 17 Halm.
auf gröszere kreise bezogen:
als jungen mann entführte schon,
zu wilden stämmen, mich der geist hinüber.
in's rohe leben bracht' ich milde sitte.
Göthe 9, 377.
die gute sitte, das nach allgemeiner anschauung im gesellschaftlichen verkehr schickliche.
4)
einige eigenthümlichkeiten bietet die beziehung des worts auf religiöses gebiet. es kann natürlich ohne weiteres auf religiöse, rituelle bräuche bezogen werden: zi site, rite (den Bacchus feiern). glosse zu Vergil georg. 2, 393. Graff 6, 159; der Romere sede was sogedan: swaʒ se kopen solden oder under in verkopen wolden, des opperenden se ime (dem Mercur) ein deil. d. chron. 2, 80, 36; darumb verliessen sie die sitten jrer veter, welche viel götter hatten, auff das sie dem einigen gott des himels dienen möchten. Jud. 5, 7; nachdem euch beide, nach dises lands heyligem sitt, die priesterin der göttin Ceres, nach gemeinem prauch inn die eheliche beyschlaffekammer hat eingeschlossen. Fischart ehezuchtb. Aᵃ;
so ther antdag sih thô ougta,   thaʒ siu thaʒ kind sougta,
thô scoltun siu mit willen   then wîʒod irfullen,
then situ ouh, then io thie alten   fordoron irvultun (circumcisionem
pueri et purgationem s. Mariae).
Otfrid 1, 14, 3;
sie bauten einen tempel grosz darin
zuͦ eren Zise der abgöttin,
die sie nach heidnischem sitten
anbetten zuͦ denselben ziten.
d. städtechr. 4, 347, 135 (Augsburg, 15. jh.).
biblisch die sitten im haus des herrn, die darin gelten, und ähnlich die sitten des hauses (des herrn), des heiligthums, des altars, die dafür gelten: und wenn sie sich nu alles jres thuns schemen, so zeige jnen die weise und muster des (gottes-) hauses, .. und alle seine sitten, und alle seine weise, und alle seine gesetze. Hes. 43, 11; dis sollen die sitten des altars sein, des tages da er gemacht ist, das man brandopffer drauff lege, und das blut drauff sprenge. 18; du menschenkind, mercke eben drauff, und sihe und höre vleissig auff alles was ich dir sagen wil, von allen sitten, und gesetzen im haus des herrn. 44, 5; jr .. haltet die sitten meines heiligthums nicht, sondern machet euch selbs newe sitten in meinem heiligthum. 8; die priester aus den Leviten, die kinder Zadok, so die sitten meines heiligthums gehalten haben. 15. gleichfalls in biblischer sprache die sitten gottes, die bräuche, gesetze, die gott vorgeschrieben hat: warte auff die hut des herrn deines gottes, das du wandelst in seinen wegen und haltest seine sitten, gebot, rechte, zeugnisse, wie geschrieben stehet im gesetze Mose. 1 kön. 2, 3; so du wirst in meinen (gottes) wegen wandeln, das du heltest meine sitten und gebot. 3, 14; das wir wandeln in allen seinen (gottes) wegen, und halten seine gebot, sitten und rechte, die er unsern vetern geboten hat. 8, 58; ewr hertz sey rechtschaffen mit dem herrn unserm gott, zu wandeln in seinen sitten, und zu halten seine gebot. 61; du (gott) .. hast mit jnen vom himel geredt, und gegeben ein warhafftig recht, und ein recht gesetz, und gute gebot und sitten. Nehem. 9, 13; das sie hielten und thun wolten nach allen geboten, rechten und sitten des herrn unsers herrschers. 10, 29; er (gott) zeiget Jacob sein wort, Israel seine sitten und rechte. ps. 147, 19; auff das sie in meinen (gottes) sitten wandeln, und meine rechte halten, und darnach thun. Hesek. 11, 20; sie (die priester) sollen hinein gehen in mein (gottes) heiligthum, und fur meinen tissch tretten mir zu dienen, und meine sitten zu halten. 44, 16. ähnlich, singularisch, zusammenfassend:
er (Johannes der täufer) hieʒ sie alle wandern
nach dem gotlîchen siden.
erlösung 3898.
sonst auch in älterer sprache singularisch für die gesamtheit der religiösen vorschriften, die objective religion:
geloubet ot, des ich uch bite,
als uns der cristenlîche site
lêret an den gûten got.
pass. 257, 58 Köpke;
woltestu (Jesus) uns machen ain neuen sitten.
altd. passionssp. aus Tirol 386, 1295 Wackernell.
5)
in älterer sprache häufig im allgemeinen sinne von benehmen, verhalten, indem der begriff des dauernden zurücktritt:
dô sich daʒ ros erholte,   der küene Sîfrit
der gewan in dem sturme   einen freislîchen sit.
Nibel. 209, 4;
ich möhte wol verwâʒen
mîne zornige site.
Hartmann Iwein 2027;
ze sîner red er phlac
schôner site und gebâr.
Ottokar 4059 Seemüller;
heiʒet in des bitten,
daʒ er phlege guoter siten.
32493.
gewöhnlich adverbial und pluralisch:
als dû gâhest ûʒem fiure
gebâr mit rede und ouch mit siten.
Wolfram Parz. 647, 7;
meist mit adjectivischen zusätzen:
verseit er iu die reise,   ir sult mit guoten siten
durch iwer swester liebe   der ferte in friuntlîchen biten.
Nibel. 498, 3;
des wil ich dich, Prünhilt,   vil friuntlîchen biten
daʒ du lâst die rede   durch mich mit güetlîchen siten.
765, 4;
mit senften siten niht ze hêr
gienc dâ rittr und knappen mêr
mit zühten ûf der gotes vart.
Wolfram Parz. 446, 27;
zuo Gâwân si kom geriten
mit alsô zornlîchen siten,
daʒ ich michs wênec trôste
daʒ si mich von sorgen lôste.
516, 18;
daʒ er im sîne schulde
vergæbe, des begunder biten
mit vil diemüetigen siten.
Stricker Amis 1130;
hievon ich vlîʒeclîch üch bite,
daʒ ir mit vlêhenlîchen siten
wollet got vor mich biten.
pass. 199, 38 Köpke;
mit vrôlîchen siten
urloubt er sich dâ
von dem kunic Wenzlâ
und von der kuniginne.
Ottokar 20445 Seemüller;
des wel ich gehen mit gudden sidden,
minen herren umb das heubt bidden.
Alsfeld. pass. 990 Grein;
(jungfrauen) die nur mit stummen sitten
und siegelfestem mund jhr angesicht erbitten (erbieten)
wie larven ohne hirn: die tügen nicht hieher (zur liebe).
Logau 2, 13.
singularisch:
unz das er in an wurd rennen
und jn umb gnad bitten
mit ernstlichem sitten.
des teufels netz 12485.
6)
eigenartig ist die zu der folgenden anwendung überleitende mhd. verbindung des worts mit dem gen. eines abstractums, das eine menschliche eigenschaft oder bethätigung bezeichnet. sie erklärt sich am leichtesten aus einer art personifizierung eines solchen abstractums, wie sie in folgender stelle hervortritt: so sie ir unwirdekeit ie offenlîcher verstuonden, sô sie die genâde ie lûterlîcher erkanten, diu sie ir grôʒen unwirdekeit niht lieʒ enkelten, sie tæte mit in unde an in genâden site, daʒ ist wol tuon den unwirdigen. myst. 1, 332, 30. in weiterem umfang verwendet besonders Wolfram die verbindung:
dô enpfienger si nâch zühte site.
Parz. 83, 10;
ine weiʒ wer si des bæte:
juncfrowen in rîcher wæte
und an lîbes varwe minneclîch,
die kômen zühte site gelîch.
167, 4;
dâʒ ors warf er mit zornes site
vaste ûʒ dem stîge.
260, 22;
sol ich begên noch strîtes site,
so bint mirn helm ûf.
577, 10;
trüege dise pfîle ein mûl,
eʒ wær ze vil geladen dermite,
die Gâwân durch ellens site
gein sîme verhe snurren lieʒ,
als in sîn manlîch herze hieʒ.
583, 22;
ich sage vil lîht waʒ dâ geschach (von den liebenden),
wan daʒ man dem unfuoge ie jach,
der verholniu mære machte breit ...
zuht sî deʒ slôʒ ob minne site.
643, 8;
man möhteʒ den vier briuten
niht baʒ erbietn mit freude siten.
755, 15;
ûf Munsalvæsche wart geriten
al weinde und doch mit freude siten.
793, 30;
dise zwêne enpfienc dô Anfortas
vrœlîche und doch mit jâmers siten.
795, 1;
ouch dienten si mit zühte siten
ir vetern und leisten sîn gebot.
Willehalm 30, 14;
daʒ was ze jâmers siten frum.
73, 28;
ire örs, nâch wunshes siten,
wol nâch lust si beriten
vor Akers ûf der plânie dâ.
Ludwigs kreuzf. 2676.
auch der gen. eines inf. erscheint hier:
die teiltens âne bâgens site.
Parz. 191, 6;
den wil ich in belîbens siten
zuo komen geriten.
Ottokar 38999 Seemüller.
7)
im weiteren sinne von art, eigenthümlichkeit, eigenschaft.
a)
in beziehung auf personen: also dero sito ist diê sih mîdent, daʒ siê rotemen gefâhent under oûgen. Notker 70, 13;
er (Christus) starp nâch menschlîchen siten.
Reinmar v. Zweter 1, 9 Roethe;
sus wil ich (Christus) ûf der erden
geborn mensche werden
nâch menschelîchen siden.
erlösung 959;
ere he (Christi leib) de marter lede
nach mynscheliker ârt unde sede.
Schönemann sündenf. u. Marienkl. 162, 174.
b)
in beziehung auf thiere zunächst in engem anschlusz an 1 und 2: habe îedoch gegen mih den sito dero rêion unte des hintkalbes, dîe der gerno scato in der hizzo sûochent unte ze berge gerno stîgent, unte dîe man îedoh etesuuanne unte etesuuanne sihet. Williram 47, 8 Seemüller; an dem pfärd under allen tiern prüeft man an den ôrn sein siten, wan rescheu pfärt habent kurzen ôrn, aber trægeu pfärt habent lange orn. Megenberg 136, 33; daʒ ist wider aller anderr vogel siten (ihresgleichen zu verfolgen). 208, 5; wærleich, daʒ ist wol ain wunder, daʒ sich an dem tier paideu nâtûr und nâtürleich siten und auch der nam verändert. 231, 21;
den wîsen lêrte sîn gedanc
daʒ er daʒ ors mit sporn rite
unz er versuochte sînen site.
Wolfram Parz. 540, 8;
waʒ ist diu werlt mêr dann ein âs?
ei daʒ du sie sô liep hâs,
armer mensche! umbe waʒ? ...
daʒ herze daʒ hât raben site.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2310;
die henne macht ain gros geschrai
von wegen aines clainen ai,
und raizt doch nur den fuchs damit.
also ist ir naturleicher sit.
Vintler blum. der tug. 4607;
vom thier in der fabel:
sie hielt der mayenkäfer sitten,
die feinde von den schwarzen sind.
Lichtwer (1828) 19.
aber auch freier:
der mir gæb nâch tûben site
vedern, dâ ich fluge mite.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 1970.
c)
in beziehung auf sächliche concreta und sonstige substantivische begriffe:
dô ich ze verhe was versniten,
isâ chunde ich wol der wunden site,
daʒ ich ir nimmer mohte genesen.
Wackernagel altd. leseb.² 272, 32 (12. jahrh.);
nû hœrt dirre âventiure site.
diu lât iuch wiʒʒen beide
von lîebe und von leide.
Wolfram Parz. 3, 28;
ein kriuze nâch der marter site,
als uns Kristes tôt lôste,
lieʒ man stôʒen im ze trôste,
ze scherm der sêle, ubers grap.
107, 10;
daʒ waʒʒer fuor nâch polze siten,
die wol gevidert unt gesniten
sint, sô si armbrustes span
mit senewem swanke trîbet dan.
180, 29;
diz mære ist hie vast undersniten,
eʒ parriert sich mit snêwes siten.
280, 22;
ir banier gâben schîn
von tiuren fremdeclîchen sniten
nâch der gâmâne (einer art edelsteine) siten.
Willehalm 16, 12;
gel ist ain varb ungenem ...
von der varb siten wil ich sagen,
wann dem siten trag ich hasz.
fastn. sp. 779, 28 Keller;
der varb siten ain ieclich man
wol vernumen hat zu der vasnacht.
781, 17;
doch bessers weisz er (der mensch) nichts damit er zeigen kan,
dasz er die kleine welt, zum herren sey gesetzet
der grossen, die ihn nehrt, als wann er sich ergetzet
mit seiner sinnen kraft, .. und macht ihm auff den grundt
die sitten der natur sampt ihrem wesen kundt (dazu die anm.: Propertius: tum mihi naturae libeat perdiscere mores).
Opitz 1, 23.
d)
allgemein in adverbialen fügungen, ohne unmittelbare beziehung auf einen substantivischen begriff: endi hebit zi dhemu selbin sidiu chiburdi bighin dhiu zifarande chiscaft dhero dodhliihhono. Isidor 3, 16 Hench;
ir gezelt wârn gesniten
wol nâch kostebæren siten.
Wolfram Willeh. 234, 12;
veiʒt und mager, in bêden siten,
ein guot fleisch lac dâ bî.
Wernher Helmbr. 868;
der eine (sack) ist vol unversniten
klein lînîn tuoch in den siten (von der art),
swer sîn ze koufe gert,
diu eln ist fünfzehn kriuzer wert.
1333;
der (sessel) was mit guoten sitten
gewürket ûʒer golde.
Heinzelin v. Konstanz 1, 807;
geht es nit,   nach diesem sitt,
so buck sich einer dawider.
Ambras. liederb. 132, 75.
8)
bisweilen wie regel im allgemeinen sinne des durchgängig gültigen oder geschehenden, vorkommenden: wie dann der sitt in allen landen, das die pfaffen und domherren schleckerhaft sein und wol leben. Zimm. chron.² 3, 250, 38;
der site nieman verbirt:
swaʒ lebet, daʒ muoʒ ersterben.
Rudolf v. Ems Barlaam 34, 6;
das ist die alte sitt,
süss kompt ohn bittres nit.
Petri bei Wander 4, 577;
ey, hält nicht abgang und ersatz
auf erden gleiche schritte?
die mutter macht der tochter platz (indem sie stirbl),
war das nicht immer sitte?
Gotter 1, 90.
9)
prägnant.
a)
im anschlusz an 2.
α)
hier kann mit einiger sicherheit die beziehung auf gröszere kreise als das frühere bezeichnet werden, weil das in gröszeren kreisen gewöhnliche in ältester zeit naturgemäsz als das gute und schickliche aufgefaszt wird:
ê ich iwer enbære,
ich bræche ê der wîbe site.
Hartmann Iwein 2329;
ich sollte minder offen seyn, mein herz
dir mehr verbergen, also will's die sitte.
Schiller Piccolom. 3, 5;
o sittsamkeit,
noch sittlicher als sitte!
Grillparzer (1887), 152;
ihr ist die sitte ein gegebenes, sein souveränes umspringen damit ist ihr ein greuel. Ludwig 4 (1891), 12; anstand und sitte verletzen. zur beziehung auf einzelne in prägnanter bedeutung überleitend:
du solt dich site nieten,
der werlde grüeʒen bieten.
Wolfram Parz. 127, 19;
doch der mensch in ihrer mitte (zwischen thier und gott)
soll sich an den menschen reihn,
und allein durch seine sitte
kann er frei und mächtig seyn.
Schiller 11, 299.
β)
auf einzelne bezogen:
er brah sîn site und sîne zuht
und zarte abe sîn gewant,
daʒ er blôʒ wart sam ein hant.
Hartmann Iwein 3234;
sî brach ir zuht und ir site:
sî gram unde roufte sich.
arm. Heinrich 1286;
(ich) will sehen die frauen sein,
ob sie sey besser, als die mein,
mit tugent und sitten geziert.
Ayrer 327, 6 Keller;
davon ich die historiam
hier nicht erzähl' aus sitt' und scham.
der junge Göthe 3, 174;
glaubt ihr, es sey ein weib von solcher schönheit und sitte
aufgewachsen, um nie den guten jüngling zu reizen?
werke 40, 301;
eben so gibt es sitten (conduite) ohne tugend, höflichkeit ohne wohlwollen, anständigkeit ohne ehrbarkeit u. s. w. Kant 7, 52; die männer von stand und sitten umgaben den grafen. Göthe 17, 249.
b)
in etwas allgemeinerem sinne, von maszvollem benehmen überhaupt: von sitten und von unstüemekeit. Boner 66.
c)
häufig begegnet in älterer sprache in prägnantem sinne die verbindung mit sitten. in der bedeutung sittig, höflich, freundlich:
ich bot jr freuntlich meynen gruͦsz:
sie dancket mir mit sitten.
wie wol gefiel mir das!
bergreihen 106, 7 neudruck.
ähnlich in freierer fügung:
si (die worte Hartmanns v. Aue) koment den man mit siten an,
si tuont sich nâhe zuo dem man
und liebent rehtem muote.
Gottfr. v. Straszburg Trist. 117, 31 Maszmann.
wie maszvoll, behutsam:
der ander (amptman) schichte alle daʒ,
daʒ man ze hove solte hân,
eʒ wærin vrouwen oder man;
daʒ riht er ûʒ mit sitten.
Boner 62, 9;
der lantgreve sprach: 'nu haldet hie
und schicht euch selben, wie ir welt;
(er reitet vor) ...
wen so ewch habt geschichet ir
so vart mit siten nach mir.
Ludwigs kreuzf. 4093;
sy sprach: var hin mit sitten,
hüt dich vor kalamiten.
Oswald von Wolkenstein 28, 1, 23.
d)
ähnliche adverbiale verbindungen mit prägnanter bedeutung:
etet te seden ende te maten.
Reinaert I 666 Martin;
aber seh' ich, wie im alltagskreise,
frei und fröhlich, doch nach sitt' und weise,
sie so mädchenhaft sich haben kann.
Bürger 5ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1238, Z. 26.

sitte, adj.

sitte, adj.,
dasselbe wie sittig, wol aus der verbindung es ist sitte erwachsen, in folgender stelle:
an ihrem leib da ist sie weis,
sie hat ein sitten gang.
bergreihen 40, 12 neudruck.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1248, Z. 6.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
simentsfeuer skorpfisch
Zitationshilfe
„sitte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sitte>, abgerufen am 25.10.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)