Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sittsam, adj.

sittsam, adj.
gute sitte habend. schon ahd. ist bezeugt situsam, habilis. Graff 6, 161 (habelis. Steinmeyer - Sievers 1, 166, 33, bibelglossen), also, wenn man der lateinkenntnis der übersetzer trauen darf, prägnant, aber in einer dem verb. sitôn nahe stehenden, mehr äuszerlichen bedeutung, mhd. nicht belegt, nhd. bei Stieler 2044 und Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 821ᶜ als gleichbedeutend mit sittig verzeichnet, modestus, moratus, moderatus, placidus. Steinbach 2, 594, ähnlich bei Frisch 2, 281ᵇ und Adelung. im älteren nhd. begegnet sidtsam H. Sachs 14, 137, 1 Keller - Götze (s. unten 1, e), sitsam 151, 29 (s. 1, e), Scherffer 98 (s. 3), sizam steir. taid. 121, 34 (s. 1, e), sitzam H. Sachs 3, 1, 138ᵃ (s. 1, a), sittsamb. quelle von 1591 bei Schm.² 2, 338 (s. 3). auch verkürzung zu sitzin ist bezeugt: tzu lobe und tzu eren gote und synre liebin mutir, der sitzin juncfrowen Maryen. quelle bei Scherz-Oberlin 1507.
1)
gesittet, ehrbar, züchtig, bescheiden, maszvoll, in neuerer zeit, wie Campe bemerkt, vorzugsweise auf reinheit und unschuld der sitten gehend, ehrbarkeit in sexueller hinsicht bezeichnend, und meist in bezug auf weibliche personen gebraucht.
a)
von personen: sie (das volk der Ichthyophagen in Afrika) fallen auch umb jhrer schlechten groben speisz willen, selten in eyn kranckheyt, suͦchen nichts dann den hunger zubüssen, mit trincken von hitz wegen, nit also sitsam. Franck weltb. 1, 14ᵃ; lächlen und freundlich lachen ist eines sittsamen menschen, überlaut lachen (schrachteren) ist unhöfflich. Comenius sprachenth. übers. von Docemius (1657) 845; uberaus sittsam, comisissimus, lepidissime ingeniatus. Stieler 2044; ein sittsamer mensch, modesto, moderato, posato, quieto. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 821ᶜ; der sittsam ist, qui temperatis moderatisque moribus est. Steinbach 2, 594; ein sittsamer knabe, puer bene moratus. ebenda; sittsame bürger, cives modesti et pudentes. ebenda; so begnügt sich ein sittsamer dichter an dem beyfall der könige, ohne zu verlangen, an ihre rechte erhöht zu werden. Lessing 12, 92; diese unerwartete frage (der fee Krystalline nach ihrer verwandlung aus dem nachtgeschirr in ihre natürliche gestalt) brachte den sittsamen Biribinker ein wenig aus der fassung. Wieland 12, 187; ein sittsames mädchen, weib. Campe;
was geht mich Jeremias an,
ist ein grober pewrischer mann ..
auff unser rabbi halt ich mehr,
die sindt sitzam in jrer lehr,
dem köng freundtlich und angenem.
H. Sachs 3 (1561), 1, 138ᵃ.
b)
vom menschlichen innern und vom äuszern, das von sittsamkeit zeugt: ein sittsames gemüt, un animo modesto, moderato, posato, quieto. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 821ᶜ;
ist scham und ehr in euch (jungfrauen)? so redet stilleschweigen
genug von euch für euch, so kan die hertzen neigen
zu eurem schutz und gunst, ein sitsam angesicht,
das jedem von sich selbst zu hold und dienst verpflicht.
Logau 2, 67;
sittsam war dein (eines mädchens) aug, voll mädchenmilde,
der die andacht reize lieh.
Hölty 160, 5 Halm.
c)
von menschlicher bethätigung: sittsame frewde, mässige fröligkeit, gaudium. Corvinus fons latinit. 1 (1660), 292ᵃ; ein sittsames leben, sittsamer wandel, vita modesta, placida, manierosa. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 821ᶜ; eine satire ist nicht so sittsam als eine moralische rede. Haller 48 Hirzel; sittsames betragen;
sie öffnet' ihm (Jesus) voll freudigkeit,
sie neigt sich tief zur erden
und bot ihm freundlich gute zeit
mit sittsamen geberden.
wunderh. 1, 58 Boxberger;
mir trat mit sittsamen gebehrden
ein heer vergoldter diener nach.
Lichtwer (1828) 6.
d)
entsprechend adverbial: fein sittsam sich geberden. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 821ᶜ; seine augen regierte er so sittsam als wann man eine unschuldige weibsperson in seine paruque gestecket hätte. polit. stockf. 50;
die nympfen des balls flohn wider gebühr (beim fall einer tänzerin),
und lachten — doch männer wie ich,
verstummten sittsam.
Thümmel reise 6 (1794), 257.
e)
mit sinnverwandten ausdrücken verbunden: man solle sich (beim erscheinen vor einer behörde) mit wort und geberten fein sizam, still und bescheiden halten. steir. u. kärnt. taid. 121, 34 (17. jahrh.);
forthin wil ich (ein mann) leutselig sein,
in wort und wercken lindt und sidtsam,
gutwillig, holdselig und mitsam,
gruszpar und freündtlich iederman,
der obrigkeyt und undterthan.
H. Sachs 14, 137, 1 Keller-Götze;
frümkeit ist ghorsam und demütig,
diensthafft, holdtselig, trew und gütig,
friedtlich, freündtlich, milt und mitsam,
redtlich, auffrichtig und sitsam,
stil, warhafft, verschwiegen, genügsam,
bescheiden, senfftmütig, gerügsam,
messig und züchtig alle zeyt.
151, 29;
schaw, durch die drey gemelten stück
hat dieser alt mann durch gelück
sein zenckisch weyb gemachet fridtsam,
tugentlich, demütig und sitsam.
265, 2;
an die thüren will ich schleichen,
still und sittsam will ich stehen,
fromme hand wird nahrung reichen.
Göthe 19, 227.
freier: er (der verstand) fängt es aber hiermit (mit der schwärmerei) sehr unschuldig und sittsam an. Kant 3, 237.
f)
wörtern entgegengesetzter bedeutung gegenüber gestellt: läszt sie nicht so freche blicke auf dem buben herumlaufen, mit denen sie doch gegen alle welt sonst so sittsam thut? Schiller räuber trauersp. 4, 6;
wollüstig nur an meiner seite
und sittsam wenn die welt sie sieht (ist die geliebte).
Göthe 47, 10.
2)
wie bescheiden, sanft, keusch, übertragen auf blumen: liebe geliebte! darf der volle blumenstrausz nur sittsame rosen, stille vergiszmeinnicht und bescheidne veilchen zeigen, und was sonst mädchenhaft und kindlich blüht, oder auch alles andre was in bunter glorie sonderbar strahlt? Schlegel Lucinde 270;
wer mahlt uns je das heil'ge zauberblau
der sittsamen und duftenden viole?
Lavater handbibl. für freunde 3 (1790), 31.
auf den mond:
wer ist diese, die dort aus dem duftenden haine hervor geht,
schön wie der sittsame mond, und wie die ceder erhaben.
Wieland suppl. 3, 97 (prüf. Abrah. 3, 202).
3)
im freieren sinne von mäszig, sacht. vergl. sittig 5 und sittlich 5. adverbial, in beziehung auf personen und allgemeiner: dasselbe vich si auch gemelich und sitsam sollen treiben des morgens über die alm. tir. weisth. 4, 741, 15 (von 1451); röste es wol in einer pfannen sittsam ob einem kolfeuwr. Fronsperger kriegsb. 2 (1573), 196ᵃ; wir hatten guten wind, fuhren sittsam, mit auffgespannten seglen, durch die schroffen vom berg Parnassi, da er ins meer stöszt, bey den inseln hin. buch d. liebe 198ᶜ; sittsam zergehen und an einem linden kolfewer erwarmen lassen. eselkönig 348; wenn (im himmlischen Jerusalem) wasser weren, müszten sie (bei einem fest) sittsamer rauschen. Seyfart himml. Jerus. 1 (1630), 229; fein sittsam singen, spielen, adagio. Kramer deutsch-it. dict. 2 (1702), 821ᶜ;
wan morgenröth sich zieret
mit zartem rosenglantz,
und sitsam sich verlieret
der nächtlich sternentanz.
Spee trutznacht. (1649) 1;
ja, was Phoebus glut durchächtet
und den tag hat müssen fühln,
das kan Phoebe, wenn es nächtet,
sitsam und annehmlich kühln.
Scherffer ged. 98.
adjectivisch: röst es fein sittsamb auf ainem sittsamen kholfeuer. quelle von 1591 bei Schm.² 2, 338; ein dreyecketes stollhäfelein zu einem sittsamen fewrlein setzen. eselkönig 348; ein sittsam fewer, ignis lentus. Corvinus fons lat. 1 (1660), 326ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1272, Z. 73.

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Zitationshilfe
„sittsam“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sittsam>, abgerufen am 18.10.2021.

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