Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sklave, m.

sklave, m.
servus.
I.
herkunft und formen.
1)
das wort ist eigentlich dasselbe wie die bezeichnung des östlichen nachbarstamms der Germanen, die wir heute als Slave davon unterscheiden. wenn man absieht von der durchaus problematischen vermuthung Šafaříks und andrer, der volksname Σταυανοί, Σταύανοι, Σταυᾶνοι, Σταῦνοι bei Ptolemaeus sei verderbt aus Στλαυανοί oder Σλαυανοί (vgl. Krek einleitung in die slav. litteraturgesch. [1887] 293), bietet eine fälschlich dem Caesarius, dem bruder Grecors v. Nazianz, zugeschriebene quelle aus der zeit um 525 n. Chr. das erste zeugnisz für diese volksbezeichnung in der form Σκλαυηνοί. Müllenhoff ztschr. f. d. alterth. 20, 31. archiv f. slav. philol. 1, 294. 295. Prokop nennt die Σκλαβηνοί mit den Ἄνται zusammen und berichtet, dasz beide sich früher Σπόροι genannt hätten. b. g. 3, 14 (vgl. Σέρβοι, Σίρβοι bei Ptolemaeus geogr. 5, 9, 21, Serbi bei Plinius nat. hist. 6, 7, 19. Krek a. a. o. 248). sie wohnen nach ihm jenseits der Donau. 1, 27. Jordanes bezeichnet die Sclaveni und Antes als die beiden hauptstämme der Venethae und umgrenzt ihre wohnsitze, wonach die ersteren als die westlichen erscheinen: Sclaveni a civitate Novietunense et laco qui appellatur Mursiano usque ad Danastrum et in boream Viscla tenus commemorantur .. Antes vero .. qua Ponticum mare curvatur, a Danastro extenduntur usque ad Danaprum. get. 5, 34. 35 Mommsen. der name Anten verschwindet im 7. jahrh., der andre, dem aslav. Slovêninŭ, plur. Slovêne entspricht, erhält sich in der folgenden zeit als bezeichnung verschiedener slavischer völkerschaften, bis ins 12. jahrh. eines stamms am Iljmensee, bis ins 10. jahrh. der Slaven in Mösien, der Polaben bis zu ihrer gänzlichen entnationalisierung, der Slovenen und Slovincen, eines theils der Kašuben bis heute und wird andrerseits zur heimischen gesammtbezeichnung der Slaven überhaupt. Krek a. a. o. 296. 297. die bezeichnung gilt als ursprünglich slavisch und wird verschieden erklärt. die alte auffassung von Slovêne als 'die berühmten' (zu slava, ruhm). Frisch 2, 252ᵃ. Skeat² 561 ist in neuerer zeit zurückgetreten hinter der erklärung: 'die dieselbe sprache sprechenden oder die (deutlich) redenden' (zu slovo, verbum, sloviti, loqui) im gegensatze zu Nêmĭcī, Deutscher, von nêmŭ, stumm. Krek a. a. o. 299 und der von Miklosich slav. wb. (1886) 308 wegen der bildung des worts durch das suffix -ênu empfohlenen anknüpfung an einen ortsnamen, die schon Dobrovský im jahre 1827 vorgeschlagen hatte. vgl. Krek a. a. o. 300. die verschiedenartigkeit des stammvocals von Sclavenus und Slovêninŭ bietet schwierigkeiten, die sich vielleicht mit der annahme einer ersten vermittlung des worts durch die Goten (sie haben kein ŏ) heben lassen. die neueren slavischen sprachen haben meist o, nur das russische bietet Slavjaninu, dessen a aber secundär sein kann. vertheidiger des zusammenhangs mit slovo halten das russ. a für alt unter hinweis auf das etymologisch verwandte slava.
2)
neben Σκλαυηνοί, Σκλαβηνοί, Sclaveni und einigen andern ähnlichen formen griechisch und lateinisch schreibender autoren (vgl. Krek a. a. o. 292) ist zuerst aus der zeit um 600 in gleichem sinne die form Σκλάβος bezeugt: Σουαρούνας τις ὄνομα, Σκλάβος ἀνήρ. Agathias (um 580) hist. 249, 3 (4, 20 Niebuhr); ἄτακτοι καὶ ἄναρχοι ὥσπερ Σκλάβοι καὶ Ἄνται. Maurikios (um 600) strateg. 9, 3; vgl. auch 11, 5. der wie in den oben erwähnten formen auch hier erscheinende k-laut, der bei slavischem ursprung des worts natürlich secundär ist, dankt wahrscheinlich lateinisch sprechenden bewohnern der östlichen Donaugebiete seinen ursprung. c zwischen sl einzuschieben ist eine romanische eigenthümlichkeit (vgl. Baist ztschr. für franz. spr. u. litt. 13, 2, 190, vereinzelt auch im germ. begegnend, z. b. ahd. sclâf statt slâf, worin wol nicht die vorstufe von nhd. schl zu erblicken ist. vgl. Braune ahd. gramm. § 169, anm. 3), während die griechisch sprechenden Byzantiner in diesem fall ein θ entwickeln. in der that sind auch formen wie Σθλαβινοί, Σθλάβοι bezeugt. Krek a. a. o. 292 (das letztere z. b. um 640 bei Georgius v. Pisidia. Sopokles greek lexicon of the Roman and Byzantine periods [1888] 995ᵃ). obgleich die formen Σκλάβοι, Σθλάβοι das eigentliche thema der bezeichnung enthalten, wie es auch dem namen der Slovaken zu grunde liegt, scheint doch eine unmittelbare entsprechung derselben im slavischen zu fehlen. vielleicht darf auch zur erklärung dafür germanischer einflusz angenommen werden.
3)
mlat. Sclavus als stammesname begegnet in urkunden Karls des groszen und seiner unmittelbaren nachfolger, z. b.: de negotiatoribus qui partibus Sclavorum et Avarorum pergunt. monum. Germ. hist. legum sectio 2, 1, 123, 13 (Karl d. gr.); Avaros atque Sclavos qui ab orientali parte Baiovariae sunt. 27, 1, 24 (Ludwig d. fromme, juli 817). besonderes interesse bieten folgende stellen aus urkunden Ludwigs des Deutschen, die sich auf bairische klöster beziehen: omnes homines qui super easdem res commanere noscuntur, et ad praefatum monasterium (s. Emmeram) pertinere videntur, tam Bajoarii, quam Sclavi, liberi et servi. Pez thesaurus anecd. 1, 3, 21ᵃ. urkundenb. d. landes ob d. Enns 2, 16 (aus Regensburg v. 18. jan. 853. vgl. Böhmer regesta imperii 1 [1889], 537); ut nullus judex publicus .. super homines liberos vel Sclavos (desselben klosters) ullam potestatem habeat in quoquam illos distrigendos. a. a. o. 22. im urkundenb. d. landes ob d. Enns statt des acc. der dat. hominibus u. s. w.; homines ipsius monasterii (Altaich) tam ingenuos quam servos, sclavos et accolas super terram ipsius commanentes, nec juste nec injuste distringendo. Wiguleius Hund metrop. Salisburg. (1719) 2, 10 (gegeben in villa Potamo am 21. april 856. angezweifelt. vgl. Böhmer regesta imperii 1 [1889], 544). die zweite stelle der früheren urkunde, die als unzweifelhaft echt gelten kann, bietet in dem gegensatz liberos vel Sclavos die erste sichere spur der wendung des worts zu der neueren bedeutung. es sind, wie aus dem vergleich mit der ersten stelle hervorgeht, slavische unfreie gemeint. die verbindung sclavos et accolas der dritten stelle hat ihre entsprechung in einer urkunde Conrads I. vom 4. juli 918, worin dem bisthum Würzburg die immunität bestätigt wird: sive accolas et Sclavos. monum. Germ. hist. diplom. regum et imperat. Germ. 1, 31, 30. Heinrich I. bestätigt die immunität aufs neue in Quedlinburg am 8. april 923, und dabei erhält die verbindung einen characteristischen zusatz: sive accolas vel Sclavos servosve. 45, 27. Otto I. dotiert am 21. sept. 937 eine kirche in Magdeburg und schenkt ihr in comitatu Geronis in Bigera III familias litorum et in comitatu Crhistiani (so!) in Grimhereslebu XV familias Sclavorum. 101, 44. derselbe schenkt dem nonnenkloster zu Quedlinburg am 2. dec. 937 XII familias Sclavorum cum territoriis quas ipsi possident. 106, 3. auch in diesen fällen handelt es sich augenscheinlich um hörige slavischer abstammung, vielleicht z. th. um slavische ansiedler, die in ein abhängigkeitsverhältnis gekommen waren. vgl. Schröder d. rechtsgesch.² 449. der gegensatz Sclavi vel accolae scheint eher auf gekaufte slavische knechte zu deuten.
4)
auf die spanischen Araber weist die folgende stelle aus der zweiten hälfte des 10. jahrh.: nam accessus ad eum (den könig Abderrahman III.) clarissimus (l. rarissimus) et nisi maximum quid ingruerit nullus, tantum litteris per sclavos cubicularios omnia perferuntur. Pertz script. 4, 371 (vita Johannis Gorziensis cap. 120). Makkari history of the Mohammedan dynasties in Spain transl. 1 (1840), 76 führt eine quelle des 5. jahrh. der hedschra an, nach der die 'Franken' ein benachbartes, von ihnen in sitte und religion verschiedenes volk, 'the Sclavonians', durch einfälle in ihr gebiet bekriegen und die so erbeuteten kriegsgefangenen den Andalusiern verkaufen. sie wurden zu eunuchen gemacht, in sichere plätze nahe der grenze gebracht und dort von andalusischen händlern gekauft. nach der anmerkung des übersetzers dazu s. 380 wurden diese von den spanischen Arabern sikláb, plur. sakálibah (aus sclavus) genannten sklaven von den khalifen, so von Abderrahman III., als leibwache verwendet und gelangten oft zu groszer macht. arabische schriftsteller berichten darnach, dasz sie von jüdischen händlern aufgekauft wurden und auch einen exportartikel Spaniens nach südlichen ländern bildeten. nach Dozy gesch. d. Mauren in Spanien 2 (1874), 38 übertrugen die Mauren den namen auf alle fremden, die als kaufsklaven nach Spanien gebracht dort im harem oder im heere dienten. es ist möglich, dasz sich die allgemeinere verwendung des worts als mancipium, servus überhaupt schon vorher im italienischen sklavenhandel herausgebildet hat (vgl. Baist zeitschr. f. franz. spr. u. litt. 13, 2, 190), der nach Dozy a. a. o. von jüdischen aufkäufern mit kindern der verschiedensten nationalitäten versorgt wurde.
5)
die alte deutsche bezeichnung der Slaven ist Winid, -ed, plur. Winida. Graff 1, 892, Wint, Winde, plur. Winden. Lexer mhd. handwb. 2, 915, Wend Sachsensp. 3, 70, nhd. Wende, dem lat. Vendi Plinius nat. hist. 4, 13. 97, Veneti Tacitus Germ. 46 entsprechend, vielleicht ein ursprünglich germanisches wort (die weidenden? Zeusz die Deutschen und die nachbarst. 67, die befreundeten? Schade ad. wb.² 2, 1161ᵃ). die frühesten belege für die deutsche entsprechung des mlat. Sclavus scheinen in folgenden stellen vorzuliegen:
ich muoʒ ouch twingen einen slaven,
daʒ er mit hein vüere einen grôʒen schraven,
daʒ wil si (die geliebte) selbe sehen, wie hôch der schîne.
Boppe in den minnes. 2, 385ᵇ Hagen;
siu mohtens liebir eʒʒîn
unbegoʒʒen us dem haven
beidiu geste unde slaven.
Hugo v. Langenstein Mart. 122, 68.
vielleicht ist das wort hier, wenigstens in der zweiten stelle, schon im allgemeinen sinne von 'knecht' gebraucht, wie es unzweifelhaft bei Br. Hans Marienl. 1578 (um 1370) in gleicher form erscheint (s. unten II, 2). noch in der ersten hälfte des 16. jahrh. ist es in Deutschland so nicht allgemein bekannt: domit das volgk mit den schedlichen veinden jemerlich verkaufft worden und ewigklich ire schlauen, wie man dye nent, bleibenn. quelle von 1522 bei Diefenbach-Wülcker 855ᵃ. es wird um diese zeit noch geradezu als welsches wort bezeichnet, was zu dem oben unter 4 am ende gesagten stimmt: nun leib eygen sein ... heiszt gleich wol eygen güter haben, aber seinen leib nit dörffen verrucken under ein ander herrschaft on seins herren vergunst, wissen und willen. knecht aber welche die Walchen sclavos nennen, seind mit leib, weib, kind und guͦt, jrs herren, und alles das sie gewinnen, so lang er jhn nit frey sagt, unnd mit freyheit begabt. Franck chron. (1531) 241ᵃ; zu den zeiten hetten die Römer leibeigen leut, die sie und darzu, was kinder sie geboren in iren gewalt hetten und verkaufen möchten, als man noch an etlichen orten in Italien, zu Venedig und Genua der leut viel hat, die nent man schlaven. Livius übers. v. Schöfferlin (1546) 4ᵇ.
6)
das fehlen des k-lauts in den ältesten deutschen belegen, das übrigens schon früher mlat. bezeugt ist: singulari fortitudine contra Slavos semper pugnaverit. monum. Germ. hist. diplomatum regum et imper. Germ. 1, 213, 39 (Otto I., v. 27. juli 951), kann auf unmittelbarem slavischem einflusz oder auf spontaner vereinfachung der lautgruppe scl beruhen, die im germ. trotz gelegentlicher ansätze zu ihrer entwicklung (vgl. oben 2) nicht feste wurzel gefaszt hatte. denselben anlaut sl zeigt das wort auch in andern germ. dialecten und bewahrt ihn dort bei der bedeutung des deutschen sklave bis heute, nd. slave Dähnert 428ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 194ᵃ. Woeste 239ᵇ, slaow Danneil 195ᵃ; mndl. slave Kilian; nndl. slaaf; engl. slave; dän. norw. slave; schwed. slaf, während die romanischen sprachen durchgehends den k-laut aufweisen, ital. schiavo (davon Schiavone, heute: Slave, slavisch; mlat. Sclavonius, -icus; engl. Sclavonian; franz. Esclavon neben neuerem Slave, in gleichem sinne, mndl. slavoen, sklave. Kilian); afranz. esclas, esclaf, escleve, esclos. Hippeau dict. de la langue fr. au 12. et au 13. s. 1, 152; prov. esclau; neufranz. esclave; span. esclavo; portug. escravo; aber sard. islavu. Diez wb.⁴ 285. im älteren nhd. setzt sich dieser nhd. anlaut sl regelrecht fort als schl, und zwarwas überhaupt für die ältere hd. zeit von allen formen giltsowohl beim gebrauch des worts im sinne von Slave als im sinne von knecht: Schlaff, Sclavus (sonst glossiert Wend). Dief. 519ᵇ (von 1440); Eneti, die Wenden, Schlaffen, Veneti ex Graecorum origine, quorum sedes sunt ad sinum Adriaticum inter Istriam et Dalmatiam, Windisch marck nunc appellata. Henisch 892, 66; schlav, plur. schlaven, propr. Sclavus, Sclavinus, Vandalus, seu Winida, hodie autem servus, mancipium, glebae addictus, quia homines isti omnes vel instar pecudum extincti vel in servitutem a Germanis redacti sunt. Stieler 1829; schlav, schlave, plur. schlaven, schiavo, mancipio, servo. Kramer deutsch-it. dict. 2 (1702), 561ᶜ; schlav, mancipium, homo proprius. Wachter 1425. auch Steinbach 2, 438 schreibt schlave, mancipium, verna, bezeichnet aber als häufigere schreibung sclave, quemadmodum pronuntiatur. heute ist dieser anlaut völlig aus der schriftsprache verschwunden. daneben hält sich sl: slaf, servus Henisch 826, 67; slafe, mancipium Schottel 1416; slavisch, knechtisch Schiller 6, 345 (s. dies unten). Adelung bemerkt, dasz man in neuerer zeit angefangen habe Slave zu schreiben, wenn die nation bezeichnet werden solle, und nur in dieser bedeutung gilt heute diese form und sie allein, wahrscheinlich durch slavischen einflusz. formen mit k-laut begegnen im hd. später, wahrscheinlich unter erneuter einwirkung der mlat.-roman. formen. auch sie konnten wieder in den schl-anlaut auslaufen, halten sich aber wol durch die fortdauer solcher einwirkung: Sclavenlant, Sclavonia Dief. 519ᵇ (von 1440, 1507, 1512); sclave Schottel 1416; sklave, plur. sklaven Stieler 1829. Kramer 2, 561ᶜ; sclav Wachter 1425, als servus, ebenso: sie weren ehrliche sclaven, dann sie begerten nicht aus jhrer knechtschaft auszureiszen. Zinkgref apophthegm. 1 (1639), 421, aber auch zur bezeichnung des volksstamms: die Sclaven (gedruckt mit au, so häufig frühnhd., noch abentheur v. allerhd. mineralien (1656) 133 unter diesen schlauen, was aber wol keinen lautlichen unterschied bezeichnet und daher hier aufgegeben ist) unnd Wenden. Maaler 368ᶜ, noch im 18. jahrh.: Cyrillus, der Sklaven apostel, lebte um 875. Lessing 11, 428, in beiden bedeutungen als Sclav bei Frisch 2, 252ᵃ, Sclave bei Adelung, nur im sinne von servus als sklave bei Campe und so mit k oder c geschrieben (sclave. Weigand⁴ 2, 674) bis heute als einzige form mit dieser bedeutung. frühnhd. begegnen auch formen mit sg oder schg: dass alle walische herrn und fursten seine schglaffen sein muessten. quelle des 16. jahrh. bei Schöpf 677;
der noch mit seiner ammen da
bey Casparin Doria war
jetz bisz inn das vierzehest jar
als ein elender knecht und sglaff.
H. Sachs 1 (1588), 166ᵇ.
sie dringen ebensowenig durch (mundartlich scheinen sie fortzuleben, schglâf. Schöpf 677) wie der aus dem 15. jahrh. bezeugte umgelautete plur.: nun Gionanotto der pey dreizehen iaren alt waʒ gescheide und vernünftig von grossem gemüte und herczu mer dann einen sch(n?)öden verkauften zuͦ stunde sich schnöder arbeit schamen warde die den schläven zuͦ gehört. decameron 95, 34 Keller; in sölcher zeit ... etlicher Genoueser raupschiffe ausz Levant komen und in Erminia vil iunger kinder von knaben und meyden gefangen hetten, von den der egenant her Amerigo ir etliche für sein scläfen kauffet, dann er meint es Türcken und nicht kristen weren. 350, 28. vgl. auch schklefen sleigertüchl. bei Altswert 252, 31 unter II, 1. nicht von der schriftsprache aufgenommen ist auch die eigenthümliche metathesis, die zuerst bei Oswald v. Wolkenstein in romanischem context erscheint:
jû gslaff, (glossiert:) ich aigen,
ee franck, und frey,
merschy voys gry,
dir dencklich rueff.
57, 1, 13 (expositio),
dann aber aus der heimat dieses dichters später in der volksmäszigen deutschen form gschlaff bezeugt ist. Schöpf 677 und auch sonst mundartlich begegnet: kslaaf. Lenz Handschuhsheimer dial. 66ᵃ. — die in den oben angeführten formen vielfach begegnende schreibung mit f ist noch in neuerer zeit süddeutscher aussprache gemäsz, die lat.-roman. v durch f ersetzt (schwäb. Fenus, Venus, lafór, waschbecken, franz. lavoir). bezeichnend dafür ist die folgende äuszerung Schillers: warum strichen sie (Humboldt in dem gedicht 'das reich der schatten' oder 'das ideal und das leben', die stelle s. unter II, 1) den reim zwischen sclave und schlafe (denselben reim gebraucht Schiller auch in den 'künstlern' 6, 270, s. II, 2), nerve und unterwerfe an? ich kenne in der aussprache keine verschiedenheit, und für das auge braucht der reim nicht zu seyn. br. 4, 258 Jonas (vom 7. sept. 1795). auch Opitz reimt hafen: schlaven. 1, 430 (s. II, 1). — die kürzere form sklav begegnet auch in neuerer zeit nicht nur vor einem vocal, so Göthe 19, 87 (s. II, 2).
II.
bedeutung und gebrauch.
1)
eigentlich leibeigener Slave, dann allgemein leibeigener knecht: die meinet (er) nun ze halten als andre seine schläven und verkauften, in dem hausze ze thon waʒ nottörfftig were. decameron 95, 1 Keller; herr richter der den ir töten wölt als ein schlafen und verkauften er ist frey. 356, 1; wir werden von in schnöder dann ir schlaven gehalten. Livius übers. v. Schöfferlin (1546) 50; ir sehend, das wir unter einem schein einer vereinigung und freundschaft, damit wir zu den Römern verpflicht seind, bisher ire knecht und schlaven gewesen seind. 74; ich hatte meinen schlaven den tag zuvor in den walt geschickt wild zu fahen. Staden landsch. d. menschenfresserl. (1557) e 3ᵇ; als ob ich jr leibeigner schlaff und erkauffter knecht were. Thurneisser nothgedrungen. ausschreiben (1584) 1, 15; sofern ihr mich zu einem schlaven annehmen wolt. engl. com. 2, N 4ᵇ; der allerhöchste gott hat dir eine solche gleiche creatur zu einem schlaven untergeben, und dich grösser und zu einen herrn uber ihn gemachet, darumb soltu dem höchsten gott für solche gnade von hertzen dancken, und solt wieder deinen knecht nicht so grausahm tyrannisiren und wüten. pers. rosenth. 7, 85ᵃ; ich wurde einmahl gantz bewegt über die worte, die ich einen sclaven reden hörte, als ihn sein herr verkauffen wolte. pers. baumg. 3, 43ᵇ; nun hatte ein gewisser herr seinen leibeigenen verlohren, und als er Lokmannen sehr schlecht in kleidungen sahe, und meynte, dasz es sein schlave wäre, liesz er ihn greiffen und wacker an die arbeit stellen. 4, 60ᵃ; einen schlaven kauffen, los kauffen, frey lassen. Kramer deutsch.-ital. dict. 2 (1702), 561ᶜ; einen zum schlaven machen. ebenda; als ein schlav dienen müssen. ebenda; einen schlaven verkaufen. Steinbach 2, 438; ein elender schlave, miserum mancipium. ebenda; mit sklaven handel treiben. Campe;
vier knecht, die han ich duʒ
unferr von diesem wald ...;
der ein ein junger heyden,
den han ich sit gedaufft.
du weist wol, das man kaufft
die schklefen uff dem mer.
sleigertüchl. bei Altswert 252, 31 Keller;
eins tags kam auff dem meere tieff
der Genuweser grosz raubschieff
was ausz Armenia hingangen
darinn brachten sie der gefangen
sehr vil kinder meydlein und knaben
die sie für schlaven allhin gaben
den burgern und edlen zu kauffen.
H. Sachs 1 (1558), 166ᵈ (vgl. decameron 350, 28 unter 1, 6);
denn, Liber, wann du kömpst aus einem vollen hafen
geflossen in den leib, da werden auch die schlaven
zu königen gemacht.
Opitz 1, 430;
lass andre sich lebend in marmor
bewundern, oder in erz, von knieenden sklaven umgeben.
E. Kleist 2, 20;
aufgerichtet wandle hier der sklave,
seiner feszeln glücklich unbewuszt,
selbst die rächende Erinne schlafe
friedlich in des sünders brust.
Schiller 11, 56,
sprichwörtlich: die herren haben diener, die tirannen schlaven. Lehmann 146. als zusammensetzungen, die dieser bedeutung entsprechen, führt Kramer deutsch-it. dict. 2 (1702), 562ᵃ an: christenschlav; hauszschlav, verna; kettenschlav; kriegsschlav, schiavo fatto alla guerra; küchenschlav; morenschlav; ruderschlav; galeeschlav (heute galeerensklave); schiffschlav; stallschlav; pferdschlav; Türckenschlav.
2)
ferner zur bezeichnung eines verhältnisses starker abhängigkeit, das dem eines leibeignen knechtes ähnlich ist, oft mit beabsichtigter übertreibung. den übergang kann die folgende stelle veranschaulichen:
nun hatt' ich noth, ich brauchte fremde hülfe.
ihr wart mir hülfreich, theuer büsz' ich das,
ihr nahmt mich zum genossen eures glücks,
mich zum gesellen eurer thaten auf.
zum sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr
den sonst so freien, jetzt bedrängten mann.
Göthe 9, 306.
so dann allgemein in rücksicht auf das verhältnis zu andern personen: du (Weislingen) bist nachgebend und er (Götz) nicht! unversehens wird er dich wegreiszen, du wirst ein sklave eines edelmanns werden, da du herr von fürsten seyn könntest. 8, 66;
so berühmte sie (die göttin Fama) einst sich übermüthig, sie habe
Jovis herrlichen sohn ganz sich zum sklaven gemacht.
1, 287;
was willst du, feiler sklav der tyranney?
Schiller M. Stuart 4, 4.
sklave der sklaven, vom herrn, der von sklavisch abhängigen sklavisch abhängig bleibt:
mich rühret nicht der kleine stolz der hoffnung,
als sklav der sklaven andern zu gebieten.
Wieland suppl. 4, 6;
ähnlich: der barbar verspottet und entehrt die natur, aber verächtlicher als der wilde fährt er häufig genug fort, der sklave seines sklaven zu seyn. Schiller 10, 284. mit solcher auffassung werden auch sonst wol die entgegengesetzten begriffe vertauscht:
(der junge dichter) schleudert in die niedrigkeit
den sklaven auf dem thron,
den könig in dem bettlerkleid
krönt er mit seiner kron.
Ludwig 1 (1891), 66.
als ausdruck demüthiger ergebenheit: wir versichern aber e. majestät hiemit unterthänigst, das wir werden sterben deroselben gehorsahmste schlaven. Rist friedew. Teutschld. 61;
mein frei sein hat ein end'; es ist dir gahr zu sehr
hochedler resident der Rüstige verbunden,
ich bin und werde noch dein schlave mehr und mehr,
demnach dein' höfligkeit mich gäntzlich überwunden.
Parn. 36.
ebenso gebraucht es der liebende in bezug auf sein verhältnis zur geliebten: heiszet nicht ein verliebter eine schöne ohne unterlasz seine gebieterin, sich aber dero schlaven. ja wol, sagte die scherzende Rosimunda, heiszt es so bisz der priester erst das seinige dahr gethan, dann da macht man zu dem schlav ein zusatz, und wird aus einem schlaven ein schlafgesell. Hazards lebensgeschichte (1706) 21; Franz, der beneidete, der gefürchtete erklärt sich freywillig für Amalia's sklaven. Schiller räuber schausp. 3, 1; ähnlich:
manche wirft sich ohne sorgen
in des gatten arm, wie du,
und beweint am andern morgen
ihre freyheit, ihre ruh.
aus dem sklaven ihrer blicke
wird ein mürrischer tyrann.
Gotter 1, 86.
vgl. weibersklave. Stieler 1829. von einer liebenden frau: blindlings überliesz sie sich einer jeden neigung, sie mochte über den gegenstand gebieten oder sein sklav seyn. Göthe 19, 87. in frommer demuth bezeichnet ein mittelalterlicher geistlicher dichter sich als den sklaven Marias:
si (die geliebte, die er verlassen hat, um den geistlichen stand zu wählen) is diin dyrn,
ich byn diin armer slave.
Br. Hans Marienl. 1578.
die frommen nennen sich auch sklaven des kreuzes: also dasz nicht umbsonst, die catholische kinder unserer muter die (l. der) h. kirchen, leybeygne unnd schlaven des kreutzes sich nennen: als da sie also singen. servi crucis, crucem laudent. Fischart bienenk. 178ᵇ. sündhafte sind sklaven des teufels: es hat aber gott mitten unter diesen schlaven des teufels ihme auch seine knecht ersehen. abentheur v. allerhd. mineralien u. s. w. (1656) 133. vgl. teufelssklave. Stieler 1829. dann auch allgemein in bezug auf unpersönliches, was eine zwingende gewalt auf einen ausübt: sie (die reichen) sind schlaven ihres geldes. pers. rosenth. 7, 89 (vgl. geltsklave, servus mammonae. Stieler 1829);
sagt: hat der gröste von den kaisern,
bedeckt mit tausend lobeer-reisern,
nicht alles was ihr wünschen könnt?
doch schaut, ihr sklaven eiteln schimmers,
doch ins bezirk des innern zimmers
und sagt, ob ihr sein glück euch gönnt?
Haller 13, 88 Hirzel;
er ist in seiner lust kein sklave schöner tage.
Uz 106, 8 Sauer;
die könige sind nur sklaven ihres standes.
Schiller M. Stuart 2, 2.
vgl. auch wortsklave, sensus literalis assecla. Stieler 1829. gern in bezug auf gewalten im eignen innern, die die freie selbstbestimmung des menschen aufheben: in deinem funfzigsten jahre willst du noch ein sklav einer unsinnigen leidenschaft werden? Weisze lustsp. 2 (1783), 70; er ist ein sklave elender vorurtheile;
vor diesem dunkeln weg (zur ewigkeit) beb an des lasters brust
der feige sklave niedrer lust.
Uz 147, 52 Sauer;
wenn haben jemals die lippen
eines sklaven der freude (sinnenlust), wenn hat es sein leben geläugnet?
Wieland suppl. 2, 350;
jetzt wand sich von dem sinnenschlafe
die freye schöne seele losz,
durch euch (die künstler) entfesselt, sprang der sklave
der sorge in der freude schoos.
Schiller 6, 270.
vgl. sündensklave. Stieler 1829; gelüstenschlav. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 562ᵃ; liebessklave. Stieler 1829. bei wirklicher personificierung solcher begriffe, wie sie auch in der oben angeführten stelle Schiller 6, 270 durchschimmert, kommt natürlich das wort der bedeutung 1 näher:
die liebe sprach: ...
ein blick von einem schönen kinde
vermehrt gleich meiner schlaven zahl.
Günther bei Steinbach 2, 439.
der begriff braucht nicht in der art der bisher angeführten belege bezeichnet zu sein: der stoische grundsatz: der tugendhafte ist allein frey und jeder bösewicht ein sclave (sc. seiner lüste), bekommt aus dieser erklärung sein licht. Hamann 1, 147. ähnlich, mit bezug auf eine als verwerflich bezeichnete gewohnheit: bey aller sanftmuth seiner ächten religion ... schilt er alle deutsche köpfe, die ein nie ausgesprochenes h in der mitte und am ende einer sylbe oder worts schreiben, für sclaven! 4, 118. in gehobener sprache erscheint es auch selbst von unpersönlichem gebraucht, wobei dies aber immer als in gewissem sinne persönlich empfunden wird:
geisterreich und körperweltgewüle
wälzet éines rades schwung zum ziele ...
sfären lehrt es sklaven éines zaumes
um das herz des grosen weltenraumes
labyrinthenbahnen ziehn.
Schiller 1, 285.
3)
der arbeiten musz wie ein sklave, sich stets abmühen musz, hauptsächlich nd. ten Doornkaat Koolman 3, 194ᵇ.
4)
in besonderem sinne nd. slave, ein zur festungsarbeit verurtheilter. Dähnert 428ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1309, Z. 73.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
simentsfeuer skorpfisch
Zitationshilfe
„sklave“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sklave>, abgerufen am 26.10.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)