Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

skorpion, m.

skorpion, m.
scorpio, ahd. acc. scorpion Otfrid 2, 22, 35 (s. unten 1), mhd. scorpiôn, schorpiôn Lexer mhd. handwb. 2, 773, frühnhd. scorpio, scorpion, scorpian, schorpion. Dief. 520ᵇ. nov. gl. 332ᵃ, scorpio Franck sprichw. (1541) 2, 11ᵃ, scorpian H. Sachs 14, 264, 18 Keller-Götze (s. unten 1), als scorpion verzeichnet bei Maaler 368ᶜ. Hulsius (1616) 294ᵃ. Corvinus fons lat. 575ᵇ. Schottel 1414. Jablonski lex. (1721) 706ᵃ. Frisch 2, 252ᵇ. öcon. lex. (1744) 2683. Adelung. Campe ergänzungswb. Weigand⁴ 2, 674, in der schreibung skorpion bei Nemnich, in Tirol auch entstellt zu stolprion Frommanns zeitschr. 4, 55, daneben ahd. scorpo, mhd. scorp(e), schorp(e), auch schorn, scherpe (schurpe?), frühnhd. mnd. scorpie, schorpie, scorp(e), schorpp, schorpe, storpph (bair.?), stork, s. schorpe oben theil 9, 1582, schorphen. acc. plur. codex Teplensis Luc. 10, 19, acc. sing. 11, 12, nom. plur. offenb. 9, 3, schorpft (l. schorpfs?) gen. sing. 5, schorfen dat. plur. 10. skorpion hat das der art unserer sprache angeglichene schorpe und seine nebenformen mit abgeschwächter endung augenscheinlich mit hilfe der gelehrten aus der schriftsprache verdrängt, wozu beigetragen haben mag, dasz das damit bezeichnete thier im gröszeren theile des deutschen sprachgebiets nicht vorkommt. in Tirol, wo es skorpione gibt, hält sich auch eine volksmäszige form storp. Frommanns zeitschr. 4, 55. — in Luthers bibelübersetzung, wo dat. acc. sing. und nom. dat. acc. plur. begegnen, erscheint scorpion stets unflectiert. auch aus späterer zeit sind unflectierte plur.-formen bezeugt. H. Sachs 19, 172, 10 (s. unten 1): sie (wilde raute) vertreibet durch ihren starcken geruch alle gifftige thiere, scorpion, schlangen, nattern, und andere ungeziefer. Coler hausb. (1680), öcon. 1, 173ᵃ. häufiger ist im 17. und 18. jahrh. schwache flexion des plur., die auch noch später begegnet. pers. rosenth. 83ᵃ. Coler 172ᵇ. Jablonski lex. (1721) 706ᵇ. Schiller kab. u. liebe 5, 3. Gotthelf 1, 234 (s. unten 1). Adelung verzeichnet nur diese flexion für den plur., Oken schreibt: die scorpione 5, 702, ebenso setzt Weigand⁴ 2, 674 als plur. skorpione an und diese bildung gilt in neuster zeit als die regelmäszige. ein gen. sing. auf s ist pers. rosenth. 7, 82ᵇ bezeugt (s. 1), auch Adelung bietet diese form, und heute flectiert der sing. gleichfalls stark. belege für schwache flexion des sing. liegen auch aus älterer zeit nicht vor.als verdeutschung hat Bernd stechschwanz oder stachelschwanz vorgeschlagen (s. Campe ergänzungswb.), ohne damit durchzudringen.
1)
das bekannte thier (die gattung scorpio mit mehreren arten: europaeus, tunetanus oder occitanus, indus oder afer und anderen. Oken 5, 702—707), dessen stich gefürchtet wird, ein vergifftig thier. Maaler 368ᶜ, ein gifftiges kriechendes thier, so mit dem stich des schwanzes tödet. Frisch 2, 252ᵇ: (gott) der dich (Israel) aus Egyptenland gefüret hat, aus dem diensthause. und hat dich geleitet durch die grosse und grawsame wüsten, da fewrige schlangen, und scorpion, und eitel dürre, und kein wasser war. 5 Mos. 8, 15; die wilden thiere, scorpion, schlangen, und schwert sind auch zur rache geschaffen, zu verderben die gottlosen. Syr. 39, 36; wo bittet unter euch ein son den vater umbs brot, der jm einen stein dafür biete? ... oder so er umb ein ey bittet, der jm einen scorpion da fur biete? Luc. 11, 12; vom scorpion geheckt oder verletzt, ictus a scorpione. Maaler 368ᵃ; scorpion. weil wir Teutschen von gottes gnaden disz vergifften unzifers dermassen gefreyt seynd, dasz unter tausenden kaum eines ein scorpion gesehen, geschweig seines vergifftens empfunden hab, so ist ohn not viel darvon zu schreiben. Wirsung arzneib. (1597) 760 D; wann ein mensch basilicam isset, und wird von einem scorpion gestochen, so ist ihm nicht zu helffen. Coler hausb. (1680), öcon. 1, 172ᵇ; der gute alte, der sogleich das thier (das der kleine Benvenuto Cellini gehascht hatte) für einen skorpion erkannte, wäre fast für schrecken und besorgnisz des todes gewesen. Göthe 34, 19;
ni biutist ouh in wâra   scorpiôn (thia zâla),
harto borgest thu thes,   bitit er thih eies.
Otfrid 2, 22, 35 (nach Luc. 11, 12, s. oben);
wilde thier, scorpion und schlangen,
und schwerter sind auch mit eingangen,
zu verderbn der gottlosen meng.
H. Sachs 19, 172, 10 (nach Syr. 39, 36, s. oben);
in Welschland läst dich nie der scorpion zur ruh.
Günther 664;
was ist es (Italien), als ein übertünchtes grab? ...
entschlummre sanft, in lauer nacht, beim klange
verbuhlter lauten, und der wand entkreucht
der skorpion, die tückische tarantel.
Uhland (1864) 186.
sprichwörtlich: wer den scorpion drucket, der hat den gifft zu lohn. Petri 2 (1605) Eee 5ᵇ. als heilmittel gegen den stich galten in älterer zeit besonders die folgenden: man geuszt nur mandelöl drauff (auf einen skorpion), und läszts also stehen, darinnen ertrinkts, und wann darnach einen ein scorpion sticht, bestreicht man den schaden damit, so hilfts (vgl. skorpionöl unten). man zerstöszt auch den scorpion, und legt ihn über (den stich). Coler hausb. (1680), öcon. 1, 172ᵇ. daher sprichwörtlich: ein scorpio ist guͦt für scorpions stich, malum malo medicari. Franck sprichw. (1541) 2, 11ᵃ. vgl. Simrock 445, 9428. mancherlei fabelhaftes wurde über den skorpion berichtet, so: es schreiben die gelahrten, dasz der scorpion nicht nach der gemeinen arth, wie andere thiere gebohren werde(n), sondern die jungen sollen der mutter das eingeweide zernagen, sich durch den bauch fressen, und also ans tage-licht kommen, und kan die haut oder durchgefressene schale des scorpions, so man in seinem neste findet, dessen ein augenscheinlich exempel seyn. pers. rosenth. 7, 82ᵇ (Olearius bemerkt dazu: ich weisz nicht woher Sadi haben mag, dasz die scorpionen auff solche arth sollen gebohren werden. 83ᵃ). länger geglaubt wurde, dasz der scorpion, von feuer umgeben, sich selbst mit seinem stachel töte, wie es z. b. bei Coler hausb. (1680), öcon. 1, 172ᵇ erzählt wird. vgl.:
freud' und ruh sind ihre (der unschuld) schwestern;
und wagts der neid, die göttliche zu lästern,
der skorpion stirbt an dem eignen stich.
Seume ged. (1826) 56.
in vergleichen wird besonders auf das stechen des skorpions bezug genommen: aus dem rauch kamen hewschrecken auff die erden, und jnen ward macht gegeben, wie die scorpion auff erden macht haben ... und jr qual war, wie ein qual vom scorpion, wenn er einen menschen hewet ... und hatten schwentze, gleich den scorpion, und es waren stachel an jren schwentzen. offenb. Joh. 9, 3. 5. 10; so hing an seinem herzen die rückerinnerung, wie ein stechender skorpion. Jul. Mosen (1863) 8, 437;
auch wie der giftig scorpion
erstlichen gar senft lecken kon,
darnach erst mit dem schwanz vergift,
der-gleichen auch der hewchler stift:
mit wort und wercken senftlich lecket,
sein ent vol dötlichs giftes stecket.
H. Sachs 22, 366, 23 Keller-Götze.
dasselbe gilt für den bildlichen gebrauch, der scorpion ist ein sinnbild eines schädlichen menschen, eines unversöhnlichen feindes, eines boshafften lästerers, eines hinterlistigen, rachgierigen. Jablonski lex. (1721) 706ᵇ, eine schädliche, tödtliche sache. Frisch 2, 252ᵇ: wer sie (ein böses weib) krieget, der krieget ein scorpion. Syr. 26, 10;
wo ein solch bösz weyb hab ein man,
so helt er gleych ein scorpion.
H. Sachs 14, 264, 18 Keller-Götze;
wer ein zänckisch weib krieget schon,
der krieget einen scorpion.
19, 106, 21;
du menschenkind, solt dich fur jnen (den kindern Israel) nicht fürchten, noch fur jren worten fürchten, es sind wol widerspenstige und stachliche dornen bey dir, und du wonest unter den scorpion, aber du solt dich nicht fürchten, fur jren worten, noch fur jrem angesicht dich entsetzen. Hesek. 2, 6; in allgemeinerem sinne, eigenartig prädicativ ohne artikel:
wer wird der menschheit noch ihr heiligthum verbürgen?
bei jedem tritt ist skorpion.
der hohe wahnsinn schwelgt, wo die hyänen würgen,
und spricht rund um sich hohn.
Seume ged. (1826) 144.
gern auf seelische schmerzen angewendet: lohnst du mir also für meine schlaflosen nächte? also für meine rastlose sorge? also für den ewigen skorpion meines gewissens? Schiller kabale u. liebe 1, 7; wer solte sich träumen lassen, dasz lady Milford ihrem gewissen einen ewigen skorpion halte, dasz sie geldsummen aufwende, um den vortheil zu haben, jeden augenblick schamroth zu werden? 4, 7; wir (Ferdinand und Miller) akkordierten ruhe für meine einsame stunden. er betrog mich und verkaufte mir skorpionen. 5, 3; als .. die anklage meines gewissens so recht deutlich vor mir stund: du hast Anneli getötet ..., da wachten skorpionen und schlangen in mir auf, und wie glühende feuerbrände brannte es mir im herzen. Gotthelf 1 (1898), 234. ähnlich, in ausgeführtem bilde, das für die erregte sprecherin den schein der wirklichkeit annimmt:
der (Jaromir) stahl eines mädchens herz
aus dem tiefverschlosznen busen,
ach, und statt des warmen herzens
legte er in ihren busen
einen kalten skorpion,
der nun grimmig wütend nagt
und zu tod das mädchen plagt.
Grillparzer 3 (1887), 110.
2)
als bezeichnung ähnlicher thiere, bücherskorpion, chelifer, obisium cancroides, geis(z)elskorpion, phrynus reniformis, fadenskorpion, thelyphonus caudatus. Oken 5, 701. 702 (mit c geschrieben), name der meerschnecken, die auch skorpionschnecken heiszen (vgl. dies). Nemnich 2, 645. 1388, meerskorpion, m. scorpaena, eine gattung seefische (s. oben theil 6, 1859), die z. th. mit den stacheln der rückenflosse verwunden können. Oken 6, 181. vgl. auch skorpiönchen.
3)
scorpion, ist auch ein stern-bild am himmel, das achte in dem thier-kreis, in welches die sonne um den 21 sten octobr. eintritt. Jablonski lex. (1721) 706ᵇ. Frisch 2, 252ᵇ. Adelung (bei beiden ist irrthümlich december statt october angegeben): obschon der scorpion am himmel versätzt, und unter die sterne gerechnet ist; so behält er doch seine boshaftigkeit; ja, sie ist allda vilhelliger, als wenn er alhir auf erden wehre; denn also streckt sich seine vergifte krafft und macht weiter und breiter über die erden aus. Butschky Pathm. 872; der scorpion ist ein kalt zeichen und gehört dem wasser zu ... im scorpion soll man nichts anfahen, denn allein purgiren, sonst ist alles unbeständig. kinder so in diesem zeichen geboren, sind sehr scharpffsinnig, verschlagen, listig, zornig, rachgierig, nachdenklich, heimlich, stille, beredt. haben viel creutz, doch mehr in der jugend, denn im alter. sind nahrhafftig, geitzig, genau, karg, vortheilhafftig: haben gut glücke im bergwerck. Coler hausb. (1680), cal. 97; um auch unserer neuern sokratischen Muse die nativität zu stellen, so könnte man dichten, dasz selbige in den sternbildern des scorpions und widders zur miethe gewohnt, und daselbst vielleicht von den einflüssen des glühenden Mars beschwängert worden, wie ehemals die vestalische mutter des kanonisirten brudermörders, Quirini! Hamann 2, 109. mit einem im skorpion stehn, ihm feind sein: sie stunden mit einander im scorpion. Bünting Braunschweig. chron. ad ann. 1279 bei Frisch 2, 252ᵇ; stehet mit ihm im scorpion. Schottel 1118ᵃ; sie stehn mit einander im skorpion. volksm. Eiselein 570.
4)
ein marterwerkzeug mit stacheln, stachelpeitsche: mein vater (Salomo) hat euch mit peitzschen gezüchtiget, ich (Rehabeam) wil euch mit scorpion züchtigen. 1 kön. 12, 11;
wo ewer vatter (Salomo) gayselt hat,
scharpff scorpion nempt an dy stat.
Schwartzenberg 108ᵃ.
im anschlusz daran: wenn augenscheinliche ungereimtheiten und handgreifliche widersprüche einen seelenschlaf beweisen. so ist es gewisz der gröszte unsinn, das menschliche geschlecht feyerlich zu beklagen, dasz es so viel tausend jahr, gleich unmündigen, von den vätern der religion nach ihrem selbstdünkel mit peitschen gezüchtiget worden, und zum ersatz tantorum malorum uns glück zu sagen, dasz wir majorenn worden mit scorpionen gezüchtiget zu werden, nach dem rath der jüngsten erdenschwämme, deren kleinster finger dicker ist als des eitelsten priesters lenden. Hamann 4, 441;
wir harreten noch jüngst in morgenröthe,
Asträa, deiner wiederkunft;
die morgenröthe schwand, und auf der neuen öde
bleibt kaum ein strahl vernunft.
mit ruthen peitschte man, und nun mit scorpionen.
Seume ged. (1826) 146.
5)
situs in pugna, quae pugione fit. Scherz-Oberlin 1466 mit folgendem beleg:
scorpion mit siner ker
dem antlit ist gefer.
die kurtz schnid gegen dem haupt los fallen,
schlach recht zwifach lasz prallen.
Falckner turnierbüchl. 67.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1325, Z. 53.

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Zitationshilfe
„skorpion“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/skorpion>, abgerufen am 25.10.2021.

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