Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

sol, soll, n.

sol(l), n.,
s. unter sole.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1452, Z. 15.

sollen, verb.

sollen, verb.
schuldig, verpflichtet sein, debere.
I.
herkunft und form.
1)
sollen ist ein gemeingermanisches verb präteritopräsentischer bildung, got. skulan, altn. skolo, altfries. skela, altnd. ahd. scolan, solan. es ist seiner bildung nach ursprünglich ein perf. zu einem nicht erhaltenen präs. *skelan, *skilan. über die herleitung bestehen zweifel. J. Grimms sinnige deutung ('ich habe getötet, bin daher zu wergeldleistung verpflichtet', zu got. skilja schlächter, ahd. scelmo u. s. w., s. gesch. d. d. spr.³ 626, ähnlich auch Weigand 2, 732 f. ten Doornkaat Koolman 3, 133ᵇ) verliert dadurch an wahrscheinlichkeit, dasz die wurzel skel- in der bedeutung 'schuldig sein' auch auszerhalb des german. begegnet: lit. skylù — skìlti in schulden geraten, skeliù — skeléti schuldig sein, skōlà geldschuld (dazu auch kaltė̃ schuld, vergehen, kaltas schuldig); altpreusz. skellānts schuldig, skallīsnan (acc.) pflicht, paskullīt ermahnen, s. Berneker d. preusz. spr. 321, ferner Fick³ 3, 334. Franck 1221. der eigenthümliche bedeutungswandel müszte sich also schon idg. vollzogen haben. hier bedeutet indessen die wurzel skel-, wozu skilja gehört, im allgemeinen nur 'spalten, scheiden' (nur altslav. kolja̜ steche, schlachte) und steht gerade im lit. reich entfaltet neben jener (skìlti, spalten, intr., lautlich mit skìlti, in schulden geraten, durchaus identisch, aber in der bedeutung damit nicht zu vermitteln). es wird also eine besondere mit ihr gleichlautende wurzel skel- (oder skhel-) 'schuldig werden, eine schuld oder verpflichtung eingehen' anzusetzen sein. diese hat man dann weiter mit skr. skhálati straucheln, stolpern, fehlgehen, armen. sxal (x = deutsch ch) fehler, irrthum, mangel; mangelhaft, weniger, sxalem, -im irregehen, straucheln, sündigen, (ver)fehlen, sxalankh vergehen (s. Hübschmann armen. stud. 1, 49. armen. gr. 1, 490 f.), lat. scelus zusammengestellt, s. Lucae (s. II) 18. Noreen urg. lautl. 120 f. Hirt idg. ablaut 302. Uhlenbeck 130. Skeat 544ᵃ, doch stellt man neuerdings die ind. und arm. wörter wol richtiger zu σφάλλω, Fick⁴ 1, 143. 567. Zupitza d. germ. gutturale (Berl. 1896) 47, der dazu lit. pùlti, germ. fallan zieht; derselbe stellt s. 159 zu skulan dagegen skr. čhalam betrug, arm. xel, verkehrt, σκολιός, lat. scelus u. a. (Stolz-Schmalz lat. gr.³ § 57 wird scelus zu skhálate gezogen; nach Brugmann grundr. 1², 701 wäre die zusammengehörigkeit von skulan mit skhalate, σφάλλομαι nicht sicher).
2)
skal flectiert überall als präteritopräsens, auch mit dem eigenthümlichen ablaut derselben a — u, s. Grimm gramm. 1³, 560 f. Bethge bei Dieter altgerm. dial. s. 356. so got. skal, skalt, pl. skulum, opt. skuljau, prät. skulda, inf. skulan unbelegt, part. skulands und skulds (Grimm gr. 1², 852 f.); altn. skolo, (skulu), präs. skal, skalt, skolom (skulum), conj. skula, skyla, prät. skylda (selten skulda), part. skulandi und skyldr (als adj., schuldig); ags. sceal(l), scealt, sculon (sceolon), opt. scyle, inf. sculan, prät. sceolde, mit vielen nebenformen, s. Sievers ags. gramm.³ § 423 (vgl. Paul-Braune beitr. 6, 42 f. 9, 566). die sprachen des festlandes bieten eine merkwürdige lauterscheinung, indem das anlautende sk mit s wechselt. die übliche erklärung sieht hierin einen urgerm. wechsel und leitet ihn her aus den endbetonten formen, wo in der wurzel schwund des vocals eintrat und k zwischen s und l ausgedrängt wurde (wie in schlieszen, th. 9, 692). theilweise geht man dabei von formen mit silbenbildendem l aus, wie dem prät. (*sklt –́ ? ˃ slt- ˃ germ. sulđ-), so Kauffmann bei Paul-Braune beitr. 12, 505, ²). Möller zeitschr. f. d. philol. 25, 373, anm. 1. Noreen urg. lautl. 172, theils von formen mit vocalischer endung, wie dem opt. *sklī ˃ *slî ˃ suli, so v. Fierlinger in Kuhns zeitschr. 27, 190—3, vgl. Johansson beitr. 14, 289 f. 295. Joh. Schmidt kritik der sonantentheorie (Weimar 1895) s. 40 f. Bethge bei Dieter altgerm. dial. s. 187. Michels mhd. elementarb. § 118, anm. 1. Brugmann grundr. 1², 703. während gegen erstere erklärung die ausnahmslose erhaltung des sk in den nominalbildungen aus derselben wurzel, wie (ge)scholle (th. 9, 1455 f.), schuld (9, 1870) u. s. w., sowie in allen andern fällen des anlauts skul- spricht (s. bes. Schmidt a. a. o.), findet auch die andere in den thatsachen keine stütze. denn diese zeigen nirgends eine beschränkung oder eine vorliebe des anlauts s- für gewisse formen des paradigmas. und da diese s-formen nur auf einem beschränkten gebiete und erst von einer bestimmten zeit an auftreten, während die ältern quellen ausnahmslos sk- zeigen, so scheint es natürlicher, in jenen eine secundäre entwicklung der sprache eben in dieser zeit zu sehen, vielleicht unter einflusz der satzunbetontheit, vielleicht auch der sandhi (ik skal ˃ ik sal u. s. w.), s. Franck 1221. Wilmanns 1², § 57, anm. Morsbach neuengl. schriftspr. s. 96. mittelengl. gramm. § 6, A, 16. W. Horn beitr. zur gesch. der engl. gutturallaute (Berl. 1901) s. 28. der ähnliche wechsel zwischen ahd. scarpf und sar(p)f (s. scharf, th. 8, 2180) trägt nichts zur erklärung bei, da hier sarpf gerade in den ältesten denkmälern herrscht, und sich nur in ihnen findet; auch ist er selbst nicht aufgeklärt. die sprachlichen thatsachen sind folgende:
a)
zufrühest kommt sal im niederfr. auf. die (um 900 wahrscheinlich auf der grenze des nl. und des deutschen nrh. entstandene) psalmenübersetzung hat stets o (einmal scal gegen 137 sal, ferner salt, pl. sulun, s. u.), vgl. Cosijn de oudnederl. psalmen. bei Heinrich v. Veldeke herrscht sal u. s. w. ausnahmslos, s. Kraus s. 24 f. (vgl. unten), ebenso im mnl (sal, sel, 2. sing. du salt, sout, selt, sult, sals, saels, suls, sels, souts, plur. und inf. sullen, solen, selen, sellen, 2. plur. ghi sult, selt, silt, sout, prät. soude) s. Franck mnl. gr. 165, 1.
b)
dagegen kennt das alts. nur den anl. sk: scal, scalt, scal, plur. sculun, -on, conj. sculin, prät. scolda, -un, conj. scoldi; nur die gen. schreibt einmal thu salt (v. 77, in dems. verse sculun, also wol schreibfehler), s. Gallee § 318. Holthausen alts. elementarb. § 470. Wadstein 220ᵇ f.
c)
auch im mnd. überwiegt noch die schreibung mit sch (bez. sc), doch zeigen die formen beträchtliches schwanken (auch im vocal, s. u.), s. Lübben mnl. gr. § 61, b. Schiller-Lübben 4, 112ᵃ. als die normalen formen können gelten: schal, du schalt, plur. scholen (bei enklise schole wi) und scholet, conj. schole, prät. scholde. s. auch die glossare von Schrödfr zu 'van deme holte des hill. cruzes' und 'vruwenlof', und zu 'des dodes danz'. dagegen stehen die s-formen schon im Sachsensp. (Homeyer: sal, solen, solde) und im Theophilus. zuweilen beides in demselben denkmal neben einander, so im seebuch schal, scal, sal, sol, plur. gy solen, sollen, solet, solt, sult und se scholen; sole, solle, scole, schole gy u. s. w., s. d. glossar von Walther.
d)
im heutigen nd. ist der anlaut s jetzt überwiegend, doch hat er sich in manchen gegenden erst im laufe des 18. oder 19. jahrh. festgesetzt. die ältern idiotiken des 18. jahrh. geben fast alle sch (ik schall, du schast, wi scholen od. schölet, ji schölt, ik scholde, scholl od. schull, ik hebbe scholt), s. Richey 234. Strodtmann 374ᵃ. brem. wb. 4, 670. jedoch bemerkt schon Richey, dasz viele sall-sölen sprechen. einen unterschied der einzelnen formen bemerkt Schütze 4, 56; er gibt: ik sall, du schast, he sall (daneben du sast, he schall), die andern formen mit sch (wi schölen; ik schull, du schust). Danneil 179ᵃ. 186ᵇ gibt neben einander sall und schall, sast und schast u. s. w., s. 201ᵇ erklärt er den unterschied dahin, dasz der landmann schall, part. schollt, der städter sall, soll, solt sage. beide reihen neben einander hat auch das pommersche, s. Dähnert 410ᵃ. nd. korrespondenzbl. 13, 85ᵃ (hinterpomm. sall, sast, saele, prät. süll, süst, oft mit sch anl.), und das ostfriesische, s. Stürenburg 231ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 133ᵇ. unbedingt scheint scholl noch im bremischen zu herrschen. auch für Fürstenau ist ji schollen bezeugt, s. Frommann 2, 395, 1. sonst gilt im allgemeinen sall, s. Mi 73ᵇ. Schambach 202ᵃ. Woeste 248ᵃ. Frommann 3, 552, 37 (Lippstadt du sast). 5, 62, 19 (märk. sas͗). nd. korrespondenzbl. 16, 22 (westf.).
e)
im ahd. herrschen bis auf Notker die sc-formen, nur bei Tat. finden sich vereinzelt sal, sulun, solta, letzteres auch im Trierer cap. auch (der ebenfalls ostfränk.) Williram hat nur vereinzelt sal (69, 18), conj. sule (30, 2), pl. sulen (41, 7) neben regelm. scal, sculon, scolta u. s. w. (ebenso im Leidener Williram überwiegend sculan, s. Paul-Braune beitr. 22, 518). dagegen hat Notker regelmäszig s: sol, solt (selten solst), sul(e)n, conj. sule, -în, prät. solta, inf. suln. fränk. auch sal, salt. am längsten hält sich sc, sch im bair., s. Braune ahd. gr. § 374 und anm. 1. 2. Graff 6, 465—7, sowie die glossare.
f)
im mhd. hält sich sc, sch bes. in bair. denkmälern, während alem. und in der dichtersprache suln u. s. w. herrscht, s. mhd. wb. 2, 2, 178ᵇ f. Weinhold mhd. gr.² s. 443. bair. gr. s. 326—8. alem. gr. s. 394 f. sc gehört bes. den ältern quellen an, wie der Vorauer handschr., der Wiener und Millstädter genesis; belege aus urkunden und glossen giebt Weinhold für das al. und bair. — sch haben z. b. die Millstädter exodus, Ottokar reimchron., Suchenwirt, Megenberg, die Nürnberger städtechron. (Stromer u. s. w.) und fastn. sp., die tirol. weisth., die kirchenlieder von Kehrein u. s. w. häufig haben dieselben quellen daneben s (so sull wir Suchenw. 28, 221 neben sonstigem wir schulen), auch unmiltelbar neben einander in regellosem wechsel, so bei verschiedenen formen: waʒ aber darüber oberhalb deʒ dorfes waʒʒers ist, da sol iederman auʒ wäʒʒern sein choren ..., und schullent darumb dehainen dorfmaister noch niemant gepunden sein, nicht davon ze geben. tirol. weisth. 4, 27, 5 (vom j. 1380); wer ir dan bedärf, so sullen si an ainen wirt zichen und da eʒʒen und trinchken ir notdurft; wer dan unrecht hat, der schol si von dem wirt letig und los machen. 28, 6 f.; in derselben flexionsform: wan frömde leut in ain dorf chomen, ... die holz slachent, das schol der richter verbieten, und ob imant holz, der da ge[se]ʒʒen ist, der sein herberg paubn und pessärn wolt, der sol chains nicht slachen, man erlaub ims dann. ebenda 18—21; und sol man auch die geschworen ze haus und ze hoff lassen wissen, und ob das wär, das ir ainen oder mer icht irrt, ... das schol in unschedleich sein. 250, 9—11; auch schol man es schüten an ein ent oder ort, daz kain trupfe darauf vall, und sol dester ofter darzu warten. d. städtechron. 2, 307, 16; do macht der kaiser, daʒ si furbas den von Peis nicht mehr unterdenig sein solten, und solten furbas an daʒ reich haben ... den het der kayser Karel geboten, daʒ si ledig scholten machen den edelen herren den von Helffenstayn. 1, 31, 17. 23. — alem. vereinzelt in der Nib. handschr. C, Wackernagel pred., dem Augsburger stadtrecht u. a., s. Weinhold, den Augsburger chron.: und schullen denn aber die zwelf die an dem raut beliben sint zwelf ander zu in nemen. d. städtechron. 4, 130, 26 (sonst sullen, süllen). die angabe von Frisch (s. unter 4, c, ι), dasz schullen altalem. sei, ist jedenfalls irrig.die md. belege bei Weinhold mhd. gr. a. a. o. gehören sämtlich dem thür.-ostdeutschen gebiete und (mit einer ausnahme) urkunden an.
g)
die nhd. schriftsprache kennt schollen nicht mehr; nur die ältesten bair. quellen bis ins 16. jahrh. schreiben es noch: absit, scholl nicht seyn. quelle vom j. 1462 bei Schm. 2, 402; als vil er im seins lons schol. bair. landr. s. ebenda. dagegen hat es sich in einigen mundarten bis heute erhalten, bes. im oberpfälzischen: ich scholl — pl. schullen, schollen, schöllen — prät. schollt, conj. schöllt, s. Schm. 2, 402. mundarten Bayerns s. 338; für das Fichtelgeb. schon in einer quelle von 1716 bezeugt: as scheln zessen bringa, sie solle ihm zu essen bringen, s. Bayerns mundarten 1, 122; westböhm. šöll 425; du schollst verrecken! als verwünschung in Pilsen, s. Schröer 204ᵃ. auszerdem im südlichsten zipfel des bair. sprachgebietes: lusern. schöllen Zingerle 50ᵃ, cimbr. ich schöll, bar schöln, ich schölte, bar hötten gaschölt. cimbr. wb. 228ᵇ.
h)
auszer dem deutschen nimmt das friesische an diesem lautwandel theil: altfries. sela neben skila, skela, 3. s. sel, sal neben skil, skel, schel, schil, prät. solden neben skolden (fast nur in dem westerlauwerschen landrecht), s. Richthofen 1030ᵇ; die formen der neufries. mundarten verzeichnet am besten Siebs in Pauls grundr.² 1, 1329 f. (vgl. engl.-fries. spr. 1, 163). danach herrscht s heute im neuwestfries. und in Wangeroog (unter nl.-nd. einflusse?), dagegen saterl. sxæl, nordfries. skil, skæl, skal u. s. w.
i)
im altengl. fehlt s ganz (das von Sievers beitr. 9, 562 angeführte salde Rushw. Matth. 27, 31 beruht wol auf falscher lesung); dagegen ist seit mittelengl. zeit im nordengl. (und schott.) sal, genet. sud und ähnl. überwiegend, s. bes. Horn a. a. o. s. 26—28.
k)
innerhalb des nord. findet sich derselbe vorgang in schwed. mundarten; so einmal altschwed. sal, s. Noreen altschwed. gr. § 314, anm., und in neuern mundarten inf. sa, sö, plur. su, sa, prät. sulle, sölle, pl. sullom, part. sulat, sullet. Rietz 606ᵇ.
l)
hier ist indessen noch eine viel merkwürdigere verkürzung eingetreten, indem die ganze anl. gruppe sk schwindet. so altgutn. al, all soll, pl. ulum, inf. ula, s. Noreen altschwed. gr. § 322, 3. urgerm. lautl. 172, und in lebenden mundarten (Dalarne): al, pl. ulum, ulid, ula, prät. uld', pl. uldum, part. ulad, s. Rietz 606ᵇ und Johansson beitr. 14, 295, der die erscheinung aus der satzphonetik ableitet. die in der anm. mitgetheilte erklärung von Bugge verweist auf die stellung nach einem medialen inf., wie sem segjask skal = segjaskal = segjask al, þá er ganga(sk) skyli = gangask yli. vgl. ferner svensk. landsm. 11, 8, 37 f.
3)
die weitere entwicklung betrifft hauptsächlich die vocale. hier wechseln im deutschen urspr. drei laute ab: a im ind. präs. (skal), u im plur. (skulum) und opt. (skuli), o im inf. (skolan) und prät. (skolda, -ta). seit ende der ahd. zeit treten hier allerlei störungen ein, bes. im hd., die in mhd. zeit zu einer auszerordentlichen mannigfaltigkeit der formen führen, bis im nhd. o überall siegt und gleichmäszig durchgeführt wird. zunächst weicht, fast nur im hd., das a des ind. in o aus, wol unter einflusz des folgenden l und der satzunbetontheit, und meist zugleich mit der vereinfachung des sc zu s (seit Notker). dann dringt o auch in den plur. (scolen, sollen seit dem 12. jahrh. s. 4, c, γ) und conj. ein (mitteld. seit dem 13., oberd. bes. im 14. jahrh., 4, e, δ), während seltner der inf. u annimmt (schon bei Notker). weitere störungen verursacht der umlaut. dieser ist schon im conj. nur theilweise und schwankend durchgeführt, s. 4, e, dringt aber später auch in den ind. ein (bes. oberd. seit dem 15. jahrh., s. 4, c, δ; im 16. jahrh. sogar in den inf.), sodasz hier nun dasselbe schwanken herrscht wie im conj. und in weitem umfange vollständiger zusammenfall eingetreten ist (im präs. bes. in mundarten, im prät. auch in der nhd. schriftsprache). — auf das alem. sprachgebiet beschränkt ist die assimilation des l am folgenden dental (t, n): du sott (s. 4, b, μ), prät. sott (h, ε), conj. sott, sött(i) (i, θ. ι); präs. plur. sun, sunt, sond u. s. w. (c, ζ. ι. d, ζ). umgekehrt assimiliert sich nd. das l im prät. folgendes d (scholl, soll, s. 4, h, ζ).
4)
danach gestaltet sich die geschichte der conj. von sollen im hd. im allgemeinen etwa so: ahd. scal, scalt, pl. sculun, conj. sculi, inf. scolan, prät. scolta, bei Notker dagegen sol, solt, sul(e)n, sule, suln, solta, s. Braune ahd. gr. § 374. Graff 6, 465—7. mhd. als normalformen sol, solt, suln und süln, sul und sül, soln, prät. solte, -de, conj. solte und sölte. Paul mhd. gr.⁵ § 172, 7. Michels elementarbuch § 222 und anm. 5. Weinhold mhd. gr.² § 411. alem. gr. § 379. bair. gr. § 327. die formen des ältern nhd. s. bei Kehrein gr. 1, 282. ausführliche paradigmen lebender mundarten gibt z. b. für das schweiz. Winteler Kerenzer mundart s. 164. Seiler 270ᵃ. Frommann 3, 209, 122. 4, 15ᵃ. (Schmidt idiot. Bernense.normalformen: i soll, du sott, dafür auch der conj. söl, inf. sölle, prät. conj. sött, sötti); schwäb. Frommann 2, 212 (soll, sollšt, sollët, conj. ebenso, cond. sott, inf. solle); tirol. 3, 455 (soll, cond. sollet); cimbr. wb. 228ᵇ (ich schöll, bar schöln, ich schölte); in Handschuhsheim Lenz 66ᵃ (sol, sos, sole, prät. soot, ksot); pfälz. Autenrieth 133; erzgeb. Göpfert 87 (suͦl, suͦlst, suͦln, suͦl, conj. sël); schles. Weinhold dialektf. 130. Hoffmann schles. mundart 48 (sull, sulst, sulln od. silln, prät. sulde, conj. selde). im neund. sind die gewöhnlichsten formen: ik schall, sall; du schast, sast; pl. schölen, sölen, bez. schölt, sölt; prät. ik schull, sull, du schust u. s. w.die geschichte der einzelnen formen soll jetzt eingehender dargestellt werden:
a)
die 1. und 3. sing.
α)
das alte scal ist ahd. noch überwiegend (ausschlieszlich bei Isidor, Otfrid, Williram, überwiegend bei Tat)., findet sich aber auch noch frühmhd. (vgl. 2, f) und mnd., so bei Diemer ged. 347—52 mehrfach, s. bair. gr. s. 327.
β)
schal häufig mnd.; belege aus (ost)mitteld. urk. s. Weinhold mhd. gr.² s. 443. auch noch in lebenden nd. mundarten, s. 2, d.
γ)
scol ganz vereinzelt ahd. (Graff a. a. o.), und mhd., s. mhd. wb. 2, 2, 178ᵇ (auch Diut. 2, 281): suntir er scol si irfullen an einemo anderemo. denkm. nr. 86 B, 1, 7.
δ)
häufiger ist mhd. schol, s. mhd. wb. 2, 2, 179ᵃ. Weinhold mhd. gr.² 443 (Mülh. urk.). al. gr. 394 (Nib. C 13444). bair. gr. 326 sowie die belege unter 2, f; ferner d. städtechron. 2, 89, 20; item man scholl auch offen, wenn man ainen enspaum absait zu mittem mertzen oder ainen schürens, den schol man an st. Veits tag künden. tirol. weisth. 3, 163, 15 f.; ebenso 164, 10—12. 4, 250, 2 f.;
wer schol nu hoches muͦtes phlegen?
swer schol nu vrewd in hertzen han?
wer schol nu auf des trosteʒ pan
swingen seines hailes fuͦʒ?
Suchenwirt 2, 4—6;
dar umb ich dich loben schol.
Kehrein kirchenl. s. 125, 3 (14. jahrh.);
mein sin der urtailt und mein list,
welcher man ain frauenschender ist,
den schol man schwerzen als ainn morn.
fastn. sp. 705, 24.
so in bair. quellen bis ins 16. jahrh. und noch jetzt im oberpfälz., s. 2, g.
ε)
vereinzelte spielformen dazu sind mhd. schul, s. bair. gr. s. 327, und das heutige schöll im westböhm. und cimbr., s. 2, g.
ζ)
sal ist im nl. die ausschlieszliche, im mnd. eine sehr häufig, im neund. die weitaus überwiegende form, s. 2, ad. (bei Veldeke selten im reime, s. Kraus s. 24 f.). ahd. begegnet es selten, in Notkers psalmen und in fränk. quellen (Tat.). mhd. ist es im mitteld. (fränk.-thür.) vorherrschend, doch findet es sich auch oberd. nicht selten, auch im reime, s. mhd. wb. 2, 2, 178ᵇ f. Lexer handwb. 2, 1053. Weinhold mhd. gr.² 443 f. alem. gr. s. 394. bair. gr. s. 327: so sal der schopher und die gesworen mit laiter komen und die fürvasz aufladen; davon sal im ain ieder kaufman ij. gr. geben u. s. w. tirol. weisth. 4, 314, 19 f. besonders consequent in den mittelfränk. denkm., s. die glossare zum Annoliede, Silvester, Hagen's boich v. Colne. im reim z. b.:
dû sprichest immer 'dêû sal',
daʒ ich enweiʒ zwiu eʒ sal.
Helmbr. 756;
als er tanzen sal (: Riuwental),
sô ist im wol ze muote.
Neidhart v. Reuental 239, 67;
in dem lande uber al,
swaʒ von (l. so?) menschen wiʒʒen sal,
daʒ mochte sie (Medea) wol wiʒʒen.
Herbort v. Fritzlar 568, vgl. die anm.;
ditz ist uns wîben ein misseval,
daʒ sich ein man niht lâʒen sal
an unser keine nimmer mê.
Moriz v. Craon 1318.
sol (: wol) und sal (: dal, zal, beval, verhal) neben einander im reime zeigt die Elis., s. s. 408ᵃ. auch sonst stehen beide formen zuweilen unmittelbar benachbart: den ('vorsprechen') sall im der richter gebenn unnd her soll durch recht der stadt oder des burgers wort sprechenn vor gerichte. Behrend Magdeb. fr. s. 227. — nhd. belege bietet nur noch die reformationszeit: er wolt nicht benediung, darumb sall sie ferr gnug von yn komenn. Luther bei Wackern. leseb. 3, 158, 5 (schriften 2, 91ᵇ dafür: sol);
solch ler hat gemert der pfaffen zal
die man für herren halten sal.
Schade sat. u. pasqu. 1, 8, 47;
ade! ich sal (var.: sol) und mus mich scheiden
von der hertz aller liebsten mein.
bergr. s. 16, 20 neudr. (dagegen sol z. b. 20, 7. 41, 13).
η)
sol(l) herrscht seit Notker, bes. oberd. (alem.) und in der mhd. schriftsprache, ebenso durchweg im nhd. und den meisten lebenden mundarten. mit enklise des pronominalen objects: so soll man den übltätter ausz unszeren panden schlachen und sollen (soll ihn) dem lantrichter geantworten. steir. taid. 264, 8. dagegen im nd. nur ganz vereinzelt, so:
gy heren, want êrnst wesen sol,
so behôf ik juwes rades wol.
Theoph. 456.
derselbe reim auch 134, 493, 719, 815, dagegen sal : overal 166, 278. ist sal : wal das ursprüngliche? (vgl. indessen b, ζ).
θ)
vereinzelt weicht mhd. sol aus in sul (unter einflusz der pluralformen?), so in einer Freiburger urk. bei Schreiber 1, 306. s. alem. gr. 395. so auch (?): heiligen sul geben geist (sanctum daturus spiritum). Kehrein kirchenl. s. 69, 1 (wörtl. übers. des 12. jahrh.). jetzt ist u eingetreten in der schles. mundart: zul Hoffmann s. 48, sull, sôl, saul Weinhold über d. dialektforsch. s. 130, erzgeb. suͦl Göpfert 87.
ι)
nhd. selten mit umlaut:
pleib, es söl als verziegen sein.
H. Sachs fastn. sp. 5, 95 neudr. (nr. 58, 303; v. 298 dagegen:
das sol gleich pald geschehen).
auch die coss Christ. Rudolphs v. Mich. Stifel hat in einigen ausgaben söll. so noch ungar. ech söl Schröer 289ᵇ, pfälz. er sol, söl und ich sell, sel-ich, seler. Autenrieth 133.
κ)
zuweilen nimmt die 1. sing. im nhd. nach art gewöhnlicher präsentien ein -e an: ich solle, du sollest, er soll. Schottel 597; ich soll, ich solle. Gottsched 308. dasz es sich nicht nur um eine grammatikerschrulle handelt, scheint folgende stelle zu beweisen: komme her da, ich solle dir neue mores lehrnen. Bayerns mundarten 2. 71 (quelle vom j. 1701).
λ)
endlich tritt im bair. dialekt oft sollt für soll ein nach Hartmann-Abele volksschausp. s. 598.
b)
2. sing.
α)
die ursprüngl. form scalt herrscht im ahd., so stets bei Tat., Otfrid, Williram; mhd. findet sie sich ganz vereinzelt, eher noch im mnd., z. b.:
here her konink hôchgeborn unde rîk,
tret hêr, du scalt werden mîn gelîk.
des dodes danz 346 Bäthcke (ebenso 1238).
β)
üblicher ist mnd. die schreibung schalt, so:
du schalt de vôtspâren sên âpen stân
de wî mit rûwen quêmen gân.
van d. holte des hill. cruzes 77; s. auch 448;
mit enklise des pron. schaltu:
nicht egens schaltu hebben van allen tîtliken dingen.
des dodes danz 586 Bäthcke (u. öfter, s. d. glossar).
γ)
scolt begegnet vereinzelt ahd. und noch frühmhd., bes. bair., doch auch alem., s. alem. gr. s. 394: diu scoltu aver gelirnan (discenda est). Diut. 1, 282. auch mnd.:
bedenke, wôr du bist hêrgekomen unde wattu nu bist,
unde wattu werden scolt in korter vrist.
des dodes danz 1630 Bäthcke (neben gewöhnl. scalt, schalt,
s. α. β).
δ)
scholt findet sich mhd. in bair.-österr. quellen: ist eʒ (d. haupt) siech von hitz in dem sumer, sô scholt dû eʒ twahen. Megenberg 5, 23; dû scholt auch wiʒʒen. 221, 10;
ich dacht: du fürwaʒ prüfen scholt.
Suchenwirt 24, 129;
mulieribus. den weiben allen
scholt du vraw wol gevallen.
Kehrein kirchenl. s. 126, 9 (14. jahrh.).
selten im mnd.:
du scholt ene vinden vôr deme paradîs.
van d. holte des hill. cruzes 57;
du scholt vorne̜men ein clârheit.
86.
ε)
salt ist nfr.-nl. die gewöhnlichste form, auch bei Veldeke (selten im reime, s. Kraus 24 f.); mnd. üblich neben schalt. für die weitern nebenformen scholt, solt, salst, schast u. s. w. s. die belege bei Schiller-Lübben 4, 112ᵃ und d. gloss. zum seebuch. ahd. selten (fränk.); mhd. häufig bes. in mitteld. quellen, vgl. d. glossare zu Hagen boich v. Colne, Elisab. s. 408ᵃ u. a. reichliche reimbelege verzeichnet Weinhold mhd. gr.² s. 444:
sô du nu skiere komen salt,
Ênêas, helet balt.
En. 3177;
du weist wol waʒ du tun salt (: mit gewalt).
Herbort v. Fritzlar 3776;
sende den dû senden salt (: manicvalt).
erlös. 1281;
die zît ist daʒ dû komen salt (: alt).
1970.
(im spiel von den 10 jungf. sal und salt nie im reime, s. Germ. 11, 148. 161.) — einzelne belege bis ins 16. jahrh.:
rock hosen mantel und auch daͤgen
der saltu dich hie gantz verwegen.
Gengenbach gouchm. 319;
die kleffer saltu meiden,
froͤmde lieb saltu verneinen.
bergr. s. 20, 28 f. neudr. (daneben soltu 20, 26. 30, 8; solt du 20, 12);
das heist geblasen warm und kalt,
drumb du dich für jhn huͤten salt.
Alberus fab. 23, 161 (s. 111 neudr.).
ζ)
solt ist die gewöhnliche, normale form bei Notker und im mhd. ebenso noch im ältern nhd., so z. b. in der gramm. v. Clajus s. 106, 1 Weidling. bei H. Sachs du solt und solst, s. Shumway s. 140. so noch durch das ganze 18. jahrh. neben sollst, ja ganz vereinzelt bis in den anf. des 19. jahrh.: so solt du, wofern es anders deiner demuth nicht zuwider ist, Ernestus Conquestor heiszen. Liscow s. 417; aber auch du ... sollt nicht ohne vergnügungen seyn. Herder 28, 134 Suphan;
vergnüge dich mein sinn, und lasz dein schicksal walten,
es weisz, worauf du warten solt.
Haller ged.¹⁰ 121;
du sollt kein stück
von meinen ziegen nehmen.
Göthe 33, 255 (Prometh. 2);
drin sollt du es zu meiner herrin tragen.
Uhland (1864) 125 (vermächtn.).
vereinzelt auch mnd., z. b.:
hyr brenge ik dy silver unde golt,
schone kleider dei du dragen solt.
Theoph. 795.
in einigen gegenden Baierns erhalten, z. b. am Spessart, an der Salzach u. a., s. Schmeller mundarten Bayerns § 907.
η)
ganz isoliert ist sult im alem., vgl. alem. gr. s. 395:
und hest sine hulde verschult,
erfullit swaʒ du tuon sult.
Hugo v. Langenstein Mart. 176, 18.
θ)
das ebenfalls nur einmal bei Thomasin v. Zirclaria bezeugtsol ist wol eine falsche bildung des ausländers nach analogie von dû wil, vgl. Weinhold bair. gr. s. 327, mhd. gr.² s. 444:
ze dirre vrist
bedurfe wir dîner liste wol
und dîner kuonheit, wan du sol
unser aller bote sîn.
w. gast 13290.
ι)
meistens wird das t durch die gewöhnliche endung der 2. sing. st verdrängt, so salst im mnd.:
Theophile, du salst dit stichte rumen
tor stunt unde salst dâr nicht an sumen!
Theoph. 318 f. (u. oft, s. das glossar, in der handschr. mehrmals salt, einmal dafür solt, s. ζ).
κ)
sonst immer sol(l)st, so vereinzelt schon ahd., s. Graff 6, 465; auch mhd. noch selten, vielleicht nur im bair.-österr., vgl. bair. gr. s. 327:
dû solst eʒ ouch fürwâr haben,
daʒ dûʒ sagest dheinem lîbe.
Ottokar reimchron. 62663 (neben gew. dû solt, soltû, s. das glossar).
auch im ältern nhd. noch hinter sol(l)t zurücktretend, z. b. H. Sachs fastn. sp. 1, 151 neudr., s. II, 16, a (neben solt 2, s. 20. 61). bei Paul Gerhardt: du kannst und sollst, s. II, 19, g; daneben in demselben liede:
du sollt sein meines herzen licht.
v. 45.
als normalform erst seit dem (ausgehenden) 17. jahrh. so giebt Gottsched 308 an: du sollst, nicht sollt, und erklärt letzteres in Luthers bibel v. 1545 für einen 'überrest des alterthums' und nicht gut. Schottel 597 schreibt dafür: du sollest.
λ)
mundarten zeigen weitere ausweichungen und umlaut des vocals: ung. du sölst, selst Schröer 289ᵇ; erzgeb. suͦlst Göpfert 87; schles. sulst, solst, alt salst, s. Weinhold über d. dialektf. s. 130. — mit übergang von st in št schwäb. sollšt, s. Frommann 2, 112; pfälz. du sellsch und salschte Autenrieth 133. mit anl. sch, z. b. in Pilsen du schollst, s. 2, g.
μ)
im alem. hält sich solt, doch mit assimilierung des l an t: sot(t), s. Weinhold al. gr. s. 395, du sot Schmidt idiot. Bern. s. Frommann 4, 15ᵃ (dagegen 3, 209, 122 sollst als schweiz.): wand du muost allen dingen sterben und sot wider ingebildet werden in die hœdi da wir wonen. Wackern. pred. 60, 83;
daʒ wel gott!
aber eins, daz du mi glouben sot.
Mone schausp. des mittelalters 2, 393, 39;
auff morgen znacht, wils anders gott,
du mich haraussen finden sott.
Wickram irr r. bilger 15ᵇ;
dann du vil lieber haben sott
dein herren schöpffer und dein gott.
45ᵇ.
ν)
in vielen mundarten schwindet l vor st; so nd. fast allgemein, nur fürs ostfries. giebt Stürenburg 231ᵃ: schallst, gewöhnlich schasst (sasst), wozu ten Doornkaat Koolman 3, 133ᵇ noch schalt, salt hinzufügt, und mecklenb. sallst (sast) Mi 73ᵇ. sonst immer schast Richey 234. brem. wb. 4, 670. Schütze 4, 56 (auch sast), sast und schast Danneil 186ᵇ, oder meistens sast Danneil 179ᵃ. Schambach 202ᵃ. nd. korrespondenzbl. 13, 85ᵃ, du sass Woeste 248ᵃ. — so auch in hd. mundarten: berg. saustû, saͦste. Frommann 5, 140, 8; in Handschuhsheim sos. Lenz 66ᵃ.
c)
schon im ahd. sind die 1. und die 3. plur. gewöhnlich in sculun (Otfrid, Tat.), -on, -en zusammengefallen. daneben hat Otfrid einmal sculumês als adhortativ, s. Braune ahd. gr. § 313, anm. 2 und unten II, 6, m. im mhd. bildet sich eine grosze mannigfaltigkeit von formen heraus, die nur theilweise im nhd. fortleben. mnd. wî, se scholen und solen, bez. mit umlaut schölen, sölen. in neuern mundarten daneben mit -t: wi schölet brem. wb. 4, 670, vi söllt Woeste 248ᵃ, sölt und solt Schambach 202ᵃ. (hinterpomm. saele nd. korrespondenzbl. 13, 85ᵃ.) überall gilt in der ältern sprache die regel, dasz das -n oder -en der endung vor dem nachgestellten pron. der 1. pers. meist abfällt. (nd. schole, sole wy; so noch in den lebenden mundarten, doch auch schölen wi Schütze 4, 56.)
α)
über den anl. sc, sch vgl. 2, f. weitere belege s. mhd. wb. 2, 2, 178ᵇ f. Weinhold mhd. gr.² s. 443. al. gr. s. 394. bair. gr. 326. beispiele: so ne sculen wir gotes gnadon nieht missetrûon. Diut. 1, 285; also sculn wir gedultig sin. 291;
wirchen sculen wir sîn gebot ...
wir sculn in vorhten unte minnen.
denkm. nr. 43, 1, 6. 9;
des inscule wir gote getruen.
Diemer ged. 372, 25;
daʒ wir untodimik schuln werdin. Wackernagel pred. 12, 29;
dich vater micheln geborn schulen werden (te patri magnum fore nasciturum).
Kehrein kirchenl. nr. 74, 2;
si schullen dir ze fueʒʒen vallen.
s. 126, 9;
so in den Nürnberger städtechron., s. die glossare zu bd. 1 und 2: was di zeidler pawmen wipfeln (entwipfeln, den wipfel abhauen) zu pewnten (bienenkörben), di schullen si in dem selben jar ausburken; teten si dez niht, so schullen si furbas zu den selben pawmen kain recht haben. 1, 30, 20 f.; si schullen auch rechts mass geben. tirol. weisth. 4, 255, 21; mit o (vgl. γ):
diu min ist aller beste,
die wir ze deme sehsten male scolen haben.
Diemer ged. 349, 16;
daʒ si da ze vorderiste scolen sten.
369, 4.
mit umlaut (vgl.δ): und schüllen der amptman und di, di di purkgraven dar zu geben werden, der purger ... zwin oder mer zu der raynung nemen. d. städtechron. 1, 30, 31; was das kost, das schüll wir in widergeben. 2, 89, 40; dâ von schüll wir ain clain sagen. Megenberg 97, 32; die (brüste) schüllent an den juncfrawen klain sein. 25, 4. so noch in theilen von Bayern schullen, schollen, schöllen. Schmeller mundarten s. 338; cimbr. bar schöln. cimbr. wb. 228ᵇ.
β)
die gewöhnliche form ist mhd. sul(e)n: die beliben suln, permansuri. Kehrein kirchenlieder 101, 4. dafür in der spätern sprache gewöhnlich mit verdoppelung des l sullen: das in dhain richter, noch sein diener nicht darin vallen sullen. tirol. weisth. 2, 210, 9; item gemaine hierten, haben si vatter und mueter oder ander freunt, daselbs sullen si ir ligerstat und wonung haben, ob si wellen, und sullen in nit schuldig sein weder kost noch lon zu geben. 4, 59, 43;
wir sullen arme kative bliven.
Hagen boich v. Colne 3174;
wy sullen wenden unsern muͦt
nach gotlichen dyngen.
spil v. d. 10 jungfr. s. 17, 20, vgl. Germ. 11, 148.
mit apokope:
daz sull wir heuͤt dertzaigen.
Suchenwirt 28, 221;
des sull wir alle dankchen.
Kehrein kirchenl. s. 155, 9.
jetzt findet sich u schles.: zuln Hoffmann schles. mundart s. 48, erzgeb. suͦln Göpfert 87.
γ)
übergang des u in o findet sich seit dem 12. jahrh. (vgl.scolen unter α) bes. mitteld. und al., doch anfangs nur selten. Weinhold mhd. gr.² 444:
do kusde hey en vur synen munt
ind heysche en varen gode bevolen.
her na wyr wael horen sollen.
Karlm. 443, 5,
vgl. 447, 43 (sullen : holen). 398, 21 (sollen : holen); wir sollen im götliche ere erzeigen. Keisersberg bilger 5ᵃ. apokopiert:
sein gnad ist manigvalt,
die soll wir kenen lernen.
Beheim ged. 9, 421.
daneben in denselben quellen meist auch sullen, s. Elisabeth s. 408ᵃ, vgl.:
Jorgen. was sollen wir dar bestellen,
finden wir dar auch mehr gesellen?
Hom. ja, wir sollen dar nit sein allein ...
(Jorgen.) nun sag mir, Homule, das ist min begeren,
wan sullen wir wider keimkeren?
Jasp. v. Gennep Homulus 980—7.
δ)
im spätern oberd., nam. des 15. jahrh., doch vereinzelt schon früher, dringt massenhaft der umlaut ein, wodurch die grenzen zwischen ind. und conj. verwischt werden. als ältesten bair. beleg führt Weinhold bair. gr. s. 327 ein suͤlen vom j. 1299 an. s. auch schüllen(t), schüll wir unter α: schlachen oder vahen si in, des süllen si gen der herschaft unentgolten sein. tirol. weisth. 1, 143, 3; so süllen die pfärt in dem anger gen. 4, 28, 24 (vom j. 1380); welchem burger ... der richter und der burgermaister ... urlaub gebent von den burgerrechten, die süllen also urlaub haben. 352, 8 (süllen auch 405, 6, dagegen sullen 485, 9 f.);
das wir süllen gedencken deiner kraft.
Kehrein kirchenl. s. 162, 7;
wjr süllen lohen all dy raine.
172, 1;
hirsz und hinden
süll wir schlinden,
schwein und peren
süll wir geren.
Cl. Hätzlerin 1, 91, 133.
oft im wechsel mit sullen, so z. b.: wir ... tuͦn kunt etc. daz wir dem ... hern Karln, römischem kaiser, ... alle die wil daz er lebt verbunden und verpflichtet sin wellen und süllen, ... und geloben mit kraft des briefs ..., daz wir im gen allermenclich, ... bigestendig und beholfen sin wöllen und süllen ... sunderlich geloben wir ..., daz wir die püntnüs, die wir vormals mit im und sinen erben, küngen zuͦ Pechaim, gemachet haben, ... unverruckte halten ... wellen und sullen aun geverd. d. städtechron. 4, 41, 7—42, 2. — neben sollen: der oder dieselbe süllen auch aufgehalden und fürderlich für recht gestellt werden, wirdet dann gefunden, das der handl malefiz berürt, so süllen dieselben auch von stund an in das ober gericht zu rechtvertigen geantwurt werden. wurde aber ainer oder aine an warer tat ... begriffen ..., die sollen von stund an geantwurt ... werden. tirol. weisth. 2, 308, anm. (urk. v. 1484). entsprechend wird zu sollen (γ) ein söllen gebildet, das bes. im 16. jahrh. üblich ist, s. z. b. Clajus 106, 2 Weidling: wir söllen alles wesen der zyt gedultiglich tragen. Steinhöwel Aesop s. 120 Öst.; er hat gebotten seinen enngeln von dir, das sy dich söllen behütten. Keisersberg 7 schwerter aa 2ᶜ; also söllen wir auch tuͦn. 2ᵈ (auf derselben sp.: also ... sollen wir brauchen das wort gottes); ist nun er also bereyt uns zuͦ verzyhen, söllen wir ouch gern verzyhen unsern schuldnern. bilg. 7ᵃ;
wie dann die frommen ehleüt söllen.
H. Sachs fastn. sp. 2, 61 neudr.;
das fürsten sölln tyrannisch sein.
Alberus fab. 21, 96;
musz dann der fuchsz und sein geselln
jhrn mutwiln treiben wie sie wölln,
und wir allsampt jhm folgen sölln?
218.
in wechsel mit andern formen: also söllen sich och guͦt gesellen ertzaigen ... es süllen gesellen ainander eeren und wirden. Albr. v. Eyb spiegel der sitt. (1511) 125ᵃ. im Homulus des Jasp. v. Gennep finden sich sollen, söllen, söln und sullen, s. d. glossar. s. auch alem. gr. s. 395.
ε)
ganz selten finden sich andre vocale, indem o in a (öster.), oder die umtaute ü, ö in i, e ausweichen: wir sellent dirre redde und dirre gesihthe ende geben. Merswin buch v. den 9 felsen s. 65;
sal wirs nit wagen an dy veint,
so well wir auss dem veld nach heint.
Beheim ged. 5, 201;
wir wöllen han ein abendtancz,
also sprach Francz,
als wir auf hochzeit sillen (: der Grille).
Neith. Fuchs 543, s. ferner Lexer handwb. 2, 1053.
so jetzt pfälz. mr sale, söle, mit enklise selemer, selese. Autenrieth 133, schles. silln, selln, sulln. Weinhold dialektf. s. 130, erzgeb. suͦln und siln, sin. Göpfert 87, siebenb. mer sëlen. Haltrich 48.
ζ)
seit dem 13. jahrh. beginnt im alem. das l vor n zu schwinden, sodasz die formen sun, sün, son, sön entstehen, s. Weinhold alem. gr. s. 395 und die belege im mhd. wb.:
wir sun (so die handschr.) den winder
die stuben enpfâhen,
wol ûf, ir kinder,
ze tanz[e] sun wir gâhen!
minnes. 1, 201ᵃ Hagen;
die minner, des geloube mir,
suln (handschr. A: sun) alle wesen rîche
und suln (sun) ouch stæteclîche
ir seckel vol pfenninge sîn.
Heinzelin v. Konst. 1, 472, s. auch 560;
die sun wir nicht ab lân.
Boner edelst. 32, 23;
des sün si iemer danken dîner zungen.
Walther v. d. Vogelweide 82, 33;
dar umbe son wir niht verzagen.
minnes. frühl. 21, 3 C;
wir son kleine sorgen umbe guot
wir son tanzen, wir son springen,
wir son frœlich reigen, wir son singen,
wir son hôhgemüete und lieben wân
ûf gedingen hân.
Schweizer minnes. s. 227, 15—20 (so die handschr. C; im text ist sun eingesetzt);
wir sön tôdes sêre
in gotes namen dulden.
Reinfr. v. Braunschw. 25380;
nu son wir merchen. Grieshaber pred. 2, 10; und hie bî son wir zem êrsten lernen, wie wir got biten sön. wir sön sprechen u. s. w. Eckhart 92, 31 f.; din geistlich und liplich krefte son niut in lawkeit lomen. Heinrich Suso bei Wackernagel leseb. 1², 876, 34.
η)
im spätern mhd. und frühnhd. nimmt d. 3. pl. nach analogie der gewöhnl. präsentien häufig ein -t an, sodasz sie nun von der 1. pl. geschieden ist: auch melden und offen wir, das all selleut zu Flaurlingen umb unsern lon uns vor mänigklich sullend arbaiten ungevarlich. tirol. weisth. 2, 25, 41, s. ferner 4, 192, 1 ff.;
sulnt ir eides ledic sîn.
Rud. v. Ems d. gute Gerh. 6242;
den lûten ûf der erden,
die sint und solnt werden.
erlös. 3065;
also sollent die von Argun den von Augspurg dieselben fl. all noch. d. städtechron. 5, 207, 28 (Augsburg); ob etwas durch si aus der gemein inngenomen were, das sollend si aigentlichen und mit fleisz besichtigen. tirol. weisth. 3, 83, 17; die bichtvaͤtter sollend der ding gar eben vernemmen. Keisersberg post. 2, 3ᵃ; welle werck du thuͦst im winter der hoffart, sollent nüt. bilg. 32ᵃ; das arm und raich dester basz niessen söllent. tirol. weisth. 2, 312, 2; doch so hand wir weder kleyder nach harnysch, die neyszwas söllend (irgend etwas taugen). Haimonsk. s. 54, 34 Bachmann; im wechsel mit andern formen, s. θ. vgl. auch schüllent unter α, sellent unter ε.
θ)
im alem. jedoch dringt dieses -t auch in die 1. plur. ein: zum dritten heissen es unser schulden, nit darumb das wir sie besitzen sollent. Keisersberg bilg. 5ᶜ, s. auch unter II, 3, b; neben sollen: aber wir sollen bitten got den herren, das er sie uns verzyhe und nachlasz, und wir selbs sollend sie ouch nachlossen unsern schuldnern. bilg. 5ᵈ. welch buntes durcheinander dabei zuweilen herauskommt, mag folgende stelle veranschaulichen: unser reht daz wir hant und haben sulent an der münsen zuͦ Strazburg ... und sulnt uns ouch die vorgenanten burger antwurten ein münssemeister wen sü wellent, den sülen wir seczen und süln im geben ... allen den gewalt ... den wir selber solten han ... dette er des niht, sa sülent ez die vorgenanten personen duͦn fur uns. und were daz man uns ... darumbe pfendete, das sulen uns die vorgenanten personen ... abduͦn ... ist aber daz ein münsmeister ... abegat ..., sa sulnt sü oder ir erben uns ein andern antwurten, und suln wir dem den selben gewalt geben. d. städtechr. 9, 990, 18—32. — im heutigen schwäb. sollët Frommann 2, 112.
ι)
auch an die alem. gekürzte form (s.ζ) hängt sich das -t gern:
gense hüener vogel swîn,
dermel pfâwen sunt dâ sîn.
Schweizer minnes. s. 171, 25;
got hat den liuten lere gegeben,
die lengirn wend (wollen) dez libis leben,
daz si die vattir eren sunt
und och die muotran swa siu munt (können).
Mart. 23, 17;
häufiger sond, vgl.: im dialecto alemannico sind sonderlich zwey veraltete veränderungen zu merken, nemlich dass sie auch schullen für sollen gesagt (ist unrichtig, vgl. 2, f). und für, sie sollen, oder sollend, wie sie das d. noch also anhängen, findet man auch geschrieben sie sond. Frisch 2, 285ᵇ; daraus die von Burgeus järlich gen Fürstenburg in die veste zinsen und antwurten sond etwievil fueder holz. tirol. weisth. 3, 75, 14 (handschr. v. 1542); in vierzehen tagen darnach sond die alten kürchpröbst umb ir einnemen und ausgeben ainem ieden pharrherren ... raitung und zalung thuen. 79, 8;
wir sont eʒ hein ze huse sparn.
Peter v. Staufenb. 442;
im sont alle zungen
lobes dar umb flêhen.
Reinfr. v. Braunschw. 2306;
die von euch habent guͦt und er
die sont euch wesen undertan.
Moringer 4, 4;
dem lieben gott wir dancken sond
umb dgaben die wir gnossen hand.
Wagners archiv s. 81 (schausp. v. St. Wilhelm, Lucern 1596).
mit umlaut:
des sönt die jungen nemen war.
herz unde sinne sönt ie dar
mit den gedenken vehten.
Reinfr. v. Braunschw. 17 f.;
wir ouch do nu betrachten sönd (l. son?),
das der berg Magdalon
die schönst ougenwaid ...
für alle bürg berg hat.
Mone anz. 8, 487, 32;
das sie sönt wiszheyt, kunst verlan.
Brant narrensch. 46, 71;
auch: das si nu hinnachin ewiklich den egenannten hoff und capell ... inne haben ... send und mugent. tirol. weisth. 2, 351; anm. (urk. v. 1403);
die richen hailigen sent tailen so,
daʒ wir mit jn werden fro.
Laszberg lieders. 2, s. 130, 115;
das sie nit machen zinsz und rent,
kein hohe hüser buwen sendt.
Gengenbach gouchm. 1300.
so noch jetzt schweiz. sönd, s. Winteler Kerenzer mundart s. 164, dagegen giebt Schmidt im idiot. Bernense das ganz abweichende mir, si saü, s. Frommann 4, 15ᵃ.
d)
die 2. plur. ist im nd. der regel nach mit der 1. und 3. zusammengefallen: gy (jî) scholen, solen und sole gy; oder auch wî, jî, se scholet, solet. doch zeigt sich zuweilen ein unterschied, indem nur die 2. plur. auf -t ausgeht. so steht im Theoph. 5 mal gy solt neben 2 maligem gy solen und 2 sole gy, dagegen stets sei solen, s. d. gloss. ebenso noch in lebenden mundarten wy schölen, jy schölet, schölt, s. Richey 234. Schütze 4, 56. — ahd. sculut (Isidor, Otfrid), sculet (Williram), scult und sulut (Tat. 156, 2), sult, alem. sul(e)nt (Notker), sulint, sulnd, sund, vgl. Braune ahd. gr. § 374, anm. 1. 4. im mhd. und nhd. finden sich folgende formen:
α)
mit anl. sc(h), so scolet in alten glossen, s. alem. gr. 394;
darumb schult ir nicht chriegen.
Suchenwirt 34, 50, s. auch v. 24;
ir schult nicht lenger sparen,
ir schult aller creature
kristenglouben predigen huͦre.
altd. schausp. s. 23, 60.
weiteres s. bair. gr. s. 327, s. auch schült unter δ.
β)
mhd. gewöhnlich ir sult:
dem sult ir ouch den zins geben.
Ottokar reimchron. 468;
des sult ir gelouben niht.
1733;
sit willekom, ir uzerwelten kindere min!
ir sult nummir ungemach lide eder pyn ..
ir sult daz hemelriche
besicze mit mir ewicliche.
spiel von d. 10 jungfr. 22, 1—6;
in disem spil sult ir vernemen.
Jasp. v. Gennep Homulus 11.
dafür:
ir sullet im ouch sagen mer.
Elisab. 560.
γ)
daneben das im nhd. herrschende solt:
diz ist doh daʒ ir merken solt:
swaʒ man legete ûf daʒ golt,
daʒ swebete alliʒ obene.
Lamprecht Alex. 7131 Kinzel;
die ketene was rôt golt,
nu ir't vernemen solt.
Eneit 8359;
ich sage iu waʒ ir tuon solt.
Stricker Karl 1596 (vgl. alem. gr. s. 444, s. auch kl. ged. 4, 167 unter II, 18, e);
später gewöhnlich so.
δ)
vereinzelt mit umlaut, so im niederrh.:
sült es hörren so zehant
eyn puoch, daʒ ist der Ring genant.
Wittenweiler ring 1ᶜ, 7;
daneben:
dez schült ir glawben.
1ᵈ, 10;
darumb sölt ir us den spil hie lehren
mit Homulo zum vatter keren.
Homulus 103.
dafür auch:
junfrouwe, ir sit so wis und so schoine,
ir soilt dragen mins riches crone.
Hagen boich v. Colne 185.
ε)
im alem. mit der endung -nt, -nd:
nû denchent, wîb unde man,
war ir sulint werdan.
memento mori 1, 2;
sulnd ir iemer dâ genesen,
ir muoʒint iu selbe die boten wesen.
4, 7;
ir sulent all ersterben.
6, 3 (daneben noch ir sund, s. ζ);
doch sulent ir in allen
deste wirs gevallen.
Iwein 3175 (sulendir A, sult ir B, ebenso 3190, sonst sult);
aber ir sollend euch schaͤtz machen im hymmel. Keisersberg post. 2, 3ᵃ. später auch in andern mundarten: das ihr zwierend im jahr her sollend kumen. tirol. weisth. 2, 177, 18. mit abfall des t: ir süllen gantz nichtz schweren. Matth. 5, 34 in der 4. bibelübers. (1470—3), s. Kehrein gr. 1, s. 282.
ζ)
dafür frühe formen mit ausfall des l:
eina churza wîla sund ir si hân.
memento mori 1, 6;
taʒ sund ir wol bevindin.
17, 10;
nû merkt mich, swer noch tougen lige,
ir sunt ergeben der fröiden spil.
Schweizer minnes. s. 328 (Hadloub 33, 2);
ir sünt wenden einem ritter swære.
Walther v. d. Vogelweide 113, 1;
ân gâb sünt ir mich nû nicht lân.
Boner edelst. 14, 36;
die (jungfrau) sont ir geben einem man.
den sü mit eren wol mag han.
Peter v. Staufenb. 891;
ir sont eʒ hân gemeine.
Sigenot 19, 10;
ier sont dc wizzen. Grieshaber pred. 2, 13; und (ihr) sont aber beton, und sont got bitten. 19. mit eigenthümlicher vocalwandlung in einem oberschwäb. liede um 1633:
haerr pfaͤrrar, ey geaban an guotta taag,
looszt was ih saag, ar saond as varkuͤnda.
s. Frommann 4, 91, 29, vgl. s. 106.
noch auffälliger ist dir saüt in Schmidts idiot. Bern. bei Frommann 4, 15ᵃ.
η)
mundartlich mit vocalschwankungen, z. b. pfälzisch êr sellen, selener. Autenrieth 133; erzgeb. suͦlt und silt. Göpfert 87; schles. selt, silt, sult. Weinhold dialektf. s. 130.
e)
der conj. lautet mnd. immer schole oder sole:
wô lange ik noch schole missen
des olîes der entfarmenissen.
van deme holte des hill. cruzes 59;
efte wer ik schole alrede sterven.
des dodes danz 787 Bäthcke;
hei en sole mit vlyte to kore gân.
Theoph. 285.
ahd. sculi (Isidor, Otfrid), scule (Williram, und sule), plur. sculîm, -ît, -în, bei Notker sule, -îst, -în, -int, -în. im mhd. herrscht grosze mannigfaltigkeit der formen, da auszer dem wechsel von sch und s, u und o auch der umlaut nur theilweise durchgeführt ist. das nebeneinander von umgelauteten und umlautlosen formen, von denen letztere im plur. mit denen des ind. zusammenfielen, ist die ursache gewesen, dasz dann hier überhaupt vermischung und in weitem umfange zusammenfall von ind. und conj. eingetreten und der umlaut auch in den ind. eingedrungen ist (vgl. c, δ. ε. d, δ).
α)
mit sc(h):
daʒ siu baidiu sament ne gerent
des tu sie nieht sculist weren.
denkm. 43, 10, 12;
wie man schüll derkennen, welheʒ waʒʒer leihter sei. Megenberg 105, 12;
man spricht also: in welchem jar
der stern werd gesehen,
in vir sachen offenbar
ime schull geschehen.
Suchenwirt 20, 160;
schölle in einer steir. qu. v. 1335 s. bair. gr. s. 327; so noch im Fichtelgebirge: maidl, geih haima un sog za da mauda (zu der mutter), da vota is hungri wi a wuälf, as scheln (sie solle ihm) zessen bringa. qu. v. 1716, s. Bayerns mundarten 1, 122.
β)
die normale form der mhd. schriftsprache ist sül(e). so im reim:
ich enwil nicht werben zuo der mül ...
merkent wer dâ harpfen sül.
Walther v. d. Vogelweide 65, 16;
mich dunket niht daʒ ieman süle
ze lange harpfen in der müle.
Vridanc 126, 27.
vgl. Weinhold mhd. gr.² s. 445. später mit verdoppelung des l: der satte 7 dyacones, daz sü eins ieglichen bischoves huͤten süllent, daʒ er it verirre. d. städtechron. 8, 16, 15; item so offent man euch, das ir meiner frawen und dem gotshaus ire schaff dienen und geben süllet. tir. weisth. 1, 68, 2; da mit die herschaft daz ir verantwurten sülle. 4, 17, 20. s. auch schüll unter α.
γ)
daneben ohne umlaut sulle, so bes. im bair., s. bair. gr. s. 327: der satte uf, daz man den glauben sulle lute singen in der messe. d. städtechron. 8, 18, 21. s. auch Ottokar 13224 unter II, 6, d, und spil v. d. 10 jungfr. 16, 6, ebenda, 9.
δ)
während das oberd. im 12. und 13. jahrh. nur u, ü kennt, kommt mitteld. daneben o auf, das im 14. jahrh. auch oberd. sehr beliebt wird (Weinhold mhd. gr.² 445) und nhd. zur herrschaft gelangt ist:
nu bevelhe ich, herre, dir,
waʒ din wille unde din begir
mit uns beiden solle
und ordinieren wolle.
Elisab. 5821;
aber kürchpröbst solle man alweg auf sand Michels tag setzen. tirol. weisth. 3, 79, 7; thue ein stück nach dem andern heraus, und darffest nicht drumb lossen, welchs erst eraus solle. Hes. 24, 6; ists etwas, was du thun sollest, dasz du auch gedenckest, ob du dergleichen zu thun dich bisz dahero beflissen habest. Spener bei Wackernagel leseb. 3, 961, 19.
ε)
mit umlaut sölle, so im ältern nhd. sehr häufig; einen beleg von 1478 giebt Weinhold bair. gr. s. 327. ferner: wie man die füren sölle. tirol. weisth. 2, 296, 8. Keisersberg 7 schwerter aa 4ᵇ, s. II, 18, a. Wickram rollwagenb. 17, 4, s. II, 6, n. Brant narrensch. 11, 3. 37, 20, s. II, 9. 6, b;
dem ich wider hinausz entboth
seinr beger kains geschehen söll (: woͤll).
H. Sachs 3, 2, 156ᶜ;
da gab man fuͤr ein new geschrey, ...
wie das ein berg geberen woͤll,
darumb sich niemandt saͤumen soͤll.
Alberus fab. 16, 8;
da schickt der löw ein knecht herausz,
das er dem bern solt sagen an,
er söll hinein zum könig gahn.
36, 42.
vgl. auch:
so wil ich uch benemen dat leven,
unde seit, we uch soele andert geven.
Hagen boich v. Colne 229.
jetzt ist der umgelautete conj. noch in der Schweiz erhalten: sol, conj. söl Winteler s. 134; söll, söllist Frommann 3, 209, 122; söll, sell, soll Seiler 270ᵃ; dagegen ist im schwäb. und tirol. der conj. = ind. Frommann 2, 112. 3, 455.
ζ)
das ö geht im al. seit dem 14. jahrh. gern in e über: du sprichest got selle sich erbarmen. sage mir, wie lange sol sich got erbarmen? Merswin buch v. d. 9 felsen s. 52; vgl.söll: hell Brant narrensch. 11, 3.
f)
der inf. hat ursprünglich den vocal o, ahd. scolan. daneben kommt später u auf, unter einflusz des plur. ind., in den andrerseits o eindringt. so schon bei Notker suln, z. b.: unde âne des brûoder rât chad sî in daʒ nesuln ahton (debere decernere). 1, 701, 5 Piper (Mart. Cap. 1, 8). mhd. soln, suln, sollen, sullen, scholen u. s. w., den formen des ind. entsprechend. im ältern nhd. (16. jahrh.) finden sich noch formen mit umlaut: soͤllen, schuldig oder verpflicht sein, debere. Maaler 376ᵇ; der daruf sitzt, sött wenig söllen. Morgant 240, 9 Bachmann;
doch ists mir nicht ein kleine freude,
das ich nicht trag allein sölch leide,
dazu meins leids hab sölchen gsellen
wie ich in selbs hett wünschen söllen.
Rebhun Sus. 1, 1, 104.
doch ist die herrschende form stets sollen, debere. Dasypodius; sollen, müssen, falloir. Hulsius 300ᵃ; sollen, debere. oportere. Schottel 1417; sollen Kramer dict. 2, 834ᵇ u. s. w. in mundarten dagegen finden sich sowol formen mit wie ohne umlaut: schweiz. sölle Winteler 164, schwäb. solle Frommann 2, 122, tirol. sölln 2, 20, ung. schollen Schröer 204ᵃ, erzgeb. suͦln, siln Göpfert 87, schles. silln, sulln Weinhold dialektf. 130, nd. schollen (wenig gebr.) Danneil 179ᵃ, schölen und sölen Dähnert 410ᵃ, sollen Schambach 202ᵃ, söllen Woeste 248ᵃ.
g)
das part. präs., schon got. als skulands bezeugt, bildet sich vom inf., ahd. sculint(i), flect. scolantêr, scolontêr, scu-, scolontiu, scolonta, scholonten, bei Notker sulinde, sulender s. Graff 6, 467; in den Windberger ps. (v. 1178) scolenter und solenter, s. bair. gr. s. 328. mhd. sulnde, solnde u. s. w. nhd. bes. in der festen verbindung seinsollend, s. sp. 369. in älterer sprache nicht sollend, alem. nüt söllend, s. II, 3, c. mundartlich nur vereinzelt bezeugt, so nd. schölender wise, gezwungener weise. ten Doornkaat Koolman 3, 133ᵇ.
h)
im neugebildeten schwachen prät. ist in der ältern sprache das o fest. so ahd. scolta, solta, mnd. scholde, solde, mhd. gew. solte, solde.
α)
ahd. scolta, scolda (Isidor), scolte (Williram neben scolta), scolt er, plur. scoltun, -on, -en, -an. so noch mhd.:
der hamer ist der verwâʒen:
deme scolt unser hêrre uns niuht lâʒen.
denkm. 43, 16, 12;
daʒ sie denno den tarent, den si frume scolten. 86 B, 1, 30; daz sie die leut, die die groszen haufen korns hetten, scholten 1 firtail heiszen hingeben. d. städtechron. 2, 300, 16;
wes scholten do die andern phlegen?
Wittenweiler ring 5ᶜ, 26;
s. ferner Weinhold bair. gr. s. 327. mitteld. scholde belegt derselbe mhd. gr.² s. 443. so jetzt oberpfälz. schollt Schm. 2, 402, cimbr. ich schölte cimbr. wb. 228ᵇ; nd. schulde, schull u. ä. s. ζ.
β)
mit anl. s, so solta, -on bei Notker. mittelhd. gewöhnl. solt(e), solde. zahlreiche reimbelege gibt Weinhold mhd. gr.² s. 445. auch nhd. ist sol(l)te herrschend, nur schwankt die schreibung zwischen l und ll: ich solte, du soltest. Clajus 106, 3 f. Weidling, ebenso Schottel 597, dagegen ich sollte bei Gottsched 308.
γ)
für mhd. solde begegnet mundartlich auch sulde und niederrh. (14. 15. jahrh.) soulde, s. Weinhold a. a. o.:
de van Bunne, als si sulden,
saich man eme sweren unde hulden.
Hagen boich v. Colne 1719;
da suͤlt si weiʒgot inne leben
biʒ an ir libes ende.
Elisab. 1160 (daneben sulde u. solde, s. d. glossar).
so jetzt schles. zulte Hoffmann d. schles. mundart 48, sulde, saulde Weinhold dialektf. s. 130, erzgeb. suͦlt und suͦl, suͦlst, suͦltn Göpfert 87. mit abfall des -t siebenb. ich sûl Haltrich 48 (vgl. ζ).
δ)
selten ist das a des sing. präs. in das prät. eingedrungen (wenn nicht übergang des o in a anzunehmen ist), s. i, ζ.
ε)
im alem. schwindet auch hier das l vor dem t: sott, sottist, sotten. s. alem. gr. s. 395: der was im sal by sinen dienern, die sottend wol als wenig, als er. Morg. 156, 33 Bachmann;
her Pilate, dein gebott
han ich vollendet als ich solt.
Mone schausp. des mittelalters 2, 134, 78.
so noch jetzt schweiz. sott, -ost Frommann 3, 209, 122; sött, sett, sott (conj.?) Seiler 270ᵃ.
ζ)
umgekehrt pflegt im nd. das d sich dem l zu assimilieren: ik scholde und scholl, wi schollen brem. wb. 4, 670, schulde, sulde oder s(ch)ul ten Doornkaat Koolman 3, 133ᵇ, ik soll (solde) Woeste 248ᵃ, sonst nur ik schull Richey 234. Schütze 4, 56. Danneil 179ᵃ und sull 186ᵇ. Dähnert 410ᵃ. Mi 73ᵇ, schull (sull) Stürenburg 231ᵃ, südhann. solle Schambach 202ᵃ und soll; 2. sing. sollest, sullst Dähnert, schullst, daneben mit ausfall des l: schusst Stürenburg, du scholdest, schollest, schost brem. wb., nur schust haben Richey und Schütze; hinterpomm. süll, süst nd. korrespondenzbl. 13, 85ᵃ. — aus dem nd. stammt wol das sollen, das die hschr. Spittendorffs vereinzelt für solten bietet, s. d. glossar und i, β.
i)
im conj. ist der umlaut wiederum nur theilweise durchgedrungen.
α)
mit anl. sc(h), ahd. scoltî, -i, -e, plur. scoltîn (Otfrid), scoldii Isidor; mhd.: dar auʒ süeʒ wein und korn und ander früht schölten auʒ der erden gewachsen sein. Megenberg 75, 24. d. städtechr. 1, 31, 23 s. 2, f.;
dû gâbe uns einen hêrren,
den scholte wir vil wol êren.
Ezzo's ges. (denkm. nr. 31), III, 2;
wo man scholt tugende phlegen,
er lieʒ nicht under wegen.
Suchenwirt 6, 55;
schölt in einer bair. urk. v. 1368 belegt Weinhold bair. gr. s. 328, schult in Klosterneuburger urkk. v. 1306. 1320 ebenda; scholde, schoilde, plur. scholdin, schuldin in mitteld. urkk. s. mhd. gr.² 443. so noch oberpfälz. schöllt. Schm. 2, 402, nd. wi schollen. brem. wb. 4, 670.
β)
die gewöhnliche form ist zu allen zeiten die mit nicht umgelauteten o, die sich also vom ind. im ahd. nur in den endungen, mhd. und nhd. gar nicht unterscheidet. so schon bei Notker: solti, -tîst, -tin, mhd. solde, solte, solt, wofür Weinhold mhd. gr.² s. 445 zahlreiche reimbelege gibt. ebenso im nhd. solte, sollte. — mundartlich z. b. tirol. i soll(e)t, du soll(t)est, Nürnberg. dafür mit doppeltem suffix soltet, s. bair. gr. s. 328. — im nd. jetzt stets dem ind. gleichlautend, mit assimilation des d an l: solle, s. z. b. Schambach 202ᵃ (brem. wi schollen s.α). so auch bei Spittendorff, s. II, 6, c. n., vgl. h, ζ.
γ)
doch kommt im mhd. und nhd. des 16. jahrh. auch umlaut vor, der im oberd. des 14. und 15. jahrh. regel ist (vgl.schölte unter α): ez waer dann daz si in dem rat so vil ze schaffen hetten, so sölten si in dem rate beliben. d. städtechron. 4, 144, 26; man sölte wichtigere beyspil gebraucht haben. Maaler 376ᵇ; du hast mich zum ersten mehr denn ich begerete mit einer herrlichen malzeit gespeiset ... und sölte (ich) nun mit einer so geringen widergeltung mich unda[n]ckbar finden lassen? Kirchhof wendumn. 1, 394 Öst. (1, 353);
si sölt nemen einen man.
Boner 58, 41.
Schwartzenberg Cic. 152ᶜ, s. II; sölten (neb. schölten) in bair. urk. s. bair. gr. s. 328.
δ)
dafür finden sich auch ausweichungen des vocals, so niederrhein.:
hei saichte vrunden unde magen,
hei soilde sin leven darumb wagen
of hei wreche sinen anden.
Hagen boich v. Colne 2676.
vgl. schoilde unter α. ferner in niederrh. urk. das vielleicht nur in der schreibung abweichende seulde, s. Weinhold mhd. gr.² 445.
ε)
an stelle von o, ö erscheinen u, ü, so els., s. Weinhold alem. gr. s. 395: also das ich bewiset wart was ich duon odder losen sulte. Schmidt gottesfreunde s. 59; das ich den heiden von cristonme glouben suelte geseit habben, und suelte ouch das also lange und also fil geton habben unze an die zit das si mich durch cristonsglouben willen sueltent gros lidden und marthel annegeton habben. 71; neben dem häufigen solte: das ich min selbes do inne mit groseme erneste war solte nemmen, und suelte in losen wurken sine werg. s. 74 f. bair. sulten in urk. des 14. jahrh. s. bair. gr. s. 328. ferner: das en dy pelcze ... nicht en sülden. Behrend Magdeb. fr. s. 243 (vorher: her sulde); sülte Beneke beitr. s. 308 (= solde Neidhart v. Reuental 74, 27).
ζ)
selten mit a für o, so salde in einer sächs. urk. v. 1402, s. Weinhold mhd. gr.² 445, und: wenn das ist das ainer auf dem guͦt gesessen ist ... und unrechtlich sach trib ..., darumb er den todt verschuldet hiet, ... so salten die vorgenanten drei stift ... zusammen greifen ...; und was das gesteet (kostet), das sullen die egenant drei stift aussrichten. stair. taid. 318, 17.
η)
ähnlich weicht ö in e aus:
waz er kristen an diser stet
uberiger gevangen het,
dy tailt er in seim lande,
daz man sy furpas zihen selt.
und darnach zah er auss dem velt.
Beheim histor. ged. 5, 904;
also hab ich ein klein erzelt,
wie sich ein singer halten selt.
H. Sachs meisterges. 4, 70 Gödeke.
so jetzt im schles. zelte Hoffmann schles. mundart s. 48, selde, pl. selden, selln, silden Weinhold dialektf. 130, erzgeb. sël Göpfert 87.
θ)
im alem. wird auch hier lt zu tt assimiliert, s. alem. gr. s. 395. zunächst ohne umlaut:
her duͦchher, nun grütz üch got,
losent, waz ich üch segen sot.
Mone schausp. des mittelalters 2, 387, 49;
und sottistu zreden fachen an.
403, 10;
Cayphas, Pilatus hat uns gebotten,
das wir üch gehorsam wessen solten (l. sotten).
266, 52;
drum jr etlich so wol gerathen
so sie ietzund haus halten sotten,
sich richten ihn wie biderlit,
so lauffends aus dem land gar wit.
Wickram bilg. 44ᵇ;
wenn ars nit sott wissa.
Frommann 4, 89, 19 (oberschw. lied v. 1633);
du sottst durstig sî? Gotthelf Uli der knecht s. 135 Vetter; es hat mi scho vo wîtem düecht, es sott di sî. 149. so jetzt schwäb. sott, sottšt Frommann 2, 112.
ι)
hier auch häufig mit umlaut, bes. in der Schweiz, heute stets: i sötti Frommann 4, 15ᵃ (Schmidt idiot Bern.), sött, söttist. 3, 209, 122, söt Winteler s. 164, sött, sett, sott. Seiler 270ᵃ. belege: ettlich sagtend, das pfert törfte der ruow basz dann des strytz; der daruf sitzt, sött wenig söllen. Morg. 240, 9 Bachmann; by gott, Gergis, es zimpt dir nüt, das du sy verrautten söttest, und irs geschlächtz bist. 131, 33;
all christen söttend tuͦn darzuͦ.
Liliencron hist. volksl. 1, 393 (nr. 81, 6);
hatt Christus nicht uns bricht gethon?
vom jüngsten tag wann sunn, und mohn,
und s gstirn sich endert, und planeten,
das wir d'erlösung hoffen sötten.
Thurneisser erklär. d. archidoxa 96;
dan ich all min dag gehoffet han,
wie mich ein glück söt kumen an.
Mone schausp. des mittelalters 2, 382, 11;
gebist mir min lon, den mir söttist,
got geb, wen du den fürer me rettist.
408, 43;
daneben:
es set in nit han gelüst.
392, 83;
aber wen ich uch doch raten set,
ich fragti min man, ob ers het.
393, 10.
k)
ein part. perf. hat schon das got. als skulds; ihm entspricht altn. skyldr, das indessen ganz zum adj. geworden ist. als solches auch im ältern nhd., s. schuld, adj., th. 9, 1892 f. ein wirkliches part. wird ganz vereinzelt im ahd. gebildet: non debetur nisikiskolet. ahd. gl. 2, 223, 26. sonst fehlt es dem ältern hd. und nd. durchaus und kommt erst im nhd. auf: ich habe gesolt. Clajus 106, 5 Weidling (und er hat solt 106, 8, vgl. 5). Schottel 597, gesollt Gottsched 308. belege s. besonders unter II, 1. in mundarten: oberpfälz. geschollt Schm. 2, 402, cimbr. bar hötten gaschölt. cimbr. wb. 228ᵇ, tirol. i haͦn gsollt Frommann 3, 455, ung. gesölt Schröer 289ᵇ, schles. gezult Hoffmann s. 48, erzgeb. gsuͦlt Göpfert 87, pfälz. geselt Autenrieth 133, in Handschuhsheim ksot. Lenz 66ᵃ; nd. ik hebbe scholt. brem. wb. 4, 670, schullt, meist sullt Stürenburg 231ᵃ, sullt Dähnert 410ᵃ, solt, sult Danneil 186ᵇ, esolt Schambach 202ᶜ, solt nd. korrespondenzbl. 16, 22, sold Woeste 248ᵃ.
5)
im anschlusz an dieses part. sind zwei syntaktische besonderheiten zu erwähnen.
a)
wir verbinden, wie andre sprachen, sollen oft mit einem passiven inf., wie: er soll getötet werden. das got., dem dieser fehlt, drückt in solchen fällen das passivverhältnis beim hilfsverb aus: unte sunus mans skulds ist atgiban (μέλλει παραδίδοσθαι) in handuns manne. Luc. 9, 44; hwaiwa þu qiþis þatei skulds ist ushauhjan (δεῖ ὑψωθῆναι) sa sunus mans? Joh. 12, 34; unte allai weis ataugjan skuldai sijum (πάντας ἡμᾶς φανερωθῆναι δεῖ). 2 Cor. 5, 10. vgl. Grimm gramm. 4, 58—60. 943. — im deutschen kommt ein passiv von sollen nur vor, wenn dies als vollverb gebraucht wird, s. II, 1, g, und auch da fast nur im ältern nhd. (ganz vereinzelt ahd., s. oben).
b)
eine ähnliche erscheinung umgekehrter tendenz findet sich dagegen in mehreren germ. sprachen, indem zum ersatz der umschriebenen präterita von sollen die vergangenheit beim abhängigen inf. ausgedrückt wird, vgl. z. b. engl. you should not have done it = du hättest es nicht thun sollen. dieselbe weise findet sich nun auch im mhd., vgl. Grimm gramm. 4, 171—3. Blass nhd. gr.³ 1, § 217, anm. 3, 2, § 154, anm. 14 (s. 545 f.). § 162, anm. 15 (s. 614 f.), z. b.:
er soldeʒ haben lân.
Nib. 120, 3;
ir soltet dar sîn geriten.
Iwein 4516;
dâ solt ir mich gewecket hân.
Mor. v. Craon 1423;
daʒ er dâ seit, des solt er niemer hân gedâht.
Walther v. d. Vogelweide 34, 6;
dô sich aller liebes
gelîch begunde zweien,
dô sold ich gesungen haben den reien.
Neidhart v. Reuental 26, 9;
ich solt euch ains gesagt han
vor langen zeiten.
fastn. sp. 503, 12.
diese verbindung findet sich auch im nhd., obwol immer seltner; s. Blass 2, § 162, anm. 16: man sölte wichtigere beyspil gebraucht haben, decuit grandioribus exemplis uti. Maaler 376ᵇ; es solt hüt langst geschehen sin. ich het es hüt langst gethon. Keisersberg bilger 142ᵃ; aber sie sollte nicht allein gegangen seyn. Lessing 2, 130 (Em. Gal. 2, 2). Blass a. a. o. führt ferner an: du solltest mich haben passieren lassen (Simpl.); nun solltet ihr die jagd auf ihn gesehen haben (Wieland); eine so lange erfahrung sollte uns endlich überwiesen haben (Schiller); sie sollten doch ja nach hause gegangen sein (Tieck). — davon zu trennen sind natürlich fälle, wo der begriff der vergangenheit nur an dem inf. hängt, so bes. in den bedeutungen II, 11. 14. 16. 17. 18.
c)
zuweilen genügt im mhd. auch das einfache prät., wo wir das umschriebene setzen müszten, so namentlich im conj.:
sî sprach: 'daʒ sold ich ê bewarn'.
Iwein 2922;
wer solt getrûwen des (hätte das gedacht),
daʒ diu untriu ir ves (spreu)
an die hâhen wolde?
Ottokar reimchron. 739;
swager, eʒ sold ungerne tuon
mîn sweher, iwer vater.
durch den bâbst sô hât er
daʒ rîch ze sêre griffen an.
3522.
umgekehrt kommt nach soln der inf. prät. für den inf. präs. vor (vgl. II, 14, f):
ik was gekoren to einem bischoppe
unde sold ein here syn gewesen,
do verdrôt my singen unde lesen.
Theoph. 532.
d)
gewöhnlich wird im nhd. das umschriebene prät. von sollen gebildet: ich habe gesollt, ich hatte gesollt u. s. w. Gottsched 308. wenn indessen ein abhängiger inf. daneben steht, so wird in der regel bei sollen, wie bei den andern hilfsverben und verben wie lassen, heiszen, sehen u. s. w., das part. durch den inf. ersetzt, also: ich habe es gesollt, aber: ich habe es thun sollen: gesollt, it. [avanti un' altro verbo nell' infinitivo] sollen. Kramer dict. 2, 834ᶜ; er hat sollen kommen. ihr hättet früher sollen aufstehen. ihr hättet das nicht sagen sollen. ich hab heut mit ihm sollen speisen. 835ᵃ; die dir so wohl haben helffen sollen und auch helffen können, qui te et maxime debuerunt, et plurimum juvare potuerunt. Steinbach 2, 602. s. Grimm gr. 4, 168 f. 949. Weigand 2, 733. Blass a. a. o. 1, § 217, anm. 2. 2, § 162, 5 und anm. 17. (s. 612. 615 f.). Kehrein gr. 3, § 48. Andresen sprachgebr.s. 87—89. Wustmann sprachdummheiten² 56—58. diese regel gilt von anfang an: das wir vom tale alle 7 haben sollen abtreten. Spittendorff 43; hette noch vor zwentzig jaren einer sollen von dieser legenden Chrysostomi halten, das ein einiges stücklin drin erlogen were, er hette müssen zw asschen verbrand werden. Luther 6, 504ᵇ; so ist es nöthig zu berichten, dasz alle diese reden einwürfe haben seyn sollen. Haller ged.¹⁰ s. 154, anm.; s. auch Rebhun Sus. 1, 104 unter 4, f. dadurch kommen zuweilen drei inf. zusammen: wenn sie nur das liebenswürdige kind hätten sollen reden hören! Gellert 3, 42; wer hätte es sich jetzt sollen träumen lassen? Lessing 1, 261 (d. j. gelehrte 2, 11). durch vermischung mit b entsteht die pleonastische ausdrucksweise: du hättest mir das sogleich sollen gemeldet haben. 2, 134 (Em. Gal. 2, 4). der inf. steht gewöhnlich auch, wenigstens in älterer sprache, wenn haben ausgelassen ist:
wohin vernunft nicht reicht, hat stolz sich hingetraut, ...
die schranken eng geschätzt, worin er denken sollen,
und draussen fallen eh, als drinnen stehen, wollen.
Haller ged. 60.
eigenthümlich ist die angabe von Clajus 106, 5—8 Weidling: ich habe gesolt. in contextu orationis abjicitur augmentum aut infinitivus pro praeterito usurpatur, ut: ... er hat solt vel söllen komen, debuit venire.
e)
wo kein inf. daneben steht, musz das part. immer gesollt lauten: er hat gesollt, aber er hat nicht gewollt. Kramer dict. 2, 834ᶜ; es hätten darauf noch vier leichte thurmspitzen gesollt. Göthe 26, 82;
was ich gesollt, hab' ich vollendet.
1, 70.
höchstens steht sollen in fällen wie: er hat kommen wollen, aber nicht sollen. — neben einem inf. gilt gesollt dagegen als fehlerhaft. so steht es z. b. dem reime zu liebe:
die abgestutzten, angetauchten,
die ungeschickten, vielgebrauchten (schreibfedern)
hast du, die freundliche, gewollt.
nun aber nimm ein frisch gefieder
das niederschreiben süsze lieder
allschönster tage dir gesollt.
Göthe 4, 109.
(taschenausg. 1828; ein andres exemplar mit der jahreszahl 1827 hat für niederschreiben: aufzuzeichnen, wodurch sowol die construction wie der sinn sich ändert, vgl. II, 2, c. diese lesart scheint vorzuziehen. Weim. ausg. 4, 22 wie oben.)
f)
auch in den mundarten scheint diese ausdrucksweise in weitem umfange angenommen: oberpfälz. ich hab geschollt und schollen. Schm. 402; schweiz. hân solle Frommann 3, 209, 122; daher wird auch sollen einfach als part. angegeben: sölle, selle. Seiler 270ᵃ, sölle Winteler s. 164, schwäb. sollë Frommann 2, 112. daneben verwendet das nd. auch hier das gewöhnliche part.: westf. dat hedde he don solt. nd. korrespondenzbl. 16, 22.
II.
bedeutung. vgl. über die mhd. gebrauchsweisen auszer den wörterbüchern: K. Lucae über bedeutung und gebrauch der mhd. verba auxiliaria. I. Marb. 1868. s. 18—22. v. Monsterberg-Münckenau der inf. nach wellen und d. verba präteritopräs. in d. epen Hartmanns v. Aue, zschr. f. d. philol. 18, 147—168. Zehme über bedeutung der hülfsverba. I. soln u. müeʒen bei Wolfram v. Eschenbach. diss. Halle 1890, dazu Tomanetz im anz. f. d. alterth. 19, 85—7. — die grundbedeutung von sollen ist die einer verpflichtung oder eines zwanges, der auf einem fremden willen beruht. der inhalt der verpflichtung wird in den meisten fällen durch einen inf. ausgedrückt, neben dem dann sollen gewöhnlich zu dem werte eines sogenannten hülfsverbs herabsinkt. doch gibt es zahlreiche gebrauchsweisen, wo sollen ohne inf. auftritt. hier ist in vielen fällen der inf. zu ergänzen, und für das heutige sprachgefühl ist in allen fällen die annahme einer ellipse und supplierung eines solchen inf. möglich. die historische entwicklung macht jedoch wahrscheinlich, dasz in einigen dieser gebrauchsweisen, wo sollen ohne inf. als vollverb erscheint, eine ursprüngliche bedeutung vorliegt. diese sind daher voranzustellen.
1)
sollen bezeichnet die verpflichtung zu einer leistung oder zahlung, eine (geld-)schuld; diese verwendung findet sich häufig in den ältern dialekten, ist aber nhd. in der gewöhnlichen sprechweise allmählich aufgegeben und durch schulden, schuldig sein ersetzt.
a)
mit acc.: zuêne sculdîgon uuârun sihuuelîhemo inlîhere; ein solta finfhunt pfenningo, ander solta finfzug. Tat. 138, 9;
man giht, der ein im schuldic wære
funfzic phenninge,
mit rehtem gedinge
der ander funf hundert solde.
Ottokar reimchron. 57585;
ich swer in einen eit,
her Hirʒ, daʒ ich iu gelten wil,
waʒ ich sol.
Boner edelst. 35, 36;
mer söllen dann er bezalen möge, laborare ex aere alieno. Maaler 376ᵇ; wie vil sol er, quantum debet? 376ᶜ;
lass sehn, was ich soll!
Voss Aristoph. 1, 198,
vgl. soll 2.
absolut kaum in originalem deutsch: therde suerit in gold temptes scal (debet.) Tat. 141, 14. ungewöhnlich ist auch die auslassung des objects in folgender stelle: vortmer mit deme bere, dat an dessen rekenschoppen tiden drunken wert, dar schalmet aldüs mede holden, dat to alle den rekkeschoppen na paschen scholen de sunte Jurjensheren, na sunte Michele de Hilghestes heren u. s. w. Pommer. geschichtsdenkm. 2, 47 Pyl, vgl. d. anm. s. 46 und unten e zu ende.
b)
gewöhnlich daneben mit dativ der person: ûʒ ganganti thô ther scalc fant einan sînan ebanscalk, ther scolta imo zehenzug pfendingo, inti gifâhanti thampfta inan sus quedenti: forgilt thaʒ thû scalt. Tat. 99, 3; wo vele schaltu mynem heren? he sede: hundert kannen olyes. quelle bei Schiller-Lübben 4, 112ᵃ; ein bruder vragete einen appet also: ob mir ein bruder pfenninge sol, heiʒestu, das ich sie heische? veterb. 3, 14 Palm; ich sol im einen schillinc. 56, 12; es waren zwen gelter, die solten einem man gelten, der ein solt im fünfzig pfennig, der ander druhundert pfennig, die hetten im beid nichts zu geben. heiligen leb. (1472) 89ᵃ; ich lie dir alles daz gelt, das du mir solt. qu. bei Schm. 2, 261; und der knecht gieng aus, er vand einen von seinen mitknechten der solt im hundert pfennig; er hielt in und wurget in sagend: gilt, das du solt. bibel 1483 478ᵇ (Matth. 18, 28); darumb da er het zusamen gerufet alle schuldigern seines herren, er sprach zu dem ersten: wie vil solt du meinem herren. 504ᵇ (Luc. 16, 5); ich bin dir nichcz schuldig ... ich gib üch nichcz, wann ich sol üch nichcz. Steinhöwel Aesop s. 124 Öst.;
swer ime iht sol, der mac wol sorgen.
ê ich im lange schuldic wære, ich wolt ê zeinem juden borgen.
Walther v. d. Vogelweide 100, 28;
einen schillink sol
si mir und ein hemede.
minnes. 1, 56ᵃ Hagen;
der mir funfftzig gülden soll, waget zwantzig gülden hin
dasz er meine zahlung nur möchte länger noch verziehn.
Logau 2, 9, 33.
c)
sprichwörtlich: der pfaffen datum ist nur nemen, und jr register nur, sol mir, ich sol, gehört den baurn zuͦ. Franck sprichw. 2, 50ᵃ; sol, mir, sind der pfaffen noten: ich, sol, gehort den bawren zu. Petri Sss 1ᵇ; sol, sol, mie, mie, sol, sol, mie, mie, das sind der betler nothen in jhrem gesang. Ss 7ᵇ, ebenso Henisch 346, 29 (nur mir statt mie). Wander 4, 604.
d)
im spätern nhd. ist diese gebrauchsweise von sollen aus der umgangssprache und der litteratur geschwunden; länger gehalten hat sie sich nur als technischer ausdruck der kaufleute: soll, in rationibus mercatorum ipsum debitum notat, quando scribunt. Johannes soll vor ein pfund öl, Joh. debet pro pondo olei. Stieler 2055; sollen, [term. mercant. coll' ellipse del verbo geben ò zahlen, dare ò pagare, ...] dovere. hr. N. soll um empfangen 6 ballen pfeffer. er soll mir noch 1000 kronen. Kramer dict. 2, 834ᶜ; wann die kaufleute in ihre bücher schreiben was einer bey ihnen geborget, so setzen sie seinen namen, und dabey, soll, nemlich bezahlen, oder geld für waare geben, debet, oder solvat. Frisch 2, 285ᵇ. jetzt nur noch in der substantivierten form soll, s. daselbst 2.
e)
selten wird sollen mit acc. von andern verpflichtungen als zur geldzahlung gesagt, in freierem sinne:
gedenkent an die triuwe
die ein man sîme herren sol.
Flecke Flore 5375;
wer trew bey hofe dient, verdient doch lauter hasz,
wie so? wem viel man soll, für diesem wird man blasz.
Logau 1, 210, 72;
in folgender stelle würde das heutige sprachgefühl geben ergänzen:
thu recht, gerechtigkeit, was willst du an mein leben?
er hat für mich an dich, mehr als ich soll, gegeben.
Fleming ged. 555.
der allgemeine begriff 'wozu verpflichtet sein' liegt auch vor in der für unser gefühl auffälligen mnd. wendung: ieder schal gut golt tor wicht, s. Schiller-Lübben 4, 112ᵇ; s. auch a zu ende.
f)
noch ungewöhnlicher ist sollen für 'verdanken': (uuanda angeli, archangeli ...) sulen dir daʒ siê sint, sulen dir daʒ siê lebent; sulen dir daʒ siê rehto lebint (tibi debent quod sunt etc.). glosse zu Notker ps. 70, 19. (vielleicht nur ungeschickte übersetzung des lat. debere, vgl. jedoch Logau unter e).
g)
in diesem sinne wird zu sollen das part. gesollt gebildet, das also zunächst 'geschuldet' bedeutet, aber gern in freierem sinne gesagt wird, verdient, gebührend, bestimmt u. s. w. (vgl. die folgende bedeutungsklasse): gesollt, debitus, obligatus, adactus, decens, conveniens, congruens, consentaneus. gesolltes werk, officium; gesollte zeit, tempus constitutum, praestitutum, legitimum. gesollter lohn, praemia debita. Stieler 2055; gesollt, adj. dovuto v. gebürend. der ihm gesollte lohn. Kramer dict. 2, 835ᵃ;
ich weisz wol, dasz diese schrifft
die gesolte zeit nicht trifft.
Fleming 386.
2)
in andern fällen, wo sollen ohne ergänzenden inf., also mit der kraft eines vollverbs steht, sind wir ebenfalls geneigt, einen solchen inf. zu ergänzen. so in einer nicht seltenen verwendung, die gleichsam das passiv zu 1 vorstellt, und geradezu lat. deberi glossiert, 'geschuldet werden', mithin 'gebühren, zukommen', oder 'bestimmt werden, sein.' hier nimmt Grimm gr. 4, 132 f. (156 neudr.) ellipse von sein an.
a)
sollen deberi, mit dat.; so schon ahd.: supplicium tibi debetur daʒ uuîʒʒe daʒ sal dir. gl. zu Notker ps. 70, 19; niêht êin châmus nube ouh flagella suln demo unzamen. ps. 31, 10. ferner: man mut silver wol gelden mit boden. neneme boden ne sal man id aver antwerden, he ne si dar to besceiden vor gerichte van jeneme, dem dat silver sal. Sachsensp. 3, 40, § 3; wanne ... de persone, deme id (dat lîfgedinge) schal, eder sin wissebode dat eschet. quelle bei Schiller-Lübben 4, 112ᵃ; die pfenninge sullen mir (mihi debentur). handschr. v. 1453 bei Schm. 2, 261; das dritte theil solchs opfers soll dem ordinario. Luther br. 1, 382;
jungfern, euch die hände küssen,
pflegt euch heimlich zu verdrieszen;
weil man läppisch zugewandt,
was dem munde soll, der hand.
Logau bei Lessing 5, 187.
b)
gewöhnlich bestimmt, zugedacht sein, u. a.: uuanda fone gotes selbes lôʒe ist funden uuemo diu erda sule, unde uuemo der himel. also iʒ chît: ce̜lum ce̜li domino, terram autem dedit filiis hominum. Notker 1, 771, 25 Piper (Marc. Cap. 2, 2); den erliken satesluden to Luneb. den schal desse bref. urk. v. 1395 bei Schiller-Lübben 4, 112ᵃ; in den selben czeyten furte eyner pelcze und kürschen und der selbe hysse Taschenaw und sprach, her sulde dy selben pelcze und kürschen brengen czu eyner erunge dem konyge ...; myt der selben rede stal her sych do von dem czolle; do der selbe Taschenaw quame czu dem czolle czu dem Crewcze, do wart der burger gewar von Burgenaw, das dy selben pelcze und kürschen nicht sullen dem konyge ... und hatte sych myt logenhafftiger rede gestolen durch dy czölle ... dornoch dirfure wyr selber genczlich an unserm herren dem könige ..., das en dy pelcze ... nicht en sülden. Behrend Magdeb. fragen s. 243; den (geistig armen) sal daʒ rîche der himele. d. mystiker 1, 184;
Bênen mîner friundîn
gebt den brief unt diz vingerlîn;
diu weiʒ wol, wem daʒ fürbaʒ sol.
Parz. 710, 7;
wer, was jhm nicht soll, kan meiden,
kan auch, was nur kümmt, erleiden.
Logau 3, 35, 77;
ich wuste aber zu der zeit nicht, wem solch gelt solte. Luther wider Hans Worst s. 51 neudr.; nach langem verharren kam sie wieder zum vorschein und trug im zipfel ihres kleides etwas verborgen, wendete sich gegen den weisen Sarron und frug: 'wem soll das, was ich in meiner hand habe?' — er antwortete: 'dem schwertträger Andiol.' — sie zog hervor einen verrosteten kupferpfennig und sprach: 'nimm hin und sage mir, wem das soll, was ich mit meiner hand fasse.' Musäus volksm. 3, 77 Hempel; hier ist auch ein portrait, ... dis soll meinem bruder Franz, sagte er. Schiller 2, 70 (räub. 2, 2 schausp.); er zeigt eine pistole, das volk weicht, ... 'dieser schusz, ruft er, soll dem tollkühnen, der mich halten will.' 4, 84; zuweilen tritt sein auch hinzu:
das geld ist dein;
es sind nicht mehr, als hundert gulden, mein,
die sollen deinen kindern seyn.
Gellert 1, 102.
von menschen, einem zur ehe bestimmt sein:
er stuͦnt bette   daʒ in got gewerte,
daʒ er ime daʒ wîb erougete   diu sîneme herren scolte.
fundgr. 2, 34, 6;
dein liebster solte dir, so wollen gottes schlüsse.
Günther 600;
sprichwörtlich: der mir wird sollen, den wird der tod nicht holen, sagte das mädchen. Wander 4, 604. anders:
wiewol ich nicht ward alt, doch war ich bald vollkummen;
dem himmel solt ich nur, der hat mich auch genummen.
Logau 3, 92, 82 (eine grabschr.).
mit freierem dat., wo wir für setzen würden:
ja was der woche soll,
zehrt offt ein abend auf.
Günther 482.
c)
in diesem sinne kommt ebenfalls ein part. perf. vor, so im umschriebenen perf.: das hat mir gesollt (so selten), wo denn, bei auslassung von haben im nebensatze, diese bedeutung äuszerlich von 1 (g) nicht zu scheiden ist: weil dieses stück dem herrn bruder gesollt, ... so bleibt es ihm billich. Ettner hebamme 25;
ein gar zu blödes aug, als offtmals ist geschehn,
hat das, was jhm gesollt, versaumt, verschämt, versehn.
Logau 2, 12, 37.
d)
an stelle des dativs eines persönl. pron. findet sich ahd. auch das possessivpron.: es bleibt bey dem alten: Juliane ist ihre (anrede)! und wenn das dokument meine soll, so ist sie um so vielmehr ihre. Lessing 1, 302; dieses geld soll mit der bedingung ihre, dasz sie sich nicht dafür bey mir bedanken. Gellert 3, 170;
hör an, ich hab in meinem schranke
ein kästchen mit juwelen stehn,
die sollen dein. nimm sie, mein sohn.
1, 130;
nun kenn ich sie (anr.); das amt ist ihre.
.... nein, sprach der wackre mann,
nunmehr soll dieses amt nicht ihre.
174;
zwey tausend thaler sollen mein;
und das noch übrige vermögen
soll ein geschenk für arme waisen seyn.
196;
Luc. .... nicht wahr, er soll doch mein?
zauberinn. er soll beständig euer seyn.
3, 128;
Daphne. wem soll denn dieser straus? Galathee. hier ist er.
Daphne. soll er mein? Galathee. ja, darum band ich ihn.
3, 445.
diese fügung läszt am ehesten auslassung von sein annehmen, vgl. 20, e. ferner sollen für:
sie sollen alle für mein haus.
Gellert 1, 294.
e)
mit weiterer bestimmung, einem wozu sollen (vgl. 3): terrarum quidem fructus animantium procul dubio debentur alimentis. ter erduuûocher sol dien lebendên ze fûoro âne zuîuel. Notker 1, 91, 15 Piper (Boeth. 2, 31); die esel sollen fur das gesinde des königs drauff zu reiten. 2 Sam. 96, 2; von dieser baarschaft also, soll so und so viel für meine Kamille zur aussteuer. Lessing 1, 473 (schatz 3). die bestimmung ist durch einen satz ausgedrückt:
es mühet sîch der mensch, auff dasz er was erwerbe,
und was er dann erwirbt, soll dasz er wo nicht sterbe.
Logau 1, 148, 41.
f)
ganz vereinzelt steht folgende stelle, wo sollen 'nötig sein' (mir soll ich brauche, bedarf) zu bedeuten scheint (in ungenauer nachahmung älterer sprachweise?):
wohlan, brecht auf, in gottes namen! weiter
soll uns kein schutz, die magd nur mit dem kinde.
Tieck 1, 365.
3)
sollen helfen taugen, wert sein.
a)
aus der bedeutung 'wozu bestimmt sein' (2, e) ergibt sich leicht die weitere 'wozu geeignet, passend, gut sein', die im nhd. ab und zu begegnet: es sol darzuͦ, ist guͦt zuͦ dem, valet in id. Maaler 376ᶜ; wozu passen, stimmen: dann es soll nichts zu der esel ohren des nachtgallen gesang, noch der esel rülen zu der lautten. S. Franck laus asini 89ᵃ. mit andrer beziehung, wohin passen, taugen: aber es ist nüt grosser schad und verlurst, wann sy sottend nüt dann inn die kuchy. Morgant s. 37, 12 Bachmann. mit dativ: luͦg lozz in (d. hund) do heym, er sol dir nit du verderbst me mit im denn dz du rot schaffest. Keisersberg bilger 142ᵇ.
b)
allgemeiner üblich ist jedoch nur das absolute sollen ohne weitere bestimmung, in dem sinne 'helfen, nützen, taugen, wert sein', doch stets mit einer negation. es ist auf das ältere nhd. (16. jahrh.) beschränkt, hier jedoch ungemein häufig, namentlich im alem. sprachgebiete: soll nichts, hoc mihi cum vanum tum delirum esse videtur, inutile est. voc. v. 1618 bei Schm, 2, 261; es soll nichts, res nihili, nauci. er soll nichts, inutilis est, nulli usui est, frivolus, futilis. Dentler 2, 266ᵃ; nicht sollen, war ehmahls so viel als nichts taugen, nichts nütze seyn zu etwas, als Kaysersb. post. fol. 191ᵇ. man muszte die erstgebornen hündlin tödten. im alten testament. daher kommts, dasz man spricht: der erste wurf soll nüt. Frisch 2, 285ᵇ; nein es sol ein gewent lylachen syn, das nüt sol, was solt im eyn guͦts. Keisersberg bilg. 23ᶜ; es ist ein böser klanck, die müntz sol nüt. 86ᵈ; die bede haben kein mosz, zuͦ lützel und zuͦ vil sol bede nüt. 142ᶜ; do zuͦ hatt er (d. geizige) dry oder fyer kasten mit korn do ligen, so isset er nummen von dem das zerstochen ist, bisz das ander ouch zerstochen würt, und nüt mer sol. post. 2, 3ᵃ; wann die menschen seind wie ein esel, der nüt thuͦt on geschlagen, und ein nuszbaum, der sol auch nüt, er werde dann geschwungen. brosaml. 2, 19ᵇ; wenn ein wurtzel vergifft ist, so muͦsz von not wegen der stam und die est verderben und nütt sollen. 64ᵈ; so sollend wir prediger nüt mee, und seynd weder zu broten noch zu syeden. ders. bei Schm. 2, 261; nembt daz hirn sawber herawz, unnd pehalt es sawber, das ander werfft hin, es soll nichtz. recept v. 1523 s. Bayerns mundarten 1, 309; wölt ich nit einen pfenning umb alle bischoff in teutschen landen geben, dann sie sollen nichts. Schade sat. u. pasqu. 2, 31, 30; die alten mönch und pfaffen, so der barillen bedörffen, können jhr gebet aussen, so beten etliche gar nit, ... darumb sol unser (der brillenmacher) handtwerck nichts. Egenolff sprichw. 335ᵇ; was guͦt ist dz behalten sie (d. Portugalleser), und dz nichts sol, verkauffen sie uns auff dz theürest. S. Münster cosmogr. 97; summa, bücher schreiben, und nicht darnach thuͦn, sol nichts. Petr. 42ᵇ; wie dein schoͤne, reichthumb, gewalt, hoffnung und anders, so gar nicht solle noch werdt sei. 104ᵃ; faszte er sie (d. mann die frau) bey dem kopff, schwang ir den kittel ausz, dasz der eine stecken nichts mehr solte und zerhaderte. Kirchhof wendumn. 1, 408 Österl. (1, 370); jung vogel fleisch ist jhnen (den raubvögeln) sehr gut. katzen und wolffs fleisch sol gar nichts. weydwerckb. (Frankf. 1582) 2 (falckenerey), 27ᵇ; es will je nichts sollen, das ein sau im rübenacker sei. Paracelsus (1589) 1, 115;
das gwalt und golt
on ler der tugent nützet solt.
Brant narrensch. 6, 94.
unpersönlich: uber das gedacht im der schalck: es sol nit (geht nicht?) also, es ist ein hart, starck, standthafftig volck, du muͦst aber eyn fundt für handen nemen, du schaffest nüt mit den juden. Nazarei vom alten und neuen gott s. 10 neudr. mit relativer negation wenig sollen, s. Morgant unter I, 4, h, ε und i, ι. — so jetzt noch mundartlich in Ulten (Tirol): er soll, taugt, und er soll nicht taugt nicht, ist unnütz. Schöpf 679.
c)
so auch im part. präs.: dasz wir ... recht zornig über den vogel waren, alsz den allerleichtfertigsten, der so nichtssollende und gefährliche händel angefangen. Philand. 2, 930. zusammengerückt zu nichtsollend, in alem. lautgebung nütsöllend: eine nütsollende unbillige sache, res quae fieri non debet, iniqua. quelle bei Frisch 2, 285ᵇ; ich darf keiner hilf wyder dissen nütsöllenden (erbärmlichen, feigen) tüffel. Morgant 23, 9 Bachmann; Rengnold, du bist zeübermüettig und nütsöllend. 33, 19; er were nüt so ein nüt söllender rytter, daz er wider ein junckfröwly strytten wett. 54, 15; so bin ich nüt so nütsöllend, daz ich den strit versage. 113, 38; das ir die nütsöllenden lieber hand dann die frommen. 126, 12; dise nit söllenden lüte. H. v. Rüte faszn. L 4. — dafür auch die ableitung nicht sollig, frivolus. nicht sollig, eitele ding, buttubata, res nullius momenti, gerrae. Dasypodius; nichtsollig vel eitel. voc. v. 1618 bei Schm. 2, 261.
4)
zwischen diesen bedeutungen und der gewöhnlichen gebrauchsweise vermittelt die sehr beliebte form von fragesätzen, die mit was soll beginnen.
a)
mit persönlichem subject, zunächst als wirkliche frage und dann in dem gewöhnlichen sinne: was soll ich? — kommen sollst du u. dergl.: then mittiu inan gisah Petrus quad themo heilante: trohtîn, uuaʒ sal thesêr? quad imo ther heilant: sô uuillih inan uuonên unz ih quimu, uuaʒ thih thes? Tat. 239, 3; da Petrus diesen sahe, spricht er zu Jhesu, herr, was sol aber dieser? Joh. 21, 21 (οὗτος δὲ τί;); da sprachen die fürsten der Philister, was sollen diese Ebreer? 1 Sam. 29, 3; von tieren: da sprach Abimelech zu Abraham, was sollen die sieben lemmer, die du besonders dar gestellet hast? 1 Mose 21, 29; ich weis nicht, was wir sollen. Gellert 3, 204.
b)
als rhetorische frage, was soll ich, er u. s. w., durch einen relativ- oder bedingungssatz näher bestimmt, wozu ist er gut, was ist er wert, im sinne einer verneinung, also einem er soll nichts (3, b) nahe kommend:
waʒ sol ich, swenn ich dîn enbir?
waʒ sol mir guot unde lîp?
waʒ sol ich unsæligeʒ wîp?
Iwein 1466—8;
auch:
zwiu sol eins jungen ritters lîp,
der niht wil werben umbe den solt,
den man von werden wîben holt?
vrouwend. 342, 24.
c)
ebenso von dingen, mannigfach nuanciert: was sol denn das gesetz? (τί οὖν ὁ νόμος;) Gal. 3, 19;
nim gouma, waʒ er wolti,   waʒ sulih beta skolti,
waʒ Kriste scolti thaʒ brôt.
Otfrid 2, 4, 41;
was soll das sieb?
Göthe 12, 123.
d)
als rhetorische frage, um etwas als unnütz, zwecklos, sinnlos u. a. zu bezeichnen: was sol doch die höhe, da hin jr gehet? Hes. 20, 29; da waren etliche, die wurden unwillig, und sprachen, was sol doch dieser unrat? Marc. 14, 4;
waʒ sol dirr ungevüeger schal,
daʒ dirre hof über al
durch einen man wil rîten?
ich getrûw im wol gestrîten.
Iwein 4653,
wat solen dei breive myn?
myn wôrt doch recht solen syn!
Theoph. 620;
ach ich bin des treibens müde!
was soll all der schmerz und lust?
Göthe 1, 109.
so in der häufigen mhd. wendung:
waʒ sol der rede mêre?
Iwein 2416;
waʒ sol diu rede mêre?
Ottokar reimchr. 42304;
waʒ sol des mê?
erlösung 3271.
e)
in unbestimmter, allgemeiner form: sollen, wann es absolute steht, das ist, dasz nicht dabey steht was man soll, so wird allezeit solches verbum darunter verstanden: was soll es? cui bono? cui usui, nemlich nutzen, zu was soll es dienen? Frisch 2, 285ᵇ; und man darff nicht sagen, was sol das? denn zu jrer zeit komen sie gewündschet. Syr. 39, 22; man darff nicht sagen, was sol das? denn er hat ein jgliches geschaffen, das es etwa zu dienen sol. 26; ich will zu ihnen hinaus, und hören was es soll. Göthe 8, 109 (Götz v. Berl. 3); was soll das? 122 (4); bürger, was soll das? 205 (Egm. 2);
was soll es denn? sie meint, du seyst entflohn.
12, 174 (vgl. Helmbr. 756 unter I, 4, a, ζ).
zuweilen einem was sol ich nahe kommend: rath. laszt Götzen herein. Götz. was soll's? 8, 124 (Götz v. Berl. 4).
f)
so vereinzelt als unpersönliche umschreibung der unter c, d behandelten redeweisen:
allein was soll's mit solchen eitelkeiten?
Göthe 2, 14.
ähnlich ahd.:
'waʒ wollet ir nû', quad er, 'thes? ih riht es iuih alles;
waʒ scal es avur thanne   nû sô zi frâgenne?
Otfrid 3, 20, 124.
g)
die vorstehenden ausdrucksweisen berühren sich einerseits mit den unter 2 und 3 behandelten, vgl. die ersten belege unter e, andrerseits mit der folgenden hauptbedeutung. in diesem falle musz die antwort auf was in einem inf. erfolgen. dabei liegt es dem heutigen sprachgefühl nahe, einen inf. allgemeiner bedeutung, wie sein, bedeuten hinzuzudenken, der auch eben so gerne und ohne sinnesunterschied ausgedrückt wird, z. b.: was soll denn diese gelehrte anmerkung bedeuten? Gellert 3, 392;
was soll das seyn? wart! ihr bezahlt es theuer!
Göthe 12, 116;
nein, sage mir, was soll das werden?
129;
was soll doch dies trompeten sein?
was deutet dies geschrei?
Uhland ged. (1864) 204.
in folgender stelle scheint der von sollen abhängige acc. die ergänzung eines solchen inf. zu verlangen:
Faust. was soll das? einen strausz?
Margarete. nein, es ist nur ein spiel.
Göthe 12, 166.
s. ferner 17, a.
h)
am häufigsten findet sich was (wozu) soll mit einem dativ (vgl. 2, e). Grimm gr. 4, 134. zu etwas sollen: was soll mir der degen [subintell. dienen, helffen? etc.] servire a qualche cosa: a che mi serva la spada. worzu soll ihm das geld? Kramer dict. 2, 834ᶜ. selten als eigentliche frage:
Daphnee. was soll dir dieser klee?
Galathee. ich bind ihn um den kopf; er thut mir gar zu weh.
Gellert 3, 444.
meist als rhetorische frage, was soll mir —, es ist mir nutzlos, oder zuwider, ich brauche, will, mag es nicht: uuaʒ solti in rîhtûom, sîe nehabetîn follûn? uuaʒ solti in hêrscaft, sî negâbe in êra? u. s. w. Notker 1, 137, 6 f. Piper (Boeth. 3, 20);
waʒ solde in danne daʒ leben?
Lamprecht Alex. 4889 Kinzel;
zwiu solte mir mîn sin?
Kudr. 1386, 2;
waʒ solte uns lîp unde guot?
d. arme Heinr. 653;
ichn weiʒ zwiu mir daʒ leben sol.
Er. 126,
vgl. Iwein 1467 unter b und zeitschr. für d. philol. 18, 148; Esau antwortet, sihe, ich mus doch sterben, was sol mir denn die erstgeburt? 1 Mose 25, 32; mich verdreusst zu leben ... was sol mir das leben? 27, 46; was sol mir die menge ewer opffer? spricht der herr. Jes. 1, 11; was sol dem narren geld in der hand weisheit zu keuffen? spr. Sal. 17, 16; was sollte dir oder mir ein schaal aus gold- und silberfaden gewebt? Wieland 8, 283 (Danischm. 35);
und alle diese filosofien,
was sollen sie uns? — warum gerade vor diesem gesang?
5, 115 (Amad. 16, 6);
diesz ist der stoff, diesz ist das reiche kleid.
allein was soll es ihr? sie kann es ja nicht tragen.
Gellert 1, 116.
i)
mit persönlichem subj.: sieht man die vielmännerey der Samariterin an, so weisz man freylich nicht recht was ihr der zahme prophet soll. Göthe an Zelter 6, 54 (vom 9. nov. 1830);
waʒ solt ich einem man
der ie herzeliebe   von guoten wîbe gewan?
Nib. 1158, 3.
hier entwickeln sich gern andre nuancen: was soll er dir, was geht er dich an, was hast du mit ihm zu schaffen, was willst du von ihm? so bes. bei Schiller: mohr (rückt wieder näher). seid ihr der graf Lavagna? Fiesko (stolz). die blinden in Genua kennen meinen tritt. — was soll dir der graf? Fiesko 1, 9;
so redet denn und sagt, was ich euch soll.
Turandot 4, 10;
Phädra! was soll ich ihr? was kann sie wollen?
Phädra 2, 3.
vgl. auch: Ephraim, was sollen mir weiter die götzen? Hos. 14, 9, wo die Kautzsch'sche übers. hat: o Ephraim! was gehen ich und die götzen in zukunft uns an?
k)
ähnlich was soll mir das? welche bedeutung hat es für mich, was geht es mich an:
Domingo. sie schlafen doch — so däucht mir — in demselben
gemache mit der königin.   prinzessin. zunächst
an diesem. — doch was soll mir das?
Schiller don Karlos 2, 12.
wiederum anders:
ein weibsgesicht!
höll'! teufel! meine frau! was soll mir das?
Göthe 7, 66 (mitschuld. 2, 3);
Gretchen. mein bruder! gott! was soll mir das?
12, 196.
l)
was soll das hierzu? was hat das hiermit zu thun: 'du willst mir ausweichen', sagte der freund; 'denn was soll das zu diesen felsen und zacken?' Göthe 21, 46; 'was ist denn das?' — 'nun denn!' sagte Wilhelm, 'ein kohlenmeiler; aber was soll das hierzu?' 54.
m)
bes. mhd. findet sich was soll ich dahin u. ähnl., vgl. 20, f.:
Tristrant, waʒ sal ich her zû dir?
Eilhart v. Oberge 3537;
waʒ solden wir dar umbe her
mit schilde und mit sper?
Herbort v. Fritzlar 11505;
nû wes bedorftens ouch dar în
od waʒ solte iemen zuozin dar?
Trist. 16885;
waʒ solt der tiuvel ûf daʒ himelrîche.
minnes. 1, 64ᵇ Hagen;
waʒ solt der in mîns hêrren hûs,
der im sînen vater sluoc?
Parz. 417, 2,
vgl. Zehme 36 f.ähnlich noch nhd.: freilich, wie auch unser vorrath seyn mochte, was sollte das unter so viele? Göthe 30, 106. doch hier häufiger mit angabe des 'wo':
ich aber, der ich mich mit abscheu nur betrachte,
was sollt ich länger auf der welt?
Gellert 1, 269;
was soll er überall bey der gesellschaft?
Schiller Piccolom. 3, 6.
n)
dem mhd. eigenthümlich ist bestimmung des soll durch ein part. perf., s. Grimm gr. 4, 128, 17 (150 neudruck). Roethe zu Reinmar 49, 9; theils als prädicative bestimmung auf ein subj. bezogen:
waʒ sold ih arme dan geborn (wozu dient mir, welchen
wert hat es für mich, dasz ich geboren bin)?
lieber mir wêre, ...
daʒ ih nie geborn worde.
Hartmann vom glouven 1822;
sî sprâchen waʒ solde dî salbe verlorn.
2155;
waʒ solde ich armer ie geborn?
Herbort v. Fritzlar 1521;
waʒ sol diu rede beschœnet?
Walther v. d. Vogelweide 106, 6;
war zuo sol denne ir nam getiuret?
Reinmar v. Zweter 49, 9;
mit andrer beziehung:
waʒ solt golt begraben,   des nieman wirt gewar?
minnes. frühl. 137, 3.
theils unpersönlich (wo wir dann das verb. fin. einsetzen würden):
waʒ sol lenger hie gelegen?
Herbort v. Fritzlar 4141;
waʒ sal umbe rede gesagit (wozu lange umschweife?).
1213 (vgl. d. anm.);
waʒ sol iu mê dâ von gezalt?
Erec 7461;
zwiu sol einem vil gedrôt,
der sich einer mûs niht wert?
Seifr. Helbl. 2, 916.
5)
am häufigsten findet sich sollen mit der ergänzung durch einen infinitiv, neben dem dann sollen mehr oder weniger von seiner verbalen kraft verliert und zum sogen. 'hilfsverb' herabsinkt. es hat stets den bloszen inf. ohne zu nach sich, s. Grimm gr. 4, 92.
a)
auch hier ist die grundbedeutung dieselbe, nämlich die einer verpflichtung oder sehuldigkeit. so übersetzt got. skal ein gr. ὀφείλειν oder δεῖ. Grimm gr. 4, 92; deutsches soll ein lat. debere oder das part. necessitatis: sollen, für debere (non tamen cogi) für gebühren, geziemen, officia sua praestare. Frisch 2, 285ᵇ; er soll, doch wird er nicht gezwungen, debet, verum tamen non cogitur. Steinbach 2, 602; man soll gott an ruffen, deus invocandus est a nobis. wir sollen wachen, vigilandum est nobis. ebenda. es wird mit schuldig sein gleichgesetzt: dienstbarkeit sind wir im ouch schuldig, das ist, wir sollen im götliche ere erzeigen. Keisersberg bilg. 5ᵃ; die ersten drey gepott, ynn wilchen der mensch geleret wirt, was er gott soll und schuldig ist zu thun unnd lassen, das ist, wie er sich gegen gott halten soll. Luther 7, 205, 10 Weim. ausg.
b)
so steht sollen in allgemeinen sätzen, pflichtlehren u. ähnlichen: wir sollen gott uber alle ding fürchten, lieben, und vertrawen. Luther 8, 348ᵃ; thô frâgêtun in thio menigî inti quâdun: uuaʒ sculun uuir tuon? Tat. 13, 16; uuiêo sol man daraûf stîgen? uuir suln geloûben an in, unde an imo gerucchen ze dero hôhi dero tugedo. Notker ps. 47, 2; nein, bete und arbeite! dieses sollen alle menschen thun. Gellert 3, 153; von den toten soll man nur gutes reden. ebenso:
du solt mit arbeyt nach guͦt streben.
Agricola sprichw. 98.
(s. ferner 6, k.)
c)
mit bestimmtem subject, von den pflichten einzelner stände u. ähnl.: dîe doctores, dîe dîne parvulos diz allaʒ sculon lêran. Williram 121, 13; ein christen soll arbeyten als wolt er ewig leben, unnd doch gesinnet sein, als solt er dise stunde sterben. Agricola sprichw. 98.
d)
die verpflichtung, die sollen ausdrückt, entspringt aus der allgemein anerkannten moral, sitte, dem recht, den herrschenden begriffen von schicklichkeit u. s. w. s. ztschr. für d. philol. 18, 149 ff. so mit ausdrücklicher angabe:
durh zuht solt ich minne heln.
Parz. 814, 9.
häufig drückt sollen auch gar nicht eine eigentliche pflicht aus, sondern nur etwas, das angemessen ist, eine lebens- oder klugheitsregel, z. b.: man soll den tag nicht vor dem abend loben.
e)
in abhängigen sätzen: diê minneren gelirneen aber fone in reht, uuieo siê gelouben unde leben sulin. Notker ps. 71, 3; du hest noch nit lydung und stroffung an dir selber versuͦcht, darümb kanstu nit wissen wie du eyn anders dar inn halten solt. Keisersberg bilg. 142ᵃ;
thaʒ wir thaʒ irkantîn,   wara wir gangan scoltîn,
pedin in gerihtî   ze sîneru êregrehtî.
Otfrid 3, 21, 31;
und lert auch wol,
waʒ man tuon und lâʒʒen schol.
Wittenweiler ring 1ᶜ, 12.
steht im hauptsatze schon ein begriff der verpflichtung oder des willens, so nähert sich sollen dem conj., s. 18:
dô sprach der hêrre Dietrich   'daʒ enzimt niht helde lîp,
daʒ si suln schelden   sam diu alten wîp'.
Nib. 2282, 2.
f)
häufig wird die übereinstimmung des wirklichen thuns, seins u. s. w. mit dem pflichtmäszigen hervorgehoben:
wat ein here hebben sal,
dat heft hei an sik deger und al.
Theoph. 166.
g)
so besonders in nebensätzen mit wie, als oder relativsätzen, wo der inf. aus dem hauptsatze zu ergänzen ist:
er Ôstarrîchi rihtit al,   sô Frankôno kuning scal.
Otfrid Ludow. 2;
suntar (ich) êrên ubar al   mînan fater, sô ih scal.
3, 18, 17;
lêre was er undertân, ...
genendic swâ er solde.
Gregor. 1251;
der arme Heinrich eʒ enpfie
als ein frumer ritter sol.
d. arme Heinr. 1339;
ich enpfâhe gerne, als ich sol,
iwer zuht und iuwer meisterschaft.
Iwein 164;
nu tuo als ein wirt sol.
Parz. 449, 10.
ist es ein relativsatz, so könnte man für sollen auch die bedeutung 1 annehmen: lêre mih niêht êin uuiʒʒen, nube tuôn daʒ ih sule. Notker 2, 507, 16 Piper (ps. 118, 26);
ni gibit uns thaʒ alta,   thaʒ thiu jugund scolta.
Otfrid 1, 4, 54;
ich dien iu alleʒ daʒ ich sol.
Parz. 29, 25.
dasz indessen das sprachgefühl hier thatsächlich den inf. hinzudenkt, erhellt daraus, dasz die rection desselben fortgeführt wird:
ich gloube im wol,   als er mir sol.
minnes. frühl. 191, 22;
hêrre unt gesinde enphiengen in,
als man ze nôt den biderben sol.
Trist. 18730;
der bâbst enphienc in harte wol,
als der wirt den gast sol.
Ottokar reimchron. 134.
h)
noch häufiger steht sollen und wirklichkeit in gegensatz:
wanta sprichist, thaʒ ni scalt.
Otfrid 3, 22, 44;
ein ander karget, da er nicht sol, und wird doch ermer. spr. Sal. 11, 24; wenn jr aber sehen werdet den grewel der verwüstung, von dem der prophet Daniel gesagt hat, das er stehet, da er nicht sol. Marc. 13, 14. bei präteritum im übergeordneten satze:
bin ich gleich sünd- und laster voll,
hab ich gelebt nicht, wie ich soll.
P. Gerhardt s. 152, 77 Gödeke.
i)
hier wird dann gern, in anpassung an das tempus des hauptsatzes, auch das prät. von sollen gesetzt, und zwar im ahd. in gewöhnlichen positiven vergleichsätzen (mit sô) und relativsätzen durchaus im ind., dagegen in sätzen mit than nach einem comparativ im conj.: ôk iuhu ik that ik ... mînas hêrdômas rakâ sô negihêld sô ik scolda, endi mêr terida than ik scoldi. sächs. beichte (denkm. 72), 12 f. (ebenso im folgenden sô ik scolda, aber mêr than ik scoldi); derselbe unterschied auch in der Lorscher beichte (nr. 72ᵇ, vgl.³ 2, s. 381): ih gihu thaʒ ih ... gast nintfianc sô ih scolda ... thaʒ ih meer giuuar inti unsipberon gisagêda thanne ih scoldi. 18 f.; dem entspricht auch:
ni gilouptun, sô se scoltun.
Otfrid 3, 15, 25.
im mhd. ist der unterschied nicht zu erkennen, aber wol ebenso zu beurtheilen:
dô si dem tâten niht gelîch,
daʒ si belîben wolden,
als si doch billich solden.
Ottokar reimchron. 632.
jetzt ohne sinnesunterschied: er handelte nicht, wie er sollte oder gesollt hätte. selbstverständlich liegt der conj. vor im irrealen satzgefüge: weren wir wie wir solten, wir hetten was wir wolten. Schottel 1121ᵃ; wann wir thäten, was wir solten, so thäte gott, was wir wolten. Kramer dict. 2, 834ᵇ.
k)
so auch in vollständigen sätzen (mit ausgedrücktem inf.): scribis et pharisaeis, dîe der reliquam gentem scolton quasi mater erudire. Williram 136, 11;
der uns dâ solde rechen,   der wil der suone pflegen.
Nib. 2166, 3;
sô slâf ich dâ man strîten sol.
Parz. 359, 21;
küen dâ man solt strîten.
41, 2.
während hier deutlich der ind. vorliegt, pflegen wir jetzt meistens den conj. (prät.) zu setzen, um die nichtwirklichkeit (nicht des sollen, sondern dessen, was soll) hervorzuheben: so tuͦstu das du lassen soltest. Keisersberg bilg. 5ᵇ; wir sünden in zwen weg, antweders mit thuͦn dz wir lassen solten, oder mit lassen das wir thuͦn solten. ebenda; ich bin ihrer braut von herzen gut, und ich erschrecke, dasz ihnen eine person nicht gefällt, die ihnen vor allen andern gefallen ... sollte. Gellert 3, 167. entsprechend in der vergangenheit: er handelte nicht, wie er hätte sollen (oder sollte).
l)
ebenso in hauptsätzen: Adam solta fliêhen zuô dir, er flôh fone dir. Notker ps. 70, 3, jetzt mit conj.: nie hätte meine andacht inniger, brünstiger seyn sollen, als heute: nie ist sie weniger gewesen, was sie seyn sollte. Lessing 2, 135 (Em. Gal. 2, 6);
gewisz, es war zu viel, zu gehn und gar zu schmollen!
er hätte wenigstens doch abschied nehmen sollen.
Gellert 3, 373.
so wol schon mhd.:
durh zuht solt ich minne heln:
nune mag irʒ herze niht versteln.
Parz. 814, 9.
der conj. allein genügt dann, den gegensatz zur wirklichkeit auszudrücken: solche gotlose leute solte man lebendig verbrennen. Kramer dict. 2, 834ᵇ;
tempelherr. ich musz gestehn,
ihr wiszt, wie tempelherren denken sollten.
Nathan. nur tempelherren? sollten blos? und blos
weil es die ordensregeln so gebieten?
ich weisz, wie gute menschen denken.
Lessing 2, 248 (Nathan 2, 5).
m)
ganz vereinzelt begegnet unpersönliches soll (also eig. passivisch, wie 2): es sol, oportet. Maaler 376ᵇ;
es soll, es darf, es kann nicht.
Grillparzer⁵ 8, 76.
6)
sollen bezeichnet am häufigsten eine notwendigkeit, die von einem fremden willen abhängt.
a)
so ausdrücklich dem willen eines andern gegenübergestellt: er will nyemann undergeen, yederman soll jm undergeen. Keisersberg sieben schwerter aa 4ᶜ;
des pflag ich dô got wolte
und ich prîs haben solte.
Parz. 539, 12.
der wollende kann im dativ hinzutreten: aber da ich dem einen gerade dahin fallen soll, wo mich der andere nicht will hinfallen lassen, so heben sich ihre kräfte gegen einander auf. Lessing 8, 23 (antiq. br. 8).
b)
so im nebensatze, von einem verbum abhängig, das einen willen ausdrückt:
der muͦsz vil voͤrchten, der do wil
das jn ouch soͤllen voͤrchten vil.
Brant narrensch. 37, 20;
ich hab ... manche schön genannt,
so häszlich sie auch war, blosz, weil ich haben wollte,
dasz sie mir widersprechen sollte.
Gellert 1, 55;
die mit gewalt es haben wollen,
dasz kluge närrisch werden sollen.
82.
vgl. auch:
nu du my dârto wolt dryven,
dat ik dy einen breif sal schryven.
Theoph. 645.
c)
dieser wille äuszert sich dem andern gegenüber je nach ihrem sozialen verhältnis, nach heftigkeit, stimmung u. s. w.; in schärfster form als befehl:
der wirt den sînen daʒ gebôt,
si solten dannen kêren.
Parz. 35, 13;
als Moses einst vor gott auf einem berge trat, ...
so ward ihm ein befehl, er sollte von den höhen,
worauf er stund, hinab ins ebne sehen.
Gellert 1, 104;
erlauben sie mir, oder befehlen sie mir vielmehr, dasz ich ihr haus noch heute verlassen soll. 3, 195 (betschw. 3, 2). — als allgemein geltende bestimmung, verfügung: der (papst) sate uf, daz 2 prister und ewangelier alle zit bi eim iegelichen bischof sullent sin. d. städtechron. 8, 17, 31;
Augustus hiʒʒ dy werlt gemain,
daʒ yglich mensch solt kömen hain.
Kehrein kirchenl. s. 139, 4;
einst machte durch sein ganzes land
ein könig den befehl bekannt,
dasz jeder, der ein amt erhalten wollte,
gewisse zeit auf reisen gehen sollte.
Gellert 1, 46.
als beschlusz einer versammlung:
si wurden alle des enein,
die innern und daʒ ûʒer her,
swer dâ mit strîteclîcher wer
wære, junc oder alt, ...
dien solden tjostieren nieht.
Parz. 93, 17;
her provest, wy sint des eins geworden, ...
dat gy solt unse bischop syn.
Theoph. 264.
als urtheilsspruch:
man verteilte imʒ leben unt sînen prîs,
unt daʒ man winden solt ein rîs,
dar an im sterben wurd erkant.
Parz. 527, 20.
als vorschlag gegenüber höherstehenden: mein herr hatte dem rathe auch vorgehalten umb Volckmar Partirs sache, das seine gnade und der rath scheidesrichter sein solten (handschr. sollen, s. I, 4, h, ζ). Spittendorf 465. als forderung unter gleichstehenden: meine freunde verlangen schlechterdings, dasz ich dem prinzen von meiner heirath ein wort sagen soll ehe ich sie vollziehe. Lessing 2, 142 (Em. Gal. 2, 8). milder, als bitte, wunsch:
ruocht irs daʒ i'uch küssen sol.
Parz. 83, 15;
vgl.:
er bat die zwêne sitzen gên
zuo den frouwen swâ si wolden.
dô si sô tuon solden,
diu bete tet in niht ze wê.
631, 4.
als rat:
mir riet Gurnamanz ...,
ich solte vil geraâgen niht.
239, 13;
so auch:
sô rætet mir mîns herzen sin
daʒ ichʒ in lâʒen solte.
523, 20;
sît got selbe gab den rât,
swaʒ ieder man ze rehte hât,
daʒ im daʒ belîben sol.
Ottokar reimchron. 477;
ferner in absichtssätzen:
daʒ im diu (stadt Wien) solde dienen,
darnâch warp er sêre.
1746;
herr, ich bin in ditze lant
von dem kunige gesant ...
daʒ ich vordern sull an iu,
swaʒ ir dem rîche habet vor.
13224.
d)
in diesen mit dasz eingeleiteten sätzen ist sollen im nebensatze überflüssig und kann durch den bloszen conj. ersetzt werden, vgl. 18. unentbehrlich ist es dagegen in indirecten fragesätzen (vgl. 17): der kuning lêitota mih in sînen uuînkellare, unte uuîsta mih, uuîe ih minnan sule. Williram 30, 2; er winckte seinen dienern, was sie thun solten. Kramer dict. 2, 834ᵇ.
e)
in unabhängigen sätzen ich soll = irgend jemand will, dasz ich u. s. w.: ich soll ihm antworten, und ich hab nicht der weil, egli domanda che gli risponda. Kramer dict. 2, 834ᵇ; ich würde in meinem leben an keins (singspiel) gedacht haben, wenn ich nicht auf einen hohen befehl eins hätte verfertigen sollen. Gellert 3, s. VI; sie sollen heute den schritt zu ihrem glücke thun. 23. milder: sie sollen so gütig seyn, und einen augenblick herauskommen. die frau nachbarinn will gern ein wort mit ihnen sprechen. 154. mit emphatischer wiederholung:
ich soll und soll mich lassen säcken.
Celinde weist den marter-plan,
und will mich selbst ins säckgen stecken.
Hofmannswaldau auserles. ged. 6, 23.
(vgl. säckchen 2, th. 8, 1618.) in fragen: wer soll ... = wer wollt ihr, dasz ...:
dô sprach der künec Gunther   'wer sol schifmeister sîn?'
'daʒ wil ich', sprach Sîfrit.
Nib. 366, 4.
f)
am gewöhnlichsten vom standpunkte des redenden aus: er soll = ich will, dasz er ... so als gemessener befehl:
er sol ze Parmenîe varn.
Trist. 14067;
als aufforderung (vgl. h):
druhtîn half imo sâr
in nôtlîchên werkon,   thes scal er gote thankôn.
Otfrid ad Ludow. 25;
ce Kolne was her gewîhet bischof.
des sal diu stat iemir loben got.
Annolied 110.
vgl. auch:
nû scal geist mînêr ... druhtînan diuren.
Otfrid 1, 7, 3.
g)
so in der sprache der gesetze, satzungen, weistümer u. ä.: ez ist zu wissen, daz di stat hi ein taiding heten mit graff Fridreich ... von dez waldes wegen. item daz di purgrafen ... den walt und dez waldes poden ... ewikleichen niht schullen verkawffen. d. städtechron. 1, 29, 3; wer mair im Anger zue Naturns ist, der soll von des selben hofs wegen dorfrecht zue Naturns fueren und solt der gemainschaft daselbs ainen stier und einen pern halten ewigklichen, und ob er die gemaine daran saumet, so soll er in iren schaden gelten. tirol weisth. 4, 21, 37—41. weitere belege unter I.
h)
so auch, besonders in der älteren sprache, du sollst, als umschreibung des imperativs, mit dem es oft im wechsel steht.
ther engil sprah imo zua:   'thû scalt thih heffen filu frua;
fliuh in antheraʒ lant,   bimîd ouh thesan fîant!'
Otfrid 1, 19, 3 (surge et accipe puerum etc. Matth. 2, 13);
ir sult hie belîben, und dolt mit mir diu leit.
Nib. 976, 1;
dem soltû gerne volgen,
und wis im niht erbolgen.
Parz. 127, 23;
dû solt di'n küssen lâʒen,
disen ritter, biut im êre.
175, 26;
dû solt der meide wol geborn
sichern und mîn dienest sagen:
oder wirt alhie erslagen.
sage Artûse und dem wîbe sîn u. s. w.
267, 18;
ir sult morgen komen her
und holt den gürtel.   daʒ ist mîn rât.
Wigal. 12, 40;
dû solt nâch sîme lône streben,
und diene im ritterlîche.
Stricker Karl 5262 (s. auch 1660);
du salt in diesen sachen
unz an die mettene wachen,
und swen du an der kirchtur
zum ersten vindest alda vur, ..
denselben rucke uf zu hant
an daʒ bischtum.
pass. 9, 77 Köpke;
du solt auch geren gelten
und hab wirtschafft selten.
Cl. Hätzlerin 2, 70, 31;
des vrouwet ju der wunne!
gy solt ju berte to vreden setten
und alles leides gâr vergetten.
Theoph. 18.
(so jetzt kaum noch.) s. ferner Grimm gramm. 4, 85, 205 (91 f. 237 neudr.). zeitschr. für d. philol. 18, 157—9. 162—4. weitere belege: in sult ir betôn. Notker ps. 4, 4;
thû scalt habên guatî   joh mihilo ôtmuati.
Otfrid 1, 18, 37;
durch got ir sult die rede lân.
Iwein 2521;
ir sult gelouben,
iwerr sêle den tiuvel rouben.
Parz. 817, 12;
jungen, sult iuch aber zen vröuden strîchen.
Neidh. v. Reuental 9, 24;
er (Jesus) ... sprach ze dem jüngelinge:
ich spriche dir: dû solt ûf stân!
Walther v. Rheinau 136, 25;
ir sult vil rehte nemen war,
daʒ ir dem keiser gebt daʒ sîn.
Ottokar reimchron. 470;
das grössest' anckerseil soltu mir lasen geben.
Dietr. v. d. Werder 11, 31, 1;
du solt mit einem stab von eysen
nicht sparen deren ungebühr.
Weckherlin 5 (ps. 29).
i)
die anwendung der umschreibung hat oft keine erkennbare ursache, oder ist durch äuszere umstände bedingt; z. b. ist sie beliebt bei voranstellung des objects: disz ist mein lieber son, den solt jr hören. Luther tischr. 29ᵃ. manchmal ist sie jedoch ausdruck eines gemessenen, nachdrücklichen befehls (in diesem sinne noch jetzt üblich): gi schepen, gi schullen uns rumen de kameren wille wi hebben. d. städtechron. 7, 173, 13;
Theophile, du salst dit stichte rumen
tor stunt unde salst dâr nicht an sumen!
Theoph. 318;
du salst godes versaken gâr,
unde syner moder de en gebâr!
du salst versaken hude
aller seligen lude!
u. s. w. 662 ff.;
nein, sie sollen nicht schweigen. sie sollen reden, damit ich sie widerlegen ... kann. Gellert 3, 392. so auch, wo kein befehl am platze ist, um eine mahnung oder bitte recht dringlich zu machen: de boden karden sik tornliken van deme koninge und spreken 'du schalt uns der wort nicht horen laten. uns were lever, dat du uns de hovede af slogest, wenn wi de rede horen.' d. städtechron. 7, 14, 14; sie sollen mich nicht wild machen. Lessing 2, 161 (Em. Gal. 4, 1; wir würden jetzt sagen: machen sie mich ja nicht wild). s. auch Göthe 33, 255 unter I, 4, b, ζ.
k)
auch besonders gern bei vorschriften von allgemeiner, dauernder geltung, also der zweiten form des lat. imperativs (esto, estote) entsprechend, wofür die umschreibung als regelmäszige übersetzung dient (entsprechend in der 3. person, s. g): wer nicht zum sacrament gehen wil, noch den catechismum lernen, zu dem solt jr nicht gehen in seiner kranckheit. Luther tischr. 18ᵇ. so in den (10) göttl. geboten: du solt nicht ander götter haben. du solt den feiertag heiligen. du solt nicht tödten. Luther 8, 348ᵃ. — hier kommt dann du sollst oft der bedeutung 5, b nahe, wo der redende dem angeredeten nicht einen befehl ertheilt, sondern ihn über eine (unabhängig vom willen des sprechenden bestehende) pflicht belehrt: daʒ sulnt ir tuôn, uuanda sin uuort crehteʒ ist. Notker ps. 32, 4; den sculet ir congaudere unte sculet sîe bilidan u. s. w. Williram 75, 6.
l)
umgekehrt wird diese ausdrucksweise in der ältern sprache (ahd. bis frühnhd.) auch für eine bescheidene bitte oder eine höfliche aufforderung angewandt:
Sîfrit der hêrre   gîe dâ er si sach:
wider sîne muoter   er güetlîchen sprach
'frouwe, ir sult niht weinen   durch den willen mîn'.
Nib. 62, 3;
dô sprach der kamerære   'vrouwe, ir sult stille stân'.
948, 2;
du solt an uns genâde tuon.
Parz. 86, 20;
(als rat:)
er sprach 'welt ir râtes pflegn,
ir sult diss pfärdes iuch bewegn.
514, 2;
ghi sult daer gaen, ende mijn vrauwe.
Reinaert 2599;
her provest, gy solen wesen vro!
Theoph. 256;
von mir soltu nicht wancken.
bergr. s. 20, 26 neudr.;
das soltu, schöne frau, der treu mich lassen geniessen:
das bit ich dich so gar mit gantzem vleis.
46, 8.
so noch bei der anrede in der 3. person: die gute frau Rebecca soll der mütterlichen gewalt nicht miszbrauchen. Weise comöd. probe 51. — diese auffassung ist natürlich die allein mögliche bei der anrede gottes (vgl. 8, b): durftiger unde armer lobont dih. dero solt dû ruôchen. Notker ps. 73, 21; aber herr das ich meinen willen deinem willen und willfaren für gesetzet, und gesuͦcht hab, darumb solt du nit zürnen, sonder herr gib mir das dein will geschech. Keisersberg sieben schwerter aa 6ᶜ;
o herre gott, die rach ist dein:
du solt zwischen uns richter sein.
H. Sachs 2, 1, 4ᶜ;
an Maria:
muter,   guter   sach dy pest,
christen   vristen   solt du vest.
Kehrein kirchenl. s. 128, 1.
m)
nur ahd. mhd. findet sich auch die 1. pers. plur. wir sollen im sinne einer aufforderung (als 'adhortativ'), wo wir jetzt wir wollen oder laszt uns anwenden:
wir sculun thiu wort ahtôn,   thara harto ouh zua drahtôn,
joh sculumês siu irfullen   mit mihilemo willen.
Otfrid 1, 24, 13 f.;
got der sprach do pi sinen genaden:
wir sulen tun einen man,   uns selben gelichen.
Diemer d. ged. 6, 14;
dô sprach zuo sîm gesinde   Sigmundes barn:
'wir suln ouch uns bereiten   heim in unser lant'.
Nib. 637, 3;
hie sule wir diz mære lân,
und komens wider an die vart.
Parz. 222, 10;
frowe, nû sulen wir rîten.
137, 14;
wir süln den winder
die stuben enpfâhen,
wol ûf, ir kinder,
ze tanz[e] süln wir gâhen.
minnes. 1, 201ᵃ Hagen;
daneben aber noch mit stärkerem sinne: 'es ist recht, geziemt sich, dasz wir' ..., vgl.:
nû suln wir in ze lône
enpfâhen vil schône.
wir suln mit rehte einem man
der eʒ sô wol gedienen kan
aller êren gunnen.
Erec 1286 ff.
da in dem wir hier ich will und ihr sollt zusammengefaszt werden, so ist sowol wir sollen wie wir wollen verständlich. während andre germ. sprachen, wie das engl. sich für jenes entschieden haben (we shall), ist im deutschen später nur wir wollen üblich. so schon mhd., von wir sullen geschieden:
wy wollen uns an den rat nicht kere.
ich wel uns eynen beʒʒern rat gebe.
wy sullen (werden) noch vil lange lebe.
spil v. d. 10 jungfr. s. 17.
nur in der frage können wir noch sagen: sollen wir — neben dem gewöhnlichen wollen wir (hier = wollt ihr, dasz wir; so mundartlich schölen wi hengaan? Schütze 4, 56).
n)
so in der indirecten rede u. ä.: o lieber gott, welch ein gerichte solte das sein! die vom tale solten (hschr. sollen, s. I, 4, h, ζ) abtretten. Spittendorf 46; die fraw herwider mit grosser bitt und verheissen geradt an sy hin, sy sölle doch jrs manns leben ansehen. Wickram rollwagenb. 17, 4 Kurz; eben so wenig gönnte sie Ottilien die ruhe des häuslichen ganges ... sie sollte weder schnee noch kälte ... scheuen. Göthe 17, 246;
ein teppich wart geleit derfür.
dâ solte Gâwân sitzen.
Parz. 549, 27;
der geist erschrak, und winkte mit der hand,
der diener sollte ja nicht gehen.
Gellert 1, 30.
o)
häufig in bedingungssätzen soll ich ... = willst du, wollt ihr, dasz ich u. s. w.:
ich küsse iuch, ob ich küssen soll.
Parz. 405, 12;
ob ichʒ iu tiuschen sagen sol.
314, 21;
suln wir sprechen waʒ sich deme gelîche,
sô sage ich waʒ mir dicke baʒ
in mînen ougen hât getân.
Walther v. d. Vogelweide 46, 6;
sol ich nicht reden, wie ichs verstehe, warumb fragt man mich denn? Petri Ss 7ᵇ; wenn ich ihnen das blatt nicht lesen soll: so werde ich wieder gehen. Gellert 3, 388. — ähnlich:
nu ik ju bischop wesen sal,
so beidik tovoren ju overal,
dat gy my wesen truwe unde holt.
Theoph. 278.
s. ferner 7, e.
p)
der conj. prät. steht häufig als ausdruck eines rates, vorschlags, einer aufforderung oder bitte: das solltest du doch thun; diese schöne gelegenheit solltest du nicht unbenutzt lassen und ähnl.:
doch, guter Tasso, wenn es möglich wäre,
so solltest du erst eine kurze zeit
der freien welt genieszen, dich zerstreuen.
Göthe 9, 229 (Tasso 5, 2).
q)
zuweilen gerät durch eine art verschiebung das sollen aus einem satze, der von einem ausdruck des wollens abhängt, in einen wiederum hiervon abhängigen nebensatz zweiten grades:
unn sage en daʒ suͦ nicht beyten,
suͦ en sullen sich bereyten.
spil v. d. 10 jungfr. 16, 6;
er wolt, eh' noch das jahr zum ende solte geh'n,
mich einen todten hund für seinen füssen seh'n.
Rachel 76.
7)
häufig drückt sollen nur ein wollen auf der andern seite aus, ohne dasz daraus für das subject zu sollen ein befehl oder eine verpflichtung sich ergiebt.
a)
bei persönl. subject; so zunächst bei passiven ausdrucksweisen, wobei der befehl sich in wahrheit an das subject des activs richtet (das gewöhnlich unbestimmt bleibt): wer einen menschen tötet, der soll wiederum getötet werden, d. h. man soll ihn töten; so auch: wer menschen blut vergeusset, des blut sol auch durch menschen vergossen werden. 1 Mos. 9, 6; daʒ gotes bette beuuarent in dirro uuerltvinstre dîe sancti doctores, unte dîe sculon iruuelet sîn ex fortissimis Israel. Williram 51, 9; dafür intransitive ausdrücke: wer das schwert nimpt, der sol durchs schwert umbkomen. Math. 26, 52; er sol Johannes heiszen. Luc. 1, 60. vgl. auch:
das sollst du am kreutze bereuen.
Schiller 11, 284
(als umschreibung für: du sollst gekreuzigt werden). ungewöhnlicher in der 1. person, wo dann die bedeutung 'wollen' herauskommt:
daʒ kint sprach 'boum, wir suln noch mê
dîner wurze genieʒen,
lâ uns dar ûʒ flieʒen
ein waʒʒer lûter unde kalt!
Konr. v. Fussesbrunnen 1462.
b)
ferner besonders bei sein und haben: er sol dein herr sein. 1 Mos. 3, 16; dîe sculon sîn in sexagenario numero. Williram 51, 13;
man sprach ein urteil zehant,
'swelch ritter helm hie ûf gebant, ...
hât er den prîs hie genomn,
den sol diu küneginne hân'.
Parz. 96, 5;
eʒ was ir reht, si soltenʒ hân.
400, 29, vgl. 544, 6;
daʒ er den prîs für alle man
von rehten schulden solte hân.
698, 30;
sie sollen ihn nicht haben,
den freien deutschen Rhein.
Nic. Becker im rhein. jahrb. 1841, s. 365, s. Büchmann²⁰ 277.
c)
so in der 2. person häufig als versprechen oder zusicherung des sprechenden: hör, jägergen, du solt mein diener werden. Simpl. 1, 229, 4;
du solt ouch mîn ritter sîn.
Parz. 77, 8;
'ja', sprach der furste wolgetan,
'du salt ein warzeichen han,
daʒ si der rede gloube dir'.
Elisab. 1332;
samyt unde baldok salstu dragen.
Theoph. 796;
ain waren freunt solt an mir hon.
H. Sachs fastn. sp. 2, 20 neudr.;
nichts arges hast du mir bewysen.
das solt du auch bey mir geniessen.
61;
mein lebetage will ich dich
aus meinem sinn nicht lassen; ...
du sollt sein meines herzen licht,
und wann mein herz in stücken bricht,
sollt du mein herze bleiben.
P. Gerhardt nr. 20, 45. 47 Gödeke;
in häusern, halb von glas, bespannt mit raschen pferden,
sollst du in dieser stadt bequem getragen werden.
Gellert 1, 25.
vgl.: selbemo Christo uuard keheîʒʒen, daʒ er solti uuesen in signum cui contradiceretur. Notker ps. 80, 8. ebenso in der 3. person:
das red ich bey meinem eide,
sie sol mir die liebste sein.
bergr. s. 20, 7 neudr.;
Misander war mein erster liebster, und sollt es bis zum grabe seyn.
Günther bei Steinbach 2, 602.
du sollst wissen als ankündigung einer mittheilung: du schalt weten, dat vele Franken und Doringen blot to den antwerde horet. d. städtechron. 7, 14, 15;
mithin solt du noch disz von mir und allen wissen,
dasz dich die ewigkeit in ihr gedächtnisz faszt.
Günther 613.
fast pleonastisch in du sollst willkommen sein, das sich kaum von du bist willkommen unterscheidet (sehr häufig sei willkommen):
ir sult uns wesen willekomen.
Nib. 125, 1.
s. ferner 14, l.
d)
mit sächlichem subject, eigentlich durch jemandes willen wozu bestimmt sein, wobei der gegenstand gleichsam personificiert erscheint:
der räuber greift nach seinem bogen, ...
er zielt, und faszt den pilger wohl; ...
der pfeil fällt matt vor dem darnieder,
dem er das herz durchbohren soll.
Gellert 1, 74;
ein obeliskus zu Byzanz,
seit jahren tief im schlamm begraben,
soll wieder in verjüngtem glanz
die lang' verwaiste stelle haben,
um hoch auf seiner base rücken
den prächt'gen hippodrom zu schmücken.
Kind ged. 1, 40.
als verfügung, anweisung u. ähnl., wie bei a und b: also scal iuuih panis verbi mei confirmare ad bona facienda. Williram 75, 10; darumm so söllen die zellen lär sein in den clöstern, on beladung und zusamennistung mit vil blunders. Keisersberg sieben schwerter bb 6ᵇ. als rat:
ouch sol an iu niht schînen
dheiner slahte wappenkleit.
Ottokar reimchr. 788.
als verheiszung (vgl. c):
so wil ik ... dy maken to eime heren,
dyn gôt sal sik al dage meren!
Theoph. 685;
dein kleines, schwarzes hüttchen
soll eine kirche werden.
Hölty s. 11 Halm.
e)
so häufig in bedingungssätzen soll = willst du, dasz ..., vgl. 6, o: sol ein baw bestehen, so musz man jhn auff einen grund setzen. Petri Ss 7ᵇ;
sol wachsen auff dem acker korn,
so musz man pflügen und düngen vorn.
8ᵃ;
sollen dich die dohlen nicht umschrein,
muszt nicht knopf auf dem kirchthurm seyn.
Göthe 4, 344;
von der stirne heisz
rinnen musz der schweisz,
soll das werk den meister loben.
Schiller 11, 305.
f)
ferner in unpersönlichen ausdrücken, so bes. im passiv, vgl. a. und das soll verstanden werden u. s. w. Keisersberg sieben schwerter aa 6ᵈ. hier meistens im sinne einer zusage oder ankündigung, das soll gethan werden, sein, geschehen = ich will es thun, wobei die übliche perfectische ausdrucksweise die aussage noch bestimmter macht, indem sie das erst auszuführende als bereits gethan hinstellt. so schon mhd.:
im sol von Hagnen   immer wesen widerseit.
Nib. 816, 4;
dô sprach der alte Hiltebrant:   'daʒ sol geschehen sîn'.
roseng. A 57, 4;
es soll ordenlich gelebt sein, sprechen sy, wöllen dem rachen und dem bauch genuͤg sein. Keisersberg sieben schwerter bb 1ᵇ;
beweist es! hör ich alle schreyn.
recht gut! es soll bewiesen seyn.
Gellert 1, 66;
man will dir deine frau entführen.
in dieser nacht noch solls geschehn.
242;
nun so gieb mir die hand darauf: so soll alles vergessen seyn. 3, 192. ähnlich: es soll aber dein schade nicht seyn. Lessing 1, 269; es soll gewisz an meinem gehorsam nicht fehlen. Gellert 3, 195 (betschw. 3, 2; schlieszt an die unter 6, c angeführte stelle); es soll alles zu ihren diensten seyn, und ich will mit ihnen als mit meiner tochter umgehen. 189;
mein blut soll dir zu diensten seyn.
1, 242;
das sol mich widder tag noch nacht kein stund nicht verdriessen.
ich wil ihr dinen so gar mit gantzem vleis.
bergr. s. 46, 6 neudr.
in der frage:
was soll für seine mühe seyn (was wollen sie haben)?
Gellert 1, 228.
weiteres: soll es also seyn, consiliumne est, ecquid statuis de hac re amplexanda? Stieler 2055; liebe, bisz doch zuͦfriden, lasz dein ruffen, so es nicht sein sol (wenn du es nicht willst), wil ich gern wider gehen. Kirchhof wendunm. 1, 391 Öst. (1, 351). — entbehrlich (wie c zu ende) in: ja, wenn ich da noch lebe, so soll mirs lieb seyn. Gellert 3, 404.
8)
die bedeutung des willens erscheint oft abgeschwächt zu der eines wunsches, bes. in älterer sprache, während jetzt in der regel mögen dafür eintritt.
a)
so in wendungen, die die form eines befehls haben, obwol die erfüllung nicht vom angeredeten abhängt. doch so nur in der ältern sprache (jetzt dafür du mögest):
du solt o kleiner schatz! den müttern ähnlich werden.
Günther 496;
und sie, mein lieber herr bruder, sollen so glücklich seyn, als ich meine schwester zu sehen wünsche. Gellert 3, 79. hierher auch:
nu sult ir slâfen vaste,
und ruowet hînt.
Parz. 35, 10,
wo allerdings der imper. allgemein üblich ist. unpersönlich:
auch euch, ihr meine lieben,
soll heinte nicht betrüben
ein unfall noch gefahr.
P. Gerhardt nr. 16, 50 Gödeke.
b)
sehr häufig mit gott u. ä. als subject (vgl. 6, l):
got sol iuch bewarn
der reise an allen êren.
Nib. 1094, 2;
dô sprach der helt von Berne:    'des sol niht wellen got'.
2182, 1;
got sol dir lônen.
Wolfram Tit. 115, 1;
und sol sîn got von himele pflegen.
Trist. 1708;
Maria schol der sele phlegen
vor arger geiste leiden!
Suchenwirt 2, 68.
jetzt besonders noch in festen formeln: gott soll mich bewahren u. ä., nd. dâ sal mek god vôr bewâren. Schambach 202ᵃ. — sonst in der 3. person:
sie sol mir vreude und êre,
dâ bî wernde sælde geben!
Ulrich v. Liechtenstein 125, 24.
c)
so auch in verwünschungen und flüchen: gott soll mich strafen, wenn das nicht wahr ist; da soll doch gleich ein donnerwetter hineinfahren; der teufel soll's holen! u. dergl.: der himmel soll mich strafen, wenn ich mir jemals in den sinn kommen lasse, mehrere (weibsbilder) kennen zu lernen! Lessing 1, 222;
er schwört, sich keine mehr zu wählen.
dein schatten, ruft er, soll mich quälen,
wenn mich ein zweytes weib besiegt.
Gellert 1, 67;
und wenn mein stündlein kommen nun,
der henker soll es holen,
so haben wir halt unsern lohn.
Schiller 1, 136.
hier ist diese kräftigere ausdrucksweise auch heute noch die allgemein übliche. mundartliche besonderheiten: sölls mi tödta (und) zărsprenggă, ich will gleich sterben, wenn dem nicht so ist, als beteuerung. Bühler Davos 1, 147; du schollst verrecken! 'übliche verwünschung in Pilsen.' Schröer 204ᵃ.
d)
sehr gewöhnlich ist ferner der conj. prät. zum ausdruck eines wunsches, der durchaus nicht immer (obwol meistens) unerfüllbar ist, nur einer, dessen erfüllung unsicher ist und besonders heftig ersehnt wird. hier liegt indessen der ausdruck des wunsches mehr im modus, der ja auch allein diese kraft hat, und nähert sich sollen der bedeutung 13, d:
hey solder immer   komen in Burgonden lant!
Nib. 717, 4;
ach got, wie brinnet mir mîn herze
nâch der lieben vrouwen mîn! ...
ach got, wan solde ich bî ir sîn!
minnes. 1, 72ᵇ Hagen;
ach solte, solte doch der werthe Hugo sehen,
was itzt sieht sein gemahl.
Fleming 154;
sollt ich alle falsche weiber nur zusammen schauen brennen!
Hoffmannswaldau getr. schäfer s. 104;
aber ach sollten sie doch wissen, wie hoch ich sie schätze, meine englische freundinn! Gellert 3, 16; o wenn ich doch die freude erleben sollte! 188; eine solche andrienne sollten sie haben, die würde ihnen vortrefflich stehen. 423. stets irreal natürlich im präter.: wenn sie nur die frau Richardinn hätten sehen sollen! 387:
o! hätt ichs nur verstehen sollen,
was eines zu dem andern sang,
wie hätt ich sie belauschen wollen!
119.
e)
zuweilen hat ein wunschsatz den wert eines irrealen bedingungs - (vorder-)satzes: ich sollte ihre frau seyn, ich wollte ihnen ... Gellert 3, 238;
ich hätte schlafen sollen,
wie hätt' ich Sylvien den kusz vergelten wollen.
378.
ähnlich auch: seyn sie nur nicht betrübt, lieber junger herr (sagte das mädgen). sie sollen nur sehn wie meine mutter sie lieben wird. Hermes zween litterar. märtyrer 1, 136.
9)
oder sollen bezeichnet nicht einen befehl, wunsch u. s. w., sondern die zulassung und erlaubnis wozu, ist also synonym mit dürfen, vgl. 19, e. f: do togen de cristen to unde dwungen de heidene, dat se on son loveden und alle cristene leddich und los geven, und dat me kerken in orem lande buwen scholde (dürfte), unde dat prediger und barvoten in dem lande predigen scholden. d. städtechron. 7, 155, 8 f.; wenn ain richter in dem anger ze Schantzan zu gericht sitzet, umb welcherlai sach das ist, das der richter da gepeut, so süllen die pfärt in dem anger gen, eʒ sei gemäet oder nicht. tirol. weisth. 4, 28, 24 (vom j. 1380), s. auch 27, 5 unter I, 2, f; herr, wie lange sollen die gottlosen ... pralen? ps. 94, 3; soll ich hoffen, liebstes Lorchen? Gellert 3, 189;
sol mich ein solher nennen,
swie sô im gelust?
Ottokar reimchron. 13150;
der ist ein narr der nit der geschrifft
will glouben die das heil antrifft
und meynet das er leben soͤll
als ob kein got wer, noch kein hell.
Brant narrensch. 11, 3.
nd. sall ikk man? ist es erlaubt? Dähnert 410ᵃ. so häufig in bedingungssätzen nach art unsers wenn ich bitten darf:
dô sprach er 'frouwe, tuot sô wol,
ob ich iuch des bitten sol,
lât mînen namen unrekant'.
Parz. 620, 2;
die sprâchen: 'solt wir mit urloup reden,
eʒ ist zwischen iu bêden
gewesen ungelîch'.
Ottokar reimchron. 79344;
so auch:
solde ieman wâfen schrîen
über gotes gewalt, daʒ tæte ouch ich.
Wig. 11557.
gewöhnlicher mit negation:
solten narren nicht trincken wein,
so ward mancher desto reicher seyn.
Petri Ss 8ᵃ.
ferner: dasz ich ihm nicht die zähne austreten soll! Lessing 1, 513 (Minna 1, 3). — er soll = ich gebe zu, dasz er ..., in bedingungssätzen:
gieb mir die ganze flur, ich gebe sie zurück,
wenn ich nicht lieben soll.
Gellert 3, 368.
besonders in sätzen mit ehe: ehe sie weltlich werden soll, so mag sie zeitlebens eine jungfer bleiben. Gellert 3, 176; ehe dich Simon zur braut bekommen soll, ehe will ich selber ins oberconsistorium gehen. 191;
ine viel ê nider in den grabn,
ê Clamidê solde habn
mit gewalt mîn magetuom.
Parz. 195, 24.
in hauptsätzen, bei umkehrung derselben satzfügung:
ik doe gêrn al juwen willen,
ân gy solen my êr slippen unde villen,
êr gy einen bischop van my maken.
Theoph. 221.
stärker, als trotzige herausforderung:
wir lassen uns nicht so im land 'rum führen!
sie sollen kommen und sollen's probiren!
Schiller 12, 48 (Wallensteins lager 11).
10)
eine naheliegende weiterentwicklung ist es, wenn sollen zuweilen nicht die zulassung einer absicht oder handlung, sondern die einräumung einer thatsache und ähnl. ausdrückt. während ihm also in den bisherigen gebrauchsweisen als form der directen rede ein imperativ entspricht, so in der folgenden ein indicativ.
a)
so zunächst von etwas, das durch willkürliche festsetzung bestimmt wird, wo also nicht etwas sein, sondern wofür gelten soll. wie etwa bei der vertheilung der rollen in einem schauspiel: N. N. soll Orest sein. (hier noch ganz in der bedeutung 6.) ähnlich mhd. sîn soln häufig für 'etwas vorstellen, als etwas dienen' u. ähnl., vgl. 11, a u. c:
er dâhte 'sol ich kipper wesn (werde ich dafür angesehen),
ich mac vor flüste baʒ genesn'.
Parz. 351, 17;
daʒ diu mûre solde sîn,
daʒ ist ein vadem sîdîn.
Laurin 69.
von bildern, etwas vor-, darstellen:
jüngst bracht er einen stab geschnitzt auf beiden seiten.
Damöt, so fang ich an, wen soll denn das bedeuten?
stellts deine schwester vor? nein, spricht er lächelnd, nein!
diesz hier bin ich, und diesz soll meine Chloris seyn.
Gellert 3, 468.
ferner in gesetzesbestimmungen: wer das und das thut, soll des betruges schuldig sein (= ist schuldig, eben infolge dieser bestimmung). die verschiedenheit dieses gebrauchs von den früher behandelten zeigt sich besonders darin, dasz sollen hier mit dem inf. perf. verbunden werden kann: der stozze oder ander holcz ... verkawffet, ... der recht in dem walt hat, ... der sol dar an nicht gefrevelt haben, und sol auch da von dem amptman ... nihtz schuldik sein zu geben. d. städtechron. 1, 29, 8.
b)
bei der annahme eines hypothetischen falles: nein, er soll nicht den gröszten verstand haben; er soll nicht so galant, nicht so liebenswürdig seyn, als euer Siegmund. so habe ich noch eine ursache mehr, ... ihn nicht zu lieben. Gellert 3, 21.
c)
im wortstreit, wenn man dem gegner etwas zugiebt, nicht weil man es wirklich glaubt, sondern um die discussion darüber zu vermeiden oder abzubrechen: allein sie sollen ohne einwurf recht haben. Gellert 3, 23; sie sollen recht haben, frau muhme. lassen sie mich nur in dem ruhigen besitze meiner irrthümer. 160; er soll schuldig seyn; aber musz er gleich meiner liebe unwürdig seyn? 103; wir wollen unser gespräch abbrechen. sie sollen recht haben. 392.
11)
hierher gehört auch das jetzt so häufige sollen zur bezeichnung eines gerüchts, = lat. dici (holl. moeten). es drückt eine thatsache aus, die nicht an sich, sondern nur in der meinung und aussage der leute (im allgemeinen oder bestimmter leute) besteht, also gleichsam von deren willen abhängig ist. auch hier entspricht ihm ein wollen auf der andern seite: er soll ja verlobt sein = man will (behauptet, glaubt), dasz er verlobt ist. vgl. Blatz nhd. gr.³ 2, 542.
a)
ähnliches schon im mhd., vgl. Lucae s. 22. Zehme 17 f. und oben 10, a:
sölch ellen was ûf in gezalt:
sehs ritter solter hân gevalt,
die gein im kœmen ûf ein velt.
Parz. 197, 18;
sô spricht er dan mit grôʒem zorn
er habe sîn arbeit gar verlorn ...
'ich hân mîn dienst verlorn gar'
(sô sol verlorn sîn swaʒ er tuot).
w. gast 12737;
swie gar kostlich
datz Reins in Francrîch
daʒ munster sîn sol,
sô weiʒ ich daʒ wol
für ein wâreʒ mære u. s. w.
Ottokar reimchr. 28718.
von der behauptung eines einzelnen:
sol mîn ritter sîn ein koufman,
des mich mîn swester vil an streit.
Parz. 396, 6.
b)
besonders ist diese bedeutung jedoch erst im nhd. seit etwa 1700 entwickelt: sollen, es soll etc. dovere, ... in vece di si dice. es soll der könig gestorben seyn, è der könig soll gestorben seyn, si dice, dicono, corre voce etc., ch' il rè sia morto. es sollen die Türcken geschlagen seyn worden. Kramer dict. 2, 834ᶜ; er soll ja bauen wollen, habet, ut ajunt, in animô aedes exstruere. er soll ihn enterben wollen, exheredare illum, ut ferunt, cogitat. Stieler 2055; sollen, für nachricht haben, dasz; sagen hören, oder gehört haben, dasz, fama est, rumor est, dicunt. Frisch 2, 285ᵇ; desgleichen soll er denselben tag zu seinem weib gesagt haben. Grimm sagen 256; sie nahmen auch den alten, rauchigen tempel der Latona in augenschein und das grabmahl des Abderus, der die stadt zuerst erbaut haben sollte. Wieland 19, 354 (Abd. 3, 9); sie sagen, er (d. Sirius) soll wohl noch viel höher seyn als die sonn. Stilling leben 1, 32; auch konnte der prinz (v. Oranien) ... nicht umhin, auf den verborgenen hasz anzuspielen, den der könig (Phil. II) gegen die nassauische familie ... hegen sollte. Schiller 7, 190; mitten in einer grünen und lachenden ebene soll ein unbewachsener wilder hügel hervorragen, der dem auge einen theil der aussicht entzieht. 10, 182; soll billig sein, sagen alle leut'. Auerbach dorfgesch. 2, 195;
sie schützen Evens schwachheit vor, wodurch wir, wie sie thöricht wollen,
so wohl an groszmuth als verstand geringre kräfte zeigen sollen.
Günther bei Steinbach 2, 602;
man wirft ihr vor, sie solls aus ehrsucht thun.
Gellert 1, 34;
er schickt nach leuten aus,
die schätze sollen graben können.
91 (oder zu 6?);
der Leichtsinn trat sein amt mit eifer an, ...
und soll, wie die gedachte fabel spricht,
von dieser zeit an, seine pflicht
sehr selten unterlassen haben.
292;
herzog Johann soll irren im gebirge.
Schiller Tell 5, 1.
nachdrücklicher:
ach vorhin wünscht ich dich! es war ein rechter zank;
da solt ich mit gewalt ...
mein band, das Galathee, als wir den maytanz gaben,
mir um den arm geknüpft, so gar verschenket haben.
Gellert 3, 463.
c)
so speciell sein sollen, mhd. sîn suln, vorgeblich, vermeintlich sein, vorstellen, vgl. 10, a:
die sîne bruoder solten sîn,
den wart gekoufet ouch durch in.
Trist. 2210 (vgl. Bechstein's anm. zu 1901).
jetzt besonders in dem part. seinsollend, angeblich, s. das., sp. 369: es wäre denn, dasz man unter der physiognomik die abgeschmackte, seynsollende kunst, die speciellen und individuellen schicksale des menschen aus seinem gesichte zu prophezeyen, verstehen wollte. Lavater physiogn. (1772) 22.
12)
weitere abweichungen und abschwächungen der ursprünglichen bedeutung ergeben sich, wenn sollen nicht eine durch verpflichtung oder fremden willen bedingte, sondern eine aus der natur der sache, der lage der dinge oder ähnl. sich ergebende notwendigkeit bezeichnet. diese fälle sind bes. im mhd. (und mnd.) häufig. vgl. zschr. für d. philol. 18, 151—5.
a)
ganz an 5, d schlieszen wendungen an, wo sollen steht in dem sinne 'es ist angemessen, billig': wenn der sprach, meister ich sol minder geben, dann der, wann ich kann vor etwas uf der lauten, so antwurt der meister, nein du must mir zwen lön geben. Keisersberg brösaml. 2, 77ᵇ. s. auch Neith. Fuchs 543 unter I, 4, c, ε. — ursache, grund haben:
nu solt ich zürnen: ine mac.
Parz. 801, 9.
b)
es ist notwendig oder empfiehlt sich aus sachlichen gründen; so in den heute sehr beliebten wendungen, wie: eines nähern eingehens auf diese punkte glaube ich mich enthalten zu sollen; wir glauben, diesen satz auf das ganze werk ausdehnen zu sollen; im interesse des publikums hat die behörde geglaubt, den betrieb nicht in städtische regie nehmen zu sollen u. a., die Wustmann sprachdummh.² 327 als miszbrauch tadelt.
c)
von einer natürlichen notwendigkeit (wofür jetzt müssen):
dô Abraham finf und sibenzich jouch zehenzich jâre alt wart,   dô muos er leisten die vart,
die wir alle sculen leisten,   suîe alt wir werden.
der lîp den ente genam.
fundgr. 2, 35, 33.
vom naturtriebe, als gebot der natur gefaszt: wenne si (diese fische) gewasent (erwachsen sind) unce uffe ir nattürlich zil, so bewiset si ire natture das si sich zuͦsammene sellent machen, und machent sich ouch denne zuͦsammene. Merswin neun felsen s. 11. wie es in der natur der dinge liegt:
ouch gap der linden tolde
ir schaten, als si solde.
Parz. 162, 22.
d)
die zeit verlangt es oder bringt es mit sich: nu ist ôuch diu zît, daʒ dîe praedicatores mit falcastro exhortationis sculon amputare superflua vitiorum. Williram 39, 11; ed schach in einer vasten, dat de pawes to der capellen missen holden scholde. d. städtechron. 7, 71, 26;
nu ist eʒ doch wol uf dem zil,
daʒ du solt ein ewip nemen.
Peter v. Staufenb. 641.
e)
daraus ergiebt sich die bedeutung 'im begriffe sein': der sulven borger wart ein deil gevangen, do se van Avion riden scholden. d. städtechron. 7, 196, 12;
dô Indi solden verzagen
und man si begunde jagen.
Lamprecht Alex. 4516 Kinzel;
dâ die Babylône
Alexandrîe lœsen solten,
unde dô si dannen wolten
den bâruc trîben mit gewalt.
Parz. 21, 21.
hier ist jetzt wollen üblicher.vgl. auch 13, c.
f)
es ist zu erwarten:
Îsengrîn was beseʒʒen,
her Birtîn hâte ime gemeʒʒen,
daʒ ern ûf den rucke solde troffen hân.
Reinh. Fuchs 807,
dîne füeʒe solden unden
breit sîn und zeschrunden
als einem wallenden man.
Hartmann v. Aue Greg. 2917;
nu daʒ diu guote marschalkîn
der nœte genesen solte sîn
und nâch ir sehs wochen ...
des suns ze kirchen solte gân.
Trist. 1954;
und wissen sie, wem ich meine gesinnung schuldig bin? fragte Aurelie; der allerschlechtesten erziehung, durch die jemals ein mädchen hätte verderbt werden sollen. Göthe 19, 87. unklar ist die stelle:
ich solt euch ains gesagt han
vor langen zeiten;
nun mag ich nit mer peiten.
fastn. sp. 503, 12.
g)
von einer logischen notwendigkeit:
ob i'ʒ geprüevet rehte hân,
hie sulen ahzehen frouwen stên.
Parz. 235, 7.
hier wäre jetzt müssen notwendig.doch ähnlich noch:
mir scheint es, dasz ich eher einem Griechen
als einem Scythen dich vergleichen soll.
Göthe 9, 37 (Iphig. 2, 2).
h)
in den meisten dieser fälle (s. bes. c und g) berührt sich sollen mit müssen. häufig wird es mit diesem geradezu gleichgesetzt: sollen, für müssen, oportere, s. müssen, obligari, exigi, cogi, urgeri. Frisch 2, 285ᵇ. so tritt es auch für gewöhnliches müssen ein, nach ausweis der übersetzung: ich soll fleissig studieren, il me faut estudier diligemment. Hulsius 300ᵃ; ich soll schreiben, io devo scrivere, hò da scrivere etc. v. müssen. ich sollte wol schreiben [[undefined:etc]], io dovrei scrivere etc. sarebbe d'huopo ch'io scrivessi. Kramer dict. 2, 834ᵇ. es wechselt mit müssen: item also gy wilt insegelen den Bredsunt, so sole (andre hschr.: mote) gy ingan ostsutost. seeb. 13, 20; unde vinde gy de grunt, so solde men (mote gy) gan nortwart. 10, 35. so noch nd. ikk war wol sölen werde wol müssen Dähnert 410ᵃ.
i)
manchmal nähert sich sollen auch der bedeutung von können:
dâ hienc ein liderîn huot,
den man drüber ziehen solte
immer swenne eʒ regenen wolte.
Parz. 129, 25;
wy solden al dat lant dôrvaren,
êr wy uns verbeteren kunden.
Theoph. 171.
k)
in gewissen verbindungen bezeichnet mhd. soln auch 'brauchen, nötig haben'. pleonastisch neben bedürfen:
eʒ zimet dem man ze lobene wol,
des er iedoch bedürfen sol.
Tristan 14;
hân soln für unser haben müssen:
frouwe, ich sol ein boten hân.
Parz. 625, 2.
in folgender stelle eher für 'ich will haben, wünsche, gebt mir' (vgl. 7, b):
sît er strîtes geruochet,
frouwe, ich sol mîn harnasch hân.
594, 19.
vgl. auch:
die uns diu ougen wellent nemen,
dâ wir mit schulen sehen (die wir zum sehen brauchen)
exod. 140, 10 Diemer.
13)
daran schlieszt sich sollen von der bestimmung des schicksals, es ist bestimmt, verhängt, beschieden.
a)
ursprünglich als der wille gottes, der vorsehung, des persönlich gedachten schicksals, vgl.:
nist, ther thia gizeino,   ni sî mîn fater eino;
odo iʒ wiʒi woroltman,   wanne iʒ sculi werdan,
wanne iʒ wolle,   thaʒ worolt al zifalle.
Otfrid 4, 7, 47;
b)
belege: lâ mih uuiʒʒen, uuiêo ih ûʒ lâʒʒen sule mînen lîb. Notker ps. 38, 5; eʒʒen unde trinchen iâ sulen uuir doh irsterben (manducemus et bibamus cras enim moriemur). 70, 7, glosse;
dîne muoter gap man im ze konen.
er solt ab niht ir minne wonen.
Parz. 494, 20;
der künec niht lenger solde lebn.
26;
waʒ sol mir geschehn?
571, 7;
he vragede den geist wol lange he leven scholde. d. städtechron. 7, 71, 22; ferner hat er auch seinen tod vorher gesehen und gesagt: 'mein schwäher solls thun.' Grimm sagen 256; wer soll doch wol der erste unter uns sterben? Kramer dict. 2, 834ᶜ; darumb heb dich, hie wirst du nichts weiter schaffen, ... du solt den menschen keinen schaden weiter zufügen, wie dir einmal gelungen ... diesen trost haben wir nun, dasz wir zu unser ersten herrligkeit wider umb kommen sollen. Neander menschensp. B 6ᵇ f.; es hat nicht so seyn sollen. Gellert 3, 322; nein, wenn eins sterben soll, so will ich sterben. 421; aber so sollte es mir immer ergehen, dasz ich durch anschauen und betrachten der dinge erst mühsam zu einem begriff gelangen muszte. Göthe 26, 83; nach eifriger betrachtung so vieler erhabenen plastischen werke sollte es mir auch an einem vorschmack antiker architektur nicht fehlen. 87;
ich hoff sie sol mir werden.
bergr. s. 41, 13 neudr.;
du solt ... stehen in stetten sorgen,
als soltestu sterben heut und morgen.
Agricola sprichw. 98;
sie weisz noch mehr als woll,
ob jene, die da liegt, des lagers sterben soll.
Rachel s. 8;
zwar glückt es ihm am strande
dem tode zu entgehn; allein der wilden schaar
fiel auf die Britten los; und wer entkommen war,
den frasz ihr hungrig schwerdt. nur Inkle soll noch leben.
Gellert 1, 23;
genug, das menschliche geschlecht
sollt einen geizhals mehr behalten.
293;
behüt dich gott! es wär' zu schön gewesen,
behüt dich gott, es hat nicht sollen sein!
Scheffel tromp. 221.
c)
manchmal der bedeutung 'im begriffe sein' (12, e) nahestehend: men wil ok dat sine knoken sweten, wenn ein pawes sal werden. d. städtechron. 7, 72, 3; do sunte Wulfgang sterven scholde. 76, 12; glauben sie denn auch nichts von dem todtenschmiede, von dem wurme, der in den fensterrähmen, oder in den wänden oft ganze tage pocht und hämmert, wenn eins sterben soll. Gellert 3, 160 (betschw. 1, 6);
untz daʒ er ward vor alter chranch
und daʒ er scholde sterben.
Suchenwirt 34, 20.
d)
gern bezeichnet sollen eine gute, glückliche bestimmung (ich soll, mir ist vergönnt, verliehen):
si sprach 'wol in der leben sal
mit freuden, als ich tæte.
Moriz v. Craon 1714;
ein lützel mir gevellet wol
daʒ ich noch geleben sol.
Vridanc 176, 11;
nu müeʒe eʒ got erbarmen
daʒ ich nüt sol erwarmen
mit fröiden an dem arme din.
Peter v. Staufenb. 1074;
wol uns huͦte unn ummir mer,
daʒ wy dich ie solden gesen.
10 jungfr. 22, 18;
wie zufrieden schlief ich ein!
sollt ich nur so manches bein.
das ich mir verscharren müssen,
vor dem tode noch geniessen.
Gellert 1, 38.
ähnlich: ube oûh hiêr iêman eterna bona haben mahti, unde er faciem domini gesêhen nesolti, uuaʒ uuâre danne daʒ er geuuunnen habeti? Notker ps. 85, 7. — hierher ferner 8, d.
e)
häufig in hypothetischen vordersätzen:
solt du immer herzenlîche   zer werlde werden frô,
daʒ geschiht von mannes minne.
Nib. 16, 2;
sol ich dhein wîl daʒ leben hân,
ich verdien eʒ, die wîl ich leb.
Ottokar reimchron. 1586;
solden wy leven aldus ein jâr.
Theoph. 63.
so in sprichwörtlichen redeweisen: solls seyn, so schickt sichs. (S. S. S. S. S. als abkürzung). Petri Ss 7ᵇ, vgl. Wander 4, 604; wann ein ding seyn soll, so hilfft nichts dafür, quando una cosa dee essere, cioè quanto ella è fatale e destinata dal cielo, non giova resistervi. Kramer dict. 2, 834ᶜ (vgl. 15, a); soll ein kind gedeyen, so mag yhm der vatter leicht etwas lassen, ia es ist zuvil was er yhm laszt, und wenn er yhm schon nichts liesse. soll eyn kind nicht gedeyen, so ist es alles zuwenig, unnd wann er yhm noch so vil liesse. Agricola sprichw. 508, ebenso Petri Ss 7ᵇ; sol ein werck gut seyn, so musz es gottes werck in uns seyn. ebenda. vgl. auch:
solls ja so seyn,   dasz straff und pein
auf sünde folgen müssen:
so fahr hie fort,   nur schone dort.
Rutilius (1604) im Hann. gesangb. 1729, s. 278.
dafür relativsätze: was seyn soll, schickt sich wol, vocatus atque non vocatus Deus aderit. Dentzler 2, 247ᵇ; der gerechte wird seines glaubens leben, das ist, wer da gerecht und selig werden soll, der musz gerecht werden durch den glauben an Christum. Neander menschensp. B 7ᵇ;
swaʒ sich sol füegen,   wer mac daʒ understên?
Nib. 1618, 1.
in concessivsätzen, s. 16, g.
14)
damit hängt zusammen die verwendung von sollen zur bildung des futurums. vgl. darüber Grimm gr. 4, 179 f.
a)
so schon im got. hie und da: hwa skuli þata barn wairþan? (τί ἄρα τὸ παιδίον τοῦτο ἔσται;) Luc. 1, 66; hwadre sa skuli gaggan (ποῦ οὗτος μέλλει πορεύεσθαι) þei weis ni bigitaima ina? Joh. 7, 35, wo freilich beide male der opt. auffällig ist und vielleicht eine andere nuance andeutet, vgl. auch: at þaim gahwairbam frakunnan ni skuld ist: skeir. 6. neben skulan werden auch haban und duginnan zur umschreibung des fut. verwendet, in der regel tritt jedoch das blosze präs. ein. (nach Streitberg got. elementarb. § 282, a beschränkt sich die umschreibung auf die durativen futura, in übereinstimmung mit dem slav., wo ebenfalls nur das fut. der imperfectiva durch umschreibung gebildet wird.) — in den spätern sprachstufen hat diese ausdrucksweise weite verbreitung gewonnen und in den andern germ. sprachen jetzt durchweg gesiegt (theilweise durch wollen eingeschränkt), nur im deutschen ist sie allmählich zu gunsten von werden wieder aufgegeben. so sagt man also: altnord. ek skal (häufiger mon) koma (neuisl. jeg mun koma), schwed. jag skall komma, dän. jeg skal (oder vil) komme; ags. ic sceal cuman (gew. das blosze präs.), engl. J shall (he will) come (vgl. Einenkel in Pauls grundr. 1², s. 1081 f.); mnl. ic sal comen, holl. ik zal komen.
b)
häufig steht skal im alts., z. b.:
thu skalt ûses drohtines wesan
môdar mid mannun   endi skalt thana magu fôdean
thes hôhon heƀan-kuni' ges;   the skal Hêliand te namon
êgan mid eldiun.
Hel. 264—7.
(durchweg in den altnfr. psalmen.) auch im mnd. ist die umschreibung überaus gewöhnlich, vgl. das mnd. wb. und die belege unten. sie findet sich auch noch in den heutigen mundarten, namentl. in den urspr. fries. gebieten, so ostfries. sall, schall, dat sall he woll das wird er wohl. Stürenburg 209ᵇ; sogar im Emsländer hd. ich soll gleich kommen, s. nd. korrespondenzbl. 14, 76, 7, und dazu 17, 12 (von O. Bremer als fries. erklärt, auch nordfries.); aber auch altmärk. sall und will. Danneil 179ᵃ, und ebenso westfäl. mit ik sal oder wel: ik sal mi waren, werde mich hüten, ik sal muorn kuemen. nd. korrespondenzbl. 16, 22. Woeste 248ᵃ.
c)
ebenso im ahd., vgl. die glossen: giliccan scolontêr, habitaturus; zistôran scolontêr, eradicaturus; virdirbin sculint, profecturus; tuon scolantêr, factura; gisehan scolantiu, visura u. s. w. Graff 6, 464, und Ellen C. Hinsdale über die wiedergabe des lat. fut. bei d. ahd. übersetzern des 8.—10. jahrh. Gött. diss. 1897. danach findet sich scal für das fut. im Tat. nur dreimal, häufiger im Is., fehlt in der Benedictinerregel ganz und ist bei Otfrid und Notker durchaus gewöhnlich. s. auch unten die belege.dasselbe gilt vom mhd., vgl. Weinhold mhd. gramm. § 433. zschr. f. d. philol. 18, 160 f. Kehrein gramm. 3, § 54 (belege aus d. 14.—16. jahrh.).
d)
im nhd. ist diese verwendung von sollen im allgemeinen aufgegeben. nach Weigand 2, 733 wird das fut. mit sollen noch von Ölinger (1574) gelehrt. später ist es eingeschränkt auf solche fälle, wo eine besondere nuance damit verbunden ist. vgl. auch: sollen, dieses verbum ist vor alters als ein verbum auxiliare beym futuro gebraucht worden, daher schlieszt es allezeit das künfftige im heutigen gebrauch ein. ist also ein signum futuri temporis, und bedeutet nicht nur temporis contingentiam, sondern allerley was aus pflicht, verbindung, trieb, gewohnheit u. d. g. geschieht. Frisch 2, 285ᵇ. — in lebenden hd. mundarten nirgends bezeugt.
e)
neben sollen werden überall wollen und hd. seit dem 13. jahrh. auch werden zur umschreibung des fut. verwandt. (über vereinzeltes uuerdan mit part. im ahd. Tat. s. Hinsdale s. 9 f.) suln und werden erscheinen verbunden:
so singet der ander also wol,
daʒ engel tantzen süln werden
von siner süʒʒen stimme uf erden.
renner 21569,
doch scheint hier werden im sinne von 'anfangen' zu stehen. zusammengestellt noch nhd.: ich soll und werde glüklich sein. Schiller 5, 1, 157 (dom Karl. 3, 2). beide im wechsel: dann er ist solcher weiszheit, dasz er disz nicht an tag bringen sol, sondern wirt es stillschweigendt bey jhm behalten. buch d. liebe 207ᵃ;
nun sag mir Homule, das ist min begeren,
wen sullen wir wider heimkeren?
Homulus. von heimgahen hab ich nit vernommen,
wir werden nit wider hieherkommen.
Gennep Homulus 986—9. (vgl. I, 4, c, γ.)
die möglichkeit der auswahl bringt es mit sich, dasz jede dieser ausdrucksweisen mehr oder weniger deutlich ihren ursprünglichen sinn durchblicken läszt und sie daher nicht in allen fällen beliebig mit einander verwechselt werden können, vgl. Grimm gr. 4, s. 182 f.
f)
mhd. suln umschreibt gewöhnlich das einfache futurum. daneben gebraucht man es mit dem inf. perf. zur bildung des fut. exactum, z. b.:
ich sol si (die rede) im schiere hân benomen.
Iwein 4650.
doch ist gerade hier das blosze perf. weit üblicher, z. b.:
sô sît ir schiere gelegn.
5016,
vgl. Grimm gramm. 4, 186. weniger leicht trifft man suln für das fut. pass. die beispiele, die Grimm s. 949 (zu 180, neudr. 210) dafür anzieht, sind deutlich nicht rein futurisch (Nib. 816, 4, s. 7, f). in einer interlinearversion lat. hymnen aus d. 12. jahrh. findet sich:
mit choese linden engel
vorseit den wîben,
in dem lande herre (dominus)
sol gesehen werden vil schiere (videndus est quantocyus).
Kehrein kirchenl. nr. 65, 6;
dich vater micheln geborn schulen werden (te patri magnum fore nasciturum).
74, 2.
g)
stellen, wo die futurische bedeutung überwiegt und wo wir jetzt werden gebrauchen würden, sind etwa: endi er sculut bichennen (et cognoscetis) dhazs uuerodheoda druhtin mih sendida. Is. 11, 3; patientia pauperum non peribit in finem. tero armon gedult nesol niô êuuiglîcho ferloren sîn. Notker ps. 9, 19; so uuiêo du facie ad faciem nescînîst, noh du dîna toûgenun substantiam neoûgtîst, diê dû in resurrectione oûgen solt. 43, 5; truhten kibet unde zeîgot sînen predicatoribus, daʒ siê sprechen sulen in michelero chrefte signorum et miraculorum. 67, 12; also dîe bittervîgon vore kundent, daʒ dîe rîfon unte dîe sûoʒon nâh sulen kuman. Williram 41, 7;
daʒ biceichinit uns den anticrist,
der noch in dise werlt kumftig ist,
den got mit sînir gewelti
cir hellin sal gesendin.
Annolied 260;
daʒ sol sîn in curtin stundin.
743;
frouwe, hân ich sinne
unt sol mir got den lîp bewarn.
Parz. 431, 7;
des enmager niht erwenden,
sol mirʒ gelücke senden.
543, 20, vgl. Zehme s. 10 f. und 29;
er het tzwen suͤn, di warn stoltz,
di hieʒ er für sich chumen.
er sprach: 'nu pringet mir ein holtz,
daʒ scholt ir nicht tzedrumen'.
Suchenwirt 34, 24;
ich sag dir münch, pack dich hinnen,
an mir solt du nichts gewinnen.
Gennep Homulus 347;
unde eer gy komet to deme eylande, so solle gy seyn 4 witte cleve an dat nortland. seeb. VI, 7; unde vinde gy wit sant unde witte schelpekens, ... so sal Heysant van em liggen sudost. X, 33 A (B: so is H. van juw o.);
ôk segge ik in wârheit:
du scholt vornemen ein clârheit
komen ûter schônen stede.
van d. holte des hill. cruzes 86.
ähnlich noch im ältern nhd.: nu, es geschehe wie es wölle, lang kans nicht mehr hin seyn, das beide bapst und Türck mit jrem anhang in abgrund der hell sollen verstossen werden. Luther tischr. 32ᵇ.
h)
am stärksten tritt die futurische bedeutung hervor bei der zusammenstellung mit den andern zeitformen: gote neist nehêin zît preteritum noh futurum. imo ist hîuto al daʒ iô geschah, alde noh geschêhen sol. Notker ps. 2, 7; got, sprâchen sie drîstunt, dû bis ein algeweldiger got, und weres ie, und solt immer sîn. Leyser pred. 112, 35; denn er weis nicht was gewesen ist, und wer wil jm sagen, was werden sol? pred. 8, 7;
sie sint thanne in wêwen,   in arabeitin sêrên,
thaʒ êr ni ward io sulîh fal   ouh iamêr werdan ni scal.
Otfrid 4, 7, 32
(erit enim tunc tribulatio magna, qualis non fuit ... neque fiet. Matth. 24, 21);
sî es van anegenge
geweldich over die werelt al
end iemer mêre wesen sal.
Eneit 9802;
den lûten ûf der erden,
die sint und solnt werden.
erlös. 3065.
s. auch dodes danz 586 unter I, 4, b, γ.
i)
am häufigsten ist sollen in der 1. person (so auch engl. I, we shall gegenüber you, he, they will). indem hier aber, wie in der regel bei sollen, die zukunft als vom willen des redenden abhängig gedacht wird, ist das sollen zumeist nichts als ein wollen. so entspricht dem ältern ich sol hier jetzt fast immer ein ich will. vgl. Grimm gr. 4, 179 f. zschr. f. d. philol. 18, 159 f.:
ih scal thir sagên, thiarna,   racha filu dougna.
Otfrid 1, 5, 43;
ih scal thir wuntar redinôn.
4, 34, 5;
zwâre ich sal dir mêr sagen.
Silvester 753;
ich sol dich wol behüeten   vor ir mit den listen mîn.
Nib. 405, 4;
daʒ sol ich gerne leisten,   vil liebiu frouwe mîn.
Kudr. 1489, 1;
er sprach 'so ensol ich doch den lîp
niht verliesen als ein wîp'.
Iwein 1169;
die bêde schanze ich nennen sol.
Parz. 320, 2;
ich sol nû selbe marschalc sîn.
362, 1;
ich sol selbe gân dar nider
und in gesehen und iesâ wider.
ich sol die state erkunnen dâ.
Trist. 1251—3;
swanne des im wirt zît,
sô sol ich daʒ sagen.
Ottokar reimchron. 12713.
in alten quellen oft kaum mehr als umschreibung des einfachen präs.:
nu ik thî, hêrro, skal, quađ he,
gerno biddian,   nu ik sus gigamalod bium,
that thû thînan holdan skalk   nu hinan hwerƀan lâtas.
Hel. 480.
sol und wil verbunden mit besonderm nachdruck, vgl. Grimm gr. 4, 181 und unten 19, c:
ich sol unde wil
gedienen immer mêre
daʒ sî der grôʒen êre
mich armen man erlâʒe.
Iwein 4788.
nhd.:
das soll und will ich mir zu nutz
zu allen zeiten machen.
P. Gerhardt nr. 20, 71 Gödeke.
auch sonst noch frühnhd.: die muͦter zuͦ ir sprach: tochter pisz guͦts muͦts und troͤste dich, ich sol es deinem vater sagen. Steinhöwel decam. 336, 1 Keller (5, 4); ich sol sie fürware beschüczen so ich peste mag. 360, 13 (5, 8);
Teurdank sprach: 'ich euch folgen soll'.
Teuerdank 56, 14 Gödeke;
und sprach: 'lieber herre, ich soll
mit samt euch auch ziehen daran'.
82, 10.
und noch bei Stieler 2055: soll, sollen, gesollt, debere, oportere, obligari, exigi, cogi, urgeri. nonnunquam etiam velle. ich soll doch hingehen, quin abeo. ich soll es tuhn, faciam. ich soll es doch sehen, videbo sane.ebenso in der 1. plur., z. b.: here, al uren willen sullen wir doin dach ind nacht. d. städtechron. 13, 571, 30. dagegen rein futurisch:
Hyntze sprak: 'Reinke neve, latet my wetten,
blyve ik hir, wat schole wy ethen'?
Reineke vos 1000.
jetzt noch in der siebenb. mundart: mer selen kên Härmenstadt. ich sûl (wollte) än de gôrten. Haltrich 48.
k)
selten steht sollen für 'wollen' in andern personen, so in bedingungssätzen: dô was ein herre der was sich, und bat Sebastiânum, daʒ her in gesunt machte. und her sprach: 'saltu gesunt werden, sô must du kristen glouben an dich nemen.' myst. 1, 66, 17; to deme lesten mosten se geven den vorsten vifteyn dusent mark sulvers, scholden se vrede hebben. Korner bei Schiller-Lübben 4, 112ᵇ. in der erzählung.
daʒ hâte doch der guote
niht in sînem muote
daʒ er alsô tuon solde,
wan daʒ er gerne wolde
daʒ getwerc warnen dâmite.
Erec 1058.
jetzt in ungar. mundarten in der frage: selst noch lang lakatschen? wirst du noch lange schreien? Schröer 289ᵇ.
l)
gewöhnlich hat die 2. person den sinn einer zusage oder verheiszung (wie ja auch die erste, s. i), vgl. 7, c:
sô thû thir hiar nû lesan scalt.
Otfrid 2, 3, 68;
muater thiu diura   scalt thû wesan eina.
thû scalt beran einan   alawaltendan.
1, 5, 23 f. (paries filium. Luc. 1, 31);
Jhesus sprach: du solt bey mir sein
hewt in dem paradeis.
Kehrein kirchenl. s. 159;
als ir mich gesehen habt und mir nâch gefolget sît mit einem tôtlîchen lîb und leben, alsô solt ir mich ouch sehen und ich sol ûch vor gên und ir mir nâch folgen in Galilêâ, das ist in einer unlîdenlicheit und unbeweglicheit, die ir befinden und schmecken solt und solt dar inne leben und blîben. theol. deutsch s. 55 (c. 29). unpersönlich gewendet:
vrochte di nicht, di schal wol gelingen.
des dodes danz 732 Bäthcke.
ähnlich nhd.:
herz, freu dich, du sollt werden
vom elend dieser erden
und von der sünden arbeit frei.
P. Gerhardt nr. 16, 28 Gödeke.
m)
die 3. person steht gern, und so auch noch nhd., wenn etwas zwar nicht durch den willen jemandes bestimmt ist, aber doch aus seiner seele heraus, als seine vorstellung, erwartung, hoffnung u. ähnl. hingestellt werden soll:
wâ ist der dâ komen sol?
Iwein 4829;
sît daʒ ichs in panden hân,
sô ist mîn bester wân,
sie sül guot an mir begân.
Ulrich v. Liechtenstein 125, 23;
von ungefähr musz einen blinden
ein lahmer auf der strasze finden,
und jener hofft schon freudenvoll,
dasz ihn der andre leiten soll.
Gellert 1, 35,
ich scheide nun mit völligem vertraun,
und hoffe still mich soll die kleine frist
von allem heilen was mich jetzt beklemmt.
Göthe 9, 227 (Tasso 5, 2);
aber ich halte es nicht, dasz der keiser des bapsts halben ein krieg anfahen solle. Luther tischr. 6ᵃ; Ezechiel und apocalipsis reden darvon, als solt der Türck durchs fewr vom himmel verzeret werden. 32ᵃ; ich wette, dasz sie in kurzer zeit eine angenehme lebensart an sich nehmen soll. Gellert 3, 167; denn wenn ich mich nicht sehr irre, so soll die krankheit der frau Stephan bald ... vorüber gehen. 400. ähnlich: die käufer spannen sehr ernsthaft, ob sie auch für ihr klein stückchen kupfergeld genug erhalten sollen. Göthe 28, 261.
n)
aus der futurischen bedeutung von sollen entspringt auch eine gebrauchsweise, worin der zeitbegriff besonders stark ausgeprägt ist, indem es nämlich ausdrückt, dasz etwas noch nicht geschehen ist. vgl. ahd.: gentes sint chomen in dîn erbe. daʒ ist kesprochen in tempore preterito, in dero stal, diê iʒ noh do lîden solton, also ouh anderesuuâr fone futuris kescriben ist. Notker ps. 78, 1. die eigentliche redewendung hat sich jedoch erst im nhd. entfaltet: er soll noch kommen, ist noch nicht gekommen (wenn er überhaupt kommt, so musz er es also noch in zukunft; er ist gleichsam sein kommen noch schuldig); er versprach das geld und soll noch bezahlen. s. Grimm gr. 4, 210 neudr.; er lief davon und soll noch wieder kommen. Salinde 268 s. ebenda; die frau mutter soll selber noch das erste wort davon erfahren. Weise comöd. pr. 241; ich soll ja noch hören, dasz er versprochen ist. Lessing 2, 123 (Em. Gal. 1, 6);
jedoch zur sach! das beste soll noch kommen.
Schiller 12, 423 (Picc. 2, 7).
15)
ganz analog dient das präteritum sollte zur umschreibung des conditionalis. so nl. ik zoude komen, engl. I should (he would) come (Pauls grundr. 1², 1084 f.), schwed. jag skulle komma, dän. jeg skulde komme. ebenso mhd. ich solde komen, daneben ich wolde. das heutige ich würde begegnet seit dem 14. jahrh., doch hat sich ich sollte ebenfalls gehalten, meist mit leisen sinnesnuancen (in abhängigkeit von dem willen jemandes oder der bestimmung des schicksals gedacht). vgl. Grimm gr. 4, 184.
a)
in nebensätzen (inhaltssätzen), einem futurischen soll im unabhängigen satze entsprechend: got sol buen an in. des siê netrûeton, daʒ got an in bûen solti. unde sie currus dei uuerden soltîn, des tâte du siê geloûbige. Notker ps. 67, 19; er war gewisz, dasz ihn eltern und verwandte in der folge für diesen schritt preisen und segnen sollten. Göthe 18, 59;
des antwurt Gâwein zehant,
die solden ouch sî vinden dô.
Erec 2230;
si wând du soltst dâ hêrre sîn
des grâls unt ir, darzuo mîn.
Parz. 500, 29;
si vorhte daʒ ein ander schûr
ûf si vallen solte.
Willeh. 163, 19.
im wechsel mit dem einfachen conj., der überall da eintreten kann, wo die hindeutung auf die zukunft schon im verbum des regierenden satzes enthalten ist:
wan sî vorhten daʒ sîn tôt
sî sêre solte letzen ...
und daʒ herters muotes
würde ein ander herre.
d. arme Heinr. 361.
b)
so besonders im hauptsatze eines hypothetischen satzgefüges (= unserm würde u. d. roman. condit.):
herre, ir hânt uns doch gesaget,
ob ir hetent eine maget
diu gerne den tôt durch iuch lite,
dâ soltent ir genesen mite.
d. arme Heinr. 924;
och wânde dô ein frouwe sân,
si solt den prîs verloren hân,
hete si dâ niht ir âmîs.
Parz. 216, 24;
boven alle sake vrodede ick dat:
behelde myn vader synen schat,
he scholde myt syneme valschen spele
to plasse bryngen vele unde vele.
Reineke vos 2235;
was sollte dieser wohl beginnen,
wüst er, dasz ihn Amarillis, wie sie thut, von hertzen meynt?
Hoffmannswaldau getr. schäfer s. 94;
wi vil unglüks solte in allen ständen zu rük bleiben; wenn iedermann diese güldne kunst wiste zu practiciren. Butschky Pathmos s. 778. mit verschwiegenem bedingungssatze: jedoch Richardus bedanckte sich der ehre, die ihm warlich theuer genung zu stehen gekommen seyn solte (wenn er sie angenommen hätte). Hahn hist. 4, 232. ähnlich: ha! das sollte ein tanz werden! das sollte! Lessing 2, 175 (Em. Gal. 4, 7).
16)
sehr häufig drückt sollen eine vermutung, unsicherheit oder ähnl. aus.
a)
eine vermutung. hier tritt jetzt gewöhnlich wird ein, sodasz diese verwendung sich mit dem futurischen gebrauche berührt; andrerseits besteht ein zusammenhang mit 12 (bes. 12, f.). so mhd., theils von der zukunft:
mir sol des strîtes vür komen
mîn her Gâwein.
Iwein 914.
theils von der gegenwart:
ir erkennet ein ander baʒ dan ich:
waʒ hilfet dan daʒ ir frâget mich?
eʒ sol iu baʒ wesen kunt
zeinem mâle und tûsentstunt.
Parz. 342, 29.
ebenso mnl.:
ic wil thuuswaert gaen spoeden:
mijn wijf sel na mi verlanghen.
Reinaert 6587.
auch nhd., doch gewöhnlich mit zusatz von wohl, doch wohl: das soll wol helfen. von hier bis X sollen wol drei meilen sein u. ähnl.; dein blaues auge soll doch wohl eine verbuhlte Italienerin aus seinem herzen stöbern. Klinger 1, 99;
dw redest kindisch von den sachen,
solst wol verscherzen uns den pachen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 151 neudr.
b)
im schweizerischen steht so der conj. (prät.): so hock ab, nimm das und hau dr selber brot ab, du sottst (wirst wol) durstig si? Gotthelf Uli d. knecht 135 Vetter, s. auch unter I, 4, i, θ.
c)
allgemein üblich ist dieser als conj. potentialis oder dubitativus: sollen nonnunquam ... tantum dubitationem quandam indigitat, es sollte einer wol meinen, aliquis forsan putet. er sollte es wol auch so nicht glauben, fors fuerit, ut ne quidem sic credat. Stieler 2055; es sollte einer schier sagen, es wäre etc. tal uno direbbe quasi che etc. Kramer dict. 2, 834ᵇ; sollen, deutet den modum potentialem an, oder dubitationem indicat, es solte einer wohl meinen, crederet quis. Frisch 2, 285ᵇ; das tückische, das ungewissenhafte .. sollte man sehr deutlich aus ihren augen zu lesen glauben. Lessing 1, 315;
ein Alba, sollt' ich meinen, war der mann,
am ende aller tage zu erscheinen!
Schiller don Karlos 2, 5.
hier kann für sollte auch könnte, möchte eintreten.ähnlich in den bes. in der umgangssprache häufigen wendungen, wie: da sollte doch gleich ein donnerwetter drein schlagen! da sollte man doch vor ärger bersten, den schlag kriegen u. ähnl.; nd. dei solle en'n jâ ümmebringen, z. b. vor übergroszer zärtlichkeit. Schambach 202ᵃ; dâ solle glîk'ne asse bersten (könnte eine achse bersten, brechen,als ausdruck der verwunderung?) 321ᵃ. vgl. 8, c.
d)
in zweifelnden fragen:
quemet, .. sehet den man, ther mir thaʒ allaʒ brâhta fram; ...
scal iʒ Krist sîn. frô mîn?
Otfrid 2, 14, 89;
der nachmittag verstreicht. der fremde geht noch nicht.
soll er denn gar ihr gast zu seyn begehren?
Gellert 1, 286.
futurisch: was soll wol mein vater darzu sagen? Kramer dict. 2, 834ᶜ. im conj.: solte es wol der herr N. seyn, der da klopfet? 834ᵇ; sollte nicht die devise unum est necessarium seyn gekrönt worden? Lessing 1, 264.
e)
ähnlich steht sollen in bedingungssätzen, um den hypothetischen charakter hervorzuheben; doch im ind. selten und nur mhd.:
si ist sô griulich ein wîp,
daʒ si mich heiʒet tœten
balt, soltû si nœten.
Ottokar reimchron. 4626.
in demselben sinne in relativsätzen (hier allgemeiner üblich): der solches nicht thuet ist verfallen 12 [[undefined:curundefined5wb]]., der aber gar auszbleiben soll, ist die puesz 72 [[undefined:curundefined5wb]]. steir. taid. 204, 27.
f)
sehr gewöhnlich dagegen im conj.: solte er darumb viel Christus seyn, das man yhn ynn so unzeligen sichtigen teylen austeylt, so müsten auch so viel Christi seyn als viel stellen der welt. Luther 19, 527 Weim. ausg., worin zugleich die bedeutung 10 enthalten ist. s. ferner schr. 6, 504ᵇ unter I, 5, e. in andern stellen klingt die gewöhnliche bedeutung 'debere' an:
ich wollte kaltes gift aus deinen händen trincken,
sollt' ich mit solchem schimpf nur nicht verstoszen seyn (modo non ... repudiarer).
Hoffmannswaldau bei Steinbach 2, 602.
sonst nur als ausdruck der unsicherheit (also nicht im irrealis): mein kind, wenn mir die frau muhme Stephan etwas vermacht haben sollte: so sähe ichs sehr gern, wenn ich euch, meine töchter, auf einen tag versprechen ... könnte. Gellert 3, 31; ich wäre der unglückseligste mann, wenn mir meine frau sterben sollte. 390; indesz, sollte etwas nicht vollkommen nach ihro gnaden bequemlichkeit gewesen seyn, so geruhen ihro gnaden nur zu befehlen. Lessing 1, 529 (Minna 2, 2); ich könnte mich nicht zufrieden geben, wenn ich meine erste frau so oft sollte gelobt haben. 277. (über sollen im nachsatze, s. 15, b. s. ferner 8, e.)
g)
in concessivsätzen: solte ich auch meinen besten freund drüber verlieren. Kramer dict. 2, 854ᶜ; und wenn es mein leben kosten sollte: so könnte ich nicht sagen, was liebe, oder hasz, wäre. Gellert 3, 179; sie bekömmt zehn männer, wenn ihr auch noch zehen entgehen sollten. 183;
solt man darumbe minen lip
ze riemen gar zersniden,
die e die wil ich miden.
Peter v. Staufenb. 686;
solt auch der himmel fallen ein,
und die natur geendert sein,
noch wird verlassen nicht der man,
der gott im creutz vertrawen kan.
Petri F 1ᵃ;
mein creutz und meine plagen,
solts auch seyn schmach und spott,
hilff mir gedultig tragen.
Justus Gesenius (1646) im Hannov. gesangb. 1729, s. 141.
vgl. 9 gegen ende.
17)
in ähnlich abgeschwächter bedeutung steht sollen besonders in fragesätzen, vgl. zschr. f. d. philol. 18, 167 f. und oben.
a)
gewöhnliche fragen bieten keine besonderheit. häufig steht indessen eine frage lediglich als ausdruck der ungewiszheit, ohne dasz eine antwort erwartet wird: was soll ich thun? eig. was willst, rätst du, dasz ich thue? dann auch wie lat. 'quid faciam?' so mit fragepronomen: was soll ich ihm sagen? Kramer dict. 2, 834ᵇ; was soll ich sagen? quid dicam?; was sollte er thun? quid faceret? Frisch 2, 285ᵇ; herr Damon hat gleich vorhin das gegentheil behauptet. wem soll man nun glauben? Gellert 3, 20;
ach, was soll der mensch verlangen? ...
soll er sich ein häuschen bauen? u. s. w.
Göthe 1, 72.
so auch das häufige was soll dies bedeuten?, vgl. 4, g:
o liebe! was soll es bedeuten,
dasz du vermischest mit todesqual
all deine seligkeiten?
Heine 1, 9 Elster;
mit frageadverbien:
den frieden zu finden,
wohin soll ich wenden
am elenden stab.
Schiller 1, 305.
b)
mit dem conj. kommen solche fragen oft einer negation nahe: was du sagst! — wer hätte so was denken sollen! (das hätte keiner, hätte ich nicht gedacht.) Wieland 8, 284 (Danischm. 35). weitere belege im folgenden.
c)
häufig mit wie eingeleitet. als eigentliche frage:
mein Miser Lux, rat mir noch mer!
ich hab ein dorflein zw verwalten;
wie sol ichs mit den pauren halten?
H. Sachs fastn. sp. 2, s. 20 neudr.
dubitativ:
er gedâht ouch manege zîte   'wie sol daʒ geschehen
daʒ ich die maget edele   mit ougen müge sehen'?
Nib. 135, 1;
'wie sol ich daʒ gelouben',   sprach der künec zehant,
'daʒ der von Bechelâren   kæme în ditze lant?'
1121, 1;
wie sol eʒ mir nû ergân,
muoʒ ich alsus verlorn hân
die rîchen himelkrône?
d. arme Heinr. 1291.
so in der häufig in die rede eingeschobenen formel: eine herum ziehende tänzerin aus Surate, eine — wie soll ich sagen? — man hat, gott sey dank! bey uns keinen begriff davon und kein wort dafür was sie ist. Wieland 8, 284 (Danischm. 35). — so in indirecten fragesätzen: (der frosch) wiszt nit wie er sich stellen solt wider den ochsen. Keisersberg siben schwerter aa 3ᶜ;
ihr schäfer wiszt kaum mehr, wie ihr uns quälen sollt.
Gellert 3, 461.
d)
meist stehen indessen diese fragen im sinne einer negation; wie soll (oder kann) ich das thun? ich kann es auf keine weise, ich werde es gewisz nicht thun: uuiêo sol ih anderen geben drôst resurgendi, ube ih selbo sâr neirstân, unde in daʒ neoûgo, sô ih kehiêʒ. Notker ps. 29, 10; ih bin ûʒe mînemo rocche gesloffen, uuîe scal ih in uuidere anegetûon? u. s. w. Williram 78, 2; Paulus spricht also: wie sollen sie aber gleuben, von dem sie nichts gehöret haben? wie sollen sie aber hören on predigen? Gretter erkl. der ep. Pauli an die Römer (1566) 654;
wie soll man siegen,
wenn man die predigt schwänzt und die mesz?
Schiller Wallensteins lager 8.
e)
so im conj. ohne wesentlichen sinnesunterschied: wie sollte ich das wissen? wie sollte ich das nicht gehört haben? (oder: wie hätte ich das nicht hören sollen?, vgl. I, 5); wo scholde ik denn nu vleen? ik hebbe des nicht gelart. d. städtechron. 7, 17, 5; 'hast du nicht bemerkt, dasz es (d. märchen) einen ganz besondern eindruck machte?' — 'freilich', versetzte ich darauf, 'wie hätte ich nicht bemerken sollen, dasz die ältere bei einigen stellen ... lachte'. Göthe 26, 6;
wie soldest dû verwâʒen wesen?
sît daʒ dise sint genesen
nâch ir grôʒen meintât,
sô wirt dîn alsô guot rât.
Gregor. 3969.
f)
ähnlich auch: loses kind, wie können sie mir das zumuthen! wo sollte ich die kräfte hernehmen? Gellert 3, 424. so alts.:
hwanan skolda imu sulik gewit kuman?
Hel. 2657.
g)
daran schlieszen die häufigen redewendungen mit warum, theils eine absicht erklärend, indem gleichsam eine fremde zumutung abgewiesen wird:
ih mag iʒ wola mîdan,   mag hiar nidarstîgan;
ziu scal ih iowanne   gotes korôn thanne,
thaʒ ih mih hiar irrekê ...?   sulîh unthurft ist es mir!
Otfrid 2, 4, 78;
wanana sculun Frankon   einon thaʒ biwankôn,
ni sie in frenkisgon biginnên,   sie gotes lob singên?
1, 1, 33;
zwiu sold ich Etzelen versagen?
Nib. 1140, 4;
war umbe solt ichs iu versagen?
Erec 4072;
warumbe sold ichʒ lange sagen.
Ottokar reimchron. 833.
theils eine thatsache feststellend: warum sollte das nicht so sein? gewisz ist es so: fr. Damon. ... sie werden doch ihrer frau liebste nicht zumuthen, dasz sie in ihre seele reden soll? hr. Orgon. ja, warum soll sie nicht in meinem namen reden können? Gellert 3, 225;
ziu sculun Frankon, sô ih quad,   zi thiu einen wesan ungimah ...?
Otfrid 1, 1, 57.
h)
fragen ohne einleitendes fragewort, mit voller bedeutung des sollen (willst du, dasz, ...?): sol ich meines bruders hüter sein? 1 Mose 4, 9; dir, redliches kind, soll ich deinen liebsten rauben? dieses kannst du mir zumuthen? Gellert 3, 188;
Marten, soll ich vielleicht schon an zu lachen fangen?
377.
futurisch: sol ich so dick darvon hören? an ego toties de eadem re audiam. Maaler 376ᶜ; als rhetorische frage: sol dîn helfa danne nû hina sîn? neîn sî. Notker ps. 43, 6; ihr losen kinder, wo bleibt ihr denn? soll sich der caffee selber einschenken? Gellert 3, 69; rideo hominem. soll ich den kerl nicht auslachen? Corvinus fons lat. 548ᵃ. — ähnlich in ausrufen: das gottlose volk kömmt gar, und stört einen im beten, ... da soll man nicht unwillig, nicht betrübt in seiner seele werden! Gellert 3, 151.
i)
so sehr häufig im conj.: solt ein tolle glock weise leut regiern? solt ich sawr werden, ehe ich in den eszigkrug kehme? solt man vergebens einen schild auszhengen? Petri Sss 1ᵇ;
o freunt, des tw ich warlich nit.
solt ich ain falsche zewgnus geben?
H. Sachs fastn. sp. 2, s. 20 neudr.
s. auch Kirchhof wendunm. 1, 394 unter I, 4, i, γ. mit negation: solte ich mich nicht darüber bekümmern? che questa cosa non mi rincresca ...? Kramer dict. 2, 834ᵇ;
hab wir von gott das gut empfangen,
so uns das arg auch thut belangen,
solt wir das nit von jm annemen?
H. Sachs 2, 1, 6ᵃ;
solt man darumb nicht zu schiff gehen,
das der viel sind versuncken?
Petri Ss 8ᵃ;
solt man kein braut zum ehestand werben,
das jhr viel in der geburt sterben?
ebenda;
sollt ich meinem gott nicht singen?
sollt ich ihm nicht dankbar sein?
P. Gerhardt s. 235, 1 Gödeke.
ohne fragestellung:
dich, plaudrer, sollt ich länger lieben?
Gellert 1, 110.
k)
die frage betrifft etwas thatsächliches. dubitativ: sollte es möglich seyn? ich dürfte es bald selbst glauben. Gellert 3, 31. in negativem sinne:
solt der allein sein ehren wehrt,
der alt ist und frembd gut verzehrt?
Petri Ss 7ᵇ.
hier noch häufiger und nachdrücklicher ohne fragestellung:
die vögel sollten sich verstehn?
Gellert 3, 120;
Galathee. nun kömmt der augenblick, da du empfinden wirst.
Sylvia. ich sollt empfinden? nein!
372;
ganz Spanien
vergöttert seine königin. sie sollten
nur mit des hasses augen sie betrachten?
Schiller don Karlos 1, 1;
was der dichter sich erlauben darf, hiesz es, sollte dem prosaischen erzähler nicht nachgesehen werden dürfen? werke 10, 479. weniger zweifel als verwunderung ausdrückend: mein bedienter soll eine sprache verstehen, die ich nicht verstehe? Lessing 1, 217.
18)
weitere gebrauchsweisen, in denen die eigentliche bedeutung von sollen stark verblaszt ist und es fast nur noch zur umschreibung des verbs dient, kommen besonders in der alten sprache vor und betreffen zumeist den conj.
a)
der conj. steht im inhaltssatz, um etwas nachdrücklich als jemandes meinung, vorstellung zu bezeichnen, vgl. zschr. für d. philol. 18, 156:
wer quedent sie theih sculi sîn   odo ouh racha wese mîn?
Otfrid 3, 12, 8;
nintheiʒit mir iʒ muat mîn,   ni ther fon gote sculi sîn,
es alles wio ni thenkit,   ther sulîh werk wirkit.
20, 149.
auch mit dem inf. perf.:
wan er des vorhte und hâte wân,
er solde sich versûmet hân.
Erec 4037;
wan dâ was dehein man
der des hete deheinen wân
daʒ ... der riter Mâbonagrîn
solde überwunden sîn.
9637.
so noch im frühnhd.:
disz ler und trost mich fast (sehr) erquigkt,
mein torhait ward mir wol verplickt.
dacht, disz sölt sein ain rechter man,
der merers underweysen kan.
Schwartzenberg Cic. 152ᶜ.
ähnlich: wann er will nit gesehen sein das er nachgebnn söll, das haiszt pertinacia. Keisersberg 7 schwerter aa 4ᵇ. — diese verwendung berührt sich mit 11 und 16.
b)
nhd. findet sich sollte für den bloszen conj. bes. in sätzen, die mit zu sehr, als dasz u. ähnl. eingeleitet sind (vgl. 17, e): Damon ... hat mir versprochen, lange nicht wieder von der liebe zu reden; und er ist viel zu billig, als dasz er mir sein wort nicht halten sollte. Gellert 3, 13;
denn jeder liebte sich bey diesem glück zu sehr,
als dasz er eine braut ... dem andern lassen sollte.
1, 247.
in ähnlichem sinne: ich glaube also, dasz sie mir nichts mehr werden zu sagen haben; denn ich wüszte fast keine galanterie, die sie vergessen haben sollten an mir zu verschwenden. 3, 270. — noch entbehrlicher erscheint die umschreibung mhd. in vergleichen wie:
alweinde diu frouwe reit,
daʒ si begôʒ ir brüstelîn,
als sie gedræt solden sin.
Parz. 258, 26;
daʒ gadem, dâ sie lac,
die künigîn, und slâfes pflac.
oder vil lichte slief sie nicht:
sie lac doch in der geschicht,
als ob sie slâfen solde.
Heinr. v. Freiberg Trist. 2712.
s. auch Rebhun unter I, 4, f.
c)
bei Luther ist häufig der ausdruck als sollt er sagen = als ob er sagte oder sagen wollte: darumb solt ir mit dem könig David ... singen im 56. psalm, herr zele meine flucht ... als solt er sagen, wenn schon kein mensch mein elend bedencken wil ... Luther 6, 1ᵇ; als solt er hiemit sagen, ich wolt wol gerne so glauben, und leben, wie ich solt. 45ᵇ; also rhümet auch David ... psalm 18. der herr vergilt mir nach meiner gerechtigkeit, ... als solt er sagen, ich weis, das ich ... mein stand also gefüret habe, das ich damit niemand unrecht ... gethan habe. 53ᵇ; da er vom himmel ruffet: disz ist mein lieber son [[undefined:etc]]., den solt jr hören. als solt (Walch: wollte) er sagen: es ist vergebens und umb sonst, was menschen fürnemen. tischr. 29ᵃ, s. auch 10ᵇ; Paulus spricht also ... als solte er sagen ... Gretter erkl. der ep. Pauli a. d. Römer (1566) 654.
d)
durchaus auf die ältere sprache beschränkt ist dies umschreibende sollen im ind. es bezeichnet dann stets etwas, das wirklich vorhanden ist, doch gewöhnlich mit dem nebensinne, dasz es von rechts wegen so ist, dasz es so in der ordnung ist:
ther brût habêt, in wâr mîn,   ther scal ther brûtigomo sîn,
joh heltit er thia minna   bî sîna drûtinna.
Otfrid 2, 12, 9 (qui habet sponsam, sponsus est. Joh. 3, 29);
thaʒ ir thaʒ irkennêt ...,
thaʒ wir ein sculun sîn,   ih inti fater mîn!
3, 22, 64;
zehant er besande
die besten von dem lande
den er getrûwen solde.
Gregor. 197;
mir sulen ouch tohter lieber sîn.
Parz. 367, 21.
um etwas als allgemeine regel zu bezeichnen:
er gewan ir swaʒ er veile vant,
spiegel unde hârbant ...
und swaʒ kinden liep solte sîn.
d. arme Heinr. 338.
ähnlich bei Luther: denn was sind beume anders denn holtz? du seutst oder bretst sie, so ists holtz, noch sollen so süsse und liebliche früchte darausz wachsen, darausz fleisch und blut ernehret werde. tischr. 32ᵇ.
e)
ohne solchen nebensinn in abhängigen sätzen (nur mhd.):
sît ich an iu nû wiʒʒen sol
daʒ ir daʒ gerne unmæret,
daʒ mînem herzen swæret,
sô dunket ouch mich reht dâ bî u. s. w.
Trist. 14072;
ir habt mich übele bewart,
daʒ ir iuch alsô sûmen solt.
Stricker 4, 167.
in bedingungssätzen von einer wirklich erfüllten bedingung:
vons tiuvels kreften ir noch lebt:
sol iuch der hie hân ernert (hat er euch wirklich gerettet),
ir sît doch sterbens unerwert.
Parz. 570, 21.
f)
ein solches umschreibendes sollen ist jetzt nur noch in rheinfränk. mundarten bekannt: 'sollen mit einem andern zeitw. wird in Montabaur sehr häufig, und zwar meist betheuernd, bekräftigend für das einfache zeitw. gebraucht, z. b. das soll mir schön wetter sein; das soll mir einmal geregnet haben. Kehrein 1, 378; pfälz. der soll mich gebatscht han, der hat mich tüchtig geohrfeigt. Autenrieth 133.
19)
manche berührungen von sollen mit andern hülfsverben sind bereits zur sprache gekommen. sie treten besonders zu tage, wenn sollen mit einem solchen zusammengestellt wird, vgl. Grimm gr. 4, s. 1313 neudr.
a)
am häufigsten werden sollen und müssen verbunden. sie unterscheiden sich dadurch, dasz müssen eine äuszere nothwendigkeit, den druck einer zwingenden gewalt, sollen dagegen eine moralische nöthigung ausdrückt. zugleich ist müssen insofern stärker, als es einen unentrinnbaren zwang bezeichnet, während bei sollen die möglichkeit des ausweichens stets mitgedacht ist. vgl. Zehme s. 53—55. der unterschied tritt in folgenden belegen deutlich heraus: (es wurde bestimmt,) daz unter den herren und steten nymant kaym juden weder hawbtgut noch gesuch geben solt und musten (die juden wurden gezwungen) alle pfant und briff wider geben. d. städtechron. 1, 26, 10;
sol ich nâch dem grâle ringen,
sô muoʒ mich immer twingen
ir kiuschlîcher umbevanc ...
sol ich mit den ougen freude sehn
und muoʒ mîn herze jâmers jehn,
diu werc stênt ungelîche.
Parz. 732, 19—25;
Johann. gnädiger herr! was soll ich? hauptm. du sollst diesen brief nach der post hin
tragen. — was stehst du lange? es ist schon spät, du muszt eilen,
wenn man ihn noch annehmen soll. drum geh geschwinde.
Johann. sollst? wenn ich aber nicht will? hauptm. (nach dem stocke greifend). so will ich den willen dir machen.
Johann. ja! wenn das ist: so musz ich wol gehen.
Eberhard bei Campe (4, 469ᵇ).
ferner: soll es seyn, so musz es seyn, s'egli deve essere, egli hà da essere in ogni modo. Kramer dict. 2, 834ᶜ (vgl. 13, e); postquam mihi necessitas imposita est, fiat, quicquid necessitas jusserit, sive, in rationem necessitas vertenda est. Stieler 2055. (hier steht die erklärung mit dem gewöhnlichen sprachgebrauch in widerspruch, der in diesem sinne vielmehr musz es sein, so soll es sein, ist es notwendig, so will ich es auch, verlangen würde. dagegen würde die angeführte redeweise selbst besagen: ist es so bestimmt, verhängt, so ist es unvermeidlich.) — musz als verstärkung von soll: Deudschland oder keiserthum ist euch von gott gegeben, und befohlen, das jrs schützen ... solt, und nicht allein solt, sondern auch müsset, bey verlierung ewer seelen seligkeit. Luther 4, 440ᵇ.
b)
häufiger werden sollen und müssen ohne wesentlichen sinnesunterschied zusammengestellt. die stärkere kraft von müssen zeigt sich dabei darin, dasz dieses fast immer an zweite stelle gerückt und dann stärker betont wird: sie sehen, wir sollen uns sprechen; wir müssen uns sprechen. Lessing 2, 167 (Em. Gal. 4, 3); sie soll, sie musz mit mir. 179 (5, 3). weniger klar:
es ist ein heilig amt! — ich soll: du muszt.
Grillparzer⁵ 2, 174.
gewöhnlich durch und verbunden: sollen und müssen (für das minder übliche sollen und sollen, s. z. b. unter 6, e). in der bedeutung überwiegt (ohne scharfe unterscheidung) zuweilen die des sollens (er soll und musz = er soll durchaus): nach tische sollten und muszten pfänder gespielt werden. Göthe 19, 279;
sie sollen und müssen gerettet seyn!
2, 38.
in der regel jedoch die des müssens:
ich sol und muoʒ durch triwe klagen.
Parz. 276, 13;
man sol und muoʒ sich sîn (des toten Riwalin) bewegen.
ich sol und muoʒ sie straffen,
Trist. 1707;
das ir hohe wirde breit
wil schlieffen in der affen cleit.
Altswert 5, 27;
ade! ich sal und mus mich scheiden
von der hertz aller liebsten mein ...
es mus geschieden sein.
bergr. s. 16, 20 neudr.,
ich soll und musz ein buhlen haben.
wunderh. 1, 121 Boxberger,
so solt und must es seyn: die straffe folgt der sünde,
und so verführter geist geschieht dir eben recht.
Günther 299;
ich soll und musz aus Spanien.
Schiller 5, 2, 206 (don Karlos 2, 2);
laszt, was soll und musz, geschehn!
Grillparzer⁴ 6, 145 (traum 2).
die ordnung musz und soll bes. im mhd.: das mûsz und sol sîn und geschehen, dasz der ûszer mensche spricht. theol. deutsch s. 54 (c. 28);
ich muoʒ leider unde sol
dur der liute nîden
dich ze sehene mîden.
minnes. 1, 88ᵃ Hagen;
ich weiʒ daʒ selbe wol,
daʒ ich muoʒ und sterben sol.
Barl. 279, 38;
ja, wenn
er fallen musz und soll und 's ist nicht anders,
so mag ich's diesem Pestalutz nicht gönnen.
Schiller Wallensteins tod 5, 2.
c)
sollen und wollen entsprechen sich als gegensätze, vgl. I, 6, a; sie werden daher zunächst scharf unterschieden: Du Belloy war ein junger mensch, der sich auf die rechte legen wollte, oder sollte. sollte, wird es wohl mehr gewesen seyn. Lessing 7, 83;
'ich sol vor triegen uns bewarn' (es gehört sich),
sprach Scherules, 'ich wil dar varn'.
Parz. 361, 17 f.; vgl. auch 679, 5 f.;
s. ferner Haml. 4, 4 unter soll 1. in parallele gestellt:
und dô ich niene wolde
noch belîben solde (durfte, konnte).
Iwein 386;
und bedâhten sich in ir gemüete
daʒ sî niht enwolden
sî wenden noch ensolden.
d. arme Heinr. 872.
zu 12, k:
si heten alles des genuoc
daʒ rîche künege solden   haben oder wolden.
klage 16;
swes der bischolf solde
bedurfen oder wolde.
Ottokar reimchron. 35932.
enge verbunden in feierlichen, bes. eidlichen versprechungen, wo man dann zugleich etwas will und sich dazu verpflichtet: und haben auch mit namen in den ayd genomen, daz wirs uf dhain ander sache noch uf nihtiu anders setzen wellen noch süllen dann allain uͦf trincken. d. städtechron. 4, 159, 7; s. auch s. 41 f. unter I, 4, c, δ; des richters eyde über das bluͦt zuͦ richten. ich N. schwere, dasz ich soll und will inn peinlichen sachen recht ergehn lassen. Carolina 3 (vgl. 4. 5, eid der schöffen und schreiber); ich hingegen reversirte (verpflichtete) mich über obige zwey puncten, dasz ich ... wann der ort feindlich attaquiret würde, denselben defendiren helffen solte und wolte. Simpl. 1, 312, 10 Kurz.für gewöhnliches wollen (des reimes wegen) z. b. Elisab. 5821, s. I, 4, i, δ.
d)
sollen und (oder) mögen bes. in älterer sprache, zunächst so, dasz beide ihre eigene bedeutung wahren (mögen 'können', sollen meist im sinne 13): es sprechen etlich menschen, der mensch müge und sulle werden in diser zît unlîdenlich in aller wîse, als Kristus was nâch sîner urstende. theol. deutsch s. 55 (c. 29);
vater, mac diz ungemach
noch ensol mich nit vergân,
sô wil ich unde sol eʒ hân.
Walther v. Rheinau 154, 6,
swen des nû wirt zît, ..,
daʒ mir beʒʒerunge
sol oder mac geschehen.
Ottokar reimchron. 27238;
(sol im sinne von 6:)
swaʒ ich durch iwer êre
tuon sol oder mac,
des vermîd ich nimmer tac.
2279.
schärfer getrennt:
dô sprach Wate von Stürmen:   'ich mag iuch niht verdagen
noch sol iuch niht betriegen'.
Kudr. 925, 2.
e)
häufig als synonyme verbunden zum ausdruck einer erlaubnis oder ermächtigung und anweisung (vgl. 9), so bes. in der spätmhd. rechtssprache: es sol auch by den vorgenanten richtern allzit ain burgermaister sitzen oder si baide, ez waer dann daz si in dem rat so vil ze schaffen hetten, so sölten si in dem rate beliben und sullen und mügen dann die andern zwelf gesuorn rihter ... rihten. d. städtechron. 4, 144, 24—27; daʒ er der herschaft eleich täding wol besitzen müg und süll. tirol. weisth. 1, 114, 2; die zween höf auf Runn sollend oder mögend das ganz jahr unter dem trey, der auf Ollrinratsch geht, nicht recht haben, zu weiden. 3, 154, 23; wann einer phenten wil umb zins, ... der sol und mag pfenten durch fronpoten. 4, 485, 7; so man verlegen (beschlagnahmen) wil, so soll die verlegung beschehen zwischen mittem tag des abents und bis auf mitten tag des tags, ... und so man die glocken zu mitten tag geleut hat, so mag kainer den andern mer verlegen zu der schrann der hofmarkts recht, sunder wil ainer den andern verlegen, so sol und mag ainer den andern verlegen zu dem landsrechten. 552, 20—24; so soll und mag er denn zuͦflucht haben zuͦ got. Keisersberg sieben schwerter bb 5ᶜ.
f)
ähnlich werden jetzt sollen und dürfen verbunden: jetzt darf ich, der himmel wills, ich darf und soll sie lieben. Schiller 5, 1, 157 (dom Karlos 3, 2).
g)
loser ist die verbindung bei können und sollen:
du kannst und sollst sie machen los
durch sterben und durch bluten.
P. Gerhardt s. 69, 19 Gödeke.
s. auch Schiller unter 20, b.
20)
der in allen unter 5—19 behandelten gebrauchsweisen nothwendige inf. wird zuweilen ausgelassen. vgl. Zehme s. 37.
a)
hier sind zunächst auszuscheiden die fälle, wo das verbum aus der umgebung zu ergänzen ist, wo die auslassung also eine allgemeine syntaktische regel ist. so in nebensätzen mit als, wie oder relativsätzen, s. 5, gi. s. auch Grillparzer unter 19, b.
b)
so auch in verkürzten rhetorischen fragen, die unmittelbar an einen satz anschlieszen und aus ihm sich ergänzen lassen: dô neuuas der siê hiêlti. uuer solti, dô got neuuolta? Notker ps. 17, 42; nefurhtent niêmannen. ziu nesulent? 96, 10. ebenso noch nhd.: sie kennen doch, Galotti, meinen kanzler Grimaldi, und seine gemahlinn? Odoardo. wie sollt' ich nicht? Lessing 2, 184 (Gal. 5, 5). — oder der inf. ist sonst aus dem zusammenhange, den umständen u. s. w. ohne weiteres klar: sol ich? adverb. interrog. an? Maaler 376ᶜ, nd. sall ikk man? ist es erlaubt. ikk war wol sölen (s. 12, h). Dähnert 410ᵃ. — ferner in sätzen ganz allgemeinen inhalts:
aber der praktische satz gilt doch: du kannst, denn du sollst!
Schiller 11, 148 (xen. 383),
vgl. auch unpersönliches es soll unter 5, m.
c)
zuweilen wird euphemistisch ein schlimmes wort verschwiegen: ach mein garstiger böser mann, dasz er mich denn nicht mitgenommen hat. er soll es schon ... leben sie recht wohl. Gellert 3, 335. dabei finden häufig weitere auslassungen statt. so werden die unter 16, c (zu ende) angeführten wendungen gern verkürzt zu: ei, da soll(te) doch gleich (ein donnerwetter drein schlagen)! ähnlich nd. als drohung di schall! Dähnert 410ᵃ.
d)
während diese fälle der allgemeinen syntax angehören, beruhen andere auf der besondern bedeutung von sollen. hier ist das heutige sprachgefühl überhaupt geneigt, in den unter 1—4 behandelten fällen, wo sollen als vollverb ohne inf. erscheint, einen solchen zu ergänzen, so etwa bezahlen für 1, helfen, nützen u. ähnl. für 3, b, 4, hi, vgl. Grimm gr. 4, 134. namentlich läszt sich sein in den meisten verwendungen unter 2 und 4 hinzudenken, s. ebenda 132 f., 2. bei 4, g stehen ausdrücke mit und ohne sein oder bedeuten gleichberechtigt neben einander.in allen diesen fällen spricht der sprachgebrauch der ältern zeit und die histor. entwicklung für die annahme, dasz hier nicht eine auslassung, sondern die ältere, vollere bedeutung des wortes vorliegt.
e)
daneben zeigen sich in den ältern dialecten fälle, wo man nicht umhin kann ellipse von sein anzunehmen; so, wenn es mit prädicativem adj. steht, s. Grimm gr. 4, 132, 1, vgl. s. 156 neudr. dieser belegt sie bes. aus dem ags. und altn.; sie finden sich jedoch auch got.: ni kunnandans hwaþar skuldedi maiza. skeireins III a (wo die herausg. meist wisan ergänzen), und ganz vereinzelt ahd.: daʒ si denno den tarent, den si frume scolten. Wessobr. pred., s. fundgr. 1, 64, 21 (auch bei Notker 3, 405, 4 Piper; vielleicht am schlusse unvollständig). hiermit berührt sich die bei Gellert häufige gebrauchsweise 2, d.
f)
am häufigsten ist bei sollen ein verbum der bewegung zu ergänzen. auch hier ist wol wirkliche ellipse anzunehmen, obwol diese wendungen schon in den alten dialecten überaus häufig sind. sie kommt übrigens nicht nur bei sollen vor, sondern ebenso bei den andern sog. modalen hilfsverben, s. Grimm gr. 4, 136. Zehme s. 37. Holthausen alts. elementarb. § 500, anm. 1. s. auch 4, m.
α)
mit adverbien: unde dîn geduuing rihta mih an daʒ ende, dara ih sol. Notker ps. 17, 36;
thô he thanan skolda (sterben).
Hel. 576;
rittern unde vrouwen,   die mit im solden dan.
Nib. 709, 2;
wil er her, od sol ich dar?
Iwein 8034;
ich armer guckuck, wo sol ich ausz?
Uhland volksl. nr. 12, 4;
ich armes keuzlein kleine,
wo sol ich armes ausz.
14, C, 1;
das heu soll herein,
das bedeutet der rechen.
Göthe 1, 205;
ja! die atome alle, die sich einst
zur köstlichen gestalt versammelten,
sie sollen nicht in's element zurück.
9, 318 (nat. tocht. 3, 4);
ich bin aus meiner bahn geschritten und ich soll nicht wieder hinein. 17, 393; Newton ... überrascht den unvorsichtigen schüler, der, wenn er ... sich in dieser schlinge gefangen hat, nicht mehr weisz, wie er zurück soll. 59, 21; sol gott hinein, so musz die creatur herausz. Petri F 1ᵃ. — diese verbindungen erscheinen im nhd. als sog. trennbare zusammensetzungen und werden in ältern wörterbüchern als solche registriert: verb. compos. nota. li verbi composti di questo verbo non sono che meri ellipsi dell' infinitivo d'un verbo di movimento, come andare, venire e simili. an-einander-sollen; anhero sollen, dover venir' in quà; auf-sollen [stehen], ich soll morgen früh auf; aus- ò hinaus-sollen [gehen, reisen], er soll hinaus, der hund soll hinaus; dran sollen, dover andare al supplicio, al gastigo, alla morte etc. er soll und musz dran u. s. w. (folgt noch eine lange liste). Kramer dict. 2, 835ᵃ; es sind keine andere composita mit praepositionen da als elliptica, das ist, dabey man allezeit das verbum so sich zu solcher rede schickt, verstehen musz. hinaus sollen; er weis nicht wo er hinaus soll, nemlich fliehen, laufen, u. d. g. daran sollen, der missethäter soll daran, nemlich mit dem tod bestraffet zu werden, oder an den staup-besen u. s. w. Frisch 2, 285ᵇ.
β)
mit präpositionalen verbindungen: daʒ sint pagani, diê ze hello suln. Notker ps. 17, 6;
ak gî an that fiur skulun
an thena diopun dôđ.
Hel. 4443;
wanta man sus wanne   wuasg thaʒ fleisg thârinne,
thanne man sô wolta,   zemo ophere scolta.
Otfrid 3, 4, 6;
daʒ si ze lande solden,   des wâren si vil vrô.
Nib. 163, 2;
ir sult hinnen   mit samt mir über fluot.
473, 3;
er sold an den Rîn.
701, 1;
wir sulen hin nider in daʒ tal.
Parz. 362, 18;
wir sulen ûʒ disen pînen,
dâ wir gemach vinden grôʒ.
Willeh. 324, 2;
ir sult nâch der frouwen.
Wolfdietr. D 220, 3;
sie soll nicht mehr nach Guastalla. Lessing 2, 179 (Em. Gal. 5, 3); und sie sollen noch heute nacht in das frauenkloster. Göthe 14, 248 (groszc. 5, 8);
sie haben
mich (den bach) so gefaszt, damit ich schnell ...
zur mühle dort hinunter soll.
1, 207;
ir sollt in eures liebchens kammer,
nicht etwa in den tod.
12, 175;
wo Karl dir noch gelüstet,
so sollst du tief in's burgverliesz,
wo molch und unke nistet.
Bürger 52ᵇ;
komm, muse, her, du sollst mir vor das volk.
Grillparzer⁵ 2, 170.
auffällig mit einem ausdruck, der sonst auf die frage 'wo' antwortet: ich soll bey hofe, und ginge gern wenn es nur nicht so heis wäre. Göthe br. 6, 19. — zuweilen nicht rein räumlich: Ottilie sollte mit auf die lust- und schlittenfahrten; sie sollte mit auf die bälle die in der nachbarschaft veranstaltet wurden. Göthe 17, 246;
Wegendrüssel und Schnablrauch,
ir sult an den raien auch.
nun wol an, alle geleich,
wir wellen tanzen waideleich.
fastn. sp. 403, 28.
mit sächlichem subject (wo dann zuweilen ein passiver inf. zu supplieren ist):
diz swert: daʒ sol her umbe mich.
Willeh. 296, 11;
mein heilsam wort sol auff den plan.
Luther 8, 364ᵃ;
de raet hedde eyn groit swert tor make gebracht und leyten dat schonemaken, dat solde kortelike over .iii. der oversten van den gylden. Münst. chron. 1, 167 Ficker; da das stück nun einmal auf das deutsche theater solle. Göthe 19, 166.
g)
ähnlich zuweilen in unpersönlichen redeweisen: angesehen, wie gar ein geringes leiden es ist, wenn es gleich zum tode oder sterben sollt, gegen das leiden seines eigen lieben sons. Luther br. 4, 257; nun soll es gerade auf Inspruck. Göthe 27, 11;
nun soll es an ein schedelspalten!
12, 194.
21)
andrerseits wird zuweilen sollen selbst ausgelassen, so in wendungen von dem typus 17, i, mit starker emphase: ich (sollte) dahin gehen? wie kannst du denken, dasz ich dahinginge? nimmermehr werde ich dahingehen, u. ähnl.;
David. du klagest doch nicht, o du mein Jonathan?
Joh. David,
lieber wollt' ich vergehn! ich klagen?
Klopstock Mess. 11, 1056;
ich meines bruders kinder nicht erkennen?
ich meine neffen — meine kinder nicht?
sie nicht erkennen? ich? sie dir wohl lassen?
Lessing 2, 561 (Nathan 5, 8).
auch das subj. (ich) ist unterdrückt:
aber euch, euch segnen, die gottes erhabnen propheten
also verfolgen? Philo, dich nicht! dich, Kaiphas, auch nicht!
Klopstock Mess. 4, 252.
22)
der substantivierte inf. findet sich nicht sehr häufig (stets im gewöhnlichen sinne, s. 5), da hierfür soll üblicher ist, vgl. das.: ein imperativ, d. i. eine regel, die durch ein sollen, welches die objective nöthigung der handlung ausdrückt, bezeichnet wird, und bedeutet, dasz, wenn die vernunft den willen gänzlich bestimmte, die handlung unausbleiblich nach dieser regel geschehen würde. Kant 4, 116. meist andern ähnlichen infinitiven, wie wollen, können entgegengesetzt: wen verleitet sein können nicht öfters über sein sollen hinaus? Lessing 8, 18 (antiq. br. 7).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8,9 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1452, Z. 31.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
skoristerei sommertagstraum
Zitationshilfe
„sol“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sol>, abgerufen am 26.10.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)