Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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somber, adj.

somber, adj.
düster, lehnwort aus franz. sombre, auch holl., engl. u. s. w. nicht sehr gebräuchlich, findet sich aber in westlichen mundarten, wobei theilweise vermischung mit sonderbar möglich wäre: in Basel sumber dunkel. Seiler 285ᵃ, schwäb. somber düster, betrübt, seltsam. Schmid 497, westerw. u. nassauisch düster, verdrieszlich, sonderbar. Schmidt 219. Kehrein 378. nachtr. 51, ostfries. sumber trübe, neblig, dunkel. ten Doornkaat Koolman 3, 364ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1507, Z. 78.

sommer, m.

sommer, m.
scheffel, getreidemasz, s. simmer, sp. 1059, ahd. sumbir, calathus Graff 6, 224, mhd. sumber, sumer, somer u. s. w. geflecht, korb; getreidemasz, scheffel Lexer handwb. 2, 1295. Scherz-Oberlin 1518 f., mnd. sommer Schiller-Lübben 4, 290ᵃ: item vor ein somern wacholter zu dem cappus und suste zu haben. vor 2 sommern brymels. item vor 31⁄2 sommern czwebeln 18 alb. Lahnsteiner zollreg. aus dem 15. jahrh., s. Germ. 25, 352; item c [[undefined:poundsign]]. vj [[undefined:poundsign]]. vj β j heller han wir gegeben umb lxxxiij achteil und j sommern salczes. rechenb. 1410; were es das einer vom armut wegenn ein guet liegen liesse, so soll er uff dem gut lassen, ist es ein gantz gut, ein viertel habern u. ein sommer howes u. ein sommer strowes. qu. bei Scherz-Oberlin 1518. so noch in neuerer sprache sommer 'ein spanisches maasz zu flüssigen dingen. hält 4 quartil oder ein achttheil roba'. Jacobsson 4, 186ᵃ; in mundartlicher form: soma, somma, ein getreidemasz in Bergamo. 7, 367ᵃ; somera Lexer 234. mit deminutivendung (?): aus ein viertel eins sömmereins soll der müller einen mülmeczen ... und nit mer nemen. Bayreuther mühlordn. v. 1514 bei Schm. 2, 283. s. ferner simmer und summer. — andre wörter gleicher lautform s. unter somer 2 und summer.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1508, Z. 52.

sommer

sommer,
zusammenrückung aus so mir in betheuerungen und flüchen, s. so II, C, 2, sp. 1376 und sammer, theil 8, 1745: somer, für so mir, nemlich gotthelf, eine art des schwerens. Frisch 2, 286ᵃ, vgl. Lexer handwb. 2, 591. Scherz-Oberlin 1519. Schm. 2, 206. gewöhnlich in der verbindung sommer gott, wobei helfe oder ähnl. zu ergänzen ist: sommer got, es hat hipsche knepfle. Zimm. chron.² 1, 482, 24 Barack; sommer got, schwager! ich sich wol, du wilt keine doctor usz inen ziehen. 3, 177, 12; sommer gott, sagt Clemens, es (das pferd) ist vielleicht ungezäumpt, und greuszlich anzugreiffen. buch der liebe 24ᶜ. für gott auch gottes wort, gottes blut, sogar: in abwesen und on vorwissen eines fürsten hetten seine underthanen ... das unnütz schweren und gottslestern by einer straff ... verbotten. wie er nun wider zuͦ land und diese reformation vor in kummen war, wüscht er flucks ... mit prechtigen und hochmütigen worten nach seiner gewohnheit herfür: sommer gotts fleisch, dieses gefellet mir sehr wol. Kirchhof wendunm. 1, 62 Österley (1, 52). meist entstellt: sommer botz wurst wer meiner Greten was thut, den hau ich, das die sau blut. Garg. 87ᵇ; so auch:
soll ich ihn anfallen Syre?
ich schlag ihn zu todt, sommer botz kyre.
Frischlin Rebecca s. 191;
wenn jr nur sprecht, sommer potz veltn.
Sommer Cornel. releg. 3, 8.
oder es tritt zu sommer ein übel, das man sich für den fall der lüge anwünscht: sommer die feifel (eine pferdekrankheit)! Conrat, du bist der thatt schuldig. Zimm. chron.² 2, 38, 29; sommer die feifl! wie thut bei dem herren, dem ungefüegen, grossen man? 3, 81, 1, s. auch 137, 21; so wol auch das unverständliche: ja, ja, sommer gele, lieber oheim! wie rathst? 2, 302, 17; du bist, botz schweiss! ain leckerschman, sommer gele! du bist ain fuchs. 309, 12. in sinnloser zusammenstellung:
sommer botz edelmanns blümelein blaw,
ich hab kein gelt im seckel.
sieben lächerl. geschnältz, oder gikesgakes ofenloch (flieg. bl. um 1620).
in der form semmer (nachtrag zu sp. 567):
das ist der knot, der thut mir zorn,
den mus ich, semmers helsche fewer, ...
es sey mit list oder mit gewalt
aufflösen.
Hayneccius schulteuffel 2, 1.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1508, Z. 73.

sommer, m.

sommer, m.
aestas.
I.
formales. das wort begegnet in allen germ. dialecten auszer dem got. es kann auffallen, dasz Ulfilas Marc. 13, 28 für das griech. θέρος asans setzt, womit er sonst θερισμός überträgt, aber da soll wol der begriff des hochsommers, der erntezeit hervorgehoben werden (denn asans ist ernte). vgl. unten II, 1. so darf es als im got. zufällig unbezeugt gelten. anord. entspricht sumarr, m., neben dem häufiger sumar, n. begegnet. Cleasby-Vigfusson 603ᵇ. das letztere gilt auch im heutigen isländ., ebenso im norw. als n. und m. Aasen 773ᵃ, schwed. sommar, m., dän. sommer, en. in den westgermanischen dialecten ist das wort durchweg m. es lautet ags. sumer, -or, -ur Bosworth-Toller 934, mengl. sumer, somer Skeat² 610ᵃ, nengl. summer; afries. sumur, summer, saterl. sumer Richthofen 1055ᵇ; mndl. somer Kilian, nndl. zomer; as. sumar, sumer Heliand, mnd. sommer, samer Schiller-Lübben 4, 290ᵃ, nnd. sommer brem. wb. 4, 918. Schütze 4, 157. Dähnert 473ᵃ. Danneil 201ᵇ. Schambach 202ᵃ, sömmer ten Doornkaat Koolman 3, 257ᵃ, samer Frischbier bei Wander 4, 609, summer Schambach 202ᵃ, von dem letzten auch als n. verzeichnet, besonders bei zeitbestimmungen; ahd. sumar, sumer Graff 6, 223, mhd. sumer, daneben schon früh summer Lexer mhd. handwb. 2, 1297:
swie sich diu zît huop [den] winter und den summer (: kummer).
Wolfram Tit. 88, 4;
er wolde an dem næhsten summer
bringen in solhen kummer
den von Bêheim.
Ottokar 82281 Seemüller,
spätmhd. vereinzelt sümer: donoch fuͦr dirre keyser Heinrich in eime sümer jagende. d. städtechron. 8, 442, 14 (Straszburg, Königshofen), frühnhd. noch oft summer, besonders im süden. Dief. 210ᶜ (anfang d. 16. jahrh.). Maaler 396ᵃ. Hulsius (1618) 244ᵇ (vgl. den folgenden absatz): es war eben im heissen summer. Wickram rollw. 86, 16 Kurz;
einsmals lag ich im summer,
da mir schwermut und kummer
mein hertz so streng besasz.
H. Sachs 4, 141, 3 Keller.
in neuerer dichterischer sprache wagt man die als alterthümlich empfundene form wol noch halb scherzhaft zu gunsten des reims:
des morgens trank sie den kaffee
um sieben uhr im summer (: schlummer).
Heine 1, 291 Elster;
weit besser ist es im summer (: schlummer).
295.
sonst ist sie aus der schriftsprache verschwunden, dagegen bieten heutige mundarten sumar. cimbr. wb. 238ᵇ. Zingerle 54ᵃ. Lenz Handschuhsh. dial. 66ᵃ, sumer, summer Schm.² 2, 281. Schöpf 729. Lexer kärnt. wb. 234. Zingerle 52ᵇ. Hunziker 266. Hertel thür. sprachsch. 229, auch sumber Lexer kärnt. wb. 234. die form sommer ist wie im mnd. auch im mfrk. des 15. jahrh. bezeugt. Frommanns zeitschr. 2, 453ᵃ (kölnisch); ebenda begegnet etwa gleichzeitig somer. Dief. 210ᶜ (kölnisch, v. 1507), das auch schon früh auf einem andern md. sprachgebiet vorkommt livld. reimchr. 1625 neben sumer 1620. s. unten II, 9. vgl. mndl. somer. sommer festigt und verbreitet sich dann durch Luthers bibel. hier herrscht die heutige schreibung vor; sie steht 1 Mos. 8, 22 und an 13 andern stellen, nur Matth. 24, 32 somer (s. unten II, 7), so auch bei H. Sachs 4, 266, 18 (s. unten II, 11) neben summer. s. oben, sumer 23, 253, 6 (s. unten II, 11) und gelegentlich noch im 17. jahrh. tir. weisth. 1, 31, 35 (s. unten II, 9). während der codex Teplensis noch sumer aufweist und die in der ausgabe desselben v. 1884 beigegebenen variantenverzeichnisse der ersten gedruckten deutschen bibeln keine abweichende form bieten, hat die Züricher bibel v. 1530 neben summer Matth. 24, 32 auch sommer Marc. 13, 28. Luc. 21, 30. auch bei Dasypodius findet sich sommer neben summerhausz, summer läger, ebenso bei Hulsius (1618) sommer 332ᵇ neben summer 244ᵇ. Schottel 1417, Stieler 2059, Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 835ᵇ bieten nur sommer. Steinbach verweist 2, 773 unter summer auf sommer 2, 602, wo aber nichts näheres über summer steht. Frisch 2, 286 führt neben sommer die form summer nur als alemannisch an (vgl. den vorhergehenden absatz), Adelung und Campe haben nur sommer. dasz sich diese form im nhd. festsetzt, ist bei der ähnlichkeit von bildungen wie genommen, die gewisz dazu beigetragen haben, um so weniger befremdlich, als man schon ahd. *somar statt sumar erwarten sollte. vgl. Braune ahd. gramm. § 32, anm. 3. das ausbleiben der brechung erklärt sich vielleicht daraus, dasz das a der zweiten silbe aus u hervorgegangen sein mag. vgl. Paul in seinen und Braunes beiträgen 6, 204. 9, 583. auszerhalb des germ. vergleicht man skr. samâ, jahr, zend. ham, sommer, arm. am, jahr, amarn, sommer, air. sam, samrad, kymr. ham, haf, gleicher bedeutung. Kluge etym. wb.⁶ 367ᵇ und griech. ἡμέρα, tag. Fick⁴ 2 (Stokes), 290.
II.
bedeutung und gebrauch.
1)
im weiteren sinne bezeichnet sommer die wärmere zeit des jahres, im gegensatz zur kälteren, dem winter, eine der beiden hälften, in die man das jahr wol zunächst eintheilte. Adelung. vgl. mythol.⁴ 2, 629. schon Tacitus Germ. 26 berichtet freilich von drei jahreszeiten der Germanen: hiems et ver et aestas intellectum ac vocabula habent, autumni perinde nomen ac bona ignorantur, und der name der hiernach den Germanen unbekannten, des herbstes, ist jedenfalls sehr alt, älter vielleicht als die westgerm. bezeichnung des frühlings lenz, denn anord. haust scheint mit herbst identisch. Cleasby-Vigfusson 241ᵇ. Kluge etym. wb.⁶ 172ᵇ, während für lenz anord. ein andres wort gilt, vár = lat. ver, griech. ἔαρ, skr. vasar. Kluge a. a. o. 127ᵇ. lenz und herbst treten aber in alter zeit und noch in heutiger volksmäsziger anschauung an bedeutung hinter sommer und winter zurück, erscheinen diesen gegenüber mehr als unterabtheilungen des jahres. bei den alten Nordgermanen und noch bei den heutigen Isländern, denen sich ja allerdings zwei jahrestheile besonders scharf von einander abheben, beginnt der sommer am letzten donnerstag vor dem 16. april alten styls (26. neuen styls) und dauert 184 tage (6 monate zu 30 tagen plus 4 tagen). Cleasby-Vigfusson 603ᵇ. aber auch in südlichen gegenden läszt man den sommer um dieselbe zeit beginnen, mit dem eintritt wärmerer witterung, ohne sich freilich an einen bestimmten tag zu binden:
dô sich der summer an vie
nâch Ôstern zehant
der kunic sîn boten sant
gegen Ôsterrîche
zdem fursten ellensrîche.
Ottokar 41538 Seemüller,
und im süden wie im norden folgt der sommer unmittelbar auf den winter:
dô der winder ende nam
und der summer kam.
93754.
wie die alten Hebräer einen wechsel von nur zwei jahreszeiten kennen, deren bezeichnungen Luther unserm sprachgefühl gemäsz richtig durch sommer und winter verdeutscht. vgl. Herzogs realencycl. f. prot. theol. u. k.³ 8, 528: so lange die erden stehet, sol nicht auff hören, samen und ernd, frost und hitz, sommer und winter, tag und nacht. 1 Mos. 8, 22; sommer und winter machestu (gott). ps. 74, 17; vgl. auch Sach. 14, 8 unten, so machen auch bei unsern vorfahren sommer und winter das jahr aus, was gerade bei der zusammenstellung der beiden meist scharf hervortritt:
the habda at them wîha   sô filu wintro enti sumaro
gilibd an them liohta.
Hel. 465 Heyne,
d. h. so viel, sehr viel jahre; und mit eigenthümlicher rechnung:
ih wallôta sumaro enti wintro   sehstic ur lante.
Hildebrandslied 50,
d. h. war dreiszig jahre in der verbannung. vgl. sechzig 1, a oben theil 9, 2801. des sommers und (wie u. ähnl.) des winters, sommers und winters (oder umgekehrt) heiszt: im ganzen jahre: dat schil wessa des winters als des sommers. Richthofen fries. rechtsq. 399ᵃ, 16; und wird weren, beide, des sommers und winters. Sacharja 14, 8; so können wir auch heute noch sagen (nnd. 's sömmers un 's winters, seltener sömmers un winters. ten Doornkaat Koolman 3, 257ᵃ), setzen aber lieber dafür den acc., besonders ohne artikel, sommer und winter (oder umgekehrt), während wir wol den gen.-loc. sommers, aber nicht den acc. sommer allein ohne artikel bei zeitangaben gebrauchen können, so wenig wie den acc. winter. vgl. tag und nacht, tags, nachts, den tag, die nacht, aber nicht so tag oder nacht. vgl. unten 9, b. auch früher meist ohne artikel:
summir unde winter   was er vil munter.
genes. u. exod. 23, 9 Diemer;
er qual et al die mânen,   swie sich diu zît huop, [den]
winder und den summer.
Wolfram Tit. 88, 4;
sumer und winter blüet sîn lip als in den êrsten jâren.
Walther 35, 16;
beide winter unde sommer lîke grône
bleven se an einer schône
wol twê und druttich hundert jâr.
v. d. holte des hilligen cruzes 301.
ebenso natürlich: im sommer und im winter (oder umgekehrt). vgl. unten 9. wir unterscheiden noch heute ein sommer- und ein winterhalbjahr, wir kennen einen sommerfahrplan und einen winterfahrplan der eisenbahnen, die sich unmittelbar an einander anschlieszen. so ist diese weitere bedeutung im volksbewusztsein noch heute ganz lebendig. vgl. unten 6 und 11. von neueren bestimmt Jablonski lex. (1721) 727 sommer in gemeinem verstande genau als die jahrszeit von dem gleichtag des frühlings bis zu dem gleichtage des herbsts, also vom 21. märz (frühlingsanfang) bis 21. september (herbstanfang). doch rechnen wir auch das sommerhalbjahr vom 1. april ab oder von einem andern in dieser zeit liegenden tage. auf die alte eintheilung weist auch deutlich die zusammensetzung mittsommer, die mitte des sommers, die zeit um den johannistag; engl. midsummer. oben theil 6, 2427. nach Adelung 'im gemeinen leben einiger gegenden' mittensommer, der tag Johannes des täufers.
2)
im engeren sinne ist sommer die heiszeste der vier zeiten von gleicher länge, in die wir wol nach römischem vorbild das jahr eintheilen. vgl. gesch. d. d. spr.³ 52. früh schon wird der sommer mit dem lenz zusammen genannt, nach lat. vorbild: estatem et ver. tu plasmasti ea. sumer unde lenzen. diû bediû tâte dû. Notker ps. 73, 17. der lenz, der frühling geht ihm voran: wann der samen frühlingszeit geseet wird, und nun herfür wächst und grünet, folget die wärm und hitz des sommers. Sebiz 53. der herbst folgt ihm: nach dem sommer komt der herbst. Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 835ᶜ. die aufzählung der jahreszeiten beginnt man gewöhnlich mit dem lenz, frühling, sodasz der sommer die zweite stelle einnimmt:
des lenzes blumenkleid,
des sommers ährenmeer, des herbstes traubenhügel,
des winters silberhöhn, sind deiner allmacht spiegel!
Matthisson 1 (1810), 35.
dauer des sommers: wenn sie (die sonne) am niedrigsten stehet, machet sie den kürtzesten tag im jahre, und fänget den winter an; wenn sie am höchsten stehet, die sonnenwende (längsten tag) und hebet den sommer an, da des hundes stern die hitze erwecket. Comenius sprachenth. übers. v. Docemius (1657) 38; es währet aber dieser sommer 3. monat nach einander, als nemlich weil die sonne in krebs, löwen und der jungfrauen gehet. Coler hausb. (1680), Cal. 65ᵇ; die sonne leufft im sommer den krebs, löw und jungfrau durch. Stieler 2060; sommer ist diejenige von den vier jahrs-zeiten, welche sich von dem sommer-stillstand der sonnen (solstitio aestivo), da die sonne in das zeichen des krebses eintritt, und den längsten tag macht, anfänget, und bis zum gleich-tag des herbsts (aequinoctium autumnale) da die sonne in die waage tritt, folglich also zusammen drey monate währet. öcon. lex. (1741) 2731. vgl. auch Jablonski lex. (1721) 727ᵃ. Adelung. zu dieser astronomisch genauen bestimmung paszt nicht ganz die bemerkung bei Dasypodius: sommer, aestas, haltet in sich trei monat, Junium, Julium, et Augustum, mit der die folgende angabe ungefähr übereinstimmt:
den sommer bringt uns st. Urban (25. mai),
der herbst hebt Bartolomäus (22. august) an.
Petri bei Wander 4, 605, 4.
3)
bei Dasypodius werden unterschieden: angehender sommer, nova aestas, vollig sommer, adulta aestas, auszgehender sommer, praeceps aestas. man sagt heute anfang, mitte, ende, ausgang des sommers. die zeit der gröszten hitze, der hundstage heiszt hoher höchster sommer, hochsommer, auch heiszester sommer. vgl. unten 9, die erste zeit des sommers frühsommer, die letzte spätsommer. die zeit unmittelbar vor dem sommer heiszt vorsommer, die unmittelbar folgende nachsommer, besonders soweit da rechtes sommerwetter herrscht. vgl. auch herbstsommer, dopo està cioè automno. Kramer deutsch-it. dict. 2 (1702), 835ᶜ, veraltet.
4)
seit alter zeit wird der sommer gepriesen. er heiszt wonnesam, schön:
than (wenn die bäume blühen) witun liudio barn,
that than is sân after thiu   sumer ginâhid
warm endi wunsam,   endi weder skôni.
Hel. 4344 Heyne;
der schœne sumer gêt uns an.
minnesangs frühling 66, 1;
wann der winter ausgeschneiet,
tritt der schöne sommer ein.
P. Gerhardt 238, 106 Gödeke;
im gegensatz zum schlimmen winter:
o winter, schlimmer winter,
wie ist die welt so klein! ...
o sommer, schöner sommer,
wie ist die welt so weit.
Uhland (1864) 33,
auch lieb, mit personification wie in der letzten stelle. vgl. unten 11:
so wol dir, lieber sumer, daʒ du komen bist!
minnes. 1, 316ᵇ Hagen;
owê, lieber sumer, dîner süeʒe bernden wunne,
die uns dirre winder mit gewalte hât benomen.
Neidhart 85, 6 Haupt.
5)
nicht immer ist er freilich zu preisen. einem schönen sommer folgt im nächsten jahr oft ein schlechter sommer, aestas tepida, frigidior. Stieler 2060. unterschieden werden weiter heisser, kühler, feuchter, nasser sommer. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 835ᶜ und dgl.: und desselben jars da was ein dürrer sumer, als er lang ie gewesen was. d. städtechron. 10, 290, 1 (Nürnberg, v. 1464); wann ein trockner sommer gewesen, so wird man im herbst viel vögel fangen. Hohberg 3, 1, 96ᵇ; ein allzu nasser sommer verursacht, dasz die gartengewächse und früchte faulen, und viel unkraut wächset. öcon. lex. (1741) 2731; ein allzu dürrer und heiszer sommer verursachet, dasz die ähren in denen schosz - bälglein ersticken, und die körnlein taub und mager werden. 2732; so kan auch zweytens die verdorrung, besonders der fichten von sehr hitzigen und dürren sommern geschehen. Döbel jägerpract. 3, 75ᵃ. weitere belege sind unter 12, c gegeben. vgl. auch: wenn der sommer wolckig und hitzig ohne alle winde hinstreicht. öcon. lex. (1741) 2732.
6)
dasz sich früh in einem jahr die dem sommer eigenthümlichen naturerscheinungen zeigen, deutet man an mit der verbindung früher sommer, matura. Stieler 2060. entsprechend, in entgegengesetztem sinne später sommer. wärme und heitres wetter erwartet man vor allem vom sommer. deshalb sagt man, wenn der sommer kalt und regnerisch ist: wir haben in diesem jahre keinen rechten sommer. ebenso gar keinen sommer haben. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 835ᶜ.
7)
es heiszt der sommer ist nahe: mit diu iu sîn (des feigenbaums) zuelga muruuui uuirdit inti bletir giboraniu, ... uuiʒʒit thaʒ iu nâh ist sumar. Tatian 146, 1 (Matth. 24, 32); wenn sein (des feigenbaums) zweig jtzt safftig wird, und bletter gewinnet, so wisset jr, das der somer nahe ist. Matth. 24, 32. der sommer ist vor der thür, in gleichem sinne, früher aber anscheinend auch in der bedeutung 'der sommer ist da, drauszen ist sommer':
derhalb so trachtet alle für,
weil der somer ist vor der thür,
und samlet alle notturfft ein,
wenn der winter tring wider rein,
das ir euch sein dest basz künd wern.
H. Sachs 4, 266, 18 Keller.
im bilde: man sol schneiden, weil der sommer vor der thür, das ist, man sol studiren, weil man jung ist. Corvinus fons lat. 1 (1660), 21ᵃ. der sommer kommt:
dô der sumer komen was
und die blumen dur daʒ gras
wünneclîchen sprungen,
aldâ die vogele sungen.
Walther 94, 11.
ähnlich:
es gehet ein frischer sommer da herein:
wir zwei wir sollen uns scheiden.
bergreihen 66, 11 neudr.;
es get ein frischer sommer herein,
bringt uns der röslein vil.
Uhland volksl.² 49 (nr. 22 B), 4.
der sommer ist da, mhd. hie:
si jehent, der sumer der sî hie,
diu wunne diu sî komen.
minnes. 1, 182ᵃ Hagen.
der sommer vergeht: damit der summer nit vergange, ee und mein bauw vollendet sey, ne aestas effluat. Maaler 396ᵃ. ähnlich: der sommer fart dahin, und vergaht, effluit aestas. Henisch 975, 45. der sommer ist zu ende, vorbei, vorüber, dahin: (im bilde) der sommer ist dahin. Jerem. 8, 20; der sommer ist bald vorüber. Steinbach 2, 602. in gehobener sprache der sommer scheidet, stirbt:
indem der sternen fürst von uns beginnt zu weichen,
indem der sommer stirbt, indem das grüne kleid
der wiesen durch den frost des herbstes wird gemeyt,
fängt auch der vögel schaar an fern von uns zu schleichen.
A. Gryphius 2 (1698), 310.
in diesen letzten und einigen der vorher erwähnten wendungen ist eine personification des sommers erkennbar. vgl. unten 11. in älterer zeit steht das wort in solchen fügungen auch ohne artikel:
sumer ist nu gar zergân.
Ulrich v. Lichtenstein 104, 9.
8)
es wird sommer sagt man, wenn das herannahen des sommers in der natur, besonders durch die witterung bemerkbar wird, wenn das wetter sommerlich zu werden anfängt. Adelung. daher auch: es wird wieder sommer, wenn es nach kalten tagen, besonders im herbst wieder warm wird. von einem künstlichen sommer: als (im winterlichen garten) die taffeln besetzt, fieng es (durch die geheimnisvolle macht, die Albertus Magnus über die natur hatte) geling und geschwinde an sommer zu werden, dasz der schnee in einem augenblick abgieng und niemand wuste wo er hin kam. laub und grasz wuchs zusehend auff, die bäume fiengen an nach aller lust zu blühen. Wiedemann gefangensch. 4, 2, 18. es ist sommer kann auf die art des sommers gehen. Adelung oder einfache zeitbestimmung sein. ebenso wir haben sommer: wir haben jetzt sommer und doch ist es nicht warm. Campe.
9)
adverbiale zeitbestimmungen.
a)
ahd. in sumer, mit auffälliger flexionsloser form des subst. (vgl. die dative bruoder, muoter): in sumer scadot ofto diu hizza. quelle bei Graff 6, 223, später mit artikel: man soll in dem sommer solch essen brauchen, das da kalt, feucht, süsse, wolriechend und wol däulich ist. Coler hausb. (1680), cal. 65ᵇ;
in deme sumere was dar brâcht
malzes und meles michele macht,
vleisch und andere spîse gnûc,
als manich schif von Rîge trûc.
livld. reimchron. 10983.
zusammengezogen im sommer, aestate. Stieler 2060 und so heute gewöhnlich: deine hand war tag und nacht schweer auff mir, das mein safft vertrockete, wie es im sommer dürre wird. ps. 32, 4; bereit sie (die ameise) doch jr brot im sommer, und samlet jre speise in der erndte. sprüche Sal. 6, 8; wie der schnee im sommer, und regen in der erndte, also reimet sich dem narren ehre nicht. 26, 1; die eimmeisen ein schwach volck, dennoch schaffen sie im sommer jre speise. 30, 25; als solle jeder menigelich ... auf den vermelten verhörtag im somer des morgens umb 6, und winterszeit umb 7 uhr zu gericht erscheinen. tir. weisth. 1, 31, 35 (17. jahrh.); er hat gehört, dasz es im sommer hier gut sey. Steinbach 2, 602; im sommer als überschrift eines gedichts. Göthe 1, 88;
schwesterchen, wie brachtest du
deine zeit im sommer zu?
Gleim 3, 321;
im sommer such' ein liebchen dir
in garten und gefild!
Uhland (1864) 30.
im heiszten sommer, maximis caloribus. Steinbach 2, 602; im nächsten sommer. ebenda; im vergangenen, letzten sommer; aber in neuerer zeit nicht mehr wie in älterer in einem sommer. vgl. d. städtechron. 8, 442, 14 oben unter I. veraltet ist auch die gleichbedeutende fügung mit an:
und ob si mînes willen   wellen iht begân,
die Kriemhilde mâge   daʒ sie des niht lân,
sie enkomen an disem sumere   zuo mîner hôchgezît.
Nib. 1351, 3.
vielleicht hat auch das bei Graff 6, 223 erwähnte ze sumere diesen sinn. vgl. neueres zum sommer mit andrer bedeutung unter d.
b)
der gen.-loc. des sommers oder ohne artikel sommers bezeichnet gewöhnlich regelmäsziges geschehen in jedem sommer, in einer reihe von sommern: das des sommers die vogel drinnen nisten. Jes. 18, 6; felder und berge des sommers durch ziehen. Steinbach 2, 602;
in dem winder wirt durre das gras,
daʒ des sumers was grûne.
Heinr. v. Melk 59, 235 Heinzel;
swaʒ kumbers an dem winter lît,
den wânde ich ie des sumers hân verborn.
Walther 95, 20;
sumers sol man sîn gemeit.
Ulrich v. Lichtenstein 104, 16;
des sumers harte cleine wer
bedurften sie.
livld. reimchron. 1620;
des sâʒen sie vil manich jâr
des gelouben und des zinses vrî ...
des somers herten sie die lant
mit schiffen, dâ eʒ in was bekant.
1625.
ebenso des sommers und des winters, sommers und winters, aber heute lieber sommer und winter. vgl. oben 1. der einfache temporale acc. den sommer, der nicht ohne artikel stehen kann, bedeutet wie im sommer: in jedem sommer oder: in einem bestimmten (nächsten oder letzten) sommer:
der edel künec, der milte künec hât mich berâten,
daʒ ich den sumer luft und in dem winter hitze hân.
Walther 28, 35;
den sommer war ich in Holland. im letzteren falle allerdings häufiger diesen sommer:
mir ist von ir geschehen,
daʒ ich disen sumer allen meiden muoʒ
vast under dougen sehen.
75, 3;
götting. düt sommer. Schambach 202ᵃ oder den nächsten, den letzten sommer und ohne artikel nächsten, letzten sommer.
c)
die bisher genannten verbindungen können ausdehnung über den ganzen sommer oder einen zeitpunkt während des sommers bezeichnen. im ersteren falle heiszt es auch zu deutlicherer hervorhebung dieser bedeutung den, einen (ganzen) sommer lang: den gantzen sommer lang. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 835ᶜ;
guguck hat sich zu tod gefallen
von einer holen weiden,
wer sol uns disen summer lang
die zeit und weil vertreiben?
Uhland volksl.² 35 (nr. 13), 1 (von 1544),
dann disen ganzen sommer lang
hatten wir ainen sichern gang
bei den mägden im hünerhaus.
Fischart 2, 23, 783 Kurz;
eine faule grille sang
einen ganzen sommer lang.
Gleim 3, 320.
wir sagen lieber: den sommer über, schweiz. dafür über e summer. Hunziker 266. unserem bis zum sommer entspricht mhd. unz ûf, unz an den sumer:
doch wart dâmit gebiten
unz ûf den næhsten summer.
Ottokar 6704 Seemüller;
dâvon wart diu hôchzît
unz ûf den summer gelenget.
9330;
der furste gemaches phlac
unz an den summer dâtze Wienen.
60263.
d)
zum sommer bedeutet uns: mit anfang des sommers. Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 835ᶜ verzeichnet: auf den sommer hinaus, verso l'està; gegen den sommer, wann es gegen den sommer geht. up'n sommer, zur nächsten sommerzeit. Dähnert 443ᵃ, auch sonst landschaftlich, up't sommer. Schambach 202ᵃ und in den folgenden redensarten, die hinausschiebung einer sache ins ungewisse bedeuten: op em samer, op em grote sinndag, wenn twê ön ênem sön oder wenn de lange dag sönd oder wenn de Schotte (vgl. Schotte 3 oben theil 9, 1610) kame. Frischbier bei Wander 4, 609; auf den sommer über acht tage (Breslau). Wander 4, 608.
10)
in neuerer gehobener sprache rechnet wan wol die lebensjahre nach sommern, besonders die jugendzeit. vgl. lenz oben theil 6, 756 und frühling theil 4, 1, 297:
versäume nicht, dich zu erfreun,
weil ich zum leben dir (Jupiter dem menschen) nur dreyszig sommer setze.
Hagedorn 2, 116;
ich (ein mädchen) kenne schon der schäfer ränke,
und bin nun sechszehn sommer alt.
3, 38;
mein junger prinz, ein Amor von gestalt,
und wie ein buch gelehrt, war fünfzehn sommer nun alt.
Wieland 4, 63 (n. Amad. 3, 10).
in den folgenden stellen anscheinend nicht ohne leichte bosheit von nicht mehr jungen damen: denke nicht, sie habe immer so exemplarisch gelebt, wie sie jetzt zu leben scheint, da sie, als wittwe von zwei athenischen dämagogen, ihren sechzigsten sommer herannahen sieht. Wieland 33, 218 (Aristipp 1, 16);
es herrschte darin der sanfte dämmernde tag,
das dunkelhell, das damen, die vierzig sommer zählen,
mit gutem bedacht am liebsten zu ihren siegen wählen.
4, 76 (n. Amad. 3, 29).
11)
in der nordischen mythologie erscheint Sumar personificiert als riese von guter, freundlicher art, die der des schlimmen riesen Vetr (winter) entgegengesetzt ist. myth.⁴ 2, 633. in einer sanct-gallischen urkunde von 858 heiszen zwei brüder Wintar und Sumar: cum Willihelmo eiusque filiis Wintare et Sumare. vgl. Uhland Germ. 5, 265 (vielleicht waren es zwillinge, der eine dunkel von augen, haut, haar, der andre hell), woraus sich auf eine anschauung schlieszen läszt, nach der Sommer und Winter als brüder personificiert sind. in kampfspielen zu beginn des sommers, und zwar des sommers in weiterem sinne, im frühjahr (vgl. oben 1) wurden und werden noch in slavischen und germanischen ländern, in Deutschland besonders in der gegend des mittleren Rheins, sommer und winter von personen dargestellt, die mit einem gefolge oder allein einen scheinkampf ausführen, in dem der sommer siegt. myth.⁴ 2, 637 ff., eine sitte, die sich aus alter gemeinsamer überlieferung erklären läszt, aber auch aus dem lebendigen naturgefühl des volks heraus an verschiedenen orten spontan entwickelt sein kann. Uhland Germ. 5, 272: an disem tag (dem rosensonntag 'zu mitterfasten') hat man an etlichen orten ein spil, dʒ die buͤben an langen ruͦten bretzlen herumb tragen in der statt, und zwen angethone mann, einer in syngrün oder ephew, der heiszt der Summer, der ander mit gmösz angelegt, der heiszt der Winter, dise streitten mit eyander, da ligt der Summer ob, und erschlecht den Winter, darnach geht man darauff zum wein. Franck weltb. 131ᵇ. auch lieder werden dabei gesungen und manchmal beschränkt sich der streit auf einen wechselgesang mit regelmäszig wiederholten schlägen. Tobler 425ᵃ oder ohne solche, an dessen schlusz der Winter verjagt wird. Schm.² 2, 282 oder sich zurückzieht, worauf er dann wol wiederkommt und mit dem Sommer gemeinsam ein schluszlied singt. Tobler 425ᵃ. in ähnlicher versöhnlicher art wie der bei Tobler a. a. o. mitgetheille wechselgesang schlieszt ein bei Uhland volksl.² 19 als nr. 8 gedrucktes wechsellied:
Sommer.
also ist unser krieg vollbracht.
Winter.
ir herren, ir solt mich recht verstan,
der Sommer hat das best getan;
alle ir herren mein,
der Sommer ist fein.
24, 32.
in Baiern heiszt das sommer und winter spielen, singen. Schm.² 2, 281. einer ähnlichen sitte wird in der folgenden stelle gedacht: weillen man in der fasten nichts gethan, alsz cartten spiellen, mögte man woll die beüttel lehren undt also singen können, wie die buben zu Heydelberg thaten vom berg, wen sie den Sommer undt Winter herumb führten:
nun sin wir in der fasten,
da lehren die bawern die kasten.
wen die bawern die kasten lehren,
wolle unsz gott ein gutt jahr beschehren!
strü strü stro, der Sommer der ist do.
Elisabeth-Charlotte br. v. 1676—1706 64 Holland.
es wird auch zu ende des winters ein tannenbaum herumgeschleppt, eine strohpuppe oder dgl. als sinnbild des winters herumgetragen und ins wasser geworfen oder verbrannt. myth.⁴ 2, 639. ist so der winter ausgetrieben, wofür man auch unter christlichem einflusz 'den tod austreiben' sagt (s. tod III, 1 unten theil 11, 547), so bringt man den sommer wieder, in gestalt eines geschmückten baumes, von kränzen oder dgl. W. Grimm kl. schr. 1, 381 ff. in Schlesien ziehen am sommersonntage (Lätare) die sommerkinder mit geschmückten tannenbäumchen oder tannenzweigen, die sommer heiszen, umher und singen ihre sommerlieder, so:
den Winter (den Toten) han wir ausgetrieben,
den lieben Sommer bring wir wider,
den Sommer und den Maien
mit blümlein malcherleien u. s. w.
das nennt man sommersingen. Weinhold 90. 91. in der Pfalz und umliegenden gegenden gehen am sommertage (Lätare) kinder mit stäben, an denen eine mit bändern geschmückte bretzel hängt, umher, und singen den sommer an. wunderhorn 2, 557 Boxberger. nach mündlichem bericht aus Gernsheim im Darmst. lautet ein lied bei solchem feste:
stab aus!
dem Winter gehn die augen aus,
veilchen, rosenblumen!
holen wir den Sommer,
schicken wir den Winter übern Rhein,
bringt uns guten, kühlen wein.
W. Grimm kl. schr. 1, 380.
im Kraichgau tragen dabei die mädchen einen geschmückten reif, die knaben kränze an stecken. man singt hier:
tra, ri, ro,
der Sommer der ist do!
wir wollen 'naus in garten
und wollen des Sommers warten ...
wir wollen hinter die hecken
und wollen den Sommer wecken.
wunderhorn 2, 557 Boxberger.
man kauft den sommerkindern den sommer ab. myth.⁴ 2, 637, indem man ihnen für ein sinnbild des sommers, einen kranz oder dgl., das man dann aufbewahrt, oder blos zur belohnung für ihr singen eine kleine gabe giebt. wunderhorn 2, 557 Boxberger. W. Grimm kl. schr. 1, 381 ff. Weinhold 90. 91. ähnlich singt der Sommer in dem erwähnten wechselgesang bei Uhland volksl.² 19 ff. (nr. 8):
und wer den sommer von mir wil haben,
der muͦsz vil dukaten im beutel han.
23, 29.
überall lassen sich hier spuren einer personificierung oder andrer versinnbildlichung des sommers erkennen. vgl. auch das myth.⁴ 2, 647 ff. über die maifeste, den maigrafen, maikönig, den maibaum ausgeführte. als helfer des sommers im streite gegen den winter wird der mai genannt:
ich lobe dich, Meie, dîner kraft,
waʒ du uns bringest süeʒer morgentouwen;
du tuost Sumer sigehaft.
minnes. 2, 78ᵃ Hagen.
april und mai erscheinen auch als gehülfen des sommers bei der neubekleidung der natur:
rîche wât hât an geleit
walt, anger und diu heide breit,
der sumer gap diu selben kleit,
abrelle maʒ, der meie sneit.
139ᵇ.
die blumen sind des sommers boten:
ich sach boten des sumers,   daʒ wâren bluomen also rôt.
1, 220ᵇ.
ähnlich heiszt es:
bluomen unde klê,
manger hande wunne mê,
diu verderbet uns der snê.
disiu sorge tuot mir wê,
daʒ uns iht vor im bestê.
sumer, dîne holden von den huoben sint gevarn.
Neidhart 76, 16;
auch nennt der mittelalterliche dichter menschen, die sich der sommerwonne freuen, des sommers gesinde:
aller arebeite heten wir vergeʒʒen,
dô uns der kurze Sumer sîn gesinde wesen bat.
Walther 13, 22.
vgl. Neidhart 92, 14. wer das erste veilchen sah, verkündete es mit den worten:
ih hân den sumer vunden.
minnes. 3, 202ᵇ Hagen,
was anlasz gab zu einer fröhlichen feier. myth.⁴ 2, 636. man empfängt, grüszt den sommer wie einen lieben gast:
sumer, wis enphangen
von mir hundert tûsent stunt.
Neidhart 9, 13;
uns nâhet
ein sumer; den enphâhet.
14, 11;
alle die den sumer lobelîche welnt enphâhen,
die lâʒen in ze guote mîne lêre niht versmâhen.
16, 39;
ich wil den sumer grüeʒen, sô ich beste kan.
minnes. 3, 446ᵇ Hagen (carm. bur. 211).
vom herrschenden sommer heiszt es:
sumer der hât sîn gezelt
nu gerihtet über al
ûf die (ouwe) und ûf die sîne weide.
2, 78ᵃ.
vom scheidenden sommer:
dô der liebe summer
urloup genam,
dô muose man der tänze
ûf dem anger gar verphlegen.
Neidhart 49, 10
und mit beziehung auf die vorstellung eines kampfes mit dem winter:
die sunne lieht, die tage lanc,
die werdent tunkel nâch der zît,
sô der sumer sînen strît
dem winter lât durch nôt.
warnung 2386.
ähnlich:
sanges sint diu vogelîn geswîget,
der leide winder hât den sumer hin verjagt.
Neidhart 59, 37.
H. Sachs hat am 9. juli 1538 ein gesprech zwischen dem Somer und dem Winter gedichtet, worin er ausführt, wie er am Matthäustage den sommer als schönen, nackten, mit blumen und früchten geschmückten jüngling und den winter als ungestalten, mit beltz und filtz bekleideten alten geschaut habe, eine wechselrede der beiden folgen und darauf den sommer traurig abziehen läszt:
mit dem der Somer trawriglich
zu des garten pforten ausz-schlich.
4, 262, 5 Keller.
am 21. mai 1565 gestaltete er dies gespräch zu einem strophischen gedicht um: ain schöner perck-rayen von Sumer und Winter (im 16. meistergesangbuche). es beginnt:
an sant Michahels tage
drat in mein sumer-haus
der grim Winter mit klage,
wolt darin dreiben aus
den wuniclichen Sumer
mit kaltem reiff und schnee.
23, 253, 5 Keller-Götze.
volksmäzig scheinen gesprächspiele zwischen sommer und winter zu ende des sommers nicht gewesen zu sein. seltener wird sommer als eine der vier jahreszeiten personificiert, so deutlich in den folgenden stellen: der Lenz, der Sommer, der Herbst und der Winter, die vier erquicker und hanthaber des jares, die wurden zwiestoeszig mit groszen kriegen. Wackernagel leseb. 1143, 18;
der junge Lenz, der glanzgeschürzte Sommer,
der milde Herbst, der graugelockte Winter,
sie tanzen nicht für mich den ew'gen reigen.
Kosegarten rhaps. 3, 365.
in der bilder-kunst wird der sommer vorgestellet durch ein junges weib in einem gelben kleide, mit einem krantz von ähren auf dem haupte, die in einer hand eine fackel, in der andern eine sichel hält. Jablonski lex. (1721) 727ᵃ. vgl. die göttin Ceres der alten.
12)
sprichwörtliche redensarten.
a)
in manchen erscheinen sommer und winter einander gegenübergestellt: es ist kein sommer, es folgt ein winter drauf. Stieler 2060. wöllen wir den sommer haben, so müssen wir auch haben den winter, nullum commodum absque incommodo. Dentzler 2, 266.
der sommer ist ein nährer,
der winter ein verzehrer.
Simrock 451, 9573.
wenns im sommer warm ist, so ists im winter kalt. 452, 9577ᵃ. was der sommer nit thuet, das thuet der winter (Solothurn). Wander 607, 53. sommer, herbst und winter:
der sommer gibt korn,
der herbst leret sein füllhorn;
der winter verzert,
was die beiden beschert.
Lehmann bei Eiselein 644.
vgl. auch unten c und d.
b)
einige beziehen sich auf die dauer des sommers: zwei sommer giebt es nicht in éinem jahr. Wander 4, 608, 84.
es kann nicht immer sommer sein,
drum sammelt der kluge für den winter ein.
606, 27.
t'is alltîd gên sömmer un sönndag. 607, 51.
c)
auf art, eigenschaften, wirkungen des sommers gehen die folgenden: im sommer haben die hanen rote kemme. Petri 3 (1605) 8ᵃ. im sommer wird man der fliegen gewohnt. Wander 4, 606, 40. den sommer schendet kein donner wetter. Petri 2 (1605) N 3ᵃ. Simrock 9578; ähnlich: bô is woll en summer, bô et nit en dunnerschlag inne gitt (Waldeck). Wander 4, 605, 2;
wollen wir den sommer haben,
so müssen wir auch den donner haben.
608, 82.
auf einen heissen sommer folgt ein kalter winter. Petri bei Wander 4, 605, 1; heisse sommer unnd kalte winter bringen keine böse zeit. derselbe 2 (1605) Hh 7ᵃ. Simrock 452, 9577. heisse sommer, gute wein. ebenda. in einem trockenen sommer verdirbt kein bauer. Wander 4, 606, 42. die gefährlichsten sommer sind die fruchtbarsten. Simrock 452, 9577ᵇ. kühler sommer, kalter herbst (Strehlen). Wander 4, 607, 45. früher sommer, später hunger. 606, 31.
d)
manche mahnen, den sommer zu nutzen: wer im sommer samlet, der ist klug, wer aber in der erndte schlefft, wird zu schanden. spr. Sal. 10, 5; gereimt:
wer im sommer sammelt, hat zu handen,
wer in der ernte schläft, der wird zu schanden.
Wander 4, 608, 73.
weiter ausgeführt:
wer jn dem summer samelen kan
das er den wynter mög bestan
den nenn ich wol eyn wisen suͦn
und wer im summer nüt wil duͦn
dann schloffen allzyt an der sunnen
der muͦsz han (lan?) gut, das vor ist gewunnen.
Brant narrensch. 70ᵃ, 13 Zarncke.
ähnlich:
wer nit jm summer gabeln kan
der muͦsz jm wynter mangel han.
69ᵇ;
wer nit jm summer machet hew
der loufft jm winter mit geschrey
und hat zuͦ samen gbunden seyl
ruͦffend, das man jm hew geb feyl.
70ᵃ, 23;
wer im sommer net will schneiden,
muss im winter hunger leiden (Kurhessen).
Wander 4, 607, 65.
inhaltlich verwandt sind auch die folgenden:
wer desz sommers thut singen,
der mag desz winters springen.
Petri 2 (1605) Eee 6ᵇ;
wer im sommer sein kleid zerreisst,
im winter billig da erfreust.
Zincgref bei Wander 4, 608, 75;
wer desz sommers seine kleider verschleist, den frewrt desz winters. Petri 2 (1605) Eee 6ᵇ; wer im sommer die kleider verreiszt, musz im winter frieren. Simrock 452, 9576. vgl. im sommer kleyder zerreissen. Egenolff 353ᵇ; penulam aestate ne deteras, i. e. misbrauche des sommers nicht. Stieler 2060.
e)
feste wendungen zur bezeichnung éines begriffs: da scheydet sichs denn wie sommer und winter. Luther 24, 12, 18 Weim. ausg. (scharf. vgl. auch: man müss nicht alleyn ansehen, ob es gottis wort sey, ob es gott geredt hab, sondern viel mehr, zu wem es geredt sey, ob es dich treffe, da scheidet sich denn sommer und winter. 16, 385, 9). ein ganzer sommer mit glück. Franck sprichw. 1 (1541), 14ᵃ (überreiches glück. vgl. 13). er ist sommer und winter grün (Ulm). Wander 4, 609, 89. mitten im sommer eine kühle heirath schlieszen, sich ertränken. 92. ein leben wie im sommer, voll lust und wonne. Weinhold 90ᵇ. d. richtige Berliner 76ᵇ.
13)
bildlich der sommer des lebens, das männliche alter. Adelung: er starb in dem sommer seines lebens! Geszner 2 (1762), 60. ähnlich, mit den andern jahreszeiten zusammengestellt:
was werd ich ferner sehn? ihr tausende der stunden,
die mir oft ungefühlt, und schatten gleich, verschwunden!
ist es mein frühling, der dahin?
ist schon mein sommer da? wird noch mein herbst verweilen?
wie? oder werde ich vielleicht zu früh verblühn?
wird wider die natur der winter mich ereilen?
Creuz 1, 98.
in sonstigem bildlichen gebrauch: nachdem der kurze sommer des neuen günstlings verblüht war. Schiller 6, 116;
gib, dasz der sommer deiner gnad
in meiner seelen früh und spat
viel glaubensfrücht erziehe!
Gerhardt 241, 76 Gödeke;
quält dich der stolz, der ehre vollgenusz
als knabe schon, als jüngling zu verpraszen,
durch eine frühe missethat den sommer
der grösze zu beschleunigen — wolan
verrathe deines königs sohn.
Schiller dom Karlos 2, 5;
andern jahreszeiten so gegenübergestellt: sumer unde lenzen. diû bediû tâte dû. feruentes spiritu. sint sumer. nouelli in fide sint lenzo. Notker ps. 73, 17; nun war fast ein jahr unsrer verbindung verstrichen, und mit ihm war auch unser frühling dahin. der sommer kam und alles wurde ernsthafter. und heiszer. Göthe 19, 293; so dasz der kalte winter des tadels den im sommer des lobs gemästeten abgott bis zur magerkeit abzehrt. J. Paul grönl. proc. 1, 39;
nun ward der winter unsers miszvergnügens
glorreicher sommer durch die sonne Yorks.
Shakespeare Rich. III. 1, 1.
14)
sommer, 'das gewebe, so zur herbst- und frühlingszeit in der luft herumzeucht, filamenta Mariae'. Steinbach 2, 602. öcon. lex. 2732. Frisch 2, 286ᵇ, besonders zur herbstzeit: der im herbst fliegende sommer, lanugo volitans autumno. Apin gloss. 500. man sagt düring.: der sumer flýd! hesd an hyd si flé? Hertel thür. sprachsch. 229. da klingt noch deutlich die vorstellung an, der in der folgenden älteren quelle gedacht wird: von welchen fäden man pflegt zu sagen, dasz sie im vorjahr (frühling) den sommer bringen; im herbst aber, dasz der sommer mit ihnen wegfliege. Linemann deliciae calendariographicae (1654) C 2ᵇ bei Frischbier 2, 344ᵃ. fliegender sommer ist auch in neuerer zeit eine ganz gewöhnliche bezeichnung dieser spinnenfäden. Adelung. Nemnich. Oken 5, 677. Weigand⁴ 2, 734. Frischbier 2, 344ᵃ: im frühjahr und noch vielmehr im trockenen warmen nachsommer sieht man oft gar viele weisze fäden in der luft herum fliegen ... man konnte lange nicht errathen, wo diese fäden und flocken herkommen, und machte sich allerlei wunderliche vorstellungen davon. jetzt weisz man gewisz, dasz es lauter gespinnst ist von unzählig viel kleinen schwarzen spinnen, welche deswegen die spinnen des fliegenden sommers genannt werden. Hebel 2, 31; auf den übersponnenen stoppeln arbeiteten noch spinnen am fliegenden sommer und richteten einige fäden als die taue und segel auf, womit er entfloh. J. Paul Tit. 4, 26. im vergleich: das menschengeschlecht zieht wie ein fliegender sommer durch den sonnenschein und das bethauete gewebe hängt sich flatternd an zwei welten an und in der nacht vergeht's. Hesp. 3, 259. der volksglaube hält diese fäden für ein gespinnst von elben und zwergen; von den christen wurden sie dann in beziehung gebracht zur hl. jungfrau, die man sich spinnend und webend dachte. myth.⁴ 1, 390. man erzählte auch, diese fäden wären reliquien von dem tuche, das Maria bei ihrer himmelfahrt aus dem grabe in die höhe mitgenommen hätte. in der luft hätte sie es fahren lassen, wie Elias seinen mantel, worauf es vom wind in unzählige kleine fäden zerrissen wäre, die zu immerwährendem andenken jährlich in der welt herumflögen. öcon. lex. 2732 (nach dem tag ihrer himmelfahrt, 15. aug.). so heiszt denn das gespinnst auch unserer lieben frauen sommer Nemnich, Mariensommer, Marienfaden myth.⁴ 1, 390, Mariengarn 2, 654, frauenfäden, s. oben theil 4, 1, 1, 78. ein anderer name für die fäden im herbst ist altweibersommer, womit auch schöne herbsttage bezeichnet werden, s. oben theil 1, 275. das kann sich darauf beziehen, dasz der sommer dann gleichsam alt ist, nicht mehr die rechte kraft hat. myth.⁴ 2, 652 wird erinnert an die romanische und südslavische sitte, beim beginne des sommers die figur eines alten weibes zu durchsägen. Weigand fragt unter hinweis auf die englische bezeichnung dieser fäden gossamer, gottes schleppe, schleppkleid: gleichsam schleppe für alte weiber? ⁴ 1, 42. mädchensommer als bezeichnung des frühlingsgewebes (myth.⁴ 2, 654) liesze sich als im gegensatz dazu gebildet auffassen, aber so heiszt auch das herbstgewebe, s. oben theil 6, 1425. es liegt daher näher, dies als miszverständliche übertragung des gleichbedeutenden nd. metkensamer, metjensommer anzusehen, dem wol metke, metje, regenwurm zu grunde liegt (weil die fäden damit ähnlichkeit haben). vgl. mette, sommerfaden oben th. 6, 2148. vgl. auch sommerfaden, -flocke, -seide unten.
15)
andere besondere übertragungen.
a)
mhd. der winter unde der sumer, febris, wol ein intermittierendes fieber, wechselfieber, kaltes fieber: da rurte den liplichin zertlichin furstin lantgravin Lodewigen di verliche krankheit unde suche di man nennet den winter unde den sumer, zu latine di febres. leben d. hl. Ludw. 59, 29; von einem wibe, di hatte daʒ kalde. eʒ geborte sich dar nach etliche tage daʒ ein frouwe von Eschinberge zu des lieben heiligen grabe quam, di hatte den winter unde den sumer wol sechste halb jahr gehat unde wart ouch gesunt. 80, 22.
b)
in Ost- und Westpreuszen sagt man: das bier hat den sommer, fängt an matt und säuerlich zu werden, was im heiszen sommer besonders leicht eintritt. Frischbier 2, 344ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1509, Z. 37.

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Zitationshilfe
„somber“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/somber>, abgerufen am 22.10.2021.

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