Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sommervogel, m.

sommervogel, m.
1)
bezeichnung des schmetterlings, vivalter vel somervogel. glosse des 15. jahrh. bei Steinmeyer-Sievers ahd. gl. 2, 625, anmerkung 4, sommer vogel, papilio. Dasypodius, summervogel, pfyffholter, papilio. Maaler 396ᵃ, pfeiffholder, papillon, farfalla. Hulsius (1616) 300ᵃ, papilio, eruca alata. Stieler 530, pfeifholder, molkendieb, papilio. Dentzler 1, 142ᵃ, farfalla. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 836ᵃ, papilio. Jablonski lex. (1727) 727ᵇ. Frisch 2, 286ᵃ. Adelung ('im gemeinen leben'), summervogel. Schöpf 729. Hunziker 266. Seiler 285ᵃ. Hertel thür. sprachsch. 229. Kramer (siebenb.-sächs.) 130, sommervogel. Birlinger wb. z. volksth. a. Schwaben 85. Schmidt 219. Kehrein 1, 378. Frischbier 2, 344ᵇ (wo es auch im sinne von mücke verzeichnet ist), ebenso mnd. somervogel (soͤmer voͤgel). Schiller-Lübben nachtrag 267ᵃ, nnd. sömmerfögel. ten Doornkaat Koolman 3, 257ᵃ, sommervagel. Dähnert 443ᵇ. korrespondenzbl. des vereins für nd. sprachf. 10, 14, sommervuogel. 17, 54 (westfäl.), suemerfuegel. Woeste 262ᵃ: zum sommervogel werden, infarfallarsi. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 836ᵃ; der bunte sommer - vogel. (überschrifi eines gedichts.) Brockes 1 (1739), 175; er hatte sich schon über eine stunde weit von seinem schloss entfernt, als er eines wunderschönen sommervogels ansichtig wurde, der sich nur wenige schritte von ihm auf eine blume setzte. Wieland 11, 36 (Sylv. 1, 7); du kenntest also, fuhr don Sylvio fort, die insel der papillions auch nicht? — 'die insel der papillions? das ist ja so viel, als wenn einer sagte, die insel der sommervögel?' 218 (3, 6); genieszen sie ihrer jugend und freuen sie sich schmetterlinge um blumēn fliegen zu sehen, es gehe ihnen das herz, und das aug dabey über; und lassen sie mir die freudenfeindliche erfahrungssucht, die sommervögel tödtet und blumen anatomirt, alten oder kalten leuten. Göthe br. 1, 239 Weim. ausg. (v. 14. juli 1770); zu hastig im hereintreten, flogen ihm alle die aufgehäuften originalschnittchen meiner handschrift wie mücken und sommervögel um den kopf und schüttelten ihren weiszen staub ab. Thümmel reise 10 (1805), 303; das kann der liebe gott, aus einer häszlichen und verachteten raupe einen schönen und fröhlichen sommervogel machen. Hebel 2, 21; auf den mittag könnt ihr (ein wettermacher) die ersten gelben sommervögel los lassen. 3, 134; Rosenroth sprang lieber in den wiesen und feldern umher, suchte blumen und fieng sommervögel. Grimm märchen 563; keinen sommervogel hab' ich umsonst nachgejagt. Bettine tageb. 52; 'papilio urticae!' murmelte er ... ein mannsbild höherer gattung ... würde hinwieder vielleicht für die kleine Sophie nichts mehr empfinden, als ich für diesen sommervogel. Storm ges. schr. 5 (1884), 238; wenn sie (die raupen) als sommervögel auf die welt kämen, ... möchte es ihnen vergönnt sein, dasz sie ihren rüssel in jede blume stecken. Anzengruber 2, 70;
die blühten (der bohnen) nun sind, an sich selber, so farb- und form- als wunder-reich;
sie sehn an farben schönem purpur, an form den sommervögeln gleich.
Brockes 6 (1739), 118;
von weisz- und schimmernden camillen, ...
die bey dem dunckelgrünen denn, in schnellen blicken hin und wieder,
wie weisse sommer-vögel lassen, die mit sanft flatterndem gefieder,
und regen schwärmen in der luft, sich öfters pflegen zu ergetzen,
und bald auf diese, bald auf jene gefärbte blume sich zu setzen.
120;
uf d' wiese
bin i gange,
lugt' i summervögle
an;
hänt gesoge,
hänt gefloge.
Göthe 1, 170;
sie (die göttin Phantasie) mag rosenbekränzt
mit dem lilienstängel
blumenthäler betreten,
sommervögeln gebieten.
2, 60;
zwar die flamme, sommervogel, tötet dich,
doch gerührt von deinem loose, zittert sie.
Platen 73ᵃ.
bildlich: hier und da nur lockt ihn der schimmer eines sprüchelchens ein wenig seitwärts, und er verfolgt seine sommervögel so ängstlich, als wenn er in seinem leben keine zeit mehr übrig haben würde, welche zu fangen. Hamann 2, 511; langsam und mit glänzenden augen und ernsten zügen ging Ingenuin als botschafter seines avancements hinab zur mutter, für welche diese freude ein erwärmter aufgewachter sommervogel in den wintermonaten ihres alters war. J. Paul jubelsen. 14. von personen: beschrieb ich ihn nicht als liebenswürdig? sagt' ich dir nicht, dass er dir alle deine gaukelnden sommervögel (liebhaber) unerträglich machen würde? Wieland 1, 337 (Agath. 6, 1);
Martha .. und unser pärchen?
Mephist. ist den gang dort aufgeflogen.
muthwill'ge sommervögel!
Göthe 12, 167;
jetzt im mai schreib' ich dir (einem jungen mädchen) dieses,
und du selber bist im mai;
flattre, bunter sommervogel,
sonnenwend' ist bald vorbei.
und dann geht's an ein verpuppen.
Grillparzer 2 (1887), 50.
2)
von wirklichen vögeln, die sich bei uns nur im sommer sehen lassen. Adelung: ich höre keines sommer vogel gesang lieber, dann des froschs. Bebelii facetiae übers. (1589) 59ᵃ (im orig.: aestivae volucris; hier soll der frosch scherzhaft mit eingerechnet werden, vgl. zeile 14 ff.); allerhand sommer - vögel fanden sich ein, und erfülleten den gantzen garten mit einem lieblichen gesange. Wiedemann gefangensch. 4, 2, 18; um die bäume am wege flatterten die sommervögel, aber über ihnen flogen ungeheure schwärme von krähen und dohlen dem walde zu und bei dem geschrei der groszen verstummte das gezwitscher der schwachen. Freytag 12, 36;
eine tugend, noch eine,
dann wieder eine fliehet;
so wie der sommervögel chor,
wenn sie der herbst vom felde scheucht,
die flügel schwinget, und entweicht.
Kretschmann klage Rhingulphs 3. lied.
bildlich von blättern: kinderlied von den grünen sommervögeln. Rückert (1841) 540 (sie haben gefieder, singen, girren). in scherzhafter beziehung auf personen: der graff stund auff jm selb gantz stilschweigend, und gar nichts redend, bisz Lewfrid ein gesetz auszgesang, sagt der graf, fürwar disz ist mir ein seltsamer summervogel in meinem garten. Wickram goldfaden C 4ᵇ; wenn bettelleut an der sonnen und under den bäumen sitzen und ihre kleider sonnen und aussteuben, das sind gewissere sommervögel (als der storch). Claus Narr (1602) 230.
3)
der sommervogel als genius, sinnbild des sommers. in Westfalen klopft man am st. Peterstage (22. febr.) an die thürpfosten der häuser mit einem spruch, wodurch der sonnenvogel oder sommervogel und mit ihm alles unglück aus dem hause herausgerufen und in die steinbrüche verbannt werden soll, eine sitte, deren ursprünglicher kern wol der ist, den während des winters ins haus geflüchteten genius des sommers wieder ins freie zu locken, was sich dann mit der verbannung des winters vermischt hat. zu Groszelfingen in Hohenzollern - Hechingen wird am donnerstag vor fastnacht zum schlusz eines maskenfests, des narrengerichts, eine lebende weisze taube als sommervogel in einem nest auf langer stange am brückengeländer angebracht, von wärtern gehütet, dann geraubt, worauf der ruf ertönt: der sommervogel ist gestohlen, jetzt wird's ja nimmer sommer, den räubern wieder abgenommen und nach ihrer bestrafung, da es sich erwiesen, dasz dies der echte und wahre sommervogel sei, in freiheit gesetzt, ein brauch, der wol veranschaulichen soll, wie der genius des sommers, der von den winterdämonen geraubt war, jetzt wieder frei in die natur hinausfliegt. Mannhardt mythol. forschungen 133. 134. es ist nicht unmöglich, dasz ein innerer zusammenhang zwischen der anwendung des worts bei diesen bräuchen und der bedeutung 1 besteht, so dasz etwa der schmetterling eigentlich als sinnbild des sommers aufgefaszt worden wäre, was dann aber natürlich auch bei wirklichen vögeln eintreten konnte. vgl. sonnenvogel.
4)
besondere übertragungen.
a)
in Pommern und Rügen heiszt sommervagel ein mensch, der den winter über nicht aus den hause geht. Dähnert 443ᵇ. das wort heiszt dort sonst schmetterling (s. 1).
b)
westfäl. bedeutet suemerfuegel sommersprosse. Woeste 262ᵃ, ebenso dür. sümervøel, sommersprossen. Hertel 229. auch dort ist sommervogel sonst schmetterling (s. 1).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1563, Z. 68.

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Zitationshilfe
„sommervogel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sommervogel>, abgerufen am 16.10.2021.

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