Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

sonne, f.

sonne, f.
sol.
I.
herkunft und form.
1)
hierfür hat das germanische zwei bezw. drei bezeichnungen, die im got. und ags. neben einander vorkommen. sie scheinen alle verschiedene weiterbildungen einer idg. wurzel *su- 'leuchten' zu sein. das idg. *sôw(e)l- (vgl. gr. ἀϜέλιος, ἥλιος, lat. sōl, kelt. *sâvalis, *sûlis, cymr. haul, heul u. s. w., s. Fick⁴ 2, 292, lit. sáulė, ostar. mit r: skr. súar, sûrya, avest. hvare Fick⁴ 1, 341, vgl. Schrader reallex. der idg. alterthumsk. 782) lebt fort in got. sauil, n., das als sól in den nord. sprachen herrscht, ganz vereinzelt aber auch im ags. vorkommt (? Bosworth-Toller 894ᵇ), vgl. Uhlenbeck 123. Grimm gramm. 1², 150. 3, 351. Pauls grundr.² 1, 379. dazu mit kurzstufe der wurzelsilbe got. sugil (runenname wie altn. sól, s. W. Grimm kl. schr. 3, 90. 94), ags. *sygel, sigel, segl, sægl Bosworth-Toller 873ᵃ (? vielleicht besser zu swegel, swegl, alts. swigli zu stellen), s. Uhlenbeck 137 (anders Grienberger got. wortkunde 181 f.). ableitendes n für l zeigt dagegen idg. *svê(n) in avest. gen. hveñg, gr. Ϝήν(οψ), s. Fick⁴ 1, 153, dazu kelt. sunno- leuchtend, ir. forsunnud. 2, 306. diesem entspricht genau das deutsche sonne. (J. Grimm leitete es von sinnan, gehen, reisen, ab, s. gramm. 2, 35. 81. kl. schr. 2, 18. 5, 383.)
2)
von diesem sind im got. belegt der nom. sunno (Luc. 4, 40. Eph. 4, 26. Nehem. 7, 3), der dat. sunnin (at s. urrinnandin Marc. 4, 6. 16, 2) und der acc. sunnon (Matth. 5, 45). nur dieser läszt deutlich das geschlecht als fem. erkennen, während der nom. die wahl läszt zwischen fem. und neutr., der dat. zwischen masc. und neutr. (vielleicht mischflexion? Grimm gramm. 4, 511). so noch krimgot. sune, s. zeitschr. f. d. alterth. 1, 358ᵃ. zeitschr. f. d. phil. 30, 126. die nord. sprachen halten im allgemeinen an sol fest. altn. sunna nur als poetisches wort, dazu sunnudagr Cleasby-Vigfusson 605ᵃ, dän. schwed. söndag sind wol aus dem deutschen entlehnt. (W. Grimm kl. schr. 2, 88.) dagegen im westgerm. herrscht sunna durchaus: ags. sunne, mittelengl. sonne, engl. sun; altfries. sunne, sonne, -a; alts. altnfr. ahd. sunna, sunno, mnd. mhd. sunne, mnl. sonne, nl. zon, vgl. Fick³ 3, 324. Uhlenbeck 138. Kluge⁶ 368ᵃ. Weigand 2, 738 f. Franck 1213. Skeat 610ᵇ.
3)
wie im got. schwankt das geschlecht auch im deutschen, indem neben dem gewöhnlichen fem. (sunna) seltner auch das masc. (sunno) vorkommt; s. J. Grimm gramm. 3, 349 f. dabei ist wol einflusz der bedeutungsverwandten und oft mit sonne verbundenen wörter mâno, sterno anzunehmen, s. Kluge a. a. o. alts. findet sich sunno nur im Cott. (2910. 3126. 4235) und in einer glosse zu Greg., s. Wadstein 62ᵃ, 14. im althd. ist es nicht nachgewiesen; dagegen findet sich das masc. mhd. sehr häufig, schon in der 2. hälfte des 11. jahrh.:
diu himilisge gotes burg
diu ne bedarf des sunnen.
himmel u. hölle (denkm. 30) 2;
der sunne gie den sternen mite.
Ezzos gesang 9, 6 (s. auch 7, 6, 12).
und so besonders oberd. bis ins 15. jahrh. doch verwenden dieselben quellen daneben ohne unterschied das fem., s. Grimm a. a. o. mhd. wb. 2, 2, 743ᵇ. Schm. 2, 296; z. b.: so diu la(r)certa eraltet, so erblintet si in beiden ougen, daʒ si nieht die sunnen gesehen mach. so hilfet si ir selbe sus. si ... suͦchet ein loch ingegen dem sunnen ... also scol der mennisk ... sich zuͦ Christe becheren, der sunno unde lieht ist alles rehtes. Graff Diut. 3, 31, vgl. Karajan sprachdenkm. s. 90, 3, 6;
diu sunne hât ir schîn verkêret.
alsam der sunne gegen den sternen stât.
46, 15.
(Marner verwendet das masc. neben mâne, s. II, 2, c, sonst in die sunnen 15, 291; Reinmar v. Zweter dagegen stets das fem., s. Tschirch s. 25.) besonders findet sich das masc. 1) in der personification, meist mit dem monde zusammengestellt, s. II, 2, c, 2) in bildlicher anwendung auf gott, Christus u. ähnl., s. 8, a. b. (sogar der sunne von einer frau, s. minnes. 1, 336ᵇ unter II, 8, e, andrerseits als fem. von einem manne, Trist. 253 unter d.) weitere belege: sich gegen des sunnen ûfriunse. veterb. 38, 20 Palm;
den sunnen wil ich an dich dingen.
Rolandsl. 288, 12;
vinster ist der (C: dem) sunnen tiuwer.
Ulr. v. Lichtenstein 114, 3 (minnes. 2, 35ᵃ Hagen);
wand er (der adler) des sunnen heiterkeit
nicht dar an enschuet.
pass. 325, 6 Hahn;
unz sich der sunne het verborgen
under die erden.
Ottokar reimchron. 64695;
recht also gancz ein luter glas
belibet, das
des sunnen schin durchglenzet.
Germ. 18, 61, 44 (handschr. v. 1372).
im ahd. nur als fem. (zum Sonn II, 7, o?).
4)
neben sunne kommt im mitteld. sonne auf: sol hd. nd. sonne, zonne, sunne, hd. sonn. Dief. gl. 540ᵃ;
die sonne clâr als ê erschein.
erlös. 2991 (auch v. 40).
nhd. herrscht sonne von anfang an, besonders auch bei Luther; sunne findet sich nur noch vereinzelt bei oberd. autoren des 16. jahrh.: bruntz nicht wider die sunnen, das ist, leyne dich an kein gewaltigen. Franck chron. (1531) 28ᵇ; schlieff des morgens, (bisz) das die sunn hoch uber alle berg auffgangen was. Wickram rollw. 167, 17 Kurz;
ietzt kumpt din laster alls an d' sunnen.
Manuel s. 263 Bächtold (Elsli Tragdenkn. 160);
das kumpt dir ietzt alls an die sunnen!
272 (393);
und als die sunn auffgangen was.
H. Sachs fastn. sp. 1, 34, 427 neudr.
s. auch 3, l zu ende.dagegen haben die ältesten wörterbücher bereits o: sonne, helius, lat. sol. das zur sonnen gehört, solaris. Dasypodius.
5)
die flexion ist überall die schwache. (got., s. 2; ahd. sunna, obl. sunnûn u. s. w.). doch kommen mhd. schon gegen ende des 11. jahrh. starke formen vor:
er gebot der sunne, daʒ ist war,
daʒ si lieht pære.
genes. 3, 8 Diemer.
s. die belege im mhd. wb. 2, 2, 743ᵇ; dazu:
Apollô mit der sunne.
Reinbot v. Durne 2289 Vetter (vgl. d. anm. u. Haupt zu Neidhart 62, 36);
bî liehtem sunne glaste.
Reinfr. v. Braunschw. 22777, vgl. zeitschr. f. d. alterth. 17, 507;
ir schilte widerglast den (l. der?) sunne wâgen.
jüng. Tit. 6094, 2;
dâvon liehtes schîn
als wênic gebrast
als bî der sunne glast.
Ottokar reimchron. 90522;
daʒ der sunne (var.: sunnen) blic
dâdurch mit schînbærn dingen
ninder moht gedringen.
95995;
daʒ eʒ gab gegen der sune glast.
Suchenwirt 4, 255.
doch hält sich auch im nhd. die schwache flexion noch sehr lange.
a)
der nom. sonne wird in älterer sprache gern zu sonn gekürzt, so: sonn (die), sol. Maaler 376ᶜ. Schottel 1417; sonn, sonne, f. Kramer dict. 2, 839ᶜ. Stieler 2058. s. die belege aus Luther, Hans Sachs, Fischart, froschm., Tabernaemontanus, Lehmann, Schönborn u. a. frau Sonn noch bei Wieland (15, 148, s. II, 2, d). es entsprechen sich nom. sonn, obl. sonnen. so bei Luther, Fischart und sonst. neben einander:
jedoch wird nichts so klein gesponnen,
es kömpt noch endlich an die sonnen.
und wenn die sonn den schnee ableckt,
so blickt herfür, was er bedeckt.
froschm. G 7ᵇ.
vereinzelt dringt die form sonnen auch in den nom. ein, im wechsel mit sonn: es war vor zeiten ein schentlich und ungötlich ding, so man saget, die sonnen gieng unter, wie es dann noch bei dem gemeinen pöfel und sonderlichen bei den geistlichen weibern für unglückhaftig geacht wirt; dann si sprechen, so die sonn untergêt, si gêe zu rue oder rast oder zu gnaden. Aventin werke 1, 365, 15—20. so noch im volksliede (im reim):
es wollt ein mädchen wasser holen;
ein weiszes hemdlein hatt sie an,
dadurch schien ihr die sonnen
da überm kühlen bronnen.
wär ich die sonn, wär ich der mond, u. s. w.
wunderh. 1, 110 f. Boxberger.
b)
im gen. dat. ist der sonnen vom 16. bis ins 18. jahrh. ganz gewöhnlich (s. z. b. Jablonski unter II, 1, a. b u. s. w.), hält sich indessen in einigen festen redeweisen und unter dem schutze des reimes zuweilen bis in die gegenwart. (bei Adelung als oberd. angeführt.) neuere belege: die beym untergang der sonnen offt streitende krieges-heere. Liscow s. 25 (vgl. ders. unter 3, f);
wie angenem, wie unterschiedlich
ist der geschmack in so verschied'nen früchten,
die gott der hellen sonnen heiszt,
so wunderbar uns zuzurichten.
Brockes 1, 211;
der sonnen gluth die lilg' verzehrt.
Fr. Müller 3, 146;
des westens flut war eine glut;
der tag war bald verronnen!
und sinkend ruht auf westens flut
das breite rund der sonnen!
und die gestalt stellt zwischen uns
sich und das rund der sonnen.
Freiligrath⁵ 2, 46.
s. ferner unter der sonnen II, 6, q; dafür auch unter der sonn', ganz vereinzelt schon im 16. jahrh., s. froschm. S 6ᵇ unter II, 6, q; der sonn ferner bei Lehmann (II, 5, g) und Khüffner (II, 7, i).
c)
auch im acc. findet sich zuweilen noch die sonnen:
für finsternüsz such' ich die sonnen.
Opitz 2, 164.
besonders in den wendungen an die sonne(n) kommen, gehen s. II, 7, i:
was ich in dem kämmerlein
still und fein gesponnen,
kommt — wie kann es anders seyn? —
endlich an die sonnen.
Göthe 1, 203.
s. auch Tob. 3, 23 unter II, 4, d. doch ist hier die starke form schon früher herrschend geworden. apocopiert:
und lies heer gleissen schon
die sonn und auch den mon.
bergr. s. 42, 5 neudr.
s. ferner Aventin unter II, 2, c. d. e, P. Gerhardt II, 8, g, Gryphius II, 8, a.
6)
in lebenden mundarten herrscht das alte u noch im weitesten umfange. schweiz. sunne Hunziker 267, sunna, f. Bühler Davos 2, 13ᵃ; schwäb. sonna Birlinger 388ᵃ; bair. sun(n)e ̃, sun(n) Schm. 2, 296, sun Hügel 161ᵇ, sunn' Schöpf 730. Zingerle 54ᵃ, sunne Lexer 234, sunna, dat. sunnen cimbr. wb. 238ᵇ; unterfränk. (würzb.) sunn Sartorius 122. Ruckert 179, ebenso pfälz. Autenrieth 140, Handschuhsheim sun Lenz 66ᵃ; im nd. gewöhnlich sunne (vgl. indessen sonntag). brem. wb. 4, 1101. Schambach 218ᵇ. Woeste 263ᵃ, sunn' Danneil 216ᵇ; in den nördlichen küstenmundarten mit umlaut sünne Danneil 475ᵃ. Schütze 4, 225. Stürenburg 273ᵃ, sünne, sün' ten Doornkaat Koolman 3, 366ᵃ, mecklenb. sünn Mi 89ᵇ. nd. korrespondenzbl. 14, 18 (so schon in einem schauspiel v. 1640, s. Jellinghaus nd. bauernkomöd. s. 259 und unten II, 6, f); sonne nur bei Strodtmann 221. die formen der fries. mundarten verzeichnet Siebs in Pauls grundr. 1², s. 1207.
II.
bedeutung.
1)
die sonne als weltkörper; vgl. Jablonski 727ᵇ f. öcon. lex.² 2736—9. Eggers 2, 924—6.
a)
gestalt: die gestalt der sonnen erscheinet rund zu seyn, und dasz sie nicht platt, sondern kugelrund sey, wird nicht allein durch ein wohlzugerichtetes fernglas, so mit gefärbten gläsern versehen, wahrgenommen, sondern auch aus der eigenschafft des umlauffs der sonnenflecken gründlich geschlossen. Jablonski 727ᵇ f. sie erscheint dem auge rund, vgl. Freiligrath unter I, 5, b:
disz reine licht ...
hat in der sonnen-rund die lebens-reiche quelle.
Brockes 3, 339.
(scherzhaft euphemistisch: die sonne viereckicht sehen, met. gefangen sitzen, vedere il sole à scacchi. Kramer dict. 2, 840ᵃ, da man sie durch ein quadratisches gitter sieht.) die ältere sprache faszt daher die sonne als rad, vgl. J. Grimm myth. 586 f. (41, 515 f.). 664 (2, 585). zeitschr. f. d. alterth. 6, 143, anm. 2: der arn sihet ouch ane daʒ rat der sunnen. d. mystiker 1, 201, 18; daʒ brehende rat der sunnen. Berthold v. Regensburg 1, 265, 26, vgl. 3, r;
daʒ rat der liehten sunnen, so man dar in ist sehende.
jüng. Tit. 2993, 1;
da gleich der sonnen-rad durch schütz' und stein-bock geht.
Mühlpforth leichenged. 60.
s. auch kaiserchron. 75 ff. als scheibe: wann einem traumt, wie er nahe zu der sonnen scheibe kommen sey, oder wie er dieselbe angegriffen, derselbe wird von dem könige freude erlangen, nachdem er der sonnen nahe kommen. Coler traumb. 32ᵃ (vgl. sonnenscheibe). als schild, s. Grimm myth.⁴ 2, 585. — sonne als kugel, ball, vgl. sonnenball: wann einem traumt, wie er die kugel der sonnen, jedoch ohne stralen in seiner hand habe. Coler traumb. 32ᵃ;
da glüht empor der feuerball
der sonne.
Immermann 13, 264 Hempel.
farbe: die natürliche farbe des sonnen-cörpers ist die farbe des lichts oder glantzes, dasz sie aber nicht allezeit einerley farbe anzusehen, rühret von den dünsten, von welchen der erdboden sich umgeben befindet, und die gesichtstrahlen auf verschiedene weise gebrochen werden. Jablonski 727ᵇ, vgl. 3, a (anders 4, b).
b)
grösze: die grösse der sonnen kan unfehlbarlich nicht erwiesen werden. Jablonski 728ᵃ, der darauf verschiedene meinungen anführt (5—15 erddurchmesser = 125—3375 erdvolumen; nach heutiger annahme hat die sonne einen durchmesser von 1383 200 km, und den 1 280 000 fachen rauminhalt der erde); die sonne ist viel gröszer als die erde. Steinbach 2, 606; die gelehrten schreiben: das die sonne, welche doch zwischen dem firmament und centner last der erden, in der mitten schwebet; hundert und sechzig mahl breiter sey, denn der gantze erdboden. Butschky Pathmos s. 849; siehe an die sonne, wie schnell und gewisz hält sie ihren lauff, und ist doch hundert sechs und sechtzig mal gröszer, denn die erde. M. Möller erkl. der evangelien (Minden 1729) 504ᵇ.
c)
substanz: dasz die sonne in ihrem wesen ein feuer sey, haben schon die ältesten weltweisen ... angemerket ... ob aber derselben cörper vest oder flüszig sey, ist noch streitig. Jablonski 727ᵇ. (jetzt nimmt man einen weiszglühenden, festen oder flüssigen sonnenkern, darum eine photosphäre und zu äuszerst eine atmosphäre aus weiszglühendem wasserstoffgas u. ähnl. an.)
d)
entfernung: ob wol Archimedes unnd Ptolemeus erwiesen ... haben, dasz die weite oder distantz der sonnen von der erden sey zwölff hundert und neun semidiametra, sammt eim halben der erden (semidiametrum aber begreifft achtzehen hundert und sechtzig meilen, die meil zu zweytausent schritten gerechnet). Fischart Bodin 288ᵇ. Jablonski läszt die entfernung unbestimmt, nach heutiger annahme beträgt die mittlere entfernung 148 154 000 km. für die gewöhnliche anschauung gilt die sonne einfach als unerreichbar fern. vgl. 6, p. — der sonne zu nahe kommen im traum, s. unter a.
e)
was die bewegung der sonnen betrifft, sind derselben zwey den alten bekannt gewesen, oder vielmehr als bekannt angenommen worden, der tägliche umlauff in 24. stunden mit allen den übrigen gestirnen, von osten nach westen, oder vom aufgang nach dem niedergang, und der jährliche von westen gegen osten in 365. tagen, 5. stunden und 48. minuten und 37. secunden. jener ist das masz der tage, dieser der jahre ... die dritte bewegung der sonnen, so den alten unbekannt gewesen, ist der umlauff um ihre eigene achs, welcher erst durch hülffe der ferngläser aus den sonnen-flecken entdeckt worden. derselbe geschiehet mit einer kleinen abweichung von der ecliptica in 28. oder ... beyläufig in 26. tagen. Jablonski 728ᵃ. über die scheinbare bewegung der sonne um die erde, wie sie sich der sinnlichen anschauung darstellt und von dem alten, ptolemäischen (geocentrischen) weltsystem als wirklich angenommen wurde, s. unten 6 (a. h). die neuere, kopernikanische, heliocentrische weltbetrachtung kennt nur die achsendrehung der sonne (in 25—27 tagen) und eine fortschreitende bewegung im weltraum.
f)
für jene ältere anschauung zählte daher die sonne zu den planeten (als vierter von sieben): dia sunnûn gânda an mittemo himele, unde in mittemen gânda dero septem planetarum. Notker 1, 177, 32 Piper (Boet. 3, 71); der vierd planêt haiʒt ... ze däutsch diu sunne. Megenberg 57, 33; sonne, ist nach der meynung der alten, einer von den sieben planeten, die sich um die erde bewegen. Eggers 2, 924; Saturnus, Jupiter und Mars schweben über, Mercurius aber, Venus und der mond unter der sonnen. Kramer dict. 2, 840ᵃ. so auch in der astrologie:
und mond und sonne im gesechsten schein,
das milde mit dem heft'gen licht.
Schiller Wallensteins tod 1, 1, var.
g)
für uns ist dagegen die erde ein planet der sonne und diese der centralkörper unseres planetensystems, das aus ihr hervorgegangen ist und sich um sie bewegt: gleichwie nach Büffons kosmogonie unser ganzes planeten-system nichts als ein integral-bruch der lieben sonne ist. Hamann 1, 185, vgl. s. 192. daher: wenn unsre seele erst ihren mittelpunkt an dem (gott) findet, so verläszt sie derselbe in ihrer bewegung nicht mehr. sie bleibt ihm wie die erde der sonne getreu. 1, 224;
o erde, die du gehest
im tanz der schönste stern,
um deine sonne drehest.
Rückert (1882) 7, 258.
h)
der gewöhnliche sprachgebrauch wird von dieser wandlung wenig berührt und hält sich an die sinnliche anschauung. auf jeden fall zählt die sonne zu den himmlischen lichtkörpern, den gestirnen, und wird gewöhnlich mit dem monde zusammen den sternen gegenübergestellt. die verbindung sonne und mond ist stets sehr gewöhnlich; vgl. 2, c. h. 3, e. h. m. 4, f. h. 6, b. q:
gott des himmels und der erden, ...
der es tag und nacht lässt werden,
sonn' und mond uns scheinen heist.
Heinr. Albert, s. Königsb. dichterkr. s. 151 neudr
in Mecklenburg sprichw.: dor kümmt nich sünn orer mand an, wenn die garben zu dick gebunden sind; de wahnen in de düster eck, dor schint nich sünn noch mand hen, s. nd. korrespondenzbl. 14, 18ᵇ, 9. — sonne, mond und sterne:
möhte ich ir die sternen gar,
mânen unde sunnen,
zeigene hân gewunnen,
daʒ wær ir.
sein heer, die sternen, sonn und mond.
P. Gerhardt s. 140, 46 Gödeke;
so ein verliebter thor verpufft
euch sonne, mond und alle sterne
zum zeitvertreib dem liebchen in die luft.
Göthe 12, 147;
sonne, mond und sterne,
die doch sonst am himmel stehn,
lassen heut sich nimmer sehn.
Storm 8, 303.
i)
ebensowenig wird dadurch die beherrschende stellung der sonne in der natur, ihre einzige bedeutung für den menschen berührt; vgl. 2 und 5, hk; daher in der traumdeutung: die sonne bedeutet ohne allen zweiffel die person des königs. Coler traumb. 32ᵃ. astrologisch: es saget Petrus Crinitus: die sonne regire das haupt und das herze in dem menschen. Butschky Pathmos s. 116; die heutigen chymici haben ihr das gold als das edelste metall zugeeignet, und nach ihrem namen genennet ... die astrologi schreiben ihr die herrschafft über das hertz, als den sitz des lebens, zu. Jablonski 728ᵇ.
k)
dagegen hat die erkenntnis, dasz die sonne ein fixstern und andern fixsternen durchaus analog ist, dazu geführt, die benennung sonne, die ursprünglich nur als individualname galt (s. 2), auch auf diese zu übertragen und von sonnen im plur. zu reden (ebenso erden für planeten, s. erde 7, a, theil 3, 751). doch findet sich dies mehr als freie erweiterung des begriffes in dichterischer redeweise und ist vom gewöhnlichen sprachgebrauche nicht aufgenommen: die fixsterne sind so viele sonnen, deren jede die quelle des lichts und der wärme für ihre planeten ist. Adelung (1); einen einigen nebeligen stern verwandelt das fernglas in einen himmel voll sonnen. Kästner, s. ebenda; hundert kleinigkeiten mehr, die ich eben so wenig zählen mag als die sonnen der milchstrasze. Hamann 4, 110; dem auge, das unter deinem (des tages) sonnenstral nie gen himmel zu sehen wagte, enthülle ich, die verhüllete nacht, ein heer unzählicher sonnen. Herder 28, 143 Suphan; droben, droben über den sonnen — wir sehn ihn wieder. Schiller 2, 74 (räuber 2, 2 schausp.); so wie des edlen Friedrichs II. name als astronomisches sternbild in ewigen sonnen brennt. J. Paul biogr. belust. 1, 135; die erden der nacht (die planeten) traten schon auf, die sonnen der nacht (die fixsterne) gingen schon nach ihnen hervor. Hesp. 4, 49; auf jeder sonne würden wir einen tiefen sternenhimmel sich entfernen sehen. Titan 2, 74; wenn die nacht ... ihre kalten sonnen verkettet und aufdeckt. 87; indesz gilt dasselbe (was von den veränderungen auf erden gesagt ist) auch für den himmel, nur aber, dasz dort erst jahrbillionen eine neue sonne gebären. dämmerungen s. 7;
dem majestät'schen gang von tausend neuen sonnen
ist lange vom Hugen die renn-bahn ausgesonnen.
Haller ged.¹⁰ 48;
durchfleuch erst die blauen gefilde
mit sonnen und erden durchsät.
E. v. Kleist 1, 146;
(der weise) durchforscht ihr (der natur) weites reich, wo jene sonnen glänzen,
die uns die nacht verräth.
Uz s. 237 Sauer;
tönt all' ihr sonnen auf der strasze voll glanz!
Klopstock 1, 167;
unterdesz eilte der seraph zum äuszersten schimmer des himmels
wie ein morgen empor. hier füllen nur sonnen den umkreis.
3, 15 (Mess. 1, 194, vgl. 231 ff.);
die welten alle, die um andre sonnen gehn,
und jene himmel selbst, die unsre sonnen drehn,
sie spiegeln sich in mir.
Wieland suppl. 1, 167 (nat. der dinge 3, 451 f.);
die sonnen, die erden,
die sterne sie schwinden
im strome der wandlung:
das ewige bleibt!
Matthisson 2, 12;
sind es sterne, sind es sonnen,
die in meiner nacht sich zeigen?
sind's die augen meiner herrin,
welche über mich sich neigen?
Chamisso 1, 210 Koch;
nicht die sonne dich, die sonnen zeugest du; in deinem strahl
tanzen sie, als wie in ihrem strahle maden, ew'ges licht!
Rückert (1882) 5, 243 (Freimund 8);
wer heiszt die sonnen flammen,
wer führt der sterne zahllos heer?
geistl. bergges. (anh. z. Oberharzer schichtsegen, Hann. 1899) nr. 23, 2;
so auch:
flammt empor in euren höh'n, morgensonnen, lobt den herrn!
Rückert (1882) 5, 241;
vgl. dazu:
es (der stern von Bethlehem) ist ein rechtes wunderlicht
und gar die alte sonne nicht.
P. Gerhardt nr. 112, 6 Gödeke.
l)
die beobachtung, dasz auch die sonne im weltraum nicht stille steht, sondern sich (nach unbekannten gesetzen) bewegt, legte die annahme nahe, dasz sie mit andern fixsternen sich ebenfalls um einen centralkörper bewege und sich zu diesem verhalte, wie die planeten zu ihr. diese theorie von einer centralsonne hatte im 18. und 19. jahrh. zahlreiche anhänger (Lambert, Mädler u. a.), ist aber von der modernen wissenschaft aufgegeben. in der dichtung begegnet man ihr nicht selten:
durch die himmel jüngst mit flügelschnelle
stieg ich, suchend nach des lichtes quelle.
bei dem monde fragt' ich, und er sagte,
von der sonne fliesz' ihm zu die welle.
zu der sonne kam ich, forscht' und hörte,
dasz ihr licht aus höhrer sonne quelle.
und ich hörte von der höhern sonne,
dasz noch höh'rer sonnen strom sie schwelle.
und es wies mich jede höh're sonne
von sich weg zu höh'rer sonnenschwelle ...
der allgegenwärt'ge quell des lichtes
ist gleich nah und ferne jeder stelle.
näher ist er nicht der höchsten sonne,
als dir selbst in deines busens zelle.
Rückert (1882) 5, 242 (Freimund 7);
sicheren flugs dich
allen sonnen
vorüber tragen
der höchsten zu.
7, 280.
centralische sonne:
die kreise in den kreisen, die sich eng
und enger zieh'n um die centralische sonne.
Schiller Picc. 2, 6.
gott als die centralsonne, vgl. 8, a:
um erden wandeln monde,
erden um sonnen,
aller sonnen heere wandeln
um eine grosze sonne:
'vater unser, der du bist im himmel!'
Klopstock 2, 102.
m)
sonst erscheint eine mehrzahl von sonnen als optische täuschung, vgl. doppelsonne (theil 2, 1271), nebensonne (7, 506): doppel-sonne, neben-sonne, parhelio. Kramer dict. 2, 840ᵃ; neben-sonne, parelius, wann man bey gewissen lufft umständen mehr als eine sonne, nemlich einen gegenschein der sonne siehet. Frisch 2, 286ᶜ; zwey sonnen, parelius, imago solis in nube expressa, alias nebensonne. Stieler 2059; an. do. 1528. wurden widerumb drey sonnen, und drey circkel darumb gesehen. Stumpf 497ᵃ; im 1529 jar hab ich vor Wien drey sunen gesechenn. Dreytwein Eszling. chron. 49, 18 Diehl;
drei sonnen sah' ich am himmel stehn.
Wilh. Müller 1, 151 ('die nebensonnen'; reisel. 2, 20).
die erscheinung hat ihren grund in der beschaffenheit der atmosphärischen luft; jedoch auch im zustande des sehenden. so sagt man vom trinker, dessen auge 'benebelt' ist und alles 'doppelt sieht': er sieht zwei sonnen. Lichtenberg 3, 75. Wander 4, 624, 333. — die mehrzahl ist rein hypothetisch:
man sach durch den melm
brechen maniger hande blic,
reht als ob der Semernic
wær ein durchsihtigeʒ îs,
und daʒ vier sunnen iren wîs
darinnen solden brechen.
Ottokar reimchron. 7241.
dagegen gilt in wirklichkeit: zwo sonnen dienen nicht in der welt. Petri Ooo 3ᵃ; zwei sonnen sind zu viel oder vertragen sich nicht an éinem himmel. Wander 4, 623, 297 f.
2)
personification und verwandtes.
a)
die sinnlich-bildliche anschauungsweise ursprünglicher völker liebt es, die sonne persönlich vorzustellen. so erscheint sie in den alten rätseln:
es kam ein vogel federlos (der schnee),
sasz auf den baum blattlos,
da kam die jungfer (ahd. magad) mundlos
und asz den vogel federlos
von dem baume blattlos.
Scherer gesch. d. d. litt. s. 15, nach denkm. nr. 7, 4
(das.³ 2, s. 59 die weitere litt.); ferner d. 7. rätsel des Exeterb., s. Grein-Wülcker ags. poesie 3, 1, 189, nach Dietrich zeitschr. f. d. alterth. 11, 462; und noch jetzt in einem Aargauer abzählreim:
's hoket e ma hinder dr schür,
het es guldigs chäpeli uff,
hunderttusig fëdere druff.
b)
die individuelle bedeutung von sonne, die es dem eigennamen nahe bringt, zeigt sich darin, dasz es gern ohne artikel steht, so im got. durchweg (auch wo das griech. ὁ ἥλιος hat), s. Grimm gramm. 4, 383 (455 neudr.), auch ahd. noch öfter, s. 394:
noh sunna ni scein.
Wessobr. geb. 4.
in poetischer sprache sogar noch nhd.:
es knöchelte die freche band',
als sonn' am mittagshimmel stand;
sie knöchelten noch mit gelüste,
wie jetzo sonne ging zur rüste.
Immermann 13, 275 Hempel.
c)
bei der personification hat sonne gewöhnlich weibliches geschlecht, vgl. I, 3 u. Grimm gramm. 3, 349 f.; die germ. sprachen unterscheiden sich darin von den meisten andern, dasz sie der sonne weibliches, dem monde männliches geschlecht ertheilen. (so sind in der Edda Sól und Máni tochter und sohn des Mundilfari.) so ausdrücklich angegeben:
de scrift de hêt de sunne 'he',
an dudesch hetet men doch 'se'.
de wise man sprak dusse mere,
dat it der sunnen wille were
ôk wis, dat he wolde nemen
ein echte wîf, de ome getemen
van schone mochte unde van art.
Gerhart v. Minden 7, 9 ff. Seelmann.
derselbe widerspruch zwischen grammatischem und natürlichem geschlecht in folgender stelle:
sô muoʒ diu liehte rôse sîn
muoter des von Palastîn,
diu sunne der vater ouch dar zuo:
swenne si an dem morgen vruo
sunder alleʒ wolken stât u. s. w.
wo allerdings die beste handschr. Der sunne, er u. s. w. hat, was Grimm gr. 3, 348 neudr. in den text setzen will.sonst wird das masc. gern angewandt bei zusammenstellung mit mâne:
der mâne unter sunne,
die gebint ire liht mit wunnen.
Annolied 43;
dich triutet aller sternen schîn,
der mâne und ouch der sunne.
lobges. 62, 10;
des mânen und des sunnen
eclipsis und ir wandel art.
Marner 13, 44 Strauch.
während hier einfache angleichung vorliegt, ist lat.-rom. einflusz deutlich, wenn gleichzeitig mâne weibliches geschlecht erhält:
eʒ hât diu starke gotes kraft ...
gezirket wol der sternen kreiʒ, den sunnen und die mânen.
1, 16 (vgl. d. anm.). s. auch minnes. 3, 107ᵇ unter 3, l.
für mâne, f. auch die weiterbildung mæninne, f. (vgl. mond 1): der sunne erschein liehtir hiute, und diu mâninne. spec. eccles. s. 61;
der sunne laufet den pogen,
diu maninne die senewen.
Diemer ged. 343, 19.
so stehen auch kaiserchron. 85. 90 der sunne und diu mæninne neben einander. das nhd. kennt nur das weibliche geschlecht: also must (bei den alten Deutschen) der môn der sonnen und die nacht dem tag vorgên, wie wir dann noch die sonn mit einem weibischen namen und den môn mit einem mennlichen namen wider die art all ander sprachen und völker nennen. Aventin werke 1, 365, 12—15; vgl. Stieler 1289. 2058. nur bei directer übersetzung: jenen hochgesang, worin er (der heilige Franziskus) in seinem ehrlichen altitalienisch den allmächtigen preist, dasz er geschaffen hat herrn bruder Sonn — misser lu frate Sol. Vischer auch einer 2, 266. bildliche darstellung in nachahmung der antike: in der bilder-kunst wird die sonne vorgestellet als ein jüngling mit einer goldenen krone auf dem haupt, und in der rechten hand einen scepter, auf dessen spitze eine sonne, haltend, zu seinen füssen ein liegender löwe. Jablonski 728ᵇ.
d)
die personification wird verdeutlicht durch beigesetzte titel. frau Sonne:
wol dir, frowe Sunne!
du bist al der welt wunne.
warnung 2019 (zeitschr. f. d. alterth. 1, 493),
vgl. J. Grimm kl. schr. 2, 18. gramm. 3, s. 344 neudr. myth.⁴ 2, 587 f.;
und nötzet mich das kiele maientaw,
so tricknet mich fraw Sunne.
Uhland volksl.² s. 41 (16, 6).
frau Sonn bei Aventin s. e; als kinderspiel: der sich immer von ihnen (den knaben) absonderte, und dafür mit den kleinen mädchen versteckens, frau Sonn, gerad oder ungerad, und dergleichen spielchen spielte. Wieland 15, 158. — mutter Sonne. (überschr.).
die mutter Sonne spricht,
ihr wort ein strahl von licht.
zu ihrer kindlein haufen.
Rückert (1882) 7, 292;
urmutter Sonne! dein und meine kinder,
durch deiner brüste milch emporgesäugt.
Hauptmann vers. glocke 103.
vgl.: weiter hat der obgemelt Ingevon seinen vater Manno und sein muter Sunnam in den himmel gesetzt und die zwên höchste und helleste gestirn die son und den môn nach inen genant. Aventin werke 1, 364, 34. s. auch p.
e)
durchgeführt ist die personification, wenn die sonne als gottheit betrachtet und verehrt wird, wie überall in der zeit der naturreligion: dieweil dann die sonne durch ihre wunderbare und nützliche würckungen sich für andern geschöpffen herrlich erweiset, so ist ... sie auch jederzeit als die seel und das hertz der welt, als der ursprung des lebens der natur, und als ein selbst belebtes wesen angesehen, und aus allzugrosser bewunderung gar vergöttert worden, allermassen die erste und älteste abgötterey von der anbetung der sonnen und des monds angefangen, und bey den einfältigsten und unwissendsten heyden unserer zeit noch behalten wird. Jablonski 728ᵇ;
der sonne blendend licht, und immer gleich bewegen,
ihr alles schwängernd feu'r, der quell von unserm segen,
schien würdig gnug zu seyn vor weyhrauch und altar,
man fand was göttliches, wo so viel gutes war.
Haller ged.¹⁰ 53,
vgl. Wachter 1541 f.; sînen got zêigot der, der sunnun alde mânen betôt. Notker ps. 41, 4 f. bei den alten Hebräern: das du auch nicht deine augen auffhebest gen himel, und sehest die sonne und den mond, und die sterne, und fallest ab, und bettest sie an und dienest jnen. 5 Mos. 4, 19; und er thet abe ... die reucher des Baals, und der sonnen und des monden, und der planeten. 2 kön. 23, 5; und werden sie zerstrewen unter der sonnen, mond und allem heer des himels, welche sie geliebet und jnen gedienet, und jnen nachgevolget und gesucht und angebetet haben. Jerem. 8, 2; im alterthum:
dâ mit êrten si (die Römer) den sunnen,
daʒ er in gæbe scîn unt wunne.
kaiserchron. 85.
bei den alten Deutschen: dergleichen haben si sein weib, frau Sonn, in die zal der untödlichen götter beschriben, si ein küngin des himels, nach ir des tags liecht und ersten tag genant. Aventin chron. 1, 89, 28. über verehrung und cult der Sonne im germ. alterthum vgl. J. Grimm myth.⁴ 2, 587 f. 600 f. 3, 205 f. kl. schr. 2, 18. E. H. Meyer myth. s. 10. 267. 293. Golther myth. s. 487. Germ. 1, 79—81. 10, 435. eine ahd. göttin Sunna erscheint im zweiten Merseburger zauberspruch v. 3:
thû biguolen Sinthgunt, Sunna era suister.
vgl. dazu denkm.³ 2, 46 f. J. Grimm myth.s. 256. 587. kl. schr. 2, 18. Meyer myth. s. 269. 293. — die christl. auffassung dagegen ist:
der sunne ist niht wan ain gotes gescaft.
kaiserchron. 9076.
f)
die göttliche geltung der sonne wirkt noch nach in allerlei aberglauben, gebräuchen u. ä. über ertheilung von lehen im namen der sonne vgl. sonnenlehen. — beim schwören reckt man die finger gegen die sonne, s. Grimm myth.⁴ 2, 587: (alle haben) mit leiblichen uffgereckten fingern, gegen der sonnen, zu gott unnd den heyligen .. geschworen. weisth. 3, 349. vgl.:
die sunnen und den manen
und al ir undertanen
die setz ich zu gezuge,
daʒ ich nu niht enluge.
evangel. Nikod. 1039.
gegen die sonne schieszen beim freischusz, s. Meyer myth. s. 246. — wider die sonne reden, vgl. 3, p. (brunzen, s. J. Franck unter I, 4.) — sie klingt ferner nach in den attributen die heilige sonne:
(kinderreim aus Stauden:)
liebs mueter gottisle,
tue deĩ blickele auf,
und lasz die heilig sonna 'rousz!
Birlinger 388ᵃ.
häufig gottes sonne (s. Chamisso unter 3, q):
es gilt der herrlichsten von allen,
die unter gottes sonne wallen.
Bürger 68ᵃ.
s. ferner 3, l.
g)
auch die verwendung von sonne zur bildung von eigennamen hängt damit zusammen. Sunno, -a (masc.) ist nach Förstemann namenb. 1², 1371 f. seit dem 4. jahrh. oft bezeugt; das fem. Sunna unsicher. die zusammensetzungen gehören wol nur theilweise hierher (Sunnigisil, -hilt, Sunnoveifa?). nhd. als poetischer name: Sonne, dies war der sinn der verse, die sie sang, Sonne des lebens nennen sie mich. Ludwig 2, 465.
h)
eine art personification liegt auch vor, wenn die sonne angeredet wird: lobont in sunna unde mâno. Notker ps. 2, 602, 15 Piper; lobet jn sonn und mond, lobet jn alle leuchtende sterne. ps. 148, 3; an die sonne. Schiller 1, 214 (überschr.);
o heller tag, o liebe sonn,
sprachen sie, nun dein schein uns gonn.
Fischart glückh. schiff 197;
wo bist du, sonne. blieben?
die nacht hat dich vertrieben.
P. Gerhardt s. 16, 7 Gödeke;
in kärnth. kindersprüchen:
sunne, schein, schein,
treib die wolken vor dein.
Lexer 234.
so auch:
ich klage dir, Sunne, ...
daʒ mir diu liebe tuot sô wê.
minnes. 1, 10ᵃ Hagen.
die sonne antwortend:
ich Sunne wil durhizzen
ir herz', ir muot.
11ᵃ.
i)
der sonne werden menschliche glieder beigelegt, besonders augen:
wie die sonn' ihr aug' geschlossen,
schlieszet ihr's die blum' am raine.
Rückert (1882) 5, 245.
sprichwörtlich: er will der sonnen die augen ausbrennen, soli lumen inferre audet, i. e. actum agit (vgl. 3, f). Stieler 2058; man kan der sonn keine augen auszstoszen, wenn man schon pfeil und kugeln in himmel schieszet. Lehmann bei Wander 4, 616, 141. (anders, wenn die sonne selbst als auge bezeichnet wird, s. 3, o. 5, h.) so auch:
mein glantz bepurpert selbst der sonnen augen-bran.
Lohenstein rosen 67.
ähnlich angesicht der sonne:
da vor dem angesicht der sonne klar
mein volles recht, wie ihre tücke, liegt.
Göthe 9, 205 (Tasso 4, 3).
vgl. P. Gerhardt unter 4, d. selten andre:
und wenn die sonne dann die heisze stirn
abkühlend eintaucht in die kalte welle.
Liliencron ausgew. ged. 86.
(zunge s. 3, o.)
k)
wohnung, sitz der sonne u. ä. sie hat eine hütte, zelt: er hat der sonnen eine hütten in denselben gemacht. ps. 19, 5;
wer führt die sonn aus ihrem zelt?
Gellert 2, 102;
vgl.:
die morgenröth auch brach herfür,
und öffnet der sonnen die thür.
da sie heraus führt jhren wagen u. s. w.
froschm. Hh 5ᵃ.
wagen der sonne ferner: die sonn fahrt auff einem königklichen wagen mit vier underschidlichen geschirn, das eine von eisen, das ander von silber, das dritte von bley, das vierdte von glasz. Albertinus hirnschleiffer s. 630;
nun der sonne stralen wagen
gegen uns die axe kehrt.
S. v. Birken geistl. weihrauchk. 35.
thron der sonne:
swaʒ waʒʒer, luft, viur, erde weben
swaʒ wont von grunde unz an den trôn der sunnen.
minnes. 2, 377ᵇ Hagen.
l)
der sonne werden menschliche thätigkeiten zugeschrieben.
α)
im allgemeinen als ausdruck ihrer wirkung und bedeutung: (gott,) der grosze liechter gemacht hat, ... die sonne dem tage furzustehen. ps. 136, 8; daher heiszt sie:
o sonne, königinn der welt!
Uz s. 180 Sauer.
ferner:
dann bewundert er dich, gott, in der morgenflur,
in der steigenden pracht deiner verkünderin,
der allherrlichen sonne.
Hölty 113 Halm.
β)
ihre gewöhnliche wirkungsweise wird wie bewusztes thun aufgefaszt: denn die sonne feyret gar keinen tag nicht, sondern leuchtet einen tag ebenso hell als den andern und gehet ymerdar yhren laufft für sich hyn. Luther 24, 62, 28 Weim. ausg. die bewegung wird als ein gehen bezeichnet: und dieselbe gehet heraus, wie ein breutigam aus seiner kamer, und frewet sich, wie ein helt zu lauffen den weg. ps. 19, 6;
die sonne trat mit riesenschritt
auf ihrer himmelsbahn
hervor.
Gleim 4, 7;
glockenklang, kanonendonner! — sieh, des zeltes hülle sank,
und enthüllt ein riesig standbild, erzgegossen, hell und blank!
wie zur huld'gung, trat die sonne jetzt auch aus dem nebelflor.
Anast. Grün spaziergänge³ s. 82.
vgl.:
der sunnen was gên hœhe gâch.
Rud. v. Ems Gerh. 5064.
bei auf-, niedergehen empfinden wir eine derartige bildlichkeit nicht mehr (wol aber in synonymen ausdrücken, s. 6, d. f). dagegen liegt personification vor in wendungen wie: die sonne weis jren nidergang. ps. 104, 19. — sonne malt, s. Chamisso unter 4, a, Freytag 5, c, E. v. Kleist 6, l:
den saum der wolke malet
die sonne noch.
Stolberg 2, 12.
γ)
häufig wird die sonne als sehend dargestellt, vgl. dazu i und 3, o:
heute noch
soll, was verborgen war, die sonne schauen.
Schiller braut v. Mess. 1, 7 (s. auch unter 4, g);
die sonne blickt in's fenster mir,
und mahnt mich aufzustehn.
Rückert (1882) 7, 355.
ferner: die sonne gieng ungemein hell und klar auf, fand alle andern im festen schlafe liegen, uns drey elenden aber in schmertzlichen klagen. Felsenb. 1, 322. daher auch der sonne zeigen:
ach nur umsonst, und könt ich auch
bis in den himmel steigen,
und wieder in der höllen bauch
mich zu verkrichen neigen;
dein auge dringt durch alles sich,
du wirst da meine schand und mich
der lichten sonnen zeigen.
Luise Henriette v. Brandenburg bei Joh. Crüger praxis pietatis (1656) s. 140 ('ich will von meiner missethat').
und umgekehrt:
so rings bedeckt,
der sonne versteckt.
Göthe 1, 88.
δ)
sonne spricht, vgl. h und Rückert unter d und l, γ (mahnt):
die sonne spricht, ihr ruf ein zuckend licht.
Rückert (1882) 7, 297.
so auch: um mit besonnenem mut ihre kräfte walten zu lassen, wenn zur arbeit die sonne rufe. Gotthelf 4, 86 Vetter. — lacht:
o seht! die liebe sonne lacht.
Miller ged. 155.
lächelt, s. Göthe unter 5, i:
in diese wildnisz, die kein beil gelichtet,
die nie durchzuckt der sonne mildes lächeln.
Freiligrath⁵ 1, 179.
ε)
vereinzeltes:
dô hete diu müede sunne
ir liehten blic hinz ir gelesen.
Parz. 32, 24;
wie lange wirstu (der morgenstern) dann die sonne schlaffen lassen?
Opitz 2, 153.
m)
während hier einfach poetische übertragungen vorliegen, scheinen in andern wendungen vielleicht noch mythologische vorstellungen durch, so, wenn nach weitverbreitetem volksglauben die sonne früh am ersten ostertage drei freudensprünge thut oder einen freudentanz hält. J. Grimm myth.⁴ 1, 241, vgl. 3, 210. Jablonski 728ᵇ. (nach Menzel Germ. 1, 67 auch an den solstitien und nachtgleichen.) vgl.: doctor Martinus Luth. sagt, er hette gemerckt und achtung darauff gehabt, das die sonne nu zwen tage were mit freuden und springen auffgangen. Luther tischred. 43ᵇ. als poetisches bild zum ausdruck der trunkenheit:
begeistert, heilig, tauml' ich voll vom gotte;
die schöne sonne hüpft um mich!
Fr. Müller 2, 343 (gesang auf die geburt des Bacchus).
im traum, symbolisch: mich dauchte, die sonne und der mond und eilff sternen neigten sich fur mir. 1 Mos. 37, 9. — die sonne friszt kleine kinder, s. Wander 4, 612, 40.
n)
die sonne hat menschliche empfindungen, sie freut sich, s. ps. 19, 6 unter l, β, vgl. ferner Grimm myth.s. 588:
sô ir die sunnen vrô sehet,
schœnes tages ir ir jehet.
warnung 2037;
die son, die erd, all creatur,
all was betrübet was zuvor,
das frewt sich heut an diesem tag.
Wackernagel kirchenl. 3, nr. 1374, 13.
sie ist gütig, s. 5, k; gnädig:
ich vürhte niht des mânen schîn,
wil mir diu sunne gnædic sîn.
Vridanc 108, 6.
anderes:
sunna irbalg sih thrâto   suslîchero dâto, ...
hintarquam in thrâtî   thera armalîchûn dâti,
ni wolta si in thên riuôn   thara zi in biscouôn ...
ni liaʒ in scînan thuruh thaʒ   ira gisiuni blîdaʒ.
Otfrid 4, 33, 1—6;
die liebe sonne kan nicht mehr
zusehn, und sich entsetzet seer,
darumb verleurt sie jren schein.
Wackernagel kirchenl. 3, nr. 1033, 12;
neidende sonne, die heut, (mich dünkt es) früher den tag bringt,
ach, verweil in dem meer.
Herder 27, 321 Suphan;
eine that,
wovor die sonne schamroth sich verkriechen,
worüber menschen, schöpfer und natur
in allgemeinem sturme schaudern würden?
Schiller dom Karlos 2, 5.
in der fabel:
den sunnen einekeit verdrôʒ.
daʒ er solt wesen erbelôs
und âne kint, daʒ was im zorn.
Boner 10, 11.
o)
ganz mythologisch ist die im mhd. sehr gewöhnliche wendung hin varn der sunnen haʒ = zum teufel gehen, denn sie wechselt mit gotes haʒ, s. mhd. wb. 2, 2, 745. J. Grimm myth.⁴ 1, 17, z. b.:
ir sult varen der sunnen haʒ.
Parz. 247, 26.
p)
kind der sonne, vgl. d, meist in freier poetischer verwendung, vgl. 5, i, von menschen in verschiedenem sinne: der staubechten sonnen kinder, taglöner, hundsentwehner, landtzettler, bettler u. s. w. Fischart groszm. s. 11 neudr.; Bettina war ein kind der sonne, halbwälschen blutes, aufgewachsen in der freien luft am grünen Rheine. Treitschke d. gesch. 4, 418;
er ist der sunnen kint, des sie da deuhte.
jüng. Tit. 1601, 2,
geliebte sonne,
allerbarmerin,
an deinem busen
hegst du dein kind.
Heyse kinder der welt 1, 274;
ich bin der sonne ausgesetztes kind,
das heim verlangt.
Hauptmann vers. glocke 162.
3)
die sonne als lichtquelle.
a)
die helle, lichte sonne; reicher an ausdrücken ist die ältere sprache:
antthat thiu liohta giwêt
sunna te sedle.
Heliand 4235;
sô thuo gisîgid warđ   sedle nâhor
hêdra sunna.
5716;
blîkit thiu berahto sunna.
genes. 20;
thuo te sedla hnêg   sunna thiu huuîta
268.
auch, besonders in älterer sprache:
die golt varwe sunne.
jüng. Tit. 355, 2;
die güldne sonne.
P. Gerhardt nr. 106, 1 Gödeke.
vgl.:
die sonne gab ihr gold, ...
der morgen sein rubin zu seinen farben her.
Lohenstein rosen 72.
daher in vergleichen hell wie, heller als die sonne:
gisiuni sîn was, wunna!   sô scônaʒ io, sô sunna.
Otfrid 5, 4, 31;
was ist heller denn die sonne? Syrach 17, 30; das ein liecht vom himel, heller denn der sonnen glantz, mich und die mit mir reiseten umbleuchtet. ap. gesch. 26, 13.
b)
licht der sonne:
der sonne blendend licht.
Haller ged.¹⁰ 53;
der lieben sonne licht und pracht
hat nun den tag vollführet.
hannov. gesangb. 504, 1.
schein:
gar gelîch dem liehten schîne
von dem sunnen wol getân.
minnes. 1, 112ᵇ Hagen;
dô man der sunnen schîn ersach.
Ottokar reimchron. 61928;
er gibt uns auch den schaten
und seiner sonnen schein.
bergr. s. 37, 10 neudr.;
und des mons schein wird sein wie der sonnen schein, und der sonnen schein wird siebenmal heller sein denn jtzt. Jes. 30, 26. — der sonne klarheit: ein ander klarheit hat die sonne, ein ander klarheit hat der mond. 1 Cor. 15, 41;
zweifle an der sonne klarheit,
zweifle an der sterne licht.
Shakespeare Hamlet 2, 2,
vgl. Büchmann²⁰ 320. sprichwörtlich: der sonnen klarheit lescht keinen durst. Petri P 1ᵃ. anderes:
ich sach sie gegen der sonnen glantze.
bergr. s. 46, 20 neudr.;
dieser tag ist nun vergangen, ...
es ist hin der sonnen prangen.
Rist s. 229 Gödeke.
individualisiert strahl der sonne: dasz die fledermausz bey tage nicht wohl sehen, und der sonnen strahlen nicht vertragen kan. Olearius rosenth. 7ᵃ;
nun färbt der erste strahl der sonne
des berges stirne.
Wieland 9, 245.
mhd. dafür auch blic:
si (die linde) ist breit hôch und alsô dic
daʒ regen noch der sunnen blic
niemer dar durch kumt.
Iwein 576
c)
sonne scheint, leuchtet: die sonne scheinet, il sole luce, splende, ci è sole. die sonne scheinet nicht. ein tag, da die sonne scheinet. Kramer dict. 2, 839ᶜ; die sonne scheinet, sol lucet, splendet, lustrat. Stieler 2058;
nun sich der tag geendet hat
und keine sonn mehr scheint.
hannov. gesangb. 506, 1.
dazu als incohativ in älterer sprache erscheinen (zum vorschein kommen): da aber in vielen tagen weder sonne noch gestirn erschein. ap. gesch. 27, 20. so in wetterregeln:
wenn die sonn' am sanct-Paulustage scheint,
dadurch wird ein fruchtbar jahr gemeint.
Wander 4, 619, 199,
s. ferner nr. 156—8. 210. 228 f. 283. mit adverbien: hellscheinende sonne, solis candor illustrior. Stieler 2058;
sô diu sunne schînet vaste.
Konr. Fleck Flore 4205;
da schein die sonn vast hell und pur
das niemand sehen kundt darein.
H. Sachs 2, 3, 192ᵇ;
scheint die sonn' am christtag hell und klar,
so hofft man ein fruchtbar jahr.
Wander 4, 617, 156.
sprichwörtlich:
scheint die sonne noch so schön,
einmal muss sie untergeh'n!
Raimund 1, 269 (bauer als mill. 2, 6),
gew. citiert in der umformung:
und scheint die sonne noch so schön,
am ende musz sie untergehn!
Heine 1, 498 Elster (vorr. zur 2. aufl. des buchs der lieder),
vgl. Büchmann²⁰ 262. Wander 4, 617, 160. ein tag, da die sonne unbeständig, dunckel und betrübt scheinet. Kramer dict. 2, 839ᶜ. die sonne scheinen lassen, von gott, s. l, von menschen:
sie lieʒen die sunnen schînen
sieben unde vierzec [wî]len,
daʒ sie von der stete nemochte kuͦmen.
Trierer Silv. 849.
sprichwörtlich man sol die sonne lassen scheinen, wens zeit ist. Petri Oo 4ᵇ; lat de sonne schynen, wenn 't tyd is, 'treibe nicht eher kleiderpracht, als bis es zeit ist'. Strodtmann 221. — sonne giebt schein, strahlen: so einem traumt, wie er strahlen von sich gebe, wie die sonne thut. Coler traumb. 32ᵃ;
noch daʒ diu sunne her ab
dâdurch deheinen schîn gap.
Ottokar reimchron. 96038.
ferner: die mit jhrem blitzenden gläntz, strallwerffende sonne. Comenius sprachenth. 34. mhd. gern spilnde sunne:
sô die bluomen ûʒ dem grase dringent,
same si lachen gegen der spilden sunnen.
d)
leuchten wie die sonne besonders biblisch: thanne rehte skînent samosô sunna in rîhhe iro fater. Tat. 76, 5; inti scein sîn annuzi sô sunna. 91, 1; denn werden die gerechten leuchten, wie die sonne in jres vaters reich. Matth. 13, 43; und sein angesichte leuchtet wie die sonne. 17, 2; und sein andlitz, wie die sonne. offenb. 10, 1;
si schînent in dem gotes rîche sam der sunne îemir mêre.
Rolandslied 294, 27;
dar nâch suln die erwelten sîn
noch liehter dann der sunnen schîn.
Vridanc 179, 15;
alle unsre wunne
leit jn presepio,
und leuchtet wie die sunne
matris jn gremio.
Wackernagel kirchenl. 1, nr. 644, 1
(in den ältern fassungen, 640 ff.: sy leuchtit vor dy sonne);
als dann wirstu fro sein, ...
imm verklerten leben
mit dem herren schweben,
voller freud und wonne,
leuchten wie die sonne.
3, 259, 12;
hie jst er jnn angst gewesenn,
dort aber wirt er genesen,
jnn ewiger freud und wonne
leuchten wie die schöne sonne.
395, 6
alsdenn meinn leib vernewre gantz,
das er leucht wie der sonnen glantz
und ehnlich sey deim klaren leib.
348, 13;
ins haus der ewgen wonne,
da ich stets freudenvoll
gleich als die helle sonne
nebst andern leuchten soll.
P. Gerhardt nr. 103, 103 Gödeke;
verklärter leiber glantz, der sonn und sternen gleich.
Mühlpforth leichenged. 38.
dafür auch geradezu:
weil viel ein schöner ort uns wieder wird ümfassen,
der den verklärten leib zu stern und sonne macht.
24.
e)
die sonne übertrifft an helligkeit jedes andre natürliche licht, so das des mondes: sprichwörtlich: de sunne schynt klarer dan de mane. Tunnicius 128; die sonne scheint heller dan der mond. Petri R 3ᵇ. Wander 4, 614, 83; daher: wann die sonn scheint, so fragt man nicht nach dem mond. 616, 177; aber:
die âne sunnen müeʒen sîn,
den wære endanke smânen schîn.
Vridanc 117, 8;
wer ohn sonne musz seyn,
der nimpt vorlieb desz mondes schein.
Petri Jii 1ᵃ.
(vgl. Vridanc unter 2, n.) — verglichen mit den sternen: eine sonne bringt mehr licht als hundert sterne. Wander 4, 615, 109; daher wann die sonn scheinet, so fragt man nichts nach den sternen. 176; wem die sonne scheint, der fragt nicht nach den sternen. 186; wenn die sonne am himmel ist, sieht man die sterne nicht. 204; im vergleich:
alsam der sunne gegen den sternen stât.
mit kerzen u. ä.: eine sonne leuchtet mehr als viel kerzen. Wander 4, 615, 110; im vergleich: also kompt Paulus zum gesicht, zur taufe, zum heiligen geist, durch Ananiam, der nicht ein finger war gegen Paulo, sondern war wie ein kerzlein gegen der sonnen. Luther 6, 322 Erl. ausg.
f)
typisch, als bezeichnung überflüssiger und unnützer arbeit (wie eulen nach Athen tragen): es ist nicht not, dasz man der sonnen helfe mit fackeln und schauben. Eiselein 511 (aus Geiler), vgl. Simrock 9584. Wander 4, 616, 118. 623, 305 f.; es sind auch überdem die verdienste desselben so bekannt, und alle welt stimmet so sehr darinn überein, dasz sie ausnehmend sind, dasz ich nur der sonnen eine fackel anzünden würde, wenn ich durch mein ungeschicktes und unnöhtiges lob ihm und dem geneigten leser verdrieszlich fallen wolte. Liscow s. 5. ähnlich auch: die sonne schneuzen und ein alt weib beszern, sind zwei vergebne dinge. Simrock 9585. (vgl. auch unter 2, i.)
g)
die sonne, auch wenn sie nicht scheint, d. h. wenn die directe lichtausstrahlung der sichtbaren sonnenscheibe durch wolken o. a. versperrt ist, macht es doch hell und ist die quelle alles lichtes auf der erde: die sonne gibt aller welt liecht, und jr liecht ist das allerhellest liecht. Syr. 42, 16; die sonne erleuchtet alles mit ihrem lichte. Steinbach 2, 606; die sonne hat gott als ein licht angezündet. ebenda. sie heiszt daher das licht der welt: wie die sonn das liecht der welt ist, so seynd die augen desz menschen liecht. Lehmann bei Wander 4, 622, 281; der werlde schîn. s. Grimm myth.⁴ 3, 204. — sie können es nicht liecht machen, wie die sonne. Bar. 6, 66. dem steht eine andre auffassung entgegen: ists liecht gewest ehe noch die sonne war, so folget das die sonne das liecht nicht mache? darauff antwortet d. M. der sonnen liecht ist, ehe sie geschaffen sind, nicht wie sie jetzt ist bey einander gewest, sondern zerstrewet, gott aber brachte dasselbe liechte zusammen auff ein klumpen, und macht ein liecht darausz, nemlich die sonne, wie wir sie jetzt sehen. Luther tischred. 43ᵇ. — vom 'himmlischen Jerusalem': die stadt darff keiner sonnen noch des monden, das sie jr scheine, denn die herrligkeit gottes erleuchtet sie. offenb. Joh. 21, 23; vgl. 22, 5.
h)
die sonn scheynt vollkommenlich über das gantz ärdtrich, terras larga luce sol complet. Maaler 376ᶜ; wie die sonne mit ihrem glanze, die gantze welt überscheinet und leuchtet. Butschky Pathmos s. 283;
uber alle die werlt scînet er ('der sunne') lûter und lieht.
kaiserchron. 9074.
daher sprichwörtlich: soweit die sonne scheint, leuchtet, d. h. überall:
das fünff[t] kleinet ist ein prunen:
als weit als leuchten mag die sunen,
so fint man des geleichen hart von steine.
Rosenplüt spruch v. Nürnb. 124;
Christum wir sollen loben schon,
der reinen magd Marien son,
so weit die liebe sonne leucht,
und an aller welt ende reicht.
Luther 8, 357ᵇ;
es ist das feur, das hitzt und brennt,
so weit fast sonn und mond sich wendt.
P. Gerhardt nr. 3, 10 Gödeke.
vgl. auch: ein herr aller herren, ein anfank aller fürsten, die sich herren schreiben zu land und zu wasser, die die sunn oder mon begreift. d. städtechron. 10, 213, 6.
i)
als bezeichnung des hellen, vollen sonnenscheins nd.: de sunne schînt ôwer barg un dâl. de sunne schînt ût allen lökern (durch alle ritzen). Schambach 219ᵃ. der sonnenschein trifft jedoch nicht immer alle stellen zu gleicher zeit, daher die sonne scheint wohin: die sonne scheinet ins zimmer, in garten etc. il sole dà nella stanza, nel giardino etc. Kramer dict. 3, 839ᶜ; die sonne scheinet mehrenteils in die kammer, cubiculum plurimo sole perfunditur. Stieler 2058; auffällig von einer strahlenbildung:
da gab die son int höch ein schein,
der reichet bis an himel vast,
zugespitzt gleich wie fewer glast.
H. Sachs 2, 3, 192ᵇ.
so in sprichwörtlichen redeweisen: an diê berga scinet diû sunna ze êrist, aba in chumet sî nider an daz kefilde. Notker ps. 35, 7; vgl. Eiselein 571; an die berge scheint die sonne zuerst. Simrock sprichw. 9591; die sonne scheint auch in unreine orter, und bleibt gleichwol rein. Petri R 3ᵇ; die sonn scheint in ein schmeiszhaus (in den koth) unnd wird doch nicht besudelt. Wander 4, 612, 27; nd. he kan nig liden, dat de sunne in't water schient, er ist höchst miszgünstig. brem. wb. 4, 1101; die sonne scheint noch über den zaun, es ist noch nicht aller tage abend. Eiselein 571. Wander 4, 615, 89. 624, 321; wenn die sonn inn der hell scheinet. Eiselein 3, 373; wan die sonne in die höll scheinet, raro vel nunquam. Schottel 1125ᵇ. Wander 4, 625, 349. — die sonne bescheint etwas: wenn einem traumt, wie die sonne auffgangen, und sein beth bescheinet. Coler traumb. 32ᵇ. mit dativ der person: er läszt sich die sonne in den magen scheinen, um sich zu sättigen, von einem, der mangel leidet. Wander 4, 624, 330; wenn ihm nicht die sonne in den hals scheint, bekommt er nichts warmes in den leib. 625, 352; sich d' sun in arsch scheinen lassen, vom langschläfer. 346; sonn yn den ars scheinen. Luther sprichwörters. nr. 388;
die sonne schien ihm auf's gehirn,
da nahm er seinen sonnenschirm.
Hoffmann Struwwelpeter s. 8,
vgl. Büchmann²⁰ 278.
k)
sonne scheint durch das fenster u. ä., was durchsichtig ist, oder löcher hat, s. I, 5, a zu ende. so besonders in zwei redeweisen.
α)
mhd. stehend zur verbildlichung der jungfräulichen geburt:
alsô diu sunne schînet   durch ganz geworhteʒ glas,
alsô gebar diu reine Krist, diu magt und muoter was.
diu sunne schînt durch ganzeʒ glas:
sô gebar si Krist, diu maget was.
Vridanc 24, 10;
deu maget eins kindelîns genas,
ân allen meil daʒ was
als deu sunne durch daʒ glas.
Heinr. v. Neustadt v. gotes zuok. 1404.
und noch nhd.:
als die sun durchscheint das glas
mit jrem klaren scheine
und auch nit verseret das, ...
jn gleicher weis geboren wart
von einer keuschen jungfraw zart
gotes sun der werde.
Wackernagel kirchenl. 2, nr. 690, 4 (vgl. 691—9).
in anderer anwendung:
diu Minn hât reht der sunnen craft,
der schîn erzeiget meisterschaft
an eime   ganzen glas, swâ daʒ vor einem venster stât.
dâ durch sô schînets âne crac ...,
alsô tuot   diu Minne, swâ ir blic von spilenden ougen gât.
β)
jemanden schlagen, dasz die sonne durch ihn scheinen soll, also eig. von einer wunde, die ganz durch den körper geht, oder auch: einen so dünn schlagen, dasz er durchscheinend wird. diese verbreitete redensart weist Kehrein 1, 378 aus einer rhein. gerichtsverhandlung vom jahre 1511 nach; sie kommt aber schon mhd. vor:
er slahes daʒ diu sunne durch sî schîne.
l)
in bezug auf menschen: denn er lesst seine sonne auffgehen uber die bösen und uber die guten, und lesst regenen uber gerechte und ungerechte. Matth. 5, 45; häufig ungenau citiert als 'geflügeltes wort': seine sonne scheinen lassen über gerechte und ungerechte. Büchmann²⁰ 61;
er lâʒit sunnûn sîna   scînan filu blîda,
joh regana gilîche   allemo erdrîche.
Otfrid 2, 19, 21;
gott vater, der du deine sonn
lest scheinen uber bös und from.
Wackernagel kirchenl. 3, nr. 1386, 1.
sonst gewöhnlich mit dativ, wodurch der wert des sonnenscheins für den menschen hervorgehoben wird: die sonne sol nicht mehr des tags dir scheinen. Jes. 60, 19;
euern ohm
erschlagen. euern kaiser! und euch trägt
die erde noch! euch leuchtet noch die sonne!
Schiller Tell 5, 2.
sprichwörter: die sonne scheint sich selber nicht. Simrock sprichw. 9592; die sonne scheint jhr selber nicht. Petri R 3ᵇ; die sonne scheint dem armen wie dem reichen. Sss 4ᵇ; die sonn scheint allen menschen unnd thieren. Wander 4, 612, 26;
disz sprichwort man von alten sagt,
die lang gelebt und wol betagt,
abnemen thun, und runtzlecht werdn, ...
und nichts an jhn denn haut und bein,
von denen sagt disz sprichwort fein, ...
die sonn hat jm zu lang geschin,
marck, blut und fleisch genommen hin.
Eyering 1, 50.
mit besonderer bedeutung:
ze sælden schîne im itslich stern,   diu mâne unde ouch der sunne!
minnes. 3, 107ᵇ, 11 Hagen.
in bildlicher verwendung:
wie gehts der liebsten frawen mein?
ich hab jr gestert nit gesehen,
mir ist vor sehnen weh geschehen,
dasz mir die sonn nit hat geschinnen.
H. Sachs 5, 226ᶜ;
mir scheinet wiederumb die sun,
das glück thut sich nit gen mir sprewsen.
fastn. sp. 2, 126 neudr.
m)
dafür einen bescheinen, anscheinen (mhd. überschînen), besonders in gewissen redeweisen:
er nist in erdringe,   ther ira lob irsinge, ...
dag inan ni rînit,   ouh sunna ni biscînit,
ther iʒ io bibringe,   thoh er es biginne.
Otfrid 1, 11, 49;
ein furste lîbs und guotes
gen sîm gesinde sô gemein,
diu sunne den nie beschein (den gab es nie).
Ottokar reimchron. 38221;
nie süeʒer vröude der sunne überschein.
minnes. 1, 112ᵃ Hagen;
nie kluger ros die sunne beschein.
fastn. sp. 150, 12;
di schall nig sünne edder mane beschinen, du sollst ins dunkle loch. Dähnert 474ᵃ; besonders häufig: er ist nicht wehrt, dasz ihn die sonne bescheine. Kramer dict. 2, 840ᵃ. Frisch 2, 286ᶜ: du schandtlicher trewloser verräter, welcher du nit wirdig bist, das dich die sonn anscheint. Galmi (1540) 125ᵇ;
bin ich's werth, dasz mich die sonn' bescheine?
neulich da hatt' ich so meine gedanken alleine,
ob ich es werth auch sei, dasz mich die sonne bescheine.
wenige sind's; ob ich einer der wenigen bin?
aber ich schlug die gedanken mir schnell aus dem sinn:
als sich die sonne befreite von dunstigen massen,
eilt' ich hinaus um von ihr mich bescheinen zu lassen.
Rückert (1882) 7, 359.
auch: de is nich wirt, dat em sünn orer mand beschient. nd. korrespondenzbl. 14, 18ᵇ, 9; ferner: terra mihi prius dehiscat ... ich wolt nit dasz mich die sonn anschin, die erd truͤg ... also sagen wir wann wir ein ding hoch auff uns nemen und weit werffen, dasz wir solchs gedencken, vil weniger thuͦn solten. Franck sprichw. 2, 37ᵃ; als bezeichnung eines verzärtelten menschen: es hat jn nie kein sonn beschinen. 34ᵃ. so als typischer zug in alten sagen:
dô hieʒ der wilde Hagene   ziehen sô daʒ kint,
eʒ beschein diu sunne selten   noch daʒ eʒ der wint
vii lützel an geruorte.
Kudr. 198, 2,
vgl. dazu Uhland schriften 3, 423. Panzer Hilde-Gudrun s. 213 -7. — bildlich: die klar sonn hat mich angeschinen, ich hab ein glückhafftigen tag gehabt, candidi soles fulsere mihi. Maaler 376ᶜ. — vgl. auch das sprichwort:
diu sunne schînt den tiuvel an,
unt scheidet si doch reine dan.
Vridanc 14, 8.
n)
mit angabe der wirkung, so in den sprichwörtern: die sonne scheint keinen hunger ins land. die sonne hat noch keinen bauern zum lande hinaus geschienen. Simrock sprichw. 9589 f., vgl. Wander 4, 611 f., 12. 50 f. 81. 88; nd.: de sunne het noch keinen bûeren ût den lanne 'schênen, ein trockner sommer hat noch nie den landmann zugrunde gerichtet. Schambach 219ᵃ. auch de sunne schînt et dröæge, trocknet es. ebenda.eine noch halb mythologische vorstellung liegt dem anfange eines alten volksliedes zu grunde:
schein uns, du liebe sonne,
gib uns ein hellen schein!
schein uns zwei lieb zusammen,
ei die gerne bei einander wollen sein!
Uhland volksl.² 57 (31, A, 1),
vgl. dazu schriften 3, 452 f. 4, 33. Menzel Germ. 1, 66 f. s. auch sonnenschein.
o)
die sonne bewirkt, dasz es hell ist und man sehen kann (s. g). an's licht der sonne kommen, zum vorschein (gewöhnlich an die sonne, s. unten 7, i); so auch:
der neu erwählte könig
kann ... die mumie des todten
aus ihrer ruhe zu Eskurial
hervor ans licht der sonne reiszen.
Schiller don Karlos 1, 5.
fast als bewuszte thätigkeit erscheint diese wirkung in dem sprichwort: die sonne bringt es an den tag. Simrock sprichw. 9582. Borchardt² 1101, s. das so überschriebene gedicht von Chamisso (1, 133 Koch), wo es gegen ende heiszt:
so hat die sonn' eine zunge nun.
so wird die sonne selbst als auge (des himmels, himmelsgottes) gedacht (vgl. 2, i. l, γ), s. Grimm myth.⁴ 2, 585 f. 3, 205: daher sie (die sonne) ... als ein sichtbares auge des schöpffers mag betrachtet werden. Jablonski 728ᵇ; du kannst deinen hut an die sonne hängen, bruder, und ich wette, sie stehlen ihn dir herunter, als ob das auge der welt den schwarzen staar gehabt hätte? Schiller räuber 2, 7 trauersp. vgl. dazu: das die augen des herrn viel heller sind, denn die sonne, und sehen alles was die menschen thun, und schawen auch in die heimlichen winckel. Syr. 23, 28.
p)
daher die häufige redewendung klar wie die sonne, bildlich von etwas, das ganz deutlich, evident, offenkundig ist, s. auch sonnenklar, vgl. Frommann 5, 26: Jetter. erklärt's uns. Vansen. es ist so klar als die sonne. Göthe 8, 202; nd.: dat is sau klâr as de sunne. Schambach 219ᵃ; offenbar, bes. in älterer sprache: alle jre werck sind fur jm so offenbar, wie die sonne. Syr. 17, 16; ausz welchen zeugnussen offenbar ist wie die helle sonn umb den mittag, dasz der alten zwey geschlecht desz zuckers und unser zucker von einem gewächsz herkommen. Tabernaemont. (1588) 711 F. auch gern mit steigerung:
du weiszest, dasz ich rede wahr;
für dir ist alles sonnen klar
und klärer als die sonne.
o! es ist klarer wie die sonne. der frevel begann schon damals. Schiller dom Karlos 3, 1. sprichwörtlich: man musz nicht wider die sonne reden, d. h. gegen das, was offenbar unnd am tag ist. Lehmann bei Wander 4, 617, 144; wer wider die sonn redt, richt nichts ausz. 622, 277.
q)
die sonne sehen steht als typischer ausdruck für 'sehen (können)' überhaupt, besonders negiert als umschreibung der blindheit: so diu la(r)certa eraltet, so erblintet si in beiden ougen, daʒ si nieht die sunnen gesehen mach. Graff diut. 3, 31; und solt blind sein, und die sonne ein zeit lang nicht sehen. apostelgesch. 13, 11;
ih sunnûn êr ni gisah (sagt der blindgeborene);
thoh scowôt ir nû alle,   theih sihu al sôsô ih wille.
Otfrid 3, 20, 147;
der quell des seh'ns ist ausgeflossen,
das licht der sonne schaut er niemals wieder.
Schiller 14, 299 (Tell 1, 4).
daher auch:
nichts als den stab dem augenlosen greis!
alles geraubt, und auch das licht der sonne.
300.
von der heilung der blindheit:
Magdala hielt sich nicht mehr, sie erkannte neben sich einen,
dem der Messias das aug' einst aufthat: hilf mir, wofern du
an die stunde noch denkst, da er dir die sonne zurückrief!
Klopstock Messias 7, 537.
sprichwörtliche redeweisen: die sonn ist dem blinden so schwartz alss die nacht. Lehmann bei Wander 4, 612, 25; die sonne ist hell, wenn sie gleich ein blinder nicht sihet. 613, 54; die sonne scheint jmmerdar, ob sie wol der blinde nicht sihet. Petri R 3ᵇ (auch bei Henisch 420, 19);
die sonne wenig darnach fragt,
wasz der blinde von jhrem schein sagt.
ebenda,
vgl. Wander 4, 612, 39. — gleichbedeutend mit licht: es ist das liecht süsse, und den augen lieblich die sonne zu sehen. pred. Sal. 11, 7. in anderm sinne: sie vergehen wie eine schnecke verschmachtet, wie ein unzeitige geburt eines weibes, sehen sie die sonne nicht. ps. 58, 9; vom sterbenden:
nun schaut er auf zum letztenmal
in gottes sonne freudigen strahl.
Chamisso 2, 160 Koch;
dann läszt er sich fallen. — nur kurz ist die qual,
er sah die sonne zum letzten mal.
Liliencron ausgew. ged. 179.
die sonne vergeht einem, wenn man ohnmächtig wird:
er sluoc den kleinen Laurîn,
daʒ im vor den ougen sîn
vergienc diu sunne und ouch der tac.
Laurin D 823 Holz.
r)
sonst in die sonne sehen, den blick direct in die sonnenscheibe richten, wie es die mittelalterliche naturlehre den adlern nachsagt: der arn sihet ouch ane daʒ rat der sunnen klêrlîcher wanne kein vogel. d. mystiker 201, 19;
der adlar lât sîniu kinder in die sunnen sehen.
Marner 15, 291 Strauch, vgl. die anm.
den menschen im allgemeinen nicht möglich: eʒ enhât nieman sô starkiu ougen, unde wil er ze lange unde ze vaste in die sunne und in daʒ brehende rat der sunnen sehen, er wirt als unmâʒen kranc an sînen ougen ... oder er wirt gar blint. Berthold v. Regensburg 1, 265, 25 f. vgl. 1, a; wenn man mit blossen augen in die sonne sehen will, werden sie davon geblendet. Jablonski 727ᵇ; wenn wir weren im paradisz blieben, so hetten wir die sonne können mit stracken augen ansehen, on alle hindernisz und schmertzen. Luther tischr. 43ᵇ; viel leütte, so es geradt in die sonn haben sehen wollen (bei einer finsternis), den hatt es wehe ahn den augen gethan. Elisab. Charlotte 3, 563;
so rücklings lag er blutend da;
sein brechendes aug' in die sonne sah.
Chamisso 1, 134 Koch.
dafür:
und wie sie (die sonne) scheidend warf den letzten strahl,
versucht' er noch, ins auge sie zu fassen.
2, 40 (krucif. 3).
s)
die sonne blendet die augen, sol radiis suis aciem hominum vincit. Steinbach 2, 606;
die sonne bländet nur der augen blödes licht
Lohenstein rosen 64.
vgl.: bald brannte ein stechender schmerz aus dunkeln sonnen mit unerträglichem blenden. Fr. Schlegel Lucinde 253. man sucht dagegen (wie auch gegen die sonnenhitze, 5, vgl. 7, b, γ) schatten oder schützt sich durch hüte, schirme u. s. w.: schein-hut wegen der sonnen, petasus aut galerus, ob solem. Comenius sprachenth. 481; umbraculum est ein schaubhut, oder die umbrellen in Welschland, Indien, darunter man sich vor der sonnen beschirmet. Corvinus fons lat. 744ᵃ; umbraculum, ... eine schattung, eine hütte für die sonne. ebenda;
nû treit uns aber diu linde vür die sunnen nindert schat.
4)
besondere beziehungen.
a)
die sonne spiegelt sich im wasser: das prophetische räthsel einer theokratie spiegelt sich in den scherben dieses zertrümmerten gefäszes, wie die sonne in dem tröpflein auf dem grase. Hamann 7, 56;
in sturm die sonne spiegelt nicht
im meer ihr heilig angesicht.
Claudius 7, 162.
vgl.:
darff sich die sonne nicht der after-sonne schämen
im meere, wenn sein glasz ihr musz ein spiegel seyn.
Lohenstein rosen 69.
sonst in glatten flächen: die sonne spiegelte sich in den fensterscheiben. Storm 1, 218. vgl. auch:
die sonne blinkt von der schale rand,
malt zitternde kringeln an die wand.
Chamisso 1, 133 Koch;
ja selbst die sonne kann ihr leuchtend bild
nicht schöner als in dem kristalle schauen,
der aus dem aug' und aus der rebe quillt.
Rückert ged. (1840) 1, 119.
b)
im prisma und sonst wird das licht der sonne in sieben (regenbogen-)farben gebrochen. daher:
o tulipane! wer hat dir
mit allen farben der sonne den offenen busen gefüllet?
E. v. Kleist 2, 16 (frühl. 1).
c)
sonne und wolken: und wenn du nu gar da hin bist, so wil ich den himel verhüllen ... und die sonne mit wolcken uberziehen. Hesek. 32, 7; es geschicht leicht dasz ein trübe wolken die sonn bedeckt. Lehmann 198; wann einem traumt, wie die sonne mit wolcken bedeckt werde. Coler traumb. 32ᵇ;
muess es doch die sonne leiden,
von dem wolckchen undertrückht;
ey, wie solt dan ich vermeiden,
dass der neyd mich nit berückt.
quelle bei Wander 4, 617, 153.
mit bildlichem ausdruck: wenn die sonne blinde mäuse (vgl. blind 14, theil 2, 121 f., maus 3, g, theil 7, 1818) hinter den wolken spielt, so zieht sie mit dem herrn von Nassau ins feld. Fischart bei Wander 4, 620, 217; de sunne geit in den kolk, verschwindet hinter einer schwarzen wolke. Schambach 219ᵃ. eigenthümlich ist die redensart die sonne bettet unter sich, 'wenn sich die wolken am tage unter der sonne zusammen ziehen'. Adelung (1). — die sonne vertreibt die wolcken. Petri R 3ᵇ. ebenso den nebel: unser leben feret dahin ... und zergehet wie ein nebel, von der sonnen glantz zutrieben, und von jrer hitze verzeret. weish. Sal. 2, 4;
wie sonnen nicht vertilgt von dunst und nebel werden.
Lohenstein rosen 68.
sonne bricht durch (den nebel) u. ä.: aber schon brach die sonne durch den dunst. Storm 3, 30; er konnte den durchbruch der sonne nicht sehen; weil sie ihm im rücken stand. Hamann 4, 414;
diu sunne dur die wolken brach.
Boner 66, 38;
auf einmal schien die sonne durchzudringen,
im nebel liesz sich eine klarheit sehn.
Göthe 1, 4;
die sonne steigt aus nebeln herrlich auf:
es wird ein schöner tag.
Grillparzer⁴ 5, 140 (könig Ottokar 5).
d)
sprichwörtlich: nach dem regen scheint die sonne, vgl. sonnenschein, meist in bildlicher anwendung; so auch. wisset ihr das alte gemeine sprichwort nicht mehr: nach dem regen, pflegt die sonne sich wieder zu regen. Grodnow geschichtseulen 2, 264; denn nach dem ungewitter lesst du die sonnen wider scheinen, und nach dem heulen und weinen, uberschüttestu uns mit freuden. Tob. 3, 23; auch:
nach meeres brausen
und windessausen
leuchtet der sonnen gewünschtes gesicht.
P. Gerhardt nr. 106, 115 Gödeke.
vgl. ferner 7, a, α. 8, g. aber auch umgekehrt: wenn die sonne scheint, nimm den mantel mit auf die reise. Eiselein 449. Wander 4, 620, 238 f. sonnenschein und regen zugleich: wenn die sonn scheinet unnd zugleich regnet, so ist in der hölle kirchweih. 619, 200 (aus Lehmann); wenn de sünn schînt un 't regent, is in de höll hochtîd, oder: backen de hexen pankôk, oder: dann krigt de düwel affkaten in de hölle. 190—2;
doch so ist disz auch nichts neues,
dasz die sonn' im regen scheint.
Fleming 374 (oden 3, 9).
e)
flecke in der sonne, vgl. sonnenfleck; sprichwörtl.: auch die sonne hat ihre (ist nicht ohne) flecken. Wander 4, 611, 3 f.
f)
sonnenfinsternis (vgl. das.): finsternusz oder erlöschung der sonnen, defectus solis. Maaler 376ᵈ; die sonne verfinstert sich, il sole s' ecclissa. Kramer dict. 2, 840ᵃ; die sonne wird verfinstert, sol obscuratur. finsternüsz der sonnen, deliquium solis. Stieler 2058; anno 1544 jar warenn 4 finsternus der sonen, das es recht finster was, das man um 3 ur must die lichter auffzünden. Dreytwein Eszlinger chron. 228, 9 Diehl; wann einem traumt, wie er eine finsternus an der sonnen sehe, solches bedeut dem könige trübsal. Coler traumb. 32ᵇ;
des mânen und des sunnen
eclipsis.
Marner 13, 44;
dafür: darnach in dem praͦchman an dem 17 tag da ward ein verwandelung der sunnen, die verlos gancz iren schein. d. städtechr. 1, 388, 2;
do erlasch diu sunne diu ê schein.
Iwein 638.
bei besonderen gelegenheiten, bes. bei Jesu tode:
dat de sunne lêt eren schîn.
van d. holte des hill. cruzes 760.
ähnlich als ausdruck der trauer:
eines vil edeln fürsten tôt
von Merân, dâ ich jâmer sach ..
eʒ möhte diu liehte sunne
ir schîn dâ von verlorn hân.
Wigal. 8068.
bildlich: gedenck an deinen schepffer in deiner jugent, ehe denn die bösen tage komen, ... ehe denn die sonne und das liecht, mond und sterne finster werden. pred. Sal. 12, 2;
Aurora glühet ihm (dem liebeskranken) tödtlich, ihm dünkt die sonne verfinstert.
E. v. Kleist³ 1, 156.
dem sterbenden wird die sonne finster:
des tods kont er sich nicht erwehren, ...
hend und füsz werden lahm und kalt,
und die weisse sonn schwartz gestalt,
das er kein liecht kan mehr ersehen.
froschm. Mm 1ᵇ.
besonders aber in prophetischen und apokalyptischen vorstellungen, als vorzeichen des weltendes u. ä.: sunna uuirdit bifinstrit. Tat. 145, 19; die sonne sol in finsternis, und der mond in blut verwandelt werden, ehe denn der grosse und schreckliche tag des herrn kompt. Joel 3, 4 (apostelgesch. 2, 20); sonn und mond werden verfinstern, und die sternen werden jren schein verhalten. 20; bald aber nach dem trübsal der selbigen zeit, werden sonn und mond den schein verlieren. Matth. 24, 29; und die sonne ward schwartz wie ein harin sack. offenb. Joh. 6, 12; und es ward verfinstert die sonne, und die lufft von dem rauch des brunnen. 9, 2. oder:
wenn sonne, mond und stern vergehen.
hannov. gesangb. 52, 3.
so auch von dauernder verfinsterung: sie begannen zu glauben, der liebe gott wolle seine sonne erkalten, wolle sie erlöschen lassen. Gotthelf 4, 13 Vetter; es mögen ehe tausend augen solcher gestalt verblenden, als dasz man wolte, dasz die sonne verfinstert seyn solte. Olearius rosenth. 7ᵃ.
g)
sonst wird die sonne als ewig gedacht: sein same sol ewig sein, und sein stuel fur mir, wie die sonne. ps. 89, 37;
dieses land
des ruhms (Frankreich), das schönste, das die ew'ge sonne sieht
in ihrem lauf.
Schiller 13, 185 (jungfr. v. Orl. prol. 3).
so lange die sonne scheint, solange die welt steht, immer: man wird dich fürchten, so lange die sonne und der mond weret. ps. 72, 5. vgl. auch:
untergehn, und nicht vergehen,
ist der sonnen eigenschafft.
Abele gerichtshänd. (1712) s. 71.
h)
zuweilen werden andre merkwürdigere erscheinungen erwähnt: und es werden zeichen geschehen an der sonnen und mond. Luc. 21, 25; wunderbarliche gesicht, so an der sonn und mon zu Wien in Osterreich sind gesehen worden. H. Sachs 2, 3, 192ᵇ; in anno dominy 1548 ... wardt die sun umgebenn mytt einem gelbenn und weissenn ring. Dreytwein Eszlinger chron. 46, 30 Diehl; wie vom ersten christlichen käyser Constantino M. erzehlet wird, dasz er über der sonnen am hellen tage ein creutz gesehn. Wiedemann gefangensch. 2, 88; die Perser haben seltzame gedancken und meynungen vom jüngsten gericht, und von den zeichen die vorhergehen sollen, unter andern auch, dasz sonn und mond sehr traurig seyn werden. die sonne, wenn sie ins westen oder zum niedergang kommen wird, wird sie stille stehen, und zu ihrer gewöhnlichen pforten nicht eingelassen werden, zu ihr wird auch gelauffen kommen der mond, und werden beyde gantz erschwartzen. dann wird der engel Gabriel kommen, sonn und mond schlagen, dasz sie von westen wieder nach osten lauffen müssen. Olearius rosenth. 73ᵇ;
ditze was daʒ êine (zeichen)   daʒ sich erhûb seine:
ein rinch umbe die sunnen,   dô sie was ûf errunnen.
fundgr. 2, 200, 19 (Wernher Mar. 189).
5)
andre wirkungen der sonne.
a)
sie ist heisz, feurig: diu hêiʒʒa sunna hât mir mîne scône benoman. Williram 10, 2; die feurige sonne, sol igneus. Steinbach 2, 606; als vorübergehender zustand: man sol die thor Jerusalem nicht auffthun, bis das die sonne heis werde. Nehem. 7, 3; wenn aber die sonne heis schien, verschmeltzt es. 2 Mos. 16, 21. — der sonne hitze, gluth, s. Fr. Müller unter I, 5, b:
so gie er den tach langen   mit der sunne hitze bevangen.
genes. 23, 31 Diemer.
b)
die sonne ... ist von natur warm und trucken, und ihre würckung ist erwärmen und ausztrucknen, alles was hierunten auff der welt ... ist. Coler hausb. (1680) 134ᵇ; darum hat gott die sonne erschaffen, dasz sie die welt erwärmen sol. 135ᵃ; heliocaminus, ein ort, der immer von der sonnen erwärmet wird, sie wende sich wie sie wolle, da die sonne selber einheitzt. Corvinus fons lat. 612ᵃ; da die sonne mit ihren hitzigen strahlen ... den gantzen baum rund um bestrahlet, und durchwärmet. Döbel 3, 86ᵃ; im winter, da die sonne sowohl das erdreich, als holtz, wegen ihres niedrigen laufs nicht erwärmen kan. 86ᵇ; die sonn würd disz jar einem wärmer scheinen, dann dem andern, angesehen das etliche in den kellern sitzen. Fischart groszm. s. 5 neudr.; sonne trocknet s. unter 2, d.daher sprichwörtlich (bildlich): dich wird nach der sonnen frieren. Luther sprichw. 359, s. s. 329 Thiele. Wander 4, 625, 329. 354; fränk. dî wird 's nu' naͦch der sunná friárn, 'du wirst dich doch nach diesen angenehmen verhältnissen zurücksehnen'. Frommann 6, 324, 360; o, wie wird mich noch der sunnen frieren, hie bin ich ein herr, doheim ein schmarotzer. Dürer nachlasz s. 41;
mich will gleich nach der sonnen friern.
H. Sachs 3, 1, 115ᵇ.
c)
stärker die sonne brennt, sol ingenti ardore torret, et incendit omnia. Stieler 2058; o! ... wie brannte die sonne! Storm 2, 230;
sam diu sunne
gên mir brunne.
minnes. 1, 363ᵇ Hagen.
mit object: die sonne hatte alles erhitzet, sol omnia incenderat. Steinbach 2, 606; sie entzündet etwas: die dürren und fetten dünste und witterung von der sonne angezündet. Mathesius Sar. 34ᵃ. von personen, in bezug auf die braune farbe, die sie unter einwirkung der sonnenglut erhalten: ich gehe schwartz einher, und hörnet mich doch keine sonne nicht. Hiob 30, 28; sehet mich nicht an, das ich so schwartz bin, denn die sonne hat mich so verbrand. hohel. Sal. 1, 6; hat ihn aber die sonne gar sehr verbrant, so wird er gestrafft werden. Coler traumb. 32ᵇ; so einen die sonne verbrennet hat. hausapoth. 43ᵃ; dasz die sonn niemand unter dem angesicht verbrenne. ebenda; milder: ein rundes angesicht, das durch luft und sonne mit gleichmäszigem rothbraun dauerhaft übermalt war. Freytag 6, 106. vgl.:
daʒ tuch blæichet si (die sonne) daʒ eʒ weiʒ wirt.
dem leibe si doch swerce birt.
anegenge 11, 45 f.
intransitiv: die sonne wird ihm wohl auf den nischel (schopf) gebrannt haben, weil er nicht vollends den mittag im bette abwartet. Weise kom. opern 2, 197.
d)
der gewöhnliche ausdruck für die trockene, prickelnde hitze, die die sonne zuweilen bewirkt, ist die sonne sticht: die stächend sonn, oder, die heisz sonn, sol acutus. Maaler 376ᶜ; die sonne sticht auf einen regen, il sole minaccia di pioggia. Kramer dict. 2, 839ᶜ; die heisse sonne sticht nach einem regen. Petri Q 5ᵃ; wenn die sonne heisz scheint oder sticht, so folget gern ein wetter hernach. Bbb 6ᵇ;
wenn die sonne sticht,
der bauer spricht:
die kühe beissen und brommen,
es wird ein regen kommen.
Wander 4, 621, 248.
worauf: ein eisz zuschmiltzt, wenn gott mit seinem odem dran hauchet, ... unnd seine sonne drauff stechen lesset. Mathesius Sar. 34ᵃ. — die sonne sticht einen, von der eigenthümlichen krankheit, die die heisze ausstrahlung der vollen sonne auf den ungeschützten menschlichen körper erzeugt, s. sonnenstich. während dies subst. ganz geläufig und allgemein üblich ist, findet sich die verbale fügung besonders in biblischer und von der bibel beeinfluszter sprache: die sonne brennt, sticht mich auf den rücken, il sole mi cuoce, bruccia, punge sul dosso. Kramer dict. 2, 839ᶜ; die sonne stach sehr die leiber, so der hitze nicht gewohnt. Steinbach 2, 606; das dich des tages die sonne nicht steche, noch der mond des nachts. ps. 121, 6; sie wird keine hitze noch sonne stechen. Jes. 49, 10; die sonne stach Jona auff den kopff, das er matt ward. Jona 4, 8;
die sonne wird uns nicht mehr stechen.
hannov. gesangb. 633, 6.
in demselben sinne:
das dich des tages die sonne
mit ihrer hitze nicht rüre.
bergr. s. 37, 17 neudr.;
es wird auch nicht auff sie fallen die sonne, oder jrgent eine hitze. offenb. Joh. 7, 16.
e)
die sonne schmelzt, verzehrt schnee und eis: mit dem morgen kam die sonne, die schmolz den schnee hinweg. Storm 3, 40;
siehe, schon nahet der frühling; das strömende wasser verzehret
unten, der sanftere blick oben der sonne, das eis.
Göthe 1, 408 (4 jahresz. 98).
sprichwörtlich:
und wenn die sonn den schnee ableckt,
so blickt herfür, was er bedeckt.
froschm. G 7ᵇ.
im vergleich: deine sünde werden vergeben, wie das eiss von der sonne. Syr. 3, 17;
so schmeltz ich wie der schnee, der endlich musz verderben,
wann ihn die sonn' erreicht.
Opitz 2, 152.
in scherzhafter übertragung: nimm dich in acht, Barbara; deine locken schmelzen ja in der sonne. Storm 2, 308.
f)
die sonne verzehrt den tau, reif u. ä., vgl. 6, c zu ende. so mhd. in sprichwörtlichen redeweisen:
güsse schadet dem brunnen:
sam tuot dem rîfen sunne.
minnes. frühl. 30, 35,
dâ mite der geist ie an gestreit
vleischlîcher gir,   als sunne tuot dem touwe.
vgl. 6, c.
g)
die sonne ziehet wasser, il sole attira dell' acqua. Kramer dict. 2, 839ᶜ; radii solares per nubes aquosas sparguntur. Stieler 2058; lux solis coelum rigat. Steinbach 2, 606; 'die sonne zieht wasser, im allgemeinen leben, wenn sie zwischen zwey dichten wolken durchscheinet, wobey man helle streifen an dem himmel siehet'. Adelung (1); die sonn ziehet wasser auf. Dentzler 2, 266ᵇ. (im bilde:)
dasz, wenn die sonn (der hofgunst) am schärffsten ihn berühret;
sie wasser zeucht, und nach sich regen führet.
nd. de sunne sal rëgen teien, mit bezug auf einen abergläubischen gebrauch, bei anhaltender dürre gefäsze mit wasser vor die hausthüren zu stellen. Schambach 219ᵃ. übertragen: die sonne ziehet wasser, 'scherzhaft, wenn jemand weint oder ihm die augen thränen'. Wander 4, 624, 324. redensarten: schöpfft die sonn' heut wasser, so geust sie morgen dasz bad ausz. 617, 162 (aus Lehmann); die sonn wirt drumb nicht wüst, wann sie schon wasser ausz pfitzen ziecht. Garg. 5. vgl. auch: die sonn zeucht die wolcken uff in die höhe und die stehen hernach der sonn vors liecht. Lehmann bei Wander 4, 612, 30.
h)
die sonne ist durch ihre wärme und ihr licht die quelle alles lebens auf der erde: dia sunnûn ... tîa philosophi hîeʒen animam mundi, uuanda al daʒ tir grûet, unde uuahset, taʒ turhkât sî, also diu sêla die lide tûot ... tiu driskero nature ist, uuanda si skînet, prûotet unde brennet. Notker 1, 177, 32 ff. Piper (Boet. 3, 71); sofern die sonne erweckerin der saaten und grosze nährmutter der menschen ist, wurde ihr, wenn sie am ostermorgen aufgieng, auf dem berg ein groszer kuchen entgegengetragen. s. Germ. 1, 68;
da glüht empor der feuerball
der sonne, wecket überall
das leben, setzt ihm seine ziele.
Immermann 13, 264 Hempel.
sie heiszt daher seele der welt: was nun die sonne anlangt, das auge und die seel der welt, wie es die alten genennet, ists freylich an deme, dasz sie allen wachsenden dingen das leben und die wärme ... giebt. Coler hausb. (1680) 134ᵇ. auch mit folgender umschreibung ist sie gemeint: gleich dem monarchen unseres licht- und lebenssystems zwischen den beiden nebensonnen. Hamann 7, 110. s. ferner 2, e.
i)
besonders hängt die vegetation von ihr ab: da sind edle früchte von der sonnen, und edle reiffe früchte der monden. 5 Mos. 33, 14;
die sonne kocht für dich
die traube.
Hölty 120 Halm.
bildlich ausgedrückt: denn der zimmet-baum wäre ein rechtes kind der sonne. Lohenstein Arm. 2, 333ᵇ; alles wozu die sonne lächelte ward mit höchstem fleisz betrieben, vor anderm aber die weinrebe, das eigentlichste kind der sonne, gepflegt. Göthe 6, 22. (kind der sonne auch von menschen, s. 2, p.) auffälliger ist die vorstellung: Artemidorus von Epheso ... saget, Apollo selbst, das ist, die sonne habe nach seines sohns Aesculapij tode an den flusz Eridanum, in die nordländer, für bekümmernus sich begeben, und allda solche zehren geweinet, die nachmahlen in den agtstein verwandelt sein: damit haben die poeten wollen anzeigen, das durch krafft der sonnen .. der bernstein geformieret werde. Micrälius alt. Pomm. 1, 6. (vgl. 8, h.) — ferner:
aber die sonne duldet kein weiszes,
überall regt sich bildung und streben,
alles will sie mit farben beleben.
Göthe 12, 53.
k)
im allgemeinen wird die wirkung der sonne als wohlthätig empfunden: er hustete, aber die sonne schien ihm wohl zu thun. Storm 2, 124. vgl.:
nû wart ûf an den sunnen:
dannen hân wir hizze und wunne.
kaiserchron. 9072;
der sunnen vrô
wart er (der waller).
Boner 66, 42.
s. auch warnung 2019 unter 2, d.sie heiszt gütig, indem sie gleichsam persönlich gedacht wird, vgl. 2, n und:
o sie ist gütig wie das licht der sonne!
Schiller 14, 87 (braut v. Mess. 2, 3).
der sonne genieszen u. ähnl., häufig in allgemeinerer bedeutung, sich seines lebens freuen (dasz man die sonne sieht, s. 3, q): wird der sonnen nicht fro, und weis kein ruge weder hie noch da. pred. Sal. 6, 5; weisheit ist gut mit einem erbgut, und hilfft, das sich einer der sonnen frewen kan. 7, 12; genieszt der sonne. Göthe br. 2, 83;
freuet euch an mond und sonne
und den sternen allzumal.
hannov. gesangb. 553, 3.
l)
sie heiszt daher die liebe sonne (überaus gewöhnlich):
das schönste schloss, das von der lieben sonnen
je angeschienen ward, seitdem
es schlösser giebt.
Wieland 18, 360;
sobald die liebe sonne schien.
Hölty 6 Halm;
ei sieh nur, wie die liebe sonne scheint!
Grillparzer⁴ 5, 107 (könig Ottokar 4).
s. auch z. b. Luther unter 3, h, Fischart unter 2, h, Uhland volksl. 3, n.
6)
stadien und phasen des sonnenlaufs.
a)
lauf der sonne, ihre (scheinbare) bewegung von osten nach westen während eines tages: du machest, das beide sonn und gestirn jren gewissen lauff haben. ps. 74, 16; ein solch grosz liecht der sonnen, mit eim so schnellen laufft. Luther tischred. 43ᵇ;
thie irkantun sunnûn fart.
Otfrid 1, 17, 9.
die sonne läuft (vgl. 2, l, β): die ... sonne, wenn sie von morgen (osten) durch den mittag (süden) zum abend (westen) in eylender schnelle herumb gelauffen. Comenius sprachenth. 34; sonne leuft heruͤm, sol circumfertur. Stieler 2058; die sonne leuft geschwinde, sol celeriter fertur. Steinbach 2, 606;
die sonn hat angefangen
zu laufen ihre bahn.
hannov. gesangb. 478, 1;
daher: mit der sonne gehen, lauffen, girarsi, volgersi, camminare col sole. Kramer dict. 2, 840ᵃ, von menschen: am andern morgen trat ich früh mit der sonne meine gewöhnliche wanderung an. Storm 2, 77; scherzhaft:
herr, wenn mit der sonn' ihr früh sattelt und reitet,
und stets sie in einerlei tempo begleitet,
so setz' ich mein kreuz und mein käppchen daran,
in zweimal zwölf stunden ist alles gethan.
Bürger 67ᵃ.
bahn der sonne (vgl. sonnenbahn):
floug er sunnûn pad, sterrôno strâʒa.
Otfrid 1, 4, 5;
die bahn, welche die sonne betritt.
Hölty 66 Halm.
b)
ein wunder ist es, wenn die sonne stille steht: Josua ... sprach fur gegenwertigem Israel, sonne stehe stille zu Gibeon, und mond im tal Aialon. da stand die sonne und der mond stille. Jos. 10, 12 f.; sonn und mond stunden still. Habac. 4, 11; umb seinet willen stunde die sonne, und ward ein tag so lange als zween. Syr. 46, 5. daher: die vernunft ... steht stille, wie sonne und mond zu Gibeon und im thal Ajalon. Hamann 7, 40. — oder zurückläuft: das die sonne zehen linien zu rück lauffen sol am zeiger, uber welche sie gelauffen ist. Jes. 38, 8. vgl. Olearius unter 4, h.
c)
die sonne gehet auff, le soleil se leve. Hulsius (1616) 300ᵃ; il sole si leva. Kramer dict. 2, 839ᶜ; sol oritur. Stieler 2058; und die sonne war auffgegangen auff erden. 1 Mos. 19, 23; da nu die sonne auffgieng, verwelcket es. Marc. 4, 6; nd. de sunne geit up. Schambach 219ᵃ; die aufgend sonn, sol veniens. Maaler 376ᶜ; ûfganganteru sunnûn. Tat. 71, 3. — die sonne wenn sie auffgehet, verkündiget sie den tag. Syr. 43, 2; sprichw.: wenn die sonne aufgeht, wird es tag. Simrock sprichw. 9583, vgl. Eiselein 570. Wander 4, 620, 216. reichsbote nr. 79 (1899), 1; wo die sonn auffgehet, da wirt es tag. Franck sprichw. 2, 84ᵇ; wo die sonn auffgeht, da taget es. Egenolff 91ᵇ; vgl. Simbock 9587. Wander 4, 622, 286. in zeitbestimmungen: wann die sonne aufgehet, mit aufgehender, untergehender sonne, allo spuntare, spiccare, levarsi del sole. Kramer dict. 2, 839ᶜ; wie das liecht des morgens, wenn die sonne auffgehet. 2 Sam. 23, 4;
früh morgens, da die sonn auffgeht,
mein heyland Christus auffersteht.
J. Heermann haus- u. hertz-musica (1636) s. 63;
van des dat die sunne upgat wente to middage. Sachsensp. 3, 61, § 4; nach auf- und undergang der sonnen, post natum et occasum solem. Stieler 2058. — mit bezug auf den menschen: wann die sonn auffgeht, so steht jederman auff. Egenolff 91ᵇ. jemandem auff gehen: geht die sonne im sommer für den bauer allein so frühe auf, weil der faule bürger und wollüstige höfling ihres scheins so manche stunden länger entbehren können? Hamann 1, 61 f. über jemandem, s. Matth. 5, 45 unter 3, l. ferner sprichw.: überall geht des morgens die sonne auf. Eiselein 571. Simrock 9586. Wander 4, 613, 46. wirkungen des sonnenaufgangs: der sonnen auffgang ist der nacht nidergang. Eyering 1, 543; der sonnen auffgang ist desz nebels, desz reiffen und der nacht untergang. Petri P 1ᵃ (vgl. Wander 4, 611, 21), auch Franck 2, 152ᵃ; wann die sonn uffgeht, so helf got dem reiffen (reif) am zaun. ebenda. Eyering 3, 394. Petri Bbb 6ᵇ. Simrock 9588. Wander 4, 618, 178. 620, 215; der sonnen auffgang vertreibt alle nachtvögel, eulen, fledermäuss und raupen. 611, 20.
d)
gleichbedeutende ausdrücke, theilweise noch bildlich empfunden (vgl. 2, l, β), so besonders:
wann die sonn erwacht.
Opitz 2, 181.
die sonne steht auf, in der Schweiz gewöhnlich: sid dasz die sonn auffgestanden ist, a primo sole. Maaler 376ᵈ; im jenner würd die sonn umb ein stund früer auffstehn. Fischart groszm. s. 16 neudr.; d'sunne stot uf. Hunziker 267. ferner:
sieh hin, der sonnen zier
geht wieder schön herfür.
P. Gerhardt nr. 6, 37 Gödeke;
mein gott, die sonne geht herfür.
hannov. gesangb. 10, 1;
schweiz. auch d'sunne chunt, chunt füre. Hunziker 267; es hat wol frücht ehe denn die sonne kompt. Hiob 8, 16; ehe die sonne erauff komen war. richt. 8, 13; vor das die sonne offkomet. urk. v. 1338 bei Haltaus 1694; mhd. d. sunne errinnet ûf s. 4, h (die sonne bricht an, s. 7, c);
die sonne steigt empor.
Grillparzer⁴ 5, 73;
mein starrer blick lag auf des meeres saum,
wo bald die sonne sich erheben sollte ...
nun trat die pracht der sonne selbst hervor.
Chamisso 2, 31 Koch (Salas y Gomez 3);
die helle sonn leucht jtzt herfür.
Wackernagel kirchenl. 3, nr. 1384, 1.
e)
die sonne gehet unter. wann die sonne untergehet. die sonne ist untergangen. Kramer dict. 2, 839ᶜ; die sonne gehet under, occidit, recedit. Stieler 2058; da nu die sonne unter gegangen war. 1 Mos. 15, 12; zeitbestimmung:
sô die sunnen diu des âbents under gêt.
minnes. frühl. 136, 30;
sweme man icht gelden sal, die mut is warden wente die sunne under gat. Sachsensp. 3, 40, § 1; also blieben seine hende steiff, bis die sonne untergieng. 2 Mos. 17, 12. für das prät. auch:
hinunter ist der sonnen schein.
Wackernagel kirchenl. 3, nr. 1385, 1.
sprichw.: wenn die sonne unten ist, thut man den bann auf (hört das gericht auf). Wander 4, 621, 250; wenn die sonne unter ist, stehen alle kühe im schatten. 251; wenn die sonne undergangen ist, so stehen die eulen, fledermäuss unnd nachtraben auff. 253. — im höchsten norden geht die sonne im hochsommer gar nicht unter:
in dem hôchsten lande   gît die sunne die selben mâne zwêne,
daʒ sie die erden ninder undergrîfent,
wan kûme daʒ im die glesten   vier und zweintzic wîle gein einer entslîfent.
daʒ wirt ein widerwehsel   in einem halben iâre:
der erden underdrehsel   decembrius die sunne tût mit vâre
und ianuarius, dâr inne sie nieman sehende
ist, sô lanc ein messe   von einem snellen prîster sî geschehende.
jüng. Tit. 5682 f.
(vgl. unter g). — über jemand, bildlich: die sonne sol uber den propheten untergehen, und der tag uber jnen finster werden. Micha 3, 6, s. ferner über etwas: sondern solt jm seinen lohn des tages geben, das die sonne nicht drüber untergehe. 5 Mos. 24, 15; lasset die sonne nicht uber ewrem zorne untergehen (versöhnt euch noch an demselben tage). Eph. 4, 26.
f)
synonyme: die sonne geht nieder, in älterer sprache und poetisch: dat he sin warden sole wente die sunne neder ga. Sachsensp. lehnr. 65, § 16;
vor âbende nâhen,   dô diu sunne nider gie.
Nib. 556, 1;
niedergang (auch jetzt noch üblich): der strassen nach gegen der sonnen nidergang. 5 Mos. 11, 30; die alten Teutschen haben die nacht dem tag fürgesetzt, darumb si den tag von nidergang der sonnen angefangen. Aventin werke 1, 364, 38. schweiz. d'sunne got undere, got abe. Hunziker 267; mhd. auch gât hinder:
so ist mir, als sô der sunne hinder gegât
unt der tak sîn wunne verlât.
minnes. 2, 288ᵇ Hagen (Hadloub 16, 3).
(ebenso nd. de sunne geit hinder Schambach 289ᵃ.) bestimmter hinters gebirge: wir lieszen so die sonne vor uns hinters Rheingebürge hinabsteigen. Maler Müller Fausts leb. s. 10 neudr.;
ehe des tages liecht gar verschwind,
und sich die sonn hinder dem wald
verkreucht, und die nacht herein falt.
froschm. G 8ᵇ.
(vgl. schweiz. d'sunne ferschlüft si. Hunziker 267.) mhd. auch:
diu sunne an daʒ gebirge gie.
Ecken liet 110, 1.
persönlich klingen auch die sonne weicht, wendet sich (s. auch Hölty unter k):
die sonn mit dem tag von uns weicht.
Luther 8, 371ᵃ;
die sonn hat sich mit ihrem glanz gewendet.
hannov. gesangb. 503, 1.
am deutlichsten tritt die personification zu tage in den ausdrücken die sonne geht zur ruhe, zur rüste, in der alten sprache zu gnaden, s. Aventin unter I, 5, a, Immermann unter II, 2, b und: (bei den alten Deutschen) dorft kainer sagen, si (die sonne) gieng under, muest sprechen, si gieng zu rest und genaden, wie dan noch etwo das narrat gemain volk maint. Aventin chr. 1, 89, 31 f. s. auch Eiselein 571: welche seinen zins bei sonnenschein nicht gibt, ehe die sonne zu gnaden geht. Grimm weisth. 1, 744;
do die sunne ze sedele solte gân.
Salman u. Morolf 267, 1 Vogt (var.: czu gnaden, ebenso 663, 4);
daʒ treip er den tac allen   biʒ im diu naht benam
und diu clâre sunne   ze sedele wolte gân.
Wolfdietrich D vii, 7;
nun, schau, die sonn zu gnaden geht.
und will zu wasser tauchen.
Spee s. 143 Balke;
abend war's. die sonne ging
wehmuthschön, herbstblasz zur rüste.
W. Arent kunterbunt (1886) s. 5.
nd. ferner: des avens ... gahn se tho bedde, wenn de sünne tho gae (zu loche, von gat) gait. nd. bauernkomöd. s. 212 Jellingh. siebenb. de sàn gît hîmen (heim), de sàn gît schlôfen. Frommann 5, 328, 7. vgl. dazu Müllenhoff d. alterthumsk. 1, 402—4.
g)
auf- und untergang: die sonne gehet auff und gehet unter, und leufft an jren ort, das sie wieder daselbst auffgehe. pred. Sal. 1, 5; weil die sonne in diesem monat (januar) um 7. uhr, 40. minut ohngefehr auf- und nachmittages umb 4. uhr, 20. minut nieder gehet. Fleming t. jäger 358ᵇ; ostfries. rätselfrage: welker dag is de sün' wol up-, man nich undergân? ten Doornkaat Koolman 3, 366ᵃ; in beziehung auf einander: wo wir seyn mögen, Louise, geht eine sonne auf, eine unter. Schiller kab. u. liebe 3, 4; sprichw.: wenn die sonne an einem orth niedergehet, so gehet sie an einem andern orth auff. Lehmann bei Wander 4, 619, 207 (mit der bemerkung: ist von herren, obrigkeiten, glück unnd gunst zu verstehen). Eiselein 571. darauf beruht der zum geflügelten wort gewordene ausspruch könig Philipps II. v. Spanien:
die sonne geht in meinem staat nicht unter.
Schiller 5, 2, 186 (don Karlos 1, 6),
indem dieses reich sich über beide hemisphären erstreckte; vgl. Büchmann²⁰ 211. Wander 4, 623, 311.
h)
die sonne geht im osten auf, im westen unter, bewegt sich also von osten nach westen: der kasi ... fraget, an welchem orthe der welt gehet dann die sonne auff? der könig antwortet, aus osten, oder aus dem morgen. gottlob sagte der richter, so stehet die pforte zur busse noch offen. dann das ist gewisse, dasz gott die thür zur busse für seinen knechten nicht zuschliessen wird, so lange die sonne von osten bisz nach westen, und nicht von westen zu osten gehen wird. Olearius rosenth. 73ᵃ;
geduld! die sonne steigt im osten auf,
sie sinkt im westen zu des meeres plan,
sie hat vollendet eines tages lauf.
Chamisso 2, 32 Koch (Salas y Gomez 4).
daher auch die sonne ist im westen, geht unter oder ist dem untergange nahe:
wenn de sunne steit in westen,
sünt de lojen (faulen) am besten.
Schütze 4, 226, vgl. ten Doornkaat Koolman 3, 366ᵃ und Wander 4, 619, 194. 173.
daher oster-, westersonne u. s. w., s. s zu ende.
i)
daher werden die ausdrücke aufgang und untergang (oder hier meist niedergang) der sonne (auch blosz aufgang) geradezu als bezeichnung der himmelsgegenden gebraucht (vgl. die fremdwörter orient, occident; levante): der sonnen auffang, oriens, substant. ort des himmels da die sonn nidergehet, occidens, substant. gegen der sonnen nidergang ligend, occidentalis. Dasypodius; da komen dy heuschrecken und flugen von aufgang gen dem nideren gang der sunnen. d. städtechron. 1, 348, 5; sie ... lagerten sich ... in der wüsten gegen Moab uber, gegen der sonnen auffgang. 4 Mos. 21, 11; und (Israel) kam von der sonnen auffgang an der Moabiter land. richt. 11, 18; gott der herr der mechtige redet, und ruffet der welt, von auffgang der sonnen bis zu nidergang. ps. 50, 1.
k)
für die küstenbewohner steigt die sonne aus dem meere auf oder geht darin unter (poetisch auch sonst; vgl. den antiken mythus von Helios und Thetis), vgl. Grimm myth.⁴ 619: die sonn gadt für gold (s. l) ins wasser, condit se sol in undas. Maaler 376ᶜ;
sie kamen, als die sonne
zum ocean entwich.
Hölty s. 8 Halm;
o wieg', aus der die sonnen steigen, o heiliges meer!
o grab, in das die sonnen neigen, o heiliges meer!
Rückert (1882) 5, 244 (Freimund 11);
wo sonne steigt aus purpurwellenschoosze.
7, 296;
tief unter uns, ins dunkle meer,
versank die schöne sonne;
die wogen rauschten drüber hin,
mit ungestümer wonne.
Heine 1, 227 Elster (Seraphine 6).
vgl. Liliencron unter 2, i.
l)
farbenerscheinungen beim auf- und untergange infolge des schrägen durchgangs der strahlen durch die atmosphäre, morgen- und abendröte: wenn die sonne des abends mit einer schönen lieblichen abend-röthe unter- und denn des andern morgens wiederum heiter und helle aufgehet, so folget ein schöner tag. öconom. lex.² 2737; ungewöhnlichere erscheinungen: so ein blau-färbiger finsterer, oder auch röthlicher ring um und bey der sonnen ist, und die sonne noch dazu eine, oder mehr falsche sonnen neben sich hat, da sie erst aufgegangen, oder bald untergehen will. ebenda. farben beim aufgehen: siehe da gieng die sonne blutroth auf. Germ. 1, 70; roth hob sich die sonne aus trockenem qualm. Freytag 6, 93;
und dasz die sonne roth musz auff und nieder geh'n.
Lohenstein rosen 56;
ich sah' im purpurschimmer
die sonne untergeh'n.
W. Arent kunterbunt (1886) s. 47.
vgl.: die sonne gehet finster auff. Jes. 13, 10; beim untergehen auffällig: täglich geht die sonne wieder blau und golden unter. J. Paul Titan 5, 57. wolken:
wann in der sonnen nidergehn
rote wolcken an dem himmel stehen,
der tag darnach wird gewönlich schön.
Fischart groszm., im kloster 8, 647, vgl. Wander 4, 621, 257.
färbung des himmels: während der himmel sich doch nur geröthet vor der sonne. Brentano chron. e. fahr. schülers s. 2;
ihm malet die sonne
den ost mit purpur.
E. v. Kleist³ 2, 20 (frühl. 1).
darauf beruht die in älterer sprache und auch nhd. noch im schlesischen übliche ausdrucksweise die sonne geht zu golde, in, für gold, geht unter, s. J. Grimm myth.⁴ 2, 618. Drechsler Wencel Scherffer s. 121. 245: vor das die sonne offkomet, und nach der tzyt als die sonne in golt geet. Grimm weisth. 1, 501 (Dreyeicher wildbann v. 1338, vgl. Haltaus 1694); so die sun für gold gat oder man daʒ bett lüt zenacht. 197 (Burgau im Toggenb. 1469); gegen abend alsz die sonne gleich zu golde (wie die dorffleuthe reden) gehen wollte. Scherffer bei Drechsler s. 121; dasz ... das indische meer nichts minder die rubinen der morgen-röthe, als das, worinnen die sonne zu golde gehet, seine perlen dem kayser zinsete. Lohenstein Arm. 1, 6ᵇ; die sonne ... war selbigen tag schon zu golde gegangen. 7ᵇ;
die sunne ging to golde.
Eschenburg denkm. 240;
die sonne pflegt als denn mit purper recht zu pralen
wenn si zu golde geh't in's schlaff-gemach der see.
Lohenstein rosen 78;
schweizerisch die sonne ist schön vergold gegangen. Stalder 1, 463. 2, 520: z'obe, wo d'sunn aber z'gold gange isch. Grimm märchen nr. 165. dafür auch:
es kan ja keinmal nicht die sonne gehn zu glantze,
so ligt befehl schon da.
Scherffer ged. 273.
wenn die sonne in wolken untergeht, so bedeutet es regen; nd.: de sünne föllt in 'n sump, oder de sünne geiht under den huddick, oder de sunne geit in'n swalk, et giewt morgen reagen. Wander 4, 611, 9—11.
m)
nach altgerm. vorstellung (Tac. Germ. 45) geht die sonne mit klang oder geräusch auf. (dagegen wird das zischen der untergehenden sonne, Posidonius bei Strabo, nicht aus german. überlieferung stammen.) vgl. Grimm myth.⁴ 2, 601. 618 f. 621 f. zschr. f. d. alterth. 15, 262. Müllenhoff d. alterthumsk. 1, 404, anm. 3. 4, 505:
ich wên die suͤʒʒe nieman mohte erlîden,
dâ die suͤʒʒe sunne ir cirkel ruͤret;
seiten klanc und vogelîn sanc   dâ gein ist, sam der golt zû kupfer fûret.
jüng. Tit. 1802;
das es (das mohrenland) der sunnen so nohe lit,
das sü hörent zu aller zit
die sunne des morgens uffgan ...
mit eime suse in der wise,
als hymel und erde zusamen rise.
Lutwin Adam u. Eva 199.
vgl. dazu noch:
horchet! horcht! dem sturm der horen,
tönend wird für geistes-ohren
schon der neue tag geboren.
felsenthore knarren rasselnd,
Phöbus räder rollen prasselnd;
welch getöse bringt das licht!
Göthe 41, 5 (Faust II, 1);
ferner:
die sonne tönt nach alter weise
in brudersphären wettgesang.
12, 21.
sonne geht mit springen auf, s. 2, m.
n)
zwischen aufgang und niedergang steht die sonne am himmel: wie die sonne, wenn sie auffgangen ist, in dem hohen himel des herrn ein zierde ist. Syr. 26, 21. zu anfang ihrer bahn steigt, gegen ende sinkt sie, dazwischen steht sie hoch und kulminiert am mittag. vgl. Campe. nd. dafür: by klimmender sonnen und by sinckender sonnen. urk. v. 1499 bei Haltaus 1695. die technischen ausdrücke der seemannssprache lauten: 'so lange die sonne noch nicht im meridian steht, sagt man sie reist; wenn sie im meridian steht, kulminiert oder steht sie; hierauf fängt sie an nach dem westlichen horizont hinabzugehen, oder zu dalen'. Bobrik 640ᵃ. sonne sinkt, neigt sich: die sonne neigt sich schon unter. Fr. Müller 3, 106;
und dô man die sunnen
sach sîgen ze tal.
Ottokar reimchron. 17204;
sinken bezeichnet auch den untergang selbst:
wo im westen sank die sonne, blühn ihr nach
röthen, die noch nicht vergingen.
Rückert (1882) 5, 238 (Freimund 2).
o)
sonne steht hoch, tief: die milden strahlen der schon tief stehenden sonne beschienen das junge grün. Storm 2, 315;
nun denn, die sonne steht noch nicht so hoch,
sie brennt und blitzt, doch lange nicht im scheitel.
Grillparzer⁴ 6, 41.
hohe sonne für die mittlere zeit des tages:
swelch man diu zwei hât bî sîner sîten,
der mac der hôhen sunnen wol erbîten.
und er schlief bis in die hohe sonne.
Seume 5, 62 Hempel (der wilde).
höhe der sonne, vgl. sonnenhöhe. — die höhe der sonne nehmen, mit einem sextanten messen. Bobrik 340ᵃ; dafür die sonne schieszen. 587ᵇ, s. auch schieszen II, 7, m, th. 9, 47; auch die sonne nehmen: 'wie du die sonne genommen hattest'², fiel frau Tönnies glücklich ein, mit der anm.: d. h. die sonnenhöhe gemessen hattest. Ilse Frapan zu wasser und zu lande 43. dagegen bedeutet die sonne peilen 'mit dem peil- oder azimuthalkompasz beobachten, in welcher himmelsgegend sie steht', gewöhnlich von der beobachtung der abend- und morgenweite oder amplitude. Bobrik 524ᵇ f.
p)
gewöhnlich denkt man sich die sonne hoch am himmel stehend, vgl. das sprichwort: wenn die sonne vom himmel fiele, säszen wir alle im dunkeln. Simrock 9594, vgl. Wander 4, 619, 198. 202. — zur sonne heben: Thorbiörn reitet hier auf eine brandstätte, hebt ein brennendes holzstück zur sonne empor. Germ. 1, 63; auch: etwas gegen die sonne halten, tenere qualche cosa contro 'l sole. Kramer dict. 2, 840ᵃ; bildlich: und mit welchem hebezeug wollt ihr vollends die verarmende menge aus dem schmutzigen eigennutze aufreiszen, und gegen die sonne heben? J. Paul nachdämmerungen s. 84. — hoch wie die sonne, bildlich:
hôhe alsam diu sunne stêt daʒ herze mîn.
minnes. frühl. 182, 14;
sogar:
sô stîgent mir die sinne
hôher danne der sunnen schîn.
dasz mein herz schon aufwärts steigt
über sonne, mond und sterne.
hannov. gesangb. 631, 7;
ich weisz: wen du mit ehr willst zieren
und über sonn und sterne führen,
den führest du zuvor hinab.
309, 4.
droben über den sonnen, s. Schiller unter 1, k.
q)
hierher gehört besonders die redeweise unter der sonne für 'auf erden': unter der sonne, sotto 'l sole, cioè nel mondo. er ist der glückseligste unter der sonne. kein löserer, gottlöserer lebt unter der sonne. Kramer dict. 2, 840ᵃ; der gottloseste unter der sonne, bipedum nequissimus. Frisch 2, 286ᶜ. sie stammt aus der sprache der bibel, vgl. Büchmann²⁰ 41: und geschicht nichts newes unter der sonnen. pred. Sal. 1, 9; ich sahe an alles thun das unter der sonnen geschicht, und sihe, es war alles eitel und jamer. 14 (und noch sehr oft oft, aber nur in diesem buche). weitere belege: dasz kein andächtiger mensch unter der sonnen als eben dieser von adel lebte. Jucundiss. 187; ich glaube nicht, dasz eine drolligere familie unter der sonne ist, als wir sieben brüder zusammen ausmachen. Lessing 11, 448; dasz auszer- und übersinnliche geheimnisse, gleich dem ganzen universo unter der sonne, ein blendendes nichts ... sind. Hamann 6, 7; ich bin der glücklichste mensch unter der sonne. Göthe 10, 91 (Clav. 3); o ein biszchen leichteres blut würde mich zum glücklichsten unter der sonne machen. 16, 91; schon finden wir nichts neues mehr unter der sonne. 20, 227; du machst mich zum glücklichsten menschen unter der sonne! 22, 52; ist eine unglücklichere frau unter der sonnen als ich? Lenz 1, 92; liebe, liebe ist doch alles, was unter sonn' und mond sich regt. Fr. Müller 3, 118; leben, du bist süsz, wer dich als mensch genieszt, des angestammten rechts fühlt, dasz alles unter der sonnen meiner freude gegeben! Fausts leben s. 6, 4 neudr.; ich bin der glücklichste unter der sonne, warum sollt ich zittern? Schiller 2, 37 (räuber 1, 2 schausp.);
dat niemen nes onder die sonne,
dien ic alse wale jonne
mijns scats ende miere trauwen.
Reinaert 2559;
denn ob schon new wird die person,
ist doch nichts news unter der sonn.
froschm. S 6ᵇ;
ich kenne nichts ärmeres
unter der sonn', als euch, götter!
Göthe 2, 79;
denn gebüszt wird unter der sonnen
jede that der verblendeten wut.
Schiller braut v. Mess. 1, 7.
auch:
alles, was vom anheginn
der erde unter sonn' und mond geschah.
Bürger 82ᵇ.
vgl. das ebenfalls sehr häufige unter dem monde, th. 6, 2501.
r)
durch ihren stand und die stadien ihrer bewegung theilt die sonne die zeit ein: sonne, ... das grosse licht des himmels, am vierten tage der schöpffung von gott gemacht, dasz es den tag regiere, den wechsel der jahres-zeiten bringe, und die zeit und währung der dinge abmesse. Jablonski 727ᵇ; wie man sich nach der sonne, mond und sternen richten möge, um zu wissen, wie viel es der zeit oder uhr nach sey. Döbel 3, 83; die sonne aber geht allein recht, und wenn sie auch nicht recht geht, so ist es doch ihr mittagsschatten allein, der die zeit über allen streit eintheilt. Hamann 1, 511.
s)
zunächst bringt, endigt und theilt sie den tag; sonne und tag gehören daher zusammen: machet sie (die sonne) mit jhrem umblauff (bezirckung) die tage. Comenius sprachenth. 34;
diu sunne zimt niht baʒ dem tage
danne der edele crônetrage
ûʒ Bêheimlant   Gote unt uns zeinem vürsten.
Reinmar v. Zweter 149, 10 Röthe;
unt vüeret dich, alsam den tak diu sunne.
minnes. 2, 378ᵃ Hagen;
der lieben sonnen licht und pracht
hat nun den tag vollführet.
hannov. gesangb. 504, 1.
daher als umschreibung für den wechsel von tag und nacht: so verlief der zweite tag auf dem gute zwischen sonne und sternen. Freytag 6, 92. daher als wunderzeichen: man hat eine sonne des nachts gesehen. Steinbach 2, 606. nur hypothetisch: auch die luft war schwül ... hatte in der nacht eine zweite sonne geschienen? Freytag 6, 93. — man unterscheidet danach die stadien der sonne in ihrem tageslaufe als abend-, mittags-, morgensonne, s. theil 1, 26. 6, 2377. 2580 f. auch: als wir in Hansens zimmer waren, wo noch der letzte strahl der vormittagssonne in die fenster schien. Storm 2, 26; die nachmittagssonne des decembers beleuchtete eben mit ihrem letzten strahl das grosze, schwarze tintenfasz. 1, 173. mitternachtsonne im hohen norden (vgl. e), s. theil 6, 2420. nautisch, besonders in der sprache der holl. seeleute und lootsen dafür bezeichnungen nach den himmelsgegenden: oster-, südoster-, süder-, südwester-, wester-, nordwester-, norder-, nordostersonne (stand der sonne um 6, 9 uhr morgens u. s. w., vgl. h). Bobrik 641ᵇ; norder-sonne, heiszt bey den seefahrenden die sonne wann sie beym nord-pol in norden ist, welches bey uns nie geschieht, so heiszt auch daselbst die sonne oster-sonne, wann sie in osten ist, da sie sonst bey uns aufgeht. Frisch 2, 286ᶜ f., s. auch theil 7, 891. 1379.
t)
ebenso wichtig sind die änderungen des täglichen sonnenlaufes innerhalb des jahres, die man als jahreslauf der sonne zusammenfassen kann. sie wendet sich von uns im sommer und herbst, ihre bahn (und ebenso die tage) wird kürzer und niedriger, erreicht den tiefsten stand um die winter-sonnenwende, wendet sich dann wieder zu uns, ihre bahn wird höher (sie steigt) und länger bis zur sommer-sonnenwende (s.sonnenwende): dies solstitialis, der tag, darinne sich die sonne wendet, der längste oder kürtzte tag. Corvinus fons lat. 612ᵇ; es würdt dise zeit (im juli) die son so hoch stehn, das sie niemand erlangen würd. Fischart groszm. s. 20 neudr.;
fürnemlich zu der zeit,
da sich das jar thut enden,
die sonn sich zu uns wenden.
Wackernagel kirchenl. 4, nr. 7, 1;
die schöne sonne steiget,
die lufft kriegt neue zier.
Opitz 2, 13.
man miszt diese bewegung der sonne, welche ekliptik oder sonnenkreis, -zirkel (s. das. u. Campe) heiszt und in wahrheit eine bewegung der erde um die sonne ist, nach zwölf sternbildern, als 'thierkreis' zusammengefaszt: der lauff der sonnen durch die 12. himmlische zeichen wird in allen calendern angezeiget, in einem jeglichen monden, als: die sonne komt in widder am 10. tage martii, und gehet wider herausz den 9. april u. s. w. Coler hausb. (1680) 135ᵇ; die sonn gadt in fisch. sol in pisces transitum facit. Maaler 376ᶜ; die sonne gehet in löwen. Kramer dict. 2, 840ᵃ; die sonne leuft in die fische. Stieler 2058; die sonne tritt in den krebs, sol introitum facit in cancrum. Steinbach 2, 606; die sonne tritt in den widder. Frisch 2, 286ᶜ; gleich wie er auch inn dem horoscopo oder geburtsstellung der welt sehr ungeschicklich setzt, die sonn sey alsdann im wider gewesen, so sie doch in der wag war. Fischart Bodin 42ᵇ; im meyen kompt die son zuͤ zweien zwilling. groszm. s. 18 neudr.; die sonne trat gleich in die wage. Lohenstein Armin. 1, 7ᵇ; nunmehro (im januar) ist die sonne am niedrigsten in dem wasser-mann. Fleming t. jäger 358ᵃ. — bezeichnung der sonne nach den jahreszeiten, s. frühlings- (theil 4, 1, 313), herbst- (theil 4, 2, 1073), sommer-, wintersonne. sandwälle, auf denen die herbe frühlingssonne flimmerte. Storm 2, 113; nach den monaten: er ist wie die sonne im jänner, ohne kraft. Campe; ferner januar-, februarsonne u. s. w., s. mai(en)sonne (theil 6, 1479. 1483), märz(en)sonne (theil 6, 1693), novembersonne (theil 7, 967), und: wo im glanz der junisonne die blühende haide lag. Storm 1, 205. s. auch ostersonne (1, theil 7, 1379; Germ. 1, 67), pfingstsonne (theil 7, 1702).
u)
infolge der kugelgestalt der erde ist der lauf der sonne für verschiedene punkte der erde verschieden und bewirkt wiederum die verschiedenheit des klimas. anfang, mitte und ende des tages differieren nach der geographischen länge. dagegen haben alle orte auf dem selben längengrad (meridian) zu gleicher zeit mittag. andrerseits ändert sich die höhe, lage und gleichmäszigkeit der sonnenbahn mit der geographischen breite. am äquator steht die sonne zu mittag stets senkrecht:
Salas y Gomez raget aus den fluten
des stillen meers, ein felsen kahl und blosz,
verbrannt von scheitelrechter sonne gluten.
Chamisso 2, 26 Koch.
mit der entfernung vom äquator wird die richtung der sonnenstrahlen schräger, ihre leuchtkraft und wärme geringer, die dauer des tages ungleichmäsziger.infolgedessen redet man von der sonne eines landes, ortes, worunter man die besonderheiten des sonnenstandes und -laufes zusammenfaszt: über dem boden schwebte noch der dämmer, welcher das licht der deutschen sonne auch an hellen morgen bändigt und mit seinem grau versetzt. Freytag 6, 82; die sonne der heimath war ihnen nicht mehr warm genug. Storm 2, 45; so auch:
diese ulmen, mit reben umsponnen,
sind sie nicht kinder unsrer sonnen?
Schiller 14, 23 (braut v. Mess. 1, 3).
unter unsrer sonne, bei uns, hier zu lande; vgl.:
ist aber, unter unsrer sonne,
ein weiser, wohl so weis' und kühn,
zu seyn, in unsers Griechen tonne,
was dieser war, zum mindsten schien?
Gökingk 1, 27.
v)
als geflügeltes wort mit besonderer beziehung: das ist die sonne von Austerlitz. ('als am 7. sept. 1812 an der Moskwa die sonne aufging, rief Napoléon I. seinen offizieren mit den worten voilà le soleil d'Austerlitz! die siegreiche schlacht vom 2. dec. 1805 ins gedächtnis zurück'.) Büchmann²⁰ 510;
und die sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.
Schiller 11, 82 (elegie 216),
vgl. Büchmann²⁰ 214. beiden redeweisen liegt also umgekehrt die anschauung zu grunde, dasz es dieselbe sonne ist, die überall scheint.
w)
sonne für das klima, die wärmere sonne des südens u. ähnl. hier steht gern der plural, wodurch die verwendung der folgenden ganz analog wird:
allein als jetzt der frühling wieder
gekommen war, ...
und mildere lüfte und wärmere sonnen
das süsse gefühl zu leben, zu streben,
und leben aus ihrer fülle zu geben
in allen wesen zu wecken begonnen.
Wieland 21, 18 (liebe um liebe 187);
zeuch, Alexander! hin bis zu den braunen Scythen;
irr um den trägen Phrat, wo heissre sonnen wüthen!
Uz 104 Sauer;
dass die liegenden schollen
ganz der staubige sommer mit reifen sonnen durchkoche.
Voss ländl. ged. 3, 7 (georg. 1, 66).
7)
häufig steht sonne in freierer verwendung für sonnenschein, zeit oder ort, wo die sonne scheint.
a)
sonnenschein:
es kam keyn so schön son,
das den dieb lust ann galgen zgon.
S. Franck sprichw. 1, 50ᵃ,
s. auch Henisch 1337, 33. Wander 4, 616, 119. so besonders in den zusammenstellungen
α)
sonne und regen (vgl. 4, d und sonnenschein): sonn und regen gehören zu einem guten jahr. Petri Ss 8ᵃ;
hoffnung tröstet mit geduld:
es kann leichtlich gottes huld
aus dem regen sonne machen.
hannov. gesangb. 343, 2;
sein antlitz ward des tages bild,
der sonne bringt nach starkem regnen.
Immermann 13, 180 Hempel.
β)
sonne und wind: gleiche sonne, gleicher wind. Wander 4, 616, 126; sonne und wind theilen beim kampfe, vgl. b:
im huy wird aufgehoben das gericht,
beschränkt der platz, kampfrichter auserkohren,
getheilet sonn' und wind.
Alxinger Doolin (1787) 161 (5, 48);
die kämpfer traten durchs gerüll
und theileten den wind, die sonnen.
Immermann 13, 138 Hempel.
γ)
sonne für sonnenhitze, s. 5, d zu ende u. 6, w.
b)
sonne haben u. ähnl.
α)
von menschen: die sonne im gesicht haben, dasz sie blendet, auch bildlich von hindernissen bei einem geschäft. Wander 4, 623, 312. daher wird bei einem zweikampf die sonne (gleich) getheilt, damit beide kämpfer gleiche chancen haben und keiner dadurch benachtheiligt wird: die sonne den kämpfern gleich theilen. vor alters in den thurnieren, dasz sie keinem im rennen zu viel ins gesicht schien, facere ut uterque dimicantium aliquam radiorum solis partem habeat, ut alter non magis illis impediatur ac alter. Frisch 2, 287ᵃ, vgl. Adelung (2, 1); die sunnen sal man in gelike delen, alse irst to samene gat. Sachsensp. 1, 63, § 4, hd. bei Scherz-Oberlin 1520;
die sonne wird getheilt, die richter setzen sich.
s. auch a, β. — mit kühnerer wendung: ich bin ganz seesalz und sonne. Bismarck br. an s. gattin s. 498.
β)
wann einer arm und dürfftig ist, und hat die liebe sonne ehe dann das brot in dem hausz, da reget sich die sünde. Gretter erkl. der ep. Pauli an die Römer (1566) 352; eine sprichwörtliche wendung, sonst in der form: es ist jhm die sonne ehe im hauss denn das brot. Wander 4, 624, 336. die sonne ligt immer an diesem hause. Kramer dict, 2, 840ᵃ; die sonne liegt stets im zimmer, cubiculum plurimo sole perfunditur. Steinbach 2, 606; die mittags-sonne in einem zimmer haben, soli meridiano expositum esse. Frisch 2, 287ᵃ; ein haus, eine wand hat viel sonne, wenn es gegen mittag liegt. Campe. auch: auf ihm (dem 'soler') werden die betten gesonnt .., und darf das bett nicht wieder herein, bis der schatten darauf gelegen, sonst trägt man die sonne in die bettstatt und mithin die nachtruhe aus derselben. Leoprechting aus d. Lechrain s. 223;
als des tages die sonne die mittagszimmer geräumet.
Bodmer Noah 40 (2, 84),
vgl. Schönaich ästh. in e. nusz s. 332 f. neudr.
γ)
von pflanzen:
bald pflanzt er einen baum; bald rückt er diesen so,
damit er sonne kriegt.
Gellert 3, 468;
die nelke soll man nicht verschmähn,
sie ist des gärtners wonne:
bald musz sie in dem lichte stehn,
bald schützt er sie vor sonne.
Göthe 1, 191.
δ)
sonst von dingen: (keine) sonne vertragen können u. ähnl.; nd. dat kan gên sün' ferdragen. ten Doornkaat Koolman 3, 366ᵃ.
c)
zeit, wo die sonne scheint, dauer des tages; so: kaum war die sonne angebrochen, verliesz ich meine zechbrüder in tieffstem schlaff. Simpl. 2, 271, 11 Kurz. gewöhnlich in präpositionalen ausdrücken.
α)
bei der sonne, am tage, solange die sonne am himmel steht: daʒ die weibel eim ieglichen man megen für gebieten bî der sunnen, sô aber die sunne ze reste komt, sô hât ir gebot keine kraft. quelle v. 1388 s. Schm. 2, 296. mhd. wb. 2, 2, 744ᵃ; were ok, dat se sich dar nicht an verdreghen en konden by der sunnen eder in der tokomende[n] nacht. quelle bei Schiller-Lübben 4, 474ᵇ; item den dienst, den sye dem heren schuldich syn, kennen sye twye by grase und eyns by stroe, by der sunnen uyt und by der sunnen weder heym. Grimm weisth. 3, 185.
β)
dafür deutlicher, mit der gewöhnlichen bedeutung von sonne: to des huse sal man't gelden, deme man't scüldich si, bi sunnen schine. Sachsensp. 2, 5, § 2; gewöhnlich bei scheinender sonne: und hebben en en[t]seght to eren sloten by schinender sonnen. urk. v. 1396 bei Schiller-Lübben 4, 475ᵃ, auch in der form bi schiner sunnen, s. ebenda; bi schinender sünne, vor sonnen untergang. Dähnert 474ᵃ; mhd. bî liehter, schîniger sunnen s. mhd. wb. 2, 2, 744ᵃ; wann ich ihm von solchen dingen in der beichte sagete, würde er mich bey scheinender sonne, mit weib und kindern wegjagen. Schuppius 505.
γ)
vor der sonne, vor sonnen aufgang, vor tage:
des morgens vor der sunnen fruo.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 9846;
hoch schlägt ihr herz, den sichern port
noch vor der sonne zu erreichen.
Wieland 9, 243 (Sixt. u. Kl. 2).
na de sünne, nach sonnenuntergang. Dähnert 474ᵃ: men mach ok nicht lenrichte hebben na der sunnen (in einigen handschr. folgt: undergangk). Sachsensp., richtst. 5.
δ)
mit der sonne, bei tagesanbruch, s. 6, a.
d)
so steht auch sonne geradezu für 'tag'. bei einer, derselben sonne an demselben tage: do bemanneden se twe schepe in deme selven daghe unde nemen den Denen dat schip mit dem gude weder des sulven daghes unde mit eyner sunnen. urk. v. 1371 bei Schiller-Lübben 4, 474ᵇ. ähnlich: welicher unser ainer des undern vogts bedarf, so sol er mit im ... raisen bei ainer sunnen (auf, für einen tag) auf sein selbs zerum, wer sein aber verrer bedarf, der sol im darumb tun. Salzb. taid. 339, 24. von einer sunn zur andern. qu. bei Schm. 2, 297; den fremden (soll) von einer sunnen zur andern gericht ... werden. quelle v. 1384 bei Haltaus 1695; und die fohrleut sollen an der Moselen warten von einer sonnen zu der anderen. Grimm weisth. 2, 538; dat sik en jewelik bederve man an dem anderen bewaren schal van ener sunnen to der anderen. urk. v. 1396 bei Schiller-Lübben 4, 474ᵇ. mit adjectiven:
mit jeder sonne soll mein lauter lobgesang
von allen welten wiederhallen.
Ramler bei Adelung (2, 3);
o! goldne zeit
der reise, wo uns jede neue sonne
vereinigte, die späte nacht nur trennte!
Schiller Picc. 3, 3;
dabei wird oft die gewöhnliche bedeutung mitempfunden:
ich grüsze dich, verhängniszvolle sonne!
eh du zu rüste gehst, hat sich's entschieden,
ob fried in waffen, ob im grabe frieden.
Grillparzer⁴ 5, 132 (könig Ottokar 5).
die nächste, letzte sonne u. ähnl.:
o feld vom aufgang bis, wo sie untergeht
der sonnen letzte, heiliger todter voll,
wann seh ich dich?
Klopstock 1, 87;
der abendkusz, ein treu verbindlich siegel:
so wird es auch der nächsten sonne bleiben.
Göthe 3, 24;
die nächste sonne finde von verbrechen rein
das haus und leuchte einem fröhlichern geschlecht.
Schiller 14, 119 (braut v. Mess. 4, 8);
dies mirakel wiederhole
heut sich in der jüngsten sonne!
Immermann 12, 52 Hempel (Tulif. 2, 2, 195).
mit ordnungszahlen:
ihr lebt betrübt und schaut
mich, (eh die achte sonn' recht meine noth entdecket)
verwelckt, erblaszt, verstellt.
der tag, die nacht vergingen, und es machte
der zweite tag kein ende seiner qual;
die dritte sonne schon den lauf vollbrachte.
Chamisso 2, 40 Koch (krucif. 3).
im plural:
kiesen soll ich daraus, singen mit trunknem ton
eine der sonnen, die einst mir schien.
Klopstock 2, 219;
(dasz) mit frohem, tiefen vorgefühl
die sonnen auferstehn!
242 (das wiedersehn);
wasserkothurn, du warest der heilenden einer; ich hätte,
unbeseelet von dir, weniger sonnen gesehn!
243.
mit zahlwörtern: die gesetze des reichs erfoderten, dasz der neue könig in den ersten dreyszig sonnen seiner regierung eine wallfahrt zu dem haine des groszen Namu-Amida thun sollte. Rabener 5, 72;
und so flohen dreyszig sonnen
schnell, im raub verstohl'ner wonnen,
dem beglückten paar dahin.
Schiller 11, 339;
nach der ritterfeste vierzehn sonnen.
Uhland ged. (1864) 435.
vgl. auch Schönaich ästh. in e. nusz s. 332 Köster. vereinzelt sogar für 'tagereise': dort drüben an dem andern ocean, der sechs sonnen von hier liegt. Becker weltgesch. 7, 51.
e)
aber auch für 'jahr' wird sonne gesagt (vgl. 6, t):
und der geflohnen sonnen, die ich sahe,
sind so wenig doch nicht, und auf dem scheitel
blühet mir es winterlich schon.
Klopstock 2, 94;
von Wartburgs höhn, wo vor so manchen sonnen
uns eure väter freundlich angehört.
Göthe 13, 225;
seit manchen monden, einigen sonnen,
erfahrungsfülle habt ihr wohl gewonnen.
41, 100 (Faust II, 2);
also sankest, gereifet an achtzig sonnen, dem tode
du ... sanft in die lösende hand.
Stolberg 2, 21;
schon vierzig sonnen reiften unsre saat,
seitdem ich herrscher bin in Cekrops stadt,
und jede reifte mir ein neues weh.
4, 5.
f)
in andern wendungen steht sonne mehr in localem sinne, ort wo die sonne scheint. so an der sonnen sein, apricari. Maaler 376ᶜ; sich an der sonnen enthalten, an der sonnen ligen oder ston. 376ᵈ; an (in) der sonne ligen, stare, esser' esposto al sole. Kramer dict. 2, 839ᶜ; an der sonnen liegen, apricari. Stieler 2058; was an der sonne liegt, apricum. Steinbach 2, 606; unter freiem himmel, dem sonnenschein ausgesetzt: das man ... die gebeine unser veter, aus jren grebern geworffen hat, ... das sie am tage an der sonne, und des nachts im thaw, gelegen sind. Baruch 2, 25; der schlaff soll weder an der sonnen, viel weniger an dem mond-schein verrichtet seyn. Hohberg 1, 175ᵃ;
ich wollt vorhin mein klares garn begieszen,
das an der sonne liegt.
Gellert 3, 442.
mit dem begriff der öffentlichkeit:
her sprach: vrunde vil lieben,
ich biete uch ander sunnen, ...
daʒ ir wollet ledegen daʒ grap.
graf Rud. 3, 9, vgl. s. 29.
so auch: und will deine weiber nemen fur deinen augen, und wil sie deinem nehesten geben, das er bey deinen weibern schlaffen sol, an der liechten sonnen, denn du hasts heimlich gethan, ich aber wil dis thun fur dem gantzen Israel und an der sonnen. 2 Sam. 12, 11 f.; so ist diser stand der geystlichen nichts anderst denn eyn offen thor ynn alle unkeusch. ligt doch der paur gar mit eynander an der sonnen. Luther 15, 135, 3 Weim. ausg.; daher sprichwörtlich: es leydt alles noch so klar am tag wie der bawer an der sonnen. practica der pfaffen. anfangk unnd auszganck desz gantzen bapstumbs D 4ᵇ; es ligt am tag als der pawr ann der sonnenn, wie die Anthonier ... sich selbs verratten. Eberlin v. Günzburg 1, 178 neudruck.ähnlich mit ungewöhnlicher steigerung:
das geheimnisz
ist für die glücklichen, das unglück braucht,
das hoffnungslose, keinen schleyer mehr,
frey, unter tausend sonnen kann es handeln.
Schiller Wallensteins tod 3, 18.
vgl. auch Göthe unter 2, i.
g)
mit andrer nuance in der sprichwörtlichen redensart: er bestehet wie butter an der sonne. Kramer dict. 2, 839ᶜ; prov. de titubanter et inconstanter loquentibus, latine: aqua haeret, perturbatus, ac debilitatus rubet, haesitat, dubitat. Stieler 2058; wissenn woll, das sie mit yhren gewonheytten und menschenleren bestehen wie putter an der sonnen. Luther 7, 642, 27 Weim. ausg.; sich selber bereiten aus eignen krefften kan nicht bestehen fur gott, helt den stich nicht, wenn uns der tod unter augen schnaubet, so felt es alles dahyn wie butter an der sonnen. 16, 419, 25; so stehen sie wie butter an der sonnen. 23, 92, 17; hauptm. ... wiszt ihr dasz wir schon um hundert geschmolzen sind? ritter. drum geschwind, eh der ganze eisklumpen aufthaut; es macht warm in der nähe, und wir stehn da wie butter an der sonne. Göthe 8, 96 (Götz v. Berl. 3); nd. he steit as de botter in de sünn, er schweigt und schämt sich. Dähnert 52ᵇ. Mi 89ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 366ᵃ.
h)
an der sonnen spatzieren oder umbhin gon, spatiari in aprico. Maaler 376ᶜ; die kleider sind auch wieder kapores, und ich musz mir wieder rock und hosen machen lassen; denn so schäbig an der sonne herumzusteigen, ist mir einmal nicht möglich. Keller leben 1, 50. — mit acc.: an die sonnen gehen, ad apricationem egredi. Dentzler 2, 266ᵇ; wann ihr alszdann an die sonne wolt gehen, so nehmet ein wenig davon ... und bestreichet das angesicht damit. Coler hauszapoth. 43ᵃ. ähnlich nd.: wî sint âle wîwere (alte weiber), wî gât der sunnen nâe, suchen den sonnenschein auf. Schambach 219ᵃ. — wer sich lang an die sonne setzet, der wir[d] endlich schwartz. Petri Jii 7ᵇ. Henisch 890, 12. mhd. mit unbestimmtem art., wodurch die locale bedeutung noch stärker hervortritt:
an eine sunn mîn lîp dô saʒ.
insolare, an die sonnen legen, insolatus, an der sonnen getreugt, insolatio, das dürren an der sonnen. Corvinus fons lat. 612ᵇ; etwas an die sonne legen, soli exponere aliquid. Frisch 2, 286ᶜ; nim alle obersten des volcks, und henge sie dem herrn an die sonne. 4 Mos. 25, 3. vgl.: biszweilen findet man einen, der druckt ein hoff-schwam aus, der viel wasser in sich gezogen, und henckt ihn an die sonne, wie Asverus seinem untreuen Haman thäte. Schuppius 833. (s. auch Schiller räuber 2, 7 trauersp. unter 3, o, wo zwar sonne zunächst im gewöhnlichen sinne steht, jedoch damit zugleich die vorstellungen des unerreichbaren und des öffentlichen verknüpft sind.)
i)
freier in der sehr häufigen sprichwörtlichen redeweise etwas kommt an die sonne, zum vorschein, wird offenbar, offenkundig: es ist nichts so klar gesponnen, es komt an die sonnen, non si fece mai bucato di notte, che non si tendesse di giorno, met. le malvagie attioni si palesano alla fine. Kramer dict. 2, 839ᶜ; quicquid sub terra est, in apricum proferet aetas. kein faden ist so rein gesponnen, der mit der zeit nicht komm an die sonnen. Dentzler 1, 58ᵃ; es ist nichts so klein gesponnen, es kommt an die sonnen, deteguntur omnia suo tempore. Frisch 2, 286ᶜ; s. auch Simrock sprichw. 9581. Zingerle sprichw. im mittelalter s. 139 f. belege aus der litt., s. Manuel unter I, 4; Göthe 1, 203 unter I, 5, c;
nie wart sô klein gespunnen,
eʒ kæm etswenn ze sunnen.
Boner 49, 55;
jedoch wird nichts so klein gesponnen,
es kömpt noch endlich an die sonnen.
froschm. G 7ᵇ;
es war nur nöthig, dasz die polybianische rechnung der jahre der könige wieder bekannt ward, damit dieses nicht allzu fein gesponnene gewebe an die sonne komme. Niebuhr 1, 282. dazu: etwas an, gegen die sonne legen, ponere, mettere qualche cosa al sole, met. provarla, dimostrarla chiaramente, evidentemente ò con evidenza. Kramer dict. 2, 839ᶜ;
nû heln und steln!   doch breit ichʒ an die sunnen!
k)
die locale bedeutung von sonne (sonnenbeschienener platz) ist noch deutlicher ausgeprägt, wenn an stelle von an die präp. in angewendet wird. so jetzt meistens an stelle der unter h behandelten verbindungen. in der sonne, so schweiz. a dr sunne oder i dr sunne ligge. Hunziker 267; nd. dat ligt in d' sün to bleken (oder to drögen, to braden). ten Doornkaat Koolman 3, 366ᵃ; den barfüsser orden führen unnd läusz in der sonnen erklauben. Fischart groszm. s. 12 neudr. mit attribut: wie ich wieder in der freyen sonne war. Heinse Ardingh. 1, 336; er (der vogel) steht in der heiszen sonne und schläft. Storm 2, 237. — tropisch: ein geheimnisz hüllt sich in mitternacht, und die wahrheit wohnt in der sonne. Schiller 4, 42. besonders: in der sonne gehen, caminare nel sole. Kramer dict. 2, 840ᵃ; wer viel in der sonne geht, wird gebräunt. Wander 4, 622, 276; so aber eyner unbeschoren, sol er ... vil umbgehn: aber doch ... weder underm dach, noch inn der sonn. Khüffner Cels. 4ᵇ; meine lieben herren, gehen sie nur eine woche so wie ich in der sonne, sie werden auch keine weisze hände behalten. Arnim Halle u. Jerus. 4; um elf ein bisserl in der sonn' spazieren gehen. Raimund 1, 276 (bauer als mill. 2, 9). — anders mhd. häufig daʒ in der sunnen vert als umschreibung der sonnenstäubchen u. ähnl.: wan ir ist mêr danne stoubes in der sunnen. Berthold v. Regensburg 1, 29, 28;
mit swerten wær mîn lîp verzert
klein sô daʒ in sunnen vert.
Parz. 198, 20;
baʒ dann gevierteilet,
klein als daʒ in der sunne vert.
mit acc.: in die sonne gehen, treten. Adelung (2, 1); weshalb er aber jetzt in die heisze sonne hinausgetreten war. Storm 2, 56; wenn es (das pferd) so den kopf aus dem schatten in die sonne hinauswarf, glänzten die haare wie metall. 133; da trat die spitze eines seidenen mädchenschuhs ihm in die sonne. 1, 317; tuch, welches in die sonne geleget wird, dasz es weisz werde. Comenius sprachenth. 500. — nd. sprichw.: hei is tau froi in de sunne ehâlen (gehalten), er ist überklug. Schambach 219ᵃ.
l)
aus der sonnen gehen, der sonne weichen, cedere al sole, ritirarsi dal sole. Kramer dict. 2, 839ᶜ; tritt ein wenig aus der sonne. Stieler 2058; nd. ga ut de sünne, in den schatten. Dähnert 474ᵃ; mhd. dafür von:
ich was zuo dem brunnen
gegangen von der sunnen,
daʒ diu linde mære
den küelen schaten bære.
im ältern nhd. und mundartl. (schweiz.): ab der sonnen gehen, a sole abesse. Dentzler 2, 226ᵇ; dazu ab der sonne nehmen, ins gefängnis stecken: aber können dann solche bursche ... so mit armen mannlene verfahren nach belieben, nimmt man sie nicht beim kopf und ab der sonne? Gotthelf schuldenb. 22.
m)
einem in der sonne stehen, zunächst eigentlich, so stehen, dasz man einem andern den sonnenschein wegnimmt, dasz er im schatten steht: nd. hê steid mî in de sün'; du must mî ût de sün' gân, ik kan so nêt sên. ten Doornkaat Koolman 3, 366ᵃ; dafür meist: er stuhnd ihm vor der sonnen, officiebat apricanti. Dentzler 2, 266ᵇ. gern in übertragenem sinne: vor der sonnen stehen, officere, obstare alicujus commodis: obstruere alicujus luminibus. ebenda; er möcht' andern vor die sonne stehn. Eiselein 571; Shakespears Richard hat so gewisz am leser einen bewunderer, als er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der sonne stünde. Schiller 2, 11.
n)
im mhd. dient gegen, gein der sunnen auch zur bezeichnung der himmelsrichtung, nach osten zu: der (heiden) enhaben wir hie niht; sô ist ir aber manic tûsent anderswâ jenhalp mers gein der sunnen. Berthold v. Regensburg 1, 530, 2; an dem perg Caucasi, der gegen der sunnen ligt. Megenberg 373, 1;
sie schurren im ein prunnen
geriht gên der sunnen.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 6706;
der flôʒ gegen der sunnen.
6923 (s. das glossar).
o)
geradezu als ortsbezeichnung (?): gen Leon, Parisz, Venedig, ... Sachssen, Braunschweyg, Lübeck, zum Sonn, Bremen, Hamburg u. s. w. Schumann nachtbüchl. s. 178, 55 Bolte. — Hohe Sonne als bergname, z. b. bei Eisenach.
8)
häufig ist sonne in vergleichen und in bildlichem gebrauche.
a)
von gott: reht alse alle sternen des himels ir lieht von der sunnen habent, alsô hât alleʒ himelische her ir lieht von dem wâren sunnen, sît danne unser herre der wâre sunne unde daʒ wâre lieht ist. Berthold v. Regensburg 1, 391, 17—20 (beachte den wechsel des geschlechts!);
dâ got selbe ist der sunne.
Wernher Mar. 132 (fundgr. 2, 184, 12);
mhd. als sinnbild der dreieinigkeit, s. Schönbach pred. 2, 115, 30 ff.:
diu sunne hât viur unde schîn
unt muoʒ doch ein sunne sîn ...
als wiʒʒet daʒ die namen drî
ein got ungescheiden sî.
Vridanc 24, 17;
ebenso renner 18572 ff.nhd.: denn gott der herr ist sonn und schild. ps. 84, 12; du, mein Emanuel, ruhest in deiner hohen einsamkeit, ... da blickest du sanft geblendet in die sonne der gottheit. J. Paul Hesp. 2, 107;
gott selbst wird sein mein speisz und tranck, ...
mein klarheit, liecht und helle sonn.
Wackernagel kirchenl. 5, nr. 699, 8.
durch einen gen. näher bestimmt:
o meiner seelen sonn und zier.
P. Gerhardt nr. 78, 47 Gödeke;
mein gott, die sonne geht herfür,
sei du die sonne selbst in mir,
du sonne der gerechtigkeit,
vertreib der sünden dunkelheit!
hannov. gesangb. 10, 1;
sei du allein die sonne
des lebens und die wonne
des herzens und des auges stern!
21, 5;
o heilger geist, kehr bei uns ein ...,
o komm, du herzenssonne!
141, 1.
verstärkt: denn es trat einmal ein einzelwesen auf die erde, das ... brennend und ziehend wie eine sonne, ... sich und völker und jahrhunderte zugleich nach der all- und ursonne bewegte und richtete (Jesus Christus). J. Paul dämmerungen s. 16;
ich schau der sonnen sonn
in ewig-hellem glantz.
vgl. auch 1, l.
b)
von Christus, zunächst im vergleich (s. auch 3, d):
von dem (kinde) gieng ein schin so clar
rechte dem gebere,
als es der sunne were.
o Jesu heller als die sonn.
Sigmund v. Birken geistl. weihrauchk. 59.
in übertragung:
thâr saʒ, mihil wunna,   thiu êwînîga sunna,
ni fon imo ouh ferron   einlif dagasterron:
druhtîn selbo in wâra.
Otfrid 4, 9, 23;
unz uns erscein der gotes sun,
wârer sunno von den himelun.
Ezzos gesang 6, 12;
si gebar den wâren sunnen.
fundgr. 2, 147, 10 (Wernher Mar. 2);
wan dû (Maria) genzelich enbrunnen
wære von dem wâren sunnen,
der von dir ist ûʒ gerunnen,
und üns alle erliuhtet hât.
minnes. 1, 68ᵇ Hagen;
dô Krist, diu wâre sunne,
mit lebelîcher wunne
schein durch dînen ganzen lîp.
Konr. v. Würzburg die gold. schmiede 787;
er ist selber die sonne,
der durch seiner gnaden glantz
erleucht unser hertzen gantz.
Luther 8, 359ᵇ;
Jesu. der hertzen frewd und wonn,
des lebens brun, du wahre sonn.
Wackernagel kirchenl. 5, nr. 703, 2;
bey dir, o sonne,
ist der frommen seelen freud und wonne.
S. Dach s. 96 Österley;
ach komm, ach komm, o sonne.
P. Gerhardt nr. 10, 77 Gödeke;
die sonne war noch nicht erwacht,
da wacht und gieng in voller macht
die unerschaffne sonne.
14, 21;
wo bist du, sonne blieben?
die nacht hat dich vertrieben ...
fahr hin! ein ander sonne,
mein Jesus, meine wonne,
gar hell in meinem herzen scheint.
16, 10,
ich lag in tiefster todesnacht;
du warest meine sonne,
die sonne, die mir zugebracht
licht, leben, freud und wonne.
o sonne, die das werte licht
des glaubens in mir zugerichtt,
wie schön sind deine strahlen!
58, 22—28;
die sonne, die mir lachet,
ist mein herr Jesus Christ.
82, 117;
ich danke dir, du wahre sonne,
dasz mir dein glanz hat licht gebracht.
hannov. gesangb. 304, 5.
dafür: in geheimer bedeutung hat es dem heyland selbst gefallen, sich die sonne der gerechtigkeit nennen zu lassen. Jablonski 728ᵇ (nach Mal. 4, 2, s. unter g); wanne als daʒ morgenrot ein vorbote ist des tages als sie den suͦnnen vorleitet, also brachte unser vrowe sente Maria ir libiʒ kint unsern herrin Jhesum Cristum in dise welt, qui est sol iusticie, der da ist ein suͦnne der gerechticheit. Leyser pred. 95, 7; scol sich zuͦ Christe becheren, der sunno unde lieht ist alles rehtes, des name heiʒit oriens, unt bitten in daʒ er unseriu herce erluhte. Graff Diut. 3, 31; Moses, die psalmen und propheten sind voller winke und blicke auf diese erscheinung eines meteors über wolken- und feuersäule, ... einer sonne der gerechtigkeit. Hamann 7, 57;
sollt auch erscheinen dieser zeit
die sonne der gerechtigkeit?
P. Gerhardt nr. 112, 14;
denn die sonne der gerechtigkeit
führt den streit.
hannov. gesangb. 181, 2.
seltener von Maria: unde diu sunne bediutet alles unser frouwen Marîam, gotes muoter. Berthold v. Regensburg 1, 539, 25;
du ein lichte spelende sunne.
dû bist glîch dem sunnen.
Melker Marienl. 13, 3
(wo allerdings Müllenhoff du bist streicht und den vergleich auf Christus bezieht, s. die anm. in den denkm. nr. 39, ³2, 247 f.); s. ferner W. Grimm einl. zur gold. schm. s. xxxviii, 29 ff. vgl. auch:
wande sie in denselben zîten
erlûhte sam diu sunne   ûʒ allem ir chunne.
fundgr. 2, 163, 29 (Wernher Mar. 60).
c)
häufig werden menschen mit der sonne verglichen, namentlich fürsten u. ähnl.:
jâ von dem vuoʒ unz ûf den gebel
lobt nû diu werlt den reinen, werten helt ûʒ Ôsterrîch;
alle vürsten sint gegen im ein nebel,
wan er ist dem sunnen gelîch.
minnes. 2, 5ᵃ Hagen (Wartburgkr. 9);
ên wîf is lîk der sunnen.
vruwenlof 51;
sente Peter ist gelichet der sunne durch siben dinch. Schönbach pred. 1, 63, 37; die jn aber lieb haben, müssen sein, wie die sonne auffgehet, in jrer macht. richt. 5, 31. — leuchten wie die sonne, s. 3, d. unbestimmter: eruuelet samo diu sunna. Williram 106, 3; wer ist die erfür bricht, wie die morgenröte, schön wie der mond, ausserwelet wie die sonne. hohel. Sal. 6, 9;
führten sie nicht mit wonne
eine schöne jungfrau dar,
herrlich wie eine sonne,
strahlend im goldnen haar?
Uhland ged. (1864) 207.
auch mit steigerung: sie (die weisheit) gehet einher herrlicher denn die sonne und alle sterne. weish. Sal. 7, 29;
wan ich hab ein wîp
ob der sunnen mir erkorn.
minnes. frühl. 134, 27.
d)
ein mensch wird als sonne bezeichnet (hypothetisch):
wär ich die sonn, wär ich der mond.
wunderh. 1, 111 Boxberger.
in dichterischer übertragung ('auch erhabene personen, welche erkenntnisz und thätigkeit um sich her verbreiten, werden in der höhern schreibart sonnen genannt'. Adelung 2, 2):
und den er vröude solte tragen,
den was der herre in sînen tagen
ein vröude berndiu sunne.
Trist. 253;
ach schwestern! ach beklagt die sonne von den frauen.
Mühlpforth leichenged. 97;
holdseligstes geschlecht, ihr schönen anmuths-sonnen.
30;
o bleibe stark! erhalte dich uns aufrecht,
denn du bist unser licht und unsre sonne.
Schiller Wallensteins tod 5, 3.
verstärkt:
damals war sie sonne aller sonnen
in dem festlich aufgeschmückten saale.
Göthe 1, 219.
im ausgeführten bilde: nun, leben sie recht wohl, liebe sonne, und fahren sie fort zu erwärmen und zu erleuchten. Göthe an Zelter 160 (28. febr. 1811);
die sonnen (freunde) also scheinen uns nicht mehr,
fortan musz eignes feuer uns erleuchten.
Schiller Picc. 2, 2;
preis ihr und ehre,
die uns dort aufgeht,
eine glänzende sonne.
braut v. Mess. 1, 3.
namentlich kommt es oft auf den gegensatz des auf- und untergehens an. so sprichw.: mer leute beten die aufgehende, als die untergehende sonne an. Lehmann bei Eiselein 571; die aufgehende sonne hat mehr anbeter als die untergehende. Simrock 9595. Wander 4, 611, 22; man hat die sonn lieber, wenn sie auff, als wenn sie untergehet. 616, 140 (aus Lehmann, s. auch 615, 115). daher: die unterscheidende huldigung ..., die er der aufgehenden sonne vor der sinkenden zollte. Schiller 3, 526;
des vaters untergeh'nde sonne lohnt
das neue tagwerk nicht mehr. das verspart man
dem nahen aufgang seines sohns.
5, 2, 434 (don Karlos 5, 9);
dasz ihr bei meinem leben noch mein volk
verführtet, ...
dasz alles sich der neu aufgeh'nden sonne
zuwendete, und ich —
12, 499 (M. Stuart 3, 4).
als eine art. term. techn.: der adel der Louysianischen nation der Natches in America nennet den pöbel miche miche quipi, das ist stinker; er selbst hestehet aus sonnen, edelleuten, und hochgeehrten herren. sonnen sind diejenigen, die von einem manne und einer frau abstammen, welche vorgeben, sie seyen unmittelbar aus der sonne entsprungen. Zimmermann vom nationalstolze (1768) s. 89; für euch andere wäre es weit sicherer, die menschen, wie in Indien, in sonnen und in stinker abzutheilen, und den letzten alle mittel zur aufklärung zu entreissen. Hellidor. die sonnen und stinker laufen bey uns durcheinander. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 3, 318. von den seligen (vgl. 3, d):
du, sonne, magst am himmel hoch
im güldnen stücke gehen:
du wirst dein bild auf erden doch
in einer blume sehen.
zeigt uns die art der himmelgart':
er macht den sinn hinreisen,
wo einst wir sonnen heiszen.
Birken nor. Parnasz 52.
e)
zumal die geliebte wird gern mit der sonne verglichen:
gleicht sich mein lieb der sonnen und auch dem monden.
bergr. s. 46, 4 neudr.;
rose, meer und sonne
sind ein bild der liebsten mein,
die mit ihrer wonne
faszt mein ganzes leben ein.
Rückert (1882) 1, 374 (liebesfr. 1, 17);
und ros' und sonne sind nur aufgegangen,
ein doppelbild der liebsten mir zu prangen.
7, 296.
oder als solche bezeichnet:
si ist mîn liehtiu rôse rôt,   und ouch mîn spilnder sunne klâr.
minnes. 1, 336ᵇ, 4 Hagen;
was soll die sonne mir? ist sie doch meine sonne.
Opitz 2, 152;
da sonnenblum' ich bin,
wie sollt' ich nicht den sinn
nach meiner sonne wenden!
Rückert (1882) 1, 385 (liebesfr. 1, 37);
komm, meine jüngste sonne,
betritt dein strahlend feld!
466 (3, 40);
andre beten zur madonne,
andre auch zu Paul und Peter;
ich jedoch, ich will nur beten,
nur zu dir, du schöne sonne.
gib mir küsse, gib mir wonne,
sei mir gütig, sei mir gnädig,
schönste sonne unter den mädchen,
schönstes mädchen unter der sonne!
Heine 1, 119 Elster (heimk. 52);
in eigner liebe wohnt schon die fremde; und Nikolaus kann auf den wächsernen flügeln eines bildes hoch genug seiner warmen sonne zufliegen. J. Paul komet 3, 44. mit bestimmendem genitiv:
mîn frou, der fröuden sunne.
Heinr. v. Neustadt Apoll. 2002;
ach must du denn, du gar zu wahrer schein (bild)
von meiner seelen sonn' vergehn und aschen seyn!
A. Gryphius 1, 221 (Card. u. Cel. 3, 164);
(die sonne,) die meine sonne des lebens
mir entziehet und lang' lang' mir entziehet, sie kommt!
Herder 27, 321 Suphan;
vgl. auch z. b. herzenssonne (theil 4, 2, 1240), seelensonne (sp. 31). als zärtlichkeitsausdruck auch sonst:
ist Ephraim nicht meine kron
und meines herzens wonne,
mein trautes kind, mein theurer sohn,
mein stern und meine sonne?
P. Gerhardt nr. 49, 4 Gödeke.
f)
insbesondere werden die augen gern als sonnen bezeichnet: augen-sonnen, i soli di due begli occhi. Kramer dict. 2, 840ᵃ, vgl. theil 1, 812;
ihr schwartzen sonnen ihr im himmel des gesichtes.
Lohenstein rosen 70.
ähnlich:
wenn liebes-sonnen sich in dem gesicht' entzünden,
der anmuths-blikke blitz den augen sich befreind't.
80;
wann er im thauigen frühroth hergegangen
als jäger kam, ward ich vom schlummer wach,
um an der sonne seines blicks zu hangen.
Rückert (1840) 1, 119.
vgl. ferner Chamisso unter 1, k. jedoch auch:
der himmel kleiner welt ist ein schön angesichte.
was kan nun, als der mund, in ihm die sonne sein?
Lohenstein rosen 59.
g)
daran schlieszen sich mannigfache unbestimmtere und abstractere gebrauchsweisen, meist im ausgeführteren bilde: der vater- und kindesname ist die neue sonne am himmel der menschheit. Uhlhorn leben Jesus. 85;
der nur geliebt und nie gesündet, ..
erloschne sonnen angezündet,
als er für uns am kreuze starb.
Lenau 2, 233 Koch (Savon. 7).
die sonne scheint bildlich als ausdruck der freude, des glücks: nun bricht wieder sonne in mir hervor. Fr. Müller 3, 152;
denk ich an seine liebe,
wie werd ich doch entzückt,
dasz wenn es noch so trübe,
mir gleich die sonne blickt.
hannov. gesangb. 416, 2;
so besonders in zusammenstellung mit regen, s. die unter 4, d angeführten wendungen, sowie 7, a, α und:
auf den nebel folgt die sonne,
auf das trauren freud und wonne.
P. Gerhardt 83, 1 Gödeke.
bild und deutung vermischt:
nur geduld,   gottes huld
läszt oft nach dem weinen
auch die sonne scheinen.
hannov. gesangb. 417, 1;
gehen wir hier hin und weinen,
dorten wird die sonne scheinen.
630, 1.
in demselben sinne redet man von der sonne jemandes: denn jre sonne sol bey hohem tage untergehen, das beide jr rhum und freude ein ende haben sol. Jerem. 15, 9;
ein trüebeʒ wolken unde dic
bedaht im sîner sunnen blic.
d. arme Heinr. 156;
stark macht des weibes schmerz den mann!
schon unter seinen küssen scheinen
ihn ihre sonnen wieder an.
Gökingk 1, 150;
nun ward der winter unsers miszvergnügens
glorreicher sommer durch die sonne Yorks.
Shakespeare Rich. III. 1, 1.
sonst meist mit erklärendem genitiv sonne des glücks, der freude: die geringe und unglückselige leuthe pflegen gemeiniglich die vornehmen, und denen die sonne des glücks scheinet, mit miszgünstigen augen anzusehen. Olearius rosenth. 7ᵃ (1, 7); noch ist mir die sonne der freude nicht ganz aufgegangen. Heinse Ardingh. 1, 313;
mîner freuden sunne
diu ist leider bedaht
mit tôtvinsterre naht.
2. büchlein 18;
erwarte nur die zeit,
so wirst du schon erblicken
die sonn der schönsten freud.
P. Gerhardt nr. 68, 48;
denn kurz, mich dünkt, so lang die sonne
der frölichkeit im herzen scheint,
kriecht man gewisz in keine tonne.
Gökingk 1, 28.
sonne des lebens:
der jugend kurze jahre sind dahin, ...
es neigt sich schon die sonne deines lebens.
Chamisso 1, 342 Koch (Faust).
in anderm sinne (mit objectsgenitiv):
die lieb' ist der natur ihr erstgebohrnes kind, ...
sie ist des lebens sonn'.
Lohenstein rosen 82.
so auch die ewige sonne u. ähnl. für das ewige leben:
inliuhte imo io thâr wunna,   thiu êwînîga sunna!
Otfrid ad Ludow. 96;
du lebst und bist von herzen froh,
siehst lauter sonnen scheinen,
die sonnen ewger freud und ruh.
P. Gerhardt nr. 34, 92 f.;
o der groszen freud und wonne!
jetzund gehet auf die sonne,
jetzund gehet an der tag,
der kein ende nehmen mag.
hannov. gesangb. 597, 6.
ferner: weisz aber ein reisender an den thüren der von der sonne kaiserlicher gunst bestrahlten männer anzuklopfen. Wagner der Kaukasus (1850) 2, 6;
es geht die sonne mir der schönsten gunst
auf einmal unter; seinen holden blick
entziehet mir der fürst.
Göthe 9, 194 (Tasso 4, 1);
mir hat die sonne deiner huld getagt!
Chamisso 1, 226 Koch (lebens-lieder 14);
und wenn ich morgen früh aufs neue
den sonntag wieder sehen kann,
so blickt die sonne deiner treue
mich auch mit neuen gnaden an.
hannov. gesangb. 517, 8.
ähnlich auch: wenn die ministerialische sonne ihr antlitz seitwärts wendet. Gotter 3, 18. — noch abstracter sonne der gerechtigkeit (vgl. b): euch aber, die jr meinen namen fürchtet, sol auffgehen die sonn der gerechtigkeit. Mal. 4, 2; der wahrheit, vgl.: wenn eine einzige wahrheit gleich der sonne herrscht; das ist tag. Hamann 2, 281. — an stelle der genitivischen bestimmung tritt eine zusammensetzung; s. freuden- (theil 3, 155), gerechtigkeits- (theil 4, 1, 3614), schönheitssonne (theil 9, 1520); ehrensonne, jubar gloriae, splendor honoris. friedenssonne, spes certa, et laeta pacis. glaubens-, glücks-, gnaden-, hofsonne; liebessonne, astrum amoris; tugendsonne, speculum virtutis; weysheitssonne, fulgur sapientiae, u. a. Stieler 2059;
komm', eh di frauen-nacht di keuschheits-sonne tödte,
du meiner jungfrauschafft verschämte abends-röthe!
Lohenstein rosen 78.
in diesen compositen ist die bedeutung und beziehung von sonne verschieden nuanciert; die meisten zeigen neben oder anstatt der abstracten auch eine persönliche bedeutung. vgl. z. b.:
du jüngste liebessonne.
Rückert (1882) 1, 467.
h)
selten wird sonne auf concrete dinge angewendet, wegen irgend einer ähnlichkeit der erscheinung: zu ihrem kleinen boudoir, das ganz mit weiszer gaze decorirt war, die decke eine sonne von weiszen falten, und an allen wänden weisz gefältelte sterne. Freytag 4, 71;
die güldnen rosen sind die sonnen grüner felder,
die sonn' hingegen ist des himmels keyser-blum.
Lohenstein rosen 63;
kleine freundliche latern,
sei du sonne nun und stern.
Storm 8, 304.
vgl. sönnchen. — geronnene sonnen für bernstein (der nach der antiken fabel aus den thränen des sonnengottes entstanden sein soll) bei Werner kreuz an der Ostsee 1, 13.
9)
von diesen freien dichterischen übertragungen sind gewisse feste gebrauchsweisen zu unterscheiden, wobei sonne andre concrete gegenstände auf grund einer äuszern ähnlichkeit bezeichnet.
a)
sonne für fixstern, stern, s. 1, k; nebensonne, s. 1, m.
b)
bild der sonne; spiegelbild:
die sonnen-bilder.
jüngst, als die nacht sich kaum verborgen,
liesz mich im herbst ein heitrer morgen
auf einmahl wunder-wunder-schön,
statt einer, sieben sonnen sehn.
aus sieben fenstern auf einmahl
fiel mir im wiederschlag ein siebenfacher strahl.
Brockes 4, 325.
nachbildungen der sonne, so als heerzeichen:
und mit dem speer will ich die sonn' herunter langen.
den geierkrallen soll die goldne sonn' entfallen.
Rückert (1882) 12, 210 (Rostem 83),
vgl.:
doch oben sitzt ein aar, aus dessen krallen steigt
die fahn' empor, in der der sonne bild sich zeigt.
202 (75).
vollsonnen und halbsonnen eingeschnitzt in die vordergiebelbalken niedersächsischer stadthäuser, s. E. H. Meyer d. volkskunde s. 71.
c)
besonders als wirtshausschild. ein solches wirtshaus heiszt dann das wirtshausz zur (guldenen) sonne, l'hosteria al (del) sole d'oro. Kramer dict. 2, 840ᵃ, oder auch kurz die sonne: in die (jetzt meistens der) sonne einkehren. Campe (5); abends um 6 uhr erreichten wir Heilbronn und stiegen in der sonne, einem schönen und ... bequemen gasthofe ab. Göthe 43, 70; er zeigte sich fleisziger in der sonne — disz war das schild zu dem wirthshaus. Schiller 4, 66. s. ferner sonnenwirth. als münze, s. sonnenschild.
d)
(feststehende) sonne, ein feuerwerkskörper, verbindung mehrerer bränder. Karmarsch - Heeren³ 3, 465: es platzte und zischte manches zu früh und zu spät ab, eine gute parthie einzelner sonnen und räder brannten mir in einer scheune nieder, die dabei das dach verlor. Brentano 4, 243.
e)
bezeichnung von schalthieren, α) einer art überall mit büscheln bekleideter seesterne, asterias papposa. Nemnich; β) eine zweischalige muschelart, tellina radiata. ebenda (vgl. sonnenstrahl).
f)
Neuwieder sonne, traubenzucker, 'der zum chaptal- oder gallisieren des weins verwendete kartoffelzucker, der viel in Neuwied bereitet wird und dem traubensafte die sonne, die ihm gefehlt hat, ersetzen soll'. Hoffmann v. Fallersleben in Wagners arch. 1, 266.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1590, Z. 36.

sonnen, verb.

sonnen, verb.
der sonne aussetzen, mhd. sünnen, sunnen. Lexer hwb. 2, 1316, mnd. sunnen. Schiller-Lübben 4, 475ᵃ. auch im ältesten nhd. noch zuweilen sunnen: 1. sch. die ornamenta zuͦ sunnende in marcio. rechn. der St. Thomas fabrik (15 jh.) bei Schmidt histor. wb. der els. mundart 349ᵃ ('trocknen und auslüften'). oder mit umlaut, s. unten. so noch bei Steinbach 2, 607: ich sünne, apricor, soli expono, insolo. (s. weiteres unter sunnen.) sogar zu sinnen entstellt: betten sinnen. frauenz. lex. (1715) 203 (dafür s. 1857: sönnen betten). — die gewöhnliche form des 16. und 17. jahrh. ist jedoch sönnen, so: sönnen, insolare, an die sonne legen. Schottel 1417; sönnen, sönnern, aus-sönnen, durch-sönnern, solare, insolare, esporre al sole ò a' raggi del sole, apricare, sventolare, aerare. Kramer dict. 2, 841; sonnen, et usitatius sönnen. Stieler 2059. (beides neben einander auch bei Henisch, s. 1.) s. ferner die belege aus B. Waldis, Logau, Fleming, Birken und noch Musäus. andrerseits kommt auch sonnen schon im 15. jahrh. vor, ferner bei Luther und Carbach bezeugt, s. die belege. Adelung und Campe kennen sönnen noch als landschaftlich. andere gegenden gebrauchen dafür sömmern, s. das. mundartlich: schweiz. sunne Hunziker 267; bair. sünnen, auch sünnern. Schm. 2, 302 (vgl. oben sönnern). vgl. vorarlb. si sünnela. Frommann 2, 566, 16, schwäbisch sich sönneln. Birlinger wb. zum volksth. 85. nd. sunnen und sunnigen brem. wb. 4, 1101, sunnen, sünnen Schambach 219ᵃ, sünnen Dähnert 474ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 366ᵇ, sünnen, sünnigen Stürenburg 273ᵃ.
1)
transitiv: sonnen, an die sonnen thuͤn oder legen, insolare. Maaler 376ᵇ; besonnen, sönnen, sonnen, an der sonnen tröcknen, insolare, soli exponere, ad solem siccare. Henisch 315, 39; gesonnet, an der sonnen gedörrt, insolatus. 1565, 16; sonnen, solare, in die sonne legen. Frisch 2, 287ᵇ; insbesondere:
a)
(feder-)betten an warmen sonnigen tagen an die sonne legen, ausbreiten und ausklopfen, damit die federn sich wieder lockern und nicht faul und stockig werden, betten sömmern, sönnen. Jacobsson 4, 187ᵃ; kleider, bettpfülben etc. sönnen, insolare etc. vestiti, coltri, materazzi. Kramer dict. 2, 841ᵃ; derselbe (offne gang) soll wo möglich gegen morgen oder mittag angebracht seyn, denn auf ihm werden die betten gesonnt und gelüftet. Leoprechting aus dem Lechrain 223; die packte gewöhnlich alle nachmittage ihren kram aus, sonnete ihn und packte ihn dann wieder ein in die schönen druckleni (schachteln). Gotthelf Uli der knecht 206 Vetter; tü̂g sünnen. Schambach 219ᵃ. im bilde: fur war ein elend priesterthum, das schier gar verdumpfft ist und die motten gefressen haben. sols widder erfur komen, ... es wird viel sonnens dazu gehören. Luther 23, 543, 25 Weim. ausg.
b)
wäsche sonnen, um sie zu bleichen: du sollst deinen eimer hängen in jeden bronnen — und an jedem zaun deine wäsche sonnen. Rückert (1882) 11, 550 (42. mak.). absolut, s. weisth. 5, 387 unter sonner.
c)
sonnen, in der sonnen trocknen, siccare. Frisch 2, 287ᵇ: efft se gersten sunnede. 2 Sam. 17, 19 bei Schiller - Lübben 4, 475ᵃ; flachs sonnen, nd. flas sünnen. Schambach 219ᵃ;
bey zusehn schwind' ich ab. der lenden marck verrinnet
und ich dorr' aus, wie grasz, das man am warmen sönnet.
vgl. absonnen (abesönnen) theil 1, 121 und dazu das wortreg. der ausg. v. Lappenberg, 914ᵇ (an der sonne abtrocknen).
d)
ungewöhnlicheres: daʒ gezelte sonnen (lüften, reinigen) und gangfertig machen. Frankf. bürgermeisterb. (vom j. 1459) bei Lexer hwb. 2, 1316. — auch:
mir schien sie rein
wie ungesonnter schnee.
Shakespeare Cymb. 2, 5.
e)
von pflanzen, ihnen sonne (II, 7, b, γ) geben, sie in den sonnenschein stellen:
die früchte meiner wohl gesonnten feigenbäume
wetteifern mit dem honigseime.
Alxinger Doolin² 29 (1, 53).
im bilde: es beliebt dem herausgeber seine eigene heroische person einem gärtner zu vergleichen, der einen versuch in seinem nordischen klima wagt, ob die herrliche pflanze des genies nicht auch hier gedeihe? wahr ists, viel thut hiebei die milde der zone — viel, sehr viel begiessen und sonnen. Schiller 2, 377; freier (da die pflanzen nicht hin und hergesteltt werden, sondern von selbst sonne erhalten): zwo herrliche blumen im thale, ... die ... ihr blühendes daseyn in dem leeren luftraume verdunsten — aber ein engel des himmels hat sie unter seiner obhut, sonnet, pfleget und schmückt sie. Thümmel reise 7, 413;
in der mitternachtsonne scharlachstrahl
seine tannen sonnt das Torneo-thal!
Freiligrath⁵ 2, 130.
f)
thiere sonnen ihre glieder, vgl. 2: neben mir auf einem der groszen steine ... sasz ein dicker molch und sonnte seinen häszlichen leib. Storm 2, 223;
itzt kriecht der schmetterling hervor, ...
entfaltet, schwingt und sonnt die flügel.
Ramler fabell. 1, 273;
so gehn zwei schwanen mit langsamen schritten
an dem ufer des stroms, und sonnen ihr schimmernd gefieder.
Stolberg 3, 322;
der alligator ist an's land geschwommen,
und sonnt am ufer seine grünen schuppen.
Freiligrath⁵ 1, 175.
so auch:
hier fand ich auch den Amor,
der seine flügel sonnte,
die ihm vom thau befeuchtet
und so betröpfelt waren.
Hagedorn 3, 68 (oden 3, 4).
ungewöhnlich ist gesönte (blosze) brüste. Logau 2, 237, 168 als überschrift eines epigramms, worin es u. a. heiszt:
eure brüste feil zu bitten (bieten), bringt euch keinen kauffman
ein.
vgl. Lessing 5, 344.
g)
in der bedeutung 'etwas verborgenes an die sonne, an das tageslicht bringen, von der sonne bescheinen lassen', wie sie bereits in der letztangezogenen stelle vorliegt, kommt sonnen besonders schweizerisch vor. so in der redeweise thaler sonnen, ausgeben: das sei für reiche bauernsöhne, welche gerne ihre neuthaler sonneten. Gotthelf Uli der knecht s. 60 Vetter; dort sei er haupterbe; dem (alten) wolle er dann die grauen thaler sonnen. Hans Joggeli s. 16. ähnlich bildlich: bei der abendtafel erhöhte sich die glückliche stimmung wo möglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn eine eingekehrte schöne hoffnung die beteiligten und mitwissenden belebt und sie reizt, das geheimnis ungefährdet an der allgemeinen fröhlichkeit zu sonnen. Keller 5, 265.
2)
in ähnlichem sinne sehr häufig reflexiv:
a)
selten von pflanzen (vgl. 1, e):
Narcissen sonnen sich.
Alxinger Doolin² 187 (6, 24).
vgl. auch:
die anger sonnen sich, und alle blumen sprieszen.
Rückert (1882) 12, 225 (Rostem 97).
b)
dagegen sehr gewöhnlich von thieren, sich von der sonne wärmen lassen, die sonnenwärme mit behagen genieszen, sich träge hinstrecken: der hirsch sonnet sich, cervus solis calori se exponit. Frisch 2, 287ᵇ; die hühner sonnen sich. Adelung; da er (Hannibal) aber hinab auff die nidern bühel kam, fand er brunnen und weyd genuͦg, da sich vihe unnd leut sonnen mochten. Carbach Liv. 111ᵃ; hühner, gänse und enten, welche sich ruhig gesonnt hatten. Immermanm Münchh. 1, 135 (2, 1); der sommerwind kam über die haide und weckte eine kreuzotter, die sich nicht weit davon im staube sonnte. Storm 1, 99; eine katze, die sich auf dem niedrigen strohdache gesonnt hatte, sprang bei ihrer ankunft auf den boden. 102; seehunde sonnen sich auf dem weiten watt. Allmers marschenb. 296;
waren ein hauffen frösch zusamen;
die sönten sich im grünen grasz.
B. Waldis Esop 1, 23, 23;
ein knabe ...
sah einen trauermantel fliegen ...
ach! rief er keuchend, lass dich fangen! ...
mein allerliebster schmetterling!
und sprang mit diesen worten ...
dem vogel nach, der bald sich niederliess,
sich sonnte.
Ramler fabellese 1, 16;
sein bestrohetes dach, wo sich das taubenvolk
sonnt und spielet und hüpft.
Hölty 113 Halm;
sich sonnend auf dem grünen gras,
ein vög'lein vor der pforte sasz.
Kind 1, 30.
mit näherer bestimmung: wenn die müke in ihren stralen sich sonnt — kann sie das strafen, die stolze majestätische sonne? Schiller 3, 368 (kab. u. liebe 1, 3). so im bilde: und wenn wir nur als spielende eintagmücken, eigentlich einabendmücken in den stralen der untergehenden sonnen uns sonnen. J. Paul mumien 1, s. XL.
c)
so auch gern von menschen, sich im freien ergehen oder sich behaglich hinlegen und am sonnenschein erfreuen (sikk sünnen 'im sonnenschein liegen und lauschen'. Dähnert 474ᵃ): es kann mich der schatten eines menschen drucken, der mir in weg tritt, wenn ich mich eben sönnen will. Musäus physiogn. reisen 3, 4; eines tages sonnte sich der geist an der becke seines gartens. volksm. 1, 44 Hempel (Rübez. 4);
jeder sonnt sich heute so gern.
Göthe 12, 53.
mit näherer bestimmung: seht! es ist alles hinausgegangen sich im friedlichen stral des frülings zu sonnen. Schiller räuber 3, 2 schausp.;
ich sonne mich im letzten abendstrahle.
Freiligrath⁵ 1, 181.
dafür ungewöhnlich sich besonnen (vgl. theil 1, 1634), im wortspiel: wann reden weise männer, ohne dasz sie sich besonnen? — nachts, wann sie mondscheingespräche begonnen. Rückert (1882) 11, 425, 28 (26. mak., in der anm. mit sich sonnen erklärt). — so mit kühner personification: drauszen lag der junge feurige frühling wie ein Antinous im garten und sonnete sich. J. Paul Titan 2, 152.
d)
häufig in übertragener verwendung, sich in, an etwas sonnen, sich woran mit innigem behagen erfreuen, erwärmende und belebende wirkung davon verspüren. im ausgeführten bilde: aus der unergründlichen tiefe der zeiten an das tageslicht gestiegen, sonnen sich diese menschen darin, so gut es gehen will. Keller 1, 12; ein schönes lied frommen glaubens, in welchem Davids seele wie auf adlers flügeln sanft und majestätisch hinschwebt über den wolken und nebeln der seele und sich sonnet im lichte der ewigkeit. Karl Gerok psalmen 1, 134;
dich lieszen sie nach jenem schimmer jagen,
in dem sich jeder selber gern gesonnt.
Grillparzer⁵ 2, 89 (Napoleon);
(ich) sammle deines glückes trümmer,
sonne mich in neuem schimmer.
⁴6, 217 (d. traum e. leb. 4).
so auch: lern diese wollust verdienen junger mann, und die engel des himmels werden sich sonnen in deiner glorie. Schiller räuber 5, 2 schausp.am golde:
das gold, den mammon, diese erdenmacht,
an welcher sich das alter liebt zu sonnen.
Chamisso 2, 29 Koch (Salas y Gomez 2).
an augen, blicken (vgl. sonne II, 8, f):
nie wird er wieder sich an ihren blicken sonnen.
Wieland Ob. 6, 47;
wie er erquickt in meinem blick sich sonnte.
Tieck 1, 393;
stärkt an frühling euch und wein,
sonnet euch an schönen augen!
Uhland ged. (1864) 12.
abstracter: es war eine zeit, da auch meine brust an groszen hoffnungen sich sonnte. Hölderlin 2, 40 Köstlin; der dechant selbst aber sonnte sich nach der predigt, im polsterstuhl ausgestreckt, an den nachwonnen ihres eindrucks. Alexis hosen¹² 280; an ihrer gunst sonnten sich ihr bruder ... und der finanzrath Deines. Treitschke d. gesch. 3, 531. dafür ungewöhnlicher:
wie ich mich an keinem sonnte,
biet ich licht auch keinem an.
e)
mit unpersönlichem subject:
soviel sich an seinem strahl welten sonnen, lobt den herrn!
Rückert (1882) 5, 241 (Freimund 6);
gefühl, das sich in herzenswärme sonnte.
Grillparzer⁵ 1, 228.
f)
ein schatz sonnt sich, nd. geld sünt sek 'von dem schatze, der nach dem volksglauben von zeit zu zeit an die oberfläche kommt'. Schambach 219ᵃ (vgl. 1, g): da sieht sie im garten etwas hell glänzen. sie geht darauf zu und sieht, dasz es ein topf voll gold ist, welches sich sonnt. Schambach-Müller nieders. sagen s. 110; ein man von Ertingen sah, wie sich um mittag ein schatz auf seinem acker 'sonnte'. Birlinger volksth. 1, 100, 140; am St. Longinustag (15. märz) sonnen sich die schätze und glänzen auf dem felde. 141; im Steinbühl ... ist ein schatz verborgen ... alle sieben jahre 'sönnelt' (sonnt) er sich oben auf dem hügel und versinkt wieder. s. 81.
g)
schweiz. er hat si g'sunnet, hat einen rausch. Wander 4, 625.
3)
in der ältern sprache wird in derselben bedeutung sonnen auch intransitiv gebraucht: sonnen, sich an der sonnen halten, apricari. Dasypodius; das sonnen, apricatio. vom sonnen erwarmen, apricatione calescere. Maaler 376ᵈ ; apricatio, das sonnen, das wohnen an der sonnen. Dentzler 1, 58ᵇ; so sy (die ameisen) sonnen, so beleybt es gar heyter und schoen den gantzen tag. quelle bei Scherz-Oberlin 1520; poetisch vereinzelt noch in neuerer zeit; bildlich:
der freude schauer
beben mir, o geliebte! durch mark und gebein,
bei'm gedanken an dich,
die du sonnest im strahl
der ewigen sonne!
Stolberg 2, 141.
zur sonne emporfliegen (?), bildlich:
wenn ich mich in des festtags wonne
erheb' und mit dem adler sonne.
Schubart (1787) 2, 26.
4)
daneben begegnen in dichterischer rede abweichende bedeutungen, so gewöhnlich 'wie die (eine) sonne strahlen'. in älterer sprache eigentlich, von der sonne:
der bäum(e) schattenhaar
bebt voller lustgeräusch, weil wieder offenbar
die sonne sönnt auf sie.
v. Birken Guelfis 245.
in neuerer dichtung freier, von augen (vgl. 2, d): wie heisz die augen in mich sonnten. Heinse Ardingh. 1, 218 (² 174);
wenn mir die wurzeln begieszt der wein,
dein (des schenken) auge mir sonnet von oben.
Rückert (1882) 5, 334,
von der geliebten:
dort eines hauses luftiger altan
ist meines liebeshimmels horizont,
wo meine augen die geliebte sahn
als sonne bald und bald als stiller mond.
sie hat herab von jenem himmelsplan,
wie oft! gelächelt mondlich und gesonnt.
88 (sicil. 47).
abstracter:
wer fühlet, wo der frühling athmet, frost?
wen schrecket, wo die liebe sonnet, sturm?
59.
vgl. auch:
wenn sanft du mir im arme schliefst, ...
im traum du meinen namen riefst,
um deinen mund ein lächeln sonnte.
Liliencron 7, 168.
mit angabe der wirkung:
ja, du sonnest noch den gram
aus der seele mir zuletzt.
Rückert 7, 272.
transitiv gebraucht, 'als sonne durchstrahlen' (oder 'sonnig, hell machen', vgl. 5):
liebe sonnt das reich der nacht.
Schiller 1, 240.
so im eigentlichen sinne:
als schon der junge tag
das grosze kammerfenster sonnte.
5)
unpersönlich es sonnet, es ist sonnig, sonnenschein, die sonne scheint ('il fait du soleil', vgl. es windet):
wie im lande Gosen sonnt es rings um dich.
Göthe 47, 113;
und wie es sonnet, wie es luftet
in schöner welt am guten tag.
Immermann 13, 149 Hempel.
ähnlich mit bestimmtem subject:
wenn der abend mild gefächelt,
tränk' ich euch aus frischem bronnen;
und ich hab' euch angelächelt,
wann die luft nicht wollte sonnen.
Rückert (1882) 1, 436 (liebesfr. 2, 45).
causativ von gott, die sonne scheinen lassen (vgl. sonne II, 3, l):
der ungekannte gott, der ungenannte, regnet
und sonnet über uns, wir fühlen, dasz er segnet.
3, 322.
in allen diesen fällen ist wol jedesmal freie poetische neubildung anzunehmen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1902), Bd. X,I (1905), Sp. 1627, Z. 51.

sonnin, f.

sonnin, f.,
zu sonne 8, d: der sohn einer sonninn ist also eine sonne wie seine mutter. Zimmermann nationalst. 90.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1903), Bd. X,I (1905), Sp. 1709, Z. 58.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
sommertagslied sorgenbürde
Zitationshilfe
„sonne“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sonne>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)