Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sonnenstrahl, m.

sonnenstrahl, m.
1)
radii solis, die sonnenstralen. diradiare vites, die weinstöck in eine rechte ordnung setzen, dasz die sonnenstralen die beer recht treffen können. Corvinus fons lat. 537ᵃ; sonnen-stralen, sonnen-pfeile ò striche, raggi, strali solari ò del sole. Kramer dict. 2, 840ᵇ; sonnenstralen, radii solares. Stieler 2186; sonnen-strahl, radius solis. Frisch 2, 287ᵃ. belege: sie füllten die kugel von glas mit wasser, weil sie sich einbildeten, dasz ohne die dazu kommende kühlung des wassers, das glas die erforderliche erhitzung durch die sonnenstrahlen nicht aushalten könne. Lessing 8, 156; brennspiegel, um in der ferne die sonnenstrahlen zu concentriren. Göthe 53, 106; ich habe es auch oft bemerkt, wie zuwider den schlafenden die sonnenstrahlen sind. Tieck 9, 38; so schien der friede der welt mit den hellen sonnenstrahlen glänzend durch des waldes dunkel. Arnim 19, 431; die sonnenstrahlen tanzten zwischen den blättern hindurch. Eichendorff² 3, 57 (taugen. 6); nur in den längsten sommertagen fielen um mittagszeit einzelne sonnenstrahlen in das arbeitszimmer unseres vaters. Grillparzer⁴ 15, 5; mitunter brach ein sonnenstrahl durch die blätterreichen zweige. Storm 1, 8; drauszen lag die welt im frischen morgenlichte, die thauperlen, die in den spinngeweben hingen, blitzten in den ersten sonnenstrahlen. 37; das geäste dieser mächtigen bäume war so dicht, dasz ungeachtet des mangelhaften laubes kein sonnenstrahl hindurchdrang. 2, 235;
in hohlen wegen,
wo kein milder sonnenstrahl
ihn beschien, im felsenthal.
Stolberg 1, 247;
ich sage dir, sie glich dem sonnenstrahl,
der durch den spalt in einen kerker fällt.
Grillparzer⁴ 4, 158 (Medea 1);
doch beim ersten sonnenstrahl
ward mir's klar mit einem mal.
6, 124;
die wunderros' im wunderthale,
geküszt vom ersten sonnenstrahle!
Immermann 13, 20 Hempel.
selten in der form:
nie mond- noch sonnestrahl berührte diesen leib.
Rückert (1882) 12, 133 (Rostem 7).
unregelmäsziger plural:
gleichwie deine sonnenstrahle sende meine lieder aus,
alle welt zu deinen festen einzuladen, ew'ges licht!
5, 243 (ghas. 3, 8).
2)
a)
zuweilen wird der sonnenstrahl wie etwas concretes vorgestellt, namentlich in mythus und legende. elfen, feeen reiten auf sonnenstrahlen (vgl. E. H. Meyer myth. s. 125): es werden jetzt volle achtzehn jahre sein, als an einem heitern Juliustag' der sonne heisze strahlen nach der erde zogen, ich (die fee Lacrimosa) setzte mich auf einen davon und rutschte darauf hinunter und sasz plötzlich unsichtbar in einem angenehmen thale Österreichs auf einem haufen glänzender kleider, in deren flittern sich der sonnenstrahl gebrochen hatte. Raimund 1, 217 (bauer als mill. 1, 3). sprichwörtlich: der will auf sonnenstrahlen reiten, unmögliches thun. Wander 4, 627. heilige hängen kleider, geräte u. a. an sonnenstrahlen auf, s. z. b. Reinh. Köhler kl. schr. 2, 98. 3, 569, anm.
b)
in andrer weise poetisch übertragen:
beim becher edlen weines, dem flüss'gen sonnenstrahl.
Chamisso 1, 272 Koch (Abba Glosk Leczeka).
vgl. sonnenbecher.
c)
der sonnenstrahl personificiert: ich habe sie bei den kapuzinern untergebracht, wo auch kein vorlauter sonnenstral sie ausspionieren soll. Schiller Fiesko 3, 4;
bei mir (dem rotkehlchen) sasz gar freundlich lächelnd,
sich im morgenlüftchen fächelnd,
der erwachte sonnenstrahl.
Brentano 5, 83;
die sonnenstrahlen stehlen sich
behende durch blätter und ranken
und necken auf deinem lager dich
mit blendendem schweben und schwanken.
W. Müller ged. (1868) 1, 89.
3)
häufig steht der sing. in collectivem sinne, nicht wesentlich verschieden von sonnenschein, s. Adelung (1). Campe (1): auf einem hygel lag der greis Menalkas, am mildern sonnen-stral, und sah durch die herbstliche gegend hin. Geszner 3, 88; die lachende erde, wo der mildere sonnenstral zu fröhlicher weiszheit einladet. Schiller 3, 576; das dunkle grün des sommers glänzte im sonnenstrahl. Freytag 6, 47;
rein, wie am unberührten stengel
die lilie, zum ersten mahl
halb aufgethan dem sonnenstrahl.
Wieland 9, 240 (Sixt u. Klärchen 2);
am schilfichten ufer
liegt die wollüstige,
flammengezüngte schlange,
gestreichelt vom sonnenstrahl.
d. junge Göthe 1, 90;
der wolf allein auf rauhen klippen sprang,
mit schwerem schweif im bleichen sonnenstrahle
den schnee herab von seinem halse schlug.
Fr. Müller 2, 367;
schnee im märzen,
schmerz im herzen,
er zergeht am sonnenstrahl.
W. Müller ged. (1868) 1, 165;
doch als wir über einen berg gefahren,
den just der sonnenstrahl beschien, der warme,
schmolz mir das kind in meinem vaterarme!
Platen 287ᵇ (romant. Ödip. 2);
grad vor deinen augen,
beglänzt von mittaglichem sonnenstrahl.
Fulda talisman s. 66.
s. auch 2, b und abendsonnenstrahl, theil 1, 26.
4)
übertragen und im bilde: und der vergangenheit sonnenstrahl blickte herein, wie einem gefangenen ein traum von heerden, wiesen und ehrenämtern! Göthe 16, 153; so fiel auch ein letzter warmer sonnenstrahl aus Weimars goldener zeit auf die jugend des künstlers (Preller), der nach langen jahren wieder einen schönen nachsommer über die kleine musenstadt heraufführen sollte. Treitschke d. gesch. 3, 688;
es bricht der sonne sonnen-stral,
der anmuths-glantz, der freuden-schimmer,
nur gar zu selten, ja fast nimmer,
durch seine dunckle grufft.
Brockes 1, 318;
ja du bist schatten gegen den sonnenstrahl,
und schirm, o freundschaft, wider den regengusz!
Klopstock 2, 13;
welch eine wolke, die kein sonnenstrahl durchblinkt,
hängt sich um jedes aug?
Hölty 44 Halm;
ein sonnenstrahl der hoffnung
glänzt in mir auf.
Schiller don Karlos 2, 2;
und mutterlieb' im vaterhaus
gieszt ihre sonnenstrahlen aus.
Hoffmann v. Fallersleben ged.⁹ 389;
lasz dringen dir zum herzensgrunde
der gnade milden sonnenstrahl!
Lenau 2, 259 Koch (Savon. 10).
5)
name verschiedener schalthiere, s. Campe (2).
a)
eine art scheidemuscheln im indischen ocean, der violetblaue sonnenstrahl mit weiszen strahlen, blaue strahlscheide, solen radiatus. Nemnich. Oken 5, 297.
b)
eine art tellmuscheln in den westindischen und europäischen meeren, der rothe glatte sonnenstrahl, auch die sonne (II, 9, e, β), tellina radiata. Nemnich. Adelung (2).
c)
eine art Venusmuscheln im mittelländischen meere, spielmuschel, der braune sonnenstrahl, venus chione. Nemnich.
d)
eine art ostindischer stachelschnecken, auch stachelnusz, grosze gezackte maulbeere, das pimpelchen von Banda, murex hippocastanum. ebenda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1903), Bd. X,I (1905), Sp. 1684, Z. 9.

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Zitationshilfe
„sonnenstrahl“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sonnenstrahl>, abgerufen am 25.10.2021.

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