Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sonnenwende, f.

sonnenwende, f.
wendung, umkehr der sonne in ihrer jährlichen bewegung an den beiden wendekreisen bezw. am längsten und kürzesten tage, solstitium, s. sonne II, 6, t. so mhd. sunnewende, -went, sunne-, sunnen-, sune-, sun-, sonnewenden, sunbenden, -benten, sünbenten Lexer handwb. 2, 1318 f., auch sünwenden, sünbenden, subend, s. unten, sogar sinwenden: an sant Johans tag zuͦ sinwenden. d. städtechr. 4, 115, 2 (über das häufige sune wenden vgl. J. Grimm gesch. d. d. spr. 853. myth.⁴ 1, 513, anm. 5. mhd. wb. 3, 688ᵇ; indessen ist auf die schreibung schwerlich so viel gewicht zu legen. den umlaut, der, meistens als i, namentlich in der zusammensetzung sonnwendfeuer und dem synonymon sonngicht sehr verbreitet ist, s. diese, will Kluge in Pauls grundr. 1², 474 aus sunnin- erklären). eine ableitung mit -ig findet sich schon ahd., s. sonnenwendig. im mnd. nicht bezeugt, dafür sunnenstavinge, -wandinge, s. Schiller - Lübben 4, 475ᵇ, vgl. auch sonnenstand (1), -standung, sonngicht. nl. sonnen-wende, solstitium. Kilian, jetzt zonnewende als blumenname (s. 3), sonst zonnenstand. auffällig ist, dasz im mhd. nur ganz vereinzelt die normale form der eigentlichen zusammensetzung sunnenwende begegnet; die herrschende form ist durchaus sunnewende, später die synkopierten formen. dagegen herrscht im nhd. von anfang an die volle form sonnenwende, nur im 16. jahrh. findet sich noch sonnwende, so Maaler 376ᵈ (s. unter sonngicht), ferner: in sonnwenden im sommer. buch d. liebe 190ᵇ (aber 221ᵇ: zu sonnenwenden, s. unten); sonwendi in der Zimm. chron., s. unten. wenn für das w ein b eintritt, so berührt sich die form oft mit sonnabend, so z. b. die sonnabenden bei Aventin, s. unten, vgl. auch sonnabendgürtel, sp. 1589. mundartlich hat sich das wort (in fortsetzung der mhd. formen), zugleich mit der feier, in der bair.-österr. mundart gehalten: sunne-, su ̃ wentn, su ̃-, süwent, simmet Schm. 2, 297, sunnawend Schöpf 730, sûnewentn Hintner 207, sunnewentn Lexer 234.
1)
zur flexion im mhd.
a)
sunnewende findet sich mhd. stets im plur., vgl. J. Grimm myth.⁴ 1, 513. Weigand 2, 739. und zwar steht es meistens im dat. (acc.) plur. nach präpositionen (ze, bî, nâch u. s. w.) in zeitangaben:
vor disen sunnewenden   wolden si iuch sehen.
Nib. 694, 3;
zen næhsten sunewenden   sol si (diu hôchzît) vil wærlîchen
sîn.
1424, 4;
zen næhsten sunewenden,
sô mugen ouch wirʒ verenden.
Biterolf 4667.
sogar mit dem unbestimmten artikel:
ze einen sunewenden.
Nib. 32, 4. 2023, 1
(weniger deutlich:
eʒ was umb ein sunnewenden.
Ottokar reimchr. 28032).
auch, wenn ein bestimmter tag damit gemeint ist: aber nâch sunwenden, daʒ ist umb sant Veits tag. Megenberg 194, 5. erst spät und ganz vereinzelt findet sich der sing.:
wenn man sei grabt ze sunnewent.
Vintler pluemen der tugent 7824.
b)
die häufigkeit der form sun(n)ewenden hat es bewirkt, dasz sie auch als nom. acc. gebraucht wird, z. b.:
unz daʒ im sunnewenden nâht.
Ottokar reimchr. 13035;
daʒ was zuo den stunden,
die man heiʒt sunnewenden.
30804.
auch mit dem art. des sing. (also scheinbar ein substantivierter inf.): am ersten sollen alle grasweeg zum sunewenden geraumbt sein. tir. weisth. 1, 165, 44. die entwicklung ist also ganz analog, wie bei ostern, pfingsten u. s. w. doch ist diese form später wieder aufgegeben; im nhd. herrscht von anfang an sonnenwende in der flexion eines gewöhnlichen fem.
c)
häufig steht sun(n)ewenden mit präp. ohne artikel: alsô daʒ man zalt von sunwenden unz auf unser frawen tag ... mêr wan vierzig tausent leich. Megenberg 110, 7;
hiute ist der ahte tac
nâch sunewenden.
Iwein 2941;
der kunic den hof begunde kêren
hinz Ougspurg ûf sunnewenden.
Ottokar reimchr. 12941;
daʒ was vor sunnewenden.
42887.
so auch noch nhd., besonders in der verbindung zu sonnewenden, s. unten. sonst meist mit dem bestimmten artikel; doch auch: die kleinen Adonisgärtchen, ... die bei dem Adonisfeste um sonnenwende prunkend umhergetragen, und dann in den strom geworfen wurden. Brentano 5, 8.
2)
im eigentlichen sinne: solstitium, die sonnenwende, der längste, (uff Viti) und (Luciæ) kürtzte tag im jahr. Corvinus fons lat. 612ᵇ; 'die zeit, da die sonne den längsten und den kürzesten tag macht, weil sie alsdann in ihrer bahn sich rückwärts zu wenden scheinet.' Adelung, vgl. Eggers 2, 929. Bobrik 642ᵇ.
a)
die beobachtung und feier der sonnenwende beruht wol auf fremdem, d. h. lateinischem einflusse, vgl. Schrader reallex. der idg. altertumsk. 393. darauf führen zum theil schon die namen, vgl. sonnenstand, -standung, -stillstand (und -stadt zu ende), die deutlich dem lat. solstitium nachgebildet sind (s. ferner sonngicht). dagegen scheint sich sonnenwende an die griech. bezeichnung (τροπαὶ ἠελίοιο Hesiod) anzulehnen.
b)
ferner spricht dafür, dasz sonnenwende in der ältern sprache regelmäszig (wie auch lat. solstitium ohne zusatz stets) von der sommerlichen sonnenwende, sommers anfang, gesagt wird. dies wird durch zusätze kenntlich gemacht: der nebel ist aller schädest in dem häumôn und pei den sumerleichen sünwenden. Megenberg 96, 13; und darnach als man zalt von Cristus gepurd vierzechen hundert jar und darnach in dem 47. jar in dem manod Junio zu sünbenden. deutsche chron. 2, 376, 6; im sumer ungeverlich umb sunnbentn. quelle bei Schöpf 730. indessen wird als datum nicht der 21., sondern ungenauer der 24. juni oder St. Johannistag angenommen: darnach am eritag nach sant Johans tag zu suͤnbenten. d. städtechr. 1, 39, 3; item am suntag vor sant Johanns tag zu sunbenten hub es an zu regen umb vesperzeit. 2, 24, 1; an dem nechsten aftermentag vor sant Johans tag zuͦ sünwenden. 4, 40, 15; ouch das kain metzger zwischen ostern und sant Johannistag sünnwenden kain vich gen Nördlingen nicht treyben soͤllen. 5, 168, anm. 1; item in dem jar da was so ein grosz wasser an sant Johanns naht sunnwenden. 10, 151, 5; das was umb sant Johanns tag zu sünbenden. 216, 2; und ward volpracht an sant Johanns tag zu sünbenden 57. 226, 5; wie sich die sach machet an sant Johanns obent zu sünbenden. 249, 14, s. ferner 298, 3; Johans sunbend. 11, 655, 2; zu ostern, pfingsten, sant Johanns abent zu sunbenten, zu sant Merteins tag und zu weihennachten .. so sollen die arbeitter feier abent haben. Tucher baumeisterb. 61, 27 Lexer; zu sant Johanns abent zu sunbenten. 125, 16; sand Johanns Babtista tag zu sunnewenten. tirol. weisth. 4, 484, 43; grundel-sängl sollen vor St. Johannstag zu sunbenden nit gefangen werden. quelle von 1553 bei Schm. 2, 298; so kamen dahin uf sant Johanns sonwendi abendt ... herr Hanns von Schellenberg u. s. w. Zimm. chron.² 1, 295, 34 Barack; uff sannct Johannstag zu sunwendi (sunenwendi, sonewendi). quelle (vom j. 1560) bei Birlinger volksthüml. 2, s. 455 f.; vor S. Joh. tag des tauffers, den man nennet sonnenwend. quelle bei Scherz - Oberlin 1522; nach Cr. g. 1355. jahr an St. Joh. tag zu den sunnebenten. ebenda 1602;
bisz sant Johans sunwenden tag
untz dar wil ich bedencken mich.
Lassberg lieders. 2, s. 708, 472.
so sagt man noch tirol. Johannissunnawendt. Schöpf 730.
c)
aber auch ohne solchen zusatz ist derselbe termin gemeint, wie in vielen fällen der zusammenhang beweist: am freitag vor sunbenden (19. juni 1450) des abentz zohe man hie ausz. d. städtechron. 2, 227, 5; item am pfincztag nach sünbenden (25. juni) gingen etlich trabanten hie ausz. 228, 18; dennoch wolten Venedier von Glotz nit chomen und lagen davor mit gantzer macht biz sünwenden. 4, 65, 19; es was ein vast warmer und dhürer sumer, es plüet der wein vast wol und .. was vor subenden an vill ortten bisz an di statt grosz gewachszen. 15, 226, 11;
sô daʒ si kæmen sunder wanc,
swen daʒ gras wurd sô lanc,
daʒ diu pfert heten zeʒʒen.
diu zît wart gemeʒʒen
ûf die næhsten sunnewenden.
Ottokar reimchr. 41459.
so gegenübergestellt: zue weihenachten und sunnewenten. tirol. weisth. 4, 262, 2.
d)
auch im nhd. wird unter sonnenwende gewöhnlich die sommerliche verstanden. so wird es schlechthin in diesem sinne gebraucht: dise (die sonne) haben die gar alten Teutschen für ein götin des weissagens und der prophecei gehalten, der haben si am 24. tag des brachmonats geopfert wein und med und hiessens die sonnabenden, das sich die sonn daselbst wider wendet und kêret, als man dann noch heutigs tags den namen und ceremonien behelt und im brauch hat. Aventin chron. 1, 365, 22; wenn sie am niedrigsten stehet, machet sie den kürtzesten tag im jahre ..; wenn sie am höchsten stehet, die sonnenwende (längsten tag). Comenius sprachenth. 38; sonnen-wende, solstitium, wann sich die sonne von uns wendet. Frisch 2, 287ᵃ. belege aus der litteratur: sie zeigeten jhm auch sonnenuhren, welcher zeyger zu sonnenwenden im mittag gar keinen schatten geben, also gerad schein die sonn von oben herab. buch d. liebe 221ᵇ; eisenkraut umb die sonnenwend gesamblet, ... dient wider den schmertzen der leber. Tabernaemont. 381 J; dasz Troja im 2767. jahre der welt kurtz vor sonnenwende oder dem längsten tage im jahr sey zerstöret worden. Opitz 1, 250; um die zeit der sonnenwende, wenn der frühling von dem sommer sich scheidet und die sonne in das zeichen des krebses tritt. Musäus volksm. 2, 10 Hempel; er sah mit vergnügen, wie die wachsenden tage die nächte zusammendrängten und die sonne sich seinem scheitel nahete. er ging um die zeit der sonnenwende fleiszig auf die teichschau. 24;
sonnenwende.
nun die sonne soll vollenden
ihre längste, schönste bahn.
Uhland ged. (1864) 52;
an dem tag der sonnenwende,
wo die sonn' am höchsten steht,
und von dannen ihrem ende
rasch entgegen niedergeht.
Rückert (1882) 1, 149.
sprichwörtlich: nach sonnenwende wächst das getreide auch nachts. Wander 4, 627.
e)
daneben wird sonnenwende in dem allgemeineren sinne gebraucht, dasz es sowol die sommerliche wie die winterliche bezeichnet. so schon bei Megenberg: Aristotiles spricht: diu henn airt allzeit ân in den zwain mônn der zwair sunwenden, daʒ ist umb sant Veits tag und umb sant Lucien tag. 196, 11. ferner nhd.: sonnenwende, im sommer, solstitium. der längste tag im jar, ist der zwölffte tag iunij. cum sol est in principio cancri. et est una ex quatuor mutationibus anni. sonnenwende im winter, bruma. der kürtzest tag im jar, ist der xij. tag decembris. et haec una ex quatuor mutationibus anni est. aliquando pro hyeme capitur. Dasypodius; sonnenwende, f. der längste tag im jahr, so ist den zwölfften junij, wann die sonn im anfang desz krebs ist, solstice de l'esté ... sonnenwende, f. der kürtzeste tag im jahr, so felt den 12. tag decembris, und dann steiget die sonne wider hinder sich in die höhe. Hulsius 300ᵇ; sonnenwende im sommer, solstitium. sonnenwende im winter, bruma. Dentzler 2, 266ᵇ. ferner: die winterische sonnenwende. pflanzb. 40. sehr selten ohne zusatz zur bezeichnung der wintersonnenwende:
gott lob! das neue jahr tritt ein ...
denn heute wendet sich der erden seel' und licht,
die sonne, so die zeit uns theilen sollte, nicht,
indem es schon geschehn.
dennoch wenn ich es recht erwege, kommt es mir
als ein gedächtnisz-tag der erden-wende für,
die sonnen-wende heisst, und sich vor wenig tagen
erst zugetragen.
Brockes 1, 380.
auch in der folgenden stelle sind eine sommerliche und eine winterliche einander gegenübergestellt, doch ist augenscheinlich die sonnenwende mit der (tag- und) nachtgleiche verwechselt:
um die zeit der sonnenwende
ging der winter auch zu ende.
mit dem frühling wuchs der tag,
mit dem tage wuchs mein lieben,
und ich sah in hof und hag,
wie die zweige blüthen trieben.
um die zeit der sonnenwende
ging der sommer auch zu ende.
mit dem winter wuchs die nacht u. s. w.
Hoffmann v. Fallersleben ged.⁹ 94.
f)
zuweilen bezeichnet sonnenwende auch die himmelspunkte, wo die sonne in ihrer jahresbewegung umkehrt, endpunkte der ekliptik, bezw. die äuszersten kreise, die sie dabei beschreibt, wendekreis, tropicus, s. Adelung. Campe (1. 2): sonnenwende etiam est tropicus cancri, sive solstitialis. Stieler 2500. wendekreis auf der erde (?):
und was war des Plato lohn am ende?
ruhm? ein schöner leerer schall!
schall er doch von einer sonnenwende
bis zur andern, überall!
Göttinger musenalm. 1777, 204.
3)
die sonnenwende wird seit alter zeit als volksfest gefeiert; der ausdruck dafür ist: das nimand kain subend ... sol halten. d. städtechr. 15, 142, 3. über die dabei üblichen gebräuche und abergläubischen vorstellungen vgl. besonders Wolfg. Menzel die sonnenwende im altdeutschen volksglauben. Germ. 2, 228—238. E. H. Meyer myth. 196; 'zweimal des jahrs wendet die sonne ihren lauf, im sommer um zu sinken, im winter um zu steigen, diese sonnwenden begieng das heiligthum (l. heidenthum) feierlichst, von dem sommerlichen fest sind noch jetzt die Johannisfeuer übrig.' J. Grimm myth.⁴ 1, 601. über die sommersonnenwende insbesondere s. Birlinger volksthüml. 2, s. 96 ff., vgl. auch sonnenwendfeuer.
4)
die bildlichen gebrauchsweisen gehen gewöhnlich von der sommerlichen sonnenwende aus, und bezeichnen den punkt, wo etwas den höhepunkt überschreitet und sich zum niedergange wendet: Napoleons sonnenwende. Rückert (1882) 1, 149 (überschrift; vgl. 2, d);
so gehts nunmehr mit ihr auch auf die sonnenwende?
und laufft ihr frühling schon, wol-edle braut, zu ende?
A. Gryphius 2, 58;
hier stehe ich
an meiner sonnenwende!
Grabbe 1, 127 (Gothl. 3, 1);
es bleibt des glückes sonnenwende
für kein geschlecht von herrschern aus;
auch euer reich hat einst ein ende!
Geibel 3, 6.
den höhepunkt bezeichnend: bis Gustav in der heiszesten sonnenwende seiner empfindungen sich von der überschwemmten abendgegend umkehrte zu Beatens augen hin. J. Paul unsichtb. loge 3, 85. daneben auch im sinne einer wendung zum bessern, von der winterlichen sonnenwende ausgehend:
herr des schicksals, deine hände
wandten meinen untergang! ...
dich, o neue sonnenwende,
grüszet jubelnd mein gesang!
Bürger 75ᵃ;
aus dem schatten strecke ich flehend die hände:
wann kommt mir endlich die sonnenwende,
da dem lenz entgegen die lichtflut schwillt?
L. v. Strausz u. Torney ball. u. lieder 55.
vgl. auch: über die jetzige sonnenwende der religion. J. Paul 33 (dämmerungen), 137 (überschr., dafür s. 139: der jetzige religionswinter).
5)
häufig als blumenname, vgl. sonnenwendel und sonnenwendblume, auch sonnenwirbel, sonnenblume.
a)
gewöhnlich name einer pflanze mit kleinen violetten oder weiszen, angenehm duftenden blüten, s. auch sonnenwirbel, heliotrop, heliotropium. Nemnich, besonders die gemeine oder europäische sonnenwende, auch krebsblume, skorpionskraut oder -schwanz, heliotropium europaeum. ebenda. Pritzel-Jessen, vgl. Oken 3, 1096. Campe (3, 2) und sonnenblume 3, a; sonnenwende, heliotropium, solsequium. Stieler 2500; krebsblumen heliotropium maius. disz kraut nennet Dioscorides heliotropium, solisequium, das ist, sonnenwende, dieweil seine bletter mit dem sonnenlauff sich wenden. Handsch Matthioli kräuterb. 544 B. Camerarius 436 B; scorpionkraut ... lateinisch heliotropium oder solsequium, das ist, sonnenwende. Tabernaemont. 938 K.
b)
die gemeine cichorie, wilde wegwarte, auch (blauer, feld-) sonnenwirbel, sonnenkraut (1), cichorium intybus. Nemnich. Pritzel - Jessen. Adelung (4); intuba. voc. v. 1482 bei Lexer 2, 1319, vgl. sonnenwirbel 2, a; kirbisblumen, sonnenwend, wegwart, herba solaris, solsequium, heliotropium, cichorium. Henisch (erstes) 429, 20; hochteutsch, wegwart, ..., sonnenwend, das ist, solstitialis herba, oder solsequium, sonnenwirbel, hindläuffe, sonnenkraut, das ist, herba solis, und sonnenbraut, sintemal die blume dieses krauts, mit der sonnen nidergang und auffgang sich zuschleusset und wider auffgehet. Tabernaemont. 469 F.
c)
beifusz, artemisia vulgaris. Nemnich, vgl. sonnenwendgürtel: sonnenwende, beifusz, arthemisia. Dasypodius; beyfusz, armoise. Hulsius 300ᵇ.
d)
ringelblume, goldblume, calendula officinalis. Pritzel-Jessen, die gemeine sonnenwende, haussonnenwirbel. Nemnich. vgl. Campe (3, 3).
e)
helianthus, s. sonnenblume 1:
die sonnen-bluhme ...
man heiszt die bluhme sonnen-wende,
und sieht sie auch meist gegen mittag stehn.
Brockes 2, 339;
hierher wol auch:
und weil nicht weit davon viel sonnenwenden brannten.
Günther 1068.
f)
die belege aus der litteratur lassen meistens nicht erkennen, welche blume gemeint ist (gewöhnlich wol a):
seitab ein gärtchen, dornumhegt,
mit reinlichem gelände,
wo matt ihr haupt die glocke trägt,
aufrecht die sonnenwende.
Droste-Hülshoff 1, 113.
in der regel kommt es nur im allgemeinen auf die vorstellung einer blume, die sich nach der sonne dreht, an (vgl. Wachter 1544): zum himmel kehr dich du sonnenwende. Brentano 5, 218;
die sonnen-wende folgt der angenehmen sonnen.
Lohenstein rosen 66;
alle liebe hat ein ende,
und du liebst noch, treues herz?
blickest, wie die sonnenwende,
längst zerknickt, noch himmelwärts?
Hoffmann v. Fallersleben ged.⁹ 144.
so auch übertragen:
die sonnenwende.
verwundre dich nicht freund, dasz ich auf nichts mag sehn,
ich musz mich allezeit nach meiner sonne drehn.
Ang. Silesius cherub. wandersm. s. 60 neudr. (2, 231);
nun ist klytie verschmachtet,
und ich blüh' als heliotrop.
zürnst du deiner sonnenwende,
dasz zur sonn' ihr haupt sie hob?
Rückert (1882) 7, 269.
6)
seltner als bezeichnung von edelsteinen, s. Nemnich und Campe (4).
a)
heliotrop, vgl. sonnenwendestein.
b)
katzenauge, oculus cati, vgl. sonnenauge 4 und sonnenstein 1, a.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1903), Bd. X,I (1905), Sp. 1696, Z. 18.

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„sonnenwende“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sonnenwende>, abgerufen am 24.10.2021.

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