Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sonntagskind, n.

sonntagskind, n.
wer am sonntag geboren und daher nach dem volksglauben mit glück gesegnet und mit allerlei magischen kräften, namentlich der fähigkeit, geister und gespenster zu sehen, ausgestattet ist, vgl. E. H. Meyer myth. s. 67. Wander 4, 631. Borchardt² nr. 1103: sonntags-kind, nennet man ein kind, das an einem sonntag jung gebohren worden, die alten weiber haben meistens den aberglauben, dasz ein solches sonntagskind nicht nur grosses glücke in der welt haben, sondern auch alle gespenster im hause sehen solte. frauenz.-lex. (1715) 1857 f.; sonntags-kind, n. fanciullo, it. huomo nato in una domenica. Kramer dict. 2, 840ᶜ; die dominica natus. Stieler 949; sonntags-kind, nennen aberglaubische leute ein glücks-kind, weil es am sonntag gebohren, albae gallinae filius. Frisch 2, 287ᵇ. so schon mnd., s. sonnenkind 1, sp. 1657. tirol. sunntigkind 'kind, das an einem sonntag in die sog. neutaufe (nach ostern oder pfingsten) kommt'. Schöpf 730. als besonders glückverheiszend gelten zuweilen gewisse stunden, so die mittags- oder mitternachtsstunden. in vielen gegenden haben auch nur einzelne sonntage diese bedeutung, nämlich die sog. güldnen oder goldnen (s. sonntag II, 2, c, γ). Adelung, daher auch gülden- oder güldenes sonntagskind, s. Vilmar 389. Weigand 2, 739 f. Schm. 2, 297. zeitschr. f. myth. 1, 22. belege: ich bin ein sontagskind, ich sehe kein gespenst, ohn die magd im underhembd. Fischart groszm. 126 (kloster 8, 646); man pfleget zu sagen: sonntagskinder sind glückselige kinder. Herberger hertzpost. 2, 140, s. Wander a. a. o.; dann man sage unter dem gemeinen mann, die sontagskinder, oder die leute, welche am sontag geboren seyn, könten die gespenst und böse geister sehen, welche andere nicht sehen. es ist aber damals die kirche sehr voll volckes gewesen, und werden ohne zweiffel mehr sontagskinder darin gewesen seyn. Schuppius 630; man giebt auch vor, dasz die sonntags-kinder vor andern die gespenster alle sehen. rockenphil. (1718) 2, 153 (3, cap. 61); auch wird die sonne und das gold mit einem zeichen bezeichnet, dieweil dieser planet und dieses metall eine grosse verwandtschafft haben sollen; dahero auch die sonntags-kinder in dem verdacht sind, ob hätten sie gülden glück. 155; sie sind vielleicht an einem sonntag auf die welt gekommen; denn man sagt, die sonntagskinder könnten bey hellem mittage geister sehen. Wieland 11, 174 (Sylvia v. Rosalva 1, 3, 2); die unterirdischen schätze, die den sonntagskindern zuweilen von gespenstern und erdgeistern gezeigt werden. 15, 319; ich stelle mir oft bey müszigen stunden eine sprache als ein bündel stäbe vor, wo an jedweden stab eine verwünschte prinzessin angezaubert ist, oder ein unglücklicher prinz; und der mann, der die sprache versteht, wäre denn ein sonntagskind, das geister sehen kann, unterdesz der andre den stab sieht und nichts weiter. Claudius 1—2, 33; jetzt musz man den besten willen haben, und eine art von sonntagskind seyn, um eine übrigens ganz wohlgebildete menschengestalt durch eine von warzen, flecken, borsten und unrath entstellte oberhaut durchzusehen. Göthe 33, 220; hauptmann. wie weisz das euer kind? mutter. es ist ein sonntagskind, es kann's euch ansehen. 42, 344 (Götz bühnenbearb. 3, 11); man musz ein sonntagskind seyn, wenn man das verdienst eines solchen gegenstandes gewahr werden will. briefe 17, 227; am sonntage, wo an höfen, wie in Berlin auf der bühne, immer geistige volkstücke aufgeführet werden, war sie unter den sonntagkindern, die mehr geister sehen als haben, ein mondtagkind, das sich einen zu finden wünscht. J. Paul Titan 3, 186; die andere klasse, das sind: die am tage des herrn geboren wurden, die sonntagskinder. die ergeben sich in den rathschlusz des herrn ... sehen oft sehr trocken aus und als ob sie nicht fünf zählen könnten, und innerlich begleitet sie eine welt der farbigsten wunder. Immermann 20, 138 Hempel; auch eine unsichtbare kirche ist oben auf dem gipfel des Ochsenkopfes. am Johannistage wird sie gesehen und sonst nicht, und auch nur von sonntagskindern. 60; wie anders bei uns begünstigten sonntagskindern, deren es freilich immer nur wenige giebt, ich aber bin ihr chef! gleich schönen, nackten, schlafenden mädchen liegen die dinge um uns her, der empfängnisz gewärtig u. s. w. Münchh. 3, 200 (6, 15); nichts ist mir verdrieszlicher, als wenn man mich für einen glückspilz hält, für ein sonntagskind, dem jeder wind in die segel weht. Hebbel 8, 185 Werner (Schnock 2); Haduvig Sturm war ein sonntagskind. dies war die ursache, dasz ihr die allerseltsamsten zufälle zu begegnen pflegten, solche, die sich dem vernünftigen, ursächlichen zusammenhang der sichtbaren welt in keinerlei weise einfügen lassen. Ricarda Huch Haduvig im kreuzgang 1; nachdem wir noch auf das wohl des neugeborenen sonntagskindes angestoszen. durch ein immer fröhliches heiteres gemüt hat es sich als ein solches bewährt. D. B. Rogge aus sieben jahrzehnten (1899) 2, 169;
mit weywasser hab ich mich auch
versehen nach römischen brauch,
darzu bin ich ein sontagskind,
drumb böser geist troll dich geschwind.
W. Spangenberg Mammons sold C 4ᵇ;
o Corneli du sontags kind,
deins gleichen man wol nirgendt find.
der du solch eltern hast von gott,
darffst klagen uber keine noth.
Sommer Cornel. releg. B 6ᵇ;
alles, alles trifft mir ein,
musz ein sonntagskind wohl sein
und auf glückes haut geboren,
Hans im glücke!
Chamisso 1, 235 Koch;
auch hielt ich mich nicht für ein sonntagskind, denn
ich bin ja geboren am samstag.
Platen 264;
kein zauber wächst für fromme bürgersleute,
die tags nur wissen, wie die glocke geht.
die gründlich kennen gestern, morgen, heute,
doch nicht die zeit, die mitten drin besteht;
ich aber hörte wohl das waldgeläute,
ein sonntagskind ist immer der poet.
Storm 8, 276.
in vielen fällen tritt die ursprüngliche bedeutung 'am sonntage geboren' ganz zurück vor der abgeleiteten und allgemeineren eines glückskindes, ohne dasz sich diese fälle streng aussondern lieszen.dazu: meine poetischen menschen machten's, wie ich die menschen kennen gelernt hatte, aber ich dachte wohl halb willkürlich nicht mehr daran, dasz das publikum ja eben aus solchen menschen besteht, dasz der beobachtende blick, der mit leichtigkeit durch die absichtlichen und unabsichtlichen verkleidungen in das innere dringt, ... eine sonntagskindergabe ist, die sich nicht anbilden, nur ausbilden läszt. Freytag 16, 62; sonntagskinder-medaille, eine art abergläubischen amulettes. Schöpf 730.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1903), Bd. X,I (1905), Sp. 1723, Z. 44.

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Zitationshilfe
„sonntagskind“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sonntagskind>, abgerufen am 26.10.2021.

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