Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sorgenstuhl, m.

sorgenstuhl, m.
bequemer stuhl mit rücklehne und armlehnen. Weigand⁴ 2, 741, in älterer sprache sorgestuhl, arm- oder lehnstuhl. Adelung ('in einigen gegenden'), sorgestul, sella arcuata vel reclinatoria alias lehnestul. Stieler 2177, sorgstuhl Frischbier 2, 345ᵇ (s. auch unten die belege), 'weil er sehr bequem ist, seinen sorgen darin nachzuhängen'. Adelung oder als ruhesitz für den von sorge, sorgen beschwerten, 'stuhl in dem man die sorgen vergessen soll, beliebtes geschenk für jubilare'. Frischbier 2, 345ᵇ; ich, mit grösster höflichkeit präsentire ihm den sorgstul (dazu die anmerkung: so nennt man hier [in Königsberg] einen grossen lehnstuhl, und so nennt man ihn im ganzen ernst). Hermes Sophiens reise 2, 455; Marie wirft sich in den sorgstuhl. Lenz 1, 286; (ich) danke gott für meinen weich gepolsterten sorgestuhl. Thümmel reise 6 (1794), 353; unserem Firmian wurd' es später abends wieder im einsamen sorgestuhl unmöglich, mit aller seiner liebe bis auf morgen zu warten. J. Paul Siebenk. 3, 75; als er die stille gestalt im sorgestuhl erblickte. Titan 3, 148; der teufel war nicht zu haus, aber seine ellermutter sasz da in einem breiten sorgenstuhl. Grimm märchen 121 (nr. 29); bei recht üblem wetter versagten sie (die füsze) fast ganz den dienst und erlaubten ihr nur, sich morgens vom lager zum sorgenstuhle zu schleppen; für sie, die dann den langen tag über, in denselben gebannt, sasz und grübelte und sich trüben gedanken hingab, benannte er sich mit recht so und nicht in dem freundlichen sinne, der auf das müde alter anspielt, das in ihm, die sorge anderen überlassend, ausruht. Anzengruber 1 (1897), 224;
der gute könig sitzt,
indem er mit der rechten hand die stirne
ganz sanft sich reibt, auf seinen arm gestützt
in seinem sorgestuhl.
Wieland 10, 262 (Kombab. 116);
der tante, die, aus mangel guter säfte
lebendig todt für alle weltgeschäfte,
indessen sie der mittagstafel harrt,
im sorgestuhl, zu schonung ihrer kräfte,
begraben liegt und litaneyen schnarrt.
21, 181 (Klel. u. Sin. 1, 309);
zum unglück fing er (ein greis) itzt, trotz ihrem guten willen,
in seinem sorgestuhl die schlimmste aller grillen.
22, 274 (Ob. 6, 49);
der kessel ward zur glocke,
und hieng izt umgekehrt,
der sorgestuhl zur kanzel,
und zum altar der heerd.
Hölty 11, 111 Halm;
nur ihre (der menschen) possen sind, das musz man eingestehn,
von andrer art auf eines königs thron,
als eines bürgers sorgenstule.
Gökingk 1 (1780), 179;
ein sorgestuhl, wohlfeiler knaster (wird einem 'dorfpfaffen' gewünscht).
Voss 6 (1802), 138;
und dem ofen zunächst, altväterisch, stehet ein sorgstuhl,
der nicht den namen verdient, weil nie die sorg' ihn besasz.
Rückert 12 (1882), 350.
in besonderer anwendung, ohne den begriff der bequemlichkeit, ruhe, als stuhl, worauf man sorgt, vom sitz des königs oder bildlich: du verbindest die wunden, siehst in die abendsonne und freust dich der streiche, die du ausgetheilt. der könig aber setzt sich auf den sorgenstuhl und beginnt die kleine arbeit, welche ihr helden verachtet. Freytag 9 (1897), 163.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1903), Bd. X,I (1905), Sp. 1788, Z. 74.

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Zitationshilfe
„sorgenstuhl“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sorgenstuhl>, abgerufen am 24.10.2021.

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