Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sorglich, adj.

sorglich, adj.
sorge erregend, empfindend, tragend, ahd. sorglîh, suorglîh Graff 6, 275, mhd. sorclich, sörglich, sorgelich, sorgenlich Lexer mhd. handwb. 2, 1056. 1057, nhd. sorglich Maaler 377ᵇ (auch sorgklich ebenda). Henisch 1413, 3. Stieler 1997. Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 843ᵃ. Frisch 2, 288ᵇ. Adelung, in älterer sprache wie mhd. gelegentlich sörglich. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 843ᵃ:
wie sörglich sy der narren stat.
Brant narrensch. vorr. 52 Zarncke,
heute noch mundartlich (westerw.) sörklich, särklich, serklich. Kehrein 1, 379. mnd. sorchlik Schiller-Lübben 4, 293ᵇ, nnd. sorglik brem. wb. 4, 925. Dähnert 444ᵃ, sörgelîk, sörglik, sörgelk ten Doornkaat Koolman 3, 259. auch in andern germ. dialecten bezeugt.
1)
im sinne von sorge II, 1.
a)
sorge erregend, bedenklich, bedrohlich, gefahrvoll, gefährlich, dubius, anceps, periculosus. Henisch 1413, 3, pericoloso Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 843ᵃ, von Adelung als noch zuweilen im sinne von sorge verursachend üblich bezeichnet, was auch für die folgende zeit zutrifft, mundartlich noch ganz lebendig als bedenklich gefährlich. Schm.² 2, 326. Lexer kärnt. wb. 235. Kehrein 1, 379, auch nd. in diesem sinne. Schiller-Lübben 4, 293ᵇ (nur so). brem. wb. 4, 925.
α)
von handlungen, mit bezug auf den handelnden oder auf andere, von vorgängen, angelegenheiten, zuständen allgemein: diu captivitas ist sorglîh. Notker ps. 70, 1; ouch sint di abinteʒʒen gar sorglich, wan iʒ geschicht vil bôsheit inne, wanne Johannes vorlôs sîn houbit hir inne. myst. 1, 189, 23; wie angentz lüt zuͦ iren kamen und sagten, wie ich so an eim sorglichen dienst weri, ich wurde mich ein mall ztott erfallen. Th. Platter 10 Boos; wir wöllen euch auch in disem sorglichem zug an guͦten räten nicht unschedlich sein. Schade sat. u. pasqu. 3, 89, 30; damit sie nicht in fahr oder unglimpf und in schwere sorgliche nachrede fallen. Luther br. 3, 506; und darumb die würckung bey den hefftungen des hyrnschedels seind sorgklich, usz billicher forcht wegen des fallens der dure matris uff piam matrem, und verletzung halb des hyrns. Gerszdorff feldb. d. wundartzn. (1530) 5ᵃ; mer (ist eine tödtung unstrafbar) so eynem jemandt von ampts wegen zufahen gebürt, der unzimlichen, frevenlichen und sörglichen widerstandt thut, und derselbig widersessig darob entleibt würde. Carolina art. 150; wie aber in seiner (des Cyrus) regierung mancherley seltzame und sorgkliche hendel ihm fürgefallen. Kirchhof wendunm. 1, 7 Österley; es hat der hochloblichist kaiser Hainrich, der viert dises namens, in seiner regierung, vil grosser anstöss erlitten, auch manchen sorglichen krieg gefüert. Zimm. chron.² 1, 75, 28; ee dann sie dise weite, sorgkliche fart anfiengen. 89, 26; darzu man sagt, das im sein vilfaltig rennen und stechen und die sorgclichen grossen fel, die er vilmals gethon, ain ursach gewest. 183, 38; und als derselb zu Losanne vom bapst Gregorio gekrönet worden, het er in scharpfen und sorglichen rennen gross er eingelegt und alles überwonden. 190, 16; also verführten die töchter den vatter mit dem wein, darausz auch viel ubels kam, denn füllerey ein sorgliche sünde ist. buch d. liebe 293ᵃ; ihr wisset wie seine grösseste lust in der elephanten jagt war. er hatte nichts liebers als diese sorgliche ubung. Opitz Argenis 2, 293; ein sehr sorglicher handel, un negotio pericolosissimo. Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 843ᵃ. Adelung; in sorglicher sicherheit erschienen die drey obersten Illo, Terzky und Wilhelm Kinsky (zu dem gastmahle, bei dem sie ermordet werden sollten). Schiller 8, 348; messire Pierre de Bearn hat die gewohnheit, dasz er nachts aus dem schlaf erwacht, aufsteht, sich bewaffnet, seinen degen zieht, um sich her kämpft, und man weisz nicht gegen wen, was denn sehr sorglich ist. Brentano 4, 496; so sei freilich eine rückkehr zu dem jugendgefühle eine sorgliche sache. Arnim kronenw. 1, 276;
chumit in ditze lant (Egypten)   dehein unsir viant,
ir (der juden) ist so wndirlîchen vil,   und chêrent si sich zuͦ im,
wir haben verloren wîp unde chint;   daʒ sint sorchlîchiu dinch,
schalch unde diuwe   mugen uns balde riwen.
exodus 120, 23 Diemer;
weste mîn lêrære
daʒ daʒ huor sô sorchlîch wære,
ich geloube wol daʒ erʒ verbære.
Heinr. v. Melk priesterleben 561 (570);
ich hân ouch ê versuochet   sam sorclîchiu dinc.
jâ wil ich mit dem swerte   eine dich bestân.
Nib. 1967, 2;
der bstelt, duscht, koufft so manig pfruͦn (pfründe)
das er verjrrt dick an der zal
und duͦt jm also we die wal
uff welcher er doch sytzen well
do er mög syn eyn guͦt gesell
das ist eyn schwer sorglich collect.
Brant narrensch. 30, 27 Zarncke;
wer lebt jnn eym sörglichen stat
der hab den schad, wie es jm gat.
45, 33;
on sorg, vernunfft, wiszheyt, und synn
duͦnt wir für wor eyn sörglich fart.
108, 23;
o gott wie sorglich ist disz wesen
wer mag vor der katzen genesen.
Wackernagel ad. leseb. 1062, 9;
Cupido, wie ich hör, ist bey dir eingezogen,
giebt dir dein eygen theil, dasz du mit lust und ruh,
(wo ruh bey weibern ist) die zeit nun bringest zu,
darffst nicht dich vieler gunst, dasz sörglich ist, befleissen.
Opitz 2, 87.
β)
von krankheitserscheinungen, wunden (vgl. sorglich verwunden unter k), geschwüren u. dgl.: rattenwasser ist gut für den nagel in den augen, wie sorglich er ist. Braunschweig distillierb. (1509) 106ᵃ bei Schmidt els. wb. 330ᵃ; blut auswerfen ist ein sorglicher brest. Dryander arznei (1542) 87ᵃ; wie die artzet, dieselbige feber, die ausz verborgenen unbewuszten ursachen unnd anfengen allgemechlich mit langer weil entstehen, für geferlicher und sorglicher halten, weder dise, die ausz offenbaren scheinbaren ursachen sich ereigen. Fischart ehez. B 7ᵃ; es (wegerichwasser) wird auch nützlich zu dem gurgel-wasser gebraucht, den mund damit ausgespielet, benimmt die bräune, alle hitz und fäule des mundes, vertreibet auch die geschwulst der anfahenden sorglichen halsgeschwären. Hohberg 3, 1, 421ᵃ.
γ)
von verhältnissen, erscheinungen in der umgebenden natur: datum anno domini 1430, do hadde man einen sorchlichen mei, dat it binnen dem meie ducke des nachtes rifde ind vroiz, dat sich de lude ussermaissen seir erveirden. d. städtechron. 13, 162, 20 (Cöln); als sie aber mit ihrem schiff in das meer kamen, entstund ein sorglicher grosser windt. buch d. liebe 249ᵈ.
δ)
sorgliche zeit: nuo luogant, lieban brüeder, was dorehter duomber unfurstandener menschen in diesen serclichen gegenwertigen ziten nuo wonnende sint, und si sint doch guote heillige menschen annczuosehhende. Nicolaus v. Basel 131; minnen der creaturen ... richset in, diser sorglichen zit. Tauler bei Schmidt els. wb. 330ᵃ; sorglike tied, besorgliche, kümmerliche. brem. wb. 4, 925; sorgliche zeiten. Adelung. Schm.² 2, 326; war die zeit sorglich. Freytag bilder 1, 84;
die schweren löüff in unserm land,
die sorgklich zytt, die dan verhand,
vilfaltig selzam ist darinn,
hannd mich bewegt und bracht dahin.
Ruff Etter Heini 2833.
ε)
von orten, an denen gefahr droht: dann wir wollen oder wollen nit, so fliesz wir izo ein on vermeiden in das sorgklich und syrtisch mere, denn als ich ie und ie von meinen eltern vernomen habe, so tregt disz mere allen den die darein koment gemainclich den scharpfen verderbelichen tod. volksb. v. herz. Ernst 264, 30 Bartsch; ein sorglich ort, locus non satis tutus (im kriege). Altenstaig voc. (v. 1508) bei Frisch 2, 288ᵇ; er muͦst durch ein sorglichen walt geen, ee er kam da er hyn wolt. Keisersberg emeis 7ᵃ; wann ein wiser blind ist und in siner blindheit an ein sorglich ort gat da er fallen würd. Schade sat. u. pasqu. 3, 73, 2; nach dem und grosse lang weil sein von Sylian gegen Lüenz, pöse sorgliche prugken und wasser, pöse weg. tir. weisth. 4, 566, 40; er (der centaur Spinard) wănnet uff dem Sorgklichen berg (als eigenname gedacht, in der vorlage Mont-perilleux). Morgant d. riese 272, 23 Bachmann; in solchen gedancken ein sorgliche unwegsame steyg antraffen, darüber nit wol müglich on mercklichen schaden zuͦ kummen was. Wickram Galmy cap. 4 Bolte-Scheel; do hat im der graf zu einer straf die wahl ufgeben, eintweders in thurn, oder aber er soll ein sorgclichen felsen zu Liechteneck hinab kleten. Zimm. chron. 4, 203, 36; der ritter gieng den steeg auff, und fande einen so schmalen und sorglichen weg, deszgleichen er nie mehr gesehen hatte. buch d. liebe 283ᶜ;
darum Arnolt mügt jr wol lassen
solch weite walfart sorglich strassen.
Wickram irr reit. bilg. 83ᵃ.
von einer brücke, die einzustürzen droht: item die flaischbruck, nach dem die vast geprechlich und sorglich ist, sol fürderlich gepawet und gemacht und kain crame daruff gepawet werden. d. städtechron. 10, 355, anmerkung 4 (Nürnberg, v. 1479). von stellen am menschlichen körper, wo eine verwundung gefährlich ist: so die wunden an einem sorglichen ort ist. Würtz pract. d. wundartzn. (1612) 28.
ζ)
von waffen und andern gegenständen: man mag ôch gebieten, daʒ nieman armprost, spiesz noch dheinerlai sorglicher wäffen trag zuo dem gerichtzring oder in das husz, da man inne richt. weisth. 5, 148, § 9 (St. Gallen, v. 1466); wiewol nit leichtlich eyn weib eynen mann zu eyner entschuldigten notweer ursachen mag, so wer doch möglich, dasz eyn grawsam weib eynen weychen mann zu eyner notweer tringen mocht, und sonderlich so sie sörgliche und er schlechtere weer het. Carolina art. 144; sorgliche waffen. Schm.² 2, 326;
(Lucifer) räuchert disz sorglich hütlein (das jesuitenhütlein) wol,
auff das es stäts des gstancks bleib voll.
Fischart 2, 267, 989.
in einer bildlich gebrauchten verbindung: nun sih ich wol, das all mein hoffnung gar umbsunst, dieweil also schwere unnd sorgliche netz gespannen sind, denen ich in keinen weg empfliehen würd, ich wöll mich denn meiner liebsten jungfrawen gäntzlich verwegen. Wickram Gabriotto cap. 56 Bolte-Scheel.
η)
von lebewesen, so von einer pflanze hinsichtlich ihrer wirkung auf den menschen: kellerhals ist sorgklich, darum gang sein müszig. Tollat margarita medicinae (1516) 14ᵃ, gewisz auch von thieren, wofür zufällig kein beleg vorliegt. in der älteren rechtssprache ein sorglicher mann, von dem land und leute beschädigung zu erwarten haben: formirung der urtheyl eyns sörglichen manns in gefengknusz zu verwaren. Carolina art. 195 überschrift; formirung der urtheil zu ewiger gefängnis eines sorglichen mannes, damit land und leute für ihm sicher seyn mögen. corpus const. Brandenb.-Culmb. 2, 2, 91. vgl. Schm.² 2, 326. auch auszerhalb dieser verbindung frühnhd. von einer person: sie aber vernamen von allen landsherrn und volck, dasz disz sehr ein sorglicher riesz war, darumb sie all in grossem kummer waren, und sein (des ritters, der ihn bekämpfen wollte) gar grosse sorg hetten. buch d. liebe 273ᵈ.
θ)
näher bestimmt durch einen dat.:
er gehieʒ ir ouch diu dinc,
diu einem wîbe sorchlîch sint (verhiesz ihr, dasz sie gebären solle).
anegenge 35, 75;
der berg Cyph war gar seer wäldig, mit vilen unfruchtbarn beümen und stauden besetzt, und hat vil sorglicher stein, höline unnd löcher, deszhalben er denen gar bequemlich ist, die sich wöllen verbergen, aber frembden und unbekanten leüten gar sorglich. Franck weltb. 178ᵇ; dise thier sollen meniclich winter und sumer bei tag und nacht frei sein zu ächten und zu fachen, auszgenommen mit gift und selbsgeschosz, so dem menschen und thiern sorclich ist. salzb. taid. 190, 5 (16. jahrh.); (das gletschereis) ist an vil enden ungrundtlich tieff, macht auch zum offtern mal grosse schrunden, und spält, das gar sorglich ist in pässen, und auch den jägern, besunders so sie mit schnee bedeckt werden. Münster cosmogr. 483ᵃ. vgl. auch ι. durch zu mit dat., in andrer art: wenn daʒ ainer ainen gewundet het, daʒ sorglich wäre zu dem tot. tirol. weisth. 3, 344, 32 (v. 1427). noch anders durch inf. und zu bei bestimmtem subject: item wo aber fewerwerck in ein besatzung geworffen, so mit schüssen oder schlägen gemacht, die seind sörglich zu leschen. Fronsperger kriegsb. 1, 125ᵃ; wo jhr meint, dass ich (die kastanie) windig machend sey und sorglich in den bauch zu nemen, so jrrt jhr euch. anmuth. weish. lustg. 397.
ι)
damit berührt sich es ist sorglich mit zu und inf. als logischem subject, wo in alter zeit die adverbiale form bezeugt ist: mer dat selve (westfälische) saltz endocht niet vil ind (sc. es) was sorchlichen, einich vleisch daemit zo saltzen, want vast burgeren ind uiswendigen schade daevan geschach, die dat vleisch, dat daemit gesaltzt gewest was, moisten enwech werpen. d. städtechron. 14, 863, 20 (Cöln, um 1500); wan ein mensch gedenckt wie sorglich es ist in der welt zu sein. Keisersberg narrensch. 144ᵃ bei Schmidt els. wb. 330ᵃ; es ist sorglich, solches zu thun. 3 Macc. 1, 21; in der zeit alsz der theür Frantz von Sickingen, loblicher gedechtnusz, mit denen von Wurms krieg fürt, derhalben es ettlicher masz sorglich auff dem Rein zuͦ faren was. Wickram rollw. 54, 14 Kurz; denn der schiffmann sagte, es wer in dieser tieffe des meers nit sorglich bey nacht zu fahren. buch d. liebe 202ᵃ; darumb es gar sorglich ist, kindern zu fluchen, oder dem teuffel zu ergeben. 304ᵈ; mit dat. der person: darumb ist es sorglich einem christen, eyn kramer oder hendler zu sein (es gilt bei ihnen: 'wer nicht verderben will, der musz die leutte betriegen'). Agricola sprichw. nr. 226; euwer anfang gefellt mir wol, und bringt mir uberausz grosse freude, aber sörglich wirt mirs seyn, euch hinweg zu bringen. buch d. liebe 23ᵈ; darumb es einer frommen frauwen sorglich ist, sich zu vil weltlich zu halten. 290ᵈ. ähnlich: auch lieben töchter, wisset dasz es gar sörglich ist mit leuten kriegen oder zancken, die die welt in jhren händen haben. 290ᵃ;
du weiszst, das auf diesem berg dort
vor den schneerisen ist zu gan
sorglich, wer sich nicht hüten kan.
Teuerdank 66, 10.
κ)
adverbial eine sache steht sorglich: darzuͦ sag ich, das dein sach nye sorglicher, dann auff dise stund, gestanden ist. Wickram Galmy 24 Bolte - Scheel. auch es steht sorglich: harumbe, lieban brüeder, so manne ich uch und bitte uch in der minne gottes das ir uch hüetent vor der welte, wanne es nuo in fil sachen gar sercliche stot. Nicolaus v. Basel 131; (es) wurd noch sörglicher stonde werden. derselbe bei Schmidt els. wb. 330ᵃ; und ward dy gmain ganz auffrürig, ein rath wider dy gmain, dy gmain wider ein rath, stund ganz sorglich hie, wist niman schir, wer herr oder knecht war. d. städtechron. 15, 16, 29 (Regensburg, v. 1512). ähnlich:
es loszt sich eben sörglich an.
Brant narrensch. 99, 211 Zarncke.
in sonstigem adverbialen gebrauch: lieber herre, sider es denne also ist, so söllent ir wissen das ir danne nuo in alle wege beide zuo libe und zuo sele gar zuo sörgliche lebent (so dasz euch gefahr droht). Nicolaus v. Basel 91; er hat den schultheiszen sere sorglich off den doit verwondet. quelle v. 1443 bei Dief.-Wülcker 856;
woldet ir belîben   bî unsern vînden hie
so geriten hovereise   noch helde sorclîcher nie.
Nib. 1029, 4;
lât iu bevolhen sîn
die tumben, die von hinnen   in dem dienste mîn
varent sorclîche.
Kudrun 278, 3;
die in fremden rîchen
dicke sorclîchen
varent durch vermeʒʒenheit.
herzog Ernst 24 Bartsch.
λ)
mit sinnverwandten ausdrücken verbunden: melancoley ist das sorglichest und schedlichest. quelle v. 1505 bei Schmidt els. wb. 330ᵃ; sie schwerlich und sörgliche wundetent uf den tot. quelle bei Scherz-Oberlin 1523; wie unsicher und sörglich sein wil, der enden mit disen büchern umb zugehen. Luther 23, 461, 6 Weim. ausg.; alle kreutter, die milch han, sind giftig und sorglich zu niessen. Tollat arzneib. (1532) 36; wiewol die rais sorgclich und gefärlich. Zimm. chron.² 1, 65, 2; die kunst eines fürtrefflichen berümpten artzts, wirdt durch, oder ausz einer gefährlichen sörglichen kranckheit offenbar, berhümet, und erkant. Gretter erkl. d. ep. Pauli a. d. Römer (1566) 164; auch wil ich euch sagen ein exempel, wie sörglich und bösz es ist, dʒ ein fraw jhres mannes eyfert und förchtet. buch d. liebe 287ᵈ; das scabiosenwasser ist ein köstlich wasser wider das sorgliche und gefährliche halszgeschwer anginam. Tabernaemont. (1664) 451 D. als gegensatz zu schädlich, das eine begriffliche steigerung gegenüber sorglich darstellt: gibt zeügnisz den vor gesagten dingen, die heilig geschrifft, wie nit allein sörglich, sunder schädlich sey müssig gon. Keisersberg eschengrüdel dᵇ.
b)
in engem anschlusz daran von etwas, was zu besorgen, zu befürchten ist, prädicativ, mit folgendem inhaltssatz:
wann sich der siech nit haltet recht
das wider umb sein kranckheit schlecht
so ist vast sörglich, das er mag
genäsen nit.
Brant narrensch. 84, 17 Zarncke.
c)
gleichfalls in enger beziehung zu a wie schwierig: es ist sehr sorglich, das juristen selig werden, da es doch den theologen schwer ist, die teglich mit gottes wort umbgehen. Luther tischreden (1568) 178ᵃ.
d)
mit sorge verbunden, ängstlich, von gedanken, empfindungen, seelischen zuständen:
ir vorchte was sô sorclîch.
Müllenhoff-Scherer denkm.³ 1, 164. 4, 10
vreude und sorclich gedanc
vaste mit der vrouwen ranc.
herzog Ernst 5411;
solich sorclich vorchte sol euch nit abschaiden noch enziehen von elicher verainunge des hochwirdigsten unsers herren des kaisers. volksb. v. herz. Ernst 233, 9; lass dich also, wenn du sehen wirst, dass es noch ziemlich auf persischen fuss bey mir zugeht, durch keine sorglichen gedanken im frohen genuss des gegenwärtigen stören. Wieland 35, 29; die scenen auf der landstrasze und im amthause, die gesinnungen Melinas, und was sonst noch vorgegangen war, stellten sich ihm wieder dar, und brachten seinen lebhaften, vordringenden geist in eine art von sorglicher unruhe. Göthe 18, 90. Adelung führt eine von ihm als veraltet bezeichnete bedeutung 'in sorge gegründet' an.
e)
sorge empfindend. Adelung (als veraltet bezeichnet), ängstlich, besorgt, von personen: so war die erlaubnisz zur reise der sorglichen mutter über den kopf weggenommen. Arnim kronenw. 1, 187;
so beweget ein traum den sorglichen, wenn er zu greifen,
vorwärts glaubet zu gehn, alles veränderlich schwebt.
Göthe 1, 360.
westerw. besorgt, dasz man seine sache gut mache. Kehrein 1, 378.
f)
ähnlich, von einem antlitz, auf dem sich sorgen widerspiegeln, wie sorgenvoll:
ein mönch in kleiner zelle,
mit sorglichem gesicht.
Grillparzer 2 (1887), 14.
2)
nach sorge II, 2.
a)
auf schutz, erhaltung, förderung gerichtet, vom handeln, denken, empfinden:
wio er iʒ êr gimeinta,   sîneʒ dreso deilta
untar sînen scalkon   zi suorglîchen werkon.
Otfrid 4, 7, 72;
biwuntun sie thô scôno   thia selbon lîh frôno
mit lîninemo dueche   joh sorglîchemo ruache.
35, 32;
diu tiefe des heiligen chrûzes bezeichent diu tiefen toͮgen unsers herren! bezeichent oͮch die tiefen urteile, die sorclichen urtaile des almahtigen gotes. spec. eccl. 116, 2; was ihr und den ihrigen begegnet war, neigung, leidenschaften und verirrungen, das lieblich sorgliche muttergefühl, in einem so bedenklichen zustande, alles verkörperte sich, in körperlosen gestalten, die in einer bunten reihe seltsamer erscheinungen vorbei zogen. Göthe 15, 281. auch sonst wie schützend, erhaltend, fördernd: geniesze der freien luft, denn zu hause hängt immer ein leichtes sorgliches gewebe über den menschen. Göthe an Knebel 23; ebenso von personen, sorge anwendend. Adelung (als veraltet bezeichnet): Margaretha, so will ich meinen sorglichen hausgeist nennen, war mit ihrem manne sehr unzufrieden, wenn er die groszen zahlungen .., aufgezählt wie sie waren, eine zeitlang auf dem tische liegen liesz, das geld als dann in körbchen einstrich und daraus wieder ausgab ... ohne rechnung zu führen. Göthe werke 15, 286 (ähnlich westerw. sehr sparsam und in tadelndem sinne allzu sparsam, eigennützig. Kehrein 1, 378);
so der zeit bedient sich klug die sorgliche mutter.
Göthe bei Campe;
entsprechend adverbial:
er zog sie aus dem flusse sonder weilen
(sie war halb todt), nahm sorglich ihrer wahr
und liesz sie dort von seinen leuten heilen.
Gries Bojardo 1, 14, 32;
da drückte der wackere vater,
würdig, die segnende hand mir auf das lockige haupt;
sorglich reichte die mutter ein nachbereitetes bündel:
glücklich kehre zurück! riefen sie, glücklich und reich!
Göthe 1, 298;
sie breitet aus manch festgewand,
gesponnen von Maria's hand,
das sie gar sorglich aufbewahrt.
Kind ged. (1817) 1, 16.
b)
aufmerksam, genau, ordentlich, in unpersönlichem gebrauch:
gein zageheit der verdroʒʒen   reit sunder slâf in sorgelîcher wache,
wann er disen bracken vinden wolde.
jüng. Tit. 1274, 2;
wenig habt ihr meiner gedacht, indesz ich im lande
vieler orten und enden die sorglichste wache gehalten.
Göthe 40, 147;
er begann eben die nöthigen überschriften zu machen, als er drauszen auf der besendecke ein sorgliches putzen, und gleich darauf ein klopfen an der thüre hörte, leise genug um artig, und laut genug um nicht ängstlich zu sein. Fontane vor dem sturm 2, 109; er trug einen veilchenfarbenen sammetschlafrock, unter dem er sich in bereits sorglichster toilette zeigte. 3, 27. adverbial, diligenter Maaler 377ᵈ, accurate, exquisite Stieler 1997: unde diemuotigo helde dîn ôra. fernim sorglîcho disen rât. Notker ps. 44, 11; auch jetzt noch hatte jeder gegenstand eine volle beleuchtung, und diese war es, die sammt den mit frischen hyacinthen besetzten blumentischen den anheimelnden eindruck unterstützte, den das sorglich gehaltene zimmer zu jeder zeit zu machen pflegte. Fontane vor dem sturm 3, 216;
ein kriegsman, welcher seine stunden
auff seiner wache sorglich hält,
wird leichtlich nicht durch list gefällt.
Königsberg. dichterkreis 241, 5 neudruck;
wie sorglich gefaltet!
wie zierlich gesackt!
Göthe 10, 263.
westerw. ähnlich vorzüglich, ausgezeichnet. Kehrein 1, 379.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1903), Bd. X,I (1905), Sp. 1800, Z. 7.

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Zitationshilfe
„sorglich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sorglich>, abgerufen am 16.10.2021.

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