Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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form, f.

form, f.
forma, von ferre, weil die gestalt das mit sich, an sich getragene ist. den buchstaben nach stimmt es zu barm, dem tragenden schosz, zu farm, der getragenen last (1, 1134), der bedeutung nach zu gebärde, ahd. gibârida gestus, sämtlich von bëran, mit wechsel des b und f, wie in blach flach, balz falz u. s. w. das o in forma von fero (man halte das dunkle norma zum eigennamen Nero), wie in rogus, toga von rego, tego und wie in boran von bëran. dieser berührungen war sich doch unsere sprache bei aufnahme des lat. wortes längst nicht mehr bewust, ahd. aber zu ihr noch kein bedürfnis vorhanden, sonst würde wol N. forma gebraucht haben, und drückten nicht gibârida, giscaft, gistalt, biladi die begriffe habitus, forma, imago aus? auch die mhd. dichter der guten zeit enthalten sich des für den reim untaugenden fremdlings, selbst Gotfried noch; erst Konrad, dem figûre geläufig war (sp. 1629), verwandte das damit fast gleichbedeutige forme:
daʒ oberteil der forme sîn
was gestellet als ein wîp.
tr. kr. 3746;
daʒ oberteil der forme sîn
was gestellet als ein man.
5854;
begunde si betrahten
die ritterlîchen forme sîn.
7711;
dër kiusche mîn getriuwet ër
und mîner glenzen forme niht.
22057;
mit wunderlîchem bilde
was ir frëcher lîp behaft,
daʒ oberteil an ir geschaft
was gestellet als ein man,
und schein daʒ underteil dar an
vih oder tiere vil gelîch,
si wâren fremder forme rîch
sus unde sô geschaffen.
25006;
dër bâbest sprach, ich zeige dir
ir bilde und al ir forme gar.
Silv. 1478;
wan éine forme vander
an in beiden, swër si sach.
Engelh. 452;
sîn forme gît dën sëlben schîn,
dën ouch diu mîne gëben kan.
602;
hier stehn forme, geschaft und bilde in demselben sinn. noch mehr stellen:
dîn antlitze ist erwildet
dër forme, und du soltest hân.
Ulr. Trist. 2387;
ir forme was versniten niht,
ëngelvar was ir gesiht.
GA. 2, 8;
ir hende wîʒ die zient an sich
die besten forme, dunket mich.
MSH. 2, 32ᵃ;
daʒ schuof sîn edelîche form.
Lohengr. 6237;
sëcht, daʒ wart algemeine
brâcht in sîne forme als ê,
die gerten wâren golt nicht mê;
an den steinen gar gewart
die forme unde die unart,
als si wâren ê gewësen,
swâ man si hete ûf gelësen.
pass. H. 237, 43—47.
in sulcher forme ër in erschein
als ob sîn lîb algemein
mit geiselen wêre wol zûslagen.
pass. K. 21, 50;
in dër forme im ëʒ ergienc,
daʒ ër bôsen lôn nam.
296, 80;
die stimme ër dicke dô vernam,
wie si in sulcher forme quam.
423, 10;
sich mûste wîten kunden
ir schône forme, die si trûc.
539, 9.
im verlauf der zeit nimmt dieser gebrauch beträchtlich zu, besonders für die prosa und den stil der urkunden. beispiele aus Megenberg mögen genügen: daʒ si den gestirnten luft ze samen haltent, daʒ er under der stimm form beleiben muoʒ. 16, 16; diu sêl ist ain selpwesigeu form. 32, 32; diu sunne ist ain form oder ain gestalt der varb. 58, 21; und gibt daʒ lieht der varb ir gestalt und ir form. 59, 12; so wirft diu sunn ir ebenpild neur oben in die spiegel nâch ains kraiʒes form. 99, 25; wan der teufel mag sich verkêren in aller tier form. 271, 8; auch nement diu dinch ir kraft von den formen und den aigenhaiten, die der himel kreft dar ein drückent. 379, 8. dieses form ist gleichviel mit gestalt, wie dessen beifügung zeigt. Dasypodius verdeutscht forma 78ᵇ durch gestalt, nicht durch form, stellt aber 230ᵃ form species auf. Frisius 577ᵇ setzt zu forma die deutschen forme und gestalt, desgl. Maaler 139ᵈ. Luther hat in der bibel forme nur ein einziges mal Röm. 2, 20, sonst immer gestalt, in dieser stelle würde goth. hivi stehn, wie 2 Tim. 3, 5. form für forme trat ein wie qual zahl pein acht schlacht für quale zahle peine achte schlachte. H. Sachs und Ayrer gestatten sich furm : sturm, wurm. nhd. lassen sich folgende bedeutungen unterscheiden.
1)
form, gestalt, figur können zuweilen tauschen, nicht überall: sie hat eine zierliche gestalt, figur, form. figur drückt doch die ganze gestalt und erscheinung, form nur den umrisz, die züge aus. es heiszt eine edle, königliche figur oder gestalt, nicht mehr form, Konrads oberteil der forme wäre heute unzulässig, obschon im 17 jh. noch beispiele vorkommen:
mein weib ist unden ein wurm,
vergleicht sich eins meerwunders furm.
Ayrer 335ᶜ;
so sih ich, dasz er sich ab meiner form entsetzet.
Weckherlin 205;
auch so erschienen Moses und Elias den jüngern Christi in ihrer form und gestalt auf dem berge. Jac. Böhme Aurora 33. wir sagen: sein gesicht hat eine edle form, ihre hände, finger haben die schönste form, wo auch gestalt, nicht figur stehen dürfte;
und keine hexen schrein uns an
in form der schwarzen katzen.
Weisze kom. opern 3, 93;
der braunen locken dunkle ringe seh ich
des weiszen halses edle form beschatten.
Schiller ...
in allen fällen war ahd. giscaft, mhd. geschaft, engl. shape statthaft.
2)
form ist überhaupt der gegensatz zum stoffe und bezeichnet das, was aus ihm gemacht, die gestalt, die ihm gegeben wird. die sache gewinnt gestalt und form. der thon unter des bildners hand nimmt alle formen an; das mittelding zwischen form und klumpen war widerwärtig anzusehen. Göthe 15, 252; das kleid war ein tuch, dem der schneider form gab, er wählte dafür die rechte, die gehörige, die passende; der baumeister ersinnt die form, nach der ein haus errichtet werden soll.
3)
form heiszt auch das gefäsz, worin oder wonach ein werk gefertigt wird, die form zum teig oder kuchen, der stempel zur münze, die form zum gieszen eines lichts, einer kugel, einer glocke: den kuchen hat die neue form besser ausgebacken; die kugelformen ruhten wenig, man konnte nicht genug blei anschaffen; der lehrjunge, vorwitzig wie das glühende erz aussähe, rührte an den krahn, der fuhr heraus und es rann und rann in die form; die formen wurden aus eisernen platten zusammen gesetzt, mit eisernen federn gehalten, inwendig mit öl, auswendig mit thon bestrichen. Göthe 35, 324; um in erz zu gieszen macht man zweierlei arten von formen. 35, 327; hierüber wird eine feuerfeste form gemacht und das wachs heraus geschmolzen. ebenda;
festgemauert in der erden
steht die form aus lehm gebrannt,
heute musz die glocke werden,
frisch gesellen, seid zur hand!
Schiller 77ᵃ;
in die erd ists aufgenommen,
glücklich ist die form gefüllt.
79ᵃ;
schwingt den hammer, schwingt,
bis der mantel springt,
wenn die glock soll auferstehen,
musz die form in stücken gehen.
79ᵇ.
also die form einsetzen, einmauern, füllen, zerbrechen, zerschlagen.
4)
einen hut in seine rechte form bringen, über die form schlagen; einen strumpf über die form ziehen, fr. enformer les bas; das kleid hat seine form verloren, ist aus der form gekommen. bei verschiednen handwerken hat form eine technische bedeutung.
5)
den buchdruckern heiszt form der viereckige rahme, in welchen die gesetzten zeilen geschraubt werden: die form schlieszen, fr. serrer la forme:
der drucker sprach behende:
'ich wil mit auf die fart,
mir schwitzen so ser die lenden,
ich hab gezogen so hart,
ich musz ietz warlich trinken
sunst kan ich drucken nit'.
der setzer tet im winken
'ich ge gewislich mit.
mein form die klebt so harte,
macht, sie ist nit genetzt,
drumb ich der gselschaft warte,
dies tapfer hinein setzt'.
Uhland 690.
den papiermachern ist form der drahtbespannte rahme, worin das zeug geschöpft wird; den lichtgieszern der zinnerne talgtrog.
6)
form eines rechtsgeschäfts: die form der klage, der ehe, der scheidung, der übergabe, des vertrags; es soll alles in der besten und gehörigen form geschehen, in forma optima et debita, fr. en bonne et dûe forme, engl. in due form; doch soll der dieb im auslassen ... den bütteln iren gewonlichen gebüre für ihr müh und fleisz entrichten und zu dem allen nach der besten form umb enthaltung willen des gemeinen frides ewige urfehde thun. Carolina art. 157;
der sol es dem richter fürtragen
mit solcher form, das er verstee,
das er mit warheit ümb gee.
fastn. 709, 10;
ein solch gescheft het gar kein furm (: wurm).
H. Sachs I, 223ᵇ;
ein widerspruch in der besten form. Kant 8, 155; unter der form eines kaufs, unter dem schein, sub specie emtionis; es musz der form genügt werden; der major wollte nur noch der form wegen einen abschiedsbesuch machen (pro forma). Göthe 22, 63.
7)
die formen der sprache sind ihre flexionen, ableitungen und zusammensetzungen; die formen der alten sprache waren reiner und reicher; die poesie hat ihre formen, die formen des liedes sind manigfach; es kommen unaufhörlich neue redeformen auf; dise nüwe form redens. Nicl. v. Wyle 295, 36.
8)
form allgemein für weise, art: mit form und gestalte, wie ich mocht (so gut ich vermochte). Nicl. v. Wyle 258, 22; Rosamunda auf solche form (folgendergestalt, folgenderweise) anhub zu reden. buch d. l. 233, 3; Gabriotto gedacht seiner allerliebesten jungfrauwen den letzten brief zu schreiben, derselbige auf solche form lautet. 257, 4;
secht, secht, das heer stelt sich in furm,
samb es anlaufen wöll ein sturm.
H. Sachs III. 1, 228ᵃ,
stellt sich so auf, in solcher weise und ordnung; man sagt, hier herschen leichtere formen, manieren, weisen:
aber in den heitern regionen,
wo die reinen formen wohnen,
rauscht des jammers trüber sturm nicht mehr.
Schiller 73ᵃ;
droben tönet lautere form.
Klopstock,
erschallen reine töne des gesangs.
9)
form für versinnlichung, sinnliche erscheinung: in der erscheinung nenne ich das, welches macht, dasz das manigfaltige der erscheinung in gewissen verhältnissen geordnet werden kann, die form der erscheinung. Kant 2, 60; das reich gottes kann in der sinnlichen form einer kirche vorgestellt werden. 6, 330.
10)
form gegenüber dem gehalt (wie unter 2, nur abstract gefaszt):
denke, dasz die gunst der musen
unvergängliches verheiszt,
den gehalt in deinem busen
und die form in deinem geist.
Göthe 1, 133;
auf der seite jener dichtkunst, welche dahin strebt, dasz der einbildungskraft gehalt, gestalt und form dargebracht werde. 46, 126.
11)
form heiszt eine verhärtung oder schwiele oben am horn des pferdefuszes, wodurch es oft lahm wird.
12)
ungewöhnlich form m., wie nnl. vorm, gen. vorms:
so laut knallet in allem furm,
als ob man schüsz ein stat zum sturm.
H. Sachs I, 204ᶜ;
den form zerbrach, in den sie ihn gegossen.
Gotter 1, 372.
s. dichtform, käseform, knopfform, kuchenform, kugelform, lichtform, redeform, reimform, sprachform, unform, urform, wortform.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1860), Bd. III (1862), Sp. 1897, Z. 30.

surmen, vb.

surmen, vb.
mundartlich obd. und ostmd. wort. nach herkunft und bedeutung mit surren (s. d.) verwandt, wie das grundwort surm (s. d.) und norw. surmen 'dösig, unaufgelegt' A. Torp 746ᵇ zu idg. *su̯er- Walde-Pokorny 2, 528 (wo aber altlit. surma[s] 'pfeife' als lehnwort aus dem poln. zu streichen ist, s. Brückner slav. fremdwörter im lit. [1879] 139; Skardžius slav. lehnwörter im altlit. [1931] 210; poln. surma weiter aus türk. surna Miklosich fremdwörter i. d. slav. sprachen [1867] 56; Brückner słownik etymologiczny 526). in der bedeutung 'surren, summen, schwirren, lärmen' bei Schmeller - Fr. bair. 2, 327, Lexer kärnt. 246, Unger-Khull steir. 601ᵇ, Schöpf tirol. 731, sürmen schweiz. id. 7, 1330, surmen, sormen Müller-Fraureuth obersächs. 2, 590ᵃ, Gerbet Vogtland 163:
schlaͦgt s in thurm?
losts, wàs hei ̃t so schö ̃ surmt!
A. Hartmann volksld. in Bayern, Tirol u. land Salzburg ges. (1884) 1, 31;
bis d sturmglocken surmant
Stelzhamer ausgew. dicht. 3, 135 Rosegger.
bei schweizer. sürmen und sonst in den mundarten des westl. obd. bei verwandtem sürmeln und ableitungen wie sürmel, sürm(e)lig, sürmig u. ä. tritt eine bedeutungsverschiebung zum mürrischen, brummigen, unfreundlichen, auch träumerischen hervor, s. Staub-Tobler schweizer. id. 7, 1329 f., Seiler Basler mundart 286, Fischer schwäb. 5, 1968, Martin-Lienhart elsäss. 2, 375ᵃ, doch vgl. auch im egerländischen surma 'übler laune sein und dieser worte verleihen' Neubauer 103ᵃ. zum nebeneinander der bedeutungen vgl. oben norw. surmen sowie surren 4. — dazu surmer, m., mauerschwalbe, hirundo apus, im österreichischen, nach dem scharfen schrei des tieres: Schmeller-Fr. bair. 2, 327, Schöpf tirol. 731; fürs Zillertal bezeugt bei Nemnich 586, Campe 4, 755ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1263, Z. 53.

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Zitationshilfe
„sormen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sormen>, abgerufen am 21.10.2021.

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