Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sieden, verb.

sieden, verb.
I.
verwandtschaft und form.
1)
sieden ist ein gemeingerm. wort, got. *siuþan unbezeugt, aber zu erschlieszen aus sauþs opfer (vgl. altn. sauđr, norw. sau schaf; dagegen altgutn. sauþr sprudelquelle, ags. séađ, mhd. sôt brunnen); altn. sjóđa, norw. sjoda, schwed. sjuda, dän. syde: ags. séođan, mittelengl. sethen, engl. to seethe; altfr. siatha (selten), westfries. sjiedden, saterl. siode, wang. sjôth ten Doornkaat Koolman 3, 168ᵃ; mnd. sêden, mnl. sieden, holl. zieden; ahd. siodan, mhd. sieden.
2)
zu sieden gehört sod, sud, sudeln, sütte, suttern u. s. w., s. diese. (über ein causativ seuden s. unten 5, k.) aber daneben hat die basis suþ- im germ. noch eine andere hochstufe mit versetztem vocal sweþ-, die in ahd. swedan brennen, mhd. swadem, ags. swađul, dampf, qualm, dunst, zu tage tritt, s. auch schwade(n) 2, th. 9, sp. 2167 f., und 5, sp. 2170 f., sowie schwede, sp. 2383. vgl. Kluge⁶ 364ᵇ. Noreen urg. lautl. 88. Grimm gr. 2, 21. Franck 1205. Uhlenbeck 123. Fick³ 3, 326. 361. zu diesem sweþ- scheint wiederum altn. svíđa mit ableitungen eine eigenthümliche variation darzustellen. Fick³ 3, 361. (umgekehrte entwicklung nimmt an Dietrich zeitschr. f. d. alterth. 5, 215.)
3)
eine wurzel seut-, sut-, swet- ist im indogerm. sonst nicht bekannt. aber Froehde hat (s. Bezzenbergers beitr. 21, 330) sehr einleuchtend lit. szuntù — szutaũ-szùsti 'schmoren, brühen' verglichen, indem er germ. anlautendes s für ks annimmt. mit diesem liesze sich dann weiter skr. kváthati sieden, got. hwaþjan schäumen (Uhlenbeck 82) zusammenbringen, wenn man kv aus çv annimmt (*kveth- bez. *kvet- für *ksvet- neben *kseut-), s. Fick⁴ 1, 31. Brugmann ber. der sächs. ges. d. wiss. 1897, s. 36 f. von dem im lit. erhaltenen n-präsens könnte schlieszlich auch sonne (*sund-nô-) und süd (*sunþa-) abgeleitet sein.
4)
sieden hat (im westgerm.) durchweg den grammatischen wechsel erhalten, vgl. Grimm gr. 1², 408. Noreen urg. lautl. 127: ags. séođan-séađ-sudon-soden, und so noch mittelengl. im plur. prät. und part. soden neben sothen, frühneuengl. sodden, sod s. Skeat 538ᵇ; alts. unbezeugt, im spätern nd. nicht erkennbar: mnd. sêden-sôt-soden, mnl. sieden-soot-soden, holl. ziedenzood-gezoden; ahd. siodan-sôt-sutum-gisotan, vgl. Graff 6, 163 f.; mhd. sieden (mitteld. sîden, köln. seiden)-sôt (sout, köln. soit)-suten-gesoten, s. Lexer handwb. 2, 911.
5)
über die entwicklung der conjugationsformen im nhd. s. die angaben der grammatiken und wörterbücher: Clajus s. 97, 8—10 neudr. Schottel 596. Stieler 2015. Steinbach 2, 596. Gottsched 345. Frisch 2, 274ᵃ. Adelung, und die belege bei Kehrein gr. des 15.—17. jahrh. 1, s. 255 f. Shumway d. ablaut. verbum bei H. Sachs s. 55. vgl. auch Weigand 2, 710. im einzelnen ist zu bemerken:
a)
das präsens lautet sieden, ich siede. ganz vereinzelt weicht der vocal in ü aus: sieden oder süden das es überlaufft, effervescere. Maaler 373ᶜ (als verschiedene wörter?). s. ferner Zesen unter II, A, 6, b. auch mit erhaltenem diphthong (?): wann nun die, so also gefischet, in das dorf kommen und die visch süeden wellen. Zimm. chr.² 2, 610, 29 Barack.
b)
die 2. und 3. sing zeigt im ältern nhd. durchweg vocalwechsel, dem mhd. siudest, siudet entsprechend. Clajus: du seudst, er seudt, ebenso Schottel; Stieler: du seudest, er seud. daneben erscheinen die heutigen formen bei Steinbach (du siedest, seudst, er siedet, seudt); Gottsched hat nur sie. Frisch kennt daneben die ältern formen als vulgär, Adelung als oberdeutsch (du seudest, er seudet). der wandel vollzieht sich also im anfange des 18. jahrh. (s. indessen d, ε), hängt aber mit landschaftlichen unterschieden zusammen.
c)
die litteratur weist in der 2. sing. folgende formen auf: du seutst Luther tischr. 32ᵇ; du siedst Ludwig 3, 387, s. unten II, B, 3, d. 7, a.
d)
in der 3. sing.
α)
bei Keisersberg noch mit undiphthongiertem vocal: das geblüt .. südet. irrig schaf D 6ᵃ, s. unten II, A, 2, a, sowie 5, b.
β)
gewöhnlich mit diphthong seudet: deren gutt euer itzlicher innen habet, seudet und wallet. Spittendorff 419, 26, s. ferner Keisersberg unter II, A, 1, e, Luther unter II, A, 3. B, 1. S. Franck II, B, 8, g.
γ)
häufiger contrahiert. die schreibung seudt soll vielleicht die contraction andeuten:
jetzunder seudt man gleich die fisch.
H. Sachs 4, 3, 15ᵈ (fastn. sp. 5, 64 neudruck);
der kessel daussen der seudt fast.
5, 369ᶜ,
s. ferner II, A, 5, a und S. Franck II, A, 5, b.
δ)
andre schreibweisen sind seud, s. II, A. 1, c. B, 6, a und Luther II, A, 6, b; für seudt H. Sachs 5, 369ᵇ f. steht im neudr. der fastn. sp. 6, 132, 330 seud, dagegen 131, 303 seuͤt. letzteres ferner bei Spittendorff 131, s. unten II, B, 8, g und: wan man kraut abschlecht oder seüt. steir. taid. 314, 26 (vgl. II, B, 3, d).
ε)
das heutige siedet taucht in der 2. hälfte des 17. jahrh. auf: aber was der einkäuffer gekaufft, zerhawet der koch in stücke, siedet es auffm herde. Comenius 431; s. ferner Butschky Pathmos s. 289 unter II, A, 6, d. neben seud: das wasser etc. siedet (seud) schon im kessel. Kramer dict. 2, 806ᵇ (sonst seud).
ζ)
hier finden sich einsilbige formen nur ganz vereinzelt s. Olearius II, A, 5, a und Leoprechting II, B, 9, b.
e)
im imp. ist die ältere form seud: nim milch, essig, und saltz: seuds mit einander in einer pfannen. Gäbelkhover arzneib. (1595) 4, 331; seuds durch einander. Seutter 342; so noch Tabernaemontanus kräuterb. (1687) 69. — in neuerer zeit hat die aufgabe des vocalwechsels in der regel schwache bildung nach sich gezogen: siede (oberd. seud) Adelung. s. Schiller unter II, A, 5, a. Gottsched hat sied!
f)
prät. 1. 3. sing.
α)
hier scheint sod (Clajus, Stieler, Steinbach) das mhd. sôt fortzusetzen: und sie nam einen teig, und knettet, und sods fur seinen augen. 2 Sam. 13, 8; s. ferner H. Sachs II, B, 3, a, und Günther II, B, 8, i.
β)
daneben sott offenbar unter einflusz der pluralformen, so Schottel, Gottsched und in der neuern sprache durchweg.
γ)
die schreibungen sot und sodt (Frisch und Opitz unter II, A, 7, b) lassen die quantität gar nicht erkennen. jenes steht öfter bei H. Sachs (daher vielleicht sôt zu lesen):
das thet sie in ein haffen zam
und seczt es zw des fewers flam,
und das unter einander sot.
fabeln u. schw. 1, s. 301 (104, 33);
s. ferner II, A, 1, a.
δ)
daneben findet sich ebenfalls bei H. Sachs eine form mit u, die mit den entsprechenden pluralformen zusammenhängt und vielleicht übertritt in eine andre conjugationsclasse (lud?) andeutet:
sie suth und briet, darnach sie frasz.
4, 3, 111ᵇ;
und hackt den todten cörper sein
heimlich in stücklein subtil klein,
sud den in wein also zerstücket.
5, 389ᵈ (ähnlich 2, 3, 152ᵇ, s. II, B, 5, b);
weil die eyer fleisch und blut
hetten, nach dem ich sie schon sud.
392ᵈ;
die (frau) dets pald ab und suͤed die fisch.
fabeln u. schw. 1, s. 477 (168, 75);
sie sued und priet, darnach sie fras.
2, 519 (346, 38, vgl. oben).
ε)
eine form sout, soud ist nur im 15. jh. vereinzelt bezeugt: czu hant nam ich eyn vass ful öels und gouss das yn eynen kessel und mengete dor czu swevel, pech. salcz, auripigmen unde andere schedeliche dyng und sout dy alle dürchenander. altd. blätter 1, 122; er soud ein kitzlin. richter 6, 19 in der sog. 3. bibel s. Kehrein a. a. o.
g)
für die 2. sing. geben Clajus und Schottel: du sottest. ebenso in der heutigen sprache. belege fehlen.
h)
der plur. zeigt folgende formen.
α)
dem mhd. suten entspricht sutten: sie bereiteten den al nach irem willen, und sutten ein theil und brieten ein theil. Pauli schimpf u. ernst 19 Österley; und sutten und brieten iunge hüner. 97; die andren aber bliben bey dem schiff, sutten und brieten. Wickram nachbaurn 38ᵃ.
β)
daneben mit eindringen des d aus dem präsens: do die salben suden. Tob. 41, 22 in der sog. 3. bibel, s. Kehrein a. a. o.;
eins thails sie inn eym kessel suden.
H. Sachs 1, 504ᵃ,
dafür in den fab. u. schw. 1, s. 349 neudr.: suͤeden (128, 99: lueden), ebenso:
thet zu dem al die vögtin laden,
den sie halb suͤeden und halb prietten.
2, 47 (214, 37).
γ)
in neuerer sprache (unter einflusz des part.) sotten, s. Immermann unter II, A, 4, a.
i)
der conj. bewahrt in der ältern sprache noch theilweise das ü (mhd. süte):
im kessel wol vier schäptzen (schöpse) südt (würden sieden)
und an dem spiesz ein ochssen briet.
B. Waldis Esop 3, 64, 17.
gewöhnlich ich sötte Schottel (södte Stieler), so mitteld. schon im 15. jahrh.: alle pfenner, die da saltz sötten. Spittendorff s. 28 (vgl. II, B, 8, g); wen man ein jhar zöge 30 wochen, unde itzliche woche sotte 36 werck. 141. in neuerer sprache durchweg sötte, vgl. Alexis unter II, B, 7, d.
k)
das nebeneinander verschiedener formen hat im gebrauche des prät. eine gewisse unsicherheit und zurückhaltung zur folge gehabt. schon Frisch bezeichnet sodt als selten. zum ersatze werden dann auch schwache formen gebildet, die in der litteratur seit der 2. hälfte des 18. jahrh. auftauchen, von den wörterbüchern nicht beachtet werden, aber auch der heutigen sprache nicht fremd sind. ein unterschied läszt sich weder in der verbreitung noch im umfange des gebrauches erkennen:
aber, da es (das wasser) siedete nun im schimmernden kessel.
Stolberg 12, 219 (Il. 18, 349);
mein kopf glühte, mein gehirne war betäubt, von wein und wollust siedete mein blut. Schiller 4, 79; s. ferner Gotthelf unter II, A, 1, e. 2, c. B, 9, c.dagegen ist das isolierte seütte (s. unter II, B, 7, d) jedenfalls auf einsonst nicht bezeugtescausativ *seuden zu beziehen.
l)
das part. lautet überall gesotten (in älterer schreibweise auch gesoten). das umschriebene prät. wird durchweg mit haben gebildet, auch in intransitiver function: das wasser etc. hat lang gnug gesotten, das fleisch hat zu lang gesotten. Kramer dict. 2, 806ᶜ f.
6)
in neuern mundarten nicht überall bezeugt: bair. siedn, sie'n, oberpf. sêin, unterl. soi'n, sui'n (prät. siedet und sutt, sud, part. gso'n) Schm. 2, 227, sia'n Hartmann - Abele volksschausp. 598; tirol. siedn, soidn, soi'n. Schöpf 673. Zingerle 51ᵃ, heanzisch suidn Frommann 6, 345, cimbr. siden (hat gasotet, gasot, aber gasottan vloas). cimbr. wb. 231ᵃ; in Handschuhsheim siire (part. ksore) Lenz 65ᵇ, henneb. sîd Spiess 234; nd. seden (perf. sodde, sodt, part. saden) selten brem. wb. 4, 728 f., seden (3. sing. et südd) Dähnert 419ᵃ; so noch ostfries. Stürenburg 242ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 167ᵇ f. (prät. sôd, part. soden, saden und södt, söth, sött). sonst im nd. meist aufgegeben. das fehlen ist ausdrücklich bezeugt für das altmärk. (dafür singn Danneil 192ᵇ) und das nordwestfäl. (kocken) Frommann 4, 31.
II.
bedeutung. im allgemeinen gleichbedeutend mit kochen, nur in manchen verbindungen nicht oder weniger üblich. Adelung definiert den unterschied: 'sieden druckt eigentlich den zischenden laut aus, der das aufwallen begleitet, es wird daher eigentlich nur in solchen fällen gebraucht, wo dieser statt findet. setzet man das feuer fort, so fängt der flüssige körper an zu kochen, d. i. einen dumpfigern laut von sich zu geben. fische, krebse, eyer u. s. f. kochen daher nicht, sondern sieden nur. indessen werden beyde wörter sehr häufig mit einander verwechselt. besonders pflegt man sowohl in dieser neutralen als der folgenden activen bedeutung in der anständigern und höhern schreibart lieber sieden als kochen zu gebrauchen, welches letztere in der sprache des gemeinen lebens am gangbarsten ist.' — dagegen tritt sieden im heutigen gebrauche mehr zurück und ist daher nur in den fällen sicher als heute üblich anzusehen, wo die belege dieses bestätigen.
A.
intransitiv.
1)
zunächst und ursprünglich von der durch aufsteigende gasblasen hervorgerufenen wallenden bewegung des wassers, wenn es im begriffe ist, aus dem flüssigen in den gasförmigen aggregatzustand überzugehen: bullire hd. sieden, syden, nd. zieden, se(e)den, wellen. Dief. gl. 84ᵇ; zeden, seyden. nov. gl. 62ᵃ; sieden, heisz werden, ferbere. anfahen sieden, ferbescere. auffhören sieden, deferbere. Dasypodius; sieden, süttig, heisz sein. infervescere, fervere, bullire, ebullire, infervescere, ferbere. Maaler 373ᶜ; sieden, bouillir Hulsius 298ᵃ; sieden, v. n. in ansehung des wallens und der blasen die von der hitze entstehen, bullire, oder bullare. sieden, n. in ansehung der hitze die in der flüszigen materie im sieden ist, fervere. Frisch 2, 275ᵃ.
a)
vom wasser: das wasser seudt, aqua fervet. Steinbach 2, 596; das wasser siedet. Göthe 15, 15;
das (feuer) pran mit flamen zunter-rot,
pis das wasser auf-strudlet, sot.
H. Sachs 22, 494, 14 Keller-Götze (fab. u. schw. 118, 38);
von wein: wenn der wein sieden wird, ubi vinum bullabit. Steinbach 2, 596; von milch: nachher nahm sie die siedende milch vom feuer. Grimm sagen nr. 87; von öl: die böse stiefmutter ward vor gericht gestellt, und in ein fasz gesteckt, das mit siedendem öl und giftigen schlangen angefüllt war. Grimm märchen 42; von bier (während der bereitung): wann nun das gehöpffte bier also siedet, und zum theil eingesotten ist. Hohberg 2, 82ᵃ; wann das bier, wie vermeldet, genug gesotten hat, hebt mans aus dem kessel. ebenda; allgemein: so etwas siedet oder auffwallet, dasz es nicht übersiede, stillet ers ... mit der küchen-kelle. Comenius sprachenth. 432.
b)
von geschmolzenen gegenständen:
vil gluender kolen was dâbî,
dâvon daʒ blî alvollen sôt.
pass. 191, 15 Köpke;
man gieszt nämlich in den drei höchsten namen siedendes blei in einen weitling mit wasser. Leoprechting aus d. Lechrain 206; im bilde: wenn der tropfe wein, den ihre sterbende zunge kostet, zum siedenden pech wird. Schiller Fiesko 3, 5.
c)
von gemengen, speisen u. ähnl.: do die salben suden, s. I, 5, h, β; thu es durch ein pfann, zerreib es gar wol die weil es seud. kuchenmeist. (1530) B 4ᵇ; ruͤr es gar wol bis es geseud, so muset es sich gar wol. ebenda; sechs oder sieben eiserne töpfe umstanden mit ihrem siedenden und brodelnden inhalte diese gluthen. Immermann Münchh. 3, 3. von hier liegt der übergang zu 4 nahe.
d)
eine art übertragung liegt dagegen vor, wenn sieden (siedendheisz sein) vom dampfe gesagt wird: der mensch ist ein coagulierter rauch: dann allein ausz den siedenden dämpffen desz leibes, und samischen gliedern wirdt ein coagulierung der materiæ spermaticæ. Paracelsus opp. (1616) 2, 18 A.
e)
zuweilen tritt bei sieden der begriff einer bewegung hervor, vgl. übersieden und: fast sieden, uberlauffen, efferbere, efferbescere. Dasypodius; sieden oder süden das es überlaufft, effervere. Maaler 373ᶜ; so man kalt wasser in einen syedenden hafen schütet, zuͦ hand gesitzet das wasser unnd seüdet nitt me über sich, unnd als vil me unnd dicker kalt wasser in den haffen gegossenn würt, als vil mynder mag er übersich wallen, unnd möcht des so vil werden und als dick geschehen, er würd niemer recht syeden. Keisersberg seelenpar. 112ᵇ. so im bilde: so redete es, bis der Trinette das gift im herzen siedete bis in den kopf hinauf und funken sprühte zum munde heraus. Gotthelf 6, 315 (Uli der pächter c. 17).
f)
als causativ dient (auszer sieden selbst, s. B) gewöhnlich sieden lassen: das wasser sieden lassen ò machen, lasciar ò far bollire l'acqua. lasts wol sieden, lasts ein wenig sieden. lasts zwey stunden sieden. Kramer dict. 2, 806ᵇ; nim das beste von der herd, und mach ein fewr drunder, marckstück zu kochen, und las es getrost sieden, und die marckstücke drinnen wol kochen. Hesek. 24, 3; mit etwas: (man) lässt es (das wasser) mit dem hopffen sieden, bisz es aufwallet. Hohberg 2, 82ᵇ; (er) lest apart waszer sieden mitt zucker undt zimet. Elisab. Charlotte 3, s. 374. auch sieden machen, devel infervefacio. Corvinus fons lat. 258ᵇ. dafür mit dem part.: (er) liʒ eine butene bereiten mit waʒʒere und liʒ daʒ sidende machen. d. mystiker 1, 249, 17.
2)
in abgeschwächtem sinne 'heisz sein' steht sieden zuweilen von blut, thränen u. ähnl.
a)
von blut, hier mit der doppelten bedeutung des heiszseins und des ungestümen wallens, fast immer als ausdruck seelischer erregung (vgl. 6): item wenn sie (die 'bösen feinde') wellen reitzen in dem menschen die zornlich krafft, so mügend sie ausz der verhengknisz gottes machen das das geblüt sich bewegt unnd südet umb das hertz. Keisersberg irrig schaf D 6ᵃ; gemach herzog. auch in meinen adern siedet das blut des Andreas vor dem Frankreich erzitterte. Schiller Fiesko 2, 13; hören sie auf graf. ihre galanterieen fallen nicht mehr in achtlose ohren, aber in ein siedendes blut. 4, 12; s. auch werke 4, 79 unter I, 5, k;
aber du bist ja so wild! so sprach der geist zu dem riesen,
dir siedet zu heisz in der ader das blut!
Klopstock 2, 124;
geh, spricht er, eh' mein blut beginnt zu sieden.
Wieland 22, 115 (Oberon 3, 33);
dort, wo, der sonne nah, die mittagsgegend raucht,
und der beglänzte sand nur gluth und flammen haucht,
verzehrt der stete strahl das siedende geblüte,
und wie die ader kocht, so brauset das gemüthe.
suppl. 1, 221 (nat. der dinge 4, 427);
noch siedet das blut mir im leibe.
Göthe 1, 215;
zerreisze diesen busen, und eröffne
den strömen, die hier sieden, einen weg!
9, 56 (Iphig. 3, 1);
so auch:
der kampflust heiszes blut in seinen adern sott.
Rückert (1882) 12, 209 (Rostem 82);
und meine pulse fühl' ich siedend pochen.
Freiligrath⁵ 2, 238.
b)
von thränen: so tropften siedende thränen durch sein herz. J. Paul Hesp. 4, 154.
c)
auch hier tritt zuweilen der begriff der bewegung (in die höhe dringen, wie die aufsteigenden gasblasen im kochenden wasser und dieses selbst) in den vordergrund: heisze, heisze thränen siedeten in Aennelis herzen und sprudelten in reichen strömen über ihre wangen. Gotthelf geld u. geist (1895) s. 60;
er läszt es (das thier) knien; — ein rascher schnitt —
ein blutstrahl siedet aus der kehle.
Freiligrath⁵ 1, 168.
d)
ähnlich in folgender stelle, infolge der hitze (in siedendem zustande) hervorquellen:
durch die rauchgluth
siedet balsam
aus dem harzbaum.
Göthe 40, 414.
3)
auch vom meere, von quellen, wasserstrudeln u. ähnl. wird sieden gesagt, wobei dann der begriff der hitze und des aggregatzustandwechsels aufgegeben ist und der einer aufwallenden bewegung bleibt; so schon mhd. mnd.: dat mer zedet unde ebbet. quelle bei Schiller - Lübben 6, 259ᵃ; er macht das das tieffe meer seudet wie ein töpffen. Hiob 41, 22; gischt unten im kessel, siedende strudel im kessel. Göthe 43, 152 (der Rheinfall bei Schaffhausen); der ganze flusz Maanelv wüthet neben uns herab, tief unten hinein in schwarzen, zackig umstarrten höllenschlund, wo er verborgen weiter siedet, donnert, dumpf hinbrüllt. Vischer auch einer 2, 151;
und es wallet und siedet und brauset und zischt,
wie wenn wasser mit feuer sich mengt.
Schiller 11, 221 (der taucher);
siedend zischt
die see.
Freiligrath⁵ 1, 105.
bei siedenden quellen, brunnen empfindet das naive sprachgefühl wol die bedeutung 1, obwol streng genommen nicht zutreffend; so besonders mhd.:
ich lân dir siedent brunnen reht al ûʒ ertrîche gân.
Frauenlob 405, 10;
sô tuont dir siedent brunnen ouch der helle abgründe erkant.
406, 9;
das die erste siedend qwelle gar
gelit und flüsset niemer mer.
Hans v. Bühel Dyocl. 3174.
4,
a)
da das sieden des wassers hauptsächlich zur speisebereitung dient, so wird sieden auch auf die nahrungsmittel angewandt, die in dem siedenden wasser gar werden:
der hane wart vil schiere tôt;
si beit kûme unz er gesôt.
pf. Amîs 970;
die magd in der küche .. läst die fische nicht sieden bisz sie überlauffen. Weise erzn. s. 36 neudruck; in den .. töpfen, kesseln oder pfannen sotten oder brieten sechs schinken, drei truthäne, fünf schweinsbraten, nebst der entsprechenden anzahl von hühnern. Immermann Münchh. 3, 4; die fische sieden schon. das fleisch hat noch nicht gesotten. Adelung. s. auch B. Waldis 3, 64, 17 unter I, 5, i.
b)
so ferner: den hopfen im bier sieden lassen, lasciar bollire i lupoli colla cervosa. Kramer dict. 2, 806ᵇ; im hopffenkochen, musz man wol zusehen, dasz er recht koche, durch zu viel sieden verliert er seine krafft, durch zu wenig sieden bleibt er rohe und ohngeschmack. Hohberg 2, 82ᵃ; diesen (den ersten maisch) musz man in dem kessel ohngefährlich eine viertel stund gar wol sieden lassen. 81ᵇ; wasser, da salbey etc. innen gesotten, acqua dove habbia bollito salvia. Kramer dict. 2, 807ᵃ.
c)
mhd. auch in weiterer verwendung, von menschen, die durch sieden (s. B, 5, d) gemartert werden: (er) liʒ eine butene bereiten mit waʒʒere .. und liʒ si dar în setzen unde liʒ grôʒ fûr dar under machin. und dar inne soit si einen ganzen tac und eine nacht. d. mystiker 1, 249, 18;
my were leiver, dat al gy joden
in einer heiten pannen soden!
Theoph. 449.
d)
daher auch:
dâ er in der helle sôde
iemer siudet ungehiure
in bech in swebel und in fiure.
Lamprecht v. Regensburg tohter v. Syon 2382;
als die heiden tâten,
die sieden unde brâten
muoʒen mit dem tievil.
Hugo v. Langenstein Martina 160ᵇ, 48;
woil her mit uns in die hell!
dar in saltu sieden und quell.
Alsf. passionssp. 6648.
e)
so freier:
in bluote unde in sweiʒe suten
die helde von der hitze starc.
Willehalm 50, 18;
dâ die kristen in sweiʒe suten.
Lohengr. 5121.
s. ferner 6.
5)
eine weitere verschiebung liegt vor, wenn sieden von dem gefäsze gesagt wird, in dem eine flüssigkeit kocht.
a)
in eigentlichem sinne: ghelijck eynen potte, de bi den vuer steit unde sut. Joh. Veghe 17, 16, vgl. Keisersberg unter 1, e; gleich wie ein siedend topff mit blasen scheumet und ubergehet: also scheümen sie (die gottlosen) und gehen auch uber mit vielem gewesche. Luther 19, 585, 28 Weim. ausgabe; ich sehe ein heis siedend töpffen von mitternacht her. Jerem. 1, 13 (vgl. Hiob 41, 22 unter 3); unterdessen aber musz der kessel mit wasser ein wenig über halb gefüllt, und siedend gemacht werden. Hohberg 2, 81ᵇ; er zündete bis in die siedenden kessel hinein. Bräker der arme mann im Tockenb. 13 Reclam;
der flecke, dâ der haven sôt.
troj. krieg 10721;
helfft mir nausz tragn den kessel wol,
den geusz ich denn der millich vol,
und lasz jn sieden kurtzer zeit.
H. Sachs 5, 369ᵃ;
schwimt im kessel lang zotn und fasen,
der ob dem fewer seudt und strudelt.
369ᵇ
(s. auch I, 5, d, γ. δ);
der topff siedt zwar,
das fleisch wird gahr.
Olearius pers. rosenth. 48ᵃ (3, 13);
in der küche
hört' er der knatternden flamme gesaus' und des siedenden kessels.
Voss 1, 79 (Luise 2, 21);
feuer, brenne! kessel siede!
Schiller Macb. 4, 3.
sprichwörtlich: zu einem siedenden hafen nähern sich keine mucken, (der teufel und das fleisch hat keine rechte macht an einem christ-eiferigen menschen). Kramer dict. 2, 806ᵃ.
b)
danach auch in freieren und bildlichen gebrauchsweisen: so fleucht auch das einsam leben die natur in allen dingen, die stets wie ein siedender haf seudt und uber laufft in alle creatur. S. Franck sprichw. 1, 124ᵇ; ein bauch südet von wein, spüwet bald usz. Keisersberg brösaml. 1, 101ᵃ;
ihre siedenden schläfen kalt wie eis.
Freiligrath⁵ 2, 132;
unter der schwelle
siedet die hölle!
Göthe 12, 239.
6)
sehr zahlreich sind, besonders im mhd., die bildlichen gebrauchsweisen, besonders von seelischen zuständen.
a)
an 4, c schlieszen sich wendungen wie:
ich sied in ungedult, ich schmachte vor verlangen.
Gryphius 1, 680;
auch Achilleus . . .
kämpft jetzt nicht! der siedet in glühendem zorn an den schiffen.
Bürger 219ᵇ (χόλον θυμαλγέα πέσσει).
b)
mhd. besonders daʒ herze siudet in einer empfindung:
swie gar sîn herze in leide süte.
Engelh. 3676;
wand im daʒ herze in leide sôt
mit ungemache.
pass. 352, 50 Köpke;
ir herze, daʒ in vreuden sôt
obe der minnenden glût.
652, 22;
ir herze in bittirkeite sôt.
Nic. v. Jeroschin 6301;
das hertz briet (lies bret?) ymmer dar und seud in zorn. Luther 12, 624, 7 Weim. ausgabe.dasz die eigentliche bedeutuug zuweilen dem sprachbewusztsein entschwunden ist, beweist folgende verbindung:
sîn herze nâch ir minne sôt
in jâmer unde in sender klage.
troj. krieg 20426.
vgl. auch:
daʒ fiur im in dem herzen sîn
tac unde naht wiel unde sôt.
15535, und B, 9, c.
mit derselben verschiebung noch nhd.: weil wihr noch jung sein, und das libes-feuer unter der linken brust in follem süden entfünden. Zesen adriat. Rosemund s. 7 neudruck.
c)
gleichbedeutende wendungen: mein eingeweide sieden. Hiob 30, 27;
der minne fuer ist sô starg,
daʒ mir sûdet mîn marg
und brinnet mîn gebeine.
Herbort v. Fritslar 764;
vor ihr siedet, im erschütterten gebein,
das innerste lebenernährende mark!
Stolberg 2, 83.
mhd. gern abstracter:
wan im der muot reht als ein blî
wiel unde sôt in sender clage.
troj. krieg 16711;
in valsche im sîn gemûte sôt
ûf die reinen cristen.
pass. 77, 38 Köpke.
d)
auch von den empfindungen selbst wird gesagt, dasz sie sieden, glühend, heisz sind: der zorn, der da siedet und überleufft. Butschky Pathmos s. 289; das kleine stück, die laune des verliebten, an dessen unschuldigem wesen man zugleich den drang einer siedenden leidenschaft gewahr wird. Göthe 25, 111; so machte ein deutsches heft groszes aufsehen ..., es sprach den siedenden hasz gegen die Franzosen aus. 31, 26; eine jugend mit solchen starken, siedenden gefühlen. Bielschowsky Göthe 1, 111;
allein du schürest gluth auf gluth, es kocht
das inn're mark, die schmerzliche begier
der rache siedet schäumend in der brust.
Göthe 9, 158 (Tasso 2, 3).
e)
mit unbestimmtem subject: nun war aber alles in der ersten wirkung und gegenwirkung, gährend und siedend. Göthe 26, 291;
wie's wieder siedet, wieder glüht!
12, 176.
7)
weitere übertragungen.
a)
von einem körperlichen brennenden schmerzgefühle: etliche tage lang fühlt' ich von dieser partie keinerlei ungemach; aber mit eins fingen meine füsz zu sieden an, als wenn man sie in einem kessel kochte. Bräker der arme mann im Tockenburg s. 30 Reclam.
b)
so auch vom sodbrennen (vgl. daselbst und B, 5, f): es seud und essigt mir im magen, egli mi bolle come aceto sullo stomaco, io sento certe fermentationi acetose che mi montano dello stomaco. v. sod. Kramer dict. 2, 806ᵇ;
der heisze magen sodt.
Opitz 2, 35.
c)
sprichwörtlich: es seud etwas im hafen, [es geht was heimliches vor,] qualche cosa bolle in pignatta. ebenda.
d)
vereinzeltes: der ganze holzschnitt siedet, gährt, wogt und geifert. J. Paul 40 (holzschn.), s. 106.
B.
transitiv, machen dasz etwas siedet (im sinne A), an stelle des ungebräuchlichen causativs (vgl. oben I, 5, k).
1)
coquere hd. kochen vel siden, kachen vel seden, se(i)din, nd. .. sieden, zeden. Dief. gl. 150ᵃ; sieden nov. gl. 113ᵇ; coquere, proprie, kochen, sieden. Corvinus fons lat. 171ᵃ; absolut:
sî sint freche helde dâ man niuwan sieden sol.
Neidhart v. Reuenthal 232, 9.
vom feuer: das fewer wermet, kocht und seudet. Luther tischr. 28ᵇ.
2)
als object steht zunächst die flüssigkeit, die bis zum siedepunkt erhitzt wird: wasser etc. sieden, bollire, cocere dell' acqua. Kramer dict. 2, 806ᵇ; gesotten wasser, acqua cotta ò decotta. 807ᵃ; den huf von den fördersten kühfüssen, mit wein oder gesottenem wasser, .. einnemmen. Sebiz feldb. 90; milch: (sie) hiesz die magd, die milch von der gemelkten kuh .. alsbald sieden. Grimm sagen nr. 87; darauf liesz der bauer die kühe melken, sott die milch in einem neugebrannten topf. Leoprechting aus d. Lechrain s. 48. wein: gesotten win carcuum, s. Dief.-Wülcker 854; gesotten wein, wein bisz auff den dritten theil eingesotten, sapa, vinum è musto ad tertias decocto factum, fervefactum vinum. gesotten wein machen. Henisch 1565, 25. 28; seud wein und honig ynn einem pfenlein. kuchenmeist. (Zürich 1530) B 3ᵃ; mit etwas: wenn man wein mit seinem (des galgans) pulver seudet. Megenberg 368, 31. von andern flüssigkeiten: der kwecksilber .. gar wol seudet mit paumöl. 305, 22; wer des krauts saf seudet. 405, 20. vgl.: kräuter, säfte etc. sieden, cocere, decocere herbe medicinali, sughi, siropi etc. farne decotti. Kramer dict. 2, 806ᶜ. bergmännisch soole, lauge sieden, abdampfen. Scheuchenstuel 225, vgl. 6.
3)
sehr viel häufiger steht als object zu sieden ein fester gegenstand, dem man dadurch, dasz man ihn in wasser legt und dieses kocht, eine gewünschte beschaffenheit geben will, vgl. A, 4. so besonders bei der speisebereitung (vgl. auch 8, a); etwas gar machen: sieden, weich machen, lixare, elixare. Dasypodius; sieden, kochen, lixare, elixare. Maaler 373ᶜ; sieden, act. für kochen, oder in ansehen dessen was durch das sieden zugerichtet wird, aqua mollire, lixare, elixare, als einen fisch sieden, eyer sieden. Frisch 2, 275ᵃ.
a)
so zunächst fleisch: in lebete (cheʒʒile) uuerdent carnes (fleîsc) kesoten. Notker ps. 107, 10; gesotten fleisch, fisch, carnes aut pisces lixi. Henisch 1565, 22; fleisch sieden, cocere carni alesso. Kramer dict. 2, 806ᵇ;
am herde, dessen flammen fröhlich blühten,
war frisches fleisch den gästen stets gesotten.
Rückert (1882) 11, 304 (11. mak.).
mit näherer angabe:
gesoteneʒ rintfleisce.
Diemer ged. 43, 27;
daʒ selbe swîn si tôt slûc
und sneit dâvon, daʒ si sôt.
pass. 171, 65 Köpke.
ein ganzes thier als object gesetzt:
so südet ein frowe für sich eine henne.
Dangkrotzheim namenb. 234;
er scholt vier ochsen han gesoten
und darzu zehen seu geproten.
fastn. sp. 787, 12;
hat er sein weidviech abgestochen,
lest das sieden, braten und kochen.
H. Sachs 4, 3, 111ᵇ;
einzelne stücke:
ein knabe, der het in sîner phlege
gesoten schultern unde brôt.
Erec 3492;
wiszt ihr ungeratenen ratsherren, dasz wir den schönen schinken vergangene woche schon für euch gesotten haben? Keller 8, 153. so auch:
eins thails (der hunde) sie inn eym kessel suden.
H. Sachs 1, 504ᵃ (schwank 'die hasen fangen und braten den jeger');
der (sanct Peter) leret meinen man im haus,
das er mir schnit mein doczen aus
und sod sie in aim kessel eben.
fabeln u. schw. nr. 118, 19.
b)
besonders werden gern fische gesotten. die verbindung ist so gewöhnlich, dasz Clajus sie ausschlieszlich angibt: ich siede, quod de aqua ferventi, et de coctione piscium dicitur. 97, 8 neudr.; ferner: fische etc. sieden, alessare pesci. Kramer dict. 2, 806ᵇ; einen fisch sieden, piscem coquere. Steinbach 2, 596; ein priester ... het gar guͦte fisch kaufft, die gab er seinem schuͦler, er solt die usznemen, und die wol und recht sieden. Pauli schimpf u. ernst s. 57 Österley; der spätere kolossale napf, in welchem der grosze fisch ganz gesotten werden sollte. Göthe 53, 71;
aszen erst den stör sie, nahma,
und den hecht, den maskenozha,
(fing und sott sie die Nokomis).
Freiligrath⁵ 6, 89 (Hiaw. 11).
s. auch H. Sachs unter I, 5, d, γ. — krebse sieden, alessare gambari. Kramer dict. 2, 806ᶜ; ein gesottener hummer. Göthe briefe 5, 139;
der krebs ist grün, schwarcz; doch im dot,
gesoten, so wirt er pluͦetrot.
H. Sachs fabeln und schw. 1, 389 neudruck (144, 222).
c)
sehr gewöhnlich ist auch eyer sieden, cocere, far bollir uova. Kramer dict. 2, 806ᵇ, s. auch Gilhus. 94: ein fremder fürst ... liesz sich in einem gemeinen wirthshaus ... drei gesottene eier geben. Hebel 2, 109; gesottene eier, roth gefärbt. Leoprechting aus d. Lechrain 174; vgl. auch H. Sachs unter I, 5, f, δ, sowie unten 7, a. als zeitbestimmung:
man siedet kaum ein ey,
so sind wir wieder gut, da küsz' ich sie aufs neu.
Günther 385.
d)
früchte, vegetabilien u. ähnl.: kohl, kraut etc. sieden, cocer cauoli etc. Kramer dict. 2, 806ᵇ; gesottene kästen, castagne bollite, ò succiole. 807ᵃ. dar umb wâren auch die früht schad, man süt si dann wol. Megenberg 111, 16; die (kürbis-)sâmen ... sint guot zuo erznei, wenn man sî geseudet, niht rôch. 393, 11; sô man korn oder habern dâ mit (mit bilsenkrautsamen) seudet, waʒ vogele daʒ korn eʒʒent, die beginnent sô vast slâfen. 405, 1; es soll auch ein jeder ambtman die holden fordern .. zu schnid, zu dem mad, .. zu kraut sezen und sieden und andrer robat. steir. taid. 312, 19 (vgl. das glossar); weil sie allerseits der kochkunst nicht kundig waren, wuszten sie nichts als kartoffeln zu sieden. Musäus volksm. 3, 5 Hempel;
dô saʒ daʒ kint Jacob,
sîne linse er sôt.
Diemer ged. 22, 9;
daʒ swert sneit des drachen hout
rehte als ein gesotenʒ krout.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 10191;
vil dicke man zû velde las
von den boumen die blate.
daʒ selbe man zû spîse hate,
wand man eʒ den brûderen sôt.
pass. 400, 93 Köpke.
vgl. auch: denn was sind beume anders denn holtz, du seutst oder bretst sie, so ists holtz, noch sollen so süsse und liebliche früchte darausz wachsen. Luther tischr. 32ᵇ. allgemein: iʒ brot und salcz. dir sal nicht not sin eteswas zu sidene. veterb. 1, 3 Palm.
e)
man sagt gewöhnlich in wasser, in essig, in wein etc. sieden, bollire, cocere in acqua, in aceto, in vino. in öl sieden. Kramer dict. 2, 806ᶜ; man nimt die probsen oder diu knögerlein, diu ze laub sölten sein worden, und seudet die in ungesalzenr putern. Megenberg 340, 1; nim bersig die klein seindt, seud sie yn wein und essig. kuchenmeist. (1530) A 7ᵇ. in älterer sprache auch mit etwas sieden (umgekehrt als unter 2): sô man daʒ chorn siudet mit milche. arzneib. 31 Diemer s. mhd. wb. 2, 2, 361ᵃ; wer si (kappernrinde) seudet mit wein, sô ist si guot für des milzes laster. Megenberg 366, 2; jr solts nicht roh essen, noch mit wasser gesotten, sondern am fewr gebraten. 2 Mose 12, 9. in dichterischer sprache dafür auch in zusammensetzung:
hierauf reicht' uns dieser die weingesottne forelle.
Voss 2. 222 (id. 13, 126).
f)
die bedeutungen 2 und 3 vermischen sich oft in der wendung mit, durch einander sieden: daʒ seudet man mitenander, unz eʒ zemâl grüen wirt. Megenberg 340, 3; nimb alt schmeer unnd honig, eines so vil als desz andern, wol gestossen schwefel, vitriol unnd lorbeer .., seuds durch einander. Seuter roszarzn. 342. s. ferner I, 5, e.
4)
sehr verbreitet ist die zusammenstellung sieden und braten, vgl. das letztere, theil 2, 310.
a)
sie werden unterschieden so, dasz sieden bedeutet 'in wasser gar machen', braten dagegen in fett, vgl. 2 Mose 12, 9 unter 3, e, Pauli I, 5, h, α: halb gesotten und halb gebraten, mezo-cotto (alesso) e mez' arrosto (brucciato). Kramer dict. 2, 807ᵃ; um jedes haus steht ein zaun, der ist von bratwürsten geflochten und von bayerischen würsteln, die sind teils auf dem rost gebraten, teils frisch gesotten. Bechstein märchenb. 105. dafür auch:
hab etwan auf ein seidlein kressen,
die wil ich halb sieden und halb pachen.
H. Sachs fastn. sp. 5, 86, 71 neudruck.
b)
in einfacher nebeneinanderstellung, absolut: über eine weil erhebt sich ein gepolter in der kuchen vor der stubenthür, macht feuer auf, siedet und bratet. ungar. Simpl. 13;
sie siedent unde brâtent.
Hugo v. Langenstein Martina 127ᵇ, 37;
des ist dein kuchen noch gar unberaten.
ner du dich mit gedenken,
so will ich mir sieden und braten.
minnefalkner 104;
er hat la (lassen) sieden und proten
so gar kerklich und peschnoten,
das ich nit fülln moht meinn kragen.
fastn. sp. 787, 18;
Alcest. die köchin ist gewandt — wirth. im sieden und im braten.
Göthe 7, 87 (mitschuld. 3. 3).
sieden und braten, alessare e rostire, met. vivere alla carlona; far tempone, sguazzare, v. schlemmen. man seud und brät, si vive alla carlona, all' epicurea. Kramer dict 2, 806ᶜ; henneb. sîd o brôet 'eine reichliche mahlzeit zurichten, viel mehr als gewöhnlich, üppig und verschwenderisch kochen, wie es bei hochzeiten und anderen festlichen gelegenheiten zu geschehen pflegt'. Spiesz 234. sprichwörtlich: die viel sieden und braten, kommen um äcker, wiesen und matten. Wander 4, 556.
c)
mit object: deme soit und breit man honre ind dede eme goitlichen. d. städtechron. 14, 768, 31; item 21 gr. vor grune fleys in die omnium sanctorum zcu syden und braten. rechn. des jungfr.-closters in Arnstadt v. 1479; die fraw hat den al gesotten und gebraten. Pauli schimpf u. ernst s. 19 Österley, vgl. I, 5, h, α;
da woltens schlemen nach der paüs, ...
hiessen den al sieden und praten.
H. Sachs fab. u. schw. 1, 557 (nr. 191, 94).
d)
so in erweiterter gruppe: da sollte eine grosze bauernhochzeit sein, zu derselbigen war alt und jung geladen, und wurde gekocht und gebacken, gesotten und gebraten. Bechstein märchenb. 73;
habt jr das mastvieh abgestochen
zu braten, sieden und zu kochen?
H. Sachs 4, 1, 16ᵃ.
e)
sehr häufig im part.: es bringen ja die gekochten, gesotten und gebraten speisz, denen die kranck seyen, .. kainen lust, noch freüde. Frölich Stob. 480; auf mittag wird nun das hauptmahl gehalten: plunzen, kuttelfleck, gesottenes und gebratenes fleisch. Leoprechting aus d. Lechrain 208;
sô was daʒ eʒʒen gesoten iouch gebrâten.
Graff Diut. 3, 65;
im bilde:
gesoten lüge, gebrâten lüge.
Reinmar v. Zweter 169.
f)
so sehr oft substantivisch: gesottenes und gebratenes essen, mangiar alesso e arrosto. Kramer dict. 2, 807ᵃ; fand ich einen ganzen hauffen leute bey einander sitzen, die hatten gesottenes und gebratenes. Hans Clawert's hist.; der Araber und Galenisten zanck, ob gebratens oder gesottens feuchter und trockener sey. Garg. 53ᵇ; ohne endung:
gesoten und gebrâten
truok man dar ein michel teil.
gesamtabent. 2, 133, 226;
wern wir zu Seidenberg blieben,
so äszen wir gesotten und gebraten.
wunderhorn 1, 310 Boxberger.
nd. saen un braen, daar was saen un braen, 'die tafel war daselbst mit allen arten von speisen reichlich besetzt'. brem. wb. 4, 729:
weer ick soen eddel deert, mit saden und gebraden
würd ick den fetten bueck und dicke pantze laden.
Lauremberg schertzged. 1, 63.
g)
sieden und braten steht häufig als sprichwörtliche redensart: den mögt ihr sieden oder braten! Simrock sprichw. 9523; wer daheim einen groszen prozesz verloren hatte, an dem nichts mehr zu sieden und zu braten war, konnte ihn in Wetzlar noch einmal anbrühen lassen. Hebel 3, 118; der hat sein sach', jetzt kann er's sieden oder braten. Auerbach dorfgesch. 1, 101;
und dieses würstlein brat' er oder sied' er.
Hebel 1, 292 (rätsel 69).
h)
besonders in der wendung er taugt weder zum sieden noch zum braten, egli non vale nè per alessare nè per rostire .. cioè a nulla, non è da nulla. Kramer dict. 2, 806ᶜ; Aeginenses neque tertii, neque quarti, prov. sie sind weder zu sieden noch zu braten. Dentzler 1, 16ᵃ, vgl. Eiselein 568. Wander 4, 557; es sind die faulen gelerten die niemants nütz sind, sind weder zuͦ sieden noch zuͦ braten. Keisersberg dreyeckicht spiegel A a 3ᵃ; solche tadler verwelken zuletzt, bringen keine gute früchte und verdorren, das ist, sie dienen weder zu sieden noch zu braten. Mathesius Syrach 1, 28ᵇ; wenn in mancher grossen stadt ein handwercksmann eine tochter hat, die weder zu sieden oder zu braten taug, und allen lastern ergeben ist. Schuppius 8; und du sitzest da, und dienest ja weder zu sieden oder zu braten: was nützest du auff der welt? 174; diese wort füllen den magen nicht, und tügen weder zu sieden noch zu braten. A. Gryphius 1, 766 (Horrib. 1); dasz sie so gar zu nichts tauget, und weder zum sieden noch zum braten tauglich befunden wird. Abraham a S. Clara närrinnen 70. so jetzt noch nd. he is so düster, den kann man nich sieden orer braden, s. nd. korrespondenzbl. 14, 22, 163.
i)
so auch:
der eiffert gar hart uber mich, ...
will mein wedr gebrattn noch gsotten.
Ayrer 2656, 12 Keller.
umgekehrt:
ich han gesehen in der ernten. ...
das mein stadel vol schniter lag,
der sie des nachts aller pflag, ...
sie was mein knechten gesoten und gepraten.
fastn. sp. 69. 23;
die beiden ritten auf jagden miteinander, sie fuhren in das städtchen, um da zu übernachten, kurz, der junge Daniel Kärner war in der adelsfamilie 'gesotten und gebraten', wie man im städtchen zu sagen pflegte. gartenlaube 1871, s. 442ᵃ. vgl. gesotten 3, theil 4, 1, 4128.
5)
sieden in bezug auf menschen.
a)
eigentlich, für 'verbrennen': Empedocles aber kam an, halb gebraten, unnd mit dem gantz gesottenem leibe. Rollenhagen ind. reisen (1603) 126.
b)
als kannibalismus:
daʒ kint si irstach,
si sôt eʒ unde briet.
kaiserchron. 935 Schröder;
Grâlanden sluoc man unde sôt
und gab in der vrouwen zeʒʒen,
want si sîn niht wolde vergeʒʒen.
weinschwelg 334 (vgl. die anmerk. von Lucae und Heinr. v. d. Türlin crone 11564).
vgl. ferner c. zu viehfutter:
sein untrew er gemercket hat
und jn mit seinem schwerd erstach,
zerhawt jn zu stücken hernach
und sud die stück zu abenthewer
in einem hafen bey dem fewer,
darnach schüt er es für die sew,
die frassen jn on alle schew.
H. Sachs 2, 3, 152ᵇ.
c)
doch wurden im mittelalter auch sonst leichen gesotten, besonders von vornehmen herren, die in der fremde gestorben waren, d. h. sie wurden in wasser und wein gekocht, bis sich die fleischtheile lösten, dann wurden diese begraben, das skelett aber in die heimat übergeführt, s. A. Schultz höf. leben² 2, 308. 468: dar wart do de here ghesoden unde dat wart ghevoret to Narbona myt der koldunen unde wart dar ghegraven in den dom. quelle bei Schiller-Lübben 4, 164ᵃ;
der keiser hîʒ im gewinnen
sîne haim gesinden
hirzîne hûte,
dâ man in sute
die hêren lîchenamen.
Rolandsl. 260, 13;
swaʒ dâ herren lac tôt
die schuof der keiser daʒ man sôt.
Stricker Karl 10490;
nû sôt man in dâ
und fuorte die lîche her.
Ottokar kaiserchr. 38275.
vgl. auch:
dem mer al unrein ist verpoten:
vür daʒ wart das âs abe dem gebeine gesoten.
Lohengrin 6062.
bei H. Sachs 5, 389ᵈ ff. (citiert unter I, 5, d, γ) wird eine in wein gesottene und in einem fasse verpackte leiche aus versehen gegessen (schwank 'der jung kauffmann frasz ein todten juden').
d)
einen sieden als todesstrafe, besonders für falschmünzer: jemand in öl sieden, cocer' un malfattore in oglio. Kramer dict. 2, 806ᶜ;
ob man si schunde oder süte.
Lanz. 7340;
her buschof here, doit si seiden
of erdrenct si und sent si over se.
Hagen boich van Colne 1237.
so besonders im nd. belegt: in öl seden. Dähnert 419ᵃ; enen valscker schall men seden. brem. wb. 4, 729; einen velschere sal men seden umme valsche penninghe. quelle bei Schiller-Lübben 4, 164ᵇ; so auch mit andern todesarten zusammengestellt:
wildi mi sieden ofte braden
ofte hanghen ofte blenden.
Reinaert 1836;
darum wold me one villen,
beyde seden unde braden,
vor der korten brugghe baden.
d. städtechr. 16, 152 (Braunschw. schichtsp. 1544).
e)
die armen seelen in der hölle, vgl. A, 4, d:
mir willen widder in die helle,
die armen sele siden und quellen.
Alsfeld. passionssp. 459.
f)
in freierer verwendung vom sodbrennen (vgl. daselbst und oben A, 7, b): er esse sie selber nicht anders denn, wenn sie zu fett wären, so siede ihn der sood. Schweinichen 2, 358.
g)
bildliche redeweisen: unsere knechte sind dir kerle, die im feuer gesotten wurden. was hat so ein bauernsohn, dem sie sein haus in asche gelegt, und auf seinem acker wachsen nesseln? Alexis hosen¹² s. 267 (hier wortspielend mit 6, e). in bezug auf einzelne körpertheile (vgl. A, 2, a. b): es hat mir das mark im leibe gesotten, was du sprachst. 272;
des herze was gesoten
in leitlîchem viure.
Ulrich v. Türheim Willehalm 136ᵃ bei Lexer handwb. 2, 911.
6)
sehr mannigfach sind die verwendungen von sieden in gewerblicher sprache.
a)
korn, hopfen sieden zur bierbereitung (vgl. 8, e): Numantini waren van hungere crank, se namen korn unde soden dat, dar wart allererst bier gemaket. d. chron. 2, 84, 25; wenn man den hopffen seud. büchl. v. bereytung der wein und bier E 8ᵃ; darinn (in dem kessel) wird ... der hopffen gesotten. Hohberg 2, 81ᵇ.
b)
habersieden als gesellschaftsspiel s. theil 4, 2, 87 (Bräker s. 48 Reclam).
c)
garn blaichen, sieden, wäschen, linum in filo polire. Henisch 404, 7; endlich nahm sie einen kessel, setzte ihn zum feuer und sott garn darin. Grimm märchen s. 57. vgl. 7, b, γ. — ähnliches: waʒ man auch riemen seudet in derlai saf, die sint guot für genorream. Megenberg 312, 14;
wen ir wert euren pelczen nehen,
so wert ir euren jamer sehen,
sie sint gesotn wie kutel fleck.
H. Sachs fastn. sp. 6, 132, 321 neudruck.
mhd. leder sieden (gerben?):
gesoten leder was gezogen
dar über zeinem tache rîch.
troj. krieg 30030.
d)
bergmännisch erz sieden:
wir haben gesoten und gebrâten:
swie wir dem erze tâten
(wir leitenʒ an vil manege nôt),
dô gab iʒ niht wan siben lôt.
feldbauer 223 (Germ. 1, 349ᵃ).
e)
häufiger silber sieden, weisz sieden (s. 7, b, δ), in verdünnten säuren kochen, um es zu reinigen und weisz zu machen. Jacobsson 4, 157ᵇ. Scheuchenstuel 225. — ähnlich schon ahd. gesoten golt, obrizum Graff 6, 165 (also geläutertes, mhd. durchsoten golt himml. Jerus. 126, s. Diemer ged. 364, 7 f.). gesotten kupfer. dorfpred. 132 (hierher?).
f)
anderes: mit einem gelblichen anfluge, etwa von der farbe des penthelischen marmors, oder eines in wachs gesottnen meerschaumpfeifenkopfes, der seinen raucher noch nicht gefunden hat. Immermann Münchh. 1, 112 (1. cap. 10). —
7)
sieden mit angabe der wirkung,
a)
durch ein adjectiv, (speisen) gar sieden, cocere fino che basti ò che sia cotto abbastanza. Kramer dict. 2, 806ᶜ (vgl. III, 3, a). fleisch weich sieden. danach bildlich:
uns siedst du nicht in thränen weich.
Ludwig 3, 387.
die eyer weich sieden, cocer' uova da bere. die eyer hart sieden, cocer' uova dure. Kramer dict. 2, 806ᵇ, da in der hitze das eiweisz gerinnt; hartgesottene eier (das gegentheil weichgesottene, wobei man es nicht zum vollständigen gerinnen kommen läszt). bildlich: du bist ein hartgesottener sünder. Schiller Fiesko 1, 9, s. auch theil 4, 2, 512.
b)
besonders mit farbenbezeichnungen.
α)
fische werden blau gesotten:
einst sasz sie mit dem mann bey tische;
sie aszen unter andern fische,
mich deucht, es war ein grüner hecht.
mein engel, sprach der mann, mein engel, ist mir recht:
so ist der fisch nicht gar zu blau gesotten.
Gellert 1, 55.
β)
krebse dagegen werden beim sieden rot, übertragen: Fraischdörfer sott sich gleichfalls roth zu einem warmen krebs (ärgerte sich, sodasz er rot wurde). J. Paul Qu. Fixlein 23.
γ)
garn wird weisz gesotten (während es vor dem auskochen grau ist): es ist ein bekannter aberglaube, dasz das garn am weiszesten gesotten werde, wenn man dabei recht lügt. J. Paul Hesp. 1, 88. vgl. 6, c.
δ)
auch metalle werden weisz gesotten, s. 6, e: silber etc. weis sieden, bianchire l'argento cocendolo con sale e tartaro etc. Kramer dict. 2, 806ᶜ; das weiszsieden hat auch bei so groszen werken seine schwierigkeit. Göthe 35, 327.
ε)
daher bildlich sich weis sieden, bianchirsi in questo modo. met. giustificarsi, scusarsi con belle e speciosi ragioni. Kramer a. a. o.
ζ)
anderes:
das ganze hat der färber schwarz gesotten!
Hebel 1, 276 (rätsel 7; 'zopfband').
c)
durch präpositionale ausdrücke, so eigentlich daʒ âs abe dem gebeine sieden (Lohengr. 6062), s. 5, c; gesotten auff die helffte, decoctus ad dimidias. Henisch 1565, 19;
darnach schnit man mir ab paid oren
die seint zw leim gesoten woren.
H. Sachs fab. u. schw. 1, 211 (67, 158 'die arme klagende rosshaut').
schmaltz, fett aus etwas sieden, cavare il grasso da qualche cosa à forza di bollire e cocere. Kramer dict. 2, 806ᶜ; die krafft aus etwas sieden, tirare, cavare la sostanza da qualche cosa per la cocitura. ebenda. bildlich:
daʒ in ouch herte sûche twanc, ...
daʒ si die macht ûʒ im sôt.
pass. 193, 73 Köpke.
d)
ebenso durch präpositionaladverbien, vgl. aussieden (theil 1, 972 f.), einsieden (3, 296), heraussieden (4, 2, 1045): auff gelegne zeyt machte er eyn grosz fewer, und henget eynen kessel mit wasser darüber, und schutte die kese darein, unnd seütte die putter und das feyste harausz. Agricola sprichwörter nr. 290. — flecke aus zeug sieden, indem man es durch auskochen von jenen reinigt. so bildlich: abgeschäumt, ich würfe euch in einen neuen see. da sötte ich aus eure fleischessünden. Alexis hosen¹² 15.
8)
die letzteren fälle führen zu den gebrauchweisen, wo das einfache object zu sieden das bezeichnet, was durch das sieden hergestellt oder gewonnen wird.
a)
essen sieden (die fälle lieszen sich zum theil auch unter 3 stellen), so ahd. kasotaniu muas, cocta pulmentaria Graff 6, 165; der mage ist rehte geschaffen als ein haven bî dem fiure, dâ man daʒ eʒʒen inne siudet. Berth. v. Regensburg 1, 432, 6; wie man allerley kraut essen, die gewönlich zu essen seind, sieden sol. kuchenmeisterei (1530) A 2ᵃ;
dar nâch hieʒ er in geben spîse:
diu waʒ gesoten in der wîse
daʒ eʒ in übele zam:
rôheʒ man eʒ von den heven nam.
zeitschr. für d. alterthum 5, 271, 112.
b)
so im einzelnen: ahd. kisotan prôt, unkipahen, dunni, mit oleo kisalbôt, lagana. gisotin brôt, lagana Graff 6, 165. (später nicht mehr gebräuchlich.) ähnlich gesottene bretzel, bozzolaio di pasta cotta. Kramer dict. 2, 807ᵃ. — ferner: eine liebliche gallerey (gallerte) von kalbs und schweinenfüszen gesotten. Garzoni 749ᵇ (wofür man auch, nach 7, c sagen könnte: kalbsfüsze zu galrei gesotten);
hier wird aus dünner milch der zweyte raub ('recocta oder zieger' nach der anm.) gesotten.
Haller ged.¹⁰ 32, l (alpen v. 247, ältere lesart).
c)
so ferner gesotten, gekocht artzney, decoctum, apozema. Henisch 1565, 20; mit gesottenen tränken, saften. Ryff spiegel der gesundheit (1574) 235ᵃ.
d)
wenig üblich ist kaffee sieden u. ähnl. statt kochen. (schon Adelung bezeichnet kaffee kochen als häufiger.) kann man hier zweifeln, ob die verbindung unter b oder hier einzuordnen wäre, je nachdem man unter kaffee die bohnen oder das fertige getränk versteht, so ist nur das letztere möglich in wendungen wie: um ganz die erinnerung an die alte zeit wachzurufen, hatte sie von Murray die erlaubnisz erbeten, einen so starken kaffee zu sieden, wie ihn Hackert liebte. Gutzkow ritter vom geist 9, 355.
e)
hierher gehören ferner eine anzahl gewerblicher ausdrücke, so bier sieden, cocere, brassare della birra, v. brauen. Kramer dict. 2, 806ᵇ (vgl. 6, a): unser künig Mers .. lernet von im .. pier ausz gersten sieden. Aventin chron. 1, 121, 33; (man soll) das gehöpffte winter-bier also wol resch sieden 4 stund, .. weil es besser ist, dasz ein bier resch und frisch gesotten wird, siedet man es aber langsam, so wird das bier auch letticht und schwer, im resch sieden siedet sich weniger würtz und hopffen ein. Hohberg 2, 82ᵃ; wann nun das bier eine viertel stund also wolgesotten und gewallet, so ist es genug gesotten. 82ᵇ; (schicke) mein achten sohn in Braunschweig, nach Lübeck, Rostock, damit er gut bier lerne sieden. Schuppius 737. so schon mnd. convent (kofent) seden, s. Schiller-Lübben 4, 164ᵃ. — ferner meht sieden, cocere molso Kramer dict. 2, 806ᵇ; gesotten gerstenwasser trincken, bere acqua cotta ò la tisana. 807ᵃ.
f)
seiffen sieden, cocere, far sapone. Kramer a. a. o. Frisch 2, 275ᵃ, vgl. seifensieder sp. 194. thran sieden Adelung.
g)
salz sieden, das salzhaltige wasser kochen, damit das salz durch krystallisation ausscheidet: gesotten saltz, sal excoctus. Henisch 1565, 24; sie sieden saltz, sal coquunt Steinbach 2, 596; dar men dat solt plecht to seidende. d. städtechron. 7, 192, 11; das wir ungleich saltz sötten. Spittendorff 147; und es sal yn keinem kothe die woche uber virzcig werg gesoten werden. 132; Sachsen hat auch vil saurer und gsaltzner brunnen, darausz man saltz seüdet. Franck weltb. 59ᵇ. absolut: sollichs den, die sieden, eyn grosszer zugang, und den, die uff yre uszlouffte yrer pfannen sitzen, eyn groszer abetrag .. und eynne vernichtigunge des solguts ist. Spittendorff 103; so sollen auch alle wochen, wann man seut, .. von den bornmeistern einer .. in alle kothe gehen und das saltz .. besehen. 132. s. ferner III, 1, b.
h)
eine specielle erweiterung dieser bedeutung ist es, wenn im bergbau (salz) sieden auch für ätzen (durch wasser aus thonschichten auflösen, auslaugen) gesagt wird, s. Veith 449: eine verwässerungsmethode, welche es dem salzbergmanne möglich macht, seine werke senkrecht in die höhe zu sieden. quelle s. ebenda.
i)
sonst im hüttenwesen: salpeter sieden, cocere, raffinare salnitro. Kramer dict. 2, 806ᵇ:
als Deutschlands zärtlichkeit noch keinen puder rieb,
noch nicht salpeter sod und keinen schwefel kochte.
Günther 1063;
es sey der schaum, der sich bei'm alaunsieden obenauf werfe. Göthe 25, 324.
9)
hieran schlieszen sich noch einige besonderheiten.
a)
mittelbarer ist die rection in der wendung: hagel sieden, d. h. durch kochen von zauberkräutern hagel zu wege bringen, vgl. hagel (theil 4, 2, sp. 142) und hagelsieder (148): wann die hexen hagel sieden. Garg. 244ᵇ.
b)
eine eigenthümliche verschiebung ist es, wenn das, durch dessen kochen etwas bereitet wird, als subject zu sieden tritt: ich glaube .., dasz zehn maas bier ein guter trunk, und zwölf pfund fleisch eine gute suppe siedet (beim sieden ergibt). Leoprechting aus dem Lechrain 163; noch freier in dem sprichwort das schönste geld siedt noch keine suppen. 295.
c)
eine freiere fügung, die sich auch als eine weiterbildung zu A fassen liesze (vgl. A, 6, b), zeigt ferner folgende verbindung: mein herz siedete mir ströme heiszer thränen, die nur in einzelnen tropfen den verfallenen weg zu meinem auge fanden. Gotthelf 1, 233 Vetter. ganz ähnlich schon mhd.:
wand ir herze enbinnen sôt,
daʒ zû den ougen ûʒvlôʒ.
pass. 255, 94 Köpke.
III.
besonderheiten der nominalformen.
1)
der substantivierte inf. das sieden begegnet in beiden bedeutungsclassen.
a)
intransitiv das sieden, ebullitio. das strodlen oder auffwallen. Maaler 373ᶜ; das sieden, dasz es wallt, bullitus. Frisch 2, 275ᵃ; der Schwab .. bereitete das gehänge zum essen. und im sieden da schwamm das leberlein stets empor. Bechstein märchenb. 9. mit subjectsgenitiv, freier (zu II, A, 2, a): Flamins seele arbeitete sich den ganzen tag in bildern der rache ab. in einem solchen sieden des bluts wurden ihm moralische leberflecken zu beinschwarz. J. Paul Hesp. 4, 94.
b)
transitiv das sieden, zubereiten durch kochen, elixatura, coctura Frisch 2, 275ᵃ. hier bezeichnet ein beigesetzter genitiv gewöhnlich das object: ein eingemauerter irdener hafen, der zum wärmen und sieden des benöthigten wassers dient. Leoprechting aus d. Lechrain 220. — technisch das sieden (im salzwesen, vgl. II, B, 8, g) 'zeit, solange auf einmal fortgesotten wird, sud, abgesonderte einrichtung zum salzsieden, salzpfannhaus'. Schm. 2, 227: von einem sieden, das 14 tage fortdauert, werden 15 bis 17 hundert fässer zu 5 zentnern gestoszen. quelle s. ebenda; das Carl - Theodors - sieden, das landsieden name von sudpfannen in Reichenhall, das Maximilian-, Wilhelmi-, Ferdinandi-, Alberti-sieden zu Traunstein; das sieden, genannt der Hochburger sammt wäldern, salzbrunnantheil und pfannhaus, mehr 4 sieden, genannt Taching, Zyfer, zum Schnauder und im Loch; die drey sieden: Schreiberin, Nutzenlacker und Gäkind, s. ebenda.
2)
part. präs.
a)
es lautet in älterer form noch zuweilen siedende, vast heisz, fervens Maaler 373ᶜ; gewöhnlich siedend, welches siedet, o. bouillant. Hulsius 298ᵃ; siedend, partic. kochend, fervens. Frisch 2, 275ᵃ. ein abfall des auslautenden d scheint in der nebenform sieden-heisz zu der gewöhnlichen zusammensetzung siedend-heisz vorzuliegen, s. diese, sowie siedenig. ebenso nd. siden water, s. nd. korrespondenzbl. 14, 14 (hier ist der abfall notwendig). aber schon mhd. begegnen formen, die sich nur unter annahme einer ähnlichen verkürzung verstehen lassen: nim mandelkern, mache daʒ in siedeme (aus siedendeme, sieden-me?) waʒʒer. buoch v. guoter spise s. 10 (nr. 24); mache in schœne in siedem waʒʒer. 14 (nr. 39).
b)
siedend steht in der regel nur in intransitivem sinne, hier aber in allen bedeutungen des verbums, unter dem reichliche belege gegeben sind: siedendes wasser, aquae bullantes Stieler 2015; siedend machen, suffervefacere. ebenda (vgl. II, A, 1, f); mit siedendem, siedend ò sied-heiszem wasser brühen, beschütten. siedend öl, siedend pech. ein siedender see, wie der in Japan. starck siedend. Kramer dict. 2, 806ᶜ. besonderes: springt einem ein nasenweises wort über's maul — bumbs! habens fürst und matresz und präsident, und du hast das siedende donnerwetter am halse. Schiller kab. u. liebe 1, 2.
3)
über das part. perf. gesotten, das natürlich zum transitiven sieden gehört, s. theil 4, 1, 4128.
a)
eine art abstufung bilden die verbindungen gar gesotten, cotto abbastanza. nicht gar gesotten (vgl. II, B, 7, a); halb gesotten, mezo-coto e mezo-crudo; ungesotten, non cotto, non alesso, cioè crudo, v. roh. Kramer dict. 2, 807ᵃ.
b)
doch steht auch gesotten zuweilen für gar (gesotten):
und wen ich sie hais richten an,
so sprichtz: der dreck isz noch nit gsoten.
H. Sachs fastn. sp. 1, 152, 163 neudruck.
c)
substantiviert gesottenes, n. alesso cioè vivande alesse. Kramer dict. 2, 807ᵃ.
d)
gesotten und gebraten, s. II, B, 4, e. f. i und gesotten 1—3.
e)
mit verschobener beziehung im salzwesen gesottene wochen, in denen (salz) gesotten wird, s. gesotten 5 und Schm. 2, 227.
f)
eine eigenthümliche (beim verb. fin. nicht vorhandene) bedeutung entwickelt gesotten in gesotten sein, 'zubereitet, beschaffen, moralisch disponiert sein'. Schm. 2, 227, s. gesotten 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 867, Z. 8.

soten, verb.

soten, verb.
faulen, verwesen:
also liessen sie die lebentigen mit den toten
auf ainander faulen und soten.
Vintler pluemen der tug. 1851.
sonst unbekannt (an roten, rotten, s. theil 8, 1320, darf kaum gedacht werden).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1903), Bd. X,I (1905), Sp. 1817, Z. 25.

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j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
sorgenbrot speckbirne
Zitationshilfe
„soten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/soten>, abgerufen am 24.10.2021.

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