speicher m
Fundstelle: Lfg. 12 (1903), Bd. X,I (1905), Sp. 2070, Z. 73
aufbewahrungsort für getreide und vorräte, vorratsraum.
1)
das spätlateinische, in gallischen und romanischen landestheilen entstandene spicarium, das dort das gutlat. granarium vertritt, besagt ein vorratshaus für körnerfrucht in einem ländlichen anwesen, und wird für deutsche verhältnisse zuerst in der lex Salica aufgeführt: si quis spicarium aut magalum cum annona incenderit. 16, 2, wo spicarium das feste holzhaus, magalum, nebenform zu magale, den flüchtiger erstellten schober für lagerung des getreides bezeichnet, vgl. Heyne hausaltert. 1, 93; als allgemeiner bestandtheil, selbst der ärmlichsten landwirtschaft: si spicarium servi incenderit: lex Alam. tit. 81, § 6, der fremde ausdruck ist in die deutsche sprache übergegangen, ins masculine geschlecht umgesetzt, wol nur aus formalem grunde, weil die persönlichen ahd. bildungen auf âri, wie scâhhâri, gartinâri, sangâri, toufâri und viele andere eingewirkt haben: spîhari, spîchari, spicarium, horreum, phtisanarium, granarium, penus. Graff 6, 326; die verbreitung des lehnwortes geht über Hoch- und Niederdeutschland: granarium hd. speicher, spycher, nd. spiker, spyker, spiger, spicker Dief. 268ᵇ; spicarium spîchere 546ᵇ; niederl. spijker, cella penaria, horreum, cella Kilian Ll 6ᵃ; nd. spiker brem. wb. 4, 949; in Ost- und Westpreuszen spêker und spîker Zachers zeitschr. 23, 241, doch in ungleichem masze; in Altbaiern ist es unvolksüblich Schm. 2², 655, in Düringen ebenso, und eigentlich volksmäszig ist es nur in den Rheinlanden auf altem Römerboden geworden und geblieben (vgl. Seiler entwickelung der deutschen kultur im spiegel des deutschen lehnwortes 1, s. 42), ein fingerzeig für die ursprüngliche gegend der entlehnung.
2)
der altgermanischen baugewohnheit entsprechend bildet der speicher zunächst ein haus für sich und wechselt daher auch im ahd. mit dem heimischen kornhûs:
joh muaʒin mit then drûton   thes himilrîches nioton,
then spîhiri iamer suaʒan   mit sâlidon niaʒan,
thaʒ heilega kornhûs.
Otfrid 1, 28, 16;
mit dem späteren mittelalter wird er aber auch nur theil eines hauses, besonders oberer oder bodenraum eines solchen zur aufschüttung der feldfrucht bestimmt, und speicher kann schütthaus (theil 9, 2118) oder schüttboden (ebenda 2105) bedeuten, vgl. auch kornspeicher theil 5, 1831; speicher, granarium, horreum. Dasypodius; farrarium, speicher, kornschütte. Dentzler 1, 256ᵇ; der spycher, horreum. Maaler 382ᵈ; speicher, cumera, farrarium. 2, 268ᵃ; es soll ein keller den kelnhof in guoten êren hân mit hüseren und mit spîcheren. weisth. 5, 65 (Aargau, anfang des 15. jahrh.); kamen bei nachtschlafender zeit für die stadt Elbing und branten mit feuer aus beinah alle speicher für der stadt. Waissel chron. 240; in welcher zeit die Olive aber und abermals mit allen jren speichern und scheunen verbrannt ... worden. Schütz beschreib. der lande Preussen (1599) 33ᵇ; die vollen speicher. Novalis 3, 341 Meiszner; als am andern morgen Berthar mit seinen mannen zum speicher kam, um für die nächsten tage den rossen hafer zu holen. Freytag ahnen 1, 86; öffentliche, städtische speicher, korn- oder schütthäuser, schüttböden;
in keller, mölen und spiker
se (die dorfmaus) vragde: is jemant riker?
Gerh. v. Minden 10, 37 Leitzmann;
beschlüsz den spicher und duo die hüener in.
fastn. sp. 821;
den kernen wirt er samlen bhend,
in sinen spycher ehrlich bhalten.
trag. Joh. D 5ᵇ;
doch macht éin miszwachs deine speicher leer,
so musz zu haus dein eignes kind verhungern.
Göckingk ged. 3, 124;
wie können noch sich deine speicher biegen?
ebenda;
siehet der pfosten ragende bäume,
und der scheunen gefüllte räume,
und die speicher, vom segen gebogen.
Schiller 11, 309 (glocke);
wenn darbend ein mann für weib und kinderchen brotkorn
heischt vom belasteten speicher.
Voss 2, 29;
voll sind ihm zum brechen mit korn belastet die speicher.
Georg. 1, 49
(illius immensae ruperunt horrea menses);
ein winziges mäuslein
baut oft unter der erde das haus und höhlete speicher (horrea fecit).
1, 182;
im bilde: denn allererst schicke er seine engel, die samlen das unkraut an bündlein und verbrennens, die reinen körner aber in die schewer oder spicher der ewigen seligkeit. Dan. Schaller theol. herold (1603) 248.
3)
erweiterung der bedeutung von speicher seit dem mhd. zu der eines vorratshauses oder vorratsraumes, vorratsbodens über dem hause überhaupt, wobei die feld- oder körnerfrucht zurücktritt:
ûf den (baum) ein rappe kam gevlogen,
mit einem kæs, den er gezogen
ûʒ einem spîcher hâte dô.
Boner edelstein 18, 5;
waarenspeicher, magazin. Adelung, vgl. dazu nd. spyker, gebäude zur aufbehaltung des korns und anderer kauffmanns-waaren. Richey 281; nl. spijker, soutspijker, salina, cella salaria. Kilian; spijcker, armamentarium agricolae, armamentarium rusticum, cella rustica. ebenda. als friesisch und holländisch; du hast den schönsten hof weit und breit, hast die ställe voll schöner waare, den spîcher voll sachen. J. Gotthelf Uli d. knecht 29 Vetter; sie hätte den halben spîcher und alle trög voll tuch. 123; dasz Gotthelf ein vortrefflicher maler des volkslebens, der bauerndiplomatik, der dorfintriguen, des familienglücks und familienleids ist, dasz er feld und stall, stube und küche und speicher genau kennt, ist schon gesagt. G. Keller nachgelass. schriften (1893) s. 117;
er scharret das geschenk in seine speicher ein.
Lichtwer 125 (fab. 4, 5);
da strömet herbey die unendliche gabe,
es füllt sich der speicher mit köstlicher habe.
Schiller 11, 309 (glocke);
einen speicher hatte der mann mit köstlichen schinken,
lange seiten des zartesten specks verwahrt er daneben
und ein frischgesalzenes fleisch befand sich im troge.
Göthe 40, 50,
nach:
desse hadde einen langen spiker,
dar mannich spekside inne lach,
der he entfenk mannigen slach,
tar to was in deme spiker noch
versch vlêsch gesolten in einen troch.
Reinke de vos 1455;
in den sinn der rumpelkammer, bodenkammer übergreifend: bücher, deren eine kleine sammlung von seinem vater her noch auf dem speicher stand. Immermann Münchh. 1, 70.
4)
speicher, auf niederdeutschem boden auch als wohngebäude verschiedentlich gefaszt; im bremischen ist spîker nicht nur ein abgesondertes nebengebäude zur aufbewahrung der früchte, sondern auch ein lusthaus mit etlichen zimmern auf einem meierhofe. brem. wb. 4, 949; im osnabrückischen und im westfälischen Hessen kleiner nebenbau auf gröszeren höfen, neben aufbewahrungszwecken zur wohnung von witwen, auszügern, ständiger tagelöhner dienend. Vilmar 393; in und um Fallersleben spyker, speicher, ein nebengebäude eines bauernhofes, worauf die eltern, nach abgabe ihres hofes an die kinder, ihr altentheil genieszen. Fromm. 5, 295; dasz fast alles gesinde daher widerspenstig würde, sich hin und wieder auf dem lande in den dörfern, flecken und städten, in backhäusern, spiekern, kötten, gaden und sonsten niederliesze und selbst erhielte, und niemand zu dienen begehrte. verordnung des bischofs Philipp Sigismund von Osnabrück v. 1608 bei Möser patr. phant. 1, 104.
5)
der spycher als gehalt eines meyers verzeichnet Maaler 382ᵈ.
Zitationshilfe
„speicher“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/speicher>, abgerufen am 21.08.2018.

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