spiegel m.
Fundstelle: Lfg. 12 (1903), Bd. X,I (1905), Sp. 2222, Z. 49
entlehnt aus lat. speculum, durch das mittellat. speglum (vgl. ital. speglio) hindurch, das für den consonantenstand des wortes maszgebend wurde. die entlehnung der bezeichnung fällt vor das eintreten der diphthongierung von germ. ê im ahd. das wort ist ahd. zu belegen als spiagal, spiegal, spiegel, spiegil. Graff 6, 326; mhd. spiegel; nhd. spygel, spiegel, speculum. Dief. 545ᶜ; spiegel, spigel, specular. ebenda; die schreibung spiegel bleibt dann in den wörterbüchern die ausschlieszlich herrschende. mundartliche aussprache ist: spiag'l unterfränk. mundart 172; schbiagl Castelli 230; spiegl Lexer 236. Schm.² 2, 659; spigel Hertel 231; spiegel Weinhold 92ᵇ. Vilmar 392; spichel Autenrieth 135. zweifelhaft bleibt, ob ndl. spieghel, speculum Kilian. Franck 934 (daneben die nd. form spēghel) nicht unter hochdeutschem einflusz steht, vgl. dagegen Franck gramm. 28. nd. spegel Schiller-Lübben 4, 309ᵇ; spegel, speculum Dief. 545ᶜ. Dähnert 446ᵇ. Stürenburg 250ᵇ (für Hamburg). brem. wb. 4, 939. Bauer 97ᵃ. Schambach 203ᵃ; spêgl Danneil 203ᵃ; ndl. spēghel Franck 934. (auch ins mitteld. gedrungen: spegel Hertel 231.) daneben findet sich speigel Schiller - Lübben 4, 309ᵇ; speigel Dief. a. a. o. Schütze 4, 163. Mi 84ᵇ. Schambach 203ᵃ; entlehnung aus dem nd. (wol zur zeit der hansa) ist anord. spegill, m. (neben dem heimischen wort skuggsja, f.), heute speil Fritzner 3, 487ᵇ, wo der geschlechtswandel den weg der entlehnung deutlich macht. entlehnung aus dem deutschen ist auch wol noch franz. espiègle als bezeichnung eines verschmitzten menschen (s. unten die verwendung von spiegel in diesem sinne). Diez⁴ 302. abgesehen von einigen nd. belegen: benamen dat spiegel von Sassen. quelle bei Schiller-Lübben 4, 309ᵇ; dat spieghel der volkomenheyt ghehieten. in Haupts zeitschr. 3, 439, ist das geschlecht durchaus masc., es bleibt zweifelhaft, ob begriffliche (vgl. got. skuggsva, m.) oder grammatische analogie (vgl.bügel, ↗riegel u. s. w.) für diesen geschlechtswandel anlaszgebend war. über ältere heimische bezeichnungen des gegenstandes s. unten.
bedeutung.
1)
geschichtliches zur sache. im allgemeinen bezeichnet das wort das bekannte putzgerät, das schon früh von Rom her eingeführt wurde, wie die in germanischen gräbern auf Fünen gefundenen handspiegel beweisen. S. Müller nord. altertumsk. 2, 59. vgl. W. Wackernagel kl. schr. 1, 129. ursprünglich waren es geschliffene metallspiegel, die auch im deutschen mittelalter noch lange im gebrauch blieben:
eʒ ist ein stehelin spiegel,
darinn ist kein triegel.
meister Altswert 120, 24 Keller-Holland.
vgl. Heyne d. hausaltert. 1, 272. doch kommen auch schon in römischen funden Süddeutschlands glasspiegel mit untergelegter zinn- oder goldfolie vor. Jacobi Römercastell Saalburg 455, ohne dasz damit genauere chronologische bestimmung gegeben wäre. die meisten älteren spiegel sind convex und geben so ein verkleinertes bild des hineinschauenden gegenstandes, doch kommt auch schon frühzeitig der planspiegel auf. Heyne a. a. o. Jacobi a. a. o. im mittelalter war die gewöhnliche folie von pech oder blei. zur einfassung und leichteren benutzung hat das spiegelglas einen mehr oder weniger kunstvollen oder kostbaren rahmen:
ein spiegel sah ich hangen
dem zwerg an siner brust ...
der spiegel was umbkert
und das glas von mir gewant
schon umb des spiegels want
meng edel rubin glas.
meister Altswert 151, 11. 15. 17 Keller-Holland;
so ist auch gedacht:
ik spreke ok, dat in dem speygel stunt,
wo dat eyn eʒel unde eyn hunt
deneden beyde eyneme ryken man.
Reincke 5101;
desse ystorye unde dyt gheschicht (vom kranken löwen)
was up deme speygel ok angherycht
myt eddelen steynen unde myt golde.
5388;
darnach:
ferner zeig' ich euch an, was auf dem spiegel gebildet
stand: wie ein esel und hund bei einem reichen in diensten
beide gewesen!
Göthe 40, 173;
auf dem spiegel stand die geschichte, so wollt' es mein vater;
edelsteine zierten das werk und goldene ranken.
könnt ich den spiegel erfragen, ich wagte vermögen und leben.
181;
ein zweitheiliger spiegel, der sich zusammenklappen läszt:
er gap im einen spiegel dar,
der was zuͦ beiden siten gar
gesaʒt in eren spise.
er was zweier wise,
daʒ man in mochte falden.
er hatte einsit behalden
nie wan ein einfeldec glas,
uf die ander sit gemachet was
eines crucifixes bilde.
Elisabeth 1337 Rieger.
die ältere sprache hatte eine heimische bezeichnung für das gerät. got. skuggwa, m. 1 Cor. 13, 12; ahd. specula sunt in quibus femine uultus suos intuentur. i. scucar vel spiegal. Steinmeyer ahd. gl. 2, 358, 36. vgl. anord. skuggsiá, f. Fritzner 3, 390ᵇ, die aber von dem entlehnten worte vollständig verdrängt wurden, jedoch auf den geschlechtswandel des letzteren noch von einflusz gewesen sein mögen. vgl. überhaupt Wackernagel kl. schr. 1, 128 ff.
2)
spiegel im eigentlichen sinne.
a)
von der wirkung des gerätes: der augapffel, welcher im augenweis sitzet, ist ein in etwas erhobenes spiegelglasz, so die bildnissen der vorgeworffenen dingen durchlässet, nicht aber wie ein spiegel zurück schläget. Comenius 226; es streiten die meister der seekunst, ob in dem spiegel die veränderung der bilder also beschehe, dasz jedesmal ein neues bild sich gestalte, oder ob das erste bild sich nur verkehre, wenn sich die person vor dem spiegel beweget. Harsdörffer mordgeschichten 612; freylich ist das bild von mir im spiegel nichts als eine leere vorstellung von mir, weil es nur das von mir hat, wovon lichtstrahlen auf seine fläche fallen. Lessing 10, 324; vgl.: der spiegel stellet nicht alles eigentlich vor, speculum non omnia ad verum respondet. Steinbach 2, 624; dasz wir uns im traume selbst sehen, kommt daher, dasz wir uns oft im spiegel sehen, ohne daran zu denken, dasz es im spiegel ist. Lichtenberg 1, 118; es war eine ovale scheibe von erz mit zierlichem griff; Sigune drückte sie ihm in die hand ... Alpin schaute und schaute, er sah sich selbst. vergliche man diesz bild mit dem, das unsere jetzigen spiegel zeigen, so müszte es freilich nur als ein verschwommenes erscheinen. Vischer auch einer 1, 226; wir jetzigen freilich könnten ihm gut nachhelfen, wir denen so leicht verständlich ist, dasz mit der erfindung des spiegels eine gründliche veränderung in das seelenleben, in alle zustände der menschheit getreten ist: verschärfung des selbstbewusztseins, aber auch eitle selbstbespiegelung und eitle bespiegelung in andern. 227.
b)
als eigentlicher zimmer- und wandschmuck kommt der spiegel erst im späten mittelalter auf, vgl. Heyne d. hausaltert. 1, 273. vgl. auch die belege unter c: als man die spiegel spulget an die türsiule ze nageln, daʒ die ûʒ und în gênden sich dar inne ersehen. d. myst. 1, 326, 11 Pfeiffer; wol nicht als zubehör eines prunkgemaches:
und gieng do tzu einer want
do mit pech ein spigel glasz
in die want gepichet was. ...
den spigel mit dem pech er do nam
und kleybetn ir eben an die scham.
fastn. sp. 1177 Keller;
ein kanarienfogel flog von dem spiegel ihr auf die schulter ein neuer freund, sagte sie. Göthe 16, 122; noch gefährlicher wars — weil er zwischen zwei spiegeln sasz, dem friseur und dem groszen spiegel im ofenschirm — auf seine eigne wolle den staub recht aufzutragen. J. Paul Titan 3, 86 (vgl. auch unten spiegel 6);
unter dem spiegel
sasz der braut zur linken der bräutigam. neben dem jüngling
sasz die gnädige gräfin.
Voss 1, 175;
es leuchtet ein spiegel aus goldnem gestell,
da schaut sie hinein mit lachen.
Storm 8, 277.
in einer lügenschilderung: doctor. sind aber die häuser auch denen unsern gleich gebauet? Fuchsmundi. nein, sondern sie sind auswendig gebauet, und tapeziret mit spiegeln und schildereyen, inwendig findet sich nichts. Fuchsmundi 91.
c)
mit hervorhebung der verwendung des gerätes für die prüfung des aussehens der eigenen gestalt: in spiegel luͦgen, consulere speculum. Maaler 380ᵃ; in spiegel sehen, consulere speculum. Dentzler 1, 736ᵃ; in den spiegel sehen, speculum consulere, aspicere et sectari speculum. Stieler 2065; in spiegel sehen, in spiegel schauen, mirare, guardare nello specchio, consultare nello specchio. Kramer 2 (1702), 861ᶜ; oft in den spiegel sehen, saepe inspicere speculum. Steinbach 2, 624; in dem spiegel sein gesicht besehen, in speculo faciem suam contemplari. ebenda; denn so jemand ist ein hörer des worts, und nicht ein theter, der ist gleich einem man, der sein leiblich angesicht im spiegel beschawet, denn nachdem er sich beschawet hat, gehet er von stund an davon, und vergisset wie er gestalt war. Jakob. 1, 23; hiernach: die h. schrifft vergleichet einen unbeständigen mit einem mann, der sein angesicht in den spiegel beschauet und darvon gehend seine gestalt vergisset. Harsdörffer mordgesch. 546. auch mit dem spiegel sprechen, den spiegel befragen:
du bist ja alt, Anakreon.
sieh her! du kannst den spiegel fragen,
sieh, deine haare schwinden schon.
Lessing 1, 69.
sich im spiegel besähen, consulere speculum. Maaler 380ᵃ; sich ersehen im spiegel, erspiegeln, intueri se in speculo. Dentzler 1, 736ᵃ; man sihet sich selbs im spiegel, speculum reddit imaginem intuentis. 2, 269ᵃ; sich im spiegel besehen ò beschauen, mirarsi (ed ammirarsi) contemplarsi nelli specchio. Kramer 2 (1702), 861ᶜ;
wie die augen alle dinge, doch sich selber anders nicht,
als im spiegel, sehen können.
Brockes 4, 120.
vor den spiegel treten, vor dem spiegel stehen, sich vorm spiegel schmincken, butzen, stare, strebbiarsi, lisciarsi, addobarsi dinanzi allo specchio. Kramer 2 (1702), 861ᶜ. zur charakterisierung eines geckenhaften menschen, eines putzsüchtigen frauenzimmers: den gantzen tag vor dem spiegel zubringen, passare, perdere tutta la giornata dinanzi lo specchio. ebenda. unziemlich ist es dem manne, ihn zu oft zu gebrauchen: der reitet fest in die welt hinein und trägt gewisz keinen spiegel in der tasche, wie sonst die herren aus der stadt, denen man kaum den rücken drehen darf, so holen sie den spiegel hervor und beschauen sich schnell in einer ecke! Keller 7, 26;
als ich noch jung gewesen,
einen spiegel hat ich da,
da machten die leute ein wesen,
wenn ich in den spiegel sah.
sie schalten mich einen gecken
und stolz und eitel dabei;
wie würden sie jetzt erschrecken!
jetzt hab' ich der spiegel drei.
Strachwitz 131.
er ist hauptsächlich frauengerät. sogar die dorfschöne trägt einen spiegel beim festlichen reigen an einer schnur des gürtels. vgl. Heyne hausaltert. 3, 331 und unten spiegelschnur:
sî wellent sîn
tumber danne der uns Vriderûn ir spiegel nam.
Neidhart 56, 3 Haupt;
der het ir genomen
in schimpfe ein tockenwiegel.
daʒ hiet wir verklagt, niewan den spiegel.
der waʒ von helfenbeine,
wæhe ergraben kleine.
124, 19;
vgl. im Neidhartpil:
Fridrauna. der spiegl ist mein, dasz ir das wist,
das under euch kainer ist,
dem er immer werden kan.
fastn. sp. 451, 8 Keller;
wer es hint aller pest macht
mit hübschait und mit singen,
mit tanzen und mit springen,
des sol diser spiegel sein.
18;
Regenpart. Fridrauna euch gütlich dankt,
dasz ir euren wein habt geschankt.
die pringt ain spigl und ain kranz.
25;
auch ist Fridrauna gezieret
mit ainem wunnigklichem klaid.
ain schön spiegl sie da trait,
der muesz heut wesen mein.
448, 33;
solt man mich zu tod schlan,
den spiegl muesz ich han.
449, 1;
und haben ein agnus dei daran hangen, darin sein kleine spieglin, da luͦgen sie in wan sie betten, das sie sehen das sie das maul nit zuͦ weit uff thüen, und lachen etwan darvor und luͦgen wie es inen an stand. Pauli schimpf u. ernst 102 Österley; und binde ein spigel auf den ermel, den soltu schenken deiner metzen. Albrecht v. Eybe philogenia 112ᵃ; zu der zeit wird der herr (den töchtern Zions) den schmuck an den köstlichen schuhen wegnemen und die heffte, die spangen, ... die schleier, die beutel, die spiegel, die koller, die borten. Jes. 3, 23.
d)
spiegel, im besonderen als gern gebrauchtes gerät der jungen frauen, zur bestätigung ihrer schönheit oder befriedigung ihrer eitelkeit: die spiegel sind der schönheit rahtgebere, und besprechen sich die jungfrauen mit den selben, ob die zierde ihres haubtes zu recht stehe, ob die haare gekraust, die wange beschminkt. Harsdörffer mordgesch. 571; wenn du ein baurenmägdlein heurathest, wirst du überall verachtet, vielmehr nehme dir zu einer frauen eine spiegeldocken, die stets vorm spiegel stehet, und ihren aufbutz abwartet. Fuchsmundi 117; eben diese seynd mir wie eine pest, ich weisz es gibt dergleichen in der menge, die an allen orten spiegel hängend haben, spiegel in der stuben, spiegel in der kammer, spiegel in der bettstatt, spiegel bey dem cabinet, spiegel in allen winckeln, auf allen orten müssen spiegel seyn. ebenda; ja, so weit ist es jetziger zeit kommen, dasz manche so gar in ihre bücher, welche sie in die kirchen tragen zum beten, spiegel einbinden lassen. ebenda; alle minen, alle kleider, alle bewegungen des leibs stellen sie ihnen vor im spiegel. 118; stehen sie vom schlaff auf, so ist das allererste, dasz sie sich im spiegel beschauen, vielleicht zu sehen, ob das alte leder über nacht nicht jünger worden, lassen sie sich ankleiden, so schauen sie in den spiegel, darinnen zu sehen, wie den alten angekleidten zaunstecken die modihauben anstehe. 119; na, herr leutnant wie seh denn ich aus? gelt! zum spektakel: ... wenn nur ein spiegel da wäre! Wagner kindermörderin 9 neudr.; der spiegel gehörte Sigunen, war ein geschenk Arthurs! ob sie ihm gefalle, wird sie den spiegel fragen, und dann wohl auch, wie dem und jenem und einem dritten. Vischer auch einer 1, 228; nun erst eröffnet sich die eigentliche pompa; weisz gekleidete, bekränzte frauen, die toilettedienerinnen der Isis, streuen blumen und wohlgerüche und gesticuliren mit spiegeln und kämmen. Burckhardt zeit Constantins² 178;
sie lacht sich selbsten an, und mitten in dem lachen,
da kan im spiegel sie viel zierlichkeiten machen.
Rachel satyr. ged. 116;
vermeynt durch solche blick, des liebsten hertz zu rühren.
bald sieht sie sauer aus, bald fröhlich, balde so,
als wenn im spiegel selbst der liebste machte froh.
ebenda;
niemahls hat ein spiegel,
der ihr vorüber stand, ihr freundlich auge
zur selbstbewunderung den freundinnen entzogen.
Wieland suppl. 4, 12;
hab' ich so manchmal
doch als lallendes kind auf meinem arm sie geschaukelt,
dasz sie im spiegel ihr bild anlächelte! schmuck war sie immer.
Voss 1, 65;
komm und schau in den spiegel, und schäme dich, dasz du so schön bist.
140;
zephyr, nimm's (das band) auf deine flügel,
schlings um meiner liebsten kleid;
und so tritt sie vor den spiegel
all in ihrer munterkeit.
Göthe 1, 82;
wenn du dich im spiegel besiehst,
denke, dasz ich diese augen küszte.
3, 58;
glücklich macht die gattin nicht;
die sich selbst nur liebet,
ewig mit dem spiegel spricht,
sich in blicken übet.
Schiller 4, 9;
die toilette wartet schon,
doch halbe blicke nur beglücken ihren spiegel.
6, 29 (die berühmte frau);
als du sahest in des spiegels helle,
hat er neidisch getrübt sein reines licht.
Hoffmann v. Fallersleben ged.⁹ 97.
vgl.:
er gewan ir swaʒ er veile vant,
spiegel unde hârbant.
arm. Heinrich 336.
mit weiterem zusatz:
sie richtet vor dem schmeichlerischen spiegel
zugleich den putz und ihre mienen ein.
Wieland suppl. 4, 11.
als ausdruck des schmerzes:
ihre (der Thalia) lippen schlosz des schmerzes siegel;
sie zerbrach auf diesem hügel
ihren spiegel.
Gotter 1, 345.
zur kennzeichnung eingetretenen alters: der tag wirt kummen, dasz du dich nit mer im spiegel kennen wirdst. Wirsung Calist. (1520) F 1ᵇ; deshalb die klage alt und häszlich gewordener frauen: und sagte jene veraltete: das man die kunst, gutte spigel zu machen, verlohren. Butschky Pathmos 353; es würde aber besorglich in kurtzer zeit dem Lucius mit seiner mohrin, wie der etwas verlebten Helene mit ihrem spiegel gehen, welche mit heissen thränen beweinte, dasz er ihr antlitz nicht so schön wie vor zehn jahren abbildete. Lohenstein Armin. 1, 468ᵃ. vgl.: die spiegel bilden nicht mehr so schön, wie sie vor alters pflegten (sagte ein altes weib, als sie sich im spiegel besahe). Kramer 2 (1702), 861ᵇ; deshalb auch mit ergänzendem zusatze: ein falscher, krummer, lügender, nicht eintreffender spiegel, uno specchio falso, storto, mendace. ebenda;
es halff kein putzen nicht,
es bliebe vor und nach ihr garstig angesicht,
sie fieng aus eyffer an den spiegel zu verfluchen,
sie wolte nur die schuldt beim armen spiegel suchen,
der spiegel sey nicht gut.
Rachel satyr. ged. 117;
anders:
wie kömmts, dasz Mumma vor gespenstern flieht.
sie, die doch täglich eins im spiegel sieht?
Lessing 1, 23.
e)
spiegel, in einer reihe anderer verwendungen; nach altem glauben, um thiere zu töten: wenn dann der basilischk plikchet gegen dem liechten spiegel so erglasent dem wurm seine augen. gesta Roman. 10 Keller; waider sagt man, das dieser (fisch) im prunen wegxt und erfunden wirt, das alsdann kein ander mittl diesenn fischs umbzupringenn sey, dann so man im einem spiegel zeigt und fürhelt, das er sich selber darinen sehe, so muesz er alsdann fonn seiner selbst gereulikhait annzusehenn vonn stund an toet liegenn. Schmidel reise nach Südamerika 65, 15 Langmantel. als fanggerät (vgl. unten spiegelnetz):
er hört es gern,
das einhorn lasse sich mit bäumen fangen,
der löw' im netz, der elephant in gruben,
der bär mit spiegeln und der mensch durch schmeichler.
Shakespeare Julius Cäsar 2, 1.
als handelsgegenstand: sie teilten unns mit ir armuet, als fleischs, fischs und kürschenwerk, whir gabenn inen gleser, patternoster, spiegel, khem, messer und vischangel. Schmidel reise nach Südamerika 38, 13 Langmantel; so hett unnser einer auff dieser reis vonn den Indianeren ... pis in die 200 ducaten wertt erobert allein von den mentl von indianischs paumwol unnd silber welches wir heimlich und verporgenns vonn inen erkaufft habenn umb messer, paternoster, scheren, spiegel. 72; zur beobachtung der umgebung benutzt: jener tyrann hat in seinem zimmer üm und üm spiegel hangen lassen, zu sehen, ob ihn nicht jemand rückwärts angreiffen und erwürgen wolte. Harsdörffer mordgesch. 591; sah ichs nicht, wie sie (Amalia) ein paar diebische tränen in den wein fallen lies, den er hinter meinem rücken so hastig in sich schlürfte, als wenn er das glas mit hineinziehen wollte. ja das sah ich, durch den spiegel sah ichs mit diesen meinen augen. Schiller räuber 4, 2 (schausp.). als technische hülfe: schreiber und goldtschmid und ander werckleut, die jre augen auff scharpffe dinng richten müssen, haben vor ynen spiegel ston, darinn sy ire gesicht widerbringen und ergetzen. Keisersberg trostspiegel (1510) gg 1ᵇ; in dem spiegel stechen bei den kupferstechern, welche die zeichnung als spiegelbild auf die kupferplatte stechen.
f)
spiegel als magisches gerät, vgl.zauberspiegel:
ich habe einen spiegel, das ist wahr,
in dem man dies und das erblicken kann.
Hebbel 1, 178;
euch lasz ich gern in meinen spiegel schau'n.
nur bitt' ich, schlagt mir, wenn ihr nichts erblickt,
ihn nicht entzwei und scheltet nicht die kunst.
179.
spiegel des Cyprianus. titel einer 1864/65 erschienenen märchennovelle von Storm. seine anfertigung oder erwerbung: die gabe von der ich sprach ist ein speculum, zu deutsch ein spiegel, unter sondrer kreuzung der gestirne und in der heilbringendsten zeit des jahres gefertigt. Storm 2, 254; nur eines ist zu verhüten, niemals darf das bild einer argen that in diesen spiegel fallen. die heilsamen kräfte, welche bei seiner anfertigung mitgewirkt haben, würden sich in ihr widerspiel verkehren. 255; gewöhnlicheres mittel der erwerbung ist, einer leiche zur mitternachtsstunde einen beliebigen spiegel, der mit einem schieber versehen ist, vor das gesicht zu halten. vgl. die angaben bei Wuttke deutscher volksaberglaube³ 245. in den sogenannten heiligen nächten (weihnacht, neujahrsnacht, Andreasnacht u. s. w.) ist aber jeder spiegel mit zauberischer kraft begabt (s. unten). besonders alterthümlich ist es, wenn der wasserspiegel eines brunnens, einer quelle zu solcher zeit über zukünftige geschehnisse befragt wird. Wuttke 246; vgl.:
neige dich hinab aufs brunnenwasser,
dasz dein antlitz du im spiegel schauest.
siehest dorten, wann du sterben wirst.
serbisches lied bei R. Köhler ges. schr. 1, 334.
(s. unten 5, a.) arten der verwendung: gewinnung eines zauberischen bildes, ohne weiteren hinweis, ob es jemals wirklichkeit werde, worauf wol besonders die bezeichnung wunderspiegel, species mira Stieler 2066 geht: Faust, welcher diese zeit über vor einem spiegel gestanden, sich ihm bald genähert, bald sich von ihm entfernt hat:
was seh ich? welch ein himmlisch bild
zeigt sich in diesem zauberspiegel.
Göthe 12, 124;
lasz mich nur schnell noch in den spiegel schauen!
das frauenbild war gar zu schön!
132.
mit beabsichtigung einer entstellung des wirklichen: jener storger hat vorgegeben, er wolle gegen geld ein pferd in einem spiegel weisen, welches schweiff stehe, wo andrer pferde haubt zu seyn pflege. Harsdörffer mordgesch. 595. anders gewandt: dieser spiegel ist wahrheit; heucheley und larven bestehen nicht — da erschrack ich und alles volk, denn wir sahen schlangen und tyger und leoparden gesichter zurückgeworfen aus dem entsetzlichen spiegel. Schiller räuber 5, 1 (schausp.); das glückliche paar näherte sich Sophien, welche worte der weihe über sie aussprach und sie ermahnte, den spiegel fleiszig zu rathe zu ziehen, der alles in seiner wahren gestalt zurückwerfe, jedes blendwerk vernichte und ewig das ursprüngliche bild festhalte. Novalis 2 (1898), 199. vergangenes wird von ihm wiedergespiegelt: wie ein hauch lief es darüber hin. dann wurde das glas wieder klar; aber hinter demselben zog es wie ein graues wölkchen in die tiefe; und jetzt plötzlich sah sie dort im grunde des spiegels zwei kleine nebelgestalten, die sich umschlungen hielten. Storm 2, 271. vgl. auch oben die belege aus Hebbel 1, 178. 179. der spiegel zeigt den zukünftigen gatten:
ein andrer, so den kopff mit liebesgrillen schwächt,
läst ihm, und solt' er auch mit Saul nach Endor reisen,
sein künfftiges gemahl im spiegel weisen.
Günther (1735) 538,
aber mit hilfe des bösen, der auch selbst aus dem spiegel höhnend herausschaut: sieh nicht in den spiegel bei licht, der schwarze guckt dir über die schulter. Wander 4, 693; wenn man nachts in spiegel siht so guckt der teufel heraus. quelle bei Eiselein 590; guck nit mit 'n licht nei 'n spiag'l, sust sichst 'n teuf'l. Rückert unterfränk. mundart 172; ein kind musz abends nicht in den spiegel sehen, sonst steht der teufel hinter ihm. Schütze 4, 164; vgl.: schau beym liecht nicht in spiegel, ad lucernae ne te speculo contempleris. Dentzler 1, 736ᵃ;
sieht abends man bei lichterschein
noch in den spiegel stolz hinein,
schaut reizend wie ein blumenstrausz,
gifthauchend Satanas heraus.
und stört er deiner seele ruh
schliesz schnell und fest die augen zu.
gelöscht die freche kerze sei,
den freveln spiegel schlag entzwei.
Steiger sitten 193 bei Wander 4, 693.
mit sprachvermögen begabt: sie (die königin) hatte einen wunderbaren spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie
'spieglein. spieglein an der wand,
wer ist die schönste im ganzen land?'
so antwortete der spiegel
'frau königin ihr seid die schönste im land'.
da war sie zufrieden, denn sie wuszte, dasz der spiegel die wahrheit sagte. Grimm kinder- u. hausmärchen nr. 53; da erschrak sie, denn sie wuszte, dasz der spiegel keine unwahrheit sprach, und merkte dasz der jäger sie betrogen hatte. ebenda. zum finden verborgener schätze erdspiegel, schatzspiegel, theil 8, 2289, bergspiegel, theil 1, 1518.
g)
sonstige bezeichnungen des gerätes mit rücksicht auf seine besondere anfertigung, beziehungsweise verwendung: kunstspiegel, politissima arte perfecta. Stieler 2066; ebner spiegel, specchio piano. Kramer 2 (1702), 861ᶜ; holer spiegel, speculum concavum. Stieler 2065; holer ò holspiegel, specchio concavo. Kramer 2 (1702), 861ᶜ; heute hohlspiegel (s. theil 4, 2, 1721); in alter sprache ingebogen spiegel, speculum convexum. Dief. 545ᶜ; gewölbter spiegel, specchio convesso. Kramer a. a. o. einfachste art des hohlspiegels ist die innen mit glasur oder sonst glänzender fläche versehene schüssel: in die schüsseln, wie in einen spiegel sehen, tamquam in speculum inspicere patinas. Steinbach 2, 624. brenn- sive feuerspiegel, speculum ustorium. Stieler 2066. (vgl. brennspiegel theil 2, 371 und feuerspiegel theil 3, 1604.). vgl.: wo man aber ... sagen will, dasz der spiegel über mehr als drey hundert schritt sein feuer habe werffen müssen, umb die schiffe zu erreichen, so musz ich gestehn, dasz meine vernunfft zu klein sey, dergleichen wunder zu begreiffen. Lohenstein Armin. 1615ᵃ; unter meinen edelleuten ist ietzt ein neuer Archimedes, der vermittelst eines grossen brennspiegels innerhalb wenig augenblick, holtz brennend, steine glüend ... machen kan. ebenda. mit rücksicht auf den stoff kristallenspiegel, speculum crystallinum. Stieler 2066.
h)
mit hervorhebung der thätigkeit des beschauens und zurückstellung des begriffes der widerstrahlung eines gegenstandes auch als bezeichnung von beobachtungsgeräten ganz anderer art. spiegel in älterer sprache ausschlieszliche bezeichnung des augenglases statt der im spätmhd. aufkommenden brille (s. theil 2, 382). vgl.:
swenne uns daʒ alter die gesiht
betimbert al ze sêre,
daʒ wir der edelen schrifte niht
wol gesehen mügen mêre,
sô sint unser kêre
zuo z'einem liehten spiegel klâr,
der uns diu schrift erliuhten kan
unt wol gesihtic machen,
sô wir si dur in sehen an.
minnes. 2, 224ᵇ v. d. Hagen,
wodurch auch deutlich wird, warum die bezeichnung spiegel auch für dieses gerät verwandt wurde, ohne damit zu übersehen, dasz die ähnlichkeit und nahe verwandtschaft der beiden zu grunde liegenden worte speculum und specular bei dieser übertragung von einflusz gewesen ist; daʒ ich phaff Albrecht genannt der Kolbe ... han diʒ buoch geschriben mit groszen unstatten und durch ain spiegel, do ich 66 alt waʒ. am schlusz einer predigthandschr. v. 1387 bei Wattenbach schriftwesen² 239. lexicalischer beleg aus dem frühnhd. ist wol spiegel, spigel, specular, speculare. Dief. 545ᶜ; noch mundartlich spiegel brille Hunziker 246. mit weiterem, auf die färbung des glases bezugnehmenden zusatze: als wan einer einen gelen spiegel uff die naszen setzt, waʒ er sicht daʒ urteilet er gel, wen er einen weissen schleier sicht, so wenet er, er sei gel, so er weysz ist, daʒ ist nit des schleiers halb, aber des augenspiegels halb, durch den du sihest. Keisersberg emeis 56ᶜ. wol statt fernspiegel (s. unten): die augen seyn spiegel des hertzes und schildwächter des leibes, welche alle gefahr verwarnen sollen. Butschky Pathmos 280. in zusammensetzungen, augenspiegel, theil 1, 812; augenspiegel, brillen, specillum, conspecilleum, εὐειδιον. wörterb. v. 1629 bei Schm.² 2, 659; augenspiegel alias brill, conspicilium, specillum ocularium. Stieler 2066; gleserne augenspiegel, wie man in dem feld braucht, für die augen binden. feuerbuch v. 1591 bei Schm.² 2, 659; vergröszerungsspiegel; spiegel der etwas vergrössert, microscopium. Dentzler 2, 269ᵃ; ein kleiner spiegel, der ein ding mächtig vergrössert, flöhguckglas, microscopium. 1, 453ᵃ; vergröszerungsspiegel, microscopium. Stieler 2066. fernspiegel alias perspektiv, telescopium. ebenda. mit rücksicht auf den zu betrachtenden gegenstand: sonnenspiegel, helioscopum. ebenda. sternenspiegel, tubus astripicus. ebenda.
i)
selten bezeichnet spiegel stofflich verallgemeinert dasselbe wie spiegelglas (s. d.): als ich in den saal kam und wollt' ihm mein tief kompliment machen, sah' ich nicht, dasz der fuszboden von spiegel war und die wände auch von spiegel, und fiel herunter wie ein stück holz und schlug mir ein gewaltig loch in den kopf. Lenz hofmeister 4, 6; mit weiterem zusatze: über der rüstung trug er ein oberkleid oder wamms, welches vom feinsten goldstoffe schien, worauf viele kleine monde von glänzendem spiegel genäht waren, die seinen anblick sehr herrlich und prächtig machten. Tieck don Quix. 2, 101. in heutiger mundart spichel fensterscheibe Autenrieth 135.
k)
in fester verwendung, als häufig gebrauchte redensart, ohne dasz eine übertragung zu grunde liegt, zur bezeichnung groszer ähnlichkeit: Conti. aber hier haben wir seine tochter. — der prinz. bey gott! wie aus dem spiegel gestohlen! (noch immer die augen auf das bild geheftet). Lessing 2, 119; noch heute: das bild eines ist wie aus dem spiegel gestohlen. gewohnheit ist, einladungen, gruszkarten, glückwünsche, kalender u. ä. hinter den spiegel zu stecken: den kalender, Lottchen! ... lange mir ihn doch nur her, Lottchen; er steckt hinter dem spiegel. Lessing 2, 528; ich sehe ihre verwunderung und neugier aufs höchste steigen, wenn ich noch hinzufüge, dasz es überall verfertigt wird, und so gut das werk des dümmsten teufels als des klügsten mannes ist — dasz ich mich sehr irren müszte, wenn es nicht hinter ihrem spiegel, oder dem spiegelein von dero zofe steckt — sie errathen dasz ich den kalender meine. Novalis (1898) 1, 58; daher die in bezug auf einen groben brief häufig gebrauchte redensart: er steckt ihn nicht hinter den spiegel. daneben seltener: er steckt einen brief nicht an den spiegel, d. h. in die zwischen rahmen und spiegelglas befindliche fuge. in Schlesien sagt man von einer person, die auf einem ehrenplatz an der tafel sitzt: er hat bei'm spiegel ein'n guten sitz, wie Kaspar Vogt von der Schweidnitz. Wander 4, 693, wozu die erklärung: Kaspar Vogt war einer der preisgekrönten schützen auf dem freischieszen zu Neisse im jahre 1612. vgl.:
herr Kaspar Vogt von der Schweidnitz
hat beim spiegel einen guten sitz;
denn er das thut gewohnt sein,
dasz er scheusst in den zirkel nein.
preisgedicht auf das freischieszen zu Neisse im jahre 1612. ebenda.
spiegel als wirtshausname: wenn es euch genehm ist, herr hauptmann, ... erfülle ich von meinen drei aufträgen den mittleren zuerst und führe euch auf den Markusplatz in das von mir erprobte und gutgeheiszene gasthaus zu den spiegeln. C. F. Meyer Jürg Jenatsch 124; er schlage vor, hier im anblicke des meeres eine stunde zu rasten und diesmal auf die malzeit in den spiegeln ... zu verzichten. 133.
l)
in rein sprichwörtlicher verwendung: der spiegel giebt ein bild und weiss es selber nicht. Wander 4, 691; ein spiegel ohne rahmen ist bald zerbrochen. 692. auch der zerbrochene spiegel zeigt ein bild. vgl.:
vor eynen spigel stunt ein man
von dem der spigel ein bild gewan
ein stuck her von dem spigel brach
dor inne er ein ander pild sach.
aber ein stuck brach her do von
das stuck das dritte pild gewann.
Würzburger handschr. aus dem 15. jahrh. in Haupts zeitschr. 3, 441;
Diego Saavedra mahlet einen löwen, welches bild in einem zerbrochenen spiegel doppelt wiederscheinet mit der obschrifft: allezeit gleich oder unverändert. Harsdörffer 549. der reinste spiegel läuft an, wenn er behaucht wird. Wander 4, 691; reinen spiegel kann ein hauch beflecken. 693; es ist kein spiegel so rein, es wird ein pünktlein drin sein. 692. der spiegel lügt nicht. ebenda. vgl.: der spiegel sagt was keiner unserer freunde sagt. ebenda; ein guter spiegel ist kein fuchsschwänzer. ebenda, denn vgl.: ein guter spiegel repräsentiert ein ding recht unnd eben, also der guten verstandt hat. Lehmann 800, 38, deshalb die häufige mahnung: tret vor den spiegel und besehe dich selbst. 187, 17; schau dich zuerst selbst im spiegel. Simrock 9699ᵃ; sü in den spegel. Dähnert 446ᵇ, bemerke doch deine eigenen fehler. über die schon mehr übertragene bedeutung vgl. unten. daneben die wendung: sihe in deinen spiegel, nim dich selbs bey der nasen, in tuum ipsius sinum inspue. Dentzler 1, 741ᵇ. 2, 269ᵃ, wo wol eine nicht ganz sinngemäsze analogie zu wendungen wie kehre vor deiner eigenen thür vorliegt, wenn nicht an spiegel als übertragene bezeichnung des menschlichen gesichtes zu denken ist (s. unten 5, b). anders: er hat wohl noch nie in den spiegel gesehen. Wander 4, 694, d. h. er sah wol noch nie einen narren. in anderer wendung, von einem eingebildeten: er darff keins spiegels, er weyss wol, dass er gelert oder schön ist. Franck ebenda 693. doch was thut der blind mit dem spiegel, der ungestudierte mit den bücheren, quid caeco cum speculo. Dentzler 1, 736ᵃ; was soll ein spiegel dem blinden. Wander 4, 694. vgl.: man sagt im sprichwort: was soll dem blinden der spiegel: deszwegen auch Aristoteles, als er befragt wurde, warum man die schönheit liebe? recht geantwortet, es sey eine frage eines blinden. Harsdörffer mordgesch. 626. doch schon mit einer beschränkung: im spiegel sihet man des menschen gestalt, im reden seinen verstandt. Lehmann 643, 8; im spiegel sieht man die gestalt, im wein das herz. Simrock 9699. mit besonderer beziehung auf seine verwendung als putzgerät: auch neuer spiegel glättet alte runzeln nicht. Wander 4, 691; spiegel geben keine schönheit. 693; schlage den spiegel nicht, wenn die nase schief steht. ebenda; es steckt nicht im spiegel, was man im spiegel sieht. Simrock 9697;
es sei ein spiegel noch so gut,
er macht nicht jung ein altes blut.
Wander 4, 692;
am spiegel ist keine frau häszlich, keine alt. 691; was kan ein spiegel dazu, das er ein lützelhüpschen lützelhüpsch anzeigt? Garg. 5ᵃ; der spiegel wird darumb nicht dunckeler, wann schon ein schmutzkolb drein sicht: die sonn wirt drumb nicht wüst, wann sie schon wasser ausz pfitzen ziecht. ebenda; der spiegel wird drum nit hesslich, obschon hessliche leut drein sehen. Lehmann 862, 44. anders: es hat noch kein spiegel einer frau gesagt, dasz sie häszlich sei. Wander 4, 692; es ist kein spiegel, der nicht sagt, die frau sei schön. ebenda; was der spiegel sagt, gehört nicht auf den markt. 693. in aburtheilender wendung: der spiegel gibt selten guten rath. 691; der spiegel leugt, der schein betreugt. Eyering 1, 544; der spiegel leugt, der schein treugt. Petri P 1ᵃ; der spiegel leugt, der schein betreugt, speculum mendax est, splendor fallax. Stieler 2065;
der spiegel lügt,
der schein trügt.
Simrock 9698;
vgl.:
derselbige sich selbst betreugt,
sein gstalt im spiegel siehet fein,
darin thut mancher gar hübsch schein,
hat doch inwend ein falsch gemüt.
Eyering 1, 545.
besser den spiegel zerbrechen als sich davor anbeten. Wander 4, 691; vor dem spiegel stehen bringt kein garn zu henden. 693; der spiegel friszt thoren und spuckt narren aus (aus Leipzig). 691; es seynd mehr die sich am spiegel kreuzigen, als am creuz spiegeln. 692; wenn der spiegel reden könnte, so würde er manchem garstigen bild seine thorheit vorhalten. 693.
3)
im vergleiche.
a)
mit eigenschaften des gerätes: darnach legt sichs (das heilige feuer) an einen gewissen ort, den erhitzt es, dasz der ort glat wird wie ein spiegel. Coler 2, 254ᵃ; hell wie ein spiegel, nitido, chiaro, lucido, netto come uno specchio. Kramer dict. 2 (1702), 861ᶜ; anders: ja du wirst mit jm die wolcken ausbreiten, die fest stehen, wie ein gegossen spiegel. Hiob 37, 18;
der rand der brustwehr scheint begrenzet
von der krystallnen fluth des grabens, der wie ein reiner spiegel glänzet.
Brockes 7, 295;
kaum noch wankte das rohr, und der see ward glatt wie ein spiegel.
Voss 1, 61;
s'ist eine schöne mondennacht.der see
liegt ruhig da als wie ein ebner spiegel.
Schiller Tell 2, 2;
vgl.:
und ein gewant von sîden guot
daʒ als ein liehter spiegel was.
Eugelhard 5321.
b)
mit beziehung auf seine herstellung: denn gleich wie das eisen jmer wider rostet, also lesset er (dein feind) auch von seiner tücke nicht. ... und wenn du gleich an jm polirest, wie an einem spiegel, so bleibt er doch rostig. Jes. Syrach 12, 11; gleich wie wir zu unsern beptisschen mügen sagen, wir wollen ewer evangelium nicht auffheben, noch anders predigen, sondern dasselb leutern und polieren als einen spiegel, der verfinstert und verdorben ist durch ewern unflat. Luther 5, 372ᵇ.
c)
mit hervorhebung der verwendung des gerätes: wie der spiegel ein aug der kunst ist, also ist das aug ein lebhafter spiegel der natur, ut speculum oculus est artis, sic oculus speculum est naturae. Dentzler 4, 736ᵃ. mehr unsinnlich: wer daʒ gotes wort hœret und niut dar nâch würket, der tuot alsô der sich besihet in eime spiegel, wann wer in einer (statt einen spiegel siht, sô er dannan komet, sô vergiʒʒet er schiere sîn selbes bilde. sprüche deutscher mystiker. Germ. 3, 233ᵃ; doch gewöhnlicher: sein leben wie in einem spiegel besehen, vitam quasi in speculo intueri. Steinbach 2, 624; ähnlich: der lebet wohl auf erden, der täglich sein hertze für seinen spiegel braucht. Butschky Pathmos 434; wie eine frau nicht leichte aus dem hause gehet, sie habe denn zuvor in spiegel gesehen: also sollen wir unser fürnehmen vor den spigel der vernunfft stellen und wohl betrachten. 394. die geschichte und der spiegel, haben eine artige vergleichung, indehm jene das wandelbahre menschliche leben, dieser das veränderliche angesichte, jene die belibte tugend und laster, dieser die schönheit und heslickeit ... abbildet und vorweiset. 430;
ich bin beschämt, und seh' in deinen worten,
wie in dem klarsten spiegel meine schuld.
Göthe 9, 169 (Tasso 2, 5).
mit hervorhebung der art des widergestrahlten bildes: das lob ist der tugend widerstrahlung und zihet, wie in spiegeln geschihet, etwas aus der natur des körpers, der die widerstrahlung gibet. Butschky Pathmos 356;
drum jeder leidenschaft den zügel,
und nach den wolken hin den blick!
mein freund, denn nur der reine spiegel
strahlt ungetrübt die welt zurück.
Grillparzer⁴ 2, 70.
(vgl. unten 5, b.) im vergleiche mit menschen; mit bezugnahme auf des spiegels vermögen der widerstrahlung: es kan der mensch einem spigel verglichen werden: dessen sele dem glase, der leib aber dem bley oder silbergrunde gleichet. ist nun ein fehl oder steinlein im glase, so wird solches auch in dem gegenbilde und angesichte der bespiegelten person widerscheinen; wie eine boshafftige sele ihre laster an dem nächsten freunde und gesellschaft erweiset. Butschky Pathmos 325; o, du lieber freund, wie sehr vermissest du ein weib, das, gleich einem reinen spiegel, dein herrliches leben auffängt und dir wiedergibt. Brentano 5, 275. in verschiedenen andern wendungen: es waren auch do gar vil hübscher frawen die all grosse freud heten, das sy erlediget waren von der grossen undertenigkeit darinnen sy gewesen. ... und hetten gar ein grosz wolgefallen ab irem künig und sahen yn all an als ob sy in einen spiegel sehen. könig Pontus (1498) k 3ᵃ; vgl.: er (der jüngling zu Naim) was ein spiegel irer augen und ir augenweid, gieng sie usz dem husz, so gab er ir fröd, wan sie in an sahe, so ermant er si an ir huszwirt. Keisersberg evangelien (1522) 63ᶜ;
der von im selber wol geschwur,
er sei halt ganz der frauen spigel.
fastn. sp. 229, 12 Keller.
geistlich, im vergleich mit dem vorbilde Christi: darumbe wart er hôch an daʒ kriuze erbœret unde genagelt offenlîch ûf dem velde aller der werlde an ze sehenne (als man die spiegel spulget an diu tiursiule ze nageln, daʒ diu ûʒ und în gênden sich dar inne ersehen). d. myst. 1, 326, 11 Pfeiffer; vgl.:
ein spiegel an ein siule geslagen,
der mac diu siule niht getragen
und ist doch den liuten guot,
daʒ ieder mensch nâch sînem muot
in dem spiegel sich erschout. ...
dâ gelîche ich Christum zuo.
Teichner 192 Karajan.
in bezug auf Maria:
dû bist gelîch dem spiegel
ob der enzwei gebrichet joch,
sô schouwet sîn antlütze doch
der mensche in den stücken wol.
goldne schmiede 732.
4)
in übertragener bildlicher verwendung.
a)
mit hervorhebung des im gerät sich zeigenden bildes, häufig ganz an stelle von spiegelbild, abbild u. s. w. gebraucht, doch oft mit gewissen aus dem sprachgebrauch der mystiker sich herleitenden bedeutungsübergängen zu dem worte spekulation (s. oben), in der weise, dasz spiegel als ein mittel der spekulation aufgefaszt wird, um zu einer göttlichen wahrheit zu gelangen, eine anschauung, die noch bis in späte zeiten dauert. vgl.: speculatio dicitur a speculo — videre autem aliquid per speculum est videre causam per effectum, in quo ejus similitudo relucet. Thomas v. Aquino 2, 2, 180; sogar als unterscheidendes gegenüber der contemplatio: quamvis contemplatio et speculatio per in vicem poni soleant, aptius tamen et expressius speculationem dicimus, quando per speculum cernimus, contemplationem vero, quando veritatem sine aliquo involucro umbrarumque velamine in sui puritate videmus. Richard v. S. Victor de contempl. 5, 14. als Paulus saget, die creaturen sint als ein spiegel, in dem got widerliuhtet unde diʒ erkennen heiʒet ein speculieren. Seuse, vgl. Weinhold Lampr. v. Regensburg s. 499; ich wil in ziehen in daʒ wild (l. bild) miner hailigen gothet, in der er sich selber von minnen in mir verliesen sol, und wil in senken in den hailigen spiegel miner hailigen gothait, da er min götlich ere clarlich schawen sol. Margarete Ebner 76, 20 Strauch; in dem spigele der scrift seh wir wie minnenclich, wie reine und wie guͦt sin gotheit ist. Schönbach predigten 1, 85, 10; der spigel sines antluͦtzes daʒ ist die heilige scrift an der er uns wiset sin herliche antluͦtze des die engele niht muͦgen wolsatet werden. 8; disen herren sule wir sehen an deme spiegele siner schefnisse also lange, daʒ wir gewachsen an die clarheit siner edelen gotheit. 18; den spigel, da du dinen scepher an beschowen solt, daʒ ist daʒ ewige himelriche. 14;
Syon betiutet also vil,
swer eʒ in tiutsch betiuten wil,
ein spiegel und ein schouwen.
Mone schausp. des mittelalt. 217;
so si (diu sêle) aber lûter unde reine
ist von tœtlîchem meine,
so 'st sie ein spiegel der minne,
dâ sich Jesus ersihet inne.
Lampreht v. Regensburg tohter v. Syon 282 Weinhold;
gieb, dasz im spiegel deiner wercke
voll lust, bewunderung und andacht, man deine wahre gottheit mercke.
Brockes 5 (1739), 134;
dem entsprechend in zusammensetzung:
dasz unsre seel' je mehr und mehr sich durch betrachtung angewehn,
im schönen creaturenspiegel die wahre gottheit anzusehn?
133;
und mit beziehung auf 1 Cor. 13, 12:
lasz uns im creaturenspiegel hier, als in einem duncklen wort,
dein allmacht, weisheit, lieb' erblicken!
134;
in loserer fügung:
also kan der geist allein
in der creaturen spiegel seine krafft und wahres seyn
sehn, begreiffen und erkennen.
4 (1739), 120.
ein philister ist ein kerl, vor dem alle spiegel, und so auch die schöpfung, gottes spiegel, blind sind von ewigkeit. Brentano 5, 385;
die welt ist gottes reiner spiegel,
wenn dir's nicht trüb vorm auge flirret.
mit liebesblick schau in den spiegel,
und sei vom gottesglanz verwirret.
Rückert 5, 213;
auch in bezug auf einzelne menschen: ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest dem papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dasz es würde der spiegel deiner seele, wie deine seele ist der spiegel des unendlichen gottes. Göthe 16, 8 (Werthers leiden);
freundlos war der grosze weltenmeister,
fühlte mangel, darum schuf er geister,
sel'ge spiegel seiner seligkeit.
Schiller 4, 50 (philosoph. briefe);
ähnlich.
komm', o sohn, der süszen schöpfungsstunde
auserwählter, komm' und liebe mich! ...
meine welt ist deiner seele spiegel.
meine welt, o sohn, ist harmonie.
Hölderlin 1, 35 Köstlin.
dann oft mit gröszerer hervorhebung der bedeutung 'abbild, ebenbild': (von Christus) hie was her ein widergebildeter spiegel gotgeformeter glîcheit und was mêr wanne ein prophête. d. myst. 1, 144, 39 Pfeiffer; (Christus), der ein spiegel ist des väterlichen herzens. Luther groszer katech. 113 Bertheau; (von Adam) gesegnet mir vor allen, mann aus kühler erde, meiner schönheit spiegel, wie lieb ich dich! du bist mir gleich in deiner unschuld. Fr. Müller 1 (1825), 41;
wir werden selbst, wenn, in der schönheit der creatur und ihren schätzen,
wir uns an ihrem ew'gen ursprung in ehrfurchtsvoller lust ergetzen,
von der allgegenwärtgen gottheit, dem schöpfer himmels und der erden,
und seiner weisheit, herrlichkeit und macht vernünft'ge spiegel werden.
Brockes 5 (1739), 134;
seine werke sein der spiegel seiner reden; sein leben ist ein spiegel seines gemüttes; sein auge ist ein spigel seiner gedanken. Butschky Pathmos 430; was kann er (der menschenfeind) gelitten haben, das ihm durch den besitz dieser tochter nicht unendlich erstattet wird? darf er einem geschlechte fluchen, das er täglich, stündlich in diesem spiegel sieht? Schiller 6, 288; gehört nicht ein eigenes ungeteiltes dasein zu ihrer anschauung und anbetung? und bin ich der glückliche, dessen wesen das echo, der spiegel des ihrigen seyn darf. Novalis 2 (1898), 141; was ist denn auch eine mutter für ihren sohn? der spiegel seiner ohnmacht von gestern oder von morgen. Hebbel 1, 48; die litteratur, die so lange der neue spiegel aller deutschen herzensgeschehnisse gewesen war. Treitschke d. gesch. 3, 682;
bis heute konntet ihr
in meinem schlummer mich verharren lassen?
ihr, den ich meinen freund genannt? der mir
ein treuer spiegel immer war von allen
gedanken, die in meinen reichen keimen.
Schiller don Karlos 3, 4.
denn sie (die weisheit) ist ein glantz des ewigen liechts und ein unbefleckter spiegel der göttlichen krafft. weish. Sal. 7, 26; wie der regenbogen ein spiegel ist göttlicher gnaden und barmhertzigkeit; also ist das donnerwetter, hagel, blitz und schlossen ein spiegel seines zorns. Harsdörffer mordgesch. 578;
doch was mein eignes amt, dasz diese welt
ein spiegel sei, ein abbild deiner ordnung,
dasz fried' und eintracht wohnen brüderlich, ...
das will ich üben, stehst du, gott, mir bei.
Grillparzer⁴ 8, 77.
b)
in einem biblischen bilde der unvollkommenheit menschlichen wissens: wir sehen jtzt durch einen spiegel in einem tunckeln wort, denn aber von angesicht zu angesichte. itzt erkenne ichs stücksweise, denn aber werde ich erkennen gleich wie ich erkennet bin. 1 Cor. 13, 12. mit rücksicht auf diese stelle die gegensätzlichkeit: das (erkennen) wollen wir sparen bis in jenes leben, da werden wir es in dem spiegel der heiligen dreifaltigkeit oder gottheit von angesicht zu angesicht sehen. Luther 20, 362, 19 Weim. ausg. vgl.:
jetzt im räthsel, jetzt im dunkeln spiegel
einst erscheinet uns der warheit siegel
wirklich: angesicht zu angesicht.
Herder zur schönen literatur u. kunst 4, 154.
neuere übersetzung faszt den sinn der stelle: denn wir sehen jetzt mittels eines spiegels räthselgleich, dann aber angesicht gegen angesicht. vgl. Holtzmann handcommentar zum neuen testament 2³, 173.
c)
die eigenschaft des gerätes, den sich beschauenden menschen auf körperliche mängel und fehler aufmerksam zu machen, wurde dann auch schon früh in bildlicher oder übertragener verwendung zu der moral in beziehung gesetzt, dasz schäden, durch solche bespiegelung erkannt, darnach gebessert und beseitigt werden können. der eigentlichen bedeutung noch nahe stehend in der heute noch lebendigen, sprichwörtlichen redewendung einem den spiegel vorhalten, ihn auf seine fehler aufmerksam machen: ja! ich will zu ihr — will hin — will ihr dinge sagen, will ihr einen spiegel vorhalten — nichtswürdige! und wenn du auch dann noch meine hand verlangst. Schiller kab. u. liebe 1, 7; vgl. mhd.:
den gotes briuten allen treit
dîn schœne vor den spiegel.
goldne schmiede 245;
es ist ein zauberspiel, ein nachtgesicht, dasz mich erschreckt, das mir einen spiegel vorhält, darin ich das ende meiner verräthereyen ahnungsweise erkennen soll. Göthe 10, 119 (Clavigo 5). von der schaubühne: sie ist es, die der grossen klasse von thoren den spiegel vorhält, und die tausendfachen formen derselben mit heilsamem spott beschämt. Schiller 3, 517.
d)
mit rücksicht auf die mittel solcher bespiegelung: also sind die zehen gepot ein spiegel, dareyn wir sehen, was wir für leut seyn. Luther 16, 497, 29 Weim. ausg.; du solt daz lesen der heiligen geschrifft brauchen für einen spiegel, und was du unschaffens und wüstes findest an deinen sitten, solt du straffen, was hübsch ist, solt du behalten, unnd noch hübscher machen. Keisersberg dreieckecht spiegel Aa 1ᵃ; wenn wir sehen und wissen wollen, warüm der eifrige herr Zebaoth so sehr zörne ... so sehen wir aus dem spiegel göttlichen wortes, das unsere grosse sünden alles verursachet. Butschky Pathmos 431;
so ist es (das gesetz) nur ein spiegel zart,
der uns zeigt an die sündig art
in unserm fleisch verborgen.
P. Speratus im hannov. gesangb. 264, 3;
lasz dein wort mir einen spiegel
in der folge Jesu sein.
Schmolck ebenda 192, 9.
von der schaubühne: ohne roth zu werden sehen wir unsre larve aus ihrem spiegel fallen, und danken ingeheim für die sanfte ermahnung. Schiller 3, 518; ich gebe zu, dasz eigenliebe und abhärtung des gewissens nicht selten ihre beste wirkung vernichten, dasz sich noch tausend laster mit frecher stirne vor ihrem spiegel behaupten, tausend gute gefühle vom kalten herzen des zuschauers fruchtlos zurückfallen. ebenda. (gegensätzlich:) wir wollen die wahrheit vom festen glasspiegel eines systems gezeigt erblicken, nicht von dem beweglichen wasserspiegel des drama, welcher durch sein zittern und wogen die ruhigen blumen und bäume des ufers reizend schwanken läszt. J. Paul kl. bücherschau 1, 173;
denn hie in einem spiegel klar
wird fürgestellet offenbar,
das unsers lebens ehr und macht,
frewd, herligkeit, ruhm, zier und pracht
sey nur ein traum und falscher schein.
Hollonius somnium vitae humanae 11 neudr.;
der dichter zeigt im spiegel des gedichts,
wie tag und nacht im morgenroth verschwammen.
Hebbel 7, 174.
auch vom dichter. (mit dem gegensatz zu spiegelbild): Shakespeare ist der spiegel, nicht das spiegelbild seiner zeit. er zeigt uns die leidenschaften seiner zeit dramatisch in den kämpfen handelnder und leidender personen. Ludwig 5, 53; im neueren drama dagegen wie fast in der ganzen neueren litteratur ist der dichter selten der spiegel, meist das spiegelbild der zeit, sind die leidenschaften der zeit nicht der objectiv behandelte stoff. 54; 'der dichter soll ein spiegel aller dinge sein. Schmidt aber spiegelt nichts, er giebt nur die natur selber.' 'gut, gut', fiel T. ein, ... 'der Schmidtsche spiegel, ist gar kein spiegel, sondern nur ein spiegelrahmen.' Fontane vor dem sturm 1, 141. auch sonst: entweich von mir, du meine strafe, du spiegel, worin ich alle meine begangnen sünden schaue. F. Müller 3, 324;
sie ist ein treuer spiegel deiner seele
und schmeichelt nicht, wie andre spiegel pflegen.
Wieland suppl. 4, 17;
vgl. die sprichwörtliche redensart: es giebt keinen treuern spiegel als einen alten freund. Wander 4, 692; der beste spiegel ist ein alter freund. 691;
ein glück für dich, dasz es so viele sahn!
wärst du's allein — den spiegel meiner schmach
haut ich in stücke.
Hebbel 1, 172;
vgl.:
sîn vürste in êren sol
ein spigel angesihtes.
Frauenlob 413, 19.
euer leben ist das orakel, das ich vor allem zu rathe ziehe, über dem was ich thun will, der spiegel, durch den ich alles betrachte. Schiller 2, 20 (räuber schausp. 1, 1);
ich kann nicht leben, wenn sie mich verdammt,
ihr auge war von jeher mir der spiegel,
vor dem ich all mein thun und fühlen prüfte.
Grillparzer⁴ 3, 235.
mit weiterem adjectivischen zusatze: damahls verglichst du immer die andern mit dir, und glaubtest dabey zu gewinnen, weil du dich selbst in dem täuschenden spiegel des eigendünkels sahst. Wieland 25, 312; unfehlbar würde er dieser schlinge entgangen seyn, hätte man ihn zu athem kommen lassen, hätte man ihm nur ruhige musze gegönnt, seinen eigenen werth mit dem bilde zu vergleichen, das ihm in einem so lieblichen spiegel (des glücks und erfolgs) vorgehalten wurde. Schiller 4, 269; neid, furcht, verwünschung sind die traurigen spiegel, worin sich die hoheit eines herrschers belächelt. kab. u. liebe 1, 7;
ehrwürdig nur, weil schlaue hüllen sie (die ewigkeit) versteken,
die riesenschatten unsrer eignen schrecken
im holen spiegel der gewissensangst.
4, 29 (resignation).
e)
dann, mit rücksicht auf den vorbildlichen wert des im spiegel geschauten, im sinne von beispiel, muster, vorbild u. s. w.: und das schreyb ich darumb an, nicht von rombs wegen, dann es streflichen ist sich zu rümen, allein das meine kinder daran ein spiegl haben. d. städtechron. 11, 749, 1 (z. j. 1468); (neben exempel:) so sie doch ja als heilige leute, die schrifft teglich lereten und gute werck thaten, das man sie hielte für den besten kern des gantzen jüdischen volcks und für die heiligsten auff erden, und alle welt auff sie sehen muste, als jren spiegel und exempel, darnach sie leben solten. Luther 5, 396ᵇ; nim zuͦ einem spiegel Eurialum, unnd sein allerliebste Lucretia, bedenck was grossen schmertzens yhn beyden jrs abscheydts halben zuͦ stuͦnd. ritter Galmy 14ᵇ; einen spiegel an jemand haben, havere specchio in uno. Kramer dict. 2 (1702), 862ᵃ; lasz dirs zu einem spiegel dienen, che questo ti serva di specchio, cioè di esempio. ebenda; vgl.: wer den spiegel kündte ynn sich bilden, der würde seinen feinden leichtlich vergeben. Luther 24, 708, 9 Weim. ausg.;
mit gotsforcht, zucht, gehorsam, ehr,
mit fleisz und tugent wol gezieret,
bist du der spiegel und die lehr,
mit welchem dein geschlecht prachtieret.
Weckherlin (1648) 828;
vgl.:
wilkomen, Rûal der werde
ein spiegel ûf der erde!
Tristan 4330.
mit beziehung auf bestimmte lebensalter und stände: ich dencke jetzo an einen vornemen alten auffrichtigen hessischen edelmann ..., welcher ein exemplar und ein spiegel eines alten adelichen Teutschen war. Schuppius 236;
gleichlosz ist er zu überwinden,
und zu verzeihen gleicher weisz;
also dasz er billich durch seine thaten
ein spiegel ist für fürsten und soldaten.
Weckherlin 442;
des friedens lehr und lieb, ein beyspihl der soldaten,
der spiegel guter räht, sigweiser in dem streit.
687;
die geistlich zucht mag er wohl lernen
und mag ein spiegel der münche werden.
wunderhorn 2, 460 Boxberger;
kummet und schauet des landes gerühme,
kummet und rühmet der schönheit geblüme,
kummet und sehet den spiegel der jugend.
Logau zugabe 213;
wie im mhd.:
lâ dir mîn angest sîn geklagt
durch die hœhesten magt
diu aller megde spiegel ist.
gute Gerhard 2239;
nu fröu dich daʒ der lebende Crist
dîn kint dîn got dîn schepfer ist
und daʒ du bist
ein spiegel aller wîbe.
lobgesang auf Maria 45, 8 in Haupts zeitschr. 4, 530;
ein here dochter si gebirt,
di ein ewic luchte wirt,
ein heilwag und ein wuͦnne,
ein spiegel in ir kunne.
Elisabeth 282 Rieger.
mit anderen sächlichen bestimmungen: als vil sich ein ieglîch mensche mêr lûtert nâch dem spiegel dîner heilikeit hie in erde, als vil wirt er dort in himelrîche gelîch dem liehten spiegel dîner gotheit. d. myst. 1, 363, 25 Pfeiffer; vgl.: spieghel der deughden, exemplar virtutum. Kilian; ein spiegel aller ritterschaft! Eiselein 573; noch heute ein spiegel der rechtlichkeit sein;
ich binʒ, ein spiegel der vil klâren reinikeit.
Frauenlob leich 12, 3;
ir sont der tugent ein spiegel sîn
unt gotes bild, ein klarer schîn.
Mone schauspiele 1, 217;
du einiges beyspihl des hochgebornen stands,
du spiegel alles wehrts.
Weckherlin 665;
zierd alles fürstlichen und höchstgeehrten standts!
o spiegel aller ehr!
678;
er (Christus) ist der spiegel der geduld,
und wer sich sehnt nach seiner huld,
der musz ihm ähnlich werden.
Gerhardt 210, 33 Gödeke;
es (Christi tod und leiden) soll mir sein ein spiegel
der unschuld und ein siegel
der lieb und unverfälschten treu.
73, 64;
also sprach, von schlechten menschen
angereget, don Alfonso;
so sprach er zum ruhm und spiegel
aller tapferkeit, zu Cid.
Herder 28, 488 Suphan;
mit weiterer adjectivischer bestimmung:
guter Heinrich von der Aue,
blume du der jugend und der schöne,
klarer spiegel aller rittertugend.
Chamisso 6, 246;
vgl.:
allein was will man sich um viel exempel mühn?
dein leben, seligste! war ein polirter spiegel,
aus dem die gottesfurcht mit reinen strahlen schien.
Günther 1089.
f)
selten in der bedeutung 'abschreckendes beispiel':
so würde sich die göttin des armen
liebhabenden jünglings erbarmen,
dich straffen wie die tochter mein, ...
mein tochter dir ein spiegel ist.
H. Sachs 17, 123, 11 Keller-Götze;
manchen an den halsz — andern zum spiegel — aufknüpffen. Kirchhof milit. discipl. 219; selbst in den begriff spott, schande übergreifend: ein schimp, spot und spegel werden. quelle bei Schiller-Lübben 4, 309ᵇ;
so lât one uns begraven nach unsem wone,
so ne derf he nicht to speigel stân
den, de dâr vor henne gân.
niederd. Marienklage 306 Schönemann.
von hier aus übergang zu der bedeutung von spektakel 1 und 2 (s. oben sp. 2131): da ist er ausz dem beth gewüscht, hat diesen jammerlichen und erschrocklichen spiegel funden. Kirchhof wendunm. 304ᵃ; und were sie vielen weibern in kindesnöthen beyhülfflich geweszen, und viele kinder gebähren sehen, aber solchen elenden spiegell hette sie nie gesehen, es hette gar zu jammericht gesehen wie das kind zugericht gewesen und ausgesehen. quelle bei Vilmar 392; in summa es were ein solcher elender spiegell gewesen, dergleichen sie nie mehr gesehen. ebenda; in welchem gewesser viele menschen undt viehe auch sonst viele sachen jemmerlich verdorben und umbkommen, deren draurigen spiegel ich viele zwischen Eschwei und Allendorff midt augen gesehen. Dietrich chronik von Schwebda z. j. 1641 ebenda; zwischen Eschwe und diesem dorffe (Schwebda) stunt die schönste winderfrucht, da nicht eine metzen zum brauch ubrigk bliebe, da wart ein traurigk spiegel, sonderlich vor die armen leute. z. j. 1654.
g)
auf grund der bedeutung e wurde dann spiegel häufig als titel von büchern lehrhaften inhaltes verwandt, vgl.:
spigel der Saxen
sal diʒ buch sîn genant
wende Saxen recht ist hir an bekant,
als an einem spiegele de vrouwen
ir antlitze beschouwen.
Sachsenspiegel vorrede (Homeyer 1, 131);
dit ist nu der ritter spigil,
darinnen si sich sullin beschowin.
ritterspiegel 4101 in Bartsch mitteld. ged. 211;
unt lant diʒ kleine büechelîn
iuwer sele spiegel sîn.
eʒ sol der spigel sîn genant,
ir sült eʒ dicke nemen ze hant,
so mügent ir gotes minne
erkennen wol dar inne.
Mone schausp. des mittelalt. 1, 215, 22. 23.
vgl. ferner Schwabenspiegel, theil 9, 2146; spiegel allr tœutzher læute, gewöhnlich Deutschenspiegel genannt. vgl. Schröder d. rechtsgesch.² 640; spieghel der leyen. titel eines moralischen lehrgedichts des Gerhard Buck von 1444;
damit so hat disz buͦch seinn namen
der layen spiegel, des nit schamen
Ulricus Tenngler sich bedarff.
Brants vorrede zum layenspiegel (Zarncke 170ᵇ);
durch betrachtung und bekärung der bösen gebreych in schweren sünden, ist gemacht dieser spyegel der blinden. büchlein v. 1522. Gödeke grundrisz 2, 279; der frawen spiegel, in wellichem spiegel sich das weyblich bild, jung oder alt beschauwn sol oder lernen zu gebrauchen die woltat gegen irem eelichen gemahel. büchlein, gedruckt in Straszburg um 1520; der jungen knaben spiegel ein kurtzweilig history zweier knaben ... durch Görg Wickram. Straszburg 1554; speculum magistratus politici. das ist: spiegel der weltlichen obrigkeit ... durch Andream Cranium. Erfurt um 1570; der fürstenspiegel von J. J. Engel. Berlin 1798. vgl. fürstenspiegel überschrift eines epigramms von Voss aus dem jahre 1793 (werke 6 [1802], 310) u. s. w. mit beziehung auf den gegenstand: spiegel der sitten im latein genannt speculum morum. titel eines von Albrecht v. Eybe verfaszten und 1511 in Augsburg erschienenen buches;
der richterlich clagspiegel gnant
binn ich vor nit als wol erkant.
Brant ged. zum richterl. clagspiegel (Zarncke 171ᵇ);
spiegel der frombkait. nicht allain der jugendt, sondern auch den alten ... nutzlich. titel eines 1544 erschienenen gedichts von Joh. Venator; spiegel und regiment der gesundheit. titel eines 1544 zu Frankfurt erschienenen buches von W. Ryff; spiegel geistliches lebens. titel eines lehrgedichts von Conr. Lautenbach (1590); spiegel der gerechtigkeit. titel eines 1597 in Augsburg erschienenen lehrgedichtes; speculum peccatorum mortalium. das ist: spiegel der siben hauptlaster und siben tugenten ... nach poetischer art beschriben durch Joh. Mayer. München 1605. lexicalische belege für diese verwendung als titel: ehren-, tugend-, zuchtspiegel, idea et exemplar virtutis ac honoris. Stieler 2066; exempelspiegel, exemplorum thesaurus ac speculum. ebenda; geduldspiegel, spectaculum patientiae. ebenda; glaubensspiegel, fidei specimen. ebenda; hoffartsspiegel, spectamen fastus. ebenda; jammerspiegel, exemplum humanae miseriae. ebenda; laster sive bosheitspiegel, exempla vitiorum. ebenda; lebensspiegel, speculum vitae. ebenda; redespiegel, speculum eloquentiae. ebenda; sündenspiegel, peccatorum speculare, qualis est decalogus. ebenda; weiszheitspiegel, disciplina sapientiae. ebenda; andachtspiegel, specchio, esempio di pietà. Kramer dict. 2 (1702), 862ᵃ; tugendspiegel, specchio cioè esemplare, modello di virtù. ebenda; zuchtspiegel, specchio di disciplina. ebenda; gewisse andachtsbücher führen noch zuweilen die namen andachtsspiegel, sündenspiegel, gewissensspiegel, lebensspiegel u. s. w., sofern sie vorschriften enthalten, sich in der andacht zu üben, sein gewissen zu prüfen. Adelung. der goldne spiegel. titel eines 1772 von Wieland erschienenen werkes (werke 1. 2). spiegel, in Niederdeutschland bezeichnung eines öffentlich aushängenden verzeichnisses der zölle: in dessem jare lede de rad to Luneborch enen groten unwontleken tollen up alle gudere, de to Luneborch ghesleten wurden edder dorgebracht, unde hengenden den spegel vor der vorsten lande. quelle bei Schiller-Lübben 4, 309ᵇ; en nye tollen ward gelecht to Grevesmolen ... unde dessen spegel hadden de van Luneborch uthgegeven. ebenda.
5)
ganz fest gewordene übertragungen.
a)
am naheliegendsten und deshalb häufig zu belegen als bezeichnung der ebnen, klaren, das hineinschauende wiederspiegelnden wasserfläche (vgl. oben 3, a): es sagt jener, dasz das helle wasser der beste spiegel, als in welchem man nicht nur seine fehler sehen, sondern auch selbe zugleich abwaschen könne. Harsdörffer mordgesch. 585; vgl.:
das wasser, auch die glatten cörper, worin vom himmel und der erden,
von angestrahlten bäumen, blumen, gebüschen, wäldern, thal und hügel,
die schönheit sich verdoppelt zeigt, sind von dem spiegel gegenspiegel.
Brockes 5 (1739), 133;
ein spiegel ist ein köstlich ding,
wie junggeselln und jungfern wissen,
die pfütze war so ziemlich klar,
und alles, was am ufer war,
erschien und malte sich auf ihrer glatten fläche.
Lichtwer 60.
dann aber auch ward mir gegeben viele irdische herrlichkeit, und was zum leben nöthig und lustig ist, denn ich ward gelehret, dasz der glanz der sonne all mein gold sei; der spiegel der flüsse all mein silber, die grünen wiesen mit ihren blumen all meine teppiche und tapezereien. Brentano 4, 19; der wohlhabende besitzer ist ein ehrsamer pfahlbürger des dorfes, das sich über dem spiegel des sees Robanus ... erhebt. Vischer auch einer 1, 128; nur an dem einen flachern ende, wo es (das wasser des sees) thalwärts abflieszend, sich in einem stücke saftig grünen rasens verlor, war sein spiegel von der höhe des saumpfades aus sichtbar. C. F. Meyer Jürg Jenatsch 4; ein durchsichtig blauer winterhimmel umfing die Lagunenstadt und schaute sich mit gleicher kraft und helle tief aus dem spiegel eines ihrer vielen schmalen wasserbänder wieder entgegen. 99;
was halfs? Narcisz, der starrkopf, blieb
bei seinen sieben sinnen,
und lief, wie ein gejagter dieb,
sein gucken zu beginnen,
sobald die liebe sonne schien,
zum spiegel seiner quelle.
Hölty 6 Halm;
heil dir, mutter des lichts! sie bestrahlet den hain,
der vom fittich des winds auf dem gebirge nickt,
prägt ihr lachendes bild in den spiegel des bachs.
66;
und sie sahen gespiegelt ihr bild in der bläue des himmels
schwanken, und nickten sich zu, und grüszten sich freundlich im spiegel.
Göthe 40, 307;
vom flammenrothen wiederscheine brennt
des meeres spiegel und das firmament.
Schiller 6, 362 (Aeneis 440);
da gingen die augen mir über,
da ward es im spiegel (des bachs) so kraus;
sie sprach, 'es kommt ein regen,
ade, ich geh' nach haus'.'
Wilh. Müller 1 (1868), 12;
es sinkt die flut und ebnet sich zum spiegel.
95;
zwei spiegel sind, worin sich selber schaut mit wonne
die hohe himmels- und die höchste geistersonne:
ein spiegel ist das meer, von keinem sturm empört.
Rückert 4, 101 Böhme;
der nachen übern spiegel schosz,
als wie ein springend Perserrosz,
wild schäumt die woge hier und drüben
und scheint ihn wütend fortzuschieben.
Strachwitz 282 Weinhold.
auch gern in der zusammensetzung seespiegel (s. oben sp. 71), teichspiegel, wasserspiegel u. s. w.: wasserspiegel, fluvius imaginem vultus reddens. Stieler 2066; wasserspiegel, specchio che fà un acqua limpida. Kramer dict. 2 (1702), 862ᵃ;
es steigt die fluth; vom ring des deichs her
im abendschein entbrennt der wasserspiegel.
Storm 8, 240.
mit weiterem adjectivischen zusatze:
die pfützen, die (bei regenwetter) voll wasser stehn,
die lassen uns das licht noch stärker sehn,
indem so gar die wagengleisz und lachen,
sammt jeder fuszspur, sich zu kleinen spiegeln machen.
Brockes 2, 446;
ich hab' einen groszen spiegel,
das ist das grüne meer,
blasz werfen die wasserhügel
mein blasses gesicht mir her.
Strachwitz 128 Weinhold;
ein völlig glatter spiegel ist auf dem Bosporus selten. Moltke 8, 101; die fahrt war uns ein herrlicher genusz: man athmete auf dem glatten, freundlichen spiegel ordentlich auf. Götzen durch Afrika 164;
doch welch getöse rasch bewegter flügel,
welch sausen, plätschern wühlt im glatten spiegel?
Göthe 41, 108.
mit bezug auf seine klarheit:
himmlisch gold verklärt die hügel,
vor mir schimmert eine welt;
einen theil deckt heller spiegel,
einen theil gemaltes feld.
Lichtwer 271;
auf dem saatbekränzten hügel,
an des teiches klarem spiegel,
auf der au im buchenwald
ist ihr (der freude) liebster aufenthalt.
Göttinger musenalm. auf 1774 160;
der stille fels wird gangbar, dieser bach
in reinen spiegeln fällt er hier und dort.
Göthe 9, 277;
ähnlich:
du meeresspiegel fleckenfrei,
wie bist du flach und platt!
Strachwitz 250 Weinhold.
aus der ströme blauem spiegel
lacht der unbewölkte Zeus.
Schiller 11, 199 (klage der Ceres);
mit gröszerer freiheit in der übertragung:
dich (den delphin) wird auf feuchten spiegeln
noch Galatea zügeln.
A. W. Schlegel Arion (in Wackernagels leseb.² 2, 1272);
ich kann oft noch bei mondschein an die bäche hinausgehen und eine blume aufsuchen, die vor dem flieszenden spiegel zittert, und um welche ein mond oben und einer unten schimmert, und ich stelle mir das blumenfest im morgenland vor, bei dem man nachts um jede gartenblume einen spiegel und zwei lichter setzt. J. Paul Hesp. 3, 130;
tief an des berges fusz, der gählings unter mir abstürzt,
wallet des grünlichten stroms flieszender spiegel vorbey.
Schiller 11, 84 (spaziergang);
heiszt ihn
auf die hügel klimmen, um des meeres
flüssigen spiegel und der hochgebirge
blaue fernen anzuschau'n.
Platen 328ᵃ;
dann sogar: der mond schien in sein (des springbrunnens) bewegtes wasser und gewandete die geister, die auf seinem wogenden spiegel sich mir zeigten in silberglanz. Bettine tageb. 99;
hauche des frühlings bebten durch die erlen,
beugten lispelnd der jungen blumenwiese
zarte halme, wiegten sich auf des weihers
wallendem spiegel!
Matthisson 1, 48.
gemäsz dem ausdruck hohes meer, hohe see:
wie brennend silber funkelte das meer,
die inseln schwammen auf dem hohen spiegel.
Storm 8, 237.
ganz entsprechend auch von der gefrorenen wasserfläche: der see hat einen glatten gefrorenen spiegel. in der zusammensetzung: sein (des mondes) licht schien der frost in körper zu verdichten, in weisze auen, in taumelnde ströme, ... es glimmte die östlichen berge hinauf, die die sonne in eisspiegel gegossen hatte. J. Paul 9, 84.
b)
in bezug auf die seele, das herz des menschen, wol mit zugrundelegung des bildes eines wassers. vgl.: wie die natur selbst ihre spiegel hat, im wasser und in der luft, so will auch die dichterseele von den äussern dingen ein gegenbild innerlich hervorbringen. Uhland mythus von Thor 10. dasz daneben auch beeinflussung vom sprachgebrauche der mystiker her anzunehmen sei (vgl. oben 4, a), macht wahrscheinlich: wan sie haben wunderleicheu werch von der stern kreften, die sich in ir form drückent, reht sam ain gaistleich form oder ain ebenpild ains geminten dinges, daʒ in den spiegel deiner vernunft ist gedrückt, daʒ zeuht dich von ainer stat an die andern. Megenberg 380, 1. mein herz pitet mich und mant mich der spiegel meiner sêl umb sölich zuogâb in disem puoch. 205, 4; in dem tag wirdet hindan gesetzt alle weisunge, und der mensch jm selbs für gestelt, sein seel aus dem spiegel seines hertzens zuͦ schauen, da werden zeugen nitt ausz den frembden, sundern von jnnen ausz im selbs. Albrecht v. Eybe spiegel der sitten N 2ᵇ; und da schon Hippocrates bemerkt hat, dasz eine sanfte regelmäszigkeit der jahrszeiten auch auf das gleichgewicht der neigungen groszen einflusz zeiget: so hat sie solchen in den spiegel und abdruck unsrer seele nicht minder. Herder 13, 227 Suphan; weisz ich nur diesen spiegel helle, so läuft keine wolke über die welt. Schiller kab. u. liebe 1, 4;
zwei spiegel sind, worin sich selber schaut mit wonne
die hohe himmels- und die höchste geistersonne:
ein spiegel ist das meer, von keinem sturm empört,
ein andrer das gemüt, von keinem drang verstört.
Rückert 4, 101 Böhme;
als du blicktest in die wiesenquelle,
hätte sie gern entführt dein angesicht;
als du sahest in des spiegels helle,
hat er neidisch getrübt sein reines licht.
so blick in meines herzens spiegel,
und löse meines mundes siegel.
Hoffmann v. Fallersleben ged.⁹ 97.
mit weiterem adjectivischen zusatze:
wollt ihr dieses holde wesen,
ihrer seele schönen spiegel,
der auf seiner klaren fläche
rein die schöpfung stellet dar,
weil er selber rein und klar ...
mit des hasses athem trüben?
Grillparzer⁴ 3, 56.
c)
sonst auch in bezug auf theile des menschlichen körpers. mit rücksicht auf die wiederspiegelnde eigenschaft des auges: der augen spiegel ist sô frei, dasz das clain augäpfelein nimpt ain pild aines ganzen menschen oder ains grœʒern dinges. Megenberg 10, 13; weg, du bist ein schlechter mensch, und nicht werth in dem spiegel meines auges zu lesen. Klinger 2, 348. der mensch hat einen doppelten spiegel, d. h. die gegenstände spiegeln sich im auge doppelt wieder, schon seit alters ein merkmal und kennzeichen des bösen blicks; vgl.: solche jhre bosheit schadet am leichtesten denselbigen, die unter vierzehen jahren sein. insonderheit sey zu mercken, das sie zweyfache spiegel und sternen in den augen haben. Rollenhagen indian. reisen (1603) 52;
und unser aug' ein sinnlicher, lebend'ger spiegel, der den geist,
auf eine sonderbahre weise, durch cörper etwas geistigs weist.
Brockes 5, 133;
ein spiegel von bösem schimmer,
das ist dein auge blau,
darin ich nimmer und nimmer,
und nimmer mich müde schau.
Strachwitz 129 Weinhold.
von einem jugendlichen, hübschen, glatten angesichte: spiegel nonnunquam faciem quoque hominis notat. Stieler 2066. vgl. für das verständnis dieser übertragung: grave Ludwig von Cannossa schalte an etlichen weibern, die sich anstrichen, dasz sie darvon glieszen und sich einer darinn, wie in einem spiegel, besehen mochte, und hatte es hoch für übel. Kirchhof wendunm. 2, 112 Österley, ohne dasz jedoch die anwendung solcher künstlichen mittel für die folgenden verwendungen als voraussetzung notwendig angenommen werden müsse. noch mit erklärendem genitivischen zusatze: die anwesenden potentaten verwunderten sich über den spiegel seines antlitzes. polit. stockfisch 114; wir wechselten hier blicke, die in die verborgene tiefe dringen sollten. den meinen gelang es; aber der glatte spiegel meiner jugendstirne blendete den forscher. Klinger 4, 112. dann ganz absolut:
ja solte gleich die zeit den spiegel dir (mädchen) verderben,
und dein gesichte so wie deine jahre sterben,
so soll mir, schönste, doch noch deiner rosen schein,
und deiner glieder schnee stets für den augen sein.
B. Neukirch bei Hoffmannswaldau 1, 55;
ein blüthenfeld beneidenswerther jahre
sah lachend mich aus diesem spiegel an.
Schiller 6, 32;
häufig mit einem verdeutlichenden zusatze: diese rittmeisterin war kein kind mehr, wiewol sie noch jung war, und vernarrete sich dermassen in meinen glatten spiegel und geraden leib, dasz sie mir endlich nach lang gehabter mühe ... nur allzu teutsch zu verstehen gab, wo sie der schuh am meisten drücke. Simpl. 1, 315 Keller; mein enkel, der uhlane, ... hatte doch mein pathchen sehr lieb, wie ich ihm vorher sagte, und sprach der schönen Annerl, wie die leute sie ihres glatten spiegels wegen nannten, immer von der ehre vor. Brentano 4, 183. dann auch scherzhaft verwandt als bezeichnung von culus, anus, podex, wo wendungen wie die heute noch lebende einem den spiegel weisen, sowol 'einem eine narrheit vorhalten' wie auch vergröbert 'ihm eine verächtliche gebärde machen', wol mit anlaszgebend waren:
der pfaff ward lachen, da ward sie schmutzen,
da liesz ich sie unten in meinn spiegel gutzen.
fastn. sp. 755, 5 Keller.
als deminutiv:
sollst mir's nur probiren,
ich will dir's fleisch kuriren,
will dir dein spiegelein
mit ruthen kehren rein.
wunderhorn 2, 239 Boxberger.
dann auch in wissenschaftlicher sprache: sie (die verschnittenen) haben auch ebenfalls wie diese (die weiber) über dem heiligen beine das, was wir den spiegel nennen, grosz, breit und flach. Winckelmann 4, 67; der vorige gang (auf allen vieren) hatte solche (kleider) nicht nöthig, das haupt sank zur erde, das verborgene war verborgen, und nur ... der nackte spiegel sah empor. Herder bei Campe. mit einem verdeutlichenden zusatze: da stuͦnd der pfarrherr mitten inn der kirchen, hett das gsäsz über abgezogen und zeigt inen den hindern spiegel (vgl. auch unten 5, e). Frey gartengesellsch. 77, 4 Bolte. dann auch bezeichnung des diese körpergegend bedeckenden gewandtheiles: 'wart nur, ich werde dir einen denkzettel machen!' und dabei griff er in die höhe und packte den jungen in den hosenspiegel. Storm 2, 169. über den eigennamen Eulenspiegel vgl. theil 3, 1195 (Aulnspiegel theil 1, 817) und jahrb. des vereins für nd. sprachforschung 19, 8; der name mag vielleicht auch zurückgehen auf die nd. imperativische bildung Ûlenspeigel (aus ûl den speigel 'kehr den spiegel'). vgl. Jeep im anhange von Murner gäuchm. 268 f. Uhl.
d)
in der sprache der anatomie heiszt ein theil des menschlichen und thierischen gehirns der spiegel: dieser ort oder stück des hirns, wird darumb der spiegel genennet, dieweil er glätter und hellgläntzender ist denn die andere ... unnd ist in den pferden etwas länger, schmäler und höher denn in den menschen. Uffenbach neues roszbuch (Frankf. 1603) s. 3.
e)
als bezeichnung für glänzende, weithin leuchtende stellen am thierischen körper: spiegel heiszt der grosze weisze fleck um das waidloch und auf den keulen des rehwildes. Thüngen waidm. practica 309; die stellung aines jung gesetzten (hirsch-) kalbes ist gewöhnlich rund zusammengelegt mit der nase am spiegel, weil es zu matt ist, den kopf aufrecht zu erhalten. Heppe jagdlust (1783) 1, 133 (vgl. auch oben 5, c). weiter bezeichnung für weiszglänzende stellen im gefieder der vögel: in der waidmannssprache spiegel, der grünblaue fleck auf den flügeln der wilden enten. Thüngen waidm. practica 309; ebenso der weisze fleck auf den flügeln des auer- und birkwildes. ebenda. besonders häufig als benennung der groszen grünlich schillernden augen in den schwanzfedern des pfauen: spiegel in der pfauen federen, oculi pavoninae caudae. Dentzler 2, 269ᵃ; pfauenspiegel, oculi pennarum in cauda pavonis. Stieler 2066; pfauenspiegel, specchio cioè le ruote di pavone. Kramer dict. 2 (1702), 862ᵃ (vgl. auch theil 7, 1631);
daran (an der vertheilung der gaben durch gott) lasz jm ein jedes gnügen.
die nachtigall vergan nicht dir
dein federbusch mit spiegeln zier.
Waldis Esopus 1, 106 Kurz;
die (sterne) glanzen wie der stolze pfau,
wann er voll spieglen glitzet.
Spee trutznacht. 107, 20 Balke;
vgl.:
zum andern hat nachred zwen flügel
gelantzend als ein pfabenspiegel.
H. Sachs 1 (1558), 298ᵃ.
von der glänzenden flügeldecke eines käfers:
rubin und gold wich ihrem (der käferin) spiegel,
der pfauen pracht dem bunten flügel ...
die käfer sahen sie mit lust.
Lichtwer 19.
f)
eine glänzende, glatte fläche an gegenständen: spiegel, die glänzende fläche, welche beim spalten des holzes in der richtung der markstrahlen hervortritt. vgl. auch unten spiegelholz. bei metallen: spiegel eine glänzende, ebene fläche kobald, kies, bleischweif, eisenstein. Jacobsson 4, 207ᵇ; wie das englisch und seiffenzin, vil plancker ist, und das hengster zin vil einen schönern spiegel unnd glast hat, denn andere zin, so im kisz oder sandstein brechen. Mathesius Sarepta 71ᵃ; die silber von den kupffern werden nicht nach der probe, sondern nach dem spiegel verkaufft. 71ᵇ; an solche seiffen füret man die wasser, und sticht modt und werg drein, das gehet im schlam weg, was grob ist, wirfft man mit der reutgabel ausz, der gute stein setzt sich zu boden, den hebt man, unnd macht jn uber die schauffel rein, darausz wird ein geschmeidig zihn, das sehr einen schönen spiegel hat. 99ᵃ. (vgl. bei einem krystall): und da sie ganz wie ein groszer, blitzender krystall geworden, schliff sie einen blanken spiegel und schaute hinein und ward ruhig. Brentano 5, 346. in der baukunst: die spiegel der gefächer waren ehedem weisz getüncht, ... jetzt sieht der gelbe lehm überall naseweisz durch. Horn rhein. dorfgesch. 1 (1854), 57; auch sonst bezeichnung von den bei baulichen gliedern hervortretenden glänzenden flächen. Jacobsson 7, 393ᵃ. im schiffsbau versteht man unter spiegel die ganze hinterseite des schiffs, doch ist es eigentlich nur die bezeichnung desjenigen schifftheiles, welcher von den randsomhölzern und dem heckbalken begrenzt wird. Bobrik 646ᵇ; spiegel, ein theil des schiffes, anaglypha, puppis encarpa. Steinbach 2, 624; nach einer weile hatten wir ein kleines schiff bestiegen: 'die wohlfahrt' hiesz es; der name stand mit goldenen buchstaben auf dem spiegel eingegraben. Storm 4, 5. spiegel, das band, welches das gebinde des flachses unter dem flachskopfe zusammenhält. Jacobsson 7, 389ᵇ. bei den feuerwerkern scheibe aus holz oder filz, welche das geschosz von der dahinterliegenden pulverladung trennt. 4, 207; vgl.: spiegel in einem böler ist ein rund abgedrehete scheiben, gleichförmig einer flachen schüszel gemacht. Zimmermann erklärung etlicher namen, die büchsenmaisterey, geschützes und feurwercks kunst betreffend (in Haupts zeitschr. 43, 100). spiegel, grosze rautenförmige masche in einem jagdnetze. vgl. unten spiegelnetz. bei den kuchenbäckern ein glänzender zuckerübergusz einer torte oder eines kuchens: schmieret ein oblat mit ein wenig rosenwasser, ... leget den taig darauf, und lassets miteinander gemach bachen, hernach nachet einen spiegel darauf, und bezieret den dortten wie es beliebt. Hohberg 3, 3, 104ᵃ; einige machen statt des überstrichenen ey einen zuckerspiegel darüber, wann der dortten gebachen. 104ᵇ; einige lassen nur zucker mit ein wenig wasser wohl aufsieden, und bestreichen die schlangen darmit anstatt des spiegels. 109ᵃ. dann auch scherzhaft übertragen auf die rotzflecken an den gewändern unsauberer. Weinhold 92ᵇ. Albrecht Leipziger mundart 214; vorhin aber hett in sein muͦter underweiset, da es ihm von nöten, solt er sich in ein tüchlein, dasz er bey sich trug, schneutzen, so verstunde er das tischtuch, und kleibt dareyn ein zimlichen spiegel. Kirchhof wendunm. 1, 104 Österley. dann auch: daͦs glaͦd haͦd an schbiagl, von einem kleide, das an der zum sitzen dienenden stelle abgeschabt ist. Castelli 230.
6)
in die stellung eines eigennamens übergreifend.
a)
als name von hausthieren, welche auf der stirne einen weiszen fleck haben. name eines pferdes Lexer kärnt. wb. 236; einer kuh Tobler 379ᵃ; eines rindes Hunziker 246; einer ziege Tobler 379ᵃ. auch umgekehrt heiszt ein sonst weiszes thier, das aber einen schwarzen fleck auf der stirne trägt, spiegel. Hertel 231. mit rücksicht auf andere eigenschaften: Spiegel, so war der name des kätzchens wegen seines glatten und glänzenden pelzes, lebte so seine tage heiter, zierlich und beschaulich dahin, in anständiger wohlhabenheit und ohne überhebung. Keller 4, 261 (märchennovelle Spiegel, das kätzchen); als das kätzchen Spiegel eben in der blüte seiner jahre stand, starb die herrin. 268; da sasz nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen stufe vor der hausthüre. 269; als der edle und gute Spiegel so heruntergekommen war, sasz er eines tages ganz mager und traurig auf seinem stein. 270 u. ö.
b)
kosename für ein lieblingskind, ausgehend wol von der verwendung spiegel als bezeichnung eines glatten, dann lieblichen angesichtes (s. oben 5, c). vgl. auch noch:
der von im selber wol geschwur,
er sei halt ganz der frauen spiegel.
fastn. sp. 229, 12 Keller.
der spiegel, das spiegeli, der liebling in der familie. Tobler 379ᵃ. schon von hier aus kommt man wol zu der verwendung des wortes als scheltnamen, denn spiegeli grothid selta waul, solche lieblinge sind in der regel die miszratensten kinder. Tobler a. a. o. mit rücksicht auf diesen ursprung die bemerkung: du spiegel! schimpfwort, in manchen gesellschaftsschichten sehr gewöhnlich, aber ein ehrbares scheltwort, auf welches man nicht klagbar werden kann. Vilmar 392; spiegel, scheusal Reinwald 2, 119; als ähnliches starkes scheltwort Hertel 231. diese verwendung entlehnt in franz. espiègle, verschmitzter geselle. Diez⁴ 302, das nicht gerade auf Eulenspiegel zurückzugehen braucht, sondern von der allgemeineren verwendung sich herleitet. hierher gehören wol auch redensarten: es ist wol ein heszlicher spiegel, o foeditatem hominis flagitiosam; quam horridus et distortissimi vultus homo est. Stieler 2066; es ist ein garstiger spiegel, egli è un brutto specchio cioè brutto it. vitioso. Kramer dict. 2 (1702), 861ᶜ.
Zitationshilfe
„spiegel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/spiegel>, abgerufen am 19.11.2019.

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