spindel f
Fundstelle: Lfg. 14 (1904), Bd. X,I (1905), Sp. 2492, Z. 64
fusus, ein auf die westgermanischen sprachen beschränktes wort, zu spinnen gebildet mittelst l-suffix. ahd. spinnala, spinnila, spinnela, spinnele Graff 6, 345; mhd. spinnele, panucula. mhd. wb. 2, 2, 510ᵃ; vgl. spinnile, spinnel, fusus Dief. 254ᵇ; daneben ahd. spinala, spinela Graff 6, 346; mhd. spinele, spinel, fusus. voc. opt. 13, 14; spinle, fusus Dief. 245ᵇ; spinll (neben spindel) Keisersberg (s. den beleg unter 1, c); vgl. ags. spinel, spinil, spinl, spinle. Bosworth-Toller 902ᵇ. hieraus wurde einerseits die form spille (s. oben), andererseits durch einschub des dem n entsprechenden zwischenlautes d spindel. vgl. Wilmanns gramm. 1, 153. spindel, fusus Dief. 254ᵇ; nadel, spindel, recinium. 487ᵃ. schon ags. findet sich spindel, tenticum Wright-Wülcker 278, 3; spindle, fusus 547, 32; vgl. Skeat 581ᵃ. lehnwort ist wol dän. spindel Helms 1, 397ᵇ, schwed. spindel (letzteres sogar bezeichnung von aranea, wol von der ähnlichkeit des spinnenden thieres mit dem zum boden hinabschnurrenden spinngerät). wahrscheinlich als masc. (wol in analogie zu rocken) als ganz allein stehenden fall in Schönbach altd. predigten 1, 71, 26 (s. den beleg unter 1, a).
1)
als altes spinngerät ein längliches oben und unten zugespitztes holz, das durch einen wirtel (s. d.) beschwert und eben dadurch in stärkere drehung versetzt den aus dem wocken gezogenen faden dreht und ihm so gröszere stärke giebt. sie wurde durch das jüngere spinnrad (s. unten) fast vollständig verdrängt, vgl. jedoch: das spinnen an denen rädern gehet zwar leichter und geschwinder von statten, als an der spindel, welches viel mühsamer; jedoch ist das an der spindel gesponnene garn weit fester, schöner und gleicher ... als das garn, so an dem rade gesponnen worden. öcon. lex. 2331.
a)
spindel, fusus Dief. 254ᵃ, fusus, instrumentum mulierum Dasypodius, fuseau Hulsius (1616) 303ᵃ, fuso da filare (1618) 235ᵇ, fusus Schottel 1419, (plur. spindeln) fusus Stieler 2091, fusus, fusum Dentzler 1, 299ᵃ, spindel, spinlen, fusus 2, 269ᵇ, fuso a filare Kramer dict. 2 (1702), 869ᶜ, fusus, scapus Steinbach 2, 629; fusus Frisch 2, 302ᵇ; daneben haben alle eben erwähnten wörterbücher die form spille (s. oben). die spindel ist von altersher typisches frauengerät; für die braut ein häufiges geschenk am hochzeitstage:
fro Läychdenman was gemütes frey
und schancht der praut der nadeln drey,
einn wierten und zwo spindlen,
einn feurzeug und zwo windelen.
Wittenweiler ring 34ᵇ, 24;
ich wil euch geben ain löffelfuter
und ain zuclobne multer, ...
und auch spindel und enspin,
davon habt ir gar guten gewin.
fastn. sp. 576, 17 Keller;
diese spindel zuerst! mit unsern händchen wir selber
haben dich, fürstliche braut, spindel zu drehen gelehrt.
glücklich müsse sich preisen der bräutigam, dem du, o Charis,
wanderst ins haus, um ihm parze des glückes zu seyn.
Rückert ged. (1841) 261
(vgl. dazu unten 1, c). als erb- und familienstück: liebe tochter, ich fühle, dasz mein ende herannaht, ich hinterlasse dir das häuschen, darin bist du vor wind und wetter geschützt, dazu spindel, weberschiffchen und nadel, damit kannst du dir dein brod verdienen. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 188. vgl.: ich spann dir gute wünsche hinein (in das gewebe) und manchmal, wenn ich deiner dachte, lag die spindel in meinem schosz. Freytag 9, 99;
liebe tochter, von antlitz schön, bewahre zur freundinn
dir die spindel, sie hilft treu dir das leben hindurch.
und gelangst du zur eh', so halt an der friedlichen sitte
deiner mutter, dem mann ist sie das köstlichste gut.
Herder zur litteratur u. kunst 10, 129.
als gerät der stube oder kammer: wenn ich dann nicht in der kammer allein bleiben wollte, muszte sie eine schürze auf den boden spreiten, worauf sie mich nackt setzte und ich mit dem schatten ihrer spindel spielte. Bräker 12 Bülow; in dem schlosz steckte ein verrosteter schlüssel, und als es umdrehte, sprang die thüre auf, und sasz da in einem kleinen stübchen eine alte frau mit einer spindel und spann emsig ihren flachs. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 50; Fabel raffte einen arm voll fäden zusammen, nahm wocken und spindel und hüpfte singend in die kammer. Novalis 2, 183 Meiszner;
nicht nach gewohnter sitte
erzog man dieses kind
in dumpfer kammern mitte
noch sonst, wo spindeln sind:
nein in den rosengärten,
in wäldern frisch und kühl.
Uhland ged. 403.
als hauptsächlichstes mittel des frauenerwerbs: man liset niht daʒ unser vrowe sent Maria hette huͦs oder acker oder wincarten, suͦnder sie was arm, als sent Jheronimus spricht und daʒ sie gewan mit irrem spindel und mit irm nadel, da mit generete si sich und ir libes kint. Schönbach altd. predigten 1, 71, 26;
man sach dich feyrn selden.
mit spindel, nadel, spelden
hastu gewunnen hie dein nar.
Suchenwirt 41, 882;
(neben spinnrad:)
auch must du für dein mayd und frawen
nach einem spinredlein umb-schawen,
rocken, spindel und ehnspa gut.
H. Sachs 4, 342, 28 Keller;
auf, zum gemach hingehend, besorge du deine geschäfte,
spindel und webestuhl, und gebeut den dienenden weibern.
Voss Odyssee 21, 351;
und als es kam zu jahren,
ward es die schönste frau ...
in gang, geberde züchtig,
in rede treu und schlicht,
in aller arbeit tüchtig,
nur mit der spindel nicht.
Uhland ged. 403.
deminutivisch:
dir, o ärmste! hat der schlaue
sohn Cytherens korb und spindelchen geraubet.
Ramler 2 (1801), 222.
vgl.:
doch wart nie kein dinc so vreis,
sam ein bûre in einer reis;
dem mac niht vorbestân,
eʒ muoʒ im alleʒ volgen dan,
slüʒʒel, löffel, spindel, blâhen.
Teichner 14 Karajan.
b)
mit einem ihre form oder ihr material betreffenden zusatze:
ob sie mit hurtigem daum umschwang die geründete spindel;
ob mit der nadel sie stickte: gewitziget schien sie von Pallas.
Voss Ovid 1, 311;
während er solches erwog in des herzens geist und empfindung,
wandelte Helena vor aus duftendem hohem gemache,
Artemis gleich an gestalt, der göttin mit goldener spindel.
Odyssee 4, 122;
zu einem gerber in der altvorstadt Reutlingen, unweit vom see, seien vor alters drei wunderschöne blondlockige fräulein gekommen; ... hatten wunderschöne silberne kunkeln, silberne wirtel und silberne spindeln. Birlinger volksthümliches aus Schwaben 1, 8; vgl.:
spindel der wolle vertraut, o geschenk der blauen Athene,
nach dir stehet das herz der wirtschaftkundigen frauen ...
dich dann welche der fleisz aus elfenbeine geglättet,
nehm als gab' in die hände des Nikias freundliche gattin.
Voss Theokrit (1808) 274.
sonderlich braucht man sehr kleine und leichte spindelgen zum baumwollenen, seidenen gespinste. öcon. lex. 2775; vgl.: nu sprichstu, was ist aber ursach, das wir also die kunckel von uns werffen. ich antwurt, es sind siben ursachen. die erst ist, die spinll ist schwer. die ander sie ist krum. Keisersberg bilgersch. 54ᵇ; die erst ursach ist schwere der spinll. wenn dye frouw spint, so entpfalt ir etwann die spinll ... so würt sy unlustig und würfft die kunckel hinder die thür. ebenda.
c)
auf die arbeit mit der spindel bezug nehmende wendungen: an der spindel spinnen, filare al fuso. Kramer dict. 2 (1702), 869ᶜ; mit der spindel oder an der spindel spinnen, fusum digitis versare. Frisch 2, 302ᵇ, wobei zweifelhaft bleibt, ob an der spindel spinnen nicht falsche analogie zu wendungen wie an dem spinnrade spinnen ist; das frauenzimmer, welches ... mit der spindel vom rocken spann. Gaudy erz. 53. die spindel erfassen, ergreifen: zum andern, wann sie nun die kunckel gnuͦg beschouwt hat, so gryfft sie denn an die spinll oder spindel, sie zücht ein herlin noch dem andern herusz, sie zerteilt es fyn, sy tregt (dreht) und wint uff. Keisersberg bilgersch. 51ᵈ; sie streckt jre hand nach dem rocken, und jre finger fassen die spindel. spr. Sal. 31, 19; als Edith wieder eintrat, setzte ihr die dienerin den spinnrocken neben den ofen, die herrin sasz auf dem stuhle nieder und ergriff die spindel. Freytag 9, 98. in weiterer ausführung: ain fraw die wol spinnen kan die spint in ainem schupff ainn faden. sy nympt die spindel zwischen die hend und fert ains mals dort auszhin mit der spindel und spint ainn fadnn ich waisz wie lang herauszher. Keisersberg spinnerin a 5ᵃ. spindel drehen, tornare, far fusa al torno. Kramer dict. 2 (1702), 869ᶜ: wieder hatte dieselbe Ilse darin gesessen zwischen den hölzernen pfosten, auf dem erhöhten raum der frauen, und sie hatte die spindel gedreht oder den männern schwarzen meth in die schale gegossen. Freytag verl. handschr. 1, 179; im vergleiche: da drehte ich den ring Salomonis geschwind, geschwind am finger wie eine spindel und da hab ich sie (die spindel) nun voll feinem garne für die armen. Brentano 5, 228. eine spindel anspinnen: das alte weib besann sich lange, endlich kam sie auf den gedanken, spann auf jede spindel drei faden. ... als alle so angesponnen waren, setzte sie alle ordentlich wieder in den kraten, stellte ihn hin und legte sich zu bette. Birlinger volksthümliches aus Schwaben 1, 187. die spindel vollspinnen, füllen: (ohne wiederholung des objects) zwischen elf und zwölf uhr kam das nachtweible und brachte zum fenster herein einen kraten voll spindeln und sagte zu dem alten weib: 'wenn du bis zwölfe nicht vollgesponnen, so werd ich dich holen'. ebenda;
mein Gred, spin fluchs und losz dir schlaunen,
fül dein spindel, den wöl wir launen
und gute milch und semel essen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 125 Götze.
vgl. als gefordertes masz zu leistender arbeit auch spindel, pensum. Dief.-Wülcker 859 und oben spille 2, a. eine volle spindel abstellen: sie hatte nicht lust, bei der arbeit manchmal hinauszusehen nach den vorübergehenden, ... und oft, wenn sie eine volle spindel abstellte, klagte sie über die schöne aussteuer der Fränz und über die tausende von selbstgesponnenen spindeln, die da mit verbrannt seien. Auerbach dorfgesch. 4, 105; vgl.: und da Gockel sie fragte, ... antwortete sie, indem sie ihm eine spindel voll des feinsten gespinnstes reichte. Brentano 5, 228.
d)
sich mit, an der spindel stechen u. ähnl.: darumb lasse sich niemandt regen, so einem ein spindel, holtz, dorn, nadel, guffen, spreissen u. s. w. in ein gleich ist gangen, auff dasz es sich nicht verschliesze. Würtz practica der wundartzney (1612) 170; mit abergläubischer bedeutung: die spindel stach in den finger, das bedeutet besuch. Freytag 12, 90; als märchenmotiv: sie (die weise frau) wollte sich dafür rächen, dasz sie nicht eingeladen war, und ohne jemanden zu grüszen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter stimme: 'die königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten jahre an einer spindel stechen und tot hinfallen. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 50; kaum hatte sie aber die spindel angerührt, so ging der zauberspruch in erfüllung, und sie stach sich damit in den finger. ebenda; vgl. die satirische paraphrase zur geiszelung der stubenpoesie:
die erste sprach behende:
'ja, lächle nur auf mich,
ich gebe dir frühes ende
von einer spindel stich.
Uhland ged. 402;
die fürstin thät erbleichen
als man von spindeln sprach;
sie wollte flugs entweichen:
die spindel sprang ihr nach
und an der morschen schwelle,
da fiel das fräulein jach:
die spindel auf der stelle
sie in die ferse stach.
405;
deshalb das verbot: der könig, der sein liebes kind vor dem unglück gern bewahren wollte, liesz den befehl ausgehen, dasz alle spindeln im ganzen königreiche sollten verbrannt werden. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 50;
wo jemand spindeln hätte,
die sollte man liefern ein
und sie an offner stätte
verbrennen insgemein.
Uhland ged. 403.
mit anderer schädlicher wirkung: der arzt behauptete, diese finger seien durch zu eifriges spinnen mit der spindel abgetötet, und Diethelm bestätigte, dasz ihm seine mutter oft erzählt habe, spindeln seien giftig. Auerbach dorfgesch. 4, 116.
e)
zusätze und wendungen, die auf die bewegung des gerätes bezug nehmen: 'was ist das für ein ding, das so lustig herumspringt?' sprach das mädchen, nahm die spindel und wollte auch spinnen. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 50; die spindel schwang sich mit unglaublicher behendigkeit zwischen den kleinen füszen, während sie mit beiden händen den zarten faden drehte. Novalis 2, 184 Meiszner; später sprangst du übermüthig um meine arbeit, wirrtest mir den flachs und verkehrtest mir die kreisende spindel. Freytag 9, 99;
glänzend umwindet der goldne lein die tanzende spindel.
Schiller 11, 87 (spaziergang 110);
tanze, spindel, tanze
fäden, feine, ganze!
wirtel mit gesumm
wirble um und um!
Vischer auch einer 1, 130;
vgl.:
mein rad hat lyrischen schwung,
meine spindel spielt komödie
mit tanzbelustigung.
Uhland ged. 405.
wenn sie mich manchmal abends schon im bett entschlafen glaubte, wachte ich noch, und horchte auf das schnurren ihrer spindel und ihren rührenden gesang. Brentano 4, 22;
und füllet mit schätzen die duftenden laden,
und drebt um die schnurrende spindel den faden,
und sammelt im reinlich geglätteten schrein
die schimmernde wolle, den schneeigten lein.
Schiller 11, 309 (glocke 130).
f)
als zaubergerät in den händen der schicksalsgöttinnen (vgl.parze theil 7, 1480):
könnt' ich schlau der parzen händen
die verhaszte scheer' entwenden,
oder durch mein heiszes flehn
ihre spindel mir gewinnen.
Gotter 1 (1787), 60;
als mich die mutter gebahr, spann mirs die spindel der parze.
Wieland Lucian 5, 178;
bevor die parze deinen faden,
mitten im rollen der spindel, kürzet.
Hölty 88 Halm;
ein würdig daseyn ward von mir gesponnen,
das vollgedrängt die goldne spindel trägt;
von guter mischung hab' ich, wohlbesonnen,
gehalt und kraft des fadens angelegt.
Göthe 11, 330;
vgl.:
Brand, du sollst nicht schwären,
noch über dich begehren
bis der welten mutter die spindel bricht,
bis erlischt des ewigen mondes licht.
Vischer auch einer 1, 219.
auch sonst als gerät mit zauberischer begabung: da kam ihm (dem mädchen) ein spruch in den sinn, den die alte manchmal gesagt hatte, wenn es bei der arbeit sasz, und es sang vor sich hin:
'spindel, spindel, geh du aus,
bring den freier in mein haus.'
was geschah? die spindel sprang ihm augenblicklich aus der hand und zur thüre hinaus; und als es vor verwunderung aufstand und ihr nachblickte, so sah es, dasz sie lustig in das feld hinein tanzte und einen glänzenden, goldenen faden hinter sich her zog. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 188; die spindel aber tanzte immer weiter, und eben als der faden zu ende war, hatte sie den königssohn erreicht. 'was sehe ich?' rief er, 'die spindel will mir wohl den weg zeigen?' drehte sein pferd um und ritt an dem goldenen faden zurück. ebenda; kaum hatte die nadel den letzten stich gethan, so sah das mädchen schon durch das fenster die weiszen federn von dem hut des königsohns, den die spindel an dem goldenen faden herbei geholt hatte. ebenda.
g)
im alten recht symbol der frau und ihrer sippe. vgl. J. Grimm rechtsalterthümer 163, 171. s. auch spillemage, spindelmage, spilleseite, spindelseite, spindeltheil und das für bezeichnung des mannesstammes entsprechende speermage sp. 2063 sowie schwertmage oben theil 9, 2590, schwertseite 2591, schwerttheil 2592: und wisset ihr nicht, wo ein weib regiert, dasz da die herrschaft in der männer gewalt ist; wo aber die spindel vom thron ausschlieszt, da ist weiberregiment. Musäus 4, 97. vgl.: so aber der verstorbenen frauen kinder, mutter, groszmutter oder schwester kinder keine da ist, so soll der mann den nechsten freundin nach der spindel geben ... ein paar kleider nechst dem besten. quelle von 1554 bei Scherz-Oberlin 1537, wo als gewöhnlicher spindelseite erwartet werden muszte. auf die spindel kommen. Eiselein 574, von einer der frau zufallenden erbschaft. dann auch bezeichnung der frau selbst: 'weshalb stieg held Immo auf die linde?' 'weil etwas darunter war', versetzte Brunico mit schlauem augenzwinkern. 'schwert oder spindel?' frug der könig. 'spindel', bestätigte Brunico. Freytag 9, 164; mit weiterem, auf ihre adlige herkunft gehenden zusatze: sie rastet heut nacht im Hessenhofe, wo ihr vater immer einliegt, ein reisiger hat die ankunft gemeldet ... wollt ihr eure hand um die goldene spindel legen, die euch im fremden hause gehört, so müszt ihr sie nicht nur aus dem hause holen, sondern auch sicher aus thor und mauer schaffen. 249. vgl. die sprichwörtliche redewendung: die spindel taugt nicht, wo der bart nicht darüber steht. Wander 4, 716.
h)
bisweilen zur charakterisierung weiblichen wesens verwandt. vgl. aus der schilderung eines weiberstaates:
griffen drauf zu unsern waffen,
zu den spindeln, zu den nadeln,
schlugen unsre männer ...
trieben sie nach fernen zonen.
Immermann 12, 33 Boxberger;
gegensätztich zur waffe des mannes:
aber siegen musz sie (die freiheit) immer! dies bleibt ihre art und macht
über herzen in dem hause, über speere in der schlacht!
wenn mit rocken nicht und spindel und mit wort und blicken süsz,
so als erzgeschuppte Pallas mit dem schwert und schild gewisz.
A. Grün spaziergänge³ (1844) 50.
tadelnd, zur charakterisierung seines weibischen sinnes einem manne in die hand gegeben (vgl.: die heiden sagen von jrem Hercule, ... das er sich habe lassen zu letzt die weiber nerren. eine hat jm den schleier auffgesetzt, die ander den rocken und spindel in die hand gegeben, und er hat müssen spinnen für grosser liebe. Luther 6, 158ᵇ; da sitzt er nun sage ich, und lesst seine keule fallen, nimpt die spindel in die hand, und seine schöne Omphale drawet jm mit der ruten, wo er nicht recht spinnet. ebenda):
besorgt für kaiser Ludwig eine spindel
und aus dem flachs macht seinem weib 'nen bart.
Wildenbruch Karolinger⁷ 52;
vgl. weiter:
ein spinnel unde ein kunkel
gezement niht der hende sîn.
er solte ein swert hie nemen drîn
und einen ritterlichen schaft.
troj. krieg 27358;
so ist sie denn auch für den mann das rechtssymbol der unfreiheit, knechtschaft u. s. w. vgl. rechtsalterth. 171. hierher gehört wol auch noch die folgende wendung, die knechtische unterwürfigkeit des mannes gegenüber der frau zum ausdruck bringen soll:
und solt ich nimer kumen auf selige aschen
und den ruck krump an schusseln waschen,
den hals uber ein spindel abfallen.
fastn. sp. 267, 11 Keller.
i)
in sprichwörtlichen wendungen: dem manne krumme spindel drehen, far le fusa torte al marito, cioè le corna. Kramer dict. 2 (1702), 869ᶜ, ihn hintergehen, ehebrecherischen umgang pflegen; alles zu spindeln drehen wollen, voler far fusa da ogni legno, cioè esser troppo appuntato. 870ᵃ, denn es läst sich nicht alles holtz zu spindeln drehen, non si può far fusa da qualsitia legno. ebenda; man musz den die spindel machen lassen, ders gewohnt ist. Wander 4, 716;
stroh im schuh,
spindel im sack,
hure im hausz
gucken immer zum fenster naus,
paglia in i scarpa, fuso in sacco, puttana in casa, guardano sempere fuora. Kramer dict. 2 (1702), 869ᶜ. vgl. die entsprechende wendung unter spille 2, e (sp. 2484). auf 1, g geht wol zurück: auch die schlechte spindel wird gelobt, ist der faden gut gesponnen. Wander 4, 716, auch die frau aus geringem geschlecht ist zu loben, wenn sie tüchtig ist.
k)
im vergleich, von einem dürren, mageren menschen: er is so dünn wiar a spind'l. Hügel 152; da sahen wir ein altes weib herwanken wie im schwindel — hinter ihr ein kindergesindel — jedes dünn wie eine spinne und schmächtig wie eine spindel. Rückert makam. 280; du wärest noch nackter als eine spindel — und bist jetzt reicher an häuten als eine zwiebel. 562. vgl. auch spindelbein, spindeldünn.
l)
bildlich: ihr wundert euch über mich, dasz ich aus meinem kopf eine spindel mache und den traum- und hirnknäuel darin faden nach faden abzwirne, wie ein bündel flachs. Hebbel 1 (1891), 47; in anlehnung an 1, f:
darum laszt uns hurtig aus der freude
spindel unsern lebensfaden ziehn.
Göckingk 3 (1782), 111;
wenn die natur des fadens ew'ge länge,
gleichgültig drehend, auf die spindel zwingt,
wenn aller wesen unharmon'sche menge
verdrieszlich durcheinander klingt.
Göthe 12, 13;
wie wollte ich ihn (den mit gott und der natur verknüpfenden faden) muthig rückwärts spinnen,
bis er mir, endlich von der spindel hüpfend,
und in den mittelpunkt hinüber schlüpfend,
gezeigt, wie all und ich in eins zerrinnen.
Hebel 1, 181.
2)
fest gewordene übertragungen der bezeichnung auf andere der spindel in der bewegung oder form ähnliche gegenstände. vgl. obenspille 3.
a)
sehr nahe liegt die verwendung der bezeichnung für den die gleiche funktion des fadendrehens ausübenden theil des spinnrades oder der spinnmaschine. Karmarsch - Heeren³ 8, 354. vgl. oben spille 3, a: endlich hat man auch eiserne oder stählerne spindeln, sonderlich an denen spinnrädern. öcon. lex. (1741) 2775.
b)
spindel, die sogenannte hemmung in einem uhrwerke, welche durch ihre beiden läppchen die gleichmäszige bewegung des steigrades veranlaszt. Jacobsson 4, 219ᵃ. Karmarsch-Heeren³ 9, 756. vgl. auch spindellappen.
c)
an der drehbank der metallarbeiter und drechsler der in zwei docken ruhende stab, welcher den zu drehenden bez. zu drechselnden gegenstand in umdrehung versetzt. Jacobsson 4, 219ᵃ. Karmarsch-Heeren³ 2, 679. 683, spindel des trechslers, tornum seu tornus. Stieler 2091. vgl. auch spindelstock.
d)
der kern oder cylinder einer schraube, um welchen ihr gewinde läuft. vgl.spille 3, b: spindel an einer schraube, ergata Stieler 2091; spindel an der schraube, fuso, maschio della vide. Kramer dict. 2 (1702), 870ᵃ; spindel heist eine gerad stehende welle, worum eine schraube gehet, weil sie wie der faden um die spindel gehet, trochlea, wie an der druckerpresse. Frisch 2, 302ᵇ. dann auch die schraube selbst, z. b. an einer kelter- oder anderen presse: spindel an der kelter (oder einer anderen schrauben), la vis du pressoir. Hulsius (1616), 303ᵃ; die spindel in der pressen oder kelter, daran man auf und nieder schraubt, denn sie ist formiert, wie ein schneckenhausz inwendig, cochlea. Corvinus 161ᵇ; spindel an der presse (kelter), fuso, maschio del torchio. Kramer dict. 2 (1702), 870ᵃ. an der druckerpresse die grosze eiserne schraube, welche den tiegel auf die form drückt. Jacobsson 7, 401ᵃ. in zusammensetzungen: trotspindel, drottenspindel, spira (torcula) Dief. 547ᵇ; torckelspindel, spira nov. gloss. 345ᵇ; trottenspindel, cochlea torcularia Dentzler 2, 269ᵇ und trockenspindel, cochlea 1, 151ᵃ; vgl. unten trotte, f. torcular; pressenspindel, trochlea, ergata Stieler 2091; kelterspindel, cochlea Steinbach 2, 629. mit rücksicht auf die ähnlichkeit eines schraubengewindes mit einer wendeltreppe für den senkrechten cylinder von holz oder stein, in den die stufen einer schneckentreppe eingelassen sind. Jacobsson 4, 218ᵇ; auch der senkrecht gestellte ständer einer hölzernen treppe, in den die treppenwangen befestigt sind. ebenda: spindel in einer wendeltreppen oder schneckstegen, scapus. Dentzler 1, 685ᵇ; spindel in einer windeltreppen, scapus. Corvinus 571ᵃ;
bis durchs gesträuch, das aus den spalten nickt,
sich eine öffnung zeigt, die (wie er bald befindet)
der anfang ist von einem schmalen gang,
der durch den felsen sich um eine spindel windet,
fast senkrecht mehr als hundert stufen lang.
Wieland 23, 72 (Oberon 8, 3);
mit einem auf die weite der windungen gehenden zusatze: an der einen seite findet man die sacristey, an der andern ein capitelzimmer, daneben die schönste wendeltreppe von der welt, mit offener, weiter spindel, die steinernen stufen in die wand gemauert, und so geschichtet, dasz eine die andere trägt; man wird nicht müde sie auf und ab zu steigen. Göthe 27, 110. hierher gehört noch die von naturwissenschaftlicher sprache gebrauchte bezeichnung der säule des schneckenhauses, columella als spindel. Nemnich, dann auch name einer schneckenart mit stark gewundenem hause: die nordische spindel, murex antiquus Nemnich 2, 637; die aruanische spindel, murex aruana 638; die indische spindel, murex cochlidium 639; französische spindel, murex colus (vgl. engl. the spindle shell, franz. entsprechend fuseau, quenouille blanche). ebenda; die gefleckte spindel, murex pusio. 643; in zusammensetzungen: holzspindel, murex lignaria (holl. geknobbelde spil, vgl. oben spille). 642; schriftspindel, murex scriptus (holl. gestreepte spil). 645; bandspindel (holl. getakte stompe bandspil, stompe spil). 646. zuletzt in der anatomie bezeichnung des schneckenförmig gewundenen gehörganges im ohre.
e)
spindel nennt man wegen der gleichheit einen aufgericht stehenden wellbaum, der sich auf einem zapfen drehet, wie die spindel auf ihrer spitze, axis stativus. Frisch 2, 302ᵇ; vgl. spindel in einem wellbaum, scapus. Dentzler 2, 269ᵇ, spille 3, c. an einem schoszgatter (s. theil 9, 1602) der ruhende balken: item fur püchen vierkluftige holtzer, eins 20 schuch lang zu spindeln zu den schoszgattern und waltzen in die mang, 48 pf. Tucher baumeisterbuch 78, 22 Lexer; mer sol der stat paumeister alle jar umb sant Michels tag ee die kelt angeet bestellen mit der stat zimmergesellen oder der stat tagloner einem, der richtig und darzu geschickt sei, und dem sol er kauffen sechs pfunt sweinnensmaltz und den do smiren lassen die spindel oben und unten am wasser, doran die schoszgatter hangen, also das er die schrauben ein moll zwei oder drei stunt auf und abtreib und darob sei, das sie durchausz gesmieret werden. 249, 13. vgl. spindel am triftholzrechen im wasserbau. Schm.² 2, 675. im bergwerksbetriebe das in die höhe gerichtete holz, darin der korb und die trift am göpel geht. Jacobsson 4, 401ᵇ. als theil eines windenartigen gerätes wol auch in der angabe: 1 schruffen et spinnel ad levanda vasa. Basler chron. 1, 345, anm. 1. spindel an einem zuge, axis. Stieler 2091. dann die axe eines rades (am richtrade):
sieh da! sieh da! am hochgericht
tanzt' um des rades spindel,
halb sichtbarlich bei mondenlicht
ein luftiges gesindel.
Bürger 15ᵃ.
in weiterer übertragung, von der axe der erde, des weltalls: die erde dreht sich in 24 stunden um sich selber um. nämlich man stelle sich vor, wie wenn von einem punkte der erdkugel durch ihr centrum bis zum entgegengesetzten punkt eine lange spindel oder axe gezogen wäre. diese zwei punkte nennt man pole. Hebel 3, 157;
indem er (der erdenkreis) still um seine spindel rollt
wird alles übersonnt:
der berge gipfel sind ophirisch gold,
saphir der horizont.
Göttinger musenalm. auf 1773 210;
manch histörchen hat sie aufgespulet
seit die welt um ihre spindel treibt.
Schiller 1, 187 (Venuswagen);
vgl.:
morgen wieder neu sich zu entbinden,
wählt sie (die entgötterte natur) heute sich ihr eig'nes grab,
und an ewig gleicher spindel winden
sich von selbst die monde auf und ab.
11, 7 (die götter Griechenlands).
in weiterer bildlicher verwendung: Genua, weist du selbst, ist die spindel, um welche sich alle seine gedanken mit einer eisernen treue drehen. Fiesko 1, 3.
f)
von sonstwie nach form oder gestalt der spindel gleichenden gegenständen: eine etwas seltenere probe (des salzgehaltes im wasser) geschiehet mit den sogenannten, und sonderlich hierzu bereiteten probierspindeln, die in das wasser gelassen werden, und nachdem sie tieffer und seuchter hinab sincken, merckzeichen von dem halte des saltzes geben. Abraham a S. Clara etwas für alle 2, 563. von dem spitzen eisen des lerchenspiegels: die spindel ist oben mit einem eisernen blätchen belegt, deswegen, dasz, wenn sie in die erde geschlagen wird, selbige besser halte, und dasz auch der spiegel fein glatt drauf lauffe. Döbel 3, 168ᵇ; so könte auch unten an der spindel ein eiserner schuh seyn, damit sie desto besser in den boden gehe. ebenda. in der baukunst 'die auf einem turm spitzig zulaufende stange, worauf der knopf befestigt wird.' Jacobsson 4, 218ᵇ; bisweilen bezeichnung der leimruthe des vogelstellers. ebenda. spindel, etiam dicitur vas futile, quod, quando ponitur, evertitur, ein glas ohne fusz zum reihetrunk. Stieler 2091. vgl. auch unten unter dem verbum spinnen.
g)
bezeichnung von in der form ähnelnden theilen des pflanzlichen, thierischen und menschlichen körpers. von dem eben aus der erde schieszenden halm: weil etliche verhanden, die klaine äcker auf dem veld haben, nicht weniger aber sich des jetten untersteen und so ungebürlich verhalten, das si nit allain das unkraut, sonder darmit das liebe getraid auszreissen, dasselbig zertretten, die spindlen abprechen und also grossen schaden tuen. tirol. weisth. 1, 241, 12. vgl.: spindel, rachis Nemnich 2, 1109. spindel (anstatt spindelbaum [s. dort den beleg aus Tabernaemont.]) auch bezeichnung von acer pseudoplatanus. Nemnich. in der sprache der anatomie bezeichnung der kleinen elbogenröhre: die spindel im arm, pars ulna brevior. Corvinus 537ᵃ; armspindel, radius Dentzler 2, 269ᵇ. Stieler 2091; armschienen, radius Dentzler 1, 644ᵃ; raggio, osso sottile del braccio Kramer dict. 2 (1702), 870ᵃ; der dünne knochen am arm, radius Frisch 2, 302ᵇ; radius Nemnich 2, 1110 (s. auch oben spille und unten spindelbein): findestu dein gegenpart im bogen, so schicke dich auch also, und hab acht, so bald er auffzuckt zuͦ schlagen, so hauw jhme indem er auffzeucht, mit einem mittel hauw inwendig gegen seiner spindel durch. Meyer fechtschule (1570) 2, 37ᵃ; ain iede sichtige pain schröt, si sei klain oder grosz, ... so ainem ain spindl oder rern in ainem arm oder schenkl zerspalten oder abgehauen, oder ainem ain finger oder glid vom oder im leib abgeschlagen würdt. österreich. weisth. 1, 346, 4. beim pferde: es kan sich dardurch zutragen, das die spindel an den schinbeinen davon sich von den andern bein absondere und also vorrencket werde, und das hernach das ross alzeit hincket bleibe. Zechendorfer zwei bücher von gebrechen des rosz 2 (1571), 63. vgl.: um̄ dise refier erschien uns auch der grössest erschröckenlichst fisch, so unsere schiffleut und wir jhe gsehen hetten ... er hat ein wunderseltzame gestalt mit vil flüglen das sein flossen, federn oder spindeln mögen gewesen sein. Franck weltbuch 217ᵇ. scherzhaft von den dünnen beinen eines mohren (vgl. spindelbein, spindeldürr):
der teufel mische
sich mehr in lieb' und zauberey,
und hohle meinetwegen die fische,
den see, und diesen kerl von brey
mit seinen schwarzen marmorspindeln.
Wieland 18, 271.
obsc. penis:
und welcher dan ein enspen erwischt,
do dann sein spindel in hat raum,
der acht nicht, was dem andern traum.
fastn. sp. 386, 35 Keller.
spindel f
Fundstelle: Lfg. 14 (1904), Bd. X,I (1905), Sp. 2499, Z. 74
stecknadel, s. oben spendel (sp. 2147).
Zitationshilfe
„spindel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/spindel>, abgerufen am 15.12.2019.

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