spinnrad n
Fundstelle: Lfg. 14 (1904), Bd. X,I (1905), Sp. 2544, Z. 75
ein nach der heute gewöhnlichen annahme um 1520 von dem Braunschweiger Jürgens erfundenes künstliches getriebe zur herstellung von gedrehten fäden aus flachs, wolle u. s. w., das die ältere spindel (s. oben sp. 2492) allmählich fast vollständig verdrängte, nur in wenigen gegenden immer neben sich geduldet hat. im übrigen ist die obige ansicht vom alter des gerätes nicht unbestreitbar, denn in der aus dem 15. jahrh. stammenden Münchener handschrift der fastnachtspiele (cgm. 714) (fastn. sp. 1373 Keller) findet sich bereits seine erwähnung:
Hilla ich wil dir wol geben ...
einen alten protkretzen ...
und ain altsz spinnredlain.
fastn. sp. 576, 6 Keller,
womit das gerät in ein höheres alter hinaufrückte; vielleicht verhalf dann Jürgens irgend eine glückliche verbesserung des schon vorhandenen gerätes zu dem ruhme des erfinders überhaupt.
1)
in der eigentlichen bedeutung:
a)
das spinnrad, rhombus Maaler 380ᵈ; spinnradt, deuidoir filatoio, molinello da filare. Hulsius (1616) 303ᵃ; spinnrad, filatoio, molinello da filare (1618) 235ᵇ, colus rotata, rhombus Dentzler 2, 269ᵇ, rhombus Corvinus 167ᵃ; spinrad, rhombus 548; spinnrad, rhombus Stieler 1499, ruota à filare, à ritorcer corde ò à cordar cannape. Kramer dict. 2 (1702), 870ᶜ, rhombus Frisch 2, 303ᵇ. vgl. holl. spinradt, rhombus Kilian.
b)
mit dem spinnrade spinnen: hiernechst die spinnerinnen, wenn sie das anlegels an den rocken angeleget, spinnen sie entweder mit dem spinnrad, oder mit der spillen sambt dem werffel. Comenius 498. daneben auch: an dem spinnrade spinnen, sowie auf dem spinnrade spinnen. vgl. oben spinnen II, 1, d. das spinnrad drehen: in dieser zeit geschah es, dasz der stadtpfeifer eines abends vor dem notenpulte sasz und strich die saiten seiner geige übend auf und ab, immer die gleiche figur, dergestalt, dasz es der armen Christine, die das spinnrad drehte, fast schwindelig wurde. Riehl culturhist. nov. (1862) 19; die mutter liesz plötzlich ihr spinnrad stehen, das sie während der erzählung eifrig gedreht hatte, und sah ihren sohn mit gespannten augen an. Storm 2, 224.
mädchen, heraus! und die hände gestreckt nach rocken und spinnrad!
Voss Luise 2, 565.
das spinnrad aus der ecke holen: 'aber kind', sagte die wittwe, indem sie ihr spinnrad aus der ecke holte. Storm 2, 221. sich zu dem spinnrade setzen: aber sie setzte sich nicht wieder zu dem spinnrad, sondern sie holte einen besen und fing an zu kehren. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 179. daneben sich vor das spinnrad setzen: dann setzte sie sich wieder in den lehnstuhl vor das spinnrad. Freytag 12, 126; beim, am spinnrade sitzen: die alte sasz drauszen in der einöde bei ihrem spinnrade und spann. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 179; Regine sasz am spinnrade und Judith stand neben ihr, sah der arbeit zu und prüfte den faden. Freytag 12, 81; der lieben jungfer Judith habe ich etwas zu vertrauen, was ich am liebsten sage, wenn dieselbe im hause vor mir sitzt auf ihrem stuhle am spinnrad. 98; wenn ich winters am spinnrad sasz, dann sasz er (der kater) bei mir und spann auch. Storm 7, 104. das spinnrad einhalten: da hielt Christine das spinnrad ein und sprach: 'lasz ab von diesen sachen, Heinrich.' Riehl culturhist. nov. (1862) 20. nun erhob sich die taube groszmutter von ihrem spinnrad, wo sie einiges von dem inhalte des gespräches erlauscht hatte. 223; die wittwe erhob sich von ihrem spinnrade. Storm 2, 222; sie stellte das spinnrad zur seite und Judith drehte die schnur los. Freytag 12, 81;
sie stellt das spinnrad an die wand,
hält ausschau über's rauchende land.
Lienhard Wasgaufahrten 87.
c)
wie die spindel ist das spinnrad das charakteristische gerät der frau. als kluges mittel der erkennung: 'lasz nur einmal zwölf spinnräder ins vorzimmer bringen, so werden sie herzu kommen und sich dran freuen, und das thut kein mann.' dem könig gefiel der rat und er liesz die spinnräder ins vorzimmer stellen. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 67; wie nun der könig am andern morgen seine zwölf jäger rufen liesz, so kamen sie durch das vorzimmer und sahen die spinnräder gar nicht an. ebenda.
d)
mit einem adjectivischen zusastze: als der koch oben war, holte es das goldene spinnrad und that es in die schüssel, sodasz die suppe darüber angerichtet wurde. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 65; zierliche spinnräder, welche noch (zur zeit des dreiszigjährigen krieges) für eine neue erfindung galten, sauber ausgeschnittene tische ... haben sich einzeln bis auf unsere zeit erhalten und werden jetzt mit den irdenen apostelkrügen und ähnlichem trinkgeschirr von kunstsammlern angekauft. Freytag 20, 105; enger raum, küche und stübchen zugleich; das weib am groszen spinnrad. Vischer auch einer 2, 392.
e)
mit beziehung auf das geräusch, was von dem in drehung versetzten geräte ausgeht: stillschweigend wanderten sie durch das dorf, wo die bewohner hinter ihren kleinen runden scheiben um düstere lampen saszen, die spinnräder lustig schnurrten. Gotthelf Uli der knecht 435 Reclam; das spinnrad schnurrte, aber ihre augen flogen die strasze hinab der gegend zu, wo sich das thal in die ebene öffnete. Freytag 12, 90;
lauter rauscht die tanne drauszen,
und das spinnrad schnurrt und brummt.
Heine 1, 153 Elster.
seltener: das spinnrad schwirrt: kaum hörte ich das spinnrad meines weibes schwirren, da stiesz ich das fenster der speisekammer auf und schwang mich ... hinein. Hebbel 9, 50. vgl. noch: der heulende sturmwind verband sich mit dem geigen und dem spinnrad zu einem verzweifelten melancholischen conzert. Riehl culturhist. nov. (1862) 19.
2)
bildlich, entsprechend spinnen 3.
a)
als verbildlichung des schicksals (vgl. auch oben spinnen, verb. II, 1, k): entfernte brüder sind zu einem zweck mit uns vereint; das sternenrad wird das spinnrad unsers lebens werden. Novalis 2, 277 Meiszner.
b)
zur findung eines gedankens: diesz ist das spinnrad, welches die gedanken spinnet, ausdehnet, verlängert, aufwindet und einen sehr sauberen faden daraus machet ... so Swift. Schönaich ästh. in einer nusz 66 neudr.; mit beziehung darauf: gebund von freuden; also auch eine strehne betrübnisz, welches beydes spinner Bodmer auf Swifts spinnrade drehet und spinnet. 143, 8.
3)
übertragen, als bezeichnung der katze (vgl. oben spinnen, verb. IV, 2): ich trinke daher den ersten märz, als in der katzen wonnemonat, kaffee mit ihr und sitze mitten unter diesen lebendigen spinnrädern, welche um mich schnurren, während ihre advokatin ein langes memorial aller katzentugenden herliest. Brentano 4, 415.
Zitationshilfe
„spinnrad“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/spinnrad>, abgerufen am 16.10.2019.

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