Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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spucken, verb.

spucken, verb.
spuere.
1)
das wort gehört zu dem verbum speien und seinem kreise (theil 10, 1, 2074 ff.) und fuszt auf der mitteldeutschen form spûgen, die sich neben spûwen für spiuwen, spîwen ergeben hat, und die auch als spûhen, spûchen auftritt: spuere spûgen, spûchen Dief. 548ᶜ; spucken erweist sich als intensivbildung davon, wie zucken von ziehen, oder schmücken von smiegen, ags. smûgen, vgl. bd. 9, 1069. 1117. überliefert wird es zuerst bei Rädlein (1711) als spucken, speyen, sputare, cracher. 832ᵃ, mit der bemerkung: wie man hier (in Leipzig) nicht gerne speyen oder schneutzen, oder rotz sagen will, sondern haben will, man sage spucken, schnaupen. vorrede 6ᵇ; dann von Steinbach: ich spucke, ich habe gespuckt, spuo. 2, 649, der es aber als wort der gemeinen rede, in schriften nicht anwendbar, kennzeichnet; während es Adelung der vertraulichen sprechart in Ober- und Niedersachsen zuweist. zu seiner zeit greift spucken schon über ein weiteres gebiet und wird allgemeines wort der schriftsprache, das sich an stelle von speien in der bedeutung 'speichel auswerfen' festzusetzen beginnt (vgl. theil 10, 1, 2076 unten).
2)
spucken ohne nebensinn, von der entleerung des speichels, intransitiv: er spuckt, er musz immer spucken;
aber die jungfrau
eilte, vom sitz aufstehend, und mühte sich hustend am feuer,
dasz sie des vaters pfeif' anzündete, welche dem greise
schon in der heftigen red' erloschen war; reichte sie jetzt ihm
brennend, und spuckte viel, und macht' ein krauses gesichtchen.
Voss 1, 53 (Luise 1, 427);
in verbindung mit anderen ausbrüchen aus dem munde: gleich der luftröhre alles fremdartige mit unangenehmen husten und spucken ausstoszen. J. Paul Hesp. 1, vorrede vi;
wie er räuspert und wie er spuckt
das habt ihr ihm glücklich abgeguckt.
Schiller 12, 23 (Wallensteins lager 6);
mit örtlichen zusätzen: auf die erde spucken Adelung; an den boden, an die wand spucken; er spuckte ins zimmer; als anzeichen der trunkenheit: er kann nicht mehr über den bart spucken. Lichtenberg 3, 75.
3)
in die hände spucken, um sie für eine schwere thätigkeit gefügig zu machen (vgl. in die hände speien theil 10, 1, 2077), auch zeichen des gerüstetseins zur arbeit: der bursch spuckte in die fäuste und nachdem er den ersten sensenschwung gethan, sagte er. Anzengruber 5, 114; auch der weber konnte vor ungeduld nicht mehr sitzen und spuckte schon in die hände (um einen festgefahrenen wagen losmachen zu helfen). Ludwig 2, 23;
(Pervonte) schreitet drauf zum werk, spuckt in die hände,
kriecht im gesträuch herum und bringt so ziemlich bald
sein bündel dürres holz zusammen.
Wieland 18, 132.
auch sich in die hände spucken: hut und jacke hatte er von sich gelegt, in die hände hatte er sich gespuckt, den spaten angefaszt und zu graben begonnen. Rosegger weltgift (1903) s. 274.
4)
spucken, sinnbildlich, zeichen der verachtung, geringschätzung, vgl. einen anspucken, vor einem ausspucken; einem oder einen ins gesicht spucken; frei: er las immer wieder in dem buche und sagte, ein satz spucke dem andern ins gesicht. Jenssen Jörn Uhl (1902) s. 138; das ist das merkwürdige ... dasz die beiden edelsten dinge, die es auf der ganzen welt giebt, diese beiden stolzen und edlen königinnen, nämlich treue und liebe, sich zankten, und sich vor wut ins gesicht spuckten. 499; auf den kopf, den scheitel spucken; die heiden hielten ein groszes gelage, mich aber bestimmten sie zu jämmerlichem tode, weil sie mein geschorenes haupt sahen, und die teufel spuckten mir auf den scheitel. Freytag ahnen 1, 306; als roher spasz eines höhern gegen einen niedern: erzählte ... von dem besuch des czaren Peter, welcher den pagen zum scherz auf die frissur gespuckt hatte. 5, 280; auf einen, etwas spucken: man spuckt auf einen kleinen schelm, aber man kann einem groszen verbrecher eine art achtung nicht verweigern. Göthe 36, 98; das erste produkt, welches in einer zeitung gedruckt wurde, war ein jesuitenlied, dem es aber schlecht erging; denn eine konservative nachbarin, die in unserer stube sasz, als das blatt ... gebracht wurde, spuckte beim vorlesen der gräulichen verse darauf und lief davon. Keller nachlasz 19; als derbe redensart, um verachtung auszudrücken: ich spucke auf den kerl, auf die ganze sache; einem auf den zopf spucken, ihn grob oder herrisch anlassen; 'der forcht sich nit, der spuckt dem feinde auf den hut', fiel mirs ein, als ich dem braven sergeanten ... auf das beiszgesicht sah. D. v. Liliencron zehn ausgewählte novellen s. 30; auch einem in die suppe, in die schüssel spucken, um ihm vor einer sache ekel, abscheu beizubringen; als abergläubische handlung: augenblicklich lief sie aus dem hause, spuckte wie ein bauer auf die schwelle desselben, und lief, wie sie war, ... aus der stadt. Keller werke 7, 54; sie verstanden auch schädliche einwirkung überirdischer gewalten durch beschwörung zu bannen, sie spuckten das schädliche ab oder wiesen ihm die zunge. Freytag bilder 1, 54.
5)
spucken, transitiv, mit acc. des durch spucken entfernten: Adam schüttelte den kopf und spuckte das abgebissene auf die erde. Möser patr. phant. 3, 144; er spuckte lauter rosensyrup, er piszte lauter pomeranzenblüthwasser, und seine windeln enthielten die köstlichsten sachen von der welt. Wieland 12, 175; in erweiterter fügung, reflexiv:
zu tode müszt' ich mich vor gift und galle spucken.
Gotter 3, 238;
frei: geld spucken müssen, gezwungen hergeben, auch nur spucken: der alte will nicht mehr spucken. Laube 5, 60; nachdem man goldene funken gespuckt hat, wie eine rakete (goldstücke). Freytag verl. handschr. 2, 142; der ofen spuckt hitze, auch mit verstandenem object: der ofen spuckt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1905), Bd. X,II,I (1919), Sp. 208, Z. 46.

spucken

spucken,
s. spuken.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1905), Bd. X,II,I (1919), Sp. 209, Z. 66.

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Zitationshilfe
„spucken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/spucken>, abgerufen am 02.08.2021.

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