spuken verb
Fundstelle: Lfg. 2 (1905), Bd. X,II,I (1919), Sp. 214, Z. 9
als spuk umgehen; spuk treiben.
1)
das verbum schlieszt sich in bezug auf ursprüngliches verbreitungsgebiet und erweiterung desselben in der neueren litteratursprache dem zu grunde liegenden subst. spuk (sp. 210) eng an; zufrühest ist es bezeugt mnd. und mnl.: spoken, spoicken Schiller-Lübben 4, 336ᵃ, von wo es sowol ins scandinavische als ins hochdeutsche sprachgebiet reicht, und dänisch als spøge, umgehen wie geister, auch spaszen, scherzen, schwed. spöka spuken, umgehen, mundartlich hochdeutsch mit regelrechtem consonantenstande in der Oberpfals als spuchen, es spucht (geht um) Schm. 2², 655 auftritt; Schottel 1420 bietet spüchen, Stieler 2094 spuken und spuchen. allgemein in die schriftsprache aufgenommen wird das wort erst nach der mitte des 18. jahrh. in der form spuken mit niederdeutschem consonantenstande, während niederdeutsche umgelautete nebenformen sich nicht einbürgern. von letzteren erscheint das an mnd. spôk angelehnte spöken vereinzelt von schriftstellern niederdeutscher heimat des 16. 17. jahrh. herübergenommen: und hören sagen, wie die herren erschlagen und es greulich auf dem schlosse spöken solte. Hennenberger preusz. landtafel (1595) s. 47; dieser ertrunkene mensch oder vielmehr ein gespenst in seiner gestalt hat etliche tage hernach schrecklich gespöket in und neben dem schiffe in der see. Andersen orient. reisebeschreibung herausgeg. von Olearius (1696) 48ᵇ; das auf die form spûk zurückgehende spüken dringt im 18. jahrh. ziemlich häufig in die schriftsprache, um nachher wieder gänzlich aus ihr zu verschwinden; bei Frisch einer etymologischen ansicht zu liebe spiken geschrieben, mit ausdrücklichem zeugnis für die herkunft: spiken, ein nidersächsisches wort, so mit dem lateinischen spectrum verwandt ist, wird von gespensten gebraucht. 2, 301ᶜ (neben spüken, spuken, apparere ut phantasma. 302ᵃ). die schreibungen spucken und spücken für spuken, spüken begegnen bis in das 19. jahrh. hinein nicht unhäufig, sogar im reime (angeschickt : spückt : erblickt Wieland 4, 125. rucken : spucken der junge Göthe 3, 703, s. die belege unten), doch beweisen sie für die kurze aussprache des stammvocals so wenig wie die schreibung spuck für spuk (vgl.spuk I, 2, oben sp. 211).
2)
die bedeutung knüpft zunächst an den persönlichen sinn von spuk (II, 1) an, als gespenst umgehen, sein wesen treiben, es ist begrifflich gleich mit dem süddeutschen geisten (7, s. theil 4, 1 sp. 2743) und geistern (1, ebenda 2751); in unumgelauteter form, auch in der verbindung spuken gehen: ein geist in gestallt eines alten hagern mannes spuckt im hause, spectrum senex macie et squalore confectum in aedibus apparet. Steinbach 2, 649; in einem hause, wo vierzig tausend geister spukten. Wieland 12, 193 (Sylv. v. Rosalva 2, 6, 1); dasz derjenige, welcher einen gränzstein verrückt, oder einen falschen eid schwört, oder seinem hofe etwas vergiebt, spuken gehen müsse. Möser werke 7 (1798), 333; die verstorbene frau, sagt man, spuke im hause. Campe; aus seelenangst nickte ich unbedingte zustimmung bei jedem satz, womit der spukende doctor (das gespenst eines verstorbenen) die absurdität aller gespensterfurcht bewies. H. Heine 1, 54; auch ich war schon dem bösen zauber verfallen, der in solch einsamen gewässern spuken geht. Storm 2, 70;
schon spuckt die weisze frau, und wahrsagt das verderben,
und jemand aus dem schlosz musz in dem jahre sterben.
Zachariä ged. (1761) 284;
sie schwatzten diesz und schwatzten das,
vom feuermann und ohnekopf,
vom amtmann, der im dorfe spukt,
und mit der feuerkette klirrt,
weil er nach ansehn sprach und geld.
Hölty 37 Halm;
so schauderstiftend, schaudervoll
sie selbst, ihr schemen spucken soll!
Stolberg 5, 271;
wenn geister spuken, geh er seinen gang.
Göthe 41, 316;
was spukst du hier, du wankendes gespenst,
Erebscher schatten, kraftlos, sinnbetäubt?
Uhland ged. 315;
ich glaub, da thut noch einer spuken (ein toter).
Keller 9, 250;
in witziger anwendung auf eine lebendige schreckgestalt: zwischen hier und Osznabrück ... liegt ein meyerhof, in welchem ein altes fräulein spukt. vor dreiszig jahren mag sie den reisenden gefährlich gewesen sein; nun ist sie ihnen nur schrecklich. Rabener 4, 199; in bildern und vergleichen: ich weisz es leider gar wohl, dasz das stubengespenste der gelehrten auch bei ihnen spucket. Reiske bei Lessing 13, 440; wenn verrätherey und hofgunst unter seinen nächsten anhängern wie unwiderstehliche gespenste spuckten, — immer war sein (Colignys) muth ungetrübt. Schiller 9, 367; (in einem liede aus des knaben wunderhorn) spukt eigentlich nur der Halberstädter grenadier. Göthe 33, 198; so ganz leere worte, wie die von der decomposition und polarisation des lichts, müssen aus der physik hinaus wenn etwas aus ihr werden soll. doch wäre es möglich, ja es ist wahrscheinlich, dasz diese gespenster noch bis in die zweyte hälfte des jahrhunderts hinüber spuken. 50, 130; ihre (der winkelpropheten) art spukt indes ab und zu immer noch um jenen berg herum. Keller 6, 411; so schlimm sind wir daran, die wir zu früh den aufreibenden beruf erwählten, junge witwen zu trösten, deren tote männer noch unbegraben umherlaufen. unser lohn ist, selber vor der zeit als tote männer zu spuken. Ludwig 4, 289. die umgelautete form spüken erscheint hier in der schriftsprache früher als spuken, doch nur in quellen bis ende des 18. jahrh.: hätte geglaubt er wäre schon todt, und fienge schon an umbzugehen oder zu spücken. Chr. Weise erzn. 180 Braune; der bauer hat durchgehends den ... aberglauben, dasz derjenige ewig spüken gehe, der neue pflichten auf seinen hof nimmt. Möser patr. phant. 2, 294; (städte wo) die einwohner gespenstern glichen, die in diesen verödeten gemäuern spükten. Wieland 6, 22; die geister ihrer personen (gestalten des dramas) spücken noch immer um mich her, und schweben mir auf jedem blatte, das ich lesen will, vor augen. Ebert bei Lessing 13, 375; die seele ist also noch jetzt gleichsam das gespenst, das in der zerbrechlichen hütte unsers körpers spükt. Lichtenberg 1 (1800), 156;
ein schwarm autoren spükte
um des Kozytus rand.
Schiller 1, 207.
3)
in dieser bedeutung auch unpersönlich und allgemein es spukt: es spukt an dem orte, larvae grassantur in eo loco, oculis occurrunt daemonia. Stieler 2094; es gab in ganz Weinsberg fast kein haus mehr, worin es nicht spukte; ein poltergeist begann, so zu sagen, zur einrichtung einer ordentlichen wirthschaft zu gehören. Immermann Münchh. 2, 160; ich versichere sie, es spukt hier. Gutzkow ritter v. geist 6, 201; es spukte wahrlich. Keller 7, 196;
das teufelspack es fragt nach keiner regel.
wir sind so klug und dennoch spukt's in Tegel.
Göthe 12, 217;
dasz es allda am hellen tage spückte. Avantür. 1, 87.
4)
das ruhelose umgehen und wandern eines gespenstes ist übertragen auf vorstellungen, phantasiegebilde, die in den köpfen der menschen umgehen, ihr wesen treiben; nd. idt spöket em im koppe, er ist nicht richtig im kopfe. brem. wb. 4, 961; he snakket, as wen't spöket, er führt seltsame und wunderliche reden. ebenda; zuerst von Adelung auch hochdeutsch aufgeführt: es spuckt in seinem kopfe, er hat erscheinungen, es ist mit seinem verstande nicht allzu richtig; in eurem kopfe musz es wunderlich spuken. ich sehe nichts. Göthe 14, 290; das bild wird ausgeführt: die gegenwart so vieler tausend rüstigen menschen in dieser gegend wird nur noch in den köpfen einiger alten leute spuken. 19, 3; bald spukte die halbe welt in seinem guten gedächtnisse. 111; er findet sich mit einem mahler zusammen, ... wie dergleichen viele, in der offnen welt, mehrere noch in romanen und dramen umherwandeln und spuken. 22, 124; sie glaubten daran (an meinen stücken) ein panier zu sehen, unter dessen vorschritt alles, was in der jugend wildes und ungeschlachtes lebt, sich wohl raum machen dürfte, und gerade die besten köpfe, in denen schon vorläufig etwas ähnliches spukte, wurden davon hingerissen. 26, 206; dasz seine gesinnungen ... in der neuern zeit als theoretische grundmaximen fortspuken. 36, 213; um dieses experiment, welches nun auch schon über hundert jahre in der geschichte der farbenlehre spukt, los zu werden. 59, 297; ich musz mich darauf gefaszt machen, wie auch auf manches andere, was dir im köpfchen und herzen spuken mag. in Bettinens briefen 1, 339; mit benanntem subject: ob es wirklich noch jesuiten giebt? manchmal will es mich bedünken, als sei ihre existenz nur eine chimäre, als spuke nur die angst vor ihnen noch in unsern köpfen, nachdem längst die gefahr vorüber. H. Heine 2, 43; das könnte ich vollends brauchen, wenn sie den ganzen morgen mit lesen zubrächte und solche romanideen im kopfe trüge, wie ich schon welche habe spuken sehen. W. Hauff 10, 92 Hempel (bettlerin 31); gott gebe, dasz solcher greuel nur in den welschen köpfen spukt! C. F. Meyer Jenatsch 76; das mädchen, der kindskopf, spukte mir plötzlich durch alle meine gedanken. Th. Storm ges. schriften 10 (1877), 27; ein geist der unbotmäszigkeit spukt in den köpfen. Fontane vor dem sturm 3, 5;
noch spukt der babylonsche thurm,
sie sind nicht zu vereinen!
Göthe 2, 244;
auch in umgelauteter form während des 18. jahrh.: zu der zeit wo das physiognomische unwesen in Deutschland spükte. Lichtenberg 2 (1801) s. iv;
das schönste bild, das je die fantasie
der liebe mahlen half, stand itzt vor seiner stirne —
was sag ich? füllte sein herz, und spükt in seinem gehirne.
Wieland 4, 87 (n. Amad. 3, 16);
indessen war nun alles angeschickt,
die schwestern zu suchen, von denen die gute Dindonette
noch immer im kopf des brennbaren ritters spükt.
125 (6, 9);
mädchenschalkheit spückt ihr im gehirne.
Gotter 1, 335.
5)
übertragung dieses spuken auch auf menschen selbst, die sich in unheimlicher art herumtreiben: eine alte bucklige zigeunerin .., die nicht ohne ursache in dieser gegend herum spükte. Wieland 11, 227 (Sylv. v. Rosalva 1, 3, 6); unter der hausthüre spukt ein kerl des ministers, und fragt nach dem geiger. Schiller 3, 408 (kab. u. liebe 2, 4); nun besprachen wir wiederholt mit unsern guten hausleuten das manöver gegen die nachzügler: denn schon spukte das geschmeisz hin und wieder. Göthe 30, 119;
ein alter satyr spukte
um meine muse, die
umherzog, und begukte
durch eine brille lüstern sie.
Schiller 1, 350;
auch hier unpersönlich: sieh dich vor, hauptmann! es spukt! ganze haufen böhmischer reuter schwadroniren im holz herum. 2, 97 (räuber 2, 3);
potz! da liegts wie alpen schwer auf allen,
närrisch spukts um unsern amtmann her.
1, 193;
vgl. auch herum spuken theil 4, 2, sp. 1182.
6)
weitere bedeutungen haben sich mundartlich niederdeutsch ergeben mit geringeren ausstrahlungen in die schriftsprache; so nach dem subst. spuk II, 3, c (sp. 213) die des lauten gebahrens, lärmens, tobens: niederd. spoiken groszen lärm machen. Schambach 205ᵇ; ostfries. spöken, rumoren, lärmen, toben, rasen, heftig brausen, stürmen. ten Doornkaat Koolman 3, 283ᵃ; spök'n gahn von unruhiger see. Lüpkes seemannssprache 1, 233; rheinfränkisch spöken, spuk machen, sich ungebärdig stellen, lärmen. Fromm. 6, 280, 42; spoken, lärmen, toben, sonst spôken. 5, 520, 5, was sich auch schriftdeutsch vereinzelt zeigt: als vor kurzem der berühmte Paracelsus Gompel von seinen gegnern nicht rittermäszig erlegt, sondern auf gut irokesisch so war zerstümmelt worden, dasz er vor aller welt augen, glied bei glied, dalag; konnten seiner gleichwohl drey nachtwächter nicht herr werden, so gewaltig spukte er, und schrie immer dabey: ich bin aber noch nicht erlegt! Klopstock 12, 30;
hätt er nicht hinter seinem rucken
hören mit klappern und schellen spucken.
der junge Göthe 3, 703;
übertragen auf seelische zustände, wallungen im blut, wofür auch das sinnverwandte rumoren (theil 8, sp. 1485) gebraucht wird: nd. de wien spöket em im gövel, der wein ist ihm zu kopfe gestiegen. brem. wb. 4, 961;
sein leibarzt, ein studirter herr,
mit knotigter perüke,
argumentirte ohn beschwer
aus Hippokrat und Zelsus her,
wo's ihro gnaden spüke.
Schiller 1, 251;
urahnherr war der schönsten hold,
das spukt so hin und wieder.
Göthe 4, 393;
so spukt mir schon durch alle glieder
die herrliche Walpurgisnacht.
12, 192,
die bedeutung des sinnlosen, unüberlegten gebrauches und verfahrens: mit dem vüer spöken, unvorsichtig mit dem feuer umgehen, mit dem gelde spöken, das geld verschwenden. brem. wb. 4, 961; in der Altmark mit't für spöken, mit dem feuer spielen und unvorsichtig umgehen. Danneil 204ᵇ; holsteinisch spök nig mit dem für, gehe mit dem feuer vorsichtig um. Schütze 4, 173; in Pommern: mit'n gelde spöken, sein geld mit geräusch verthun, mit'n für spöken, unvorsichtig mit dem feuer umgehen Dähnert 452ᵇ, ist nur niederdeutsch geblieben. eigenthümlich ist ein unpersönliches spuken für nicht von statten gehen, hindernis haben: jetzt galt es uns beide fortzuschaffen, aber damit spukte es. lebensgeschichte eines bad. soldaten (Heidelberg 1862) 14; es haperte und spukte sehr. s. 30. — vgl. vorspuken.
Zitationshilfe
„spuken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/spuken>, abgerufen am 18.11.2019.

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