stückchen n.
Fundstelle: Lfg. 2 (1932), Bd. X,IV (1942), Sp. 227, Z. 53
dem. von stück, nicht vor dem 17. jh. belegt. zuerst vorwiegend in der form stückgen, z. b. Voigtländer oden u. lieder (1642) 62; Schoch stud.-leben (1657) f 6ᵃ; Prätorius winterflucht (1678) 48; J. D. Ernst lieb.-gesch. (1693) 95; auch im 18. jh. nicht selten: Stoppe Parnasz (1735) 300; Leipziger avanturieur (1756) 1, 68; Nicolai lit.-br. 10, 322; Göthe IV 8, 180 W.; der doppelte guttural wird anlasz zu einschüben, die die aussprache erleichtern: stückichen Prätorius saturnalia (1663) 190; consonantisch im nd.: stücksken Lauremberg scherzged. 47 E. Schröder; stüksken u. ä. Woeste-Nörr. 260; Schütze 4, 216; Danneil 215; Leihener Cronenberg. 116; an den -er-plural des simplex angelehnt ist stückger (acc. plur.) briefe v. Göthes mutter a. ihr. sohn 295; anders: stückerchen Hofmann niederhess. 235; stükskrkens Bauer-Collitz 101ᵃ (vgl. hierzu kinderchen teil 5, 734); doch auch im sing. stückerchen Frischbier 2, 383. s. noch stückelchen, sp. 230 und stücklein, sp. 240. das dem. wiederholt eine reihe von bedeutungen des grundworts.
1)
bruchstück, teil eines ganzen: gehe hauszknecht, lege diesen brieff, eh ich ihn lese, auf den hackstock und haue so lange drauff, bisz er in kleine stückgen ist Weise erznarren 142 ndr.; hierbei zerrisz er sein gedicht in kleine stückchen wie ein kind und weinte fast Eichendorf 2, 226; hiesz man ... die ... Rheinlande in ein halbes dutzend stückchen zerschneiden E. M. Arndt 1, 216; der mond hatte ein stückchen von sich zu hause gelassen, welches wunderbarlich anzusehen Heinse 3, 432 Schüddekopf; der ganze garten ist in lauter kleine stückchen abgetheilt Fr. L. Schröder dram. werke 1, 21.
2)
eine gewisse menge, bzw. ausdehnung von etwas. stückchen holz, brot, papier etc.: welches eines männleins gestalt führet und nicht so wohl aus einer wurtzel mag formiret als aus einem stückichen holtz kan geschnitzelt seyn Prätorius saturnalia 190;
ein stückchen brot, ein gläschen wein,
ein mädchen, das ist hübsch und fein
Mittler dtsche volkslieder 579;
Mirabeau hat in seinem kerker die göttlichsten dinge auf stückchen papier geschrieben Caroline 1, 91 Waitz; er (der schimmel) war mein bester freund, und wenn ich ihn nicht selber brauchte, so lehnt ich ihn aus und er verdiente mir sein stückchen geld Tieck 5, 489. stückchen land, erde, welt: wo in den höheren gegenden nur ... ein stückchen ebenes land anzutreffen ist oder durch handarbeit dazu gemacht werden kann G. Forster 1, 43;
indessen ich ein stückchen welt durchwandre,
entdeck ich wohl das tüpfchen auf das i
Göthe 15, 109 W.;
o du verzeih mir, blutend stückchen erde!
dasz ich mit diesen schlächtern freundlich that
Shakespeare 2, 81.
stückchen weg und ähnliche locale oder temporale verwendungen: von zeit zu zeit giebts auch wieder ein anmuthiges stückgen wegs U. Bräker 2, 84;
will ich jetzt auf allen vieren ...
noch ein stückchen weiter kratteln
Mörike 1, 226;
das stückchen von Berlin bis Tilsit ist verzweifelt lang Holtei erzähl. schr. 1, 113. — vermuthlich ist für den schnarchenden mittelmann gesorgt, der sich ruhig von dem ersten dem besten amusieren läszt, und wenn es ihm zu arg wird, sich auf die andre seite des lehnstuhls kehrt und sein stückchen wegschläft Frankf. gelehrte anz. 1772, 82 lit. denkm.; ich werde wohl noch ein stückgen februar im käfigt zubringen Göthe IV 1, 186 W.; wir warten noch ein stückchen Immermann 3, 20 Boxberger. stückchen arbeit: ich habe gar keine zeit, meine sinnen zu sammeln und habe dazu ein stückgen arbeit angefangen, stricte für sie Göthe iv 2, 128 W.;
dies dokument, man nennts vernunft,
weist jedem hier beruf und zunft
und nach des groszen meisters plan
sein erstes stückchen arbeit an
E. Baumeister zimmermannssprüche 4.
mit abstractis: es ist mir lieb, wenn ich bei gelegenheit ein stückchen kunstgeschichte erfahre A. W. Schlegel 9, 48; ich gönne einem armen menschen wie Platen sein stückchen ruhm ... gewisz herzlich gern Heine 3, 351 Elster; jedenfalls hat dieses stückchen romantik ... sein ende erreicht Bismarck briefe an s. braut u. gattin 511. in anwendung auf menschen (s.stück II A 1 l): obgleich ich es gern gesehen hätte, ein stückchen mensch zu bleiben Immermann 2, 77 Boxberger; Spontinis grosze oper mit aller macht und pracht hat mich kalt gelassen, wie wohl ich auch ein stückchen musikus bin Holtei erzähl. schr. 12, 34; ich bin zwar fest überzeugt, dasz ich ... immer ein stückchen kind bleiben werde H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 131; in jeder vestalin ist ein stückchen von der dirne und in jeder dirne etwas von der vestalin H. v. Kahlenberg familie Barchwitz (1902) 41. anders mundartlich, tadelnd: das stickchen bäcker Müller-Fraureuth 2, 582; vgl. auch stickchen liederliches frauenzimmer Bruns volkswörter d. prov. Sachsen 66ᵇ.
3)
mit dem exemplarbegriff verbunden. stückchen vieh etc.: sein letztes stückchen vieh Musäus volksmärchen 1, 35 Hempel; um ... ein anständiges stückchen wildpret zu schieszen Schnabel insel Felsenburg 27 Ullrich; ein stückchen rotwild Mörike 1, 188. geldstück: der Pariser zog ein stückchen geld aus der tasche Hauff 2, 347.
4)
stückchen ein literarisches erzeugnis: so war dieses stückchen in reinen, wohlflieszenden versen (verfaszt) Schwabe belustigungen 1, 478; weil er es schon in seinem achtzehnten jahre wagte, ein sehr mittelmäsziges stückchen drucken zu lassen G. Forster 5, 6; weil ich hoffen kann, dasz es (das schäferspiel) ein gutes stückgen mit der zeit werden kann Göthe IV 1, 113 W.
5)
musikalisches stück:
denn wer in der freudenhitz trinckt guten wein
und höret ein liebliches stückgen darein
Voigtländer oden u. lieder (1642) 62;
soll aber ich die laute schlagen,
so will ich wol ein stükkgen wagen
Stieler geharnschte Venus 146 ndr.;
die methode zu pfeifen und die stückgen zu componieren, ist different v. Fleming vollk. dtsch. soldat 144; mein onkel Toby pfiff dabey sein stückchen, obgleich nicht völlig so laut, als vorher Bode Tristram Schandi 3, 39; wenn ich zur tränke trieb und dazu ein traurig stückchen sang maler Müller 3, 376; herr, vergönnt mir, ehe ich mein leben lasse, dasz ich noch zum letztenmale auf meinem lieben horn ein stückchen blase dtsche volksbücher 1, 52 Simrock.
6)
mittel: wenn eine magd teig zu brode knetet und greifft mit denen teigichten händen einen jungen purschen ins gesicht, so bekömmt derselbe nimmermehr keinen bart ... wie ich dieser tage diesen punct von einem weibe hörete, fragte ich sie, ob sie denn iemahls einen mann gesehen hätte, an welchem zu erweisen wäre, dasz dieses stückgen probat sey J. G. Schmidt rockenphil. 2, 297.
7)
geschichte, erzählung, anekdote: da wolte ich ... ein lustig stückgen erzehlen Chr. Weise d. drey klügsten leute (1675) 83; die (husaren) erzählten einander stückgen Göthe IV 3, 87 W.; ah, da fällt mir ein artig stückchen ein maler Müller 1, 167; als 'anekdote', 'schwank' in vielen nd. und md. mundarten, z. b. Bauer-Collitz 101ᵃ; Woeste-Nörr. 260; Wegeler Coblenz 75; Hönig Köln 175; sdöggeshen 'märchen' Christa Trier 201; auch 'ereignis' Block idiot. v. Eilsdorf 95.
8)
zauberstück, kunststück:
der könig wartet mit verlangen
auf ihre gegenwart, und alles ist bereit,
sie treflich zu empfangen.
zu mehrer lust und fröhlichkeit
wird meine kluge frau von rahren sachen
ein stüksgen machen
B. Feind dtsche gedichte (1708) 417;
es war eine zeit, wo ich auch dergleichen kleine stückchen (taschendiebstähle) aufführte Schnitzler kakadu (1899) 117; 'vorteil', 'kniff': die ... kunstgärtner ... mir für manches stückgen, so ich ihnen lernen muste, 2 bis 3 thaler gaben Leipziger avanturieur 1, 68.
9)
handlung, tat:
unter des herrn groszen thaten allen
hat mir das stückchen besonders gefallen
Schiller 12, 33 G.;
mit bezeichnenden attributen, ehrbares, kühnes, dreistes stückchen: dasz ein printz eines frembden mannes ... tochter raubet, dieselbe mit gewalt schwächet und beschläfft, ist warlich kein erbar stückgen J. D. Ernst liebesgesch. (1693) 95; ein kühnes stückchen wagen Tieck 1, 60; wir haben wohl dreistere stückchen im gebirge versucht Fouqué zauberring 2, 65; militärisch, attacke: hättest gestern beinahe die schlacht gewonnen durch dein tollkühnes stückchen auf unsere geschütze Hauff 1, 346. loses, schlimmes, schelmisches stückchen: es sind ihr wol zum theil schindhunde und sind auff lose stückgen und partieten abgericht, wie die schieszhunde Schoch stud.-leben (1657) f 6ᵃ; er hat mir ein schlimm stückgen erwiesen Rädlein (1711) 1, 856ᵃ; wie oft entsteht in beyden arten der tragicomödien die verwicklung ... daher, dasz Hans Wurst durch irgend ein dummes oder schelmisches stückchen ... den gescheidten leuten ... ihr spiel verderbt Wieland Agathon (1766) 2, 195. stückchen 'streich', vornehmlich mundartlich: stöksken toller streich Leihener Cronenb. 116; s. auch Hofmann niederhess. 235; Schütze holst. 4, 216.
Zitationshilfe
„stückchen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/st%C3%BCckchen>, abgerufen am 16.12.2019.

Weitere Informationen …