stürmisch adj.
Fundstelle: Lfg. 5 (1934), Bd. X,IV (1942), Sp. 650, Z. 73
seit dem mhd. belegt (s. mhd. wb. 2, 2, 717), doch vor dem 16. jh. äuszerst karg. diese bildung hat sich im nhd. gegenüber ähnlichen (s. stürmerisch, stürmig, stürmlich) allein durchgesetzt. entgegen sturm liegt der hauptanwendungsbereich des wortes heute im uneigentlichen (s. u. 5).
1)
an den kriegerischen sturm knüpft die bedeutung in wenigen frühen belegen an: ich bin dazu geboren, das ich mit den roten und teuffeln mus kriegen und zu felde ligen, darumb meiner bücher viel stürmisch und kriegisch sind Luther 30, 2, 68 W.; selten in junger sprache: als er endlich sie (die schlacht) lieferte, überwand er seinen stürmischen gegner Mommsen röm. gesch. 2, 236. hierher auch stürmischer angriff: sie (die maurischen reiter) meinen es selten mit diesen stürmischen angriffen ernsthaft Tieck (1828) 19, 384; dasz die groszen leiber der germanischen krieger nur zum stürmischen angriff tüchtig gewesen seien Fouqué gefühle, bilder 1, 204.
2)
'aufrührerisch': so ich doch nichts denn seynem rottischem, sturmischem und schwermischem geyste widder stehe Luther 18, 68 W.; wie nun der Zwingel von Carlstadt diese grille auffgefangen, hat er zugleich auch etwas von seinem stormischen geist empfangen G. Nigrinus anticalvinismus (1595) 453; äuszerlicher in jungen belegen: Wladislaw II. war kein mann, um den stürmischen adel in zaun zu halten Ranke s. w. 2, 285.
3)
'aufbrausend, schroff, heftig, ungestüm':
da ist sie nicht ruhmorisch,
gegen kind und gsind nicht stürmisch
Nic. Schmidt zehen teufel (1557) f 1ᵇ;
hette sie (die tochter) meinen stürmischen schedel nicht so wol gewust, ich weisz, sie hette ihn die stunde noch nicht für ihren gümpel angenommen
Schoch studentenleben (1657) d 3ᵇ;
ir gesicht und wesen ist sauer, unfreundlich, stürmisch
Dapper Africa (1671) 463ᵇ;
ein weib solle nicht rauh und stürmisch, sondern freundlich und leutselig von sitten seyn
v. Hohberg georg. curiosa 3, 79ᵇ;
da ist der unerzogene, stürmische mann gleich davon gelaufen
Gottsched dtsche schaubühne 4, 280;
ein stürmischer, genialischer jüngling
E. M. Arndt (1892) 1, 33;
heftig, aufbrausend, stürmisch, ein zelot
Ranke 37, 114;
besonders oft stürmischer liebhaber: ist dieser schmeichelnde, stürmische liebhaber der kalte Tellheim? Lessing 2, 255 L.-M.; stürmischen verehrern Costenoble tagebücher 1, 8; vgl. mundartlich: stürmisch aufgeregt Martin-Lienhart 2, 614. vereinzelt bleibt die übertragung auf ein starkes, hitziges getränk:
ein stürmisch bier, das im gehirne tobet
J. E. Schlegel (1761) 4, 131.
4)
stürmisch von den bewegungen der elemente. allgemein: hierauf war es immer kälter und stürmischer geworden Göthe IV 21, 319 W.; je stürmischer um lichtmesz, je sicherer ein schön frühjahr Körte sprichwörter 151. stürmischer wind: der nortwind ... ist der aller stürmiste wind Barth weiberspiegel (1565) 78ᵇ;
und halte (herbst) die stürmischen winde zurück
Giseke poet. werke (1767) 110.
stürmisches meer, stürmische see, wogen u. s. w.: das (meer) welches so stürmisch und von vilen schiffbrüchen übel berichtiget Butschky Pathmos (1677) 601; (völker) die blosz das stürmische meer ernährt Haller Usong (1771) 53; von dem stürmischen meer des hoflebens Gleim briefw. 1, 421 Körte; nach einer beschwerlichen fahrt bei stürmischer see Heilmann pelop. krieg (1760) 316; in einem kahn allein auf die stürmische see O. Jahn Mozart 4, 165; das land der wahrheit, umgeben von einem weiten und stürmischen oceane Kant 3, 202 akad. ausg.; die stürmische woge Fr. Schlegel (1846) 4, 125. stürmischer himmel, stürmische witterung u. s. f.:
der himmel will sich selbst bey meiner fürstin reisen
in reinster heiterkeit, nicht länger stürmisch weisen
B. Neukirch bei Hoffmannswaldau u. a. D. ged. 7, 214;
die witterung des himmels war damals ungemein kalt und stürmisch Leipz. avanturieur (1756) 2, 102; nachmittags bin ich der frau cammerherrin bei sehr stürmischem wetter entgegen gereiset Zinzendorf tageb. in zs. f. brudergesch. 1, 140. von den zeiten:
(frühling) der immer beblühmet und grünend verbleibt,
dieweil ihn kein stürmischer winter vertreibt
Triller poet. betracht. (1750) 1, 497;
der stürmische herbst Lenz 16 Weinhold; dieser unbeständige und stürmische aprill Lohenstein Arminius 2, 1511ᵇ; an einem stürmischen herbstabend E. T. A. Hoffmann 10, 90 Gr.; besonders häufig und läufig die stürmische nacht:
schwarz und stürmisch war die nacht
Göthe 1, 181 W.;
stürmischer als eine decembernacht J. M. Miller briefw. dreier ak. freunde (1778) 1, 101; eine rauhe stürmische winternacht A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 265; stürmische novembernacht W. v. Polenz Grabenhäger 1, 250. von sturmumbrausten örtlichkeiten: auf dem stürmischen hügel Göthe 37, 67 W.; der fürst der stürmischen inseln Bürger 283 B.; der mensch verwildert in wilden, stürmischen zonen Schiller 1, 166 G.
5)
vornehmlich von 3 und 4 her entwickelt, tritt stürmisch seit dem 17. jh. in zunehmendem, zuletzt unbegrenztem masze als attribut neben die verschiedensten abstracta. hier nur einige beispiele:
und kehrt euch nichts an ihr geschrey,
ob es schon noch so stürmisch sey
Moscherosch gesichte (1650) 2, 789;
stürmisches geseufz Shakespeare 3, 153; stürmische und zärtliche gesänge Gleim briefw. 1, 220 Körte; stürmische angst Lessing 2, 347 L.-M.; von stürmischer freude Adelung lehrgeb. 2, 565; stürmischer jubel Ruge briefw. u. tageb. 2, 13; meiner stürmischen wünsche Heinse 4, 368 Sch.; zu dem stürmischen auftritt im park Mörike 3, 149; von einem stürmischen gefühl Caroline 2, 48 Waitz; stürmisches denken Auerbach (1892) 3, 7; stürmische entwicklung unsrer politik Bismarck ged. u. erinn. 2, 184; besonders oft von zeit und leben: möchten doch die jetzigen stürmischen zeiten durch einen baldigen frieden wieder ruhig werden Gottschedin briefe 1, 111 Runkel; in den stürmischen zeiten des 14. und 15. jahrhunderts Eichhorn dtsche staats- u. rechtsgesch. (1822) 3, 219; o des stürmischen lebens maler Müller (1811) 1, 353;
möchte dir mein leben gleichen,
das oft trüb und stürmisch ist
Becker mildh. liederb. 15.
6)
zusammensetzungen. stürmischbewegt Hölderlin 1, 220 Litzmann; -grimm Ahlwardt Ossian 1, 136; -heiter Novalis 2, 95 Minor; -kalt Gottsched ged. (1828) 2, 199; -rasch J. Nordmann ged. 249; -regnerisch Göthe 35, 100 W.; -trüb Kerner lyr. ged. (1854) 15; -wogend Schiller 6, 399 G.
Zitationshilfe
„stürmisch“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/st%C3%BCrmisch>, abgerufen am 07.12.2019.

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