staatsbürger m
Fundstelle: Lfg. 2 (1905), Bd. X,II,I (1919), Sp. 293, Z. 3
'bürger eines staates, ein mitglied der gesellschaft, welche man staat nennt; besonders ein solches, welches das stimmrecht in der gesetzgebung für den staat hat' (nach Kant, vgl. unten K. 5, 146, aber auch die abweichende auffassung in den belegen unter staatsbürgerrecht), wahrscheinlich in der zeit der französischen revolution aufgekommen. vgl. W. Feldmann in der zeitschr. f. d. wortforschung 6, 340: was der pflicht ihrer glieder als staatsbürger widerstreite. Kant rel. innerh. d. gr. d. bl. vernunft 113 Kirchmann; die zur gesetzgebung vereinigten glieder einer solchen gesellschaft (societas civilis), d. i. eines staats, heiszen staatsbürger (cives). werke 5, 146; nur die fähigkeit der stimmgebung macht die qualification zum staatsbürger aus. 147; übrigens, wenn eine revolution einmal gelungen und eine neue verfassung gegründet ist, so kann die unrechtmäszigkeit des beginnens und der vollführung derselben die unterthanen von der verbindlichkeit, der neuen ordnung der dinge sich, als gute staatsbürger, zu fügen, nicht befreien. 156; ohne alle würde kann nun wohl kein mensch im staate sein, denn er hat wenigstens die des staatsbürgers; auszer wenn er sich durch sein eigenes verbrechen darum gebracht hat, da er dann zwar im leben erhalten, aber zum blosen werkzeuge der willkühr eines anderen, (entweder des staats, oder eines anderen staatsbürgers) gemacht wird. 164; alle wahre republik aber ist und kann nichts anderes sein, als ein repräsentatives system des volks, um im namen desselben, durch alle staatsbürger vereinigt, vermittelst ihrer abgeordneten (deputirten) ihre rechte zu besorgen. 178; sollte nicht auch diess, sobald der fall dazu eintritt, eben so gewiss als die meinung und gesinnung der meisten staatsbürger angenommen werden können, als man annehmen kann, dass jedermann, sobald der anlass dazu da ist, zweymahl zwey für vier erkennt? Wieland 31, 365; alle rechtshändel unter den übrigen höhern und niedrigern staatsbürgern gehen den gewöhnlichen gang, der durch ein grundgesetz über die gerechtigkeitspflege vorgezeichnet worden ist. 426; sie (die kammern der landstände) sind so organisiert, dass kein stand, d. i. keine der vier klassen von staatsbürgern, ein politisches übergewicht über den andern hat. 427; der ackernde staatsbürger. welches sind die ackernden staatsbürger im gelehrtenfache? Lichtenberg 1, 312; sie (die poesie) soll das herz treffen, weil sie aus dem herzen flosz, und nicht auf den staatsbürger in dem menschen, sondern auf den menschen in dem staatsbürger zielen. Schiller 10, 174; man ist eben so gut zeitbürger, als man staatsbürger ist. 276; hieraus flieszt nun ferner die befugnisz jeden staatsbürger, der ohnehin als kampflustig und streitfertig angesehen werden darf, in die schlacht zu rufen, zu fordern, zu zwingen. Göthe 6, 26; wenn die staatsbürger mosaischen gesetzes dem hausfreund gute worte geben, und wieder einmal schwarze baumwollene strümpfe zum neujahr schenken, wie anno 93, so schreibt er ihnen auf das jahr 5572 ihrer rechnung einen eigenen hausfreund. Hebel 2, 170; wenn der unverstand zu breit regiert, so wird er dem ruhigsten staatsbürger unerträglich. Immermann 3, 201 (Münchh. 6, 17) Hempel; der mensch macht ihn (Tiberius Gracchus) zum schlechten staatsbürger. Ludwig 5 (1891), 244; die erhaltenden parteien setzen sich im ganzen zusammen aus den zufriedenen staatsbürgern. Bismarck ged. u. erinn. 2, 160.
Zitationshilfe
„staatsbürger“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/staatsb%C3%BCrger>, abgerufen am 18.06.2019.

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