Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

stallung, f.

stallung, f.,
verbalabstractum und collectivum zu stallen, handlung und ort des stallens, den verschiedenen bedeutungen des verbs entsprechend; mhd. stallunge (wofür zuweilen stellunge in denselben bedeutungen) Lexer handwb. 2, 1131 (seit anfang des 14. jahrh. bezeugt); mnd. stallinge stallung, stall Lübben handwb. 2, 373ᵇ; vgl. nl. stallinghe, stabulatio, stabulum. Kilian 2, 628ᵇ. s. auch Weigand 2, 793 und vgl. stellung.
1)
das stallen, und zwar zunächst zu stallen 1, das einstellen von vieh in ställe: stallung, das stallen oder einziehen der pferd in den stall, establage de chevaux, ou d'autres bestes. Hulsius 305ᵇ; stallung, die, et das stallen, stabulatio. viehstallung, stabulatio pecorum. Stieler 2118; stallamento Kramer dict. 2, 904ᶜ; stabulatio Apin. gloss. 509. Steinbach 2, 658. als reines thätigkeitswort kommt stallung kaum vor; doch zeigen stellen wie die folgenden noch den übergang in die örtliche bedeutung: esz wart auf 1200 pferd hye stallung bestelt. quellen zur gesch. des bauernkr. in Oberschw. 169; und hat mein gnediger herr pfaltzgraf auch ainen edelman hinein geschickt, der solt stallung bestellen auf hundert pfert. 405; ich will weiter in wald hinein reiten zuͦ der kolhütten, villeicht sind die koler in jhr dorff gangen, so find ich dannocht stallung für mein pferdt und hew. Wickram goldfaden S 4ᵃ; Joseph und Maria kommen in Bethlehem an; eine zur stallung benutzte höhle nimmt sie kümmerlich auf. Göthe 45, 193;
nun zahlen mit fleisch und gebeine
die sorglosen, fräszigen schweine,
für pflege, für stallung und kost.
Lichtwer 265.
2)
gewöhnlich bezeichnet stallung indessen den raum, wo vieh eingestellt wird und ist dann von stall nur leicht oder gar nicht unterschieden. diese bedeutung begegnet schon mhd. häufig seit beginn des 14. jahrh. und ist nd.-nl. wie in der neuern sprache die einzig übliche: stallung, ställe, estables, stalla. der wirth hat viel [stallung], c'est hoste peut loger beaucoup de chevaux, il ha plusieurs estables. Hulsius 305ᵇ; stabulum, ... eine stallung, ein stall oder viehstall. Corvinus fons lat. 634ᵇ; pecudes stabulantur in antris, sie haben ihre stallung in hölen. ebenda; stallung, ... it. stalla commoda per mettervi, installarvi le bestie da tiro e da soma. stallung für die pferde. den pferden stallung geben. stallung haben, stallung genug da seyn. es ist keine stallung da, der wirt hat keine stallung. nicht stallung gnug da seyn. Kramer dict. 2, 904ᵇ; der wirth hat viele stallungen, hospes multa stabula habet. Steinbach 2, 658; stallung, stabulum, sonderlich für pferde, in den wirths-häusern für die fuhrleute, pro aurigis eorumque equis. Frisch 2, 316ᵃ. (neund. stallung Dähnert 457ᵃ, stallunge, stellunge Schambach 207ᵇ, štalung[e] Bauer - Collitz 98ᵃ.) der sing. steht gern in collectivem sinne; belege: wer furpasz verrer pawen wolt, den sein aigen treff an stallung, heukamer oder was das were. Tucher baumeisterb. 281, 29; all korherrnheuser, da man stallung hett, die waren alle voll. d. städtechron. 5, 57, 6 (B. Zink zu 1401); da kom es (das feuer) in seiner stallung ausz und im verpran sein pferd. 11, 576, 6; (dasz) genanter herr apt von Muri und sine nachkomen ... fug macht unnd gwalt haben, zu genanter siner drotten, ouch der behusung dar inn der stallung daran, oder für die stallung zu einer zimlichen schür unnd stallung dar inn ... zimer unnd buwholtz inn der Banegg houwen ze lassen. weisth. 1, 62 (vom j. 1572); weiters solle sich niemand unterfangen, ohne herrschaftlicher verwilligung ein hausz zu erbauen .., wie nit weniger kein stadl, stallung, hütten oder einfang zu machen. tirol. weisth. 1, 50, 6; es soll auch niemants sich understeen, auszer gemainer nachperschaft erlaubnus und verwilligung kain neue behausung, stadl noch stallung auf zu pauen, da vormalen dan nie kain hofstat, behausung, stadl oder stallung gewesen. 2, 22, 9 f. (handschr. v. 1616); saubere stallung als randangabe zu: nichts bekompt dem vieh also wol, ... als wann man die ställ sauber haltet. Sebiz feldb. 96; ein anderer general, liesz die thüre einschlagen, und verwandelte den saal in stallung. Göthe 39, 108; den ziegen gebührt gleichfals nahrhafte kost im winter, und warme stallung. Voss Virgils ländl. ged. 3—4, 597; stallung und scheuer ging in lichten flammen auf. Mörike erz. 260; zur rechten sieht man dann ein stück hofraum mit holzremise und stallung. Ludwig 1, 141;
zum glück trug mir der kurfürst ... auf,
an Kottwitz, dem die stallung dort zu eng,
zum marsch hierher die ordre zu erlassen!
Kleist 3, 95 E. Schmidt (prinz v. Homb. 4, 2).
deutlich in vereinzelndem sinne, wenn mit dem unbestimmten artikel verbunden: etliche jar darnach wart er erstochen .. in ayner stallung. quellen zur gesch. des bauernkr. in Oberschw. 14; desgleichen vor dem undren tor prach man ain stallung und stadel ab gegen der Rot und uf dem andren ort gegen dem hofgarten auch ain stallung. 22; und im plural, der in der neuern sprache (seit ende des 17. jahrh., vgl. oben Steinbach) sehr gebräuchlich ist: von den pferdställen. wo viel pferde sind, müssen grosse, weitschichtige, und wo ein gestütte ist, etliche abgetheilte stallungen vorhanden seyn. Hohberg 2, 155ᵃ; wenn aber die stallungen unbedeutend waren, so fand man die keller desto geräumiger. Göthe 30, 172; keines sah aus wie der pfarrhof, mit dem gepflegten garten nach vorne und den groszen stallungen nach rückwärts. Thoma Andr. Vöst 201;
doch heim nun blöckte das schmalvieh,
fett aus nährendem kraut in gehöfd' und stallungen kehrend.
Voss Theokr. 25, 87.
3)
stallung findet sich auch in manchen bedeutungen, die beim verbum stallen nicht entwickelt sind. insbesondere bedeutet es im ältern hd., besonders oberd. (14.—16. jahrh.) oft 'einstellung der feindseligkeiten, waffenstillstand, friedensverhandlung, friedensvertrag', s. Lexer handwb. 2, 1131 (älteste belege von 1315 und 1318). K. v. Amira in Pauls grundr.² 3, 201. Schm.² 2, 746. Schöpf 698. Ch. Schmidt hist. wb. der els. mundart. 336ᵇ; induciae belli vel tumultus, treuga. Haltaus 1727. vgl. auch stalltage. belege: ein stallunge sol sin (zwischen bischof Johann v. Straszburg und mehreren oberels. städten) unze zuͦ S. Johannes tag. Mühlh. urk. v. 1359 bei Ch. Schmidt a. a. o.; ain fruntlich stallung gemachet und gesatzt hant ... die nechsten dru ganzu jar. urk. v. 1381 bei Haltaus 1727; weder fürwort, sune, stallunge, setze oder friden, mit den von Strazburg, noch mit den jrn, nit halten noch ufnemen. ebenda (vom j. 1391); dass sy darauf ainen friden und stallung ufnehmen. quelle v. 1424 bei Schöpf 698; were das deheiner von W. mit dem andern in zewürfnüss këme oder kriegte, wo das deheiner vernëme .., der sol stallung nemen und es stellen untz an ein recht; were aber, das deheiner stallung verseite und nit geben welte, der sol es buessen. weisth. 4, 287, 9 (Wiedikon, Zürich, 15. jahrh.); do ein frid und ein stallung gemacht wart zwischen herren und steten. d. städtechr. 1, 287, 26 (vom j. 1384); unser herr der römisch künig het in ... einen brieff zu gesant, darinne er in volle macht geben hett, den krieg ab ze legen oder ein stallung daran zu machen. des hetten sie ganczen fleisz gehabt und hetten ein stallung daran gemacht, wie die sach besteen soͤlt. 2, 162, 1—4 (Nürnb. 1449); als uns denn ewer fürstl. gn. under andern dingen schribent von der stallunge wegen, so unser genädigoster herre der römisch etc. künig ze Koblentz bestellet haut etc., hoffen wir, das dieselbe stallung dise sache nit anrüre. 5, 347, 19—22 (schreiben des rats v. Augsb. 20. april 1416); und was der rat mit unsers herren gnade von Mentz in stallunge kommen. 17, 223, 26, vgl. 224, 3 (Mainzer chron. zu 1443?); (könig Sigmund) verrichtet Hartman von Wangen und hern Nicolaus Zorn von Buͦlach mit der statt von Strasburg, und machte da ein stallung von phingsten untz uff sant Johans tag ze súngichten mit der statt von Straszburg. Basler chron. 5, 178, 26 (Röteler chron. zu 1420); wär ouch, dasz dehein stösz oder miszhellung under uns in unserm land uffstunde, ... darzu soll jederman louffen, und frid und stellung nemmen. ... und wäri, dasz derselben deheiner deheinem unserm landtmann frid oder stallung verseite, ... der soll 10. pfund pfenning dem land ze busz geben, und soll man jne aber fürbasz wysen, dasz er frid und stallung gebe, ... und an welchem also frid und stallung genommen wird, damit soll es an allen sinen fründen gestellt und gefridet sin, und wer darüber frid oder stallung breche, von des lib soll man richten, als von einem offnen mörder. Tschudi 1, 540ᵃ (urk. v. 1387). im sinne von landfrieden(svertrag): ist uns in clag von wegen ... herren Ludwigs des eltern, herzog in Baiern, ... fürbracht so, wie das derselb in euern küniglichen friedn und stallung als durch den hochgebornen fürsten, herren Albrechten marggraf zu Brandenburg, mit gefänknus behaft. Aventin chron. 2, 583, 26 (brief der churfürsten v. 1446). auch für vertrag, bündnis; confoederatio, foedus. Scherz-Oberlin 1554: stallung u. verbündnusz der churf. herren u. staedt in Schwaben, Francken u. Beyern zu Mergentheim. s. ebenda. aus miszverständnis solcher stellen und anlehnung an stallen 3 stammt wol die angabe: stallung metaph. etiam est concordia, conjunctio animorum, unanimitas. Stieler 2118.
4)
stellung, sistierung vor gericht: so in Bayreuth. verordnungen v. 1708—46; die stallung begehren, verweigern u. a., s. Schm.² 2, 746 (b). reflexivisch, das sichstellen; vgl.: denselben sollen die von Landsperg .., wan es ein auslender, ohne caution zue widerstallung, .... nit ledig oder frey lassen. Lori Lech-rain s. 354ᵇ (burgfriede zu Landsb. 1559). Adelung verzeichnet (unter 2. stallen 2, 1) als oberd. 'stallung auf einen flüchtigen missethäter, ihm nachsetzen, nachstellen, ihn zu erhaschen suchen'.
5)
in der ältern jägersprache; 'wenn sowohl mit dem kleinen zeuge nach hasen, füchsen, auch nach rehen und wölfen, desgleichen mit dem schweinszeuge nach sauen gestellet wird, so heiszt der eingesteckte ort oder dickigt die stallung'. Jacobsson 4, 250ᵇ f.; ein mit dem kleinen zeuge eingestellter ort im walde. Adelung (2, 1); die stellung der jagdzeuge und der damit zugestellte raum. Kehrein weidmannsspr. 280, s. auch Behlen 5, 671. so in der litteratur des 16. und 17. jahrh.: folgends wurde alsobald das holtz mit garn und tüchern ümstellet, die stallung emporgerichtet, ... die wild- und jägermeister zugegen u. s. w. Schoch krieg- u. friedensschäfferey (1663) 25. im bilde:
ich (Beelzebub) aber wil auff diesen plan
hie lauschen ob ich was erschleich ...
denn ich hab eigentlich vernommen
mir sey ein wild in stallung kommen.
Cl. Stephani geistl. action (1568) C 3ᵇ;
da hör ich schon ein wiltpert singen
das wird mir in die stallung springen.
C 4ᵇ;
Chur-Sachsen nur allein, die war noch zu umstellen,
da meinten sie vorab grosz wildbret gnug zu fällen;
darum so drehten sie die fäden doppelt noch,
die stallung war gemacht noch einst, als sonst, so hoch.
gefangen! dachten sie, doch wuszten diese jäger
von einem löwen nicht, der eben da sein läger
nächst ihrer stallung hatt'.   als der die tücher sah,
die netze und das garn, die ihm denn waren nah,
lief er im zorn hinzu und schlug die stallung nider.
der jesuiten länderfang (1632) 29—37 bei Opel-Cohn 286 f.
6)
selten zum zweiten stallen: stallung, ... alia significatione egestio, et effluvium urinae. Stieler 2118; wann sie (pferde) blut harnen (welches ihnen pfleget zu widerfahren, wann sie die stallung oder urination übergehen). Coler hausb. 1, 366ᵃ. s. auch generalstallung Laukhard 1, 217 unter stallen 3 (sp. 619).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1907), Bd. X,II,I (1919), Sp. 629, Z. 69.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
stallregiment starrsinn
Zitationshilfe
„stallung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/stallung>, abgerufen am 02.08.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)