starren verb.
Fundstelle: Lfg. 6 (1908), Bd. X,II,I (1919), Sp. 918, Z. 40
rigere, horrere, stupere.
A.
allgemeines.
1)
zwei dem stamm nach verschiedene wörter sind nhd. lautlich in einem zusammengefallen, während mhd. noch bestimmte unterscheidung gewahrt wird: nhd. starren I, in der bedeutung 'erstarren', entspricht auch mhd. starren, nhd. starren II, in der bedeutung 'starr blicken', dagegen mhd. starn, ahd. starên. trotz dieser älteren verschiedenheit besteht aber enge etymologische verwandtschaft, wie ja denn auch begrifflich starr von der erstarrung eines körpers mit starr (in staarblind oben sp. 264) von dem erlöschen der sehkraft, indem das auge gleichsam erstarrt, nahe zusammengeht. offen bleibt die frage, inwieweit überhaupt mhd. stareblind, ahd. staraplint, starablind, die schreibung von starren II in der älteren zeit beeinfluszt hat.
2)
entsprechungen innerhalb des germ. hat starren II in an. stara Fritzner 3, 529ᵃ; ags. starian Bosworth-Toller 912ᵇ; engl. to stare.
3)
etymologische beziehungen innerhalb des indogerm. hat starren I zu litt. stýroti 'steif dastehen' (vgl. pol. styrczyć, sterczyć, 'emporstarren, aufrecht stehen'), litt. stỹrti (steif und starr werden, erstarren' skrt. sthira, griech. στερεός. vgl. auch noch litt. stóras 'dick, umfangreich' und kirchenslav. starŭ 'alt'.
4)
zur verwandtschaft innerhalb des germ. vgl. für starren I noch unter störrig, zu mhd. storren 'starr werden', ahd. storrên Graff 6, 711 und got. andstaurran, ἐμβριμᾶσθαι; auch in stark (oben sp. 869) kann das hier zugrunde liegende wurzelhafte element mitgewirkt haben. für starren II vgl. unten unter stieren.
5)
mhd. sterren (ahd. starrjan) entsprechend hat sich dialektisch vereinzelt der umlaut gehalten, so bair. stärren, derstärren, neben starren, derstarren, erstarren. Schm.² 2, 775; vgl. oberd. stárrn, derstárrn. Lexer kärnt. wb. 239; stárn, derstárn Schöpf tirol. idiot. 700.
B.
bedeutung.
I.
starren, erstarren, emporstarren u. s. w.
1)
erstarren, starr werden, starr sein, starr liegen u. s. w.
a)
vor frost starren, grosse kelte haben, rigere. Maaler 384ᵃ; starren, von kälte gestarren und hart werden, gourdir de froid, se roidir et serrer. incordarsi di freddo. Hulsius (1616) 306ᵇ; starren für kälte, assiderare, inrigidire, intirizzire di freddo. Kramer dict. 2 (1702), 911ᵃ; er starrt vor reife, pruinis obriget. Steinbach 2, 686;
zu rennen auf des nordens scharfem wind,
mein werk zu schaffen in der erde adern,
wenn sie vom froste starrt.
Shakespeare 4, 246 (sturm 1, 2).
b)
von flüssigkeiten steif werden, eintrocknen u. s. w.:
die spinneweben haben sich vermehrt;
die dinte starrt, vergilbt ist das papier.
Göthe 41, 92 (Faust II, 2).
c)
vom aufhören der lebenskraft im körper und auch in seinen theilen:
α)
ob zwar mein blut noch wallt,
starrt doch der schwache leib, ob in dem ohr erschallt
wenn du dich hören läszt, doch bin ich gantz durchdrungen,
von dem was sterben heist.
A. Gryphius 2 (1698), 419;
es musz zwar dieser tag (des sterbens) nach schmertzlicher gebühr
dein starrendes gebein und deiner glieder zier
nicht sonder hertzeleid zu seinen vätern sammeln.
Günther ged. 609;
wenn diesz lebensfeu'r verlischet,
starret alles, alles stirbt.
Brockes 1, 298;
wanke näher an das sterbebette,
wo Lucindens hülle starrt,
wo ihr geist von seiner sklavenkette
losgekettet ward.
Hölty 141 Halm.
β)
ein starrender hals, cervix contenta. Corvinus fons latinitat. 666ᵃ; der arm, die hand starrt, erlahmt, ist wie gelähmt, versagt den dienst u. ä.: mein auge wird dunkler! mein arm bebt, oder starret! ich athme die lebensluft schwer ein. in meine innerste nerven hat sich der tod tief eingegraben. Klopstock 8, 25 (tod Adams 2, 1);
er stand und schlug des Dagons räucherer,
bis müd' am schwert die hand ihm starrte.
9, 70 (David 3, 7);
kraftlos starrte die hand ihm.
Voss Ilias 5, 792.
starrende hand, starrender arm:
fast entsank die harfe der starrenden hand.
Klopstock 6, 102 (Messias 18, 24);
an dem hange des felsen lag
der völkerdränger Karl mit starrendem arm.
Stolberg 1, 88.
starrende zunge:
aber die stimm ist auch mir todt nicht, Konstanzia
ruft sie, die starrende zunge ruft
nach Konstanzia.
Klopstock 2, 191 (Capwein und Johannesberger);
im kampf
des todes lag er, rufte laut, mit flamm'
im wilden blicke: 'rächt euch, Perser! ...'
da starrt' ihm zung' und auge.
Stolberg 4, 194 (Otanes).
γ)
ein eisberg fiel auf seine starrende haut in der ersten sekunde. J. Paul 1, 190 (unsichtb. loge 1).
d)
dann auch auf seelische dinge bezogen: so ist der, welcher alles, was ihm begegnet auf die leichte schulter nimmt, wenngleich nicht weiser, doch gewisz glücklicher, als der an empfindungen klebt, die seine lebenskraft starren macht. Kant 10, 320; schon starrt das leben, vor dem ruhebette wie vor dem grabe scheut der fusz. Göthe 8, 276 (Egmont 5);
ob wie todt auch starre der geist der menschheit,
durch der willkür zwang und gebotnen wahnsinn.
Voss 3, 165 (erneuete menschheit).
mit weiterer bestimmung:
immer ja starrete mir mein armes herz in dem busen
angstvoll, dasz mich einer der sterblichen täusche mit worten.
Odyssee 23, 215;
laut nun jammerten wir, die hände gestreckt zu Kronion,
als den gräuel wir sahn; und es starrte das herz in betäubung.
9, 295;
wehe! sobald dem hirn
nur stockt ein winzig fäserchen ungetränkt
von lebenskraft; urschnell in dumpfheit
starret die seel', und vergisst des daseins.
werke 3, 265 (an Hensler).
e)
mit angabe der folgeerscheinung, zugleich unter hinüberführung in eine neue bildlichkeit. zu stein starren u. s. w.: lieber Kestner, der du hast lebens in deinem arm ein füllhorn, lasse dir gott dich freuen. meine arme existenz starrt zum öden fels. Göthe briefe 2, 82 (21. april 1773);
Prothoe. die deinen, heisz gedrängt von Meroe, weichen.
Achilles (in den bart murmelnd). dasz sie zu felsen starrten!
Kleist 2, 123 E. Schmidt (Penthesilea 15);
tritt mir entgegen nicht, soll ich zu stein nicht starren
auf märkten oder sonst, wo menschen atmend gehn.
4, 36.
auch:
wieder sind es mutterthränen
dasz die kinder ihr entschwanden,
dasz der lieben süszes leben
um sie in den steinen starret.
Tieck 1, 138 (kaiser Octavianus 1).
im einfachen vergleich:
o dasz doch der flügel Chronos harrte,
hingebannt ob dieser gruppe starrte
wie ein marmorbild — die zeit.
Schiller 1, 225.
f)
starr dastehen, zaudern, zögern, nichts zu unternehmen wagen u. s. w.:
o that, für der hinfort die allerkühnsten helden,
was jemals sie gethan, sich schämen mehr zu melden:
für der Achilles starrt, für der auch Hector stutzt
und Hercules nicht mehr auff seine keule trutzt.
Logau 1, 4, 47;
warum steht ihr dort so betäubt, wie die jungen der hindin,
die, nachdem sie ermattet vom lauf durch ein weites gefilde
dastehn, nichts im herzen von kraft und stärke noch fühlend?
also steht ihr jetzo betäubt und starrt vor der feldschlacht.
Voss Ilias 4, 246.
in diese begriffssphäre reiht sich wol auch:
er (Faust) soll mir zappeln, starren, kleben,
und seiner unersättlichkeit
soll speis' und trank vor gier'gen lippen schweben.
Göthe 12, 95 (Faust I).
g)
starren, stolz, widerspenstig, eigenwillig, hartnäckig sein. starrend einhergehen, caminar' intirizzato. Kramer dict. 2 (1702), 911ᵃ;
dasz ihr, halsstarrigen, mit nichts nicht seid zu beugen,
wie gott selbst von euch sagt, weil ihr denn starrt so sehr,
so beug' euch dermaleins luft, feuer, erd und meer.
Flemming 46, 403 Lappenberg.
beruhend auf wendungen wie: der hals starret ihm, egli hà incordato, intirizzato il collo. Kramer dict. 2 (1702) 911ᵃ. dann sich der obigen gebrauchsweise schon mehr nähernd: aber die jüden, die beschnitten heiligen, tragen einen stoltzen mut, brüsten sich, und starren mit irem hals steiff, wider uns verfluchten, elenden heiden. Luther 8, 120ᵇ.
2)
starren, emporstehen, in die höhe ragen u. s. w.
a)
von felsen, bäumen, bauwerken u. s. w.: noch immer starrt in meinem gedächtnisse dieser steinerne wald von häusern (London) und dazwischen der drängende strom lebendiger menschengesichter. Heine 3, 438 (reisebilder 4, 2); so war mir, als sei mein grimm mit diesem gestein und dieser grollenden flut ein ding und müsse ich auch so trutzig starren wie der jähe fels. Vischer auch einer 1, 52;
ein messer, so das meer sich schliff,
da starrt ein starkes felsenriff,
und schlitzt das Engelländerschiff.
Keller 10, 107 (meer);
über der felder zähem morast ...
sieht er der schanze starrenden kamm.
Eelbo Dithmarschen 76;
vgl. auch:
wildnisz starret nunmehr dem kühnen pilger entgegen.
Seume 3, 85 (spaziergang 2).
mit weiterer adverbialer bestimmung:
die eiche starret mächtig,
und eigensinnig zackt sich ast an ast.
Göthe 41, 225 (Faust II, 3);
im hafen, wenn ihre (des schiffes) ricken stakig und dürr ... in die luft starrten. Frenssen Hilligenlei 167;
weiszt du ja doch, wie das herz mir fest ist und unerschüttert!
halten will ich's, so fest wie ein fels starrt, oder wie eisen.
Voss Odyssee 19, 494;
so glühte eben noch im purpurscheine,
nun starret kalt und weisz des berges firn.
Keller 10, 127 (poetentod);
Werner schaute
wild chaotisch durcheinander
felsentrümmer unten starren.
Scheffel 5, 116 (trompeter 10).
b)
von waffen, besonders gerne von lanzen und speeren: schwerter halten den brunnen bewacht, speere starren. Hebbel 1, 31 Werner (Judith 3); sie stemmten das knie im boden fest, sie deckten den leib mit dem lindenschild und wehrten als dreifache schildburg mit starrenden speeren. Freytag 8, 38 (ahnen 1, 1, 2). mit dem beisinn des unthätigen, im vorhaben gehemmt werdenden:
der könig winkt, das schon gezückte schwert
starrt in des würgers hand.
Wieland 10, 294 (Kombabus 684);
doch Perseus schüttelt kaum den kopf mit schlangenhaaren,
so starrt der dolch in jeder blut'gen hand,
und jeder mörder steht zum felsen hingebannt.
22, 211 (Oberon 5, 37),
wo unter annahme einer wenn auch nicht gerade gewöhnlichen übertragung von wendungen wie starrende hand, starrender arm (1, c, β) an 'erstarren' gedacht werden könnte. in diesen entwicklungskreis gehört auch:
zum beginnen, zum vollenden
zirkel, blei und winkelwage;
alles stockt und starrt in händen,
leuchtet nicht der stern dem tage.
Göthe 47, 152.
c)
eisen starret, im schacht des bergwerks, wol eine auf 2, b fuszende dichterische freiheit; mit hinblick auf die daraus zu schmiedenden waffen:
nicht gleiche gaben spendet des vaters hand
den völkern. eisen starret im schachte dort,
hier wanken ähren.
Stolberg 2, 105.
d)
von theilen des menschlichen oder thierischen körpers:
α)
ein starrender bauch, pancia distesa. Kramer dict. 2 (1702), 911ᵃ; der bauch starret ihm wie eine sackpfeiffe, il ventre gli stà disteso e gonfio come una cornamusa. ebenda; bitt man ein bawern so strotzt im der bauch, und starret wie ein block, und knarret wie ein newer oder ungeschmierter wagen. Mathesius Sarepta 119ᵃ; vgl.: man musz so lange sitzen und sauffen, aus mannicherley art des willkommen, ... bisz man sinn witz verleuret, und nicht mehr reden, gehen oder stehen kan, ja nicht weisz, was eines jeden gelegenheit ist, und man mit einem solchen vollen zapfen, der da starret wie ein stock und pflock, wol alle riegel und thor aufflaufen möchte. Schaller theolog. heroldt (1604) 94.
β)
starrendes mannsglied, cazzo, membro virile rizzato, ritto, duro; priapo. Kramer dict. 2 (1702), 911ᵃ; sein schwantz strecket sich wie ein cedern, die adern seiner scham starren wie ein ast. Hiob 40, 12; das blut war ihm dermaszen in das antlitz getreten, dasz seine stirnadern geschwollen starrten. Immermann Münchhausen 3, 18.
γ)
die haare starren, sträuben sich, stehen wie borsten in die höhe u. s. w., als zeichen des erschreckens, grausens:
sonst gab es eine zeit, wo mir der schrey
der eule grauen machte, wo mein haar
bey jedem schrecknisz in die höhe starrte,
als wäre leben drinn.
Schiller 13, 148 (Macbeth 5, 5);
es sitzt ein geist auf der bahre;
es starren mir noch die haare.
Uhland ged. 322.
doch auch sonst: grimmig ist ihr (der Germanen) muth, ihre flatternden haare starren, die augen glühen im schlachtenzorn. Freytag 17, 97 (bilder 1); unter dem helme starrten die buschigen brauen, düster war sein blick. Freytag 8, 139 (ahnen 1, 1, 8);
es starret ihm der knebelbarth,
nach der grimmigen lewen art.
Rollenhagen froschmeuseler (1595) R 5ᵃ.
von eis, reif: er (Vergil) läszt den schnee auf den schultern liegen, flüsse aus dem kinn strömen und weiter unten den bart von eis starren. Seume 3, 103 (spaziergang 2);
ein wandrer kommt von ferne,
ihn schüttelt frost, es starrt sein haar.
Eichendorff² 1, 289.
mit adverbialer bestimmung: Flavio stürzte herein in schauderhafter gestalt, verworrenes hauptes, auf dem die haare theils borstig starrten, theils vom regen durchnäszt niederhingen. Göthe 22, 87 (Wilh. Meisters wanderjahre 2, 5); die männer rüsteten sich zum dienst für den kriegsgott, den erbarmungslosen, sie salbten und sträubten ihr haar, dasz es rötlich starrte. Freytag 8, 193 (ahnen 1, 1, 11).
e)
strotzen, entsprechend schon 2, d, α: als ich um elf, die taschen noch von birnen starrend, aus dem schulhofe trat, kam eben der dicke stadtausrufer die strasze herauf. Storm 4, 43 (Pole Poppenspäler);
raubschiffend ruderte Menelas von bucht zu bucht;
gestad' und inseln, alles streift er feindlich an,
mit beute wiederkehrend, wie sie drinnen starrt.
Göthe 41, 201 (Faust II, 3).
starren als kleider von gold, rigere auro. Frisch 2, 320ᶜ; da jetzund die röcke von perlen starren. Mathesius Sarepta 50ᵃ; die braut aber war in weisze seide gekleidet, die von goldstickerei starrte. L. Hesekiel Nürnberger tand 2, 121; sein anzug starrt vor schmutz;
der nachttisch, der von silber starrt.
Gotter 1, 19.
alle ihre sätze und zeilen starren von den namen berühmter scribenten. Gottsched bei Campe.
f)
von etwas starren, mit dem beisinn des trutzigen: man konnte sehr wohl zur erwägung stellen, ob nicht die Rheingrenze, die jetzt von festungen starrte, verbunden mit zeitweiligen offensivstöszen in das östliche vorland, zur sicherheit Galliens genügte. Lamprecht deutsche geschichte 1, 211;
dann das gold der neuen welt, macht dasz alte welt sehr narrt,
jene macht wol gar, dasz die gantz in jhrem blute starrt;
dann auff prachten, dann auff kriegen pflegt man allen schatz zu wagen.
Logau 3, 6, 62;
ganz auch starrt es (das schiff) von schilden und zwiefachschneidenden
lanzen.
Voss Odyssee 16, 474;
die ganz einschlieszende mauer
starrte von erz.
10, 4.
doch auch: ganz Europa starrt in waffen. Moltke 7, 131.
3)
partic. mit ergänztem oder zu ergänzendem acc. der wirkung.
a)
entsprechend oben A, 1, a 'kälte, schnee und eis spenden, frieren machen u. s. w.': meinen geist schwindelt es vor diesem leeren, starrende kälte aushauchenden, sich immer weiter aufreiszenden abgrund. Klinger 8, 95 (geschichte eines Teutschen 2);
in diesem stets noch starrenden winter, ach
zum erstenmale wagt' ich, die mürrischen
ostwinde meidend, nicht, der eisbahn
tönende flügel mir anzulegen!
Klopstock 2, 33 (unterricht).
b)
einen (durch erregung eines gefühls) erstarren machen, dasz er sich gleichsam in stein wandelt: das starrende wasser des Styx, der darüber hangende fels, der alte scheusliche fuhrmann schrecken in den traurigsten farben. Lessing 4, 237. das gefühl als subject:
auf dir (St. Gotthard) hauset entsetzen und graun in wolken gehüllet,
deine pfade besucht der bleiche starrende schwindel!
Stolberg 1, 210 (hymne an die erde);
doch die Achaier
drängte die grauliche flucht, des starrenden schreckens genossin.
Voss Ilias 9, 2;
jetzo mit thränen mein herz zu besänftigen, jetzo von neuem
auszuruhn; bald wird man ja satt des starrenden kummers!
Odyssee 4, 103;
und klagt leise klage, dasz nicht des leidenden vaters
starrende melancholei
ihr von neuem erweckt.
ders. im Gött. musenalmanach 1774 s. 197.
die ausgabe von 1802 hat dafür:
dasz nicht des duldenden vaters
männlich bezwungenen gram.
3, 63.
c)
zweifelhaft, ob nicht gröszerer oder geringerer zusammenhang mit starren II, starrblicken, besteht, in wendungen wie: mit starrender gewalt hefteten sich seine augen auf diesen vorhang. Wildenbruch novellen (1886) 36. nur vereinzelt auch sonst, mit acc. der wirkung: liege hier und starre schrecken in des schwachen herz. Klinger 2, 77 (günstling 4, 3). dann geradezu transitiv:
die africanische Gorgone bin ich,
und wie ihr steht, zu steinen starr ich euch.
Kleist 2, 144 Schmidt (Penthesilea 23).
dem entspricht vereinzelter reflexiver gebrauch, wol nach der analogie von sich sträuben (s. u.): sich starren, intirizzarsi, assiderarsi, it. inrigidire. Kramer dict. 2 (1702), 911ᵃ.
II.
starren, starr, unbeweglichen, gespannten, aufmerksamen auges blicken, nicht so stark wie stieren (s. u.).
1)
die augen starren, blicken starr:
ob ihr sahet sein haupt empor ihn richten? sein auge
nach dem himmel starren?
Klopstock 5, 51 (Messias 11, 745);
die augen starrten himmelwärts,
und blickten furcht und graun.
Hölty 18 Halm;
oder starren von schlaf die niedergeschlagenen äuglein?
Voss 1, 185 (Luise 3, 598);
blutige thränen hätt' ich dir geweinet,
ach! und thränen der seele, wenn mein auge
starrte gleich dem grame, den nie des trostes
kühlung umwehte.
Stolberg 1, 25.
a)
sich 'stieren' begrifflich mehr nähernd: Ahia aber kund nicht sehen, denn seine augen starreten fur alter, 1 kön. 14, 4; das auge starrt ohne zu sehen. Lichtenberg erklärungen zu Hogarths kupfern 3, 159 (xvi); die augen starrten gräulich, die lippe war dem schreckbild (Symmachus) in die zähne gebissen. Freytag 17, 202 (bilder 1).
b)
starrendes auge: starrende und unverwanckte augen, rigentes oculi. Maaler 384ᵈ; es waren vier kerls beysammen, welche ein ander mit starrenden feurigen augen und erblasztem gesicht, die zähne auf einander beissend ansahen. Philander 1, 597; terrena sordent: schreiben die gelehrten zu einem adler, der mit starrenden augen in die sonne siehet: das irdische stincket mich an. Sperling Nicodemus quaerens et Jesus respondens 1 (1718), 1246; wenn Archer endlich mit groszer leichtigkeit die beine über ein ander schlägt, so versucht Scrub ein gleiches, und bringt es auch endlich ... glücklich zu stande, alles entweder bei starrenden, oder heimlich vergleichenden augen. Lichtenberg 3, 244; er wirft sich auf die knie, knirscht mit den zähnen, und sucht mit epileptisch starrendem auge ... den himmel, der keine schuld hat. erklärungen zu Hogarths kupfern 3, 242 (xviii).
blickte von da (dem thürmenden felsen) mit starrendem aug' hinaus in die wüste.
Klopstock 5, 217 (Messias 13, 893);
aber es standen besonders in einen klumpen geschlossen
meine söhne mit weitgeöffneten augen, die starrend
an die schlipfrigen schönen sich hängten, und geizige züge
von dem bezauberten blick einsogen.
Bodmer Noah 22 (1, 490).
c)
ähnlich der blick starrt:
glanzlos starrt
auch nach der küste hin entsetzlich
ein todter blick.
Immermann 13, 245 Hempel (Tristan 1, Cornwall);
aber almählich
starrte sein blick, und er sank in erquickenden mittagsschlummer.
Voss 2 (1802), 268 (siebzigster geburtstag).
mit starrendem blick:
mit starrendem blicke,
stand er hier sprachlos.
Klopstock 3, 161 (Messias 4, 95);
mit starrendem blicke
schauet' er in die finsternisz aus.
3, 230 (4, 1207).
d)
in schon loserer verbindung beider begriffe: er setzte vor einem bunten schreine der muttergottes angelangt, seinen tragkorb nieder, warf sich auf die knie und starrte mit brennenden augen durch das gitter. C. F. Meyer Jürg Jenatsch 38; Jörn Uhl schlief in dieser nacht nicht, er lag auf dem rücken, starrte mit offenen augen nach oben und grübelte. Frenssen Jörn Uhl 367;
und der himmel, sternelos,
starrt aus leeren augenhöhlen
in das ungeheure grab
schwarz herab.
Grillparzer⁴ 3, 10 (ahnfrau 1).
vgl. auch: ein wickelkind (von pfefferkuchen), das aber auch durch zwei glaskorallen in die welt starrte. Freytag 7, 24 (verl. handschr. 3, 1).
2)
von den personen selbst:
a)
ohne weitere bestimmung: als er (Gelimer) nach dem kaiser auf hohem throne sah und auf das starrende volk, da weinte er nicht und seufzte nicht. Freytag 17, 207 (bilder 1);
bebt, und ehrt des höchsten macht!
starrt ihr völker! man beginnt
ein sehr hohes haus zu stürtzen, ein nicht hohes zu erheben.
starrt und lernet hier, wer purpur, reich' und länder könne geben.
Gryphius 1, 626 f.;
(Horst) höret nun des hauses jammer,
eilet in des fräuleins kammer,
starrt und stürzt sich in sein schwert.
Stolberg 1, 59.
starrend, staunendt, incordato, disteso. Hulsius (1616) 306ᵇ; geweckt von dem sternkundigen sprang Wilhelm auf und eilte zum fenster, dort staunte, starrte er einen augenblick, dann rief er enthusiastisch: 'welche herrlichkeit! welch ein wunder!' Göthe 21, 185 (Wilh. Meisters wanderjahre 1, 10). hierher wol auch: die ausleger haben erschrecklich gestarrt, warum hier erste und zweite person redend wechsele: die übersetzung machts klar, ohne dasz ich ein wort hinzusetzen dörfte. Herder 8, 642 Suphan.
b)
mit einer angabe der richtung:
α)
auf etwas starren, fixis oculis intueri. Frisch 2, 320ᶜ; der doctor starrte auf das blatt. Freytag 6, 11 (verl. handschr. 1, 1); da beobachtete er einst, dasz zwei kleine knaben gierig auf die heisze asche starrten, in welcher ein brodkuchen gebacken wurde. 17, 207 (bilder 1); das kind kauerte neben dem bette auf dem erdboden und starrte auf die alte. W. Raabe schüdderump 1, 103;
hingesenkt das gramesmatte
angesicht, so früh verblüht,
starrt er auf die felsenplatte.
Lenau 1, 66 Koch (die felsenplatte).
auf einen punkt starren, in tiefer überlegung, in verzweifelung u. s. w.; vgl. auch unten in das leere starren:
stehst du noch immer da, gleich unbewegt,
und starrst auf einen punkt?
Grillparzer 6⁴, 96 (des meeres und der liebe wellen 5).
in etwas starren: aber die königin stand unbeweglich und starrte in die glut. Freytag 8, 205 (ahnen 1, 1, 11);
so dacht' und stammelt', und rief er,
starrete wieder ins offene grab.
Klopstock 5, 247 (Messias 14, 336);
und die seiner (des rattenfängers) pfeife lauschen,
die ihm in die augen starren,
alle wird der teufel holen.
Keller 10, 218 (apotheker von Chamounix 2, 10).
in das leere starren noch stärker als oben auf einen punkt starren: in der hand hielt sie das warnende zeichen der mutter. sie starrte darüber hinweg in das leere. Freytag 8, 185 (ahnen 1, 1, 11);
die feilen lügner starren in das leere.
Fulda talisman¹³ 75.
nach einem starren: nicht nur das stadtvolk starrte nach dem geschlecht der fremden riesen. 17, 49 (bilder 1); der sänger fuhr empor und starrte nach dem fremden. 8, 41 (ahnen 1, 1, 2).
β)
diese angabe noch genauer gefaszt: wenn ich in die dichte finsternis hinein starrte und die wolken sich theilten. Bettine briefe 1, 282; drauf in der sylvesternacht, in dem augenblick, da eben das jahr wechselt, hebt er sich halb vom lager empor, starrt, als ob er eine erscheinung hätte, ins zimmer hinein. Kleist 2, 232 E. Schmidt (Käthchen von Heilbronn 2, 9);
sie (Magdalene) blickt', und starrte
ängstlich hinunter ins grab.
Klopstock 5, 231 (Messias 14, 91);
dann bewölkt sich mein blick, starret zur erd' hinab,
schaut nur bilder der traurigkeit.
Hölty 91 Halm (an Miller 14. febr. 1773);
du starrtest nieder in den sand,
als sähest du die nummern dort geschrieben,
die man mit nächstem zieh'n wird in Neapel.
Hebbel 2, 79 Werner (trauerspiel in Sicilien 1);
wo die frommen vögel plaudern
starr' ich weit hinaus ins land,
wo die schaafe fröhlich grasen
spring ich frei auf grünem rasen.
J. Mosen 1, 71;
hohe herren schon beim frühstück wach ...
starren hinaus in den zuckenden schein.
Eelbo Dithmarschen 8.
c)
mit angabe der besonderen färbung des begriffs starren:
α)
mit ehrfurcht starrte die jugend des dorfes auf den landsknecht, der seine hellebarde vor der schenke in den boden stiesz. Freytag 19, 5 (bilder 2, 2); deshalb war er nun erstaunt über das, was er doch an seinem eigenen vaterhause erlebt, und starrte voll verwunderung in die wüstenei, die er vor sich sah. Keller 4, 111 (Romeo u. Julia); er starrte in tiefem sinnen noch lange in das blatt, als schöpfe er eine ganze welt von thatsachen und gedanken aus den wenigen zeilen. W. H. Riehl geschichten 4, 202;
jetzt starrt zum toten hin voll angst und schrecken
ein bleich gesicht.
Eelbo Dithmarschen 38.
β)
wild, trotzig starren: wem droht dein schwert, wohin starrst du so wild und entschlossen? Klinger 1, 17 (zwillinge 1, 3); als die reiter nahten, rannte der haufe (der knaben) an den weg und starrte trotzig auf den fremden mann. Freytag 8, 11 (ahnen 1, 1, 1);
warum starrst du also wild
hin nach jenem düstern winkel?
Grillparzer⁴ 3, 40 (ahnfrau 2).
unverwandt starren, keinen blick davon lassen:
wie er also unabwendig
starret auf den hellen stein,
werden plötzlich drauf lebendig
seine lieben phantasei'n.
Lenau 1, 66 Koch (die felsenplatte).
verwundert starren: dem grusz der eintretenden antwortete aufstehend der lehrer ... verwundert starrten die kinder in die unerwartete störung. Freytag 6, 64 (verl. handschr. 1, 4);
sie (die bettlersleute) starren wundernd nach dem bogen,
von dem ihr konterfei, gezogen
von weiszer hand, schon deutlich spricht.
Keller 10, 91 (schöngeist).
misztrauisch u. s. w. starren: wieder starrten die kinder misztrauisch auf die fremden, aber der doctor beseitigte das ceremoniell der ersten bekanntschaft, indem er Franz bei den beinen nahm. Freytag 6, 73 (verl. handschr. 1, 4); angstvoll starrte sie ihm ins gesicht. 8, 187 (ahnen 1, 1, 11);
tröstungen wären bei mir? dann starrete nicht mein Boje
stumm, mit geheftetem blick.
Voss 3, 60 (der entschlafenen Margaretha);
da sitzt er und starrt leblos auf den grund,
den er zuvor gestampft mit stolzen füszen!
Grillparzer⁴ 5, 109 (könig Ottokar);
sie starrt erstorben.
Immermann 13, 245 Hempel (Tristan 1, Cornwall).
d)
in der mystik, mit beziehung auf die contemplatio: wande dat heiʒen wir staren, als ieman bit allen sinnen ein dinc alleine ane sit. rede von den 15 graden (Germania 6, 146);
sie musten durch wustene varn
und in die gotheit starn.
Hesler apoc. 17261.
3)
mit gewandeltem subject: in seinen augen starrte eine grauenhafte ängstlichkeit, wie die eines armen sünders. Heine 1, 344 Elster (florentinische nächte 1); aus hunderten der verschiedensten gesichter starrte derselbe ausdruck nach dem manne (oben auf dem thurme) hinauf. keiner glaubte an das wagnis, und sie sahen den wagenden doch. Ludwig 1, 372 (zwischen himmel u. erde).
4)
starren, substant.: in einer gesellschaft von schwachen köpfen kan sich einer leicht durch starren auf die seite bey einer vorfallenden frage das ansehen eines denckenden kopfs geben. Lichtenberg aphor. 3, 99 (Leitzmann); die thorheit, die sich offt mit einem beständigen nicht wegzulöschenden lächeln äussert verbunden mit einem todten starren in den augen. 175; gewisz ist die anbetung der sonne zu verzeihen. jedermann sieht schon unwillkürlich nach einem hellen fleck. das thun auch die thiere, und was bei katzen, hunden unwillkürliches starren, ist bei den menschen anbetung. schriften 1, 191; so ging ihr staunen ... in dumpfes starren über. Wildenbruch nov. 13.
5)
mit acc. der wirkung; vgl. auch die zweifelhaften fälle oben unter I, 3, c; nur in der wendung geläufig sich die augen aus dem kopf starren, ins maszlose nach etwas gespannt blicken: der teufel! und ich hab' mir beynahe die augen aus dem kopfe gestarrt. Klinger 1, 154 (die falschen spieler 4, 2). vgl. auch das jetzt ganz ungewöhnliche gestarrte augen, neben starrende augen, occhi assiderati, fermi, fisi. Kramer dict. 2 (1702), 911ᵃ.
starren m
Fundstelle: Lfg. 6 (1908), Bd. X,II,I (1919), Sp. 918, Z. 37
im thüring. bezeichnung eines baumlangen kerls: šdàrn Hertel sprachsch. 234, wol zu mhd. storre 'baumstumpf' gehörig.
Zitationshilfe
„starren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/starren>, abgerufen am 21.10.2019.

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