Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

station, f.

station f
(spr. statsjṓn) haltestelle, aufenthalt.
1)
ein lehnwort aus gleichbedeutendem lat. statio, vgl. Adelung und Weigand 2, 799 f., das von der kirchlichen sprache ausgegangen ist und in der ältern sprache in zwiefacher form erscheint. die ältere form beruht auf dem lat. nom.; sie begegnet hochd. in dem ältesten beleg in Ottokars reimchron. und weiter im 15. jahrh. in der schreibung statze, s. Lexer handwb. 2, 1152 und unten 4; sie herrscht ausschlieszlich im mnd. als stacie, stacien, s. Schiller-Lübben 4, 349. brem. wb. 6, 338 und unten 2; ihm entspricht auch, mit geänderter bedeutung, das nl., erst aus neuerer zeit bekannte staatsie, pomp, pracht, aufwand (vgl.staat), s. Franck 952 (daneben jetzt station, n., bei der eisenbahn. das bei Kilian 2, 626 f. verzeichnete staedsie, stagie, contignatio, bühne, ist fernzuhalten; es stammt aus altfrz. estage, wie engl. stage). die andre, später zur herrschaft gelangte form geht von dem lat. obliquus statiōnem aus; sie findet sich schon im 15. jahrh. als stacion (voc. 1482, s. unten 4), statzian (Heinr. Deichsler chron. v. Nürnb. zu 1489, s. unten 2, c), ihr entspricht engl. station, das nach Skeat 593ᵃ schon bei Gower (1393) vorkommt. mit dem 16. jahrh. verschwindet station aus der litteratur (aus diesem nur nd. belege), ohne dasz es deswegen in der umgangssprache erloschen sein wird; es taucht erst wieder auf im beginne des 18. jahrh., nach Weigand 2, 799 zuerst 1718. (frühere auflagen scheinen 1678 angegeben zu haben, vgl. Gombert bem. u. erg. 3, 2.) die litteraturbelege beginnen wieder mit Oest (1751). das wort hat besonders im 19. jahrh. zunehmende verbreitung gefunden. auch in mundarten ist es jedenfalls weiter verbreitet, als die spärlichen anführungen erkennen lassen: els. štàtsjûn, auch štàtsjùm. Martin-Lienhart 2, 620ᵇ, bair. Schm.² 2, 796, in Posen Bernd 373, in Liv- und Estland Hupel 227.
2)
station bezeichnet zunächst und am gewöhnlichsten ein kurzes anhalten auf einem wege und die stelle, wo dies geschieht. diese bedeutung gehört anfänglich dem kirchlichen sprachgebrauch an und beruht auf mittellat. statio, vgl. Du Cange 7, 586ᵃ. Brinckmeier gloss. diplomat. 2, 575 (5). stationen geht zunächst auf die 14 besonders gekennzeichneten stellen, an denen Jesus auf seinem leidenswege nach Golgatha nach biblischer oder legendärer überlieferung angehalten haben soll und wo daher auch die pilger, welche die heiligen stätten besuchten, halt machten und ihre andacht verrichteten. dann übertragen auf die nachbildungen in kirchen oder unter freiem himmel, die zuerst im Franciscanerorden aufkamen ('calvarienberge'); hier waren 14 stellen mit hölzernen kreuzen (stationskreuz), auch mit bildstöcken (stationsbild) und kapellen bezeichnet, die als halteplätze für processionen dienten. der ausdruck wird dann weiterhin auch auf diese processionen und die daselbst verrichteten gebete angewendet (seine stationen machen). vgl. Wetzer - Welte kirchenlex.² 7, 1130—5. 11, 740 f. Herzog realencyclop.² 14, 642 f. Lueger 7, 476. diese bedeutung ist im mnd. die einzige (s. unter 1); sie kommt aber auch hd. schon im 15. jahrh. vor, und ebenso in der neuern zeit: station, lat. statio ecclesiastica. Apin. gloss. 511, hauptsächlich in der sprache katholischer gegenden und autoren, daher besonders süddeutsch: els., s. Martin - Lienhart 2, 620ᵇ ('kreuzwegandacht'), bair. Schm.² 2, 796 (a). vgl. dazu stationsbild, geheimnis, -kirche, -kreuz.
a)
in bezug auf den kreuzweg Christi selbst, nicht häufig: so was läszt sich nur verwinden, wenn man sich den vor augen hält, der seine vierzehn stationen bis ans kreuz gegangen. Anzengruber³ 4, 260 (hier also in die bedeutung 'abschnitt eines weges zwischen zwei haltestellen' übergehend, vgl. 3; kurz vorher in bildlichem gebrauche: das war meine erste leidensstation).
b)
bei einer procession das haltmachen und die dabei verrichtete andacht: gha de processien myt groter innicheyt. unde wanme de stacien holt, sprik: o alderleveste here Jhesu u. s. w. quelle bei Schiller - Lübben 4, 349ᵇ; wat de rad vor goddes denst wolde don laten, besunderen des rades processien, ... so moste de rad den papen besunderen eynen isliken belonen vor medetoghande unde vor den sangk unde vor de stacien. d. städtechron. 16, 330, 31 (Braunschw. schichtb.).
c)
stacie wird dann auch geradezu für die procession selbst gesagt: alsz men drecht dat hillige sakramente myt der processien unde stacien. urk. v. 1423, s. brem. wb. 6, 338; also trat he na der stacien van der hogen treppen. d. städtechron. 16, 397, 2 (Braunschw. schichtb. zu 1502; vorher: de eldesten ... leyten de papheyt ... myt der processien ghan. 396, 24); vgl.: item man gab den ablas und die gnad erlengt: die zu Martini nit gepeicht heten und statzian in die 7 kirchen ... nit gegangen heten, wenn sie krank warn. 11, 554, 25 (Deichsler chron. v. Nürnb. zu 1489).
d)
mnd. stacie bezeichnet den feierlichen gottesdienst am schlusse einer procession: ock so drecht me sunte Autor des jars eyns umme de stad ... unde holden denne in deme closter in der inbringinghe eyne herlike stacien myt lovesanghe. unde dar is de processien medde gedan. d. städtechron. 16, 470, 4; de ersame meyne rad, alle volk .. ginghen dar eyn herlike processien. ... de stacie wart gheholden buten deme munster up eynem nyen ghebuwete. 520, 25. auch sonst scheint stacie gewisse solenne gottesdienste zu bezeichnen: in der kerken mod de pawes jo drye in deme jare missen singen und sine stacien dar ynne holden. Korner bei Schiller-Lübben 4, 349ᵃ. hierbei sind vielleicht andre kirchliche verwendungen des lat. statio von einflusz. dieses bezeichnete nämlich in frühchristlicher zeit gottesdienstliche zusammenkünfte, die mit nachtwachen und fasten verbunden waren (so von der militärischen sprache ausgehend, statio eigentlich 'wachtposten'), später die (seit dem 6. jahrh.) dafür üblich gewordenen bittgänge zu bestimmten kirchen (stationskirchen) mit feierlichem gottesdienst, s. Wetzer-Welte kirchenlex.² 4, 1269 f. 11, 740. Du Cange 7, 585 f. Brinckmeier gloss. diplom. 2, 575 (1. 2). vgl. auch: station ..., it. wo die leute zusammen zu kommen pflegen, ihr gebet zu verrichten, kirchen-stand. Sperander a la mode-sprach (1727) 679ᵇ.
e)
ungewöhnlich ist station im sinne von stationsbild (vgl. das.): stationes werden auch diejenigen säulen genennet, welche vor denen meisten catholischen städten gesetzet, und an solchen die besondere paszions-actus unsers heylandes abgebildet seyn, bey welchen man kniende oder stehende station zu halten, sich dieser handlungen zu erinnern, und seine andacht zu verrichten pfleget. Sperander 679ᵇ; wenn ich nur erst von einem künstler hörte, der aus wahrer frömmigkeit ... arbeitete, und ... wie die alten heiligen ... um gottes willen käme, die altäre zu verzieren, die kreuze und stationen herzustellen. Brentano 9, 34 (brief v. 1823).
f)
in Posen bedeutet station 'bei begräbnissen, eine besondere zweite leichenrede. einen mit einer station und parentation begraben, mit einer rede sowol im hause, wo die leiche ausgetragen wird, als auch auf dem gottesacker'. Bernd 373.
3)
in derselben bedeutung 'ort, wo halt gemacht wird' ist station in der neuern sprache allgemein üblich, über diesen speciellen fall hinaus, und namentlich als ausdruck des verkehrswesens sehr verbreitet. zuweilen geht station dabei nicht sowol auf die haltestelle, als auf die entfernung zwischen zwei haltestellen, den durch sie bezeichneten abschnitt des weges.
a)
im 18.—19. jahrh. für posthaltestelle, vgl.poststation, theil 7, 2035: station, ... auch der ort, wo die posten frische pferde bekommen. Sperander 679; die station. '1. im postwesen, ein ort, wo die pferde gewöhnlich gewechselt werden; der postwechsel'. Adelung, vgl. Jacobsson 7, 429ᵃ. Kinderling 332. ich fuhr nun stracks vor mich hin, stieg mehrere stationen nicht aus. Göthe 23, 75 (wanderj. 3, 6); ich eile nur von der lezten station einige worte aufzuzeichnen. briefe 4, 69 (an Ch. v. Stein d. 3. oct. 1779); adieu, in der nächsten station noch ein wort, und dann wird der brief zugesiegelt. Kleist 5, 110, 34 E. Schmidt;
auf jenem jagdschlosz war es, zwischen hier
und Nepomuk, wo sie uns eingeholt,
der letzten station des ganzen wegs.
Schiller 12, 136 (Piccol. 3, 3);
(im bilde:)
was willst auf dieser station
so breit dich niederlassen?
wie bald nicht bläst der postillon,
du muszt doch alles lassen.
Eichendorff² 1, 279;
kaum trafen wir uns auf derselben station,
berzliebster prinz Alexander,
da bläst schon zur abfahrt der postillon.
Heine 1, 54 Elster (junge leiden, rom. 20).
b)
seit aufkommen der eisenbahnen wird dann station mit vorliebe von diesen gesagt; nach Lueger 7, 476 für bahnhof oder theil eines solchen, doch geht es weniger auf das gebäude als den ort überhaupt. ebenso ital. stazione, bahnhof. dazu composita wie haupt-, nebenstation, kopfstation (theil 5, 1780), kreuzstation u. a. auch: weiterhin (war) die station der elektrischen bahn durch ein ... holzbarackchen wenigstens angedeutet. G. Reuter d. Amerikaner 254.
c)
auch in bezug auf seefahrt, der platz, wo schiffe und böte anlegen, wobei es sich dann häufig um ein längeres verweilen handelt, auch zum aufbewahren der fahrzeuge, wenn sie nicht in einer fahrt begriffen sind: station, ist ein meer-haven, schiff-lände, anfurth, wie die schiffe sicher liegen können. Sperander 679ᵃ; station, lat. locus portuosus, der ort, wo die schiff am ufer stehen. Apin. gloss. 511; 'die anfuhrt, wo die schiffe sicher liegen'. Jacobsson 7, 429ᵃ; nachdem man einigemal den see durchkreuzt ... hatte, brachte man die damen gegen den ort, wo sie übernachten sollten. ... gerade an dieser station hatten die freunde vor kurzem drey tage zugebracht. Göthe 22, 131 (wanderj. 2, 7).
d)
station wird so in neuerer zeit auch häufig in freierer verwendung gesagt. noch ganz eigentlich, von einem ort, wo auf einer wanderung halt gemacht wird: Verona ... war immer gleichsam die erste station für die germanischen wandervölker. Heine 3, 257 Elster (reiseb. 3, Ital. c. 23). mit zurücktreten der eigentlichen bedeutung, wie pauver klingt dagegen Jena, die Katzbach, Leipzig: Bellallianz, und gar Paris, die letzte stazion unseres ruhmes, wohin wir — gott weisz wie! — gelangt sind. br. vom 1. sept. 1825 bei Hüffer ges. aufs. 44. dann bildlich von etwas, das als reise aufgefaszt wird, z. b. von einem 'lebenslaufe': sechs oder sieben der wichtigsten stationen seines (Jesu) lebens wurden sicher festgestellt. Frenssen Hilligenlei s. 587.
4)
in andern fällen geht station auf einen längern oder dauernden aufenthalt an einem orte. hier ist eine bedeutung zu erwähnen, die nur in der ältern sprache begegnet, hier aber die zufrühest bezeugte ist. mlat. statio bedeutet u. a. auch 'verkaufsbude, laden, auslage' und 'apotheke', s. Du Cange 7, 587ᵃ (10. 12). Brinckmeier gloss. diplom. 2, 575 (11). in ähnlichem sinne findet sich ein deutsches statz(e) (immer in dieser form) in österr. quellen des 14.—15. jahrh., vgl. mhd. wb. 2, 2, 612ᵃ und Schm.² 2, 796: 'früher scheint es auch von aufgeschlagenen buden oder ständen herumziehender krämer, quacksalber etc. gebraucht worden zu seyn. ... das voc. venet.-todesco v. 1424 gibt f. 99 das venez. la stazon (bude, kaufladen) durch die statz', sowie stand 4, d, sp. 692 f. so in dem ältesten bekannten beleg:
ûf manigen soumæren
fuort man den Venediæren
golt und silber zuo ..;
dâfür man herwider nam
ûʒ statzen und ûʒ krâm
manic rîch kleinât.
Ottokar reimchron. 73092.
ferner: uns haben unser burger zu Triest anpracht, wie vil frombds ol und wein daselbshin gen Triest uber mer pracht und da in den statzen verkaufft werde, dadurch sy irer pawwein und oll nit anwerden mugen und des zu grossen schaden an irn weingerten komen, daz auch wider ire statut und freyhait sey. monum. Habsburg. 2, 941 (urk. v. 15. juli 1478).
5)
ähnlich in neuerer sprache von dem standort oder der stelle, die jemand von amts oder berufs wegen einnimmt.
a)
zunächst eigentlich: 'sonst heiszt station auch so viel als standort.' Campe erg.-wb. so 'station, die postirung einer schildwache'. Jacobsson 7, 429ᵇ. auch geradezu: die postirung oder schildwacht, die corps de garde, ... schaarwacht. Sperander 679ᵃ. auf schiffen heiszt station '1) standort bezw. abgegrenzter dienstbereich; 2) genau bestimmter dienstbereich jeder person an bord von kriegsschiffen bei den verschiedenen übungen.' Stenzel seemänn. wb. 399ᵇ.
b)
gewöhnlicher in freierem sinne für das amt, die 'stelle', die jemand hat: sonst heist station auch ein amt oder bedienung, der beruf, stand oder ort, wo einer sein amt verrichtet. Sperander 679ᵇ; station, lat. officium, munus. Apin. gloss. 511; amt, stelle. Kinderling 332. insbesondere: 'eine ansehnliche bedienung, beträchtliche stelle; am häufigsten im gemeinen und gesellschaftlichen leben. eine einträgliche station bekommen. von geringen bedienungen und ämtern ist es nicht gebräuchlich.' Adelung (2). veraltet.
c)
eine eigenthümliche, sonst nicht bekannte verwendung, in der die begriffe des standorts und des rangs in einander überzugehen scheinen, zeigt der älteste bekannte beleg aus der neueren litteratur:
nun auf! erinnre dich der stationen,
worinnen schöpfer und geschöpfe stehen;
die sind so ungleich, als die lichte sonne
und ihre dunkle irdische trabanten.
J. H. Oest Brem. ged. (1751) 14;
wie? oder wenn du astronomisch irrtest,
und schlöszest: itzund steht die volle sonne;
bald haben wir der sonne letztes viertheil.
ich meyne, jeder kluge würde lachen,
und auch die kinder würden dich belehren,
ein andres sey der mond und unsre sonne.
noch unterschiedner sind die stationen!
erstaunlich anders sind geschöpf und schöpfer.
15.
6)
ferner bezeichnet station den aufenthalts- und wohnort jemandes für kürzere und längere zeit. so in Posen 'die wohnung, absteigwohnung, in einem gast- oder andern hause, auch überhaupt eine gemiethete wohnung'. Bernd 373 (1). gewöhnlich mehr abstract, wobei zugleich und vorzüglich an den unterhalt gedacht wird; 'wohnung und unterhalt'. Kinderling 332. so allgemein üblich in der verbindung freie station, freie kost, vgl. Campe ergänzungswb. anfangs in eingeschränkterem sinne: stationen. dieses war nur ein kunstwort der herren hofmeister, wenn sie von freyer station sprachen. frey licht, frey zucker, caffee und thee war darunter begriffen. Schönaich ästh. in e. nusz s. 339 Köster. belege: wem willst du da was vorpfeifen? nichts als wälder und kohlenbauern, kein geläuterter kunstgeschmack, keine vernünftige freie station! Eichendorff² 3, 85 (taugen. 9); eine solche stelle ... ist mit völlig freier station und einem gehalt von 400 rthlrn verknüpft. Kleist 5, 425, 11 E. Schmidt; so auch: in diesem letztern falle müszte ich etwa ein jahr noch aus eignen kosten bestreiten, ich hätte jedoch station auf der reise, wohnung und tisch bei ihm in Madrid frei. 305, 20. indem so station ganz in den sinn 'kost, unterhalt' übergeht, ist es nicht weit bis zu einer in Livland vorkommenden verwendung: 'die naturallieferung der liefländischen (nicht ehstländischen) landgüter an die krone; z. b. stations-korn, stations-heu'. Hupel 237.
7)
beides flieszt zusammen in einer bedeutung, die in der heutigen sprache sehr gewöhnlich ist. hier bezeichnet station eine anstalt, wo für irgend einen praktischen, wissenschaftlichen od. ähnl. zweck die damit beauftragten personen ihren aufenthalt haben und die dazu nötigen einrichtungen, apparate, materialien u. s. w. vorhanden sind. so gendarmeriestation, missionsstation; ferner für wissenschaftliche beobachtungen und untersuchungen: zoologische, meteorologische station u. a. m.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1908), Bd. X,II,I (1919), Sp. 939, Z. 56.

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