staunen verb
Fundstelle: Lfg. 7 (1910), Bd. X,II,I (1919), Sp. 1176, Z. 36
stupere.
1)
herkunft. staunen ist erst im nhd. nachzuweisen und geht vom oberd. gebiete aus. daher nimmt Kluge⁶ 376ᵇ f. schweizerische entlehnung aus dem franz. étonner, altfranz. estoner, estonner an. (so schon zweifelnd Kramer dict. 1, 1700, 307ᵇ. entschiedener Wachter 393.) dieselbe erklärung würde passen auf das engl. astonish, astound, das als mittelengl. astonie, astone, astune, astoune zuerst in Kent um 1315 auftaucht, s. Stratmann - Bradley 34ᵃ. vgl. Kluge - Lutz 8ᵃ. indessen stehen dieser an sich einleuchtenden erklärung eine reihe gewichtiger bedenken entgegen: 1) der ursprung des franz. wortes ist keineswegs zweifellos. das als etymon vorausgesetzte lat. *extonare = attonare ist nirgends bezeugt (auch nicht mittellat. bei Du Cange und Diefenbach) und nur für diesen zweck erfunden; und da das wort den andern roman. sprachen fehlt (abgesehen von vereinzeltem prov. estornar), so ist die möglichkeit german. ursprungs nicht von vornherein abzuweisen, s. Diez etym. wb.⁴ 579. Scheler³ 199ᵃ. 2) weder die formen des englischen noch die des deutschen wortes lassen sich ohne schwierigkeit aus dem franz. erklären. über jene vgl. Skeat 39ᵃ. auch liegt im mittelengl. neben astonien das einfache stunien percello, stupefacio, stonien, stoune, das nicht viel später gerade in den nördlichen gebieten bezeugt ist (besonders in der allitterationsdichtung, zuerst wol bei Rich. Rolle, vor 1340) und im neuengl. stun fortbesteht, s. Stratmann - Bradley 586ᵇ. Skeat 604ᵇ f. Kluge - Lutz 203ᵃ. bei dem deutschen worte würde einerseits der anlaut st nötigen, die entlehnung in recht alte zeit hinaufzurücken, andrerseits erscheint die herleitung des consequenten ū — au aus einem franz. ŏ kaum annehmbar. 3) überhaupt würde bei dieser herleitung befremden, dasz die entlehnung nicht von der litteratur, sondern von der mundart ausgeht und aus dieser erst spät in die schriftsprache aufgenommen ist, s. unten 2, b. dasz gerade die Schweiz, wo die berührung mit dem franz. besonders intensiv ist, der ausgangspunkt war, läszt sich nur für die schriftsprachliche verwendung erweisen. 4) allerdings hat es insofern eine innere wahrscheinlichkeit, als eben hier das wort in einer mehr sinnlichen, offenbar ursprünglicheren verwendung begegnet, s. unten 3. doch liegt gerade diese ganz abseits von der französ. bedeutung und ist das stärkste argument gegen die annahme einer ent lehnung aus dem franz. diese ist also unhaltbar. alle schwierigkeiten verschwinden, sobald wir uns entschlieszen, german. ursprung anzunehmen und das wort auf die in so vielen ableitungen vorliegende wurzel stŭ̄ 'steif, starr sein' zurückführen, vgl.stauen, ↗staude, ↗stütze u. a., sowie Torp bei Fick⁴ 3, 493. dann liesze sich weiterhin auch das mnd. mnl. stunen, sich widersetzen, vgl. Schiller-Lübben 4, 451ᵃ, heranziehen. (dagegen wäre ags. stunian krachen, mit lautem getöse schlagen, s. Bosworth-Toller 930, vgl. dazu unten stöhnen, und das spätere engl. stonien u. s. w. davon abzutrennen, vgl. die angezogenen stellen.) vgl. auch erstaunen, theil 3, 998 und Schmeller² 2, 764. Prellwitz griech. etymol. wb.² 439 (unter στυγέω).
2)
im nhd. ist zufrühest die zusammensetzung erstaunen bezeugt (lexicalisch bei Maaler 1561, litterarisch schon im Züricher neuen testament v. 1529, s. Kluge⁶ 377ᵃ), s. theil 3, 998 f. bei dem einfachen staunen ist dreierlei zu unterscheiden.
a)
die ältesten belege bieten die wörterbücher des 17. jahrh.: staunen, starren, suche starren Hulsius dict. (1616) 307ᵃ, dazu: starren, von schrecken erstaunen, zittern und alle kräffte sincken lassen, s'estonner, s'esperdre. starrendt, staunendt, o. roide 306ᵇ; staunen erstaunen obrigere Schottel 1421; staunen, erstaunen, convenit cum hoc stauden, est enim obrigere, torpere, et timere, conturbari, consternari, percelli, pavescere Stieler 2127 (in den beispielen nur erstaunen); staunen, er-staunen, v. erstaunen Kramer dict. 2, 918ᵃ, der also nur letzteres zu kennen scheint, wie auch Wachter 1593 und Steinbach 2, 689; Frisch 2, 323ᵇ bemerkt ausdrücklich: das simplex ist nicht im gebrauch, aber das compositum erstaunen, stupere, obstupescere.
b)
in die nhd. litteratursprache ist das wort als bewuszte neueinführung durch Haller gekommen. er gebraucht es 1730 in dem gedicht 'Doris' v. 31:
du staunst; es regt sich deine tugend,
die holde farbe keuscher jugend
deckt dein verschämtes angesicht.
Schweiz. ged.¹⁰ 87,
mit der anm.: dieses alte schweizerische wort behalte ich mit fleisz. es ist die wurzel von erstaunen, und bedeutet rever, ein wort, das mit keinem andern gegeben werden kann. vgl. ferner: wenn ich etwas erhabenes lese, so fühle ich ein angenehmes staunen (verzeihen sie mir dieses schweizerische wort!) in meinem gemüthe, das mich einzuhalten, und mich gleichsam recht zu besinnen nöthigt. das staunen ist eine wirkung der neuheit oder des unerwarteten, das ... die aufmerksamkeit fesselt, dasz sie hier stehen bleibt Mendelssohn ges. schr. 5, 239 (an Abbt, d. 9. märz 1761, auch bei Abbt verm. werke 3, 13); staunen. ein wort, das wir haben ausgehen lassen, da wir's doch höchst nöthig brauchen das rever der Franzosen damit auszudrükken. in der Schweiz findet sich's noch G. Bider (= Mylius) Hamiltons märlein (1777) s. 576, im vocab., zu der textstelle: allein da solch himmelweiter unterschied zwischen ihrer beider gestalt was, wählte Glinzrich sonder alles staunen, und bot ihre hand dem Wonniglichschönen 114. dasz der nun beginnende häufige gebrauch des wortes durch Hallers vorgang veranlaszt ist, wird nicht nur dadurch bekundet, dasz die wörterbücher stets obige belegstelle anführen, sondern auch durch directe zeugnisse bestätigt. so sagt Gadebusch in den Rigischen gelehrten beiträgen (1763—7): dieses zeitwort war nach Frischens zeugnis nicht mehr im gebrauche. allein herr von Haller hat wieder angefangen sich desselben zu bedienen; dem viele andere gefolgt sind s. zeitschr. f. d. philol. 6, 54; ferner: 'es ist ein altes deutsches wort, welches für sich allein im hochdeutschen veraltet ist, im oberdeutschen aber gangbar geblieben. ... nach dem beyspiele Hallers und einiger anderer neuerer schweitzerischer schriftsteller, ist es auch von einigen Hochdeutschen in der höhern schreibart wieder eingeführet worden, da man es bisher in dieser mundart nur in dem zusammen gesetzten erstaunen kannte' Adelung; s. ferner Kluge⁶ 376ᵇ. 'staunen wird jetzt von allen guten schriftstellern in der hochdeutschen sprache gebraucht' Krünitz 171, 73.
c)
die form des wortes ist im ganzen fest; ganz vereinzelt findet sich ein unberechtigter umlaut bei einem autor, der zugleich die schnelle verbreitung des wortes beleuchtet:
nah an dem gartenschlosse eröfnet eine thür
dem stäunenden gesichte ein himmlisches revier.
Dusch verm. werke (1754) s. 147 (das toppe, 1751, 3, v. 2).
(Dusch gebürtig aus Celle, stud. in Göttingen.)
d)
staunen in lebenden mundarten, zunächst alem. schweiz. štūne 'still gedankenvoll oder gedankenlos dastehen'. an öpisem stune, über etwas nachsinnen. er ist ganz ferštunet, ganz in sich versenkt Hunziker 264; in Davos stûna Bühler 2, 90; in Basel 'träumen, gedankenlos vor sich hinblicken, tiefsinnig sein' Seiler 283ᵇ; els. stune(n) (štýnə, štynə) 'gedankenlos oder gedankenvoll vor sich hinblicken'; zaudern, zögern Martin - Lienhart 2, 602ᵃ (daneben stume, štýmə, s. oben staumen). staunen findet sich auch im südfränk., doch ganz im sinne der schriftsprache und wol aus dieser übernommen: in Handschuhsheim štaunə, sic ɐštaunə, 'häufiger sic wunɐn, kukə' Lenz 68ᵃ, in Rappenau štaunə, 'dafür häufiger kukə, luurə, španə Meisinger 181ᵇ. den östlichen mundarten scheint das simplex fremd, doch sind die zusammensetzungen er- und verstaunen vorhanden, z. b. schwäb. verstaunen 'irre werden vor erstaunen' Schmid 508, bair. sich verstaunen (vo'štau ̃n) über etwas Schmeller² 2, 764 (einfaches staunen s. unten 7, c), ebenso tirol. Schöpf 703; thür. veršduind (in Salzungen) Hertel sprachsch. 234.
3)
die ursprüngliche bedeutung 'starr sein' hat sich in der Schweiz erhalten (s. 2, d), wird von Schweizer autoren in die litteratur eingeführt (s. 2, b und unten) und gelegentlich auch von andern schriftstellern übernommen. so ausdrücklich:
a)
staunen bezeichnet zunächst ein gedankenvolles sinnen und träumen, s. Haller unter 2, b und die erklärungen der idiotiken unter 2, d. so: izt eilte Kain zu seinem vater, der kraftlos an einen stamm gelehnt, traurig, tief gebykt staunte und zur erde weinte S. Gessner 1, 31 (tod Abels 1); dann schwieg er wieder und staunt', und seufzt' und redte wechselweise 2, 20 (Daphnis 1); dann stieg er voll ungeduld auf die hohen bæume, seiner Phillis entgegen zu sehen; dann stieg er wieder herunter, und gieng staunend ængstlich umher 46; einsmals sass er staunend unter seinem schilf-dach, auf seinen bogen gelehnt 3, 97; er liebte eine musik, welche die leidenschaften besänftigte, und die seele in ein angenehmes staunen wiegte Wieland 1, 93 (Agathon 2, 3); eine süsse schwermuth bemächtigte sich Agathons; er sank in ein angenehmes staunen, unfreywillige seufzer entflohen seiner brust, und wollüstige thränen rollten über seine wangen herab 297 (5, 5); die stellung, worin sie an eine der marmornen nymfen angelehnt lag, gab zu erkennen sie staune. (vorher: so war wirklich mein erster gedanke, dass es die göttin sey, welche ... unter ihren nymfen schlummere; gleich nachher: so bald sie die augen aufschlüge.) 2, 55 (7, 7); Filistus sah, dass sein herr bey diesen worten auf einmahl tiefsinnig ward. er schloss daraus, dass etwas in seinem gemüth arbeitete. ... was für ein thor ich war! rief Dionysius aus, nachdem er eine weile mit gesenktem kopfe zu staunen geschienen hatte 345 (10, 4); die bauern fragten ihn einmal: ob ihm nicht wohl sey, dasz er so staune? Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 1, 168; lange habe es nicht mehr lachen mögen und nichts als stunen (gedankenvoll vor sich hinstarren) und sinnen Gotthelf geld u. geist (1895) 1, 162 (kap. 7);
dass sie so staunend sizt, beweiset, dass sie liebet.
Götz verm. ged. 2, 94;
kommt diesem Amor nicht zu nah,
und stört ihn nicht in seinem staunen!
noch steht er so, in éinem süszen staunen,
seit er Philinden sah
Lessing 1, 14 (sinnged. 71);
jedoch du redest nicht.
du weinst. ein finstrer gram entstellet dein gesicht.
ihr götter! ach! er staunt! er scheut mich zu empfangen.
Cronegk schr. (1765) 1, 215 (Codrus 2, 2);
die welle, die welle,
wenn sie so flüstert und so raunt
zum herzen, das so träumt und staunt.
Vischer auch einer 1, 184.
bei nichtschweizerischen autoren gern sich der bedeutung 4 nähernd oder darin übergehend: ein kleiner gang führte ... zu einem bemoosten sitze, wo man, in tiefsinnendes staunen und erhabene betrachtungen verloren, die natur in ihrer thätigsten und mächtigsten wirksamkeit belauschen konnte Klinger 10, 126 (Sahir 3, 6, vgl. indessen 4); eine öffnung des waldes zwischen zwey bergen zeigte ihm — die untergehende sonne. ... er überliess sich der begeisterung, in welche dieses majestätische schauspiel empfindliche seelen zu setzen pflegt. ... endlich weckte ihn das rauschen einer quelle ... aus dem angenehmen staunen, worin er sich selbst vergessen hatte Wieland 1, 32 (Agathon 1, 1);
der dummheit erstgeburt war die verwunderung ...
wird solch ein schauspiel (gewitter) nicht den ersten hörer schrecken?
er läuft, sich, gleich dem wild, in hölen zu verstecken;
er staunt; er sinnt und findt dasz nichts gewisser ist,
als dasz ein donnergott den blitz aus wolken schieszt.
1, 253 Homeyer (moral. br. 5, 21);
staunend bis zum grusz der Morgenhoren
lag ich, und erwog den freien schwur ...
Bürger 103ᵇ (d. erscheinung);
aber er fuhr aus dem staunenden traum auf, wendete langsam
nach dem dorfe sich zu, und staunte wieder; denn wieder
kam ihm die hohe gestalt des herrlichen mädchens entgegen.
fest betrachtet er sie; es war kein scheinleib, sie war es
selber
Göthe 40, 305 (Herm. u. Dor. 7, 8 f.).
b)
dann auch vom nachdenken über bestimmte dinge: dann staunt' er, und dacht' eine neue erfindung zu entwikeln tief nach Gessner 3, 98 (erfind. des saitensp.); er sann sich den kopf aus, ob er den junker mit nichts erschrecken ... könnte. ... er wälzte sich die ganze nacht durch, und fand mit sinnen und staunen nichts anders, als sich demüthig zu stellen Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 1, 201; mit abhängigem satz: der junker staunte einen augenblick, was er thun wollte 2, 179; poetisch mit acc. des innern objects: oft, wenn er stillruhend nicht seufzet, dann staunt er ernste gedanken Gessner 1, 109 (tod Abels 3). vgl. auch nachstaunen, theil 7, 135.
c)
weiterhin bezeichnet staunen bei Schweizer autoren den starren blick des sinnenden; in diesem sinne gern mit allgemeinen richtungsangaben verbunden; vor sich hin, in die luft staunen (wie gewöhnlich starren): da staunest du so grade aus, dasz man wohl sieht, dasz du an nichts als an deine schleipfe (dirnen) sinnest, mit denen du des ume trolet bist (dich umhergetrieben hast) Gotthelf Uli d. knecht s. 7 Vetter; sie hätten noch soviel abzureden, und da sitze er, staune ('starre vor sich hin') 423; zuweilen stützt sie (die spinnende mutter) ausruhend den kopf auf die hand und staunt unverwandt in das land hinaus über die dächer weg oder in die wolken Keller d. grüne Heinrich 4, 215 (später: blickt unverwandt in das feld hinaus werke 3, 101); der am wenigsten ausrichtete und auf wiese, feld und weinberg zu viel in die luft staunte, als dasz ihm die arbeit recht von der hand gegangen wäre Zahn Lukas Hochstraszer s. 17; David antwortete nicht. er staunte in die ferne 100; dasz er mit über den tisch geworfenem oberkörper sasz und ins leere staunte 143; die beiden buben ... staunten ins leere helden des alltags (1907) 148; die ältliche frau bemerkte nicht einmal, dasz ihr mann zerstreut war und manchmal gar nachdenklich ins weite staunte. und doch röteten sich Christophs braune wangen, als ob er auf einem unrecht ertappt worden wäre, wenn er aus seinem hinausstaunen geweckt wurde die da kommen und gehen! (1909) 123; vielleicht war diese grosze, traumhafte ruhe der landschaft auf die Marianne Boszhard übergegangen, dasz sie das spinnen vergasz, die festen, weiszen hände in den schosz legte und ins leere staunte. über das holzgeländer der zinne ... staunte sie hinaus in die luft 9. dazu die unter erstaunen beigebrachten belege aus Corrodi.
d)
noch deutlicher tritt der begriff des blickens in den vordergrund, wenn staunen mit bestimmten richtungsangaben verbunden wird, vgl. dazu: die von Ponte staunten, aber nicht wie sie zu Herrlibach gegafft und die nase gestreckt haben würden, sondern sie blinzelten nur unter halbgeschlossenen lidern auf die zwei männer Zahn Lukas Hochstraszer s. 271. mit jenen allgemeineren angaben verbunden: das braune gesicht des in der gondel zurückgelehnten ... war wie erstorben und erkaltet zu metallener härte. unverwandt staunte es vor sich hin auf die dämmernd gerötheten wellen und erschien fremdartig verzogen und drohend in seiner erstarrung C. F. Meyer Jenatsch s. 140. ähnlich: am fünften morgen, da die sonne bey ihrem aufgang auf sein bett schien, staunte er eine weile gegen sie hin Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 3, 35; er staunte auf die stelle, auf die er eben trat Zahn Albin Indergand 106; dort blieb Cilgia plötzlich stehen und staunte in die klaren wasser Heer d. könig d. Bernina (1909) s. 110. dabei nähert sich staunen zuweilen der gewöhnlichen bedeutung (4): Markus Paltram staunte wortlos in das flammende mädchengesicht 94; er ... staunte begeistert in ihr schönes gesicht 167. vgl. 4, g.selten in übertragenem gebrauche, in die grundbedeutung (a) zurückkehrend: er staunte auf sein leben zurück; er achtete jetzt alles thun des menschen wie einen traum Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 3, 34.
e)
staunen von thieren:
das flüchtige heer gefiederter sänger
schweigt und erschrickt vor der kommenden nacht (dem gewitter); ...
die staunenden heerden
stehen betrübt; die natur erzittert beym kommenden sturme.
Cronegk schr. 2, 71 (einsamkeiten 2).
ganz ungewöhnlich und nicht hinreichend deutlich ist folgende stelle: die bremsen und bisfliegen folgen den heerden nach der obern alpenregion und staunend sitzen auf dem kuhfladen die schaaren der schönen gelblich behaarten dungfliegen Tschudi thierleben der alpenwelt s. 261. (es geht wol auf die groszen starren augen. nach mittheilung von prof. Edw. Schröder ist in erster linie die 'goldäugige blindbremse', chrysops coecuticus, gemeint.)
4)
im allgemeinen bezeichnet staunen einen hohen grad der verwunderung; es ist ein stärkerer ausdruck als sich (ver)wundern und weniger stark als verblüfft, überrascht sein u. a. vgl. die erklärungen bei Eisler wb. der philos. begriffe² 2, 432. zugleich wirkt die ursprüngliche bedeutung noch insoweit nach, als staunen stets den begriff einer gewissen dauer dieses zustandes einschlieszt. diese bedeutung ist zufrühest bei dem compositum erstaunen (s. das., theil 3, 998) ausgebildet, wo sie schon von Maaler bezeugt ist, und wol erst von da aus auf das simplex übertragen. da sie sich zunächst gerade bei nichtschweizerischen autoren der vorklassischen zeit (Klopstock, Lessing, Wieland, Musäus, Pfeffel, Gerstenberg) findet, so hängt dieser bedeutungswandel offenbar mit der übertragung auf ein gebiet, wo das einfache staunen nicht bodenständig ist, zusammen. (ob bei dieser ganzen entwicklung das franz. étonner mitbestimmend gewesen ist, läszt sich nicht ausmachen.) bemerkenswert ist, dasz noch Heynatz Antibarb. 2 (Berl. 1797), s. 444 diese gebrauchsweise verwirft: 'staunen musz nicht für erstaunen oder sich verwundern gebraucht werden, sondern zeigt nur das starrwerden an'.
a)
auch hier ist die grundvorstellung die des starrwerdens, sodasz diese bedeutung nur eine specielle anwendung der vorigen ist: 'staunen, ... vor verwunderung gleichsam stumm, unbeweglich da stehen, da es denn zur bezeichnung des höchsten grades der verwunderung gebraucht wird' Adelung. diese grundvorstellung ist noch deutlich in stellen wie: so dasz die vorbeygehenden matronen, candidaten ... staunend stehen bleiben Lichtenberg nachl. s. 101; je ungewohnter der anblick dieses bildes war, ... um so ängstlicher wurde es dem gefangenen Reinhart zu mut, der wie eine bildsäule staunend zu pferde sasz Keller 7, 31;
wie eingewurzelt staunt das ritterpaar.
Droste-Hülshoff 2, 237 (Walther 5).
weniger deutlich liegt sie zu grunde in zusammenstellungen wie stehen und staunen: er verlangt nicht, dasz die aussicht, die ihn entzücket, auch jedes andere auge entzücken müsse. und so, dächte ich, könnte man ihn ja wohl stehen und staunen lassen, wo er stehet und staunt! Lessing 10, 308 (erz. des menschengeschl., vorbericht):
wer ist die dirne, die in's ohr ihm lispelt?
ich steh' und staune, weisz mich nicht zu fassen!
Bauernfeld ges. schr. 3, 48 (Fortunat 2, 6);
so sehn in stillen haynen
die wandrer, ehrfurchtsvoll, oft eine nymph erscheinen
und bleiben staunend stehn.
Wieland 1, 282 Berl. ausg. (moral. br. 9, 117).
staunend und starr:
die palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Droste-Hülshoff 3, 90 (pfingstsonntag);
die werke der groszen und reichen seelen der vergangenheit, bekennt er (Montaigne), machen mich staunend und starr vor bewunderung Justi Winckelmann 1, 228. — die zusammenstellung mit starren geht auf den blick: geweckt von dem sternkundigen sprang Wilhelm auf und eilte zum fenster, dort staunte, starrte er einen augenblick, dann rief er enthusiastisch Göthe 21, 185 (wanderj. 1, 10; weiterhin: lassen sie mich noch immer stumm und staunend hinblicken);
die rohe menge hast du nie gekannt,
sie starrt und staunt und zaudert, läszt geschehn.
9, 356 (nat. tochter 4, 4);
dieser staunte mit starrendem blick.
Klopstock 4, 10 (Mess. 6, 104).
auf ein starrwerden deutet auch folgende stelle, die zugleich an 3, a anknüpft:
gefesselt hielt mich staunendes verstummen,
und in anschauung war ich hingesunken,
bis aus dem traum mich weckt' ein helles summen.
Rückert (1882) 3, 164 (edelstein u. perle 22).
vgl. auch Schiller 1, 325, Semele 1, v. 356 f., wo staunen als variante zu stuzen steht.
b)
so häufig absolut: Osten staunte einen augenblick Pfeffel pros. versuche 4, 77; der knabe staunt, der eindruck bestimmt ihn Göthe 20, 125 (Wilh. Meister 7, 9); ob er staunt, oder sich freut, weisz ich nicht; dasz er als retter zu spät komme, sieht er glücklicherweise nur allzudeutlich 39, 53; staunen würde vielleicht die welt, wenn wir die melodie desselben (des liedes Mosis in der wüste) ... wüszten; so wie jeder gefühlvolle über das lied selbst staunt Schubart ästhetik der tonk. 8; er (Gluck) setzte anfangs simple clavierstücke, die nur wenig sensation machten: mit einmahl aber wagte er sich an eine oper, und ganz Italien staunte 224; wie sie staunten, die fürsten und ritter, als die lärmende munterkeit einer kriegerischen jugend verstummte Törring Agnes Bernauerinn 1, 2; ich staunte wieder wie vorher, und jetzt um so mehr, da lauter blumen statt menschen in den straszen spazieren gingen Heine 3, 253 Elster (Italien 1, 21); ein reines wunderkind war er. ... alles staunte nur so G. Hauptmann einsame menschen 32 (2);
früh sang, selber entflamt,
die mutter dem knaben ihn (prophetengesang) vor,
und dem jüngling, dasz er staunte!
Klopstock oden 1, 159 Muncker-Pawel;
so lang ein weisser hals noch könige bezwinget,
und alles staunt und liebt, wem Roms syrene singet.
Wieland 1, 254 Berl. ausg. (moral. br. 5, 68);
ein wandersmann ... sieht ...
itzt einen tempel vor sich liegen,
der dem geblendeten gesicht
ein achtes wunderwerk verspricht.
er gaft und staunt, und um noch mehr zu sehen,
beschlieszt er ganz hinein zu gehen.
Pfeffel poet. versuche 1 (1802), 14;
wir sahn das wunder, staunen, beten an!
Gerstenberg ged. eines skalden 2;
dort winkt uns die blauäugige tochter Jupiters.
siehe! die thore öfnen sich freywillig.
wir staunen und weichen zurück.
Abbt verm. werke 3, 220;
dann folg' ich unerwartet ihm am flusse,
allein so wenig staunet er,
als ging' ihm, angeheftet seinem fusze,
sein schatten hinterher.
Göthe 2, 150 Weim. ausg. (an Zachariä);
Seide. wie greift diesz wort an mein zerrüttet herz!
die tugend kennt auch meines gottes feind?
Sopir. du kennst sie wenig, weil du staunst.
9, 326 (Mahomet 3, 8);
da stehen sie umher und staunen.
15, 18 (Faust II, 1, 4977);
man horcht und staunt
16, 174 (die geheimnisse 87);
o! wo noch voller in's herz der helden
dein (der freiheit) nektar strömte, jener, an deren grab
nachwelten staunen
Stolberg 1, 19;
er (der mensch) forscht, und staunt, der wesen leiter
vom sandkorn bis zum engelchor
Voss 4, 143;
ha! chon seh ich unsre enkel staunen,
wenn beim klang belebender posaunen
aus Franzosengräbern — Rouszeau steigt!
Schiller 1, 221;
wie er auf das thürlein zieht,
sieht er, staunt, und staunt und sieht,
dasz der himmel doch mauern kann bauen.
Rückert (1882) 1, 166 (die gottesmauer);
alles staunte, staunend sagte Harun.
Platen 322ᵃ (Abbassiden 1);
vernimm's und staune,
unsichtbar macht er (d. ring) jeden, der ihn trägt.
Hebbel 3, 259 Werner (Gyges 1, 407).
mit synonymen zusammengestellt: man schaurte, weinte, staunte (beim vorlesen des 'Messias'), und ich sah's mit dem süszesten freudengefühl im herzen, wie offen die deutsche seele für iedes schöne, grosze und erhabene sei Schubart leben u. gesinn. 2, 40; du bist von frühern zeiten meine liebe. lächle nur! staune nur! ich will es dir erklären Göthe 13, 284 Weimarer ausg. (Götz v. Berl. 4, 1 bühnenbearb.); staunst du? schwindelt dir? Schiller 2, 110 (räuber 3, 1 schausp.); Marianne staunte, und als sie Michel ansah, wuszte sie, dasz auch ihm des vetters art auffiel. aber sie sprachen nicht von ihrem befremden Zahn die da kommen und gehen! 56;
staune nicht und lasz dein grauen.
Eichendorff² 1, 725;
wo ein mund ihn (den namen) raunet,
o wie laut mein herz erschrickt!
und mein auge staunet,
wo's geschrieben ihn erblickt.
Rückert (1882) 1, 457 (liebesfrühl. 3, 19);
stolz und herrlich erscheint das erhabne mit göttlicher groszkraft,
und der bewundernde geist staune mit heiliger furcht.
Körner 2, 20 Fischer;
da stand das volk entsetzt und staunend da.
Hebbel 3, 242 Werner (Gyges 1, 18);
(er) steht auf dem markt — nein! auf den stufen steht er, ...
und hört und sieht und staunt und wird verrückt.
Schnitzler d. grüne kakadu s. 9.
dazu als causativ zuweilen einen staunen machen (vgl. 5 und 6, b): dieser anblick hätte ihn staunen gemacht S. v. Laroche gesch. des frl. v. Sternheim 1, 174 (= 94, 28 Ridderhoff). ungewöhnlicher mit part.: ein herz, welches seine freunde durch redlichkeit, durch aufrichtigkeit staunend macht Schiller 1, 19.
c)
besonders im particip.
α)
attributiv: warum der strom des genies so selten ausbricht ... und eure staunende seele erschüttert? Göthe 16, 69;
der herr der erde steigt
empor aus ihrem schooss, tritt auf den fels, und zeigt
der staunenden natur sein leben.
Ramler lyr. ged. (1772) 364;
die staunenden heerden
stehen betruͤbt, die natur erzittert beym kommenden sturme.
Cronegk schriften (1765) 2, 71 (einsamkeiten 2);
wie tönten in meinen ohren,
und in der staunenden seele noch mehr die harmonische wirbel
ihrer bezaubernden stimme!
Wieland 1, 161 Berl. ausg. (Hermann 2, 220);
ein schöner traum
scheint alles, was mit ihm geschiehet,
dem staunenden ritter.
werke 21, 115 (liebe um liebe 7, 159);
(Amalia) ruhte, mit unaussprechlicher regung,
heiss die wang' und bethränt, an der wange des staunenden greises
Voss 1, 148 (Luise 3, 258);
(der prediger) hiess die braut ...
ihm zur rechten sich stellen, und links den staunenden jüngling
154 (315).
freier: 'ist es möglich', sagt die Margareth, nicht mit dem mund, — niemand redet drein, sondern mit dem staunenden gesicht Hebel 3, 49.
β)
substantiviert:
die schaar der staunenden liesz meine glieder
zur asche glühn
Gerstenberg ged. eines skalden 3;
und dem staunenden stand Apollo vor augen.
Herder 27, 52 Suphan (Terpsich. 1, 77);
allschönst und allbegabtest regte sie (Pandora) sich hehr
dem staunenden entgegen
Göthe 40, 379 (Pandora 1);
wie ward mir, königin!
als ... des kolosseums herrlichkeit
den staunenden umfing.
Schiller 12, 418 (Maria Stuart 1, 6).
γ)
meist prädicativ bezw. adverbial. staunend neben einem verb drückt entweder die wirkung eines anblicks oder erlebnisses aus (= mit staunen): ein so höchst bedeutendes ereignisz (wie die kaiserkrönung) müsse man nicht unvorbereitet erwarten, und etwa nur gaffend und staunend an sich vorbei gehen lassen Göthe 24, 283 (dicht. u. wahrh. 5); ängstlich fährt Proteus, von ungewohnter stille erweckt, im schlummer auf; und wie er staunend alles stille findet, entriegelt er schnell die feste grotte Fr. Müller 1, 156 (sat. Mopsus 3); staunend sah der könig (Alarich, in Rom) auf die reste einer heldengrösze, welche seinem volke durch jahrhunderte verderblich gewesen war Freytag 17, 129 (bilder 1, 2); sie sah ihn staunend an; sie verstand ihn nicht Storm 1, 20;
heil mir — o rauschet darein, ihr saiten! darein,
dass es in tiefen des hayns
staunend der jäger vernimmt, am rande des hayns
staunend der wandrer vernimmt!
Denis lieder Sineds (1772) 218;
oder es bezeichnet die ursache einer handlung, geberde u. s. w., in der sich das staunen äuszert: der alte aber sah ihr staunend nach Freytag 8, 123 (Ingo 7); Brunelleschi hält ihm das crucifix hin und Donatello ist so verblüfft bei diesem anblick, dass er staunend die hände erhebt und alles ... auf die erde fallen lässt Grimm Michelangelo (1890) 1, 37;
Judas riefs mit starrendem blick, und erwürgte sich! staunend
trat Obaddon selber zurück, da er starb!
Klopstock 4, 56 (Mess. 7, 209);
so sehn in stillen haynen
die wandrer, ehrfurchtsvoll, oft eine nymph erscheinen
und bleiben staunend stehn und ehren ihren tritt.
Wieland 1, 282 Berl. ausg. (moral. br. 9, 117);
nicht so umher, mein liebes kind, verschwende
die blicke staunend, ungewisz, auf mich.
Göthe 9, 259 (nat. tochter 1, 4);
zieh nicht staunend auf die augen!
Grillparzer⁴ 3, 21 (ahnfrau 1);
ich weisz, Orestes namen sprachst du staunend aus.
Droysen Aischylos³ 82 (grabesspend. 231).
ähnlich:
ihr rechtet mit dem, ...
mit dem, desz groszen schrecklichen namen
der hohe engel
staunend nennet,
mit gott, mit gott!
Klopstock oden 1, 231 Muncker-Pawel (warnung).
beides flieszt zusammen in wendungen wie:
wird vieles vor den augen abgesponnen,
so dasz die menge staunend gaffen kann.
Göthe 12, 11 (Faust I, vorsp.);
staunend gafft der pöbel nach der säule.
Hölty 54 Halm;
nun umströmeten ihn die übrigen söhne der Griechen,
und betrachteten staunend den wuchs und die wunderschönheit
Hektors
Bürger 239ᵃ (οἳ καὶ θηήσαντο φυὴν καὶ εἷδος ἀγητὸν Il. 22, 370);
staunend betrachtet er lang', und umarmt die liebende gattin.
Voss 1, 143 (Luise 3, 219);
ähnlich: Lewin ... sah staunend und andächtig in den funkelnden himmel hinauf Fontane 1, 7 (vor d. sturm 1);
nach osten strebt die masse mit geballtem zug,
ihr strebt das auge staunend in bewundrung nach.
Göthe 41, 251 (Faust II, 4);
komm liebe, komm ins freye,
und lass in jene bläue (den sternenhimmel),
und lass zu jenen höh'n
uns staunend aufwärts sehn!
Mildheim. liederb. (1799) s. 6.
so auch mit synonymen verbunden: da weiss man doch beim himmel nicht, ob man schaudern und umkehren soll .., oder ob man staunend bewundern möchte Holtei erzähl. schr. (1861) 1, 141; ähnlich:
im saal voll pracht und herrlichkeit
schlieszt, augen, euch; hier ist nicht zeit,
sich staunend zu ergetzen
Göthe 1, 178 (d. sänger).
anders:
dasz seine hunde staunend stehn,
die plötzlich sich verlassen seh'n.
Rückert (1882) 1, 112 (e. gleichnisz).
δ)
auf dieser adverbialen verwendung beruhen freiere formen des attributiven gebrauchs, indem staunen von der person auf einen verbalbegriff übertragen wird, vgl. Kinderling 428: der artist musz sich besonders angelegen seyn lassen, uns den triumph der schönheit in den gierigen blicken und in allen den äusserungen einer staunenden bewunderung auf den gesichtern dieser kalten greise, empfinden zu lassen Lessing 6, 501 (Laok. 22); aber Louise erkundigt sich täglich, wo ihr nur seyet, und versinkt dann mit ernstem gesicht in staunendes erwarten der dinge die da kommen sollen Wieland brief vom 17. aug. 1795 bei Zolling H. v. Kleist in der Schweiz 120; was siehet mein staunender blick! Fr. Müller 1, 36; in ihre wunderhellen augen schaute er stumm hinein, bis eine raunende unruhe und staunendes verwundern summend um ihn zusammenrann W. Jensen die pfeifer v. Dusenbach (1884) 1, 171; Christophs augen vergröszerten sich in staunender freude ein wenig, als er das liebliche äuszere der kundin ermasz Zahn die da kommen u. gehen! (1909) 119;
wenn der schönheit sonst, der anmut
immer flüchtige erscheinung ...
mir zu staunendem entzücken
wieder vor die sinne trat
Mörike ged.⁸ 10;
(die waffen Achills,) angegossen dem leib, wie flügel den helden erhebend,
undurchdringlich und reich, ein wunder staunendem anblick.
Göthe 40, 345 (Achilleis 1);
dazu:
nicht
kalt staunenden besuch erlaubst du nur
12, 170 (Faust I).
d)
staunen neben verben, die die äuszerung des staunens bezeichnen, s. a und c, γ; ferner: wir stehen und staunen und schlagen die hände zusammen und rufen: 'aber, wie hat ein so groszer mann nicht wissen können!' Lessing 7, 151 (Hamburg. dramat. 34). staunen tritt dann auch für diese äuszeren geberden und symptome ein. so bezeichnet es ein staunendes blicken; den übergang vermitteln stellen wie:
so staunte Scyllens blick, ob sie dich, Circe, fühlte.
Wieland 1, 56 Berl. ausg. (nat. der dinge 3, 105);
so dann mit richtungsadverbien verbunden (vgl. 3, d): und ich sah nun auf, siehe, hoch über mir am himmel brachen alle lichter hervor ... lange staunt' ich hinauf Fr. Müller 1, 36; wenn nun ein fremdling daher wandert, der in seiner heimath von dem hause der gastfreyheit gehört hat, wie wird er hinstaunen auf diesen schutt Babo Otto v. Wittelsb. 5; er staunte selber an sich hinauf und traute sich das ungeheuerste zu Ludwig 2, 23. (davon verschieden sind die unter 3, c. d besprochenen gebrauchsweisen.) — auf die äuszerung des staunens in worten oder tönen geht:
wettstreitet, wer am lautsten staunt!
Klopstock 2, 36 (ode 'überschätzung der ausländer').
vgl.: Anatol grosz. ich muste hingehen — — — auf die redoute! Max. ah! Anatol. du staunst, wie — ? Schnitzler Anatol s. 176.
e)
der gegenstand, der das staunen erregt, kann durch adverbiale bestimmungen (bei etwas, bei einem anblick ä. ähnl.), nebensätze u. s. w. angegeben werden. solche fälle sind bereits unter b aufgeführt. hier handelt es sich um die fälle, wo solche ausdrücke in ein directes abhängigkeitsverhältnis zu staunen treten ('rection').
α)
der grund wird durch ein substantiv bezeichnet. hier ist die ergänzung durch einen bloszen casus ausschlieszlich der poetischen sprache eigen. und zwar ist der dativ am häufigsten; vgl.: 'in der höhern schreibart auch mit dem dritten falle des gegenstandes. einer sache staunen, über sie staunen, durch sie in den zustand, welchen staunen bezeichnet, versetzt werden' Campe. belege (zumeist aus dem ende des 18. und dem beginne des 19. jahrh).: Emil Kuh staunte diesem dociren Gutzkow Dionysius Longinus 40;
näher wälzt sich die wolke, sie glüht. ich staune dem wunder.
Göthe 1, 314 (Euphrosyne);
so wahr die göttergestalten,
welche sichtbar nur dir, schöpferinn, dir nur allein
sich enthüllen, göttlicher sind, eh' zaubernd der pinsel
spielt, eh' Albion dir staunt und Italia dir!
Stolberg 1, 375 (an Angel. Kaufmann);
also staunt' auch der jüngling dem anblick seiner geschmückten
blühenden braut
Voss 1, 145 (Luise 3, 220);
viel zu groszes ja sagst du! ich staune dir (ἄγη μ' ἔχει)
Odyss. 3, 227, ebenso 16, 243;
und aus der hüll' auffahrend am strand der verödeten salzfluth,
staunten sie alle dem hirsch (θηήσαντ' ἔλαφον)
10, 180;
dort die götter, um Zeus, den wetterleuchtenden sitzend,
staunten dem groszen werk (θηεῦντο μέγα ἔργον) der erzumschienten
Achaier
Il. 7, 444;
ihm staunen sie all' in ehrfurcht (illum admirantur).
Georg. 4, 215;
doch so herrliche krieger,
als in der zehenten legion die erde gewahrte,
staunend den söhnen des siegs, die werd' ich wohl nimmer ersehen!
Pyrker Tunisias 32 (2, 169);
ihm staunen alle gäste.
Uhland ged. (1864) 204 (d. sänger);
dem wunder muszte Nala staunen.
Rückert (1882) 11, 117 (Nal; 28)
staune nicht dem felsen, stürme, winde, blitze,
selbst der menschen äxte mögen ihn zerklüften.
Platen 76ᵃ (gas. 54);
dich zu sehn schien fülle des glücks, und bebend
staunt' ich dir, traumähnliches bild der schönheit!
112ᵃ (oden 16).
β)
seltener mit gen.:
desz staun' ich nicht; doch desz, dasz Aias dies,
der gröszre Aias, dies erduldet hat.
Stolberg 14, 276 (Soph. Philokt. 437);
wenn du so willst, o herrscherin, so lasz
mich dir gestehn, wie ich des schauspiels staune,
das mir in die ungläub'gen sinne fällt.
Kleist 2, 53 E. Schmidt (Penthes. 5, 751);
halb kuh, halb weib
erschien sie (Io); scheu staunte man des wunders.
Droysen Aischylos³ 263 (schutzfleh. 536).
γ)
häufig ist nicht zu entscheiden, ob gen. oder dat. vorliegt: Sancho staunte mit offnem munde der weisheit seines herrn; aber mehr noch, als er, verwunderte sich der baumeister aus Sevilla Franz v. Kleist verm. schr. (1797) 323;
ihr staunten nicht,
der hohen göttinn nicht, im stummen schmerz
erstarrt, die freunde
Stolberg 14, 164 (Aias prol.);
die drängende rudel der hirsche
staunt der befremdenden last (torpent mole nova).
Voss Georg. 3, 370;
ich staune deiner rede ...
der tugend staunt' ich, die dein eigen heil
dich in dem heil des gatten finden liesz.
Platen dramat. nachl. 37;
wir staunen deiner rede, wie du zungenfrech
noch solche worte prahlest über dich und ihn!
Droysen Aischylos³ 59 (Agam. 1310).
(in den ersteren belegen ist nach obigen analogien eher der dat., im letzten jedenfalls der gen. anzunehmen.)
δ)
vereinzelt findet sich auch transitive fügung, doch tritt nur das neutr. eines pronomens im acc. hinzu (wie und vielleicht nach lat. mirari aliquid): die einsamkeit suchen, oder mitten in gesellschaft sich einbilden, man habe bloss bäume und felsen und rieselnde quellen zu zeugen seiner empfindungen; staunen ohne zu wissen was, seufzen ohne zu wissen warum; — diess waren, ihrer meinung nach, die wahren symptomen der liebe Wieland 3, 343 (Agath. 14, 5; gehört eigentlich unter 3); so auch:
ich werde rasend, toll;
ist das ein wunder? ...
ich irre, rase schon;
ist das zu staunen?
Göthe 5, 17 (divan 1).
sonst treten hier zusammensetzungen ein, besonders an- staunen, s. theil 1, 477 (dazu:
verwundernd staunt es an die träge menge.
Novalis 1, 193 Meiszner);
bestaunen, s. theil 1, 1659. ungewöhnlicher: dabei fanden sie an diesem kinde mehr herumzustaunen als an den schönsten obstbäumen Zahn Luk. Hochstraszer s. 207.
ε)
sonst treten präpositionen ein, und zwar in gewöhnlicher sprache durchaus über: es ist ein dichter (Calderon), über den man bey jedesmaligem erblicken staunt, wie über die natur, so oft man aufmerksam an sie heranblickt Göthe briefe 36, 63 (an Gries 1822); dem sohne übergab sie alle briefe des vaters, und er staunte über die gleichheit beider handschriften! Arnim 10, 48; ich staune, schwester, über dich 16, 66 (Halle u. Jerus. 1, 16); da fand man dieselben formen in den himmelhohen hölzernen häusern wieder, über die wir in den gothischen baudenkmälern der vorzeit ... staunen Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 3; da wir über den wahnsinn des barbaren staunten Freytag 17, 164 (bilder 1, 2); der derbe mann fand ausdrücke, ... über deren zartheit ich aber staunte Ebner-Eschenbach 4, 186; wer aber kinder beobachtet hat, der wird über den zweifel, dass sprachlaute nicht zu neuen gruppen zusammengestellt werden sollten, nur staunen können Peschel völkerkunde (1874) 113;
andere wandten sich, eilten,
mit befehlen belastet, darüber sie staunten, darüber
einst auch wir ...
staunen werden
Klopstock 6, 174 f. (Mess. 19, 264—8);
ungewöhnlich mit dativ:
wie musz ich staunen über dem, was du gesagt!
Fr. Schlegel Alarcos s. 14 (1, 2).
dagegen gehört das gleichbedeutende ob der poesie an:
er (Quarin) schrieb, noch staunt die kluge Spree darob.
Mastalier ged. (1774) 84;
und sie staunen ob des schicksalspruches
wahrheit
Herder 25, 457 Suphan (volksl. 2, 2, 30);
wohl, brüder, staunen wir ob Hektors muth
und streitbarkeit
Bürger 165ᵇ, 742 (= Il. 5, 601);
ich staun' ob dir: bei meinem heil'gen orden!
ich glaubte, dein gemüth sey bessern stoffs.
Shakesp. 9, 242 (Rom. u. Jul. 3, 3);
ihr staunet ob dem königlichen gast,
der stolz erscheint inmitten eurem rath.
Chamisso (1836) 3, 247 (herein!);
und ob den worten staunend, die der spricht,
erhebet Müller sich
4, 53 (die verbannten 1);
ich fiel ihm um den hals, ob solcher ungewohnten gesinnung staunend 258 (Pet. Schlemihl 3). ungewöhnlich und fehlerhaft ist die verbindung von ob mit dem acc.:
ob deine wunderzeichen staunen
die einbewohner ferner zonen.
Mendelssohn ps. 65, 9 (in den werken 6, 221 geändert: deinen).
weniger eng sind verbindungen wie staunen bei etwas: Benedix staunte bei diesem namen noch mehr Musäus volksmärchen 1, 29 Hempel (Rübez. 2);
tönt nicht ihrer
siege geräusch bis zur jüngsten nachwelt
in ew'gen liedern aufbewahrt: o so staunt
ein blöder enkel einst bey gemeiner that;
denn er vermisset unsrer tage
wunder, und wähnt nichts von Laudons thaten.
Mastalier ged. (1774) 69;
doch dort hätt' am meisten das herz dir gestaunt bei dem anblick (ἰδὼν θηήσαο θυμῷ)
Voss Odyss. 24, 90.
deutlicher gehört dagegen hierher staunen vor etwas: wir staunten vor dem wilden furchtbaren felsen des Wetterhorns Jacobi briefe aus der Schweiz 1, 27; eine gesellschaft, die aus furcht vor jedem neuen gegenstande starret — vor jeder ungesehenen sache, wie vor einem wunder staunet Herder 2, 70 Suphan (fragm. 1, 3, 3); denn wer eine leidenschaftlich entzündete bei einbruch der nacht von dem weg zu ihrem liebhaber abhalten will, der musz nicht allein wohl ersonnene, bedeutende, gehaltreiche mährchen bereit halten, sondern er musz auch in der ausführung so reich, exuberant, reizend und anregend sein, dass die einbildungskraft, vor solcher kraft staunend, nicht wüszte, wohin sie sich wenden, wie sie alles fassen solle Göthe 41, 2, 18 Weim. ausg.; und doch, wie staune ich vor dieser liebe, und bete sie an! Bettina an Pückler-Muskau, s. dessen briefw. 1, 132; sie staunten vor einander, als sie sich in der andacht morgenröthlichen glut erhuben Schubart (1787) 2, 302:
ich aber blieb zurücke,
staunend vor der erhöhteren würde
des gotterfüllten mannes
1, 2.
zu der ersten stelle bemerkt Heynatz Antibarb. 2, 444, indem er sie anführt: 'vor etwas staunen ist noch sonderbarer gesagt, als über etwas'. doch ist die wendung heute durchaus üblich, zumal wenn die örtliche vorstellung möglich ist.ganz ungewöhnlich: du staunst zu meinen worten; aber sey ruhig Bürger 300ᵃ (Macb. 3, 5).
ζ)
der anlasz kann auch durch einen nebensatz ausgedrückt werden, sowol in loserer fügung durch einen temporal-, causal- oder bedingungssatz (beispiele unter b), als auch in directer abhängigkeit durch einen inhaltssatz: er musz seinen plan geändert haben, ich staune, dasz er nichts davon schrieb Ebner-Eschenbach 4, 116;
fürwahr, ich staune, dasz dir alles fremd!
Kleist 3, 64 E. Schmidt (prinz v. Homb. 2, 8).
du siehst ihn (d. ring) an, du findest nichts an ihm,
du staunst, dasz ich ihn dir zu bieten wage.
Hebbel 3, 247 Werner (Gyges 1, 132).
ähnlich:
öffnet sie die augen, meine gute,
gleich erblickt sie diese bunte gabe,
staunt, wie immer bei verschlosznen thüren
dieses freundliche geschenk sich finde
Göthe 2, 107;
der mensch im anfang launet,
und findet manches hart!
er wirds gewohnt, und staunet,
wie gut es endlich ward
Voss 4, 256.
sieh darum staunt' ich, edle königin,
wie diese schöne welt dich traurig machte.
A. W. Schlegel Ion s. 30;
ich staune, wie ein menschlich antlitz barg
in sanftem lächeln so tyrann'schen mord.
Shakesp. 6, 29 (Tit. Andron. 2, 4);
sie arbeitete im hause und machte es sauber und staunte selbst, wie nötig das war Enking P. C. Behm 240.
η)
endlich auch durch einen inf.: so sehr sie beim erwachen staunten, sich an einem ihnen fremden orte zu befinden, so gewannen sie sich bald lieb Ludwig 2, 420; ich war erstaunt, zu entdecken, dasz ich eigentlich, so gut ich erst kürzlich noch zu sehen geglaubt, noch gar nichts gesehen hatte, und ich staunte noch mehr, das bedeutende und lehrreiche nun meistens in erscheinungen zu finden, die ich vorher entweder übersehen, oder wenig beachtet Keller 2, 19.
f)
in dichterischer sprache wird staunen gelegentlich von unpersönlichen subjecten ausgesagt (mit personification):
ach, wer bringt mich hinüber auf adlers flügeln, zu deinen
rollenden meeren, du mächtigster Orellana (Amazonenflusz)! du riese
unter den flüssen! dir staunen die heiligen fluthen des weltmeers,
wenn du, stark wie ein gott, in den ocean dich ergieszest!
Stolberg 1, 206.
(vgl. 7, b, sowie oben 3, e.)
5)
in einzelnen fällen nimmt staunen causative bedeutung an.
a)
zuweilen im part.: eine staunende krankheit Haller bei Kinderling 428; der unterricht der taubstummen wird unter die Pariser merkwürdigkeiten gezählt, und verdient es, da es wirklich staunend ist, was die leute an grammatischer kenntniss zeigen Sophie La Roche an Fr. Nicolai d. 20. juli 1785 bei Dorow denkschr. u. briefe 1, 162. so auch:
meerwunder! ruft ihr, wenn ihr was entdeckt,
worüber wir uns wundern nicht von ferne;
wir sind gewohnt, was staunend euch erschreckt.
Rückert 3, 132 (edelst. u. perle 4).
b)
vereinzelt in unpersönlicher construction: schlechte zeit für gute fäuste und trockene kehlen; mich staunt's, dasz es noch so lustig ist auf der kilt Jensen die pfeifer v. Deisenbach (1884) 1, 227.
6)
häufig begegnet der substantivierte infinitiv das staunen. (die fälle der bedeutung 3 sind daselbst eingereiht.) das staunen 'der zustand, in welchem man sich befindet, wenn man vor verwunderung oder bewunderung einer sache unbeweglich und stumm dastehet' Campe (1).
a)
so im nom.: aber dieses staunen ward bald von lebhaftern scenen verdrängt Klinger 3, 223 (Faust 4, 11); ihr staunen wuchs, als auf der treppe ich und meine frau ihnen mit prächtigem gefolge entgegenkamen Ludwig 2, 437;
erst erschütterte staunen, alsdann entflammtes verlangen
endlich enthüllt ihr schicksal zu seh'n, die versammlung der todten!
Klopstock bei Campe;
mancherlei wollt' er noch reden, doch wehrten ihm zagen und staunen
Bürger 250ᵇ (Dido 445);
der bösewicht! die zunge lähmt mir staunen
Tieck 1, 301;
den bauer verwandelt das staunen zu stein.
Rückert (1882) 1, 188.
ungewöhnlich in der apposition: so lief, ein blick, ein staunen, mir der erste tag dahin Fr. Müller 1, 33 (Adams erstes erwachen). — mit adjectiven: heilige stimme gottes nun, aufforderung, einsetzung, einsegnung des menschen in die neue schöpfung, huldigung, frohes staunen, zuruf, gejauchz der geschaffenen 17; das fräulein nahm dieses hinbrütende staunen für übermasz seines entzückens an Musäus volksm. 1, 110 Hempel (Melechsala); sein süszes staunen wuchs mit der sonderbaren verwandlung Novalis 2, 9 Meiszner (Heinr. v. Ofterd. 1, 1); zwar hat Leibnitz durch seine fast leidenschaftlichen äuszerungen über das genie der römischen juristen ein heiliges staunen bey vielen veranlaszt Thibaut nothwendigk. eines allg. bürgerl. rechts (1814) 18; ich fange nun an die besten sachen zum zweytenmal zu sehen, wo denn das erste staunen sich in ein mitleben und näheres gefühl des werthes der sachen auflöst Göthe briefe 8, 100 (an Ch. v. Stein den 20. dec. 1786);
böse laune, blödes staunen macht mich jez lahm.
tageb. 1, 2 (1775);
doch wenn als nah verwandt sich plötzlich die
betrachten sollen, die sich fremd gewesen,
so tritt erst zwischen sie das blöde staunen.
A. W. Schlegel Ion 74.
im gen.: hatte ich das erstemal die freude der überraschung und des staunens, so war zum zweytenmale die wollust des aufmerkens und forschens grosz Göthe 18, 19 (W. Meister 1, 4); in eben dem augenblick gelangte nun obgemeldetes werk zu mir und versetzte mich aus der ernsten region des staunens und glaubens in die behaglichen gegenden des schauens und begreifens 55, 317; ohne religion, ohne sitten, blieb er ein gegenstand der bewunderung und des staunens Klinger 4, 252 (Raph. de Aquillas 5, 2); 'ja, jetzt haben sie aber ja keine brille', sagte ich nach einer pause des staunens Vischer auch einer 1, 19;
und wir standen umher, voll staunens ob der erscheinung
dieses grausen gesichts
Bürger 198ᵇ (Il. 2, 320);
er hat gesprochen, und des königs spruch,
der immer weis' ist, und des staunens werth,
steht unerschüttert
Stolberg 4, 124,
vgl.staunenswert; dafür: indem er öfters mit einem ausdruck von staunen und ironie den kopf hin und her wiegte Vischer auch einer 1, 31; in Marias gesicht trat ein ausdruck von staunen Zahn die da kommen und gehen! (1909) 126. sonst mit präpos.: man müszte mit tausend griffeln schreiben, was soll hier eine feder! und dann ist man abends müde und erschöpft vom schauen und staunen Göthe 27, 211 (ital. reise, Rom 7. nov.);
vernimm den hergang, dass du überzeugt,
vom ersten staunen wieder zu dir kommend,
dich meiner freude willig überlassest.
A. W. Schlegel Ion s. 53;
ihr anblick schon entzückte; doch nun bringet
die anmuth ihrer reden, ihre worte, ...
vom staunen mich zur freude, welche weint.
Shakesp. 2, 178 (Heinr. VI., 2. th., 1, 1);
aus langer kindheit träumerischem staunen
bin hier ich zum bewusztsein erst erwacht.
Grillparzer⁴ 6, 9 (wellen 1; vgl. oben 3, a).
die sinne, welche, wie verschlaf'ne wächter,
bisher nicht sah'n, noch hörten, wecken sich
in sel'gem staunen gegenseitig auf.
Hebbel 3, 321 Werner (Gyges 4, v. 1542).
b)
so in festen verbalen fügungen. staunen als subject: und da der geist verschwunden ist, wen sehen wir vor uns stehen? ... staunen und trübsinn überfällt den einsamen (Hamlet) Göthe 19, 75 (W. Meister 4, 13); staunen ergreift die schauenden und die satyrn taumeln vor wollust und geblendet von dem strahlenden lichte ihrer (Helenens) schönheit Droysen Aischylos³ s. 171; dazu:
doch wer ermiszt das ungeheure staunen,
das ihn ergreift, da die prinzess' den handschuh,
den er sich ins kollet gesteckt, vermiszt!
Kleist 3, 116 E. Schmidt (prinz v. Homb. 5, 5);
ungewöhnlich:
ich sterbe, sehe nun bald um mich
die groszen seelen, Popen und Addison, ...
und, durch desz tod mich staunen traf, dasz
traurigkeit auch, und nicht freud' allein sey
auf erden! meinen bruder.
Klopstock oden 1, 66 Muncker-Pawel (der abschied 23).
als object; gewöhnlich staunen erregen: kunstunternehmungen dieser art, welche in die augen fallen, aufsehen, ja staunen erregen sollen, werden gewöhnlich in's kolossale geführt Göthe werke 49, 231, 17 Weim. ausg. (abendm. v. Leoard da Vinci); zwischen Bomte und Osnabrück sahen wir die ungeheure eiche, welche seit jahrhunderten staunen erregt Stolberg 6, 5; die weiten himmelsräume gehören einem weltgemälde an, in dem die grösze der massen, die zahl zusammengedrängter sonnen ... unsere bewunderung und unser staunen erregen Al. v. Humboldt Kosmos (1845) 1, 84; doch erscheint alles in diesen felshallen (bei Wady Gyrshe am Nil) gewaltig, stillschweigen gebietend, staunen erregend Ritter erdkunde² (1822) 1, 644; die waffenstücke ... erregten das staunen der Asiaten Mommsen röm. gesch. 2, 266; seine werke erregten staunen und bewunderung H. Grimm Michelangelo⁶ 1, 17 (vgl.staunenerregend). ähnlich: der enthusiasmus, womit er seine grosze ideen herauswälzte, zündete auch mich an, und liesz heiliges staunen über die werke gottes in meiner seele zurük Schubert leben u. gesinn. 1, 41;
und halbe trümmer, um die letzte stunde
mit sturm und regen kämpfend, drangen mir
das staunen ab, das ich dem bau versagt,
als er noch stand in seiner vollen pracht.
Hebbel 4, 303 Werner (Nibel. ⅠⅠⅠ, 4, 19).
mit präposition in der causativen wendung in staunen versetzen Campe (vgl. oben 5): die mittel so gering, so unscheinbar, man darf nicht sagen so dürftig, denn das resultat versetzt uns in staunen Stolberg 6, 16; er erzählte mit ironischem lächeln, wie ich durch meine offenherzige naivität die ganze untersuchungs-commission in staunen versetzt hätte H. Steffens was ich erlebte (1840) 2, 301; weil jeder in seinem eignen laboratorium die raketen und feuerkugeln verfertigt, womit er die welt in staunen setzen und womöglich entzünden möchte Göthe briefe 29, 62, 19 (d. 26. febr. 1818 an Sartorius); ferner:
dasz du die herrlichste bist, Admetos heerden ein schmuck wärst, ...
alles reiszet zum staunen mich hin, zum preise des künstlers.
werke 4, 125 Weim. ausg. (Myrons kuh);
so erkennt man, wie die mächtige, ernste und siegesgewisse gestalt (Gerhart v. Rendsburg) in weiten kreisen die landes- und zeitgenossen mit hingebender bewunderung und staunen erfüllte Nitzsch deutsche studien (1879) 258. entsprechend intransitiv: da gerieth der soldat in verwunderung und staunen Hebel 3, 84.
c)
sehr gewöhnlich in gewissen präpositionalen verbindungen, so besonders mit staunen (gleichbedeutend mit staunend, s. oben 4, c, γ): mit staunen wandert er (Winckelmann) durch die reste eines riesenzeitalters Göthe 37, 34; die welt sieht das alles mit staunen an Bettina Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 189; beiden umständen ist wohl jene weite verbreitung gewissernamen zuzuschreiben, welche schon Grey mit staunen hervorhebt Ratzel völkerkunde 2, 62;
mit staunen musz ein weiser mann es lesen.
Bürger 318ᵃ (Bellin 26);
wie begrüszt' ich so oft mit staunen die fluthen des Rheinstroms
Göthe 40, 242 (Herm. u. Dor. 1);
mit staunen weilt der überraschte blick
beym wunderbaren bau des ungeheuren rosses.
Schiller 6, 348 (zerstör. Trojas 6);
gehört nun haben Asia's felsenthore
meines geschützes donner auch mit staunen!
Rückert (1882) 1, 19 (geharn. son. 25);
dies hörend, erhob mit staunen
der könig die augenbraunen
12, 119 (Nal 29).
mit sinnverwandten ausdrücken zusammengestellt: mit wundern, staunen, oft mit herzbeklemmenden empfindungen ... lieset man diese denkwürdigkeiten (von St. Simon, Duclos u. a.). mit staunen, wenn man erfährt, von wem die welt regiert ward ... Herder 23, 108 Suphan (Adrast. 1, 1, II); die beiden aber schauten einander mit verwunderung und staunen an Hebel 3, 28; die antwort Griseldens ist zuerst mit staunen, dann mit entsetzen, schlieszlich mit einem lachausbruche von den herren aufgenommen worden G. Hauptmann Griselda 46; wie wir alle nicht ohne rührung, ja fast mit staunen gesehen haben 105; Anton vernahm diese weisung zuerst mit staunen, dann mit misztrauen, schlieszlich mit beunruhigung Oesteren die exzellenzen (1909) 53;
denn hier siz' ich, ...
wo mit ernst und staunen meine seele
auf sich selber niederblickt.
Schubart ged. (1787) 2, 271;
ich sah mit staunen und vergnügen
eine pfauenfeder im coran liegen.
Göthe 5, 235 (divan 10, 5);
doch wohl erinnr' ich mich des scheuen blicks,
den ich mit staunen und mit bangigkeit
auf jene helden warf
9, 44 (Iphig. 3, 1);
mit staunen seh ich euch, mit freude,
der ich euch schuf bewundr' euch heute.
13, 272 (Epimen. 1, 5).
durch adjectivischen zusatz näher charakterisiert: mit freudigem staunen nahm die heilige frau (Elisab.) diese wunderbare metamorphose (der nahrungsmittel in rosen) wahr Musäus 1, 79 Hempel (Melechs.); Engelbert sah nun mit grauenvollem staunen das innere der höhle Pfeffel pros. vers. 2, 87; der vielen ebnen, hölen, berge und wälder zu geschweigen, die ich alle mit bewunderndem staunen mehr als einmal betrachtete Gerstenberg briefe über merkwürdigk. der litt. s. 258, 28 neudr.; der schulherr aber schaute diese zumuthung mit ungemeinem staunen an Hebel 3, 30; dann sah und hörte er mit starrem staunen den evolutionen des erschrecklichen gewitters zu Vischer auch einer 1, 37; mit ehrfurchtsvollem staunen betrachtet er (d. naturforscher) das mikroskopische klümpchen nervensubstanz Du Bois-Reymond üb. d. grenzen d. naturerkennens (1873) 30; nach rechts und links wichen die wüsten gesellen mit stumpfem staunen ihr aus Raabe uns. herrgotts canzlei 2, 226; Wittig (mit gemachtem staunen den weber dumm anglotzend) G. Hauptmann d. weber 61 (3, bühnenanw.); Griselda mit grenzenlosem staunen: versteht ihr das? Griselda 109;
mit gesunkenem knie,
mit tiefanbetendem staunen,
freu ich mich!
Klopstock oden 1, 129 Muncker-Pawel (d. anschaun gottes 14);
er (Johannes) sitzt am felsen, dessen born ihn tränket,
da steigt vor seiner seel' empor ein bild,
das er mit sel'gem staunen überdenket.
A. W. Schlegel im Athenäum 2, 140;
er hört mit innerlichem staunen
unsichtbar es in's ohr sich raunen
Rückert 3, 25.
zuweilen entsprechend ohne staunen, meist mit negation: ich kam nach Mannheim, nicht ohne süsses staunen über die simetrische anlage und schönheit dieser deutschen stadt Schubart leben u. gesinn. 1, 185; eine der merkwürdigsten geschichten dieser art, die ich nie ohne staunen habe lesen können ..., ist die geschichte von dem tode des uralten mahlers Francesco Francia Wackenroder herzenserg. 29.
d)
vor staunen:
starr vor schaam und staunen
lag er auf den altan gebückt,
bis ihn der jubel der posaunen ..,
aus seinem schweren traum erweckte.
Pfeffel poet. vers. 2, 5;
wir, stumm vor staunen, selbst nicht wollend, folgen
der hohen fahn' und ihrer trägerin.
Schiller 13, 213 (jungfrau 1, 9);
es macht mich starr vor furcht und staunen.
Shakesp. 6, 80 (Haml. 1, 1);
dann, eh noch einer spricht ein wort
vor rührung, staunen, tiefer scham,
schon stapft er durch das zimmer fort.
Droste Hülshoff 2, 76 (hospiz auf d. St. Bernh. 2);
die mutter rief vor staunen schier
Storm 8, 291;
der herr teufel mögen mich holen, wenn mir nicht vor staunen und verwunderung der athem stehen bleibt! Grabbe 1, 313 Grisebach (scherz, satire 2, 2); als er wieder auf die strasze kam, waren ihm vor staunen und entsetzen der eisenladen ... und der herr Wunderlich aus dem gedächtnisz heraus verschwunden Hebel 3, 29; das erstemal konnten sie vor staunen und ungewiszheit nicht antworten 91; er konnte vor staunen und lachen kaum sich fassen Herwegh s. briefe von u. an H. (1896) s. 60 (d. 25. nov. 47). —zu jemandes staunen: zu Frankfurt sprang er ... zum staunen des postillions kerngesund aus dem kaleschlein heraus Hebel 2, 245, 34 Behaghel; selbst zu einem antrag, der künstler möge nach Leipzig übersiedeln, verstieg sich der doctor zu Maternus staunen Hausrath pater Maternus 127;
mächtig, zu der himmel staunen
thatst du durch der seher mund
einst im donner der posaunen
gottes tiefen rathschlusz kund.
Schubart ged. 2, 101;
ein labyrinth von listen und von launen
durchhastet er zu seiner feinde staunen.
Freiligrath ⁵ 6, 213.
e)
in poetischer sprache nimmt staunen zuweilen concreten sinn an, das, worüber man staunt, gegenstand des staunens Campe (2):
Jesus Christus erhub die gebrochnen augen gen himmel,
rufte mit lauter stimme, nicht eines sterbenden stimme,
mit des allmächtigen, der sich, das staunen der endlichkeiten,
freygehorsam, dem mittlertod' hingab!
Klopstock 4, 251 (Mess. 10, 1043);
die kraft, die in des fechters muskel schwillt,
musz in des gottes schönheit lieblich schweigen;
das staunen seiner zeit, das stolze Jovisbild
im tempel zu Olympia sich neigen.
Schiller 6, 272 (d. künstler 264);
dieser ist der stolz des vaterlandes
schönstes kleinod von Toscana, — staunen
seiner nachwelt: sieh' die kraft des groszen
Michel' Angelo Buonarotti.
Wackenroder herzenserg. 197;
dennoch konntest du allein
meine qual zu lindern, taugen
und das staunen meiner augen,
meines ohrs bewundrung sein.
Gries Calderon, leben e. traum 1 (2).
7)
ganz vereinzelt findet sich staunen in gebrauchweisen, die nicht hierher gehören.
a)
im älteren nhd. für stöhnen, vgl. das.: man halte den nicht vor gesund, der einen krancken in seinem hause hat, denn aus bekümmernisz um den schwachen, seufftzet und staunet er eben so, als der andere Olearius pers. baumg. 13ᵃ (1, 16).
b)
die welle sprüht, und staunt zurück und weichet
und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken;
gehemmt ist nun zum vater hin das streben.
Göthe 2, 3 (sonette 1).
hier möchte man, trotz der, wie es scheint, klaren und einheitlichen überlieferung, schreib- bezw. druckfehler für staut annehmen (vgl.stauen 3 f), da ein ähnlicher gebrauch von staunen sonst nicht belegt und die ungewöhnliche personification nicht weiter durchgeführt ist. (die unter 4, f gebuchte stelle ist kaum vergleichbar.)
c)
bayer. stau ̃n nach dem männchen verlangen, vom schwein Schmeller² 2, 764.
d)
kärnt. an zähnen staunen, s. ebenda.
Zitationshilfe
„staunen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/staunen>, abgerufen am 19.07.2019.

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