Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

stegreif, m.

stegreif, m.,
steigbügel, ahd. stegareif, mhd. stegereif und stegreif. die form stegereif (stegereyff striparium Diefenbach gloss. 556ᶜ) findet sich auch noch in der späteren sprache, so braucht sie noch Göthe (II 4, 3, 18; IV 11, 10; 21, 244 Weim. u. s. w.), Tieck, Immermann und K. O. Müller: oft deuteten auch die haruspices ... aus dem stegereif die Etrusker 2, 192; ihm entspricht mndd. mndl. stegerêp: stegherep striparium Diefenbach gloss. 556ᶜ und als hd. übersetzungsversuch aus dem niederd.: eyn stygereyff scandalis 516ᵃ; selten in der form stegreifen, so unten noch bei Göthe (vgl. th. 8 sp. 619). bisweilen in der älteren sprache, so z. b. von Brant (s. den beleg unter 1 d). in der form stegenreif an stege, fem., angeglichen. ein femininum die stagrieff giebt H. Junius als die hochdeutsche entsprechung von ndl. stegelreep, stapedes bei Diefenbach gloss. 550ᵇ; so auch die stägreiff, stapodes Maaler 383ᵇ; zur composition ist eher unser subst. steg (s. oben unter 1) als etwa das verb. ahd. stegon, mhd. stegen 'schreiten, steigen, aufsteigen' verwendet; über das ursprüngliche alter des geräths läszt sich nur unsicheres sagen; so bleibt noch völlig zweifelhaft, ob jene in Jütland und angrenzenden gebieten seit der jüngeren Hallstattzeit gefundenen bronzeringe mit ösen hierher zu rechnen sind, mögen sie auch unserer wortbildung gerade besonders gerecht werden, vgl. R. Beltz vorgeschichte von Mecklenburg s. 105; erst in den gräbern der völkerwanderungszeit lassen sich stegreife mit völliger sicherheit nachweisen, allerdings sogleich in so vollendeter edler form (ein wundervolles beispiel in der Kopenhagener sammlung), dasz eine schon längere vorgeschichte dafür vorauszusetzen ist. seit der Karolingerzeit aber gehören die stegreife zu den bedürfnissen des reitenden mannes. über die weitere geschichte der sache s. Boeheim waffenkunde 198 ff. und unten steigbügel, eine jüngere und deshalb gewisz auf das verb. steigen zurückgehende wortbildung, die auf die spätere gestaltung des geräths deutliche rücksicht nimmt. nach diesen erwägungen wird anord. stigreip als ein allerdings ausgeglichenes, frühes lehnwort aus ags. stigráp (engl. stirrap) aufzufassen sein. ein lehnwort aus dem deutschen ist auch afranz. estrief. — eine ältere german. bezeichnung des geräthes verbirgt sich in ital. staffa, im langobardischen verschobenes germ. stapa (vgl. Kluge etym. wb.⁶ 377ᵇ und im grundrisz der rom. philologie 1, 503), welchem auch oben staffe (sp. 515) entspricht.
1)
im eigentlichen sinne als ausstattungsstück des reitpferdes: stagreff strepa, wörterb. von 1440 bei Diefenbach gloss. 555ᵇ; stegraiff strapedes, wörterb. von 1521 ebenda 555ᵃ; stegreyffe orbis Diefenbach nov. gloss. 273ᵃ; stegreyff, darein der reuter den fusz auff dem pferdt setzt estrier, staffa Hulsius (1616) 307ᵇ; stegreiff stapeda Schottel 1421; 21⁄2 m dem huskompthur zum Elbinge vor eyn rittergezuͦg und eyn par stegereyffen Marienburger tresslerbuch 81, 38; oft von groszer kostbarkeit: darzwischen ist der keyser geritten ... auff einem weiszen stoltzen hengst, mit einem gulden bisz, zaun, stegreif Kirchhof wendunmuth 2, 57;
beide guot unde gemeit
wârn die stegereife,
breite goltreife,
gebildet nâch zwein trachen
Hartmann Erec 7670;
mit guldîn schellen kleine
vor iewederm beine
wârn die stegreife erklenget
unt ze rehter mâʒe erlenget
Wolfram Parzival 122, 5;
seine nothwendigkeit schildert nebenher: das rossz wirfft den guten herrn, so ohne stegreiff ritte, aus dem sattel zur erden Hertzog schiltwache C 2; vgl.: ohne stegreiff und sporen ein reuter schlecht wird fortkommen Abraham a S. Clara etwas für alle 1, 376; wenn auch gewandte reiter zum aufsteigen seiner nicht bedürfen, vielmehr ohne stegreif in den sattel springen (Schottel 1140) können; die mutigen helden on stegreyff ... in den sattel gesprungen haben Agricola sprichwörter (1534) Ee 7ᵇ, wie schon:
der gewâpent in den satel spranc:
ern gerte stegereife niht,
dem man noch snelheite giht
Wolfram Parzival 157, 29;
sîn vuoʒ dernâch nie gegreif,
er spranc drûf âne stegreif
215, 22.
das beschreiten des rosses wird geschildert: (das pferd liesz) nur Alexandrum auffsitzen vnd da andere jhm zuͦ nahe kamen, vnnd sich stelten, als ob sie die stegreiff angreiffen wolten, wimmert es laut Heyden Plinius 208; und da er zuͦ des herren hoff kam, da trat er mit dem rechten fuͦsz in den stegreiff, vnd hielt sich an dem zügel, vnd mit dem lincken fuͦsz gieng er Pauli schimpf und ernst 255; ungern entbehre ich auch euren starken speer, wenn ich einmal gegen meine feinde in den stegreif trete Freytag 10, 48; dementsprechend: das er und der sattel nit konten von einander kommen, noch er auss den stegreiffen tretten Frey gartengesellschaft 135; und so unser ehrw. herr dem armen manne begegnet und derselbe nicht könte fortkommen, soll unser ehrw. h. mit einem fusz aus dem stegreif treten und in dem andern bleiben Jak. Grimm rechtsalterth.⁴ 1, 137, d. h. gleichsam nur die geste des absitzens machen; den fusz im stegreif haben, behalten u. s. w.: (er) muss den einen fuss im stegreif behalten und also das schwein stechen Teuerdank 85; andere vermeinten, es solte ein jeder den einen fusz im stegreiff haben und reiten, und mit dem andern auff dem boden gehen Agyrtas grillenvertreiber (1670) 81; (bildlich:)
er naht sich kühn dem Pegasus,
und fasst den goldnen zügel.
noch steht im stegreif kaum sein fusz,
so dreht er schon den riegel
Pfeffel poet. versuche 10, 82;
aus dem stegreif kommen minus firmiter in equo sedere, stapedam perdere Frisch 2, 326ᵇ; sie theten jm so drang, dass er mit beyden füssen auss dem stegreiff kam buch der liebe 362ᵇ; dasz sie alle beyde die stegreiff reumeten Amadis 184 Keller. auch: darnach schlug der riess ernstlich zu dem Florentzen, vnd traff jhn mit seiner faust auff den rechten schenckel, dass Florens gar nahe zurück gefallen wer, doch kam er bald wider in seinen stegreiff buch der liebe 15ᵇ. als gefährliche situation für den reiter aber bleibt: do schühete das ros gegen dem eber, das der knabe abeviel und in dem stegereyffe gehing, und wart von dem pferde gedrettet, das er für dot bleip ligen Königshofen in den deutschen städtechron. 9, 629; die andern sagen, sie sey in des pferds stegreiff behangen vom ross geschleyfft Seb. Franck chron. 254; pferde die ihren mann im stegreif hängend Bräker 1, 152.
a)
zur besonderen ehre hält man einem vornehmen herrn den stegreif beim auf- und absteigen: Reynhardt behandet jme widerumb sein pferdt, vnnd hielt jm den stegreyff Aimon C 4ᵇ; so bald er jhn aber eingelassen, und auff der innern fallbrücke bewillkommte, fehlte wenig oder gar nichts, dasz er ihm nicht selbst an stegraiff griff, seine devotion gegen ihm zu bezeugen Simplic. 101 neudr.; die (haben) ... demselben den stegreiff und pferd gehalten Dannhawer catechismusmilch 2, 83; im lager kam Swerker gesprungen, und wollte des ritters Trautwangen stegreif halten Fouqué zauberring 2, 173;
vil kleiner junchêrrelîn
sprungen gein dem zoume sîn:
ieslîcheʒ für deʒ ander greif.
sie habten sînen stegreif:
sus muoser von dem orse stên
Wolfram Parzival 227, 22.
besonders als 'officium strepae' ein (symbolischer) dienst, welchen der vasall seinem lehnsherrn zu leisten hat (vgl. Sachsenspiegel lehenrecht 66, 5); der geschichtlich folgenschwerste fall: de keiser sal eme (dem papste) den stegerep halden, dur dat de sadel nicht ne winde Sachsenspiegel 1, 1; und yhe mit der teuffelischen hoffart hynfurt zugelassen werde, das der keyszer des bapsts fuesse kusz, odder zu seinen fussen sitze, odder, wie man sagt, yhm den stegreyff halte und den zaum seines maulpferds Luther 6, 433 Weim.; so hat pabst Adrian ... des keysers Friderichen hönisch gespott, das er jhm nur zum absteigen gantz unhofmännisch nicht den rechten, sonder den lincken stegreiff gehalten hett Fischart bienenkorb 136ᵃ. sonst: der anzal, die ime den stegraif, so er aufsitzen und reiten wolt, hielten, waren in ainer zall 200 acht Wilwolt von Schaumburg 17.
b)
als äuszerster grad der devotion gilt aber: augendiener, welche jmmerdar die knye biegen, vnd den stegraiff kussen Albertinus zeitkürzer 52ᵇ; vgl.:
Gâwân bôt ir sînen gruoʒ,
si kust im stegreif unde vuoʒ
Wolfram Parzival 621, 16.
c)
schutzflehende ergreifen bittend den stegreif: wenn er (der unter dem bienenkönig vorgestellte pabst) aber gehasz wirdt, der musz fort, vnnd hieng er dem keyser an stegreiffen Fischart bienenkorb 265ᵇ.
d)
sich im stegreif nähren, als berittener wegelagerer vom straszenraub leben (vgl. auch entsprechendes unter sattel 1 d th. 8 sp. 1822):
also ich mich im stegreiff nehr,
wann ich kan ye nit essen grasz
Hans Sachs 3, 555 Keller;
so leb ich forthin gar verwegen
und will mich in dem stegreiff nehren
1, 103 Keller;
sol ich mich denn im stegreiff nehrn,
so wil ich es gar nicht sein mit ehrn
17, 261 Keller-Götze.
und zuletzt:
soll ich mich in den stegraiff nehrn,
wie ander edel reuterslewt,
so fürcht ich aber meiner hewt,
dieweil oft mancher wird erdappet,
das der rabenstein nach im schnappet
12, 443 Keller-Götze.
daneben: aus dem stegreif sich nähren usw.; der ärmere adel lebte wieder aus dem stegreif Zschokke 32, 148;
wann yeder dät als er thuͦn sol,
so weren sie beid gelttes wert:
dyser mit fädern, der mit schwert,
möht man ir beid entberen nitt,
wann ob der hant nit wer jr schnytt
vnd durch sie würd das recht versert,
man vsz dem stägenreiff sich nert
Brant narrenschiff 77, 17.
dann auch 'von der hand in den mund' und dem bildlichen gebrauch unter 3 sich nähernd 'ohne grosze überlegung, mit frischem muth' u. s. w., wie denn überhaupt die stärkste wurzel jener entwicklung hier verborgen liegt: ich lebe aus dem stegreif Brentano 1, 62.
α)
die wendung sich vom stegreif nehren latrocinari Frisch 2, 326ᵇ beginnt dagegen den begriffsinhalt unseres wortes zu erweitern: sich auf reuterey legen, vom sattel oder stegreif leben, war eben so viel als vom raub leben Schmidt gesch. der Deutschen 4, 431; das faustrecht der alten ritter, und selbst ihr gewerbe, vom stegereife zu leben und den kaufmann oder reisenden zu plündern, war bey ihnen eine ehrensache Schubert verm. schriften 2, 275; die ritter, welche vom stegreif lebten und wegelagerten, wussten wenigstens, was sie thun und treiben sollten, um zu existiren W. H. Riehl naturgeschichte des volkes 2, 298;
das sindt myr freylich nasse knaben,
die fill verzeren vnd wenig haben,
in halben hossen eynher traben
und kynnendt myr den seckel schütlen,
das der dreck stinckt, dapffer rittelen,
vnd von dem stegreiff sich erneren
Murner schelmenzunft 38 neudr.;
ha! ha! da zogst du aus dem stall dein rösslein,
schwangst dich hinauf, wie's Schottland's rittern ziemt,
und wie die ahnen lebtest du vom stegreif
Heine 2, 328.
β)
diese begriffserweiterung wird deutlicher:
wer mehr wil verzeren
dann sein pflug mag ereren,
in muͦsz der bettel oder stegreiff neren
Franck sprüchwörter 2, 101ᵃ.
besonders beliebt im adverbiellen genitiv: etlich guͦte schlucker, die sich des stegreifs dazuͦmal ernarten Wickram 3, 40; ein über die masze frecher verwägener ritter, der ... den armen edelleuten, die sich des stegreifs ernähreten, unterschleif gab Bucholtz Herkuliskus (1665) 1112;
sol ich myn kost vom sattel nagen
und des stegreiffs mich erneren,
vil böser wörter muͦsz ich hören
Murner narrenbeschwörung 84 neudr.;
streiffen und rouben hat er glert
vnd sich desz stägenreiffs ernert
schweiz. schauspiele des 16. jhs. 2, 180 Bächtold;
wann er (der schnapphahn) verzert, sich stegreifs nert,
greift an auf all personen,
der denkt billich: erschnapt man mich,
so muͦsz ich ausz den bonen
Uhland volkslieder 617 (236).
entsprechend auch in dem bildlichen sinne unter 3:
doch rechne nicht darob mich zu den dichterlingen,
die stegereifs sechs hundert reime singen
Novalis 1, 207.
γ)
in diesem allgemeineren sinne hilft unser wort die lebensweise der raubthiere charakterisieren: raben und wolffen, die sich auss dem stegreiff ... nehren Mathesius Sarepta 26ᵇ;
vnd wer hat nicht gelesen heut,
die wolffsklag, wie er klagt und schreit,
das man jhm gibt kein kuttelfleck;
so trieg er keine schaaf hinwegk,
vnd das er sich im stegreiff nehr
Fischart flöhhaz 67 neudr.
e)
die voraussetzung des vorigen hat in der neueren sprache der ritter vom stegreif, der raubritter, wegelagerer u. s. w.: durch grosse verluste erkaufte seine thorheit das beklagenswerthe glück, mit rittern vom stegereife durch dick und dünn reiten zu dürfen Holtei erz. schriften 11, 234. auch: der unglückliche krämer mochte zuerst glauben, dasz er auf's neue in die hände der unersättlichen ritter aus dem stegreif gerathen sei Alexis hosen des herrn von Bredow 1, 296;
ich bin nicht aufgestanden freventlich,
nicht wie ein ritter aus dem stegereif
Immermann 16, 535.
2)
eine vom galgenhumor eingegebene übertragung des vorigen:
(ich wöll) ein ding finden, ehs wird verlorn,
stirb ich gleich, eh ich kranck bin worn,
und mit dem kopff ind stegreiff trett,
heb an zu trabn, wenn der wind weht,
thu auff eim hänffen rosz herreiten
H. Sachs 21, 52 Keller-Götze.
3)
bildlich aus dem stegreife, ohne grosze vorbereitung, ohne lange überlegung, keck, eilig, gleichsam wie der fröhliche reitersmann schnell noch etwas erledigt, auch wenn er schon im sattel sitzt und ohne abzusteigen; seltener in die form des vergleichs eingekleidet, so gerne bei Göthe: durchaus bewundern wir die sicherheit der ersten arbeit, die ohne langes bedenken, einer lebendig leuchtenden erfindung gemäsz, wie aus dem stegreif hingegossen erscheint 41, 2, 256 Weim.; die blüthe erscheint gleichsam aus dem stegreife II 7, 138 Weim.; indem ich diese arbeit ... doch zuletzt nur als entwurf gleichsam aus dem stegreife herauszugeben im falle bin II 1, 372 Weim. auch: wenn insgeheim der bräutigam zu einem nur wie aus dem stegreif unternommenen besuch in Neuburg zu bestimmen wäre Mörike 3, 59 (maler Nolten). gewöhnlich aber völlig als bild, das so einen groszen theil des menschlichen mikrokosmus charakterisierend umspannt: aus dem stegreif sine praeparatione et meditatione, ex tempore aliquid facere Frisch 2, 326ᵇ.
a)
besonders nahe rückt der ursprünglichen sphäre einen entschlusz aus dem stegreif fassen u. s. w., d. h. wie es ein rechter schnellentschlossener reitersmann thun soll: was nun der königl. schwedische ambassadeur ... hierwieder that ..., wolte schier nichts mehr verfangen: derhalben er auszm stegreiff eine resolution ergriff Chemnitz schwedischer krieg 2, 186; dan dergleichen hohe und wichtige sache, darauff des gantzen reichs ruin und wolfart bestehet, wolte seines bedunckens sich also aus dem stegreiff nicht tractiren lassen 2, 146; weil er aber aus dem stegereiffen keine untadelhafte entschlüssung zu erkiesen wuste Lohenstein Arminius 1, 146ᵃ; (er ward) überaus bekümmert, also dass er aus dem stegereiffen nichts gewisses zu entschlüssen wuste 1, 159ᵇ, vgl. auch 237ᵇ u. ö.; einen rath aus dem stegereiffe zu fassen Chr. v. Wolff gedanken 210; aus dem stegreif wuszte er nicht gleich, wie er sich bei diesem verwirrten handel benehmen sollte Musäus volksmärchen der Deutschen 1, 121; aber die frau von Albini ... entschloss sich aus dem stegreif, mit mir zu gehen J. v. Müller 5, 407; seit mehreren jahren war mein reiseentschlusz gewöhnlich aus dem stegreife gefasst Göthe IV 28, 63 Weim. — die ... das urtheil nicht auss dem stegreiff herauss recket, auch nicht zu lang auff dem schäftel ligen lässt Dannhawer catechismusmilh 3, 171; meine meinung aus dem stechreif zu sagen, ist gewisz, dass ... der prinzessin dardurch nicht geholffen ist Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 5, 394; eine meisterfrage, die ich nicht aus dem stegreif lösen kann Musäus physiogn. reisen 4, 53; ihre ... argumente, die oft aus dem stegreif kamen Archenholz England und Italien 1, 2, 548; mit dieser charakterisierung aus dem stegreife; denn wie könnte man sie anders unternehmen? gedenken wir niemand vorzugreifen Göthe 40, 355 Weim., die rechten definizionen lassen sich gar nicht aus dem stegreife machen Fried. Schlegel im Athenäum 1, 12, 21; ich meines orts will nur einer einzigen dieser ernennungen aus dem stegreif bescheiden entgegentreten und diess bloss aus pietät Hebbel I 12, 81. sogar: wo wasser und moräste sind, und da man nicht recht dazu kommen kan, macht es (das abmessen) die gröste hudeley, und da musz man denn auf mancherley compendien und handgriff aus den stegreiffe gefasst seyn Fleming teutscher soldat 44.
b)
aus dem stegreif sprechen, d. h. ohne grosze vorbereitung und ohne manuscript: jedes grosse genie redet alles aus dem stegreife Lessing 5, 344; beredt aus dem stegreife Göthe IV 41, 93 Weim.; es ist nicht aus dem stegreif, was ich spreche, ich habe zeit gehabt zu denken 25, 257 Weim.; weil er meist aus dem stegreif predigte, so kam auch das schreiben selten an ihn Nicolai Nothanker 2, 220; (die behauptung,) ein prediger solle stets aus dem stegreife zu sprechen bereit sein Holtei vierzig jahre 1, 161; nachfolgende standrede, welche er mir, unerachtet er sie aus dem stegreif gesprochen, schriftlich mitteilte E. Th. A. Hoffmann 10, 285; Dietrich aber, als guter lutheraner bibelfest, antwortete aus dem stegreif Moltke schriften 2, 195. — (ich) konnte viele darin (in der bibel) enthaltene geschichten aus dem stegreif erzählen Bräker 1, 43; eine schöne, aus dem stegreife herdeclamirte strohkranzrede Böttiger kl. schriften 1, 354;
der brief, den ich gesehen, war verfälscht;
er las mir's aus dem stegreif nur so vor
H. v. Kleist 1, 146 (zerb. krug 12).
in stärkerer bildlichkeit: (übergänge,) die der redner wohl nicht aus dem stegreif schütteln möchte Jahn 2, 239; keck aus dem stegreif einzuspringen in den kampf der reden, war nicht seine weise Treitschke hist. und polit. aufsätze 1, 408.
c)
aus dem stegreif schreiben u. s. w., d. h. ohne grosze vorbereitung keck seine ansichten niederschreiben: gesammt einem ... von mir zwar ausm stegreif ... aufgesetzten tractätlein Leibniz deutsche schriften 1, 169; von da an (von der schilderung des Londoner brandes) scheint das buch (Thomas Sprat, history of the royal society of London) mehr aus dem stegereif geschrieben Göthe II 4, 3, 18 Weim.; unser heft aus dem stegreif IV 28, 103 Weim.besonders als arbeitsweise der künstler: so darf man auch wohl annehmen, dass bey dergleichen weitläufigen verdungenen arbeiten man keineswegs erst modelle gemacht und mit fäden, zirkeln oder sonst, höchst gewissenhaft verfahren. wenn der hauptbegriff gegeben war, so arbeitete der künstler wohl auch aus dem stegreife Göthe IV 29, 107 Weim.so auf dem gebiete der musik: aus dem stegreiffe componiren Mattheson capellmeister 104; die erfindung der cadenzen aus dem stegreife ist hier hauptsächlich mein augenmerk Quantz anweisung die flöte zu spielen 158; (er) arbeitete eine fuge aus dem stegreif mit vieler gründlichkeit aus Schubart ästhetik der tonkunst 78; er weiss einen gegebenen satz aus dem stegreif so oft man will, und in allen tönen umzuändern 235; kurz: musik aus dem stegreife E. Th. A. Hoffmann 9, 122. — auf dem gebiete der dichtkunst: eine art ... aus dem stegreif gereimter prose Herder 18, 41; aus dem stegreif die reime zu machen, wie leicht war das! Göthe 13, 1, 261 Weim.; man lasse mich bekennen, dass ich ... das gedicht aus dem stegreife niederschrieb 41, 370 Weim.; ein schlimmes spottlied, das sie ... jedem vorübergehenden aus dem stegreif zusingen Droste-Hülshoff 2, 360 (bilder aus Westfalen);
lauschen wir dem wilden dichter,
der im kreis gedrängter masken
hier mit liedern aus dem stegreif
seine hörerschaft begeistert
Waiblinger gedichte aus Italien 1, 28;
poesie aus dem stegreife Cramer nordischer aufseher 3, 29; viele haben einen groszen hang zur dichtkunst aus dem stegreif Herder 25, 393; verse aus dem stegreife Arnim 15, 62. — es nicht an herzlichen dankgebeten aus dem stegreife fehlen lassen Keller 1, 40.
d)
sich aus dem stegreif verlieben u. s. w., d. h. auf den ersten blick, schon nach kurzer zeit: er habe sich aus dem stegreife sterblich verliebt Göthe 22, 30, 5 Weim.; war der fremde nur ein frecher taugenichts, so durfte der ringwechsel aus dem stegreif unter keinen umständen ihre (Henriettens) zukunft bestimmen Freytag 13, 68; (Wakefield,) der gleichsam aus dem stegreif die tochter des reichen herrn Tourner ... entführt und ... geheiratet hatte Heine 3, 445. vgl.: der prunck ist der kunstgrif, den einige mädchen brauchen, wenn sie aus dem stegreif einen mann nöthig haben Hippel über die ehe 175. auch von einer nothtaufe: in der nacht jemanden aus dem stegreife zu taufen Gutzkow werke 5, 31.
e)
aus dem stegreife wandern, d. h. sich ohne lange vorbereitung und schnell auf den weg machen: das ... weisz ich wohl, dasz ich zuletzt aus dem stegreife fortgehen musz, wenn ich loskommen will Göthe IV 21, 244 Weim.; lust und muth, aus dem stegreif in die weite welt hineinzurücken IV 28, 282 Weim.; ja sogar aus dem stegreife leben, d. h. ohne das künftige stark zu bedenken, ohne bestimmten lebensplan (in anknüpfung an 1 d): lass mich nächstens wissen, wie du darüber denkst, was du vorhast und ausführen kannst, denn ich darf in meinen jahren und tagen nicht mehr aus dem stegreife leben IV 35, 119 Weim. ähnlich: das glück musz doch auch einige zeit haben, um zu wachsen; wer wird denn so aus dem stegreif glücklich sein wollen Tieck schriften 5, 203.
f)
eine vorrichtung aus dem stegreife und eigentlich nicht dazu bestimmt: er nahm aus dem wandschranke ein lichtstümpfchen, steckte es in den hals einer flasche und ging mit dieser vorrichtung aus dem stegreife davon Immermann 1, 12; der hof hatte keine andre thüre in das freie, als jene, welche Sannel einmal aus dem stegreif gemacht hatte, das halbledige brett der verzäunung Ludwig 2, 386;
eine alte kirch' am kreuzweg ist's — ein spital jetzt aus dem stegreif (für die kriegsverwundeten)
Freiligrath 4, 80.
g)
ein fest aus dem stegreife d. h. aus der frohen laune des augenblicks heraus, plötzlich und ohne vorbereitung arrangiert und gefeiert: ball aus dem stegreifen Göthe IV 13, 84 Weim.; das fest aus dem stegreife Holtei erzähl. schriften 24, 146; ein kleines familienfest aus dem stegreif Immermann 2, 145; zu dem gelage aus dem stegreif Keller 5, 21; fröhliche kaffegesellschaften aus dem stegreif 4, 261; vgl. jetzt wollen wir ... ein groszes souper aus dem stegreif arrangieren Nestroy 2, 317.
h)
ganz entsprechend ritter aus dem stegreif (oben 1 e) stärker an die person geknüpft: man hielt ihn nun für einen der besten reimer aus dem stegreife weit und breit Heinse 4, 91; als volksdichter aus dem stegreif Gutzkow werke 5, 117; vgl. so aus dem stegreife hat mich das talent mehr verwirrt als ergetzt Göthe IV 41, 145 Weim.hierher gehört auch der haarkünstler aus dem stegreife Immermann 3, 29 (Epigonen 1, 4).
i)
durch einen weiteren zusatz erläutert; neben sogleich: das fällt mir zu schwer, so gleich aus dem stegreife verse zu machen Gottsched deutsche schaubühne 2, 150; (gedächtnis,) das ihm alles nötige ... sogleich aus dem stegreife darreichte Arndt werke 1, 70. ergänzt durch ohne vorbereitung: (man glaubt,) eine heirath müsse man, wie ein bonmot, ohne vorbereitung aus dem stegreif machen J. Paul 6, 32 und in der eile: sie verlangen auch wahrhaftig zu viel, dass das alles so in der eil, ganz aus dem stegereif zu stande kommen soll Tieck 5, 238.
k)
in einer begriffserweiterung (entsprechend oben 1 d β): die besten schauspieler in der welt ... für das aufgeschriebne und für den stegreif haben sie ihres gleichen nicht Shakespeare 3, 217 (Hamlet 2, 2) d. h. stegreifschauspielkunst, die improvisiert.
4)
auch dasselbe wie oben steg an dem beinkleid der männer (steg 2 l): er (der teufel) selbst ging auf Bern als weinhändler, mit stegreifen an den beinen und schnäuzen im gesicht Gotthelf 8, 233; der lächelnde feine mann ... wandelt vor uns über blühende auen und darf über ein wiesenbächlein springen, ohne dasz ihm die stegreife reissen Keller nachgel. schriften 24.
5)
in weiterer zusammensetzung oder ableitung: stegreifdichter, m., entsprechend oben 3 h, zugleich als deutscher ausdruck für improvisator: der stegreifdichter Herder 25, 393; die farceurs und stegreifdichter Böttiger kleine schriften 2, 366; männer, die eifrig einem stegreifdichter zuhören, der mit einem einsaitigen instrumente seine verse begleitet Hoffmann von Fallersleben 7, 371. dazu stegreifdichterei, f., thätigkeit oder erzeugnisz eines stegreifdichters:
einheimisch, wie aller orten
die strassenbettelei,
ist unter Italiens himmel
die stegreifdichterei
Hoffmann von Fallersleben 5, 54.
stegreifereignis, n., ereignisz, das plötzlich und ohne vorboten eintritt: status quo des augenblicks, der sich fortwälzen musz bis zu irgend einem groszen stegreifereignisz, einem entscheidenden zufall Gutzkow werke 9, 107. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1912), Bd. X,II,I (1919), Sp. 1386, Z. 71.

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Zitationshilfe
„stegreif“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/stegreif>, abgerufen am 03.12.2021.

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