stief-
Fundstelle: Lfg. 17 (1937), Bd. X,II,II (1941), Sp. 2767, Z. 41
erstes glied in zusammensetzungen mit den namen der nächsten verwandten, um zu bezeichnen, dasz das verwandtschaftsverhältnis nicht leiblich ist, sondern erst durch wiederverheiratung eines elternteils entstand.
herkunft und form. gemeingermanisch, doch für das got. nicht bezeugt: ahd. steof-, stiuf-, mhd. stief-; altnd. stief-, stēf-, mnd. stēf-, mndl. ndl. stief-; afries. stiap-, stiep-; ags. stéop-, engl. step-; altnord. stjúp-, auch stýp-, norw. dial. styv-, altschwed. stiup-, stiuf-, schwed. styf-. älter dän. stef-, dän. stif beruhen auf entlehnung aus dem mnd. bzw. nhd. häufiger ist jetzt die volksetymologisch von stef- aus gebildete form sted- (zu sted 'stelle'), s. Falk-Torp 2, 1161. — dazu, in selbständigem gebrauch, altnord. stjúpr, m., 'stiefsohn', stjúpa, f., 'stiefmutter'. — in verbindung mit den gewöhnlichen verwandtschaftsbezeichnungen des eltern-, kind- und geschwisterverhältnisses ist stief- in obd., md. und nd. mundarten allgemein. eine ursprüngliche bedeutung 'beraubt, verwaist', eigentlich 'abgestumpft' ist noch überliefert in ags. stéopbearn, stéopcild, 'elternloses, verwaistes kind' (Bosworth-Toller 916ᵃ), sowie in den verbalen ableitungen ags. ástíped, bestíped 'der eltern, der söhne, des himmlischen reiches beraubt' (ebda suppl. 53ᵃ, 85ᵃ), ahd. stiufen, ar-, bistiufen (liberis, filio) orbare, (urbem civibus) viduare' (ahd. gl. 1, 286, 13; 316, 64; 2, 663, 42 u. ö.), frühmhd. dann auch 'der eltern berauben' in werden chint siniu weisen — bestiuftiu 'fiant filii eius orphani' Windberger psalmen 108, 8 Graff. damit stellt sich das urgerm. *steupa- zur wurzel *(s)teub-, *steup- 'schlagen, stoszen', dann 'abhauen, abstoszen, abstumpfen', vgl. altnord. stúfr 'stumpf', stýfa 'abstumpfen, abhauen', mhd. stouf 'becher', eigentlich 'stutzbecher', s. Ehrismann in: beitr. 18, 218 ff., Walde-Pokorny 2, 619, Fick idg. wb.⁴ 497, Falk-Torp 2, 1161. die besondere anwendung von *steupa- auf das verhältnis zwischen dem halbverwaisten kind und seinem durch die wiederverheiratung der mutter oder des vaters neu erworbenen elternteil und die verbindung sowohl mit -kind etc. wie mit -vater etc. gehört dem urgerm. an (s. Schrader reallex. 2², 484); weniger allgemein ist die unter den altgerm. dialekten nur für das ahd. bezeugte übertragung auf das verhältnis zwischen geschwistern aus verschiedenen ehen. hier gelten (im sinne der halben, auf die abkunft von einem gemeinsamen elternteil beschränkten geschwisterschaft) auszerhalb des hd. zunächst nur zss. mit halb-, vgl. altnord. halfbróđir; altfries. halfbroder; mnd. halfsusken; mndl. halfbroeder (neben seltenem stief-), halfsuster; mengl. halfbrōþer (ca. 1300), halfsüster (ca. 1205). über die verbreitung von stief- in entsprechenden verbindungen vgl. s. v. stiefbruder und stiefschwester. das im nd. und ndl. seit ältester zeit im auslaut herrschende -f an stelle des zu erwartenden -p ist wohl nicht als entlehnung aus dem hd. (Sarauw nd. forschungen 1, 362) zu erklären, sondern beruht auf assimilation des ursprünglichen -p an den anlautenden spiranten in -vader und übertragung auf die übrigen fälle, vgl. Lasch mnd. gr. (1914) 153; über ähnliche assimilationsvorgänge in den skand. sprachen vgl. Falk-Torp 2, 1161, Torp 739ᵇ, Hellquist 894ᵃ. nur ganz vereinzelt erscheint im mnd. -p: stiepkindere (ca. 1310) gesch.-qu. d. prov. Sachsen 14, 357 Hertel; über entsprechende formen im mndl. vgl. Verwijs-Verdam 7, 2124. auch die modernen nd. maa. haben durchweg -f, darunter z. b. auch ostfries. stēf- Doornkaat-Koolm. 3, 304ᵇ; vgl. dagegen nordfries. stjipp- Schmidt-Petersen 128ᵃ, stjap- Jensen 575; westfries. stiep- Hettema id. fris. 471. — an stelle des inlautenden diphthongs erscheint spätahd. bisweilen ū, das wohl ü meint, s. Braune ahd. gr. § 49 anm. 1, und auch uo: stufsun ahd. gl. 3, 66, 15 (13. jh.); stuufsun 2, 467, 32 (11. jh.); stuphsun 3, 426, 16 (13. jh.); stuͦfmuͦter 4, 81, 46 (12. jh.). selten später: stuffbruder bei Diefenbach 383ᶜ; stufsun ebda 235ᵃ. — seit der mhd. zeit ist ie gewöhnlich, doch finden sich bis ins 17. jh. dem altobd. iu entsprechende ausweichungen. als ü (vgl. Paul-Gierach mhd. gr. 40) besonders schwäb. und alem., vgl. z. b. stiuftochter (schwäb. 14. jh.) schauspiele d. mittelalt. 1, 152 Mone; stiufsun (1342) urkdb. d. st. Augsburg 1, 376 Meyer; stúffmuͦtter Elsbeth Stagel 101 V.; stuͤffkind Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 115; stüffbrüöderen eidgen. absch. von 1655 bei Staub-Tobler 5, 422. neben gewöhnlichem stief- auch bei Lehman: stüffmütterlein flor. polit. (1662) 3, 161; und bei Luther: stuͤfmuͦter 10, 3, 253 W.als eu, bes. im bair., mundartl. oi, ui entsprechend (s. Schmeller-Fr. 2, 737), z. b. steufmuoter Heinrich v. d. Türlin crone 11600 hs. V; stewfmueter Ulr. Füetrer bayer. chron. 164 Spiller; steufchind Erlauer spiele 104 Kummer (daneben auch stefchinder ebda 103); steufmueter (16. jh.) österr. weist. 9, 786, 42. seltener im schwäb.: steufmuͦter (1332) Hohenl. urkdb. 2, 333 Weller; steuffvatter (Augsb. 1516) städtechron. 25, 49. — seltener als ui: stuiff muoter, stuiff vatter bei Diefenbach 624ᵃ. im schwäb. (vgl. Jutz alem. maa. [1931] 104): stuifsun (Augsb. 15. jh.) städtechron. 22, 1; stuifvatter ebda 22, 151. vereinzelt auch als ei: schwäb. steifbruder Zimmer. chron. 1², 119 B. vgl. steifdochter oberd. vocab. 1462 bei Diefenbach gloss. 235ᵃ. — nd. steifsun, steifdochter (15. jh.) ebda. stief- erscheint zunächst ganz auf die function als compositionsglied beschränkt. in: anus i. stiuf ahd. gl. 2, 470, 31 (zu Prudentius contra Symm. 2, 177) ist als zweites compositionsglied wohl muoter aus matrem (ebda 2, 176) zu ergänzen, vgl. Steinmeyer a. a. o.erst im älternhd. zeigen sich ansätze, stief- aus sonst festen verbindungen zu lösen. so durch anfügung einer flexionsendung: eyn styeffe dochter Diefenbach 235ᵃ; meyne ... stiffe muter stadtb. v. Brüx 129 Schlesinger; meyns stieffs sonsz ... kind Luther 10, 2, 281 W.; ebenso 10, 2, 266 W.in einigen kaum voneinander abhängigen fällen hat die formelhafte verbindung frau mutter (s. teil 6, 2807) die alte zusammensetzung stiefmutter gesprengt: bei seiner stief fraw muetter Zimmer. chr. 3², 55 B.; zu meiner stief fraumutter A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 529; eine stieff fraw mutter Elis.-Charl. v. Orleans br. 400 Menzel.über den vollkommen selbständigen gebrauch von stief als adj. s. unten 4.
bedeutung und gebrauch.
1)
dem deutschen stief- kommt von anfang an die auf das besondere verwandtschaftsverhältnis gerichtete bedeutung als hauptbedeutung zu.
a)
zu den schon ahd. bezeugten zss. stiefvater, -mutter, -sohn, -tochter, -kind, -bruder, -schwester kommt mhd. nur das vereinzelte stiufkneht 'stiefsohn' wahtelmaere 126 bei Wackernagel altdt. leseb. (1859) 973. synonyme nhd. bezeichnungen sind stiefmama, -papa; ferner mundartlich stiefjunge 'stiefsohn', -mädchen 'stieftochter' Hertel Thür. 235; stiefätti 'stiefvater' Staub-Tobler 1, 586, vgl. Frisius dict. (1556) 1394ᵃ. gleichfalls nhd. sind die zusammenfassenden bildungen stiefeltern, stiefgeschwister. — nd. ist stēfmōme, -mōne 'stiefmutter' Schiller-Lübben 4, 396, heute gewöhnlich von stēfmōder verdrängt, s. Schambach Göttingen 208ᵇ, vgl. u. stiefmühmchen.
b)
seit dem älternhd. auch auf auszerhalb des eltern-, kind- und geschwisterverhältnisses liegende verwandtschaftsgrade angewandt, vgl. z. b. stiefgroszvater, -base, -schwieger, -eidam; doch bleibt der gebrauch im verhältnis zu a stets beschränkt.
c)
selten ist die beziehung auf das kebsverhältnis: stif und käbs loco illigitimi quod est Schottel 436; stieff, stiff illegitimus, spurius Aler dict. (1727) 2, 1837ᵃ.
2)
in allen verwendungen zeigt stief- sehr häufig den pejorativen beisinn des lieblos, hart, ungerecht behandelnden bzw. behandelten, bei übertragener verwendung auch mit verallgemeinerung des falschen, bösen, dem rechten entgegengesetzten überhaupt. dieser beisinn ergibt sich sachlich aus der besonderen art des verwandtschaftsverhältnisses; ob er letztlich auf der ursprünglichen bedeutung von *steupa- 'beraubt, verwaist' (s. o. sp. 2767) beruht, ist nicht zu erweisen. ausgehend von dem pejorativen beisinn erscheint stief- nhd., besonders seit dem 17. jh., in poetischer sprache bildlich oder übertragen in freien, auszerhalb der verwandtschaftssphäre stehenden verbindungen mit der bedeutung zunächst 'einem stiefvater u. s. w. im schlechten sinne vergleichbar oder angemessen', häufiger allgemein 'böse, schlecht'.
a)
mit personenbezeichnungen und personificierten abstracten, vgl. z. b. stiefbeherrscher, -glück; ferner: stiefcollege J. B. Michaelis poet. w. (1783) 116; stiefkönig Varnhagen v. Ense tageb. 5, 131; auch stief-Shakespeares 'unwürdige nachfolger Shakespeares' Jean Paul 42 -43, 70 H.
b)
mit abstracten, vgl. z. b. stiefgemüt.
c)
selten mit sachbezeichnungen, vgl.stiefgewächs, -groschen.
3)
in neuerer zeit erscheint stief hin und wieder collectivisch oder abkürzend, als mehr oder weniger selbständiges wort in adject. oder adverb. function, s. auch oben 1 c.
a)
im sinne von stiefverwandt. sprichwörtlich im nd.: ock secht men: steef ys selden leef Nic. Gryse leienbibel (1604) 3, 14ᵇ; so noch Frischbier preusz. wb. 2, 371ᵃ. prädicativ neben dem hilfsverbum sein:
(meine tochter) die mir zwar nur stief ist, aber —
das weisz die ganze stadt — geliebt wie eine eigne
Bauernfeld ges. schr. 1, 167.
so auch in der mundart: vom vater sind wir stief ('halbverschwistert'), von der mutter ist sie stief mit mir Spiesz henneberg. 243; dat is man steef 'nicht leiblich' Dähnert pomm. 458ᵇ. selten flectiert in attrib. gebrauch:
wie gold und silber dort zum spiel mich riefe,
ich hörte wenig nur darauf, ich achtete
sie als geschwister, aber nur als stiefe
Rückert 3, 146.
b)
stiefmütterlich 2 entsprechend, 'hart, grausam':
böses glück, o wehe,
wie behandelst du mich stief,
nicht als kind aus rechter ehe!
Rückert 2, 195;
wie meine mutter lieb ich dich, o Mark!
mag mich die welt mit meinem lieben necken,
du lachst mir hell mit deinen haidestrecken,
die selbst der lenz so stief bedenkt und karg
M. A. Niendorf die Hegler mühle (1861) 30.
vgl. hierzu die zss. stiefgeliebt, -gesinnt, -geworden.
Zitationshilfe
„stief-“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/stief->, abgerufen am 18.11.2019.

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