Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

stilleben, n.

stilleben n.
aus still, adj., und leben, n., seit der 2. hälfte des 18. jhs.; zunächst für das 'stilleben in der malerei' gebraucht (im anschlusz an holl. stilleven, 17. jh., engl. still-life; engl. belege seit 1695 bei Murray 9, 1, 962ᵇ. von da übertragen auf 'idyllisches, zurückgezogenes leben'. den übergang bildet das dichterische stilleben als schilderung idyllischer zustände. bei den belegen des 19. jhs. ist jedoch für die bedeutung 'idyllisches leben' weitgehend mit selbständiger neubildung (ohne anlehnung an das malerische stilleben) zu rechnen; im heutigen sprachbewusztsein ist eigentlich nur das malerische stilleben lebendig. die zeugnisse für 'stilleben in der malerei' beginnen rund 30 jahre früher (1776) als die für das 'idyllische leben' (anf. des 19. jhs.). voraus geht die bezeichnung stilliegende sachen für das malerische stilleben (seit dem anfang des 18. jhs. für holl. stilstaand leven und stilliggend leven, 17. jh.; s. unter stilliegen). Hübner natur-, kunst-, gewerck- u. handlungslex. (1712) hat nur stilliegende sachen; die ausgabe von 1776 fügt hinzu: 'man sagt auch stilleben' (beleg unten 1). Göthe gebraucht 1778 stilliegende sachen, 1795 im 1. buch der 'lehrjahre' stilleben (21, 87 W.), beleg unten 1; in der entsprechenden stelle der 'theatralischen sendung' (1783) fehlt das wort stilleben: so dasz sie (die bücher und gerätschaften) meist eine schöne gruppe machten 51, 59 W. Adelung (1793-1801) kennt stilleben nicht; Campe 4 (1810) 661 führt es an. die ältesten belege (1741, 1746, 1755, mitgeteilt zs. f. dt. wortforsch. 12, 198, übernommen von Kluge-Götze etymol. wb.) sind als wörtliche übersetzungen von engl. still-life noch keine zeugen für das vorhandensein des wortes stilleben und das abhängigkeitsverhältnis der bedeutungen, zumal es zweimal stilles leben und nur einmal stilleben heiszt: die abschilderungen des stillen lebens, welche wir in den beschreibungen Edens, des paradieses ... antreffen zuschauer (1741) 4, 375, stück 321; die leblosen werke der natur, welche ein maler das stille leben heiszen würde mahler der sitten (1746) 1, 29; ich bedaure dich wegen deines stillebens, meine liebe lady Richardson, Grandison 6 (1755) 534.
1)
'stilleben in der malerei', darstellung lebloser, unbeweglicher gegenstände: 'stilliegende sachen werden in der malerey allerhand unbewegliche dinge genannt, als instrumente, früchte, allerhand speisen, blumen u. s. w. man sagt auch stilleben' Joh. Hübner natur-, kunst-, berg-, gewerb. u. handl.-lex. (1776) 2209; stilleben Jacobsson technol. wb. (1793) 7, 455ᵃ; Agnes ... malt thiere und stilleben Chr. Fr. Nicolai reise d. Deutschland (1783) 1, 158; seine bücher und gerätschaften legte und stellte er fast mechanisch so, dasz ein niederländischer mahler gute gruppen zu seinen stillleben hätte herausnehmen können Göthe 21, 87 W. ('lehrjahre'); unsere nation die ... das bürgerliche leben mit eben dem auge ansahe, womit wir jetzt ein flämisches stilleben betrachten (v. j. 1798) J. Möser s. w. (1842) 1, 396; stilleben. todtes wild, blumen, früchtestücke und dergleichen (über die gegenstände d. bildenden kunst, Propyläen 1798) Heinrich Meyer kl. schr. zur kunst 31 dt. lit.-denkm.; das letzte stilleben, das er mahlte, bestand aus geräthschaften, die ihm angehörten Göthe 47, 135 W. (der sammler und die seinigen 1799); er erwartete mich an einer runden tafel, die, mit einem schinken zwischen zwei weingläsern besetzt, wie ein stillleben von de Herem aussah M. A. v. Thümmel reise in d. mittägl. prov. (1791) 7, 254; (Junker), der blumen- und fruchtstücke, stilleben und ruhig beschäftigte personen, nach dem vorgang der Niederländer, sehr reinlich ausführte Göthe 26, 40 W. (1811); jene trefflichen Niederländer, welche solche rein objektive anschauung auf die unbedeutendsten gegenstände richteten und ein dauerndes denkmal ihrer objektivität und geistesruhe im stillleben hinstellten A. Schopenhauer w. 1, 266 Gr.; seine sinnige und beschauliche natur hatte ihn zu darstellungen geführt, welche dem stilleben nahe verwandt erscheinen. der ausdruck seiner bilder war das reine behagen an einer künstlerisch verschönerten häuslichkeit H. Seidel vorstadtgesch. (1880) 29; von da auf die dichtung übertragen für eine schilderung idyllischen lebens in worten: sie (die persischen dichter) haben poetische stilleben, die sich den besten niederländischen künstlern an die seite setzen Göthe 7, 74 W. (1818); das beschreibgedicht ... stellt ein teilchen schauplatz dar ... es ist das poetische stilleben Jean Paul s. w. 42, 149 Reimer; die lyrik ... vermeidet das häszliche und die karrikatur, aber nicht die landschaft, das stilleben, das gemüthliche genrebild Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 54; Jean Paul, in ich weisz nicht welchem seiner humoristischen stillleben, segnet das andenken des braven mannes, der die schulferien erfand Holtei erz. schr. 12, 21; die worte des alten mannes hörten sich an wie ein rieselndes wasser; ein stilleben nach dem andern entfaltete sich aus diesen milden reden Storm w. (1899) 1, 104. auch musikalisch: sie (die sonate) ist ... ein musikalisches stilleben R. Schumann ges. schr. (1854) 1, 148.
2)
'stilles, eingezogenes, idyllisches leben', seit dem beginn des 19. jhs. zunächst in mehr oder weniger engem anschlusz an das malerische stilleben, also ein ruhiges, unbewegtes leben, wie es die maler in ihren stilleben darstellen. je weiter sich der gebrauch von 1 entfernt, um so mehr besteht die wahrscheinlichkeit, dasz es sich um selbständige bildungen handelt (s. besonders die belege unter 2 c), die neu aus dem bedeutungsinhalt von still, adj., und leben schöpfen.
a)
vom häuslichen, zurückgezogenen, idyllischen leben im gegensatz zum bewegten leben der welt und öffentlichkeit (zu still, adj., B 1 d-g). zum teil deutliche anlehnung an das malerische stilleben, zum gröszeren teil schon hier selbständige bildungen: es wird gut sein, wenn du dich künftig ... schriftlich und mündlich so äuszerst, dasz sie sehen, du habest den willen und die fähigkeit, ein eheliches stilleleben zu führen Fr. Creuzer an Caroline v. Günderode (1805) in: die liebe der Günderode 154 Preisendanz; dann kommen gleich das sopha, ein buch, in dem wenig gelesen wird, das helle kaminfeuer, mein freund und ein paar schöne melancholien in meinem kopfe zusammen und bilden so etwas mehr als ein stilleben, man könnte es ein halblautes, flüsterndes leben nennen Sophie Mereau kalathiskos (1801) 172; der junge maler, von dem stilleben dieser szene wohlthuend angeregt K. Gutzkow ritter v. geiste¹ 1, 27; süszes heimliches stillleben! in dir spurlos unterzutauchen, zu entschwinden dem auge der welt Gaudy s. w. (1844) 17, 9; aber vergessen sie nicht, dasz der ring, welcher sie zu meiner verlobten gemacht hat, auch mir noch andere träume als die eines idyllischen stillebens an ihrer seite wachruft G. Freytag ges. w. (1886) 13, 206; es ist ein anderer ton, worin das still-leben und ein anderer, worin der weltgang gehalten ist Hebbel br. 2, 115 Werner; mir sind die thränen fast nah, wenn ich an das ländliche stilleben mit dir und zubehör (kinder und schwiegereltern) denke Bismarck br. a. s. braut u. gattin (1900) 269.
b)
vom zurückgezogenen, geistiger, beschaulicher tätigkeit gewidmeten leben; häufig religiös als kontemplatives leben: die übrigen schriftsteller, welche die lehre des stilllebens und der selbstbeschauung in ihren schriften predigten Schlosser weltgesch. (1815) 9, 423; Treuttel und Wirz verlegen sich in ihrem hiesigen winkel auf ein sedates stillleben Görres ges. br. (1858) 3, 127; seinen (des lehramts) anforderungen zu genügen, haben wir acht jahre gestrebt, wenn nicht ohne sehnsucht nach dem vorausgegangenen stilleben (der Kasseler bibliothekarsjahre) J. Grimm kl. schr. 1, 28; in diesem stilleben, in dieser einsiedlerischen einsamkeit des geistes beschäftigten wir uns damit Hegel w. (1832) 7, 2, 80; die Mennoniten mit ihrem specifisch religiösen stilleben sind überall wahre musterbauern W. H. Riehl naturgesch. d. volkes (1851) 2, 84.
c)
ohne den idyllischen unterton, 'untätiges, engbegrenztes leben', besonders im öffentlichen und politischen bereich; häufig tadelnd: so sehr in dem letzten jahrzehnt Friedrich Wilhelms III. Preuszen politisch reaktionärem stilleben verfiel: die oberfläche deckte doch eine wachsende gärung H. Prutz preusz. gesch. (1900) 4, 177; denn die Schweizer haben ihr achtbares stilleben für sich, sind für deutsche interessen todt Dahlmann in: briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 2, 348; in Deutschland, dem lande ohne kolonien und fast ohne welthandel, geschah nichts dergleichen; die nation und ihre regierungen blickten noch kaum hinaus über die armselige beschränktheit ihres binnenländischen stillebens Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 2, 76.
d)
selten und kaum noch in anlehnung an den übrigen gebrauch vom ruhigen (auch schweigenden) leben der natur: der könig (widmete) auch dem anspruchslosen stilleben dieser seltenen und mannichfaltigen pflanzenwelt neigung und aufmerksamkeit Göthe 41, 1, 333 W.; die nicht an den boden gefesselten thiere ... contrastieren mit dem stilleben der schweigsamen pflanzen A. v. Humboldt kosmos (1845) 2, 37; bei den thieren, welche nicht an den boden gebannt, neben voller freiheit der bewegung, die gewalt der stimme haben, und zur seite des menschen als mitthätige geschöpfe in dem stilleben einer gleichsam leidenden pflanzenwelt auftreten Jac. Grimm Reinhart fuchs (1834) vorr. 1; (die rohrdommel) geht gegen aufgang der sonne wieder in ein stilleben (über) Naumann naturgesch. d. vögel (1822) 9, 176; (die sternwürmer) werden ... ihres stillebens halber ... übersehen Brehm tierleben 10, 106 P.-L.; vor dem stilleben der nacht, wenn das leben von ihrem flor bezogen leiser tönt Jean Paul w. 15/18, 346 Hempel; bei warmer beleuchtung haben diese stilleben der natur etwas wunderbar gemüthliches O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 609.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 19 (1940), Bd. X,II,II (1941), Sp. 3006, Z. 51.

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