storch m.
Fundstelle: Lfg. 3 (1921), Bd. X,III (1957), Sp. 364, Z. 21
ciconia, ahd. storh, storah (storich, storoch, storuch) Graff 6, 721 (die zahlreichen glossenbelege bei Suolahti 368), mhd. storch, storche, storc, storke, ags. storc (engl. stork), mnd. stork (holl. stork), anord. storkr (schwed.-dän.-norw. stork). lehnwort aus dem germ. korn. storc, aslav. strŭkŭ, lit. starkus, lett. starks (einheimische namen sind dort kambrisch gwibon — lit. gañdras, dieses wieder ein anderes lehnwort aus dem germ.: '[wild]gänserich', vgl. auch prov. gante 'wilde gans, storch').
a)
storck, storcke, ibis Diefenbach gloss. 283ᵇ; storch, storg (Eltviler vocab. v. 1472), storch, stork, ilio 285ᶜ (voc. theut. v. 1482); rostrisona 500ᶜ (ebenda); storck, ciconia Alberus (1540) u 4ᵃ. — die nebenform stork ( Luther) ist obd.-md.-ndd. gleicherweis nachzuweisen; im md. hat sie aller wahrscheinlichkeit nach an verbreitung eingebüszt (vgl. noch ein storck Casseler ztg. 1731 s. 280); bayr. der stork, des storken Schmeller² 2, 782 (neben storch [starch], des storchen 2, 781); elsäss. storch (storich, storech) neben stork (storik) Martin-Lienhart 2, 613ᵃ. die schon mhd. (vgl. Müller-Zarncke 2, 2, 659ᵇ; Lexer 2, 1213) stärker geltende form storch wird bevorzugt von der Zürcher bibel, Hans Sachs, P. Gerhardt, Hoffmannswaldau, S. v. Birken, Schottel und hat trotz Luther in der schriftsprache die vorhand gewonnen.noch zur flexion: des storcken (nom. der storck) Fischart Gargantua; acc. den storcken S. Franck; plur. die storcken Stumpf, Guarinonius.gen. sing. des storchen Morhof; plur. die storchen (neben die störche) Abr. a S. Clara und so noch heute oberd.der umgelautete plural die störck S. Brant; mit den störcken Carbach, Waldis, Fischart, S. Franck; störche Prätorius, S. v. Birken, Abr. a S. Clara (Kramer) und seitdem in der schriftsprache — (gött.-grubenh. störke [sing. stork] Schambach; sächs. sterche, stärche, stärch, štiirc Müller-Fraureuth 2, 569ᵃ; els. meist ohne umlaut, doch auch sterk, sterik, sterich Martin-Lienhart).
b)
ein kosendes deminut. ist ostfries. störke, störk, stürke, stürk (neben stork) ten Doornkaat-Koolman 3, 829ᵇ.
c)
über die herleitung des wortes wenig gesichertes; aus idg. *str̥go zur wz. *sterg 'steif sein' (vgl. got. gastaúrknan 'erstarren, vertrocknen', isl. partic. storkinn, norw. storken 'geronnen') mit rücksicht auf seinen steifbeinigen gang. doch läszt sich bayr. stork 'fischerstange' und storch 'penis' (s. unten 8) als vermuthlich jüngere übertragungen unseres wortes für die etymol. erklärung kaum nutzen.zu erwähnen noch die liebenswürdige vermuthung von W. Wackernagel: zu griech. στέργειν 'lieben' nach der liebe des vogels zu seinen jungen (s. unten 4) kl. schr. 3, 190. — auszerhalb des germ. wird griech. τόργος 'geier' (überhaupt 'groszer vogel' und als τόργος ὑγρόφοιτος sogar 'der schwan') verglichen: ein im hinblick auf seine unsichere bedeutung nicht den eindruck groszer bodenständigkeit machendes wort. unser vogel heiszt griech. πελαργός (aus πελός ἀργός 'schwarzweisz') seit Aristophanes; lat. ci-cônia wird mit rücksicht auf das pränestinische cônia zu germ. hôn (nhd. huhn) zu stellen sein.
d)
ein alter cultischer name des vogels ist adebar (th. 1 sp. 176), der, in seiner verbreitung wechselnd, auch in neuerer zeit noch nicht auf das ndd. beschränkt ist, vgl. oberhess. iwwerch, iwwerich neben ulwer Crecelius 1, 16 (nass. metath. urwel Kehrein 419); auf der Fronhäuser heide bei Marburg der name Udeahrsnest Pfister 200 und Uddemarsche als name der besitzerin eines bauernhauses in Holzhausen, auf dem der storch seit undenklichen zeiten genistet habe (ebenda); sogar bis nach Schwaben, wo aiper (aebər) als ein auf den Fildern noch bekanntes wort, jedoch orts- und flurnamen (Aiperthal u. s. w.) die ehemalige weitere verbreitung des wortes erweisen Fischer 1, 121. — die ahd. glossenbelege (von Suolahti 369 zusammengestellt) lassen über die damalige verbreitung des wortes nur unsicheren schlusz zu. auszerhalb des ndd. erscheint es wirklich lebendig nur im mittelfr. (bzw. moselfr.) Konrad v. Megenberg spricht es dem bayr. geradezu ab: ciconia haiʒt ein storch und haiʒt in ander däutsch ein ödbär (var. ötbär, üdeber) 175, doch auch das beweist nicht über seine zeit hinaus.wahrhaft und ohne unterbrechung heimisch ist das wort in Niederdeutschland (u. angrenz. gebieten): preusz. adebâr, hadebâr (ad'bor) Frischbier 1, 16 (samländisch für schtorch gewöhnlich haͦdebaͦa Fischer 87ᵇ); pomm. adebahr Micrälius Pommerland 6, 395; mecklenb. aodabar ndd. korrespbl. 16, 84; lübeck. adebor 16, 82; altmärk. aodebaor, edebaor, odebarr Danneil 7; ostfries. âbar, âdebar, hâdebar, hâdbar, vgl. odebare, ciconia Diefenbach gloss. 117ᶜ; ndl. odevare (gloss. 14. jahrh.), oudevaar (ouwevaar, ooievaar), westschlesw. aarbar Johansen nordfries. spr. 3; nordfries. âribâr (ebenda), arrebarre, earrebarre Dijkstra 316; oideber, ciconia Diefenbach gloss. 117ᶜ (gemma gemmarum); clev. oedber, oedver (theuton. v. 1475), edebar, ciconia Diefenbach a. a. o.; edebeer, edebere (voc. v. j. 1420), edebar, edeber, ibis (gloss. 283ᵇ), vgl.: de arn, de swalen unde de stork efte edeber, de weten wol ore tyd orer tokumpst epistola Samuelis (Schiller-Lübben 4, 414ᵇ); weiterhin lübeck. ebeer ndd. korrespbl. 16, 82; in der grafsch. Ranzau ebêr 17, 2; in Göttingen-Grubenhagen êbëre, êbër (für das sonst gewöhnlich verwendete stork) ausdrücklich nur in seiner eigenschaft als kinderbringer (zur einkleidung des verbots für kinder, einen stall zu betreten; dâ drafst du nich rin, dâ sit de êbëre inne; de êbëre het dat kalf ebrocht Schambach 53ᵃ). dazu in Groningen aiber, eiber (in Geldern uiver) Molema 3 und weitentlegen schwäb. aiber (s. oben). — zusammensetzungen von selbständigem werth sind kaum braunschweig. heilebart (th. 4, 2 sp. 823), altmärk. heilebaor Danneil a. a. o.; heiluiver (Geldern) Molema a. a. o.; doch vgl.: die Sachsen (Niedersachsen) nennen ihn heilbot, darumb das er den sommer verkündiget. etliche auch adebar und adeveer, welches ein flamisch wort ist. es nennen die Fleminger den storch oudevaer, das ist altvater, darumb das man die kinder beredet, er bringe ihnen die jungen brüder und schwestern, wie er sie unter den fröschen im wasser auslieset Rollenhagen indian. reise 249 und heilebate, ciconia Diefenbach gloss. 117ᶜ; doch als deutliche verderbnisz aus adebar priegn. alebar Campe.in der umgestaltung zum personennamen Otjebâr (in der grafsch. Ranzau) ndd. korrespbl. 17, 2 (in Holstein Ottebar), vgl. mhd. otbär (otfer meister Altswert 71, 3). dann weiter aufgesogen von altmärk. Heinotter, Hannotter Danneil a. a. o. (der erste theil Heini, koseform von Heinrich); so hat denn unser wort überhaupt als personennamen erklärt Kauffmann altertumsk. 1, 41 anm., was aber angesichts der unbestreitbaren beziehungen zum cultus nur wenig befriedigt (schwierigkeit der erklärung des ersten wortbestandtheiles; der zweite wohl bëro, boro 'träger' zu bëran, verb., s. weiteres Jac. Grimm mythol.⁴ 2, 560 u. kl. schr. 3, 147, dazu Suolahti 370). — eine an ahd. elbiʒ (albiʒ aus *albit-i) 'schwan' angeglichene spielform scheint der neben storck von Schwenckfeld verzeichnete name elbiger (theriotr. Silesiae [1603] 234, wobei aber zweifelhaft, ob es sich hier wirklich um ein schlesisches wort handelt); kaum umgestaltet aus dem schon verderbten eyn ebeher als sächs. bei Turner (1544) C 7ᵃ und danach ebeher (saxonice) Gesner hist. avium (1555) 251, vgl. Suolahti 369; schon storcken oder öbiger H. Brunschwig das buch der rechten kunst zu destilieren (1500) 99ᵇ.
e)
ob der mythologisch belangreiche name uttenschwalbe (schon in spätahd. glossaren von Wien, Zwettl und Admont als verdeutschung von fulica 'bläszhuhn', vgl. Suolahti 372) wirklich den schwarzstorch 'ciconia nigra' bezeichnet, musz zweifelhaft bleiben, vgl. die beschreibung: der uttenschwalb ist ein seltsamer vogel, in disem land find man zu zeiten umb die Tonaw, in eins reigers grösze, rot füsze und schnabel, auch ein roten fleck an der brust, sonst schwartz, man malet ihn gemeinlich in eins schwannen gestalt, auszer der farb Wig. Hund bayr. stammenbuch 2, 132; eher würde, ohne die nordischen belege (s. unten) auf grund dieser bemerkung an den merkwürdigen waldraben (th. 13 sp. 1179f.; Suolahti 373) zu denken sein, eine in Europa ausgestorbene, doch in Afrika noch vorkommende ibisart; der bericht über uͦtenschwalb bei Gesner hist. avium (1555) 12 hilft auch nicht zur näheren bestimmung. wörterb. und gloss. vervollständigen die verwirrung: storch steht gleicherweis für 'ciconia' und 'ibis' Diefenbach gloss. 117ᶜ; 283ᵇ; nov. gloss. 89ᵃ; 208ᵃ, dazu Suolahti 368; doch scheint 'ibis' auch hier zunächst auf den schwarzstorch zu beziehen sein, wie später noch, vgl. ein schwartzer storch, so etwan in den Alpgebirgen gefangen wird, ibis Dentzler 1, 346ᵃ; in Gothland (Südschweden) aber heiszt der schwarze storch oden(s) svala 'Odins schwalbe' (bei Gesner als dänisch und sonst onschwal) Suolahti 373; dazu sucht K. v. d. Steinen mit seinem an primitiven kunstformen geschulten blick in dem verbreiteten hakenkreuz (swastika) die stilisierte darstellung eines fliegenden storchs, sich wechselseitig stützend mit der behauptung eines zusammenhanges dieser heilrune mit Wodan-Odin (Wimmer runenschr. 341).
f)
der storch in der uns hier besonders angehenden art 'ciconia alba' gehört nicht zur urlandschaft; er ist der begleiter menschlicher cultur und mehr in der gesellschaft einer ackerbautreibenden, denn einer jägerischen bevölkerung zu denken.
bedeutung: (naturwissenschaftlich) die familie der in allen erdtheilen anzutreffenden 'ciconiidae'; in der deutschen landschaft der weisze storch (ciconia alba) und der die menschliche gesellschaft mehr fliehende schwarze storch (ciconia nigra, schwarzstorch oder waldstorch th. 13, 1 sp. 1197); der erstere aber steht als hausstorch beherrschend in den belegen aus unserem schriftthum.
1)
der storch als zugvogel: vögel, die mit den störcken in dem glentzen kommen, und gegen den winter wider hinweg fliehen Carbach Livius 53 (Fr. L. Jahn 2, 475); wanderungen der störche Krünitz 174, 568; und die schwalben und die störche und die anderen zugvögel gehen im herbste von uns fort Stifter 3, 290 (Hey fabeln 56; Schneckenburger deutsche lieder 70); vergleichsweise: dann musz ich thun, wie die störche von Aquileja, als Attila die stadt belegt hatte und auf ihre mauern stürmte, ich musz meine flügel schwingen und in ein anders germanisches land fliegen E. M. Arndt für und an seine lieben Deutschen 2, 64; die wandernden völker zogen wie die störche und nach dem naturtriebe der andern zugvögel Görres ges. schr. 4, 190; in sprichwörtlicher nutzung: es ist nimmer gut der letzt sein, dann under den storcken, welcher am letzten in Asia ankompt, den zerreiszen die andern Gargantua 359 (36) neudr.;
ängstig und eilend flohn wandernde störche vorbei
Hölderlin 1, 155 Litzmann;
(die meinung) als wenn unsere frühlingsherolde, sonderlich die störche aus denen warmen ... landen wieder zu uns kämen Prätorius winterflucht der sommervögel (1678) A 2ᵃ (vorrede); in der bauernregel: umb des Peter stuͦl fest (22. februar) suchen die storcken ir nest, und kompt von schwalben der rest Fischart aller praktik groszmutter 17 neudr. (Hohberg georgica 1, 110; Hebel 2, 15 Behaghel); als späterer termin der Gertrudentag (17. märz):
Gertraut bringt uns den storch herein
Hans Sachs 4, 269 Keller;
de storch bringt den quêkstert (die bachstelze, motacilla) op em zâgel möt (beide vögel kehren gleichzeitig zurück) Frischbier sprichw. 2, 175;
die schwalbe bringt den lentz, die störche warme tage
Günther gedichte 581;
der storch ist widerkommen Ringwald christl. warnung M 7ᵃ; niemand merket, dasz die storche kommen: sondern sihet, dasz sie gekommen seyn Treuer deutscher Dädalus 1, 78 (Brentano Godwi 2, 10);
bald wird storch und schwalbe kommen
Grob dichter. versuchgabe (1678) 132;
der entwichnen störche heer
kommt in rotten über meer
Erlach volkslieder der Deutschen 3, 395;
die sonne scheint, der sommer ist nah;
nun sind auch wir störche wieder da!
Hey fabeln 57;
der erste storch auf der wiese Göthe IV 25, 2 Weim.;
die schwalbe weisz ihre zeit,
der storch weisz seine zeit,
Rollenhagen Froschmeuseler A 8ᵇ (nach Jeremias 8, 7)
(Hartmann fluchspiegel 9; Aitinger jagd- und weidbüchlein 59).
a)
als ausdruck für den nimmertag (th. 7 sp. 851, auch sanct Nimmers tag sp. 848, nimmermehrstag sp. 850), ad calendas Graecas: zuͦ s. Martin, wann die stoͤrck kommen S. Franck sprüchwörter (1545) 1, 34ᵇ; zu weynachten in der schnitternde: zu s. Mertenstag, wenn die störche kommen Prätorius saturnalia (1663) 327; auf Martini, wann die störche kommen Kramer (1702) 2, 985ᵃ.
b)
seine von den naturforschern immer wieder hervorgehobene seltenheit in England dient zum vergleich: die störche und kraniche können kaum so rar in England seyn, als die louisdor bey ihm Lichtenberg aphorismen 3, 159; auch: er ist wie ein storch in England 'ein seltener gast', dann auch 'ein weiszer rabe'.
2)
sein gebahren in der landschaft:
a)
sein wundervoller flug: schwalben und tauben und störche tummelten sich in frohlockender verwirrung untereinander Hölderlin 2, 106 Litzmann; bei hoher sommerluft schweben fortwährend störche über der stadt Storm 2, 3;
da kam ein storch geflogen hoch
Hans Sachs 5, 84 Keller.
b)
sein gravitätischer gang (bei der nahrungssuche in wiese und bruch, doch auch sonst) macht den eindruck der hochbeinigkeit besonders rege: aber ein langbeiniger storch promenirte eben am wege Musäus volksmärchen 1, 15; ein storch schreitet vorsichtig über das moor Willib. Alexis hosen des herrn von Bredow 1, 2; (sie sahen) einen storchen ernsthaft auf und abgehen Hauff 4, 17; aus einem der seitengänge kam ein purpurfarbener storch gravitätisch, wie ein haushofmeister, hervorgeschritten ..., und stapfte dann als führer vor uns her Gaudy werke 13, 29; überall (auf den wiesen) stelzten die störche umher Löns dahinten in der haide 64;
der storch durchs ried hochbeinig stelzt
Geibel 4, 27;
der storch ..., nicht weit vom wege,
steigt in der wiese auf und ab
und spricht verdrieszlich plapperapapp!
W. Busch kritik des herzens 28.
der vergleich mit menschlicher art zu gehen drängt stark sich auf (so täuscht er den liebenden):
es gehet ein storch auf gener wissen,
es ist kein storch, es ist mein lieb
bergreihen 70 neudr.
im ausgesprochenen sprichwörtlichen vergleich: er geht hochbeinig wie ein storch Krünitz 174, 582; er geht hoch einher, wie der storch Eiselein 580; er geht daher wie der storch im salat Körte 429.
α)
in der ruhe ist seine langbeinigkeit fast noch eindrucksvoller: auf der hohen schloszmauer drauszen stand ein storch, wie eine vedette, den ganzen tag auf einem bein Eichendorff 3, 303; sieh doch den tümpel an, wo der storch steht Fontane I 5, 174 (Fleming teutscher jäger 269; Mörike 1, 34); deshalb im kinderlied:
störke! störke! langebên,
steist dâr up dîn êne bên,
hest ôk rode strümpen an,
geist je als 'n edelman
kinderreim bei ten Doornkaat Koolman 3, 329ᵇ;
deshalb in sprichwörtlicher rede: ja sie wissen noch nicht so vil als die storcken, auf welchem fusz sie stahn müssen Fischart bienenkorb 92ᵇ;
lasset ... ihn beym storch zur schule gehn.
der lehrt ihn rechts und links auf einem beine stehn
Pfeffel poet. versuche 2, 115.
im vergleich: er steht wie ein storch auf einem bein Frischbier sprichw. 2, 173; so ging es gewaltig rückwärts mit ihnen, und ehe zehn jahre vorüber, steckten sie beide von grund aus in schulden und standen wie die störche auf einem beine auf der schwelle ihrer besitztümer, von der jeder lufthauch sie herunterwehte G. Keller 4, 90.
β)
so ist er denn der rechte gevatter langbein (s. auch th. 6 sp. 161) für grosz und klein, und in allen variationen singt das kinderlied:
storch, storch, steiner
hast so lange beiner
(Eichendorff 3, 456).
sogar als gesang der teufelchen:
storch, storch, stöckerbein,
kehr bei meiner groszmutter ein!
triffst du sie zu hause,
lasz dich von ihr lause
W. Busch Eduards traum 80.
deshalb der lange storch:
unsere kirchenbäume blühn,
und der tulipan;
und die langen störche ziehn.
alles lacht mich an
C. A. Overbeck verm. ged. 202 (mailied);
vgl.:
die zarte nachtigall
bezwingt und übertrifft durch ihren holden schall
den allerlängsten storch
Hoffmannswaldau auserles. ged. 6, 12.
freilich ist hier der lange hals mit einbegriffen:
hat wälscher hahn an seinem kropf,
storch an dem langhals freude
Göthe 3, 240 Weim.;
so schweben im herbste
zwiefach geordnete schaaren der langgehalseten störche
Stolberg 3, 323.
doch die reflexion des kinderliedes haftet nicht an ihm; langhals ist vielmehr name anderer vogelarten, so besonders der schlangenhalsvogel (plotus, s. th. 6 sp. 174), und mit den störchen im prozesse (im streite) liegen heiszt 'dünne beine ohne waden haben' Adelung ( Campe).
c)
sein nestbau gewöhnlich auf der spitze eines baumes oder, besonders nahe den menschen, auf dem first eines daches, auf einem thurm u. s. w.: dann das ein storck mehr kunst braucht zu seinem nest dann ein tauben Paracelsus opera 2, 328;
die glucke führt ihr völklein aus,
der storch baut und bewohnt sein haus
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 398ᵃ. —
dasz der storch auf den tannen sein herberg habe Zürcher bibel (1531) ps. 103; ach kindisch und alber reden sie vom hymel, auf das sie Christo einen ort droben ym hymel machen, wie der storck ein nest auf eym baum Luther 26, 422 Weim. — störche nisten auf der thurmspitze des thores Arnim 12, 240; der storch nistete auf der dachfirste vom herrenhause Willibald Alexis hosen des herrn von Bredow 1, 103;
der storch, der sich von frosch und wurm
an unserm teiche nähret,
was nistet er auf dem kirchenthurm ...,
Göthe 4, 149 Weim.;
des kirchthurms giebelspitze,
wo der storch auf hohem sitze
friedlich seine jungen heckt
Salis gedichte (1793) 99;
vgl.: haus, dar auf die zwên störch stên Tucher baumeisterb. 194, 14. — sprichwörtlich: lasz den storch in seinem neste zufrieden! Coler bei Eiselein 580, d. h. 'kümmere dich um deine eigenen angelegenheiten'. — das ökonomische gefühl, welches ihn die alte niststatt wieder aufsuchen läszt (vocabula rei numariae [1552] E 5ᵃ; Gutzkow ritter vom geiste 7, 478) verhilft zu dem beiwort der wirtschaftliche storch maler Müller 1, 26.
d)
der storch klappert (mit dem schnabel) als ausdruck seines wohlbehagens Schottel (1663) 60; Kramer dict. 2 (1702), 985ᵃ, deshalb auch klapperstorch (th. 5 sp. 977, kleppner und kneppner in der Mark Adelung; knepper in der Uckermark Kosegarten 1, 102) und maulstorch (th. 6 sp. 1809): die storchen klappern Abraham a S. Clara Judas 1, 35;
es klappern, und bappern, und blappern
schlankbeinichte störche
S. v. Birken fortsetzung der Pegnitzschäferey (1645) 35;
mit frohem geklapper
hebt sich der storch vom dornichten nest
Zachariä bei Campe
nun singet die steigende lerche,
nun klappern die reisenden störche,
nun schwatzet der gaukelnde staar
Hagedorn poet. w. 3, 146 (der may);
da klappern die störche im lustigsten ton,
sie nicken, und knixen und fliegen davon
Mörike 1, 34;
ein zweiter fragte den müller, ob er wisse, warum die störche auf keiner mühle ihr nest bauen? der müller sagte: nun, ja weil die klappernden störche die klappernden mühlen nicht leiden mögen Aurbacher volksbüchlein 187; sprichwörtlich: lasse die störche klappern ... dann das ist ihr gesang Abraham a S. Clara etwas für alle 2, 210. — vergleichsweise: klappern wie ein storch, cioccare; far' il verso della cicogna Kramer dict. 2 (1702), 985ᵃ; mit seinen klappernden zähnen mer eynem storch (gleichen) dann menschen Arigo 499; (sie) kütterten und schnatterten wie die storcken auf dem schornstein zusamen Gargantua (14) 202 neudr.; und ob er schon ein doctor ist, so singt er sein gesang wie der storck Paracelsus opera 2, 229; vgl.
durch die gassen klappern die knaben,
wie die störck lang schnäbel haben
Burkard Waldis das päpstisch reich (1555) Ll 1ᵃ.
besonders zum ausdruck der selbstgefälligkeit: villeicht höret er sich selbs so gerne reden, wie der storck seyn klappern Luther 18, 101 Weim.; aber ich mus hie seines filzichten, feindseligen deutsches brauchen, welchs yhm doch viel bas gefellet denn dem storcke sein klappern, wie wol einer schwitzen möcht, ehe ers versteht 26, 282 Weim.;
viel können weidlich schwetzen, und kützeln sich damit,
thun sich darob ergetzen, gleich ist des storchen sitt,
der bald die flügel schwinget, wenn ihm der schnabel geht,
meynt dasz er lieblich singet, weil er so hohe steht
Morhof unterricht (1682) 1, 393.
e)
seine nahrungssuche: sy ir narung aus der rieffe des wassers gewinen als storchen problemata Arestotilis 8ᵃ; ain storck yszt schlangen Eberlin v. Günzburg 2, 5 neudr. (Lohenstein Arminius 2, 1463ᵃ); wenn der storch keine frösche ... nieder machte, wo wolten wir in der welt vor dem ungeziefer bleiben? Chr. Weise politischer redner (1677) 69; (eine pfütze,) darinnen nichts als frösche, kröten und wasserkäfer sich aufhalten, welche ob sie schon den störchen zur täglichen nahrung dienen ... vernünft. tadlerinnen 1, 227;
der storch sich vom unzyfer nert
Hans Sachs 1, 381 Keller;
der storch fleugt an den bach
und sucht die schlangen auf und geht den fröschen nach
Rachel satyr. ged. 43 neudr.;
deshalb die schlangenbegierigen störche Triller poet. betrachtungen 1, 495 und sprichwörtlich: wo frösche sind, da giebt es auch störche Krünitz 15, 171, und wo die storcken wonhaft, allda bleiben keine ögdechsen Guarinonius grewel der verwüstung (1660) 120 (Schiltberger reisebuch 60); zum ausdruck des flüchtigeiligen vgl.: wie eine uhtze für dem storch ins wasser scheuszt Pape bettel- und garteteuffel (1586) N 8.
α)
der vorgang im einzelnen:
als sie aber auch name war,
wie ael und schlangen kamen dar,
welch die lachjunghern verzuckten,
auch störk die ganze kröpf voll schluckten,
und das sie mochten wenden nitt
kein straichlin, würflin, oder tritt
Fischart ehzuchtbüchl. 165, 32 Hauffen;
vgl.:
im hals laufft sy (die zunge) mir umb und gorgk;
schluck hin und här glych wie ein storck,
eh ich etwas zuͦ worten bring
Val. Boltz in schweiz. schausp. d. 16. jahrh. 2, 139.
β)
im kreise der thierfabel: so die frösche krieg führen, ist den störchen eine gute mahlzeit geschafft Willib. Alexis Roland von Berlin 1, 157; besonders sein königthum über die frösche auf grund der Äsopischen fabel (die mit der herrschaft des klotzes unzufriedenen frösche erhalten zu seinem nachfolger den storch) Steinhöwel Äsop 11; Alberus fabeln (5) 29 neudr.; in mannigfacher anwendung auf menschen, denen es zu wohl ging, und die durch eigene schuld nun schlimmer gebettet werden: haben nit die frösch den ... ploch alweg veracht; die zwackende störck geehrt und angbet? S. Franck sprüchwörter (1541) 2, 27ᵇ; wüllend die frösch den hültzen plock nit, so wil ich den storcken über sie lassen chronic. (1538) 244 (Zinkgref apophthegmata 73; M. I. Schmidt geschichte der Deutschen 4, 296; Ranke werke 1, 64); und wie die frösche vorzeiten auch nicht mochten den klotz zum herrn leiden, kriegten sie den storck dafür Fronsperger kriegsbuch 1, K 3ᵇ; wollen die frösche den frommen block nit haben, so musz man den storch über sie schicken, der sie züchtige Birken ostländischer lorbeerhayn (1657) 144;
ein klotz ist immer der beste monarch,
das zeigt Äsop in der fabel;
er friszt uns armen frösche nicht,
wie der storch mit dem langen schnabel
Heine 2, 212 Elster;
solt inen auf der letzt wol ihr Messias gerahten, wie den esopischen fröschen ir könig, der storck Ayrer processus juris 637; wann die frösch den storcken, die tauben den habich ... zum beschirmer erwehlen, so ist es zeit, dasz ein jedes seiner haut warnehme Zinkgref teutscher nation weisheit 3, 71 (Lehmann florilegium politicum 1, 83);
wir haben gar ein bösen hern,
der friszt die armen meuszlin gern,
und helt uns meusz in solcher hut,
gleich wie der storck den fröschen thut
Alberus fabeln (49) 214 neudr.
in der kürze des sprichworts: frösche wöllen störcke haben Kirchhof militaris disciplina (1602) 218; deshalb: die wellt ist zuͦ bösse und nicht wert, das sie viel kluͦger und frumer fursten haben solt. frösch müssen storck haben Luther 11, 268 Weim. (vgl.: quisque facit quod vult, quia ranae non habent storchen 28, 644 Weim.; es mangelt, dasz die frösche nicht störche zu königen haben Aurifaber ebenda);
frösch müssen einen storcken haben,
räubisch nachtraben, die galgnraben
Fischart flöhatz 35 neudr.
3)
unter dem luxusgeflügel auf den edelhöfen (M. Heyne hausaltert. 2, 195; leges Alemannorum 30, 4) und so noch heute auf anspruchsvollen geflügelhöfen als 'hofmeister'. — speiseverbote der kirche auf grund biblischer vorschrift: und disz söllend ir schüchen under den vöglen ... den storch Zürcher bibel (1531) 3. Mos. 11 (bei Luther: die fledermaus, die rordomel, den storck, den reiger ... das soll euch ein scheu sein 1, 227, 19) stimmen durchaus zur anschauung des deutschen mittelalters, welches den storch nicht nur wegen der ungenieszbarkeit seines fleisches, noch mehr aus jener unter 4 hervorgehobenen abergläubischen verehrung schonte (Schmidt geschichte der Deutschen 1, 6; M. Heyne hausaltert. 2, 244) — scherzhaft als leckerbissen aufgezählt: mit zwoen schüsseln ... mit ... biber, storcken, ohn das hinder loch, darinn der frösch hinder viertheil unverdäuet ligen Gargantua 58 neudr.bildlich-symbolisch:
vier wydlein vögel gerad
das lutherthumb zur narung hat,
als schwannen, gänss, storcken und tauben
Joh. Nas antipap. eins und hundert 4, 99ᵇ.
α)
scherzhaft als ausdruck einer starken verwunderung da brat mir einer einen storch! in dem sinne von 'so etwas ist noch nicht erlebt, noch nicht dagewesen! da hört doch alles auf!' und mit dem weiteren zusatze und (aber) die beine (beene) recht knusperig! vgl. Müller-Fraureuth 2, 569ᵃ: wohl übernommen aus der anderen wendung du kannst mir einen storch braten, aber die beene recht knusperig 'du kannst mir gewogen bleiben', angesichts der knorpeligen, dürren storchbeine eine steigerung des ungenieszbaren (auch allein du kannst mer en storch braten! als verächtlicher zuruf Müller-Fraureuth a. a. o.). — in Sachsen auch als antwort für einen unberufenen frager geschmulter (geschmorter) storch Albrecht Leipz. ma. 218ᵃ; ähnlichen sinn hat vertell mî nuscht vom storch sîne hinderbêne Frischbier sprichw. 2, 175, d. h. 'bring nichts widersinniges, unglaubliches vor'.
β)
als gegensatz zum erreichbaren, als variante zu dem biblischen sprichwort von der taube auf dem dach (s. th. 2 sp. 663): es ist besser ein spatz in der hand, dann ein storck auf dem dach sprichwörter (1548) 1018 (Schottel 1115ᵃ; Kotzebue sämmtl. dram. w. 31, 157 der verbannte Amor 3, 13); es ist besser ein spatz in der handt, dann ein storck im lufft S. Franck sprüchwörter (1541) 2, 114ᵃ; (er) liesz die lerch in der hand fliegen und griff nach eim fliegenden storcken Gargantua (14) 199 neudr.
4)
der vertreter mannigfacher tugenden, so in seinem familienleben: die storch habent grôʒen vleiʒ und grôʒ sorg und auch grôʒ lieb zuo irn kinden und lâʒent ir aigen federn reisen in ir nest, wenne sie prüetent dar umb, daʒ diu kindel sanft sitzen Megenberg 175, 15; und muszte zu eroberung der (stadt) ein storch, der seine jungen aus der stadt getragen, dem abzugfärtigen feind muth und anlasz geben S. v. Birken vermehrt. Donau-strand (1684) 125 (S. Münster cosmogr. 262); (er) kam zum neste des storchs, der seine jungen erzog und sie mit seinen schwingen auffing, da er sie fliegen lehrte Herder 26, 353 (Dannhawer catechismusmilch 1, 215); wenn nun störche und tauben ehen haben: so wüste ich nicht, warum sie der mensch aus mehrern ursachen nicht hätte? 5, 112; die störch tœtent iriu weip, diu êbrecherinn sint und sich nicht gereinget habent in den waʒʒern nâch irr pôsheit, daʒ hat man oft gesehen Megenberg 175, 33; ein storch mit seiner familie O. Ludwig 2, 549;
pflegt doch der storch sich mit der mutter nicht zu gatten
Lohenstein Agrippina 45;
ein storch den andern tragend, als das bild der liebe gegen die eltern Heräus gedichte und inschriften (1721) 205 (Zesen rosenmând [1651] 70); etliche tiere und vögel übertreffen vil menschen mit tugenden: ... der storch mit ernährung seiner eltern Butschky Pathmos 340; vgl.: wer ist so gottlos ... der nicht aus des storcken trewe ... seinen eltern auch liebs ... zuͦ erzeigen bewegt werde? Heyden Plinius (1565) vorr. 6ᵃ; der fuchs sol vom schmauchen, der storch von seiner trew ... iren namen bekommen haben Mathesius Sarepta (1571) 42ᵃ, vgl. dazu oben die einleitung; deshalb der storch, avis pia Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 440;
daʒ mac wol vater und muoter riuwen,
daʒ die störche mit grœʒern triuwen
muoter und vater in dem alter brüetent
und mit ganzem vlîʒ ir hüetent
Hugo v. Trimberg renner 18303.
anders auf grund der anhänglichkeit an sein nest:
fünfmal zählt schon stadt und feld
die zurückkunft treuer störche
Gottsched gedichte 1, 204.
als symbol benützt: vor zeiten haben die alten vätter an einem königsscepter oben einen storck (in summo erat ciconia, pietatis symbolum) und undenher das grewliche thier hippotamus machen lassen, damit anzuzeigen, dasz gewaltige herren ihren zorn durch gütigkeit, und (welches durch den storck verstanden ward) durch gunst gegen das vatterland, abwenden und miltern solten Lorichius instruction und bericht (1618) 315.
5)
besondere menschliche meinungen vom wesen des storches.
a)
der adler und storck legend allzeit einen stein in ir näst Heusslin-Gesner vogelbuch (1557) 3ᵃ; nim den stain, den der storch in sein nest leg, und reib sy und meng sy mit wasser und gib sy im (dem am stein leidenden) zu trincken quelle bei Schmeller² 2, 781. — das wyssele, wenn es meuss fahet, und gewundet würt, hat er sein zuͦflucht zu der raut, der storck zuͦ dem kraut wolgemuͦt Eppendorff Plinius (1543) 8, 62 (Lohenstein Arminius 1, 92ᵇ); wer lehret den storck, sich zu clystiren? Simpl. 127 neudr.;
aber sie gont dest mer ins bad,
do mit das nit der eebruch schad,
und wellen das verdecken nuͦn,
glich wie die störck sich weschen tuͦn
S. Brant narrenschiff 35
(damit ihr ehebruch nicht bemerkt werde, vgl. gesta Romanorum 11 Keller und oben Megenberg unter 4); es hat der reiger nur ein darm gleich wie der storck S. Münster cosmogr. 765;
der storck ist ane zunge
Uhland volkslieder 3 (Trougemund).
b)
volksglaube und kinderlied beschäftigen sich gerne mit ihm.
α)
er gilt als der heil- und glücksbringer (spiegelung dieser eigenschaft in seinen namen adebar, heilebar als möglich oben in der einleitung): und wie vil hab ich gekant, die alsbald sie dis glidfräwlin inn schutz aufnamen, gleich sind gesegnet worden, wie ain haus, das storcken beherberget Fischart podagr. trostbüchlein 39 Hauffen; darumb sind auch die häuser glückhaft, darauf die storcken nisten ... und darumb ist der storck fromm, die weil er frösch iszt Gargantua (33) 337 neudr. (vgl. auch (12) 189); wenn ein storch auf irgend einem hause nicht nisten wil, solches bedeutet unglück Prätorius philosophia colus (1662) 207; wann einer zum geklapper der störchen lust hat, und wünschet, dasz er solche auf seinem dache haben möchte, ... dasz man ihnen ein nest mit der linken hand zurichten müsse glückstopf (1669) 33; wer das glück hat, dasz die störche ihr nest auf sein haus oder schornstein bauen, der wird lange leben und reich werden Schmidt gestriegelte rockenphilosophie 1, 192; ihr habt eine alte sage unter euch, dasz störche, schwalben, rothschwänzchen und dergleichen glücksvögel seyen Miller predigten fürs landvolk 1, 8;
aus India do wirt dir kommen
vil glücks, das hab ich erst vernummen,
das bringen dir die storcken her
Wickram 4, 19;
(unter anderen verkehrtheiten wird gescholten) ruft und lobt den storcken, dasz er im ubers jar rote schu bringe Gargantua (14) 200 neudr.; (er) bedacht sich auf janisch hinden und fornen, auf dasz ihn kein storck am kopf noch schopf nirgend weiszget, wie sich die meidlin spiegelen (d. h. beim liebeszauber in den spiegel sehen, wie z. b. in der Andreasnacht) 335 neudr.; wer einen storck zu allererst siehet kommen, und heiszt ihn willkom seyn, dem thut das gansze jahr kein zahn wehe Moscherosch gesichte (1650) 487.
β)
insbesondere bringt er die neugeborenen kinder, ein glaube, der in seiner verbreitung mannigfach gewechselt hat; oft in derselben gegend erstorben und dann wieder aufs neue belebt, zumeist durch litterarischen einflusz, vgl. z. b. 'die vorstellung, dasz der storch die kleinen kinder bringt, ist nicht volksthümlich und wenig verbreitet und scheint (im Elsasz) erst in jüngerer zeit eingang gefunden zu haben' Martin-Lienhart 2, 614ᵃ; so:
storik, storik, stipper din bein,
bring mir morje-n-e buppele heim
kinderlied (erst seit 1893) ebenda,
und doch scheint auch hier eine ältere tradition vom kindertragenden storch durch:
storik, storik, langbein,
traᵍ miᶜʰ ufm buckᵉl heim;
wenn de miᶜʰ nit kaⁿⁿst trajeⁿ,
loss miᶜʰ liewer faʰreⁿ!
kinderlied ebenda,
(und dort in vielen varianten), worin mit wahrscheinlichkeit der nachklang eines zaubers, kindersegen zu erlangen, erblickt wird, vgl. noch:
storch, storch, nickelbei,
träg mi über de weiher hei!
bibliothek älterer schriftwerke der Schweiz I 5, 234;
storch, storch, steine!
mit dem langen beine,
mit dem langen klappermaul,
trag mich bis nach Haine,
lasz mich aber nicht fallen,
sonst rupf ich dir ein beinchen aus
und mache mir ein pfeifchen draus
und pfeife alle morgen,
dann kommen alle störche,
klipp, klapp, mehlsack!
kinderlied aus Hessen (bei Mühlhause urreligion 3),
vgl. dazu klapperstorch (th. 5 sp. 978); ich sage auch zu meinem kinde: 'wenn du das nicht thust, so schneide ich dir die nase ab'. ich bin deswegen kein betrüger. eben so wenig, wenn ich sage, die kinder kommen aus dem Rheinsbrunn (bei Göttingen), oder der storch bringt sie Lichtenberg aphorismen 4, 173; er behauptete steif und fest, der storch bringe die kinder Eckstein Gargantua und Pantagruel (1785) 1, 69; alle traditionen des aberglaubens, selbst der storch, der die kinder bringt, ... geht ja keinem verloren, der darin aufgewachsen ist A. Ruge briefwechs. und tagebuch 2, 320;
meine schwester sagte zwar,
dasz der storch die kinder bringt;
wie verständig es auch klingt,
ist es aber doch nicht wahr
Chamisso 3, 56;
der storch kam in unser haus geflogen, und brachte meiner jungen schwägerin ein söhnchen Pückler briefwechsel 1, 373; ein vierjähriger bube, stand ich auf den zehen neben ihrer (des neugeborenen mädchens) wiege, den daumen im munde — halb die wiege, halb die tür im augen, durch welche der storch hereingeschritten war, der sie brachte aus der quelle im Huschental Raabe kinder von Finkenrode 161; der Hurlebach, aus welchem der storch die kinder holt 129; insbesondere (als scherzredensart) einen unartigen jungen hat der storch auch nicht auf dem rücken gebracht, sondern im schnabel, quelle bei Müller - Fraureuth 2, 569ᵃ, vgl.: bi hum kummt boll de stürk, er hat bald einen nachkommen zu erwarten Kern-Willms Ostfriesland 77;
verzeiht, herr richter, dasz ich euch jetzt musz bemühn,
(giebt dem richter einen gevatterbrief)
der storch hat mir beschert ein jungen Harlequin
Chr Reuter Harlequins hochzeit und kindbetterinnschmaus (2, 4) 80;
zum wenigsten ist dis zu gläuben,
es musz hier gut zu wohnen seyn,
wenn andre häuser ledig bleiben,
so spricht allhier der storch doch ein ...
und weil uns unsre mütter sagen:
(ich glaub es auch die stunde noch)
die störche müssen kinder tragen,
die fielen durch das schornsteinloch
Henrici ernst. scherzh. u. sat. ged. 3 (1723), 332 (aus einem hochzeitsged.);
deshalb: und wo ock a storch iber a schornstein fliegt, da is de verwirrung riesengrosz G. Hauptmann Rose Bernd (4) 119;
stille, kinder! sie geht in die stadt und bringt euch des guten
zuckerbrotes genug, das euch der bruder bestellte,
als der storch ihn jüngst beim zuckerbäcker vorbeitrug,
und ihr sehet sie bald mit den schön vergoldeten deuten
Göthe 50, 251 Weim.;
kaum hatte Lunas horn sich zehnmal umgewandt,
da war — der storch bei ihr mit einem sohn zur hand
Kind gedichte 3, 163;
ihr gebt euch die hände vor dem altare,
er (der kaplan) spricht den segen über euch aus,
und bald, nach kaum vollendetem jahre,
fliegt euch der klappernde storch ins haus
Körner 4, 55 (nachtwächter 6);
he, Fritz, komm mal herein!
sieh, welch ein hübsches brüderlein
der gute storch in letzter nacht
ganz heimlich der mama gebracht
W. Busch kritik des herzens 40.
als wunschliedchen (besonders im munde der kinder) beim anblick des storchs (s. auch oben):
storch, storch ruder,
bring mir 'n kleinen bruder!
Lüpkes seemannsspr. 182;
stürke, stürke, langebeen,
hest dien vader un moder neet sehn;
up dat hoge böhntje (boden)
breng mi 'n lüttjet söhntje
Kern-Willms Ostfriesland 77.
insbesondere noch der glaube: der storch hat die mutter ins bein gebissen, wenn sie im wochenbett liegt Frischbier sprichw. 2, 175 und allgemeiner (vgl. Mörike 1, 34 storchenbotschaft), vielleicht eine alte verdunkelte vorstellung von der geburt aus dem beine; ungewöhnlich auch schon für den zustand der schwangerschaft, so ostfries. de stürk hett hör in dat been beten, sie geht schwanger Kern-Willms 77; doch immer glückverheiszend, deshalb: wo die störche nisten, sterben keine wöchnerinnen Wander 4, 882.
6)
häufig als hauszeichen, und darnach als hausname gasthaus zum storch, kurzweg der storch: die liberalen (essen friedlich) im storch, die gemäszigten im wilden manne und die aristokraten im ochsen Görres briefe 1, 179.
7)
von personen, auf grund der unter 2, b belegten vergleichsmomente: langbeinig, dünnbeinig, langhalsig wie ein storch, so elsäss. von einem aufgeschossenen, langhalsigen menschen: der storik het üwerall sini nas drin Martin-Lienhart 2, 614ᵃ und allgemein der alte storch (Gutzkow ritter vom geiste 4, 268), deshalb auch als spöttische wandzeichnung Immermann 5, 14 (epigonen 1, 1, 3). in sprichwörtlich verdeckender rede: lueg, d storken fliegen us! dort geht ein langer mensch Martin-Lienhart a. a. o. — (als fastnachtsvermummung) da geht man auf hohen steltzen mit flügeln und langen schnebeln, wollen storcken sein Gargantua 72 neudr. (vgl. dazu 246).
a)
mehr innerlich gewandt: man würde sich täuschen, suchte man bei ihm die farbenglühende grandezza des alten spanischen theaters, er ist als dichter mehr storch als flamingo Gutzkow werke 9, 39.
b)
auf dem grunde von 4 (sorge um seine nachkommenschaft) von kindern: das thier verwart ihn (lauert dem höhlenmenschen auf), wann er auszgieng, seinen jungen storcken essen zu holen Gargantua 306 neudr.; ein armer hat mehr storcken im haus als frösche; mehr die verkeren ('in verkehr bringen, ausgeben' th. 12 sp. 627 unter 2, oder 'zerstören, verbrauchen' unter 10) als die gewinnen Lehmann florilegium politic. 1, 55.
8)
obsc. des mannes storch, penis quelle bei Schmeller² 2, 781.
9)
ein kinderspielzeug aus gekreuzten stäbchen, welche untereinander verbunden, sich in gelenken bewegen; ein auseinanderspreizen der beiden griffenden zieht die vorrichtung zusammen, zusammenspreizen läszt sie in die höhe schieszen (s. auch unten zickzack). hierher(?): storch, storchen, ein bretspiel Harsdörffer poet. trichter (1647) 2, 174. — storch, cicogna, ziczac (certo stromento di legnetti piani, chiodati in mezo in forma di quadro acuto, mà in modo che si aprano e serrino, con un becco in crima) Kramer dict. 2 (1702), 985ᵃ; 'sie nennen es storch, weil sie meistens einen geschnitzten storchkopf daran haben' lusus certus puerorum, quo instrumentum quoddam ligneum manubriis suis attractis extendunt et apertis retrahunt Frisch 2, 340ᵇ; mit dem geräth lassen sich auch briefe gleich von der strasze in die höheren stockwerke der häuser reichen (doch leicht mit schreckhafter nebenwirkung): einer einen brief mit einem storchen hinschieszen, porgere una lettera ad una col becco della cicogna Kramer a. a. o.
a)
anlehnung daran storch als geschützname:
der storch in eyl
gleichwie ein pfeyl
advis dem feindt
bringt, eh ers meint
geschützinschrift von 1625 (im Berliner zeughaus) bei H. Ziegler 61.
b)
'heimliche nachricht' auf dem grunde des vorigen (weil dergleichen die aufmerksamkeit der überigen hausgenossen kaum erregen konnte) deutlich in der wendung: einen storch schieszen, rapportare, tradire li fatti cattivi altrui segretamente a chi non deve Kramer a. a. o.
10)
nadelförmiges geräth(?):
wer gibt stricknadel, störk, glufen, seifen?
wer gibt uns stiefel, seil und schleifen?
Weidner 1621 (Hoffmann findlinge 258).
11)
als spöttische geste 'indem man die finger der linken hand so zusammenlegt, dasz der mittelste frei bleibt, den man dann krumm macht und oft bewegt, um einen mit dem schnabel pickenden storch anzuzeigen' Krünitz 174, 582, entsprechend schon ciconia beim Persius, vgl. Harsdörffer teutscher secretarius Yyy 5ᵃ; so bald der selb, den sy (die schmeichler) gelobt haben, den rücken kert, so gebent sie ym den muff, machen ym den storcken nach, oder strecken die zung aus, oder setzen ym esels oren vff Geiler von Keisersberg sünden des mundes 35ᵃ.
12)
elsäss. de bloue storkeⁿ, ein singtanz, der im anfang einem langsamen gravitätischen menuett ähnlich ist Martin-Lienhart 2, 614ᵃ; über sein alter s. unten storchenlied bei Fischart.
13)
in anknüpfung an 5, b β: storch das geschenk für die dienstboten bei der niederkunft der hausfrau (s. auch th. 5 sp. 978).
Zitationshilfe
„storch“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/storch>, abgerufen am 22.09.2019.

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