straucheln vb.
Fundstelle: Lfg. 7 (1956), Bd. X,III (1957), Sp. 979, Z. 47
'im vorwärtsgehen plötzlich das gleichgewicht, den halt verlieren, stolpern'; erst spätmhd. und zunächst auf nd.-md. boden fest gewordene intensivbildung zu älterem strauchen (s. d.), das bereits ahd. reich bezeugt ist, jedoch mit dem ausgehenden 17. jh. vor nachdringendem straucheln aus der schriftsprache schwindet. namentlich durch Luther, der das wort in bibel und predigt im sinne von 'einen fehltritt tun, sündigen' häufig verwendet, wird straucheln die alleinherrschende form der schriftsprache. die ursprüngliche verbreitung wird noch sichtbar in der mehrfachen bezeugung in den nd. maa. des nordwestens: strukeln Doornkaat Koolman ostfries. 3, 344; Frederking hahlen 137 (neben strackeln, strükeln); Schambach Göttingen 215ᵃ; strükeln brem.-nds. wb. 4, 1071; sik strukeln (neben strunkeln) Woeste westf. 259ᵇ. vgl. auch: struchele Rovenhagen Aachen 143; strauchl Ruckert unterfränk. 177.
A.
der gebrauch im eigentlichen und bildlichen sinne.
1)
lexikalisch seit dem 15. jh. bezeugt: cespitare strucheln, struchelen, struchellen (15. jh., md.) Diefenbach gl. 116ᵃ; incespitare strucheln, straucheln (15. jh., obd.) ebda 291ᶜ; titubare struchelen (15. jh., md.) 586ᵃ; cespitare strukelen (1500, Deventer) nov. gl. 87ᵇ; titubare strauckeln (1576 u. 1502) ebda 366ᵃ; struchelen cespitare i. cadere gemma (1508) e 1ᵇ; cespito, labor, talipedo ... ich strauchel E. Alberus (1540) z 4ᵇ. seither von den lexikographen auf dem gesamten sprachgebiet regelmäszig gebucht mit ausnahme der Schweiz. Frisius und Maaler wählen stattdessen das heimische stürchelen, s. teil 10, 4, sp. 573 u. schweiz. id. 11, 1471. die literarischen belege setzen in spätmhd. zeit ein, s. die mhd. wbb., sie werden seit dem 16. jh. häufiger:
die müezen beide strucheln,
ê si kumen zuo dem zil,
swâ blinder blinden leiten sol
in: minnesinger 3, 452ᵃ v. d. Hagen;
der auff der steltzen lieff gar weit vor jhnen hin vnnd bestalt die herberg, wiewol er strauchelt vnnd sich fast vbel an die fersen stiesz (1560) volksb. v. finkenritter A 4ᵇ faksim. von J. Bolte; wann einer gestrauchlet, ... das bedeute ... vnglückhafftige vnd feindtselig reisen Nigrinus von zäuberern (1592) 136; er den andern so häftig zurückstiesse, dass er in das strauchlen kommend, seinen platz dem andern überlassen muste A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 550; weil sie eines tages, da wir am ufer des flusses hinwandelten, unversehens strauchelte, einen schweren fall that Schnabel Felsenburg 217 Ullrich; fast hätte er gewünscht, sie möchte straucheln, gleiten, dasz er sie in seine arme auffangen ... könnte Göthe I 20, 82 W.;
das kind war bang und strauchelte, da es
die hohen stufen an dem thron hinan stieg
Schiller 13, 202 G.;
die augen immer auf ihre arbeit geheftet, strauchelt sie fast, indem sie naht maler Müller w. (1811) 1, 197; schritt für schritt ging sie ihren todespfad, inmitten ihrer peiniger, zuweilen strauchelnd, aber gefaszten mutes G. Keller ges. w. (1889) 5, 244. häufig ist bildlicher gebrauch, der zur übertragenen verwendung (s. u.B) überleitet: (der teufel) gehet umbher als ein brüllender lewe tag und nacht, auff das ehr anrichte ergernisz und dir ein holtz in weg lege, darüber du strauchelst Luther 47, 262 W.; viel huͤten sich im dantzen, dasz sie auch keinen tritt verfehlen, scheuen sich aber nicht in den geboten gottes alle stunde vorsetzlich zu strauchlen Harsdörffer gesprächsp. 4 (1644) 373; der mensch fällt ins alltägliche, wenn er nicht festliche tage hat, durch die er sich erhebt; ... nur vermittelst dieser himmlischen gegenstände sehen wir gen himmel nach den sternen, ohne zu straucheln oder wohl gar zu fallen Hippel kreuz- u. querzüge (1796) 1, 462. auszerhalb des ethischreligiösen bereichs: wenn ich auf diesem wege, den einer meiner vorgänger ... gefährlich beschreibt, auch hie und da gestrauchelt hätte Göthe II 6, 84 W.; unzählige male vermuthlich werd ich auch auf dieser, zumal so wenig betretenen, bahn straucheln Lavater physiogn. fragm. (1776) 1, 3 vorr.; so schweifte er denn öfters bald hier, bald dort aus dem geleise (seiner Iliasübersetzung), nicht selten zwar mit schönem schwunge, oft aber auch mit straucheln Bürger s. w. 182 Bohtz. mit anderer bildvorstellung:
keck wie einer, der nicht straucheln kann,
lief er (Wallenstein) auf schwankem seil des lebens hin
Schiller 12, 330 G.
mit näherer bestimmung über etwas straucheln: der riess ... strauchelt vber ein stock vnd stiesz sich so hart, dasz er zurück fiel buch d. liebe (1587) 15ᶜ; als ich mich nun abwegs machen wolte, strauchelte ich über das feurrohr Grimmelshausen Simpl. 138 Kögel; über die stufe straucheln Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 86. im bilde wie oben: der anfang (des gedichtes) ist ganz vortrefflich ausgefallen. ich musz mich selbst loben. gleich über der schwelle strauchelte Wieland (1789) Schiller br. 2, 236 Jonas; die tiefsinnigsten gottesgelehrten strauchelten über die frage: ob ... Jacobi w. (1812) 3, 288; dieser ausdauernde gehorsam, diesz warten auf die göttliche stimme, ist der stein, über den auch die heiligsten alter und neuer zeit gestrauchelt haben Hegner ges. schr. (1828) 5, 322; (über ein dienstliches vorkommnis) strauchelte er, dies war der anlasz seines unterganges Th. Mann königl. hoheit (1928) 438.
2)
häufiges der fusz, der tritt usw. strauchelt hat bibliches vorbild: erquickt die strauchelenden knie (genua debilia roborate) Jes. 35, 3 (dagegen: die krancken knye erste dt. bibel); mein fus hat gestrauchelt, aber deine gnade herr hielt mich ps. 94, 18 (motus est pes meus, misericordia tua, domine, adjuvabat me); so auch Dietenberger (1534) 269ᵇ und nd.: myn voth hefft gestrukelt Lübecker bibel (1533) 3, 44ᵃ; dagegen nicht in den obd. bibeln: ist bewegt Eck (1537) 2, 20ᵇ (so schon die erste dt. bibel); anders: mein fusz wäre geschlipfft Zürcher bibel (1531) 2, 40ᵇ; ich aber hette schier gestrauchelt mit meinen füssen, mein tritt hette viel nahe geglitten ps. 42, 2; so wiederum in der Lübecker bibel (1533), bei Dietenberger (1534), auch bei Hans Sachs 18, 286 lit. ver.; dagegen bei Eck: seind bewegt worden (so auch in der ersten dt. bibel). für das fortleben dieses gebrauchs in religiöser umgebung vgl. Schede psalmen 56 ndr.; A. Silesius hl. seelenlust 23 ndr.; Leipziger gesangbuch (1753) 382; Hagedorn poet. w. (1769) 1, 4. im eigentlichen sinne und auszerhalb des religiösen bereichs:
arme sinken, tritte straucheln,
ist's denn auch der pfad nach hause?
soll sie zaudern? soll sie fliehen?
Göthe I 3, 11 W.;
vgl. ↗I 11, 17;
endlos der weg. er wuchs vor unsern schritten,
die müden füsze strauchelten und glitten
L. v. Strausz u. Torney erde d. väter (1936) 44;
als sie nun noch eine weile gelaufen waren und die füsze der jungen frau schon strauchelten und der atem des hundes schon zu hören war, da krähte plötzlich ein hahn hinter dem moor E. Wiechert missa sine nomine (1950) 405.
3)
annäherungen an sinnverwandte verben wie ausgleiten, taumeln, fallen können sich aus dem weiteren zusammenhang, insbesondere durch eine zusätzliche bestimmung ergeben.
a)
auf glatter fläche ausgleitend den halt verlieren: sahe ich ... etliche strauchlen, als ob sie uff schluͦpfferichtem, glitscherichtem eyss giengen Moscherosch gesichte (1650) 1, 356;
lächelnd sehn wir den tänzer auf glatter ebene straucheln,
aber auf ernstlichem seil, wer mag den schwindelnden sehn?
Göthe I 5, 1, 310 W.
bildlich: hierin (in der tiefsinnigkeit ihres dichtens) übergehen sie (d. Engländer) die Italiäner selbst, welche doch in diesen schlipffrigen wegen offt straucheln und fallen Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 233; was tausende vor ihm auf dem glatten grunde der fürstengunst straucheln gemacht hat, brachte auch G. zu falle Schiller 6, 109 G.; laut also fordert ... die geschichte nicht scheidung, sondern einigung der Geten und Gothen, ... niemand wird verkennen, dasz auf diesem schlüpfrigen boden Jornandes und bereits sein vorgänger Dio gestrauchelt haben müssen J. Grimm kl. schr. (1864) 3, 226.
b)
im vorwärtsgehen wanken, taumeln, torkeln, vor allem vom gang der trunkenen; ich strauchel wie ein trunckener titubo Er. Alberus dict. (1540) z 4ᵇ; bendellare, vacillare ... dorckeln, straucheln wie die vollen leut Hulsius dict. (1618) 2, 57ᵇ; do stûnt sy of und gîng mit yn alsô (geistlich) trunken, das sy strûchelte (nec directe incedere valuit) Joh. v. Marienwerder d. leben d. hl. Dorothea 250 Toeppen (anf. 15. jh.);
mein sinn von dir (Bacchus) entzündt macht, dasz ich straucheln musz
Opitz teutsche poemata 219 ndr.;
ob einer von wein strauchelt,
der wein ist unverschmecht
hist. volkslieder 3, 512 Liliencron.
im zustand der erschöpfung, betäubung torkeln: das aber eyn hirtz müd, vnd sich gantz matt vnd lass hab abgeloffen, solchs zeygen dise warzeychen an, als wann er ... von eyner seiten auff die andere strauchelt vnd täumelt Sebiz feldbau (1579) 586; hat nit ... sein angesicht alle merckzeichen desz herbey nahenden todtes? ja scheints nit, als ob sein leib nun anfahe zu straucheln unnd dasz er mit einem tödtlichen fall nider zur erden daumele? theatrum amoris (1626) 152; da strauchelte Theodulf unter schwerem schlage und ... Ingo ... zerbrach ihm mit starkem schwertstreich das haupt G. Freytag ges. w. 8 (1887) 102. mehr im sinne einer unregelmäszigen art der vorwärtsbewegung bei zugefügter richtungsangabe: mein anderer geselle ... strauchelte gegen den see zu Göthe I 43, 285 W.; sie strauchelt heim Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 402. auch sonst um eine bestimmte gangart zu charakterisieren: in den fuszpfaden der strauchelnden viehherden Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 16; wäre er (der urmensch) nicht ewig ein strauchelnder, stammlender menschenbär, und also ein unvollkommenes doppelgeschöpf geblieben Herder 5, 43 S. im nichteigentlichen sinne: angetrieben durch die unwiderstehliche regsamkeit seines inneren geistes strauchelt er vorwärts und zu allgemeinen ansichten Göthe I 42, 1, 199 W. bildlich in der bedeutung 'wanken, hin- und herschwanken, unsicher werden': welcher wanckelt und strauchelt tzu den seiten der irret Carlstadt v. d. hl. messe (1521) B 3ᵃ; wir nicht durch zweiffel im streit wancken oder straucheln Dedekind d. christl. ritter (1590) B 5ᵇ; also, das die zuvor nur gewanket oder gestrauchelt, hirauf gäntzlich abfallen Butschky Pathmos (1677) 692; denn wer hie strauchlet und zweyffelt, der hat ... des ewigen lebens gefeylet bei Cohrs katechismus vor Luther 1, 112; so strauchelt die jungfrau, welche die glühenden küsse des geliebten auf dem busen fühlt, zwischen den lehren der mutter und dem zuge der natur Klinger w. (1809) 3, 14. ähnlich 'vom rechten wege abirren': denn sie oft straucheln und gehen beyseit aus dem rechten wege Luther tischr. 4, 536 W.; meistens strauchelt der commentator, indem er erläutert, selbst aus dem pfade der ode Horaz Herder 3, 341 S.
c)
straucheln bleibt von fallen getrennt.
α)
jedoch sind vorgang und vorstellung so eng miteinander verbunden, dasz beide verben häufig unmittelbar nebeneinander erscheinen: (der kaiser) woide zo verre in dat strenge wasser und wart struchelen, dat hei viel ind erdrank dae (Köln 1499) städtechron. 13, 534, 29; gegen mitnacht ann dem wasser Euphrat werdend sy strauchlen vnd fallen Zürcher bibel (1531) 2, 126ᵃ (vulg. victi sunt et ruerunt Jeremia 46, 6); der heyd gieng mit gewalt, vnd gantz kräfftiglichen schlägen auff den theuwren helden, dasz er begundte zu straucheln, vnd fiel auff ein knie buch d. liebe (1587) 392ᵃ;
o man sehe wie der held,
wenn er sich gleich tapfer wehret,
taumelt, strauchelt, endlich fällt
Neumark fortgepfl. musik. poet. lustw. (1657) 2, 36;
meine grosze begierde, bald aus dem gehöltze zu kommen, liesz mich nicht behutsamkeit genug anwenden, das straucheln und fallen zu vermeiden bei Gottsched d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 380; Ajas hat den vorsprung, er strauchelt aber am ende der bahn und fällt Göthe I 41, 324 W.; schon nach hundert schritten strauchelte sie über einen erdhaufen und fiel zu boden Storm s. w. (1898) 7, 270; die dunkle treppe hinauf. oben strauchelte er und wäre fast gefallen Kluge Kortüm (1938) 667; der schreckenschor der vor den vier reitern (der apokalypse) flüchtenden, strauchelnden, hingestürzten, überrittenen menschheit Th. Mann Faustus (1948) 570.
β)
ebenso bildlich; 'fehltreten' in ethisch-religiösem sinne, bes. bei Luther: der gut man ward hart angefochten, strauchlet und felt hernider 17, 1, 447, 20 W., vgl. 11, 23 und br. 10, 493; es mus keiner gen hiemel, er mus remissionem peccatorum haben; sic Ezechias plenus fide strauchelt doch vnd fiel Luther tischr. 5, 167 W.; vgl. 52, 446; 52, 674; die dritte lehr ist, das kein mensch so weis und verstendig ist, der zuweilen nit strauchel und falle Riccius Terentii Andria (1586) 403;
welchen got nicht erhelt,
der strauchelt bald und felt
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) F 7ᵃ;
mährchen? — doch
ganz glaubliche; die glaublicher mir nie
als itzt geschienen, da ich nur gefahr
zu straucheln lauffe, wo er fiel
Lessing w. 3, 99 L.-M.;
(wir würden) nicht so strenge richten, ... würden uns der gefallenen annehmen und dem strauchelnden liebevoll die hand reichen Knigge umgang m. menschen (1796) 2, 233;
strauchelt der gute und fällt der gerechte,
dann jubiliren die höllischen mächte
Schiller 13, 5 G.
γ)
eine zusätzliche richtungsbestimmung kann zu straucheln die bedeutung 'fallen' hinzufügen:
er het eben genomen war
das uff der strassen lag ein stein
dar an stiez sich ein gantz gemein
und strüchlet dar vber in den treck
Seb. Brant narrenschiff 43 Z.;
(der kämpfende Galaor erreichte keinen,) den er nicht auf den boden straucheln machet Amadis 1, 133 lit. ver.; ich (wäre) fast zur erde gestrauchelt Lindenborn Diogenes (1742) 1, 156.
4)
von tieren; vom pferd bereits biblisch (s. u.) und seit den anfängen der bezeugung häufig (vgl. hierzu strauchen 1); cespitator (pferd) dasz gern strauchelt Er. Alberus dict. (1540) R 3ᵇ; equus cespitator streuchlends ross Junius nomencl. (1567) 53ᵃ; equus suffosus ein pferd, das gern strauchelt Zehner nomencl. (1645) 241; der sie füret, durch die tieffe wie die rosse in der wüsten, die nicht straucheln Luther Jesaia 63, 13 (vulg. quasi equum in deserto non impingentem, vgl. die nit strauchlen Dietenberger; de nicht strukelen Lübecker bibel [1533]; aber: das sy nit anstiessind Zürcher bibel [1531]; das sich nit anstoszt Eck [1537] 2, 99ᵇ);
Traut Henslein über die heyden reit,
es schos nach einer tauben,
da strauchlet jhm sein apfelgraw ross
uber eine fenchelstauden
(16. jh.) Mittler dt. volkslieder (1865) 12;
wenn manches rosz gegen der sonnen geht, so läufft es immer und strauchelt, stürtzt darnach gar zu boden M. Böhme roszartzney (1618) 103; man saget, alsz der könig vnters thor gekommen, habe sein gaul vnter jhm gestrauchelt Rätel Curäi chron. (1607) 30; (es) reitet eines frühen morgens der held auf dem treuen scharatz, als das rosz zum erstenmal in seinem leben strauchelt und thränen vergieszt J. Grimm kl. schr. (1864) 4, 222. doch auch von anderen tieren: (die kranken schafe) gehaben sich sehr vbel, wenden sich allwegen herum, strauchlen vnd fallen stäts Sebiz feldbau (1579) 141.
B.
straucheln im übertragenen gebrauch ohne ausdrückliche betonung der zugrundeliegenden sinnlichanschaulichen bildvorstellung.
1)
er bildete sich vor allem auf ethisch-religiösem gebiete aus und schlieszt an die oben belegten verwendungen in konkretem oder bildlichem sinne unmittelbar an.
a)
Luther, der eine gewisse vorliebe für straucheln hat, bestimmt den weiteren gebrauch. die ursprüngliche verbreitung des wortes spiegelt sich noch darin, dasz ihm der Lübecker übersetzer stets, Dietenberger vereinzelt und der Züricher übersetzer anscheinend nie folgt: groszen friede haben, die dein gesetz lieben, und werden nicht straucheln (non est illis scandalum) ps. 119, 165 (nicht strukeln Lübecker bibel [1531]; nymmarmer stossen Zürcher bibel; ist ihnen kein schand Dietenberger); die gesinnet sind, wie du bist, die mitleiden mit dir haben, wo du strauchelst (cum titubaveris in tenebris) Jesus Syrach 37, 16 (strukelst Lübecker bibel [1531]; jrrest und fälest Zürcher bibel; strauchlet Dietenberger); (der gottlose) bleibet wol eine weil bei dir, aber wenn du strauchlest (si autem declinaveris), so beharret er nicht Jes. Syrach 12, 14; strukelst Lübecker bibel (1531); strauchelest Dietenberger; wanckest Zürcher bibel; lieben brüder, thut deste mehr vleis, ewern beruff vnd erwelung fest zu machen; denn wo jr solchs thut, werdet jr nicht straucheln (non peccabitis aliquando) 2. Petri 1, 10 (ir sündt nit erste dt. bibel; strükeln Lübecker bibel [1531]; sünden Eck [1537]; sündigen Dietenberger [1534]; fallen Zürcher bibel [1531]).
b)
straucheln ist für ihn der leichte, in der schwäche der menschlichen natur begründete fehltritt, der auch den heiligen und propheten nicht erspart bleibt: gehet es doch on sunde nicht abe, das wir noch teglich strauchlen und zu viel thuen Luther 38, 1, 206 W.; unnd hilfft hie kein verschonen, das heilige leute zuweilen strauchlen ym glauben unnd leben ebda 19, 460; vgl. 426; und ob schön ein solcher zu zeiten strauchelt, so gehet er zurück und spricht: ach herre gott, ich habe ubel gethan ebda 19, 305; wir kunnen nicht also leben, das wir nicht zw zeyten strauchlen wir musen aber zcwsehen, das wir nicht bleyben ligen, sunder widerawffstehen ebda 9, 553. er liegt im heilsplan gottes: Christus vult te stultum facere, vult solus iudex esse und wirt dir deinen bruder furschlagen, wirt in lassen straucheln, ut credas ibi Christum non adesse, et tamen adest Luther 15, 436 W.; man (soll) den heiligen nicht nachvolgen in allen wercken, dan gott lessit zcw zeytten die heiligen auch schnappen und strauchlen umb der willen, di do goth noch will frumme machen ebda 9, 586. nahe steht in der bedeutung fehlen: als hette sie (die mutter gottes) nie kein anfechtung gelidden, nie gestrauchelt noch gefeilet im verstand noch keinem dinge ebda 17, 2, 17; mit einer zusätzlichen bestimmung über die eigentlichen grenzen hinaus: pius et sincerus aliquando wyrdt straucheln yn eynem groben stuck Luther 32, 235 W.; das ob ein mensch gleich strauchlet mit groben wercken ebda 24, 593; redensartlich wird: was von himel fellt, das ist teuffelisch; was auff erden strauchelt, ist menschlich ders., tischr. 3, 298 W. straucheln steht häufig neben fallen, ohne wesentlichen unterschied in der bedeutung: die christen selb hie auff erden, so rein nicht weren sein, sie weren bisz weylen straucheln und fallen Luther 52, 131 W.; ob ich gleych eynn wenig gestrauchelt hab und gefallen ebda 11, 23. auf der anderen seite wird es deutlich von ihm geschieden: denn so es so grossen, trefflichen leuten, denen wir unser lebtag nicht gleich werden, gefehlet hat, das sie gestrauchlet unnd bisz weylen gar gefallen sind Luther 52, 674 W.
c)
der spätere gebrauch greift über das religiöse gebiet weit hinaus. straucheln kann auch vom verstosz gegen die guten sitten, gegen herkommen und ordnung stehen: da ich als ein mensch gestrauchelt vnd gejrret hette, hab ich meine feil oder schalckheit nicht beschönet oder zugedeckt, oder meine missethat verborgen Mathesius Sarepta (1578) 19ᵇ; die dritte lehr ist, das kein mensch so weis und verstendig ist, der zuweilen nit strauchel und falle Riccius Terentii comödia Andria (1586) 403; die menschliche schwachheit mehr zum bösen geneiget ist vnd leichtlich in worten strauchelt J. Arnd nachf. Christi (1631) 7;
noch eins: man schone nicht! wer strauchelt, den stosz nieder!
wer frevelt, der vergeh
Gryphius trauersp. 413 lit. ver.;
der menschen bester ist, wer selten strauchelt,
ihr edelster, wer bald vom fall aufsteht
Herder 18, 294 S.;
der verachtung keuscher matronen, die stolz herab auf die gestrauchelte blicken ..., preis geben? Meissner Alcibiades (1781) 2, 104; steht es so mit uns, dasz die lehre des christenthums, den strauchelnden durch beispiel zu warnen, zu einem politischen vergehen darf gestempelt werden? J. Grimm kl. schr. (1864) 1, 42; wir hätten nur durch eine lange erfahrung und durch gar vieles straucheln uns einige moralische grundsätze erwerben können Fichte s. w. (1845) 4, 209. allgemein 'sich etwas zuschulden kommen lassen, straffällig werden': seit 35 jahren ist der wachtmeister ohne zu straucheln im dienst Berliner ztg. von 1948; diese verwendung findet sich auch schon in älterer zeit: (seeleute sollen) auch ... iren gang ... in bedencken nemmen und sich versehen, dasz sie nit über bort tretten, das ist, wider ire vorgeschriebene puncten dem articulsbrieff eynverleibet, straucheln Kirchhof wendunmuth 1, 128 Öst.; erstlich bewegt sie (die bauern) die furcht, dasz sie von dem, so sie verachten, da sie etwa strauchelten, desto herterer ... gezwackt würden ebda 1, 79. vgl.: wider das gesetz straucheln Berndt sles. id. 136.
2)
als fehltritt auf intellektuellem gebiet.
a)
auch dieser gebrauch setzt mit Luther ein: da wird nemo erfunden, qui non darin strauchel mit dem thun und reden (in den glaubenssachen) w. 47, 732 W.; der text ist hie finster, das ist seer ebreisch, darumb haben viel drynnen gestrauchelt ebda 19, 426; daher auch: 'lemmer' ibi noster textus hat gestrauchelt Luther 16, 168 W. die häufige verbindung mit irren zeigt die annäherung beider verben in der bedeutung: es ist gar keyn wunder, das die lieben heyligen hyrinnen (in der erkenntnis Christi) strauchelt und geyrret haben Luther 10, 1, 1, 580 W.; das kreuz der kinder gottes ist, dasz sie sehen, dasz sie in sich selber in eigenem vernunftleben nichts als straucheln und irren können J. Böhme s. w. 5, 368 Schiebler; der kirchenconcilien auffsaͤtz ... ohn welche alle concilien irren und strauchlen mögen Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 29.
b)
allgemein vom irrtum in auffassung und darstellung eines sachverhaltes: so nun jhre gelehrten in Babylon also gestrauchlet und geirrt haben, wirt das gemein volck auch gewiszlich ihnen nachgefolgt sein Crocius Daniel (1560) 14ᵃ; in welchem (berichte) Fabricius abermals gestrauchelt, denn erstlich solche schenckung nicht nach Dedorus todte, sondern nach Heinrich des eltern, von keiser Henrico V. geschehen Albinus meisznische land- und bergchron. (1589) 123; allein wer siehet nicht, dasz Witikindus, der viel andere historicos auf gleichen irrthum gebracht, allhier strauchle, und zwey Ludovicos mit einander verwechsele Hahn staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 1, 300; dasz wir in die offenbarsten fehlschlüsse verfallen, sobald wir die actionisten oder bürger mit dem menschen oder christen verwechseln. hier strauchelt oft der gröszte philosoph J. Möser s. w. (1842) 3, 292; er wollte auch diese (astronomische frage) erklären, und der grosze mann ... strauchelte Lichtenberg verm. schr. (1800) 6, 109. üblich ist die verbindung mit vernunft, verstand usw.:
wie leichtlich strauchelt die vernunfft
J. Chr. Günther ged. (1735) 12;
hierauf ergreift er oft aus strauchelndem verstand
des kranken linkes knie (der wunderdoktor)
Triller poet. betracht. (1750) 3, 430;
so strauchelt die vernunft; wie leicht wird sie besiegt,
wenn eigne leidenschaft, und fremde mit ihr kriegt
Löwen schr. (1765) 1, 36.
auch: wenn er (der mönch) sich die formel (das credo) aufsagen liesz und das gedächtnis des armen sünders auch nicht strauchelte Musäus volksmärchen 1, 28 Hempel.
c)
nahe steht straucheln im sinne von 'zweifeln': nimer mer helt so fest ein christ an seinem Christo, als ein Jud oder schwermer auff seiner lehr helt, denn ob woll ein christ auch dabei bleibet bis inn todt, doch strauchelt er offt vnd beginnet zu zweiffeln Luther tischr. 5, 248 W.;
o menschenkind, betracht es recht
und strauchle nicht, dieweil so schlecht,
so elend scheint disz kindelein
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 438ᵇ.
diese bedeutung begegnet mundartlich im schwäbischen: straucheln an einer sache zweifeln, sie bezweifeln; ich strauchle dran; ich habe immer gestrauchlet, obs auch wahr sei Fischer 5, 1834; ebda auch das wetter strauchlet 'ist unsicher'.
3)
in der rede, mit dem wort straucheln im sprechen anstoszen, stocken: dann wer ist der, des zungen nie strauchlet? Entfelder v. d. manigfaltigen im glauben zerspaltungen (1530) E 7ᵇ; wz er jm gemein geschriben het, des gabe er für und von sich, das thet er auch so trewlich, daz jm nicht ein wörtlin abgieng oder strauchlet, redet daher als hett er vor jm in ainem buͦch geschriben St. Vigilius de rebus memorandis (1541) 14ᵃ; subtile redener am meisten straucheln Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) ff 1ᵃ
die zunge sollt' in heft'ger rede straucheln,
die augen wie geschlagne kiesel sprühn
(my tongue should stumble in mine earnest words)
Shakespeare 8 (1801) 107;
wenn er (der pfarrer) so gemein menschlich strauchelt und stecken bleibt (bei der predigt) H. Laube ges. schr. (1875) 1, 82. sprichwörtlich: besser mit den füssen als mit der zungen strauchelen Zinkgref apophthegmata 1 (1628) 428. in der älteren rechtssprache 'sich bei der eidesformel versprechen': ab eyn man sweren sal vor gerichte unde wirt fellig an deme eyde ader strawchilt mit worten an dem nochsprechen Madgeburger fragen 139 Behrend; wenn einer nur in einem wort strauchelte, oder es anders auszredte, denn es jm fürgesprochen war, so dorfft er seine gantze sache ... darüber verschertzen vnd verlieren theatrum diabol. (1575) 494ᵃ; vgl. im urteil sprechen haben sie gestrauchelt S. Franck bei Fischer schwäb. 5, 1834; eine warnung liegt gleichfalls in dem straucheln des auspicanten, in dem versprechen bei dem vortrag der stehenden formeln Mommsen röm. staatsrecht (1871) 1, 12.
straucheln vb.
Fundstelle: Lfg. 7 (1956), Bd. X,III (1957), Sp. 986, Z. 55
'den schnupfen haben' Stalder 2, 407; strûchla 'kränkeln' Tobler Appenzell 416, vgl. ⁴strauchen und strauche 'katarrh'.
Zitationshilfe
„straucheln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/straucheln>, abgerufen am 13.12.2019.

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