Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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streng, adj.

streng, adj.
herkunft und form. gemeingermanisches, doch got. nicht belegtes wurzeladjektiv zu einer nasalierten gutturalbildung *strenk-, *streng- der idg. wz. *ster- 'starr, steif' (vgl. Walde-Pokorny 2, 650; Falk-Torp norw.-dän. etym. wb. 1179; Jóhannesson isl. etym. wb. 886). zu derselben basis *sterk-, *sterg- gehören u. a. stark und strack, zur nasalierten form ¹strang und strunk sowie auszergerm. gr. στραγγός 'gedreht', ir. sreang 'strick, strang', lett. stringu, stringt 'stramm werden', lat. stringo, -ere 'zusammenziehen, schnüren', s. Walde-Pokorny, Falk-Torp, Jóhannesson a. a. o. ableitungen des wortes sind an. strengja 'festbinden, schlieszen; streng machen' (nnorw. strengja 'straff ziehen, zwingen'), ags. gestrengan 'stärken', mhd. nhd. strengen, vb., 'stark machen, verstärken, zusammenziehen' (s. u.). das adjektiv begegnet im germ. verschiedentlich in doppelformen, teils als a/ō-stamm, teils als ja/jō-stamm. so stehen nebeneinander ahd. strang neben strengi, mhd. strang neben strenge (s. u.); ags. strang und strong (a mit o wechselnd vor nasal) 'stark, mächtig, streng, hart' neben strenge 'streng'; nl. strang (wb. d. nl. taal 15, 2135) neben streng 'stramm, genau, streng' (ebda 2190); neunorw. strang 'scharf (vom geschmack u. geruch)' neben streng 'streng' (Falk-Torp a. a. o.); as. strang 'stark' an. strangr 'streng, heftig' gegenüber mnd. strenge 'straff, eng, tapfer, hart, streng', schwed. sträng 'streng'. diese doppelbildungen legen die möglichkeit nahe, den a- bzw. ja-stamm (wie ihn Falk-Torp a. a. o. und Franck-v. Wijk 675 ansetzen) auf einen älteren u-stamm (so Kluge nominale stammbildungslehre § 181; Sievers-Brunner ags. gr. § 303 anm. 2; wb. d. nl. taal 15, 2135 s. v. strang; als vermutung Franck-v. Wijk a. a. o.) oder i-stamm (beide möglichkeiten lassen zu Braune ahd. gr. § 251 anm. 1; Wilmanns dt. gr. 2, § 307 anm.) zurückzuführen. im hd. überwiegt die form ahd. strengi, mhd. strenge nhd. streng(e), doch bleibt neben dem von hause aus umlautlosen adverb ahd. strango, mhd. strange eine attributive form strang bis in nhd. zeit hinein bewahrt, vgl. ahd. baccum uinum strangi uuin, stranh uuin ahd. gl. 1, 56, 19 St.-S.; uualdendeo strango (dominator fortis) Isidor 14, 15 Hench; Leidener Williram 72, 21; mhd. stranc, strange mhd. wb. 2, 2, 675; Lexer 2, 1231 sowie Schmeller-Fr. bayer. 2, 816; für das nhd. vgl. ein junk-frauangsicht strang Hans Sachs 7, 450 lit. ver.; mit strangen augen Harsdörffer gesprächsp. 2 (1657) 134; stranges obst, stranger wein Kramer t.-ital. 2 (1702) 997ᵇ. auslautendes -e der unflektierten formahd. -i) bzw. des adverbsahd. -o) bleibt bis zur gegenwart neben häufigerer endungsloser form erhalten.
bedeutung und gebrauch.
1)
die ausgangsbedeutung des wortes ist 'stark, kampftüchtig, tapfer' (I A). sie beherrscht den gesamten althochdeutschen, auch in gröszerem umfange den mittelhochdeutschen gebrauch des wortes und reicht, besonders in anredeformeln (strenger herr), weit ins neuhochdeutsche herunter.
2)
die ausbildung des verzweigten frühneuhochdeutschen wortgebrauches (II) wirdbereits im ahd. beginnenddadurch eingeleitet, dasz streng von der bedeutung 'stark' aus in mehrere unterschiedliche verwendungsbereiche eintritt, in denen es einem wandel vom steigernden (adverbialem 'sehr' entsprechenden) zum charakterisierenden beiwort unterliegt. so nimmt streng bei wörtern des zornigen affekts die bedeutung 'grimmig' an, in der es schon im as. zu neutralem hugi treten kann (I B 2). in verbindungen wie strenge not, strenge pein gewinnt das adjektiv den sinn von 'acerbus, hart, peinvoll' (II A 1), so dasz bald fügungen wie strenge zeit möglich werden. über 'beschwerlich' schlieszt sich hieran die bedeutung 'schwierig' (II A 2), die zugleich durch anwendung der bedeutung 'unnachgiebig' (vgl. III A) auf gegenstände, die der bearbeitung schwierigkeiten bieten, verstärkt wird (s. besonders streng vom ackerboden und von schwerflieszenden erzen unter II A 2 b). anwendungen auf ausdrücke des strömens lassen die bedeutung 'schnellflieszend, reiszend' (II B 1) aufkommen, in der streng seit dem beginn des nhd. bei konkreten gewässerbezeichnungen erscheint (strenger bach). wenig später folgen entsprechende verwendungen für die menschliche fortbewegung ('scharf, schnell', von lauf, ritt und fahrt, II B 2) und für das wehen des windes ('scharf, heftig' II B 3). daneben gewinnt auch der allgemein verstärkende gebrauch des wortes mit der bedeutung 'assiduus, intensiv und beständig' im frühnhd. weite verbreitung (II C). in etwas jüngerer entwicklung entstehen sodann, teils an die bedeutung 'acerbus', teils an die intensivierende geltung des wortes anknüpfend, die bedeutungen 'straff, eng, knapp', von fessel, gürtel, kleidung usw. (II D l); 'pausenlos' besonders vom beschusz (II D 2); ferner die verbindung strenges gift (II D 3) sowie anwendungen auf feuer und hitze (II D 4), kälte und witterung ('rauh, herb, kalt', II D 5), geschmack und geruch ('herb, scharf, adstringierend', II D 6) und auf licht und farben ('scharf, grell', II D 7). die meisten dieser anwendungen sind im jüngeren nhd. wieder untergegangen. in der gemeinsprache der gegenwart halten sich lediglich die spät entwickelten bedeutungen II D 5 und 6 sowie reste der verwendungen II B 2 ('scharf, schnell') und II D 1 ('straff, eng, knapp').
3)
die im jüngeren nhd. durchaus vorherrschende bedeutung 'severus' (III) entwickelt sich aus verschiedenen ansatzpunkten schon im frühnhd. und nimmt seitdem ständig an verbreitung zu. dem modernen wortsinne angenäherte gebrauchsweisen finden sich schon früh in der bedeutung 'heftig, grimmig' (I B) sowie in der (aus einer sinnverlagerung von 'fortis' zu 'tenax' herzuleitenden) bedeutung 'unnachgiebig' (s. III A). hiermit verbinden sich zwei weitere entwicklungszweige des wortes. von der bedeutung 'acerbus, peinvoll' aus wird streng einerseits auf strafe, gericht und urteil angewendet und erleidet hierinfolge einer verschiebung des aspekts auf die rechtshandhabung und den strafwillen des richterseinen bedeutungswandel zu 'unnachsichtig, unerbittlich, severus' mit dem nebensinn des gerechtfertigten und der rechtsordnung dienenden vorgehens (III A 1). andererseits tritt streng, gleichfalls mit der bedeutung 'acerbus', in verbindungen wie strenges leben, strenger orden, jmdn streng halten ein, wo es zunächst die härte der (mönchischen) lebensweise, bald aber auch deren zuchtvollen, der zucht unterworfenen charakter bezeichnet (III A 2).
a)
aus der verbindung der bedeutung 'hart, grimmig, unerbittlich' mit den genannten bedeutungsmomenten des gerechten, einer ordnung dienenden vorgehens sowie der geforderten und innegehaltenen zucht entwickelt sich nun der dem jüngeren nhd. eigene wortsinn. in verzweigtem gebrauch bezeichnet streng eine obrigkeitliche, erzieherische, in kritik und urteil gewahrte oder im menschlichen umgang eingenommene haltung der härte oder entschiedenen festigkeit, mit der die einhaltung von ordnung, zucht und sittlichem oder gesellschaftlichem wohlverhalten gefordert oder in der eigenen lebensführung geübt wird (III B).
b)
als ein seitenzweig der bedeutung 'severus' entsteht der wortsinn 'genau, strikt, entschieden' (III C). den ausgangspunkt bilden verbindungen wie streng auf etwas halten und anwendungen auf gebot und verbot, wobei sich zu der bedeutung 'severus', 'nachdrücklich befolgung fordernd' bald die vorstellung der strikten innehaltung gesellt, deren ausbildung durch weitere wortverbindungen fortgeführt wird (III C 1). gegen ende des 18. jhs. ist die bedeutung 'unbedingt, strikt, genau' (z. b. streng genommen, strenges geheimnis, streng im takte) völlig ausgebildet und in vielfältigen anwendungen gebräuchlich (III C 2). eine variante der bedeutung 'genau' entsteht aus verwendungen, in denen streng nicht allein die genaue innehaltung einer vorschrift usw., sondern auch deren extreme durchführung bezeichnen kann, wie in der verbindung strenge fasten. hieraus entwickelt sich über wendungen wie strenge redlichkeit, streng katholisch usw. ein anwendungsgebiet, in dem streng überhaupt den unbedingten, konsequentesten geltungsgrad des ihm zugeordneten begriffes andeutet (III C 3), z. b. im strengen sinne des wortes, strenge form des rechts, strenge aristokratie (abstr.). weitere abwandlungen der bedeutung beziehen sich auf exaktheit und stringenz wissenschaftlicher verfahrensweisen oder auf den entschiedenen ausbildungsgrad von form- oder entwicklungstendenzen (III C 4).
c)
durch physiognomische auffassung sinnlicher eindrücke kommt es zu anwendungen, in denen bestimmten künstlerischen gestaltungstendenzen, die durch die merkmale des straffen, herben, schlichten und ernsten ausgezeichnet sind, der ausdruckswert streng beigelegt wird. ähnlicher gebrauch findet sich auch für auszerkünstlerische gegenstände, besonders für die kleidung oder die äuszere gesamterscheinung eines menschen (III D).
I.
auf der ausgangsbedeutung 'stark, kampftüchtig' beruhen alle ahd. verwendungen des wortes teils unmittelbar, teils in noch frischer übertragung (vgl.B 2 und II). die ahd. glossographie bietet streng hauptsächlich für fortis ahd. gl. 1, 8, 8; 126, 27; 172, 14; 266, 26 St.-S. potentes saeculi uel fortes mahtike uueralti edho strenke 1, 201, 39 St.-S. und robustus ahd. gl. 1, 242, 6; 312, 21; 4, 18, 9 St.-S. ferner begegnet uirago strankiu ahd. gl. 1, 266, 25; strengista uuip 4, 24, 8 St.-S.
A.
'robustus, fortis, strenuus'.
1)
der ältere sprachgebrauch umfaszt ohne erkennbare differenzierung die bedeutungen 'stark, gewaltig, mächtig' und 'kampftüchtig, tapfer': chindh uuirdit uns chiboran, sunu uuirdit uns chigheban ... endi uuirdit siin namo chinemnit uundarliih chirado, got strengi, fater dhera zuohaldun uueraldi, frido herosto (deus fortis, pater futuri seculi, princeps pacis, zu Jes. 9, 6) Isidor 22, 12 Hench;
that iru an them sîda   sunu ôdan uuard,
giboran an Bethleem   barno strangost,
allaro cuningo craftigost
Heliand 370;
ih toufu iuuih in uuazzare in riuuua; thie after mir zuouuart ist, ther ist mir strengiro, thes ni bim uuirdig giscuohu zi traganne (qui autem post me venturus est, fortior me est, zu Matth. 3, 11) Tatian 13, 23 Sievers;
ni bium ic mid uuihti gilîh
drohtine minumu:   he is mid is dâdiun sô strang,
sô mâri endi sô mahtig ...
... that ic thes uuirdig ni bium,
that ic môti an is giscuoha ...
... theo reomon antbindan
Heliand 936;
odo vvuo mag einig ingangan in hus strenges inti sinu uaz gineman in thiu her anagitruuueta, nibi her er gibinte then strengon, inti thanne sin hus imo binimit? (aut quomodo potest quisquam intrare in domo fortis et vasa eius diripere in quibus confidebat, nisi prius alligaverit fortem et tunc domum illius diripiat?, zu Matth. 12, 29) Tatian 62, 6 Sievers;
sie fuorent guote wîhgare
helethe alsô strange
Rolandslied 7827 Bartsch;
da sahen sie ein dir eslich
...
daz cumberliche ve
hatte zwene uuze lange
vnde vlugele strange,
den hals lanc unde breit
Tundalus in: C. Kraus dt. ged. d. 12. jhs. XI 402;
Segramors wære gestochen abe,
unt dort ûze hielt ein strenger knabe,
der gerte tjoste reht als ê
Wolfram v. Eschenbach Parzival 290, 6 L.;
wan ritterschaft, also man seit,
diu muoz ie von der kintheit
nemen ir anegenge
oder si wirt selten strenge
Gottfried v. Straszburg Tristan 4420 Ranke;
Cis dem was ze sune irchorn
ein sun der was Saul genant,
ein jungir degin vrech irchant,
vester unde strengir:
von der ahsil uf lengir
was er danne ieman were do
Rudolf v. Ems weltchron. 22 711 Ehrismann;
den rîchen was er (Hektor) ebenrîch
und ebenstrenge an guote
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 40 807 Keller;
do sach er da sten einen strengen iungeling der was dannoch vngetovft dt. pred. d. 13. u. 14. jhs. 80 Leyser;
Monagris waz strenge,
Paris unmassen genge
Göttweiger Trojanerkrieg 8413 Koppitz;
gleich wie ein strenger adler scheuszt,
so jn des nidern orts vertreuszt,
vnd mit gewalt den lufft durchtringt,
so er die weiten flügel schwingt
C. Scheit frölich heimfahrt 723 Strauch.
in der verbindung strenge macht:
dîn sêle wirt mit strenger maht
gezücket von dem lîbe dir
Konrad v. Würzburg Silvester 364 Gereke;
mit mynnenclichen benden,
die du kanst, Mynne, senden
mit strenger krefte dair du wolt
mhd. minnereden 2, 154 Thiele;
den hält die strenge macht der stoltzen lieb im zwang
Gryphius trauersp. 185 lit. ver.
2)
während die bedeutung 'stark, gewaltig' seit dem beginn des frühnhd. zurücktritt, wird streng für 'kampftüchtig, tapfer, tatkräftig' zur gleichen zeit häufiger und hält sich bis weit ins 17. jh., in der formelhaften verbindung strenge hand bis ins 18. jh. hinein: ein enicklein des gar strengen streiter Caroli Martelli (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 59; Abacuk ein starcker vnd strenger kempher der stet auf seiner huͦt erste dt. bibel 3, 26 Kurr.; ain lehenman des küngs von Swabenland ... zu allen gutten hendeln kekk, nottvest und streng Oheim Reichenauer chron. 58 lit. ver.; diser Albertus wasz ain sun kinig Rudolphs und gar ain streng und streytparer man, thet vil ritterlicher that (1531) Knebel chron. v. Kaisheim 103 lit. ver.; jedoch, so hat Brutus den son Ciceronis ... zu jm genommen, ... und gar einen strengen ritter ausz jm gemacht Xylander Plutarch (1580) 355ᵃ; seine (kaiser Maximilians) andre tugenden nicht mit schweigen zuübergehen, so ware er zwar kühn und streng zum uberwinden, aber auch sanfftmütig zum verschonen Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 163. in der wendung strenge tapferkeit:
als wie dir kein ding nicht mehr behagt,
dann strenge tapfferkeit, darzu du bist gebohren
Opitz opera (1689) 1, 13;
der uhralten Teutschen redlichkeit, fleissiges und strenges tapferseyn Schottel haubtspr. (1663) 5;
ihrer (der Deutschen) strengen tapferkeit
war kein land zu stark und weit
Gottsched neueste ged. (1750) 49;
o Tallard! lern in dieser schlacht
die löwenstärke deutscher macht,
die strenge munterkeit der brittischen schwadronen
ders., ged. (1751) 1, 20.
ebenso in der verb indung strenge faust, strenge hand: dasz das königreich von rechts wegen keinem andern zugehörig, vnd er selbst mit verstendigem rath vnd strenger faust zu regiren taugentlich (1569) Amadis 1, 46 lit. ver.;
dann als ihn (Ajax) die Minerva auch
vermahnt mitten ins feindes henden,
dasz er sein strenge faust solt wenden (sich zurückziehen),
da schnaut er sie ahn an dem ort
(1608) Spangenberg griech. dramen 2, 100 Dähnhardt;
Astrachan ... du grentzstadt der Nagajen ... und deiner Reussen auch, die dich mit strenger hand den Tartern abgejaget Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 129;
im felde schlägt die strenge hand,
im rathe weis er mit verstand
der bundsgenossen heil zu fördern und zu schützen
Gottsched neueste ged. (1750) 21;
da die Römer, da die Griechen,
ihrer (der Brennen) strengen faust gewichen
Neukirch ged. (1744) 3.
auch 'rührig, arbeitsam':
allda musz sie mit strenger handt
arbeyten, nehen, spinnen, weben
Spreng Ilias (1610) 2ᵃ.
3)
von hier aus wird das wort zu einem sehr gebräuchlichen bestandteil der titulatur zunächst ritterlicher, bald aber auch sonstiger standespersonen; vgl. strenger juncker monsieur, c'est le tiltre d'un gentil homme Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1618) 313ᵃ; streng mà hoggi, titolo di nobile in concreto Kramer t.-ital. 2 (1702) 1011ᵃ; streng herr diesen titel giebt der gemeine mann den advokaten, kanzelisten, sekretärs, beamten, die den rathstitel nicht haben oder keine herren 'von' sind Zaupser baier. id. (1789) 74: desir vorgeschreben dinge sint gezuge dy strengin erberen lude her Dithmar Sweyme eyn ritter, herr Mengos von Deckinbach eyn knappe (1325) hess. urkundenb. 2, 368 Wyss-Reimer; also daz der burggrebe von Rinecke einen frigen irstach einen erbern strengen ritter doit (14. jh.) Tilemann v. Wolfhagen Limburger chron. 65 Wyss; der schulde halb, so der edel und strenge her Hanns von Clingenberg, ritter, und ir mir ... schuldig sind (1455) privatbr. d. mittelalters 1, 366 Steinhausen; denn strengen ernuesten fursichtigen vnd weysen meister vnd rat der stat Strasburg U. v. Hutten opera 2, 86 Böcking;
o strenge riterschafte
ganz deutscher nacion
ueb riterliche krafte
an ungerischer kron
(1542) Hans Sachs 22, 375 G.;
strenger lieber herr und vatter, sagt er, ich bitt, wöllet semlichen unmut fallen lassen (1554) Wickram w. 2, 77 lit. ver.; wer ... am närrischten auffzeucht, der wird am meisten geehrt vnd ein gnädiger herr oder ein strenger juncker gescholten Albertinus hirnschleiffer (1664) 92; strenge frau, sagte Isidoro, ich habe nicht gespielet Zendorius teutsche winternächte (1682) 66. später nur noch archaisierend: mein wertister strenger hr. Hanns Jacob (Bodmer) Schwabe tintenfässl (1745) 30.
B.
'saevus'.
1)
bei wörtern des kriegerischen verhaltens.
a)
als beiwort zu ausdrücken des kämpfens nimmt streng von 'stark, gewaltig' aus vielfach den nebensinn 'heftig, grimmig, ungestüm' an:
daz ich von ev beiden ie vertrvc kein striten also strange
d. jüng. Titurel 4789, 2 Hahn;
dar nâch kriegte herzoge Liutpold von Oesterrîch streng und vast ûf künig Ludwîgen unt tet im als nôt und als wê mit krieg, daz er sînen bruoder ... ûz der gefangnus lauzen muost (15. jh.) Zürich. jahrb. 64, 4; aber sie erholeten sich bald ... vnd fiengen solchen strengen vnd harten streit an, dasz es gantz zum ärgsten gerahten, wo nit die, so hülff vom Gandales begeret, sich zwischen sie verfügt hette (1569) Amadis 1, 35 lit. ver.; morgens haben beide kriegshör ... ein strenge schlacht gethan Falckner frantzös. chron. (1572) 1, 145; das gefächt ward streng Stumpf Schweizerchron. (1606) 696ᵃ;
dass leider wir zu schwach, mit stets-bewehrter hand
der Türcken nachbarschafft, der Persen strenges kämpffen,
die uns von ost und west umpfählen, recht zu dämpffen
Gryphius trauersp. 200 lit. ver.;
es rüstet sich darauf das eingetheilte heer
zum anfall und zugleich zur strengen gegenwehr
Pietsch geb. schr. (1740) 11;
wenn dein bewehrter arm, in mancher strengen schlacht,
die völker angeführt
Gottsched ged. (1751) 1, 377.
b)
entschieden im sinne von 'saevus' kennzeichnet streng die wilde kriegerische gesinnung oder mordbrennerische handlungen:
dann zwar streng ist der kriegszleut muͤt,
die nicht verschonen weib noch kind
(1553) Scheit frölich heimfart 330 Strauch;
ein fürst, der ein grausamer und strenger kriegsman was (1556) J. Frey gartenges. 65 Bolte; darneben dann zum schrecken an vielen orten etwas streng gehauset und fast alles nider gehawet worden Ensz fama Austriaca (1627) 234ᵇ;
schämt euch, ihr krieger strenger art!
was soll das wüthen, brennen, morden?
wo keine sanftmuth sich mit tapfern fäusten paart,
so gleicht ihr wilden Tartarhorden
Gottsched ged. (1751) 1, 24;
das strenge heidenvolk Fleming dt. ged. 1, 122 lit. ver.dagegen an 'severus' (III) angenähert: der gar ein strenge herre was sinen figenden, want he di mit groszem volke, rittern unde knechten, alle zit oberreit (14. jh.) Tilemann v. Wolfshagen Limburger chron. 87 Wyss;
der Lucius Valerius
und der Marcus Horacius!
der gschlecht und die sind allzeyt gütig,
der gmein gewegen und senfftmütig,
...
den feinden ritterlich und streng
und holdselig der bürger meng
(1530) Hans Sachs 2, 17 lit. ver.
2)
andererseits entwickelt sich die bedeutung 'grimmig' schon früh aus intensivierendem gebrauch für 'stark, heftig' (vgl. II) bei ausdrücken der feindseligen gesinnung und des zornigen affekts; im as. findet sich streng 'feindselig' (wie gleichbed. stark) bereits bei neutralem hugi:
thann quâmun eft fan Kaina   kraftaga liudi,
helidos hardmuoda,   habdun im hugi strangan,
uurêdan uuillean,   ni uueldun uualdandas
lêra lêstian,   ac habdun im lêdan strîd
as. genesis 120;
tho zalt in thiu sin guati   thio selbun arabeiti,
thie sie scoltun rinan   thuruh namon sinan;
manno haz ouh managan   ubar sie gileganan,
nid filu strengan,   so fram sie iz mugun bringan
Otfrid IV 7, 16;
uuanta mîn minna ist samo stark, so der tôd ingegen dich; ist abo dîn nîth samo strenge, so diu hella ingegen mich (dura sicut infernus aemulatio) Williram 137, 4 Seemüller;
den orsen wart erzeiget
vil strenger unde grimmer zorn.
si wurden sêre mit den sporn
eht aber dô gezwicket
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 35 951 Keller;
strenger und erschrecklicher zorn gottes Luther tischr. 6, 33 W.;
sol Chach denn, höchste lust! ach! sol dich Chach denn lassen?
verdienet seine gunst nichts als ein strenges hassen?
Gryphius trauersp. 191 lit. ver.;
so wird auch gottes strenger zorn
durch diese fluth gestillet
Joh. Bornschürer in: evang. kirchenlied d. 17. jhs. 4, 268 Fischer-Tümpel;
warum verzehret uns der zwietracht strenge wuth
Gottsched dt. schaubühne (1741) 1, 14;
so mag er wohl den strengen zorn besiegen,
groszmüthig schenkt er dein verwirktes leben
Tieck schr. (1828) 1, 315.
zur metaphorischen anwendung auf rauhe witterung vgl. II D 5:
da oft mit strenger wuth
noch wind und fröste wüthen
Becker mildh. liederb. (1799) 17;
nun aber bei des winters strengem wüthen
die zarten frühlingskinder sind erfroren
Rückert ges. poet. w. (1867) 2, 68.
3)
auszerhalb dieser sachbereiche begegnet streng im sinne von 'grimmig, wild' nur sporadisch: seind auch von beiden arten (der bienen) etliche wild: aber die wilden seind allzeit strenger vnnd mörderischer Fischart binenkorb (1588) 263ᵃ;
ihr mustet weiter fort, gott weisz mit was für grauen,
und euer furchtsams heyl der strengen see vertrauen
Fleming in: persian. reisebeschr. (1696) 1, 43;
man kan die schlange selbst durch güte so bewegen,
dass sie die grause gifft pflegt von sich abzulegen.
der wilden hölen zucht, der strengen löwen art,
und was die wüste klipp in ihrem schosz verwahrt,
legt, wenn der linde mensch es nicht zu rauhe handelt,
die grimmig unarth ab und wird in zahm verwandelt
Gryphius trauersp. 65 lit. ver.
vielleicht hierher: dat gewitter kümmt von osten hoch, dat ward streng Mensing schlesw.-holst. wb. 4, 884.
II.
schon zu beginn der überlieferung finden sich anwendungen des wortes, in denen es von der bedeutung 'stark' aus als verstärkendes beiwort auf die unterschiedlichsten zusammenhänge bezogen wird, ohne dasz sich zunächst einzelne dieser verwendungen zu einem festen gebrauch zusammenschlieszen: baccum uinum strangi uuin (Pa.), stranh uuin (gl. K.) ahd. gl. 1, 56, 19 St.-S.; uuard hungar strengi in thero lantscefi (facta est fames valida Luc. 15, 14) Tatian 97, 2 Sievers;
ic hebbiu fon is uuorde mid mi
stranga stemna,   thoh si hêr ni uuillie forstandan filo
uuerodes an thesaro uuôstunni
Heliand 934;
hugi uuard giblôdid
then idison an egison: ne mahtun an thia engilos godes tuo
bi themo uulite scauuon: uuas im thiu uuânami te strang,
te suidi te sehanne
ebda 5846;
diu strengeren lâchen dînero redo (remedia quę dicebas paulo esse acriora) Notker 1, 126, 19 Piper; in handegên hungeriâren strenge chornchouf in Campania unde ubelêr zegeuuerenne unde dîa selbûn gebûrda erarmen sulendêr (tempore acerbę famis grauis atque inexplicabilis coemptio Campaniam prouintiam profligatura inopia) ebda 1, 27, 1;
sô manz ie schowet lenger,
sô wirt diu girde ie strenger
gegen dem antlütze
Lamprecht v. Regensburg tohter v. Syon 3950 Weinhold;
nw was Bremunds wunde so lanck,
so wyt, so grois, so stranck,
dat de artzeder swaren,
kome bynnen eyme jare
Bremunde de wonde moecht en heil
Karlmeinet 45, 39 Keller.
seit dem mhd. auch 'heftig, intensiv' bei verben (vgl. I B 1):
sus stuont sie unlange dâ,
unz sie der wint aber sâ
sô strange begunde rüeren
Heinrich v. d. Türlin crône 25 084;
nv waren ovch die cristen   eins herren niht vnlange,
wan sie mit valschen listen   wurben wider die gebot so strang,
daz sie den gral zv vnrehte   wolten erstriten
jüng. Titurel 475, 3.
dieser intensivierende gebrauch des wortes setzt sich im frühnhd. in abgewandelter form fort (s. u.C). daneben durchläuft streng seit dem mhd. in mehreren verwendungsbereichen eine entwicklung vom blosz steigernden zum spezifisch charakterisierenden beiwort (s. den gleichen vorgang bereits unter I B 2). durch weitere verzweigung dieser gebrauchsweisen entsteht im frühnhd. eine reihe sehr unterschiedlicher bedeutungen, von denen jedoch die wenigsten das 18. jh. überdauern.
A.
hart, rauh, peinvoll; beschwerlich, schwierig.
1)
als attribut zu not, pein schmerz und verwandten begriffen wandelt streng seine bedeutung von 'stark, heftig' zu 'acerbus, pein bereitend, hart, rauh' (anwendungen auf strafe, gericht und urteil sowie auf gefangenschaft und sklaverei s. unter III A 1, strenge arbeit unter III B 10):
sîne gedanke umben grâl
unt der küngîn glîchiu mâl,
iedwederz was ein strengiu nôt:
an im wac für der minnen lôt
Wolfram v. Eschenbach Parzival 296, 7 L.;
der tot diz leben im gebot
und diz strenge ungemach
Ulrich v. Türheim Rennewart 34 323 Hübner;
nah den suͤszen jaren
kamen schiere, das ist war,
diu dürren, strengen hunger jar,
dü allen landen fuͤgten leit
mit klaglichir erbeit
Rudolf v. Ems weltchron. 7479 Ehrismann;
daz er als ein bilgerîn
vil strengen und vil swæren pîn
truoc in dem ellende
Konrad v. Würzburg Alexius 758 Gereke;
das strenge vnnd vnaussprechliche vnglück Schumann nachtbüchlein 3 Bolte;
das im gleich ist die welt zu eng
in solchen nöten hart und streng
(1562) Hans Sachs 18, 115 lit. ver.;
(der schwer verwundete Tristan sendet zu Isolde:) bring jhr diesen ring zum warzeichen, dasz sie dabey erkenn vnd sehe meinen grossen ernst vnd strenge not buch d. liebe (1587) 106ᶜ;
ach reisz das land aus hungers-plagen,
errette die, so rauh und blind,
zu strenger quaal verwiesen sind,
herr! oder hilff das elend tragen!
Gryphius trauersp. 785 lit. ver.;
die sich verleiten lassen,
was müssen sie erfassen?
die strenge seelenpein
Simon Dach in: Königsb. dichterkreis 74 ndr.;
dem, so strenger grahm besteiget,
ist poesie nicht geneiget
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 16.
der gebrauch ist besonders im mhd. sehr verbreitet, vgl. noch streng als beiwort zu sorge Wolfram v. Eschenbach lieder 9, 3; zadel Parzival 190, 8; jâmer Rudolf v. Ems weltchron. 9449 E.; swære Konrad v. Würzburg Silvester 969 G.; marter ebda 345; ungehabe ders., trojan. krieg 13 301 K.; smerz ders., Alexius 390 G. in der anwendung auf krankheit und körperliche schmerzen bleibt die intensivierende bedeutung 'stark, schwer, heftig' wohl meist bewahrt; vgl. valetudo grauescit die kranckheit nimpt zu oder bösert sich, wirt ye lenger ye strenger Frisius dict. (1556) 613ᵇ; conflictari iniqua ualetudine ein strenge kranckheit haben, vast kranck seyn ebda 293ᵇ: hie zwischen frasz die strenge sucht, so in die leut gesessen, vil volcks hinweg Wurstisen Paulj Ämilij u. Arnoldj Ferrarj hist. (1572) 1, 448; der schmertzen aber liesz hierumb nichts nach, sondern ward von tag zu tag je lenger je strenger J. Fuglinus de praest. daemonum (1586) 254ᵃ; das strenge hauptwehe Gäbelkover artzneyb. (1596) 1, 6; (die krankheit) ist zweierlei, die ein starck und mächtig, welche tödlich und unheilsam, die ander minder streng und starck Behm artzneib. (1625) 91; was wild, vnzam fleisch ist, dasselbig ist alles zum tartaro gericht, vnd gibt schweren tartarum, strengen vnnd hefftigen Paracelsus opera (1616) 1, 300 C;
... es brächt ihn strenge seuch umbs leben
Gryphius trauersp. 569 lit. ver.;
anfänglich ward mein haupt mit strengem schmerz befallen
Triller poet. betracht. (1750) 1, 127.
a)
der vollzogene bedeutungswandel ist schon früh aus der anwendung des wortes auf neutrale (die bedeutung 'stark' ausschlieszende) begriffe abzulesen:
Parzivâl niht eine lac:
geselleclîche unz an den tac
was bî im strengiu arbeit (kampfesnot im traume)
...
von disen strengen sachen
muos er durch nôt erwachen.
im switzten âdern unde bein
Wolfram v. Eschenbach Parzival 245, (3 u.) 17;
wiste ab si daz Gâwân
ir frouwen bruoder wære
unt daz disiu strengen mære
ûf ir hêrren wærn gezogn,
si wære an freuden dâ betrogn
ebda 686, 8 L.;
daz mich got von ir (der welte üppekeit) loste
nach sime hohen troste,
wil ich der welte unlenge,
daz strenge phat vil enge
mit arbeitlichen dingen
zu mime schephære dringen
Rudolf v. Ems Barlaam 10, 32 Köpke;
den selben weichen menschen sind och sölich streng übungen in andern nit ze verwerfen noch in arger wise ze urteilen Seuse schr. 108 Bihlm.;
der tugent strasz ist streng vnd hart,
langweilig vnd trawriger arth
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) P 2ᵇ;
der ursach halber sie gar wol und recht den engen und strengen weg angetretten Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 39;
wie strenge dieser schlusz, wie schmerzhaft war das trennen
Heräus ged. u. lat. inschr. (1721) 59.
sehr gebräuchlich ist die verbindung strenge zeit: in dem 1200 und 83. jar was grot stervent und strenge tit (Madeburg um 1360) städtechron. 7, 169; auff das betracht ein jeglicher die streng zeit vnd die vielfältigen zeichen in himmel vnd erden Paracelsus opera (1616) 1, 642;
selbst der Preuszen groszer held,
der bey diesen strengen zeiten
sehr viel von geübten leuten,
und noch mehr von treuen, hält
Neukirch ged. (1744) 24;
nim, Venus, dieses band aus meinen frohen händen,
...
und beut der strengen zeit, die stahl und marmel frist
dasz sie nicht gierig sey, ...
dem bande weh zu thun
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 32;
anona dura strenge zeit Schönsleder prompt. (1618) Hh 2ᵇ. auch die verbindung strenger tod — teils auf den tod an sich, teils auf die todesart bezogenläszt die auffassung 'stark, gewaltig' gewöhnlich nicht zu (anders vielleicht im ersten beleg). sofern der tod als strafe (vgl. III A 1) aufgefaszt wird, geht die bedeutung 'acerbus' in 'severus, unerbittlich' über (s. auch III B 1):
vater mîn, swie tump ich sî,
mir wonet iedoch diu witze bî
daz ich von sage wol die nôt
erkenne daz des lîbes tôt
ist starc unde strenge
Hartmann v. Aue d. arme Heinrich 597 Paul-Leitzmann;
mit züknuss falscher aiden
ward dem unschuldigen Nabot
da ertailt ain strenger tot
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 1424 Lindqvist;
die bredie ... seit von vier leige sündern, von iren strengen töden Tauler pred. 131 Vetter;
— ach! hab ich mich geförcht vor diesem strengen tod! (verbrennung)
— nicht strenger als die schuld!
Gryphius trauersp. 58 lit. ver.;
du, dem keine schuld bewust,
mustest meine freche lust
durch den strengen todt bezahlen
vnd das holtz mit wunden mahlen
Th. Wolder in: evang. kirchenlied. d. 17. jhs. 3, 127 Fischer-Tümpel;
des strengen todes schreckgesätze
trifft deinen körper nur allein
Drollinger ged. (1743) 12.
b)
im gleichen sinne erscheint das wort in allgemeinerer verwendung; besonders es wird oder fällt jemandem streng 'kommt ihn hart an':
sich huop von ritterlicher wer
vil hurteclich gedrenge.
nu wart ir gnuogen strenge,
dô sich die rotte flâhten
Konrad v. Würzburg turnier v. Nantes 782;
durch suͦchen wildes genge
fuͦr ich an einem morgen.
wie ez wirt mangem strenge,
daz hân ich sît erfunden wol mit sorgen
Hadamar v. Laber 8 Schmeller;
wand swâ von iu gekrenket,
daz rîche wurd die lenge,
daz möht noch werden strenge
iwern nâchkomen
Ottokar österr. reimchron. 14392;
es ist aber nichts so hart, noch so streng, noch so schwer, das die geduldt nicht leyden möge buch. d. liebe (1587) 114ᵃ;
das sitzen in die läng'
in solcher einsamkeit, die nacht fällt viel zu streng.
die alte, matte frau, die heischer sich geschrien,
zehrt dieses winseln ab, disz fasten disz verziehen,
wenn niemand sie erquickt
Gryphius trauersp. 804 lit. ver.;
ach! nuhn scheid ich,
ach! nuhn leid ich
den allerhärtesten stosz;
der seuftzer menge
fällt meinem leben strenge,
der schmertz wird grosz
Ph. Zesen verm. Helikon (1656) 3, 60;
'ach unschuld' fängst du an, 'wie strenge geht es zu!
da wo du ruhe suchst, verlierst du deine ruh'
Schwabe belust. (1741) 1, 129.
noch mundartlich:
mi juckt nix, mi druckt nix,
mir lat nix streng an
Stelzhamer ausgew. dicht. (1884) 1, 320.
c)
oft wird streng auch auf dingliche gegenstände wie züchtigungs- oder folterinstrumente bezogen:
solt mich der richter hauen
mit seinem strengen sail,
awe des grossen grauen!
Oswald v. Wolkenstein 111, 142 Schatz;
Pilatus liesz aus richters zwang
dich Jesum hefftig streichen
und mit dem strengen peitschenstrang
den zarten leib erweichen
Harsdörffer in: evang. kirchenl. d. 17. jhs. 5, 22 Fischer-Tümpel;
weil denn nun dein (gottes) grimm gebrauset,
über uns wie eine fluht,
und gleich einem sturm gesauset
deine straff und strenge ruht
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 54;
als denen ein zeichen gegeben ward, schicketen sie die strängen pfeile dergestalt häuffig unter die feinde, dasz ihrer über 600 nidergeschossen ... wurden Bucholtz Herkuliskus (1665) 21;
hingegen Regulus,
ob er gleich wund an allen gliedern
...
am kreuze wachend hangen musz,
fühlt dennoch an dem strengen pfahl
bey weitem keine solche quaal
Triller poet. betracht. (1750) 1, 73.
d)
strenge frage für 'peinliches verhör': item ob einer in der besatzung verrätherey zu treiben von den feinden angewisen würde, der sol mit strenger frag ernstlich ersucht, vnd der feind practicken erkündigt werden Fronsperger kriegsb. 1 (1578) 116ᵃ; als er nun ... nach vielem nachforschen ertappt worden und von obberührten feldherrn Josua in die strenge frag gezogen, wohin er das geraubte gut habe gelegt (1679) Abr. a s. Clara w. 2, 29 Strigl; wan ain oder mer malefizpersonen im purkfrid und freihaiten der herrschaft Pfanberg einkomben, miessen dieselben durch den panrichter in Steyr examiniert und in beisein zwai oder drei burger zu Fronleiten ... mit der strengen frag im schloss Pfanberg fürgenumben ... werden (16. jh.) österr. weist. 6, 348.
2)
im mhd. hat sich über 'beschwerlich' die bedeutung 'schwierig' abgespalten; dieser gebrauch wird zugleich durch beziehung der bedeutung 'unbeugsam, unnachgiebig' (III A) auf gegenstände beträchtlich verstärkt (s. besonders b).
a)
strenger arduus, voc. theut. (Nürnberg 1482) ff 4ᵃ; arduus strenghe Tortellius gemma (1495) B 4ᵃ:
wan ez ist des wîsen reht,
daz daz ende ê sî erspeht,
lange vor dem anegenge;
ez wirt vil dicke strenge
daz ende an dem râte,
daz man alsô spâte
daz ende ervindet
und sich underwindet
des anegenges eine
Heinrich v. d. Türlin crône 6147;
ein buoch daz heizet genesis,
dâ vindet man geschriben an,
swer lesen und verstên kan,
von der werlde anegenge.
diu rede wêr mir ze lenge
und ouch diu wort ze strenge,
daz ich si sölte brenge
von latîn ze diute
Hugo v. Trimberg d. renner 177 Ehrismann;
vnnd was da tartara (bestimmte krankheiten) werden, die sind am allerhertesten, rudisten vnd strengesten zuuertreiben Paracelsus opera (1616) 1, 300ᶜ. 'schwerlich' (?): viel arbeit gar streng zu ehren, können doch nicht in die steigreiffen kommen, viel weniger in sattel sich schwingen. dasz glück macht die leut flück Lehmann floril. polit. (1662) 1, 180. — mundartlich: streng 'anstrengend', z. b. ein steiler weg Crecelius Oberhessen 816 (vgl. jedoch Friedli Bärndütsch 3, 549 unter B 2).
b)
'schwer zu bearbeiten'. verwendungen in diesem sinne sind erst seit dem 16. jh. bezeugt, werden aber im bäuerlichen und bergmännischen sprachgebrauch erheblich weiter zurückreichen.
α)
vom ackerboden 'schwer, zäh': einerley erdreich tregt nicht allerley getreide, dann ein sehr strenger leime tregt nicht leichtlich rocken, gersten Hennenberger ercl. d. pr. landtaffel (1595) 1; da traff er an sehr beschwerliche wege ... und einem sumpfichten und strengen boden Rätel beschr. d. krieges (1596) Q 3ᵇ; strenger boden ... wird bey der wendefahre ... nur umgewendet allg. dt. bibl. (1765) 102, 466; strenger boden schwerer boden Weber allg. lex. (1838) 574ᵇ; strenger grund boden, der mehr thon als erde hat Klein provinzialwb. 2, 176; een streng feld was schwer zu bearbeiten ist Dähnert plattdt. wb. (1781) 467ᵇ; streng vom boden 'lehmig', der boden ist sehr streng hat harten lehm Frischbier pr. 380ᵇ.
β)
von erzen 'schwerflieszend', vgl.: streng 'im feuer sehr schwerlich zum flusz zu bringen, solche sind die kiesigen, blendigen, quärzigen usw. erze' bergm. wb. (1778) 537ᵃ; s. auch Jacobsson technol. wb. 4 (1784) 318ᵃ und unten strengflüssig, adj., sowiestrengflüssigkeit, f.: weil man die hartflüssigen strengen groben vnd rohen ertze nicht den weichflüssigen milten vnnd subtilen ertzen gleich probirn kan Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 3ᵇ; zum andern gehören vnter die strengen hartflüssigen kupfferertzproben ... alle kieszertz ... sampt den schieffern ebda 91ᵇ; horn-stein ist eine ... rothe strenge bergart Schönberg berginformation (1693) 2, 50; strenge ertze sind, welche kobaldisch, blendig, qvärtzig etc. und im schmeltzen keinen flusz geben wollen Minerophilus bergwerckslex. (1730) 648; bley-glasz ist ein flusz, der zu den strengen und sehr unflüssigen ertzen gebrauchet wird Herttwig neues u. vollk. bergb. (1734) 88ᵇ; streng nennt man solche erze, welche schwer zu schmelzen sind Voigt hdwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 466. vgl. auch: bey den metallen aber bedeutet das wort strenge eben so viel als spröde, Noel Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 8, 1718.
B.
'reiszend, scharf, schnell', bei ausdrücken des strömens und der fortbewegung.
1)
in der anwendung auf bewegtes wasser bezeichnet streng zunächst in der bedeutung 'stark' die gewalt der wassermassen:
er hiez Noe wrchen   balde eine archen
...
er hiez si limen und chlamben   daz sie fluͤte strange
wol mohte erliden
genesis u. exodus 28 Diemer.
durch häufige verbindung des wortes mit nominalen und verbalen ausdrücken des strömens wird jedoch die wortbedeutung in 'schnellflieszend, reiszend' gewandelt:
Memil ist ouch ein wazzir gût
und vlûzit in strengir vlût
ûz rûzischim rîche her
Nicolavs v. Jeroschin kronike v. Pruzinlant 3756 Strehlke;
dar zoe loufft he (der Nil) so strenge in dat mer, dat he vunfftzich welsche mijlie wijdt in dem mer wael zo erkennen is an der droefficheyt ind an der suessicheyt Arnold v. Harff pilgerf. 80 Groote; das wasser Euphrates, das dann vorhin allezeyt mit strengem flusz mitten durch die statt lieff Boner Herodot (1535) 27ᵇ; im anfang strudeln sie (die zisternen) embsig daher vnd fliessen streng, aber vber eine kleine zeit so versigen sie vnd gehen ab M. Herr feldbau (1551) 32ᵃ; (der flusz) Oxus ... laufft darnach mit einem wasserreichen vnd strengen lauff durch daz eben landt Xylander Polybius (1574) 432;
da ist hochs gepirg und gar eng,
dasz die Tunau rinnt so streng
hist. volkslieder 1, 157 Liliencron;
such einzuschliessen
des Pregels strengen gang, er wird wol wege wissen,
zu kommen in die see
Simon Dach 730 lit. ver.;
wurde ich eines grossen baums gewahr, dessen äste ... ausz dem wasser herfür reichten. der strom gieng streng und rectâ drauff zu Grimmelshausen Simpl. 1, 583 Keller; nachdem sie wahrgenommen, dasz uns die strenge fluth so weit in die see getrieben Schnabel insel Felsenburg 1 (1731) 118; solchem unheil (bei platzregen) vorzubauen, soll man ... an beqvemen und geschickten örtern weite gruben und löcher graben, darinnen nicht allein das gute erdreich aufgehalten, sondern auch dem wasser sein strenger lauf gebrochen werde Noel Chomel öcon. physic. lex. (1750) 7, 821.
a)
als selbständig erweist sich die bedeutung 'schnellflieszend, reiszend' seit dem ende des 15. jhs. durch die zuordnung zu konkreten bezeichnungen eines flieszenden gewässers: under welchem berg entspringet der brun der zum ersten gar kleyn schynet, aber bald wurt er grosz und machet ein strengen bach Bernhard v. Breidenbach heilige reis gen Jerusalem (1486) 48ᵇ; der vursz keiser as he in den landen was, so geschiede in der summerzit, dat he sich woulde enwenich baden ... in eime strengen wasser (Köln 1499) städtechron. 13, 534; auff einem ... schmalen stäg, da ... ein gantz starcker vnd strenger fluss vnden durch floss Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 58; auf dem Nilo, sonst einem strengen wasser Meyfart himml. Jerusalem (1630) 1, 303;
er laufft, wie wenn ein pferd die zügel hat durchrissen,
wie eine strenge bach, wenn sich die ström ergieszen
und häuser, bäum und vieh hinführen in die see
Gryphius trauersp. 1, 24 Palm;
die stadt Arduba war fast umb und umb von dem überaus strengen strohme Tillurus umgeben Lohenstein Arminius (1689) 1, 492ᵇ; rapidus schnäll mit stercke alsz die strengen wasser, reiszend Calepinus XI ling. (1598) 1223ᵃ; ein strenger flusz un fiume rapido Kramer t.-ital. 1 (1700) 390ᵇ.
b)
von hier aus ergeben sich verschiedene übertragene verwendungen: coeliacus morbus ein kranckheit, wann entweder der stulgang verstopfft oder zu streng laufft Calepinus XI ling. (1598) 259ᵇ; welche ein strengen bauchfluss habend, der sol die hasen läber gekocht essen Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 71ᵃ; wann einer kindbetherin der flusz zu streng gehet Gäbelkover artzneyb. (1596) 2, 58;
da sahe man sie sich mit grossen humpen fassen,
und strenger güsse viel auf ihr gepleutze lassen
W. Scherffer ged. (1652) 230;
bald rieff man weh und ach,
ausz aller augen rann ein strenger trähnenbach
Rist teütscher Parnasz (1652) 638;
das thür auffmachen, das hinein tretten und der anbruch des strengen wasserflusses (urin) in einem augenblick miteinander geschahe Grimmelshausen 2, 27 Keller;
er sah die fette milch in strengen strahlen spritzen,
dasz muld' und eimer schäumt
Brockes ird. vergnügen (1744) 1, 188.
strenge flut in bildlichem gebrauch:
wer sich die strenge flut läszt der begierden jagen,
wird auff die stürme see des untergangs verschlagen
Lohenstein türk. trauersp. 122 lit. ver.;
indem desz Türcken wut
wie eine strenge flut
sich überall ergeusst
und durch gantz Teutschland fleusst
Kindermann in: evang. kirchenl. d. 17. jhs. 4, 189 Fischer-Tümpel;
doch mitten in den wellen
der strengen kriegsfluth sieht man ihn rechte stellen
Neukirch ged. (1744) 219.
2)
vielleicht durch die bereits sprachübliche bedeutung 1 gestützt, tritt streng seit dem 16. jh. als steigerndes beiwort zu den ausdrücken der (menschlichen) fortbewegung, meist in der bedeutung 'scharf, schnell', von lauf, ritt und fahrt. der gebrauch reicht landschaftlich (vgl. auch die mundartbelege) bis in die schriftsprache der gegenwart. cursus acer ein strenger oder starcker lauff Frisius dict. (1556) 21ᵇ; streng 'schnell' Schmitz Eifler volk 1, 231; streng gehn, streng wachse Follmann Lothr. 506ᵃ; streng 'schnell' luxemb. ma. 431; eck sin strange heregan 'stracks, rasch, schnell' Fromme Hohenbostel 81; strenge gân 'angestrengt' Schambach Göttingen 214ᵃ: sy seindt auch jnn dem streit vnnder allen Griechen die ersten gewesen, die jr feynd mit strengem lauff angriffen Boner Herodot (1535) 94ᵇ; so wolten die zwen die flucht geben haben. Lewfrid aber eylet in streng nach, hew den einen hinden durch sein achseln Wickram w. 2, 320 Bolte; die vbrigen mit strenger flucht entrunnen waren Xylander Polybius (1574) 148;
umb kannen lanzen brechen,
turnieren umb ein glas, und kalte schalen stechen
ist unser ritterspiel. wer hier am strengsten läuft,
den andern übereilt, zu gottes boden säuft,
der ist der beste man
(1636) Fleming dt. ged. 1, 95 lit. ver.;
wie ein fuhrman nicht allein musz gute pferd vnd wagen haben, sondern auch die weg wol wissen, vnnd wo er gemach vnnd streng fahren soll, sonst wird er bald den wagen in stucken reissen Lehmann floril. polit. (1662) 2, 673; sie blickt hinterwärts, und in strengem galopp nahet der riese br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 213; wenn herr Albert nur den braunen nicht zu sehr strapaziert hat, er fährt gern ein wenig streng H. Hesse Roszhalde (1914) 157. — auch vom vogelflug: (der reiher) hat ein strengen vnd hohen flug Stumpf Schweizerchron. (1606) 612ᵇ. selten von sonstigen bewegungen: zum XI. giengen drey grosz schnee lenen im Haltal am In so streng vom gebirg auff Maximilianum, das er jn hart entrann S. Franck Germ. chron. (1538) 266ᵃ. mundartlich, wohl von der fahrt auf abschüssigem gelände auf dieses selbst übertragen: mit einer anderen kette von ungemach droht wieder die steile fahrt abwärts, wa's streng nidsiᶜʰ giit Friedli Bärndütsch 3, 549 (vgl. Crecelius oberhess. 816 unter A 2 a). in der wendung streng und strack (gegen etwas anlaufen) scheint die bedeutung in 'geradenwegs' überzugehen (vgl. auch den soeben angeführten beleg von S. Franck): ists denn nit eyn grewlich weszen umb der papisten und geystlichen leben? wilchs alszo streng und strack mit dem kopff an dissen felsz leufft Luther 10, 1, 1, 397 W. hieraus erklärt sich vielleicht die folgende stelle, in der streng den sinn von 'geradlinig, direkt aufs ziel führend' haben könnte:
die thor desz abends vnd zu morgen
frey offen stunden jederman,
ein weiter pasz vnd strenge ban
in der feind läger war hinausz,
die burger wagten sich von hausz,
die walstatt vnd das ort zusehn,
da mancher kampff vor war geschehn
(panduntur portae; iuvat ire et Dorica castra
desertosque videre locos litusque relictum Verg. Aen. 2, 27f.)
Spreng Äneis (1610) 22ᵇ.
durch häufigere anwendung des wortes auf weiträumige bewegungen hat sich der nebensinn des angestrengten und unablässigen eilens ausgebildet, vgl. cursu continenti sequi fugientem mit stätem oder strengem lauff Frisius dict. (1556) 322ᵃ; quum contento cursu Italiam peteret mit strengem lauff ebda 320ᵃ: aber er sumbt sich niender ... fur streng fürwert von Franckfurt gen Cölln und dannen gen Aach Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 179; sie (die soldaten) woren im gebirg streng gereist und ausgehungert (17. jh.) M. Seybriger in: quellen z. gesch. d. st. Brassó 2, 439; derowegen der hertzog ... weil es ohn dasz spät vnnd das volck von der strengen marche ziemlich ermüdet, selbiges vnter der stadt ... logiret Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 391.
3)
analog den vorstehenden verwendungen wird streng vom wehen des windes gebraucht; 'scharf, heftig', doch auchvon bed. D 5 beeinfluszt — 'rauh, kalt': der wind wolt kurzumb mit gewaltsamem plasen ainem, der vber feld zog, den mantel nemmen ..., aber je strenger vnd gänger er wähete vnd wülte, je enger vnd strenger der wanderer den mantel an sich ... hilte Fischart w. 3, 134 Hauffen; der windt so streng wehet Xylander Polybius (1574) 39;
wie ein groszmüthig pferd, wenn es den streich empfindt,
durch sand und schrancken rennt, so hat der strenge wind
der missgunst uns so fern (... getrieben)
Gryphius trauersp. 43 Palm;
für die strengen winde wäre wol gut, wann sie (die bäume) gegen mitternacht ein gebäu und also einen schirm hätten Hohberg georg. cur. (1682) 1, 424; der (sturm) arbeitete so strenge gegen uns, dasz wir kein seegel mehr gebrau chen kunten Olearius orient. reisebeschr. (1696) 92; ein kalter feuchter wind blies streng und widerwärtig genug Göthe I 25, 1, 195 W.
C.
im 16. und 17. jh. wird streng als intensivierendes beiwort überaus gebräuchlich. die vielfältigen anwendungen lassen sich in der bedeutung 'assiduus' zusammenfassen, wobei die bedeutungsmomente 'intensiv' und 'beharrlich, unablässig' wechselnd in den vordergrund treten; vgl. die lexikalischen buchungen: exercito hefftig oder streng vben Calepinus XI ling. (1598) 514ᵃ; streng, stäts continuè, assiduè Aler dict. (1727) 2, 1852ᵇ.
1)
während die allgemein verstärkende geltung des wortes bis ins ahd. zurückreicht (s. o.), scheint sich der beisinn 'unablässig, beständig' in mehreren begrenzten gebrauchsarten herausgebildet zu haben. auszer den anwendungen auf eine stetige und eilige fortbewegung (B 2) kommen die folgenden verwendungsweisen hierfür in betracht:
a)
im mhd. und im 17. jh. findet sich streng als charakterisierendes beiwort bei bezeichnungen der jagd:
ein minner guder cristenheit,
ein echter ketzerie
mit strenger jagerie
leben d. hl. Elisabeth 3976 Rieger;
als ein erhitzter löw, der, wenn die strenge jagt
ihm alle weg abstrickt, mit aufgespanntem rachen
itzt hund, itzt jäger schreckt und sich sucht frey zu machen
Gryphius trauersp. 115 lit. ver.
ungeachtet der bildlichen verwendung ist das wort hier vielleicht als weidmannssprachlich gebräuchlicher terminus für die beliebte vorstellung der unablässigen hetze anzusehen, die z. b. auch in entsprechenden mhd. anwendungen von streitig (s. d. 1, sp. 1382 o) und streitiglich (s. d. 2, sp. 1387) hervortritt; die bedeutung 'assiduus' mag durch sinnverlagerung aus'fortis, strenuus' entstanden sein. im frühnhd. schlieszen sich weitere vergleichbare anwendungen an: zur zeyt desz hungers helt er (der schwertfisch) den fischen so streng nach, dasz es sich zuͦ verwundern ist, dasz er auch den grossen wallfischen nit verschonen sol Forer fischb. (1563) 61ᵃ. in etwas abgewandeltem sinne von der unmittelbaren verfolgung in knappem abstand:
als das geschrey sich weit auszgosz,
rennt Gyas der fürsichtig man
mit seinem schiff gar schnell voran,
dem bald Cloanthus volget nach
vnd streng zuhinderst auff jhn stach,
desz schiff hett gleichwol ruder mehr,
war aber doch sonst zimlich schwer
(quem deinde Cloanthus consequitur Verg. Aen. 5, 152f.)
Spreng Äneis (1610) 87ᵃ;
streng hielt ich hinter ihm: er schnell, ich schnell,
er langsam, langsam ich
Pichler marksteine (1874) 139.
b)
mit naheliegender übertragung tritt das wort sodann zu ausdrücken des forderns, anklagens und bedrängens, die ebenfalls den beisinn 'unablässig, hartnäckig' begünstigen; vgl. firmus accusator der allwäg auff eim bleybt vnd handhafft ist, ein strenger kläger der nit nachlaszt Frisius dict. (1556) 565ᵇ; flagitator assiduus et acer emsig, häfftig vnd streng ebda 21ᵇ; flagitator ein überlägner bitter, ein strenger vnd müsäliger höuscher ebda 567ᵇ; einem streng anligen andare stretto al corpo Kramer t.-ital. 2 (1702) 1011ᵃ: wir sollen vns desz Türcken vnd anderer vnserer verfolger nit erweren, sonder mit strengem gebet gegen got anhalten daz er weer vnd widerstandt thu (1533) bei O. Clemen reformationsflugschr. (1906) 2, 329; auff eüwer strengs anhalten gib ich nach Schaidenreisser Odyssea (1537) 53ᵃ;
bleib alls daheim vnd geh nicht eh,
bisz man dir schick der botten meh,
vnd lasz dir flehen, mach dich werdt,
so man dein also streng begert,
vnd alle menschen auff dich wart
(1551) Scheit Grobianus 2588 ndr.;
weyl yederman mir setzet zu
so streng an all rast und rhu,
musz ich die burgerschafft verlassen
(1557) Hans Sachs 5, 72 lit. ver.;
abt Ulrich ... versammlet all sin macht und belagert dem grafen sin namhaffte witberümpte houptvesti ... und nötigets der abt tags und nachts so streng und unabläszlich, dasz er si mit gewalt erobert, zündt die schnell an und verbrannts uff den grund Tschudi chron Helvet. (1734) 1, 35ᵃ; verfieng solche warnung (der bann) nützit bi dem keiser, ward dest frecher, understund den pabst noch strenger zu plagen ebda 1, 111ᵃ; mit dem blaszbalg strenger anmanung Fischart Garg. 273 ndr.; (man klagt, dasz die bettler) dem gemainen nachpersmann ... so höftig und streng zu haus obligen, das dardurch der hausarmen, so im dorf anheimbs sein, vergessen (1616) österr. weist. 3, 47; guten freünden, die mir täglich sträng darum anligen Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 000 3ᵇ.
c)
einen weiteren ausgangspunkt bilden anwendungen des wortes auf witterungsvorgänge, denen zugleich dauer zukommt, wobei streng von 'stark, heftig' aus die bedeutung 'anhaltend' hinzugewinnt: do vieng es an regnen, und regnet unz an samstag ze nacht jemerdar streng und vast, das es der zitt nie ufhort als lang, das einer mäht ein ey han gessen (15. jh.) chron. d. st. Zürich 233 Dierauer; in disem jar 1363 ward ein grusam kalter winter, der fieng an umb sant Niclaus tag, und wäret streng 15 wuchen aneinandern, dasz der Zürichsee stät beschlossen, und hert gefroren was Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 461ᵃ; wann strenges regenwetter anfällt, und die stoszstett dardurch feucht ... werden (1614) bei Lori slg. d. baier. bergrechts (1764) 393ᵃ; es ... hub der genlieutenant ..., weil ... die eingefallene kälte gar zu streng angehalten, die belagerung des siebenden christmonats auf Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 278.
2)
auszerhalb dieser sachbereiche wird streng für 'intensiv' und 'beständig' mit schnell zunehmender häufigkeit auf beliebige vorgänge angewandt: er ... was ... gar streng an den guten wercken summerteil d. heiligen leben (1472) 7ᵇ; ist fürwar ain üble zeit mit dem strengen sitzen in audienzen und verhörtagen Zimmer. chron. ²3, 112 Barack (vgl.streng aneinander sitzen continue sedere, tanquam claudus sutor Weismann lex. germ.-lat. [1698] 364ᵇ); die zaichen dyafragma seind ... streng husten mit dickem plut vnd schlimmerige spritzer H. Braunschweig chirurgia (1539) 65ᵇ;
wünschten, das jr hals wer vil länger,
auf das sie möchten fressen strenger
Fischart w. 3, 100 Hauffen;
nim rosenöl 3 lot, boli armeni 4 lot, terrae sigillatae 2 lot. vermischs ... vnnd thue darzu in ein mörser ganffer 1 quintlin, rhürs streng, bisz es sich ergibt, dasz es einander annimpt Gäbelkover artzneyb. (1596) 2, 173; gewaltige hitz vnd strenges schwitzen Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 480; dann die tägliche beiwohnung verursachet, dasz leichtlich der beiwohner böse sitten angenommen werden und in einen strengen gebrauch kommen Lorichius instruction und bericht (1618) 9;
durch solches trachtt er sträng nach scepter, siz und kronen
Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 19;
gleich einem faulen knecht, der dasjenige, was sein herr befohlen, nit thut, und aber was ihn gut dunckt, streng verrichtet, last dem herrn sein sach stehen Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 41;
vierzig tage kurz vor ostern dreüen dir alzeit gefahr,
denn man treibt das stokfischessen niemals strenger durch das jahr
Grob dichter. versuchgabe (1678) 88;
dasz Sokrates bey gelegenheit ein strenger zecher gewesen sey, erhellet aus verschiedenen stellen des platonischen symposion Wieland s. w. (1794) 9, 38;
mich erbarmt der volkesmenge,
sprach herr Jesus, denn ach sieh!
schon drei tage harrt es strenge
ohne nahrung um mich hie
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 1, 327.
daher auch streng sein etwas zu tun 'beflissen, eifrig sein':
es steht uns gar nicht frei,
dasz iemand, guts zuthun, sträng oder müszig sey
Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 6.
D.
auf der grundlage der bisher dargestellten gebrauchsweisen entwickelt sich eine reihe weiterer sehr verschiedenartiger bedeutungen.
1)
'straff, eng, knapp'. der bedeutungsübergang vollzieht sich in den anwendungen auf fessel, band und gürtung, in die streng teils im sinne von 'hart, beschwerlich' (vgl.A), teils mit intensivierender geltung eintritt.
a)
von fesseln im eigentlichen oder übetragenen sinne gebraucht, behält streng die bedeutung 'acerbus', übergehend in 'severus', bis ins jüngere nhd. im nebensinne bei:
Jêsus wart gevangen,
gebunden harte strangen
Walther v. Rheinau Marienleben 156, 19 Keller;
dar zu ir nit mich chopelt
in sorgen bant so strenge,
daz myr myn breit, min lenge
freude ist alle worden kurtz
minneburg 4661 Pyritz;
er hinderdahte sinü strengü band, und waz er eblich erliten und erstriten hate Seuse dt. schr. 55 Bihlm.; fieng den cardinal vnd hielt jn in strengen banden Stumpf Schweizerchron. (1606) 110ᵃ;
schleusz mich so streng du wilt in tausendt eysen ein,
ich werde doch gantz frey und ungefässelt seyn
(1657) Silesius cherub. wandersmann 24 ndr.;
mich wird des sultans wuth in strenge fesseln schliessen
slg. v. schausp. (1764) 4, 27;
lust-schalmeien will man hören,
flöten, hörner und von chören
alles, was nur freude regt.
selbst an seiner strengen kette
springt das freundchen um die wette,
immer hin und her bewegt
(1820) Göthe I 4, 8 W.;
die knospe sprengt die finstre hülle,
die sie streng umfangen hält
Körner w. 2, 34 Hempel;
unter seiner (Calvins) leitung ... wurden dem äuszeren leben die strengsten fesseln der zucht angelegt Ranke s. w. (1867) 8, 125.
b)
entschiedener zeigt sich der wandel zu 'straff, eng, fest' in den anwendungen auf das schnüren und gürten und auf knoten und umschlingung, die vorwiegend von der wortbedeutung 'stark, heftig, intensiv' ausgehen. distringere verstricken, strengen, streng zugürten, eng eynbrysen Frisius dict. (1556) 433ᵃ; streng, eng zusammen gezogen contrainct, estroict Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1618) 313ᵃ; streng, eng arctus, astrictus Dentzler clavis germ.-lat. (1713) 279ᵇ; strenge eng, knapp (angezogen) Bruns prov. Sachsen 67ᵃ: musz man ... die äuszerste glider als händ vnd schenckel auff das strengst vnd härtest binden Sebiz feldbau (1579) 76;
herr, herr, ich musz üch strenger gürten
Murner narrenbeschwörung 40 ndr.;
so stark und strenge schlingt sich epheu nicht um die schattichte fichte, als die verliebten, von heftigem verlangen entbrannt, eins an des andern busen sich fesselten Heinse s. w. 2, 345 Sch.; hier ist kein ausweg, kein rath, keine flucht. ... ich habe selbst das netz zusammengezogen; ich kenne die strengen festen knoten; ich weisz wie jeder kühnheit, jeder list die wege verrennt sind Göthe I 8, 298 W.; (vom umlegen einer schärpe:) der helfende geht, das ende des gespannten stoffes in den händen, ganz weit von ihm weg, dann aber, straff wickelnd, in immer engeren kreisen um ihn herum, bis keine strengere gürtung mehr möglich ist Carossa tag in Terracina (1947) 36.
c)
entsprechend von der kleidung; das wams ligt mir streng an Kramer t.-ital. 2 (1702) 1011ᵃ: o was moden nur in hosen, lange hosen, bange hosen, ... enge hosen, strenge hosen (1711) Stranitzky ollapatrida 348 Wiener ndr.; die geraden nähte und eckige schneiderarithmetik verraten ... zarte, wölbende brüste, gegen das strenge futter pochend Kahlenberg Eva Sehring (1901) 4.
d)
in abgeleiteten anwendungen. 'beengt', vom atem: das der habich dümpffig ist und ainen strengen auttem hat, recht als ob er ersticken wöll Mynsinger v. d. falken 38 lit. ver.; und stinckt jm der otem, der würt jm auch streng Gersdorff wundarzney (1528) 90;
mein herr, ich mag schier nimmer essen,
mir ist umb mein brust also eng,
auch so zeuch ich den athem streng,
als ob ich immer wöll ersticken
Hans Sachs 21, 8 lit. ver.
'prall': streich ... auff den sehnen zwischen den knien und köthen, das kan das rosz nicht leiden und die adern sind ihm gar dicke und strenge M. Böhme roszartzney (1618) 51. 'straff, gespannt' (durch ziehen): sie steht vorn spiegel ... sie kraust vnd zaust ihre haar vnd ziechts streng Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 101; strenge oder straff wird von seilen und tüchern gesagt, wenn sie so starck als es möglich in die länge gezogen und ausgedehnet werden Noel Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 8, 1718. 'knapp' vom freiheitsgrad zwischen gegeneinander bewegten teilen: wenn z. b. ein pfeisterbalken (fensterladen) ... z'streng (zu knapp und daher nur unter müheaufwand) schlieszt Friedli Bärndütsch 2, 428; streng der bewegung schwierigkeiten bietend, der schlüssel, s'schlosz, die lad geht streng Jakob Wien 186ᵃ. 'knapp, kurz' (gehalten) vom angeseilten hund (vgl. aber jmdn. streng halten III A 2 c): der weydmann ... soll auch umm die arm oder am gürtel windstrick oder kuppelen angeknüpfft ... haben, daran die hund entweders gebunden oder strenger gehalten oder entbunden vnd länger gelassen werden Sebiz feldbau (1579) 564.
2)
von der bedeutung 'assiduus' her bezeichnet das wort d ie dichte zeitliche folge. hierzu stellen sich die folgenden s poradischen anwendungen: zu Bern in der statt starb menigmal uff ein tag 60 personen, und uff dem land wol als streng Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 378ᵃ;
jetzt ächzet, jetzt jauchzt sie (die nachtigall), jetzt wirbelt sie strenge
der klingenden töne nicht zählbare menge
Brockes ird. vergnügen (1721) 8, 18.
häufiger und wohl terminologisch vom pausenlosen beschusz: als aber von wegen des strengen schiessens (διὰ τὴν συνέχειαν τῶν ἀκροβολισμῶν Polyb. hist. 5, 100) vnd menge der pheil die, so zu vorderst an beschützung der statt waren, zum theil vmbkommen, zum theil verwundt waren Xylander Polybius (1574) 316; (er) liesz alles das geschütz vnd die maurbrecher so ernstlich vnd streng auff dasselb theil der mauren abgehn, dasz alle macht der statt zur rettung dahin gelocket ward (1590) Fischart Garg. 425 ndr.; (er) fieng, die stat gar hertiklich ze stürmen die ganzen nacht und schoss gar streng dar in H. Brennwald in: qu. z. Schweizer gesch., n. f. I 2, 268; das geschütz ausz den stücken gieng so streng und schnell auff einander, also dasz in kleiner zeit dreihundert kugeln getrieben wurden Megiser Malta (1610) 112. wohl auch von der räumlichen dichte: ist aber ein kalter brand nit offen vnd doch mit moszen vnd flecken gelgryen oder schwartz, oder ist der schad brun oder streng mit roten strichen ..., so brach jm disze artzney Gersdorff wundarzney (1517) 67ᵇ.
3)
mehrfach begegnet streng als beiwort zu gift. der gebrauch ist wohl aus der bedeutung 'stark' abzuleiten; streng für 'starkwirkend' findet sich schon bei Notker (diu strengeren lâchen remedia acriora 1, 126 Piper):
bey allen kostbarlichen trachten,
so sie auff fürsten tafeln brachten,
in dem herrlichen süssen wein,
ist zu besorgen streng venen
Kirchhof wendunmuth 2, 37 lit. ver.;
die pest, die ehrensucht sind beyde strenges gifft,
dasz die nur meistens hoch und jene nieder trifft
Logau sinnged. 132 lit. ver.;
heut ist der herr erstanden,
es hielt ihn nicht des grabes stein;
...
er ist der höllen peste,
des todes strenger gifft
Sacer in: evang. kirchenl. d. 17. jhs. 4, 494 Fischer-Tümpel;
wer mag ermessen den gestank,
der hier (in d. hölle) auch wird gefunden?
der strenge gift kan machen krank
uhrplötzlich die gesunden
Joh. Rist ebda 2, 243;
mit solchem strengen todesgift
straf, ach! mich nicht so hart
Herder 25, 141 S.
4)
der gebrauch für 'scharf' von feuer und hitze schlieszt sich im 16. jh. an die sprachübliche intensivierende geltung des wortes an:
(kupplerin:) ach, west ir, wie streng er thut brinnen,
ir würd in kein stund mehr auffhalten
(1553) Hans Sachs 17, 71 lit. ver.;
man musz aber (beim destillieren mit glasgefäszen) ... desto sittsamer mit feuer vmbgehn vnd dasselbige nicht ... zu streng noch zu geyl machen Sebiz feldbau (1579) 406; nim fenchelblust, damit fülle ein kolbengläszlin ..., setze es an ein ort, da es die sonnen streng haben kan, so gibt es ein wasser von jm selb Gäbelkover artzneyb. (1596) 1, 113; derhalben wirdt ein solches (kupfererz) erstmahlen in eim gewissen gewicht geröstet, vnnd mit eim strengen feuwr bey sechs oder acht stunden gebrandt Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 200;
so streng und stark, o got, kont die hitz meiner sünden
die flammen deines zorns und schweren grims entzinden
Weckherlin ged. 2, 142 lit. ver.;
indessen, dasz der frost sie nicht entblöszt berücke,
so macht des volkes fleisz aus milch der Alpen mehl.
hier wird auf strenger glut geschiedner zieger dicke,
und dort gerinnt die milch, und wird ein stehend öl
Haller ged. 30 Hirzel,
auf die hitze als witterungserscheinung bezogen, nähert sich streng (wohl durch synästhetischen einflusz der anwendungen auf kälte und frost, s. d. folgende), der bedeutung 'sengend, stechend'; vgl. atrox hora caniculae flagrantis die rauch vnnd streng zeyt der hundstagen Frisius dict. (1556) 633ᵃ:
eim blümlein wird man mich gleich achten,
...
welchs die scharff sensz abhawt behend,
vnd wird durch strenge hitz verbrennt:
das es abends verdorret balt
W. Spangenberg ausgew. dicht. (1887) 203;
die sonne wünscht der erden gute nacht,
und läst die glut der strengen stralen weichen
(1678) Chr. Weise d. grün. jugend überfl. ged. 170 ndr.;
dem gantzen cörper ist, zumahl in strenger hitze,
die kühle dunckelheit vergnüglich nütze
Brockes ird. vergnügen (1721) 4, 157;
der sommer kömmt nach ihm, bewehrt mit strenger hitze,
und schüttelt in der hand die fürchterlichen blitze
Giseke poet. w. (1767) 5.
5)
streng von kälte und rauher witterung ist an die bedeutung 'acerbus, hart, rauh' anzuknüpfen, doch wird auch der intensivierende gebrauch für 'stark' eingewirkt haben (streng vom wind s. unterB 3). frigus acerbum ein strenge oder scharpffe kelte Frisius dict. (1556) 22ᵇ; streng wetter frigus acerbum Dentzler clavis germ.-lat. (1713) 279ᵇ; strenge die haut zusammenziehend, herbe, rauh; bes. von der kälte, einen hohen grad derselben bezeichnend, z. b. ein strenger winter Voigtel wb. (1783) 3, 372ᵃ; dat wer 'n strenge küll Mensing schlesw.-holst. wb. 4, 884; ne strange wenkter Rovenhagen Aachen 142ᵃ: wann ... die kälte zu streng sein will Sebiz feldbau (1579) 450; und was ein rucher stränger winter Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 17; nam die grosse theüre durch einen strengen winterfrost noch mehr zu Stumpf Schweizerchron. (1606) 128ᵃ;
den flecken (Bethlehem) sie (Maria) erreicht, durchflogen von dem regen,
vnd von dem strengen schnee
Opitz teutsche poemata 179 ndr.;
um durch die stäte bewegung seines leibes sich dess allzustrengen frostes zu entschütteln Happel akad. roman (1690) 332; und bedaure nur dasz die strenge witterung mich abhält, meine treuen gesinnungen gegenwärtig zu betheuern. möge bald ein freundliches frühlingswetter uns zusammenführen Göthe IV 32, 147 W.; quecksilber schmilzt bey einer ... kälte von 32 oder 33 grad, weingeist bey der noch strengeren kälte von 37 grad Schubert verm. schr. (1823) 1, 176; gewisse muscheln ..., die strenge winter und brackwasser nicht lieben Hoops waldbäume u. kulturpfl. (1905) 79. die bedeutung kann in den verschiedenen wortverbindungen unterschiedliche färbungen annehmen; vgl. noch streng vom winter 'hart, kalt': wenn nehmlich der gleichen goldfund geschehe in strengen winter Prätorius glückstopf (1669) 231; die strengen, frühen winter des plateaulandes Ritter erdkde (1822) 2, 610; der winter ist aber auch so streng, hier ist's fürchterlich kalt (1845) L. Schücking in: A. v. Droste-Hülshoff br. (1893) 331. 'hart' mit dem beisinn 'severus': ein menschenpaar, irgendwo, im besten, bequemsten clima der erde, wo die jahreszeit ihrer nacktheit am wenigsten strenge ist Herder 5, 137 S.von der kälte 'schneidend, eisig':
aber nachts zu schlafen
hindert dich die strenge kälte beiszig
Göthe I 5, 1, 51;
trotz der strengen kälte blieben wir unter unserem bretterdach in offener luft Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 128. — von der luft 'herb, hart, scharf':
du aber sachter ostenwind,
geh grüsze mir mein trautstes kind,
mit deinem strengen wehen
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 386;
s'ist eine schneidende und strenge luft Shakespeare 3 (1798) 170;
die hörner hört' ich laden,
die luft war streng und klar
Eichendorff s. w. (1864) 1, 395;
die zarte, von einer strengen luft nur leicht gefärbte wange Mörike w. 3, 76 Göschen. — 'rauh', vom klima:
wo Pad, wo Tagus strömt, wo sich der Arn ergossen
und wo der Tyber flut durch berg und thal geschossen,
da setzt man Pallas baum. die Oder und disz land
sind, glaub es mir, zu streng vor ein so hohes pfand
Gryphius lyr. ged. 530 lit. ver.
6)
die anwendungen des wortes auf geschmack und geruch im sinne von 'herb, scharf, adstringierend' lassen sich nicht unmittelbar an ältere gebrauchsweisen anknüpfen. allgemein wird die bedeutung 'acerbus' zugrundeliegen. ferner kann die intensivierende verwendung für 'stark' beteiligt sein. daneben ist innerhalb der anwendungen auf sinnesempfindungen stets mit der erscheinung der synästhesie zu rechnen, so dasz die verwendung für 'herb, scharf, schneidend' von kälte und rauher luft auf den vorliegenden gebrauch eingewirkt haben könnte (der gemeinsame gegensatz ist 'mild'). schlieszlich mag auch die bedeutung 'straff' (1) der verwendung für' adstringierend' den boden bereitet haben.
a)
vom geschmack. die bezeichnete geschmacksqualität scheint nicht einheitlich zu sein (vgl. besonders die mundartbelege). ein strenger geschmack sapor astrigens, cum astrictione amarus, qvalia sunt poma agrestia, die holzäpfel Stieler stammb. (1691) 2189; strenges obst, strenge früchten frutti acerbi, verdi, agri, aspri, crudi, immaturi Kramer t.-ital. 2 (1702) 1011ᵃ; streng vom geschmack peracerbus gustatu Kirsch cornucop. germ.-lat. (1718) 285ᵃ; das ist ein strenger wein this is a rough, harsh or hard sort of wine Ludwig t.-engl. (1716) 1896. — in den mundarten: streng stark, herbe von geschmack Böning Oldenburg 109; streng, strenge stark, scharf, zusammenziehend, z. b. von butter, die einen solchen beigeschmack hat Stürenburg ostfries. 268ᵃ; strenge stark, von der butter, vom brote Woeste westfäl. 258ᵃ; vom geschmack 'herb', de botter hett so'n strengen gesmack, de quitten smeckt noch so streng Mensing schlesw.-holst. 4, 884; de maräk, kês etc. iss recht streng der meerrettig, käse etc. afficirt stark die geschmacksnerven Danneil altmärk.-plattdt. ma. 214ᵇ; de brannwiin is to streng er ist zu stark und scharf Dähnert plattdt. wb. (1781) 467ᵇ; der spinat is extra strenge Müller-Fraureuth obersächs. 2, 575ᵃ; streng ksalse scharf gesalzen Lenz Handschuhsheim 69ᵃ; streng herb Autenrieth pfälz. id. 138:
keiner kein bock niesz,
darauff man doppelhackn abschiesz;
wann er ist gar kroglet und streng,
er machet aim sein bauch zu eng,
ihm etwan sein kotsack zerstiesz
oder die hinder-thür auffriesz
(1563) Hans Sachs 17, 413 lit. ver.;
der zucker ist süsz, die wermuth bitter, ... die vnreiffe äpffel strenge (immatura mala seu immitia poma austera) Comenius ianua aurea (1643) 115;
auch kommt nicht ohn gefehr
hierzu der dürre mann, der in viel tausend magen
ein bellen richtet an, die därme so zu nagen,
dasz man den mund ans fleisch unreiner thiere setzt,
der pachen strenge speis an bredtes stat auffretzt
W. Scherffer ged. (1652) 44;
das gantz gewächs (milzkraut) ist am geschmack saur und streng Tabernämontanus kräuterb. (1687) 1191; der wein (aus blauen beeren) ... ist zwar, wenn er verbrauset, ein wenig streng, das machen die mitgejohrnen und abgepresten trestern Hohberg georg. cur. 3, 1 (1715) 258; die milch der italienischen ziegen ist weit angenehmer, als die der unserigen. sie hat nicht den strengen geschmack Stolberg ges. w. (1820) 8, 177; die ... Amalienquelle ist ... von der art, dasz ihr durch eine sanfte mischung von laugensalz jene strenge und zusammenziehende eigenschaft geraubt wird, die das ursprüngliche wesen des eisens bildet Gutzkow ges. w. (1872) 6, 35.
b)
vom geruch, wohl in synästhetischer anlehnung an das vorige:
das geiszblatt duftet des abends
viel zu streng, und zumal mit der lilien und der reseda
dufte vermischt
J. H. Voss ged. (1802) 1, 6;
weil die handlung sich in Schottlands nebelgrauer vorzeit begeben, ... hätte man gerne gespürt den strengen duft einer nebellandschaft Börne ges. schr. (1829) 1, 63; die laubkränze verbreiteten so strengen duft Storm s. w. (1898) 5, 180; noch rieche ich auf dem dunkeln hausflur den strengen duft der alandwurzel ebda 1, 59; nachdem sie sich solchermaszen eingeführt hatte, erfüllte sie den kleinen raum mit einem strengen parfüm E. Wiechert missa sine nomine (1950) 357.
7)
selten 'scharf, grell', von licht und farben; auch diese anwendungen sind vielleicht, unterstützt durch den gemeinsamen gegensatz 'mild', durch synästhesie aus den vorstehenden abgeleitet (vgl. jedoch schon im as. strang 'stark', vom glanz, Heliand 5846):
kein edelstein erreicht der holden blume (hyazinthe) zierde,
sie schmeicheln meinem blik, mit sanftgebrochner glut,
mehr als der ganze schmuck von einer krone tuht.
was soll der strenge blitz, der aus den steinen blicket?
ein demant blendet nur: der blumen glanz erquicket
Drollinger ged. (1743) 70;
wie angenehm
ist diese dunkelheit, womit die berge
und fluren und der bäume laub dem auge
manchfaltig schmeicheln, wenn der strenge schimmer
der blumen es ermydt?
Wieland I 1, 423 akad.;
wie sehe ich, wenn ich Abbts schriften in seine seele lese, so viele kräfte derselben in bewegung. sinnliche aufmerksamkeit heftet sich auf jeden punkt des gegenstandes ... und auf jeden wirft sie stralen: seine idee wird lebhaft, gehäuft, helle, und seine rede schimmert. das licht ist nicht scharf, nicht strenge, aber ausgebreitet, immer im neuen zustrome Herder 2, 290 S.allgemein 'scharf':
nun aber da die lieb ihr feurig hertz entzündet,
nun sie den strengen reitz schon halb vergnügt empfindet,
und was sie fürchtet wünscht, und vor der freude bebt
Warnecke poet. versuch (1704) 396.
III.
im jüngeren nhd. wird 'severus' (A u. B) die herrschende bedeutung des wortes. aus ihr entwickeln sich der gebrauch für 'genau, strikt, entschieden' (C) sowie übertragene anwendungen auf den ausdruckswert von form- und stileigentümlichkeiten (D).
A.
an der entstehung der bedeutung 'severus' sind verschiedene ältere verwendungsarten des wortes beteiligt. die grundlage bildet die bedeutung 'grimmig, heftig, rauh, grausam' (I B); vgl. die lexikalischen buchungen: rigorosus strenge (Köln 1507), streng (Augsburg 1512) Diefenbach gl. 498ᵇ; streng, grimm imperiosus, gnauus Dasypodius dict. (1536) 433ᶜ; mater acerba in suos partus eine strenge muter, rauch vnd grausam wider jre kind Frisius dict. (1556) 22ᵇ; literae uehementes rauch, scharpff, streng ebda 1349ᵇ; inclemente, rigoroso vnbarmhertzig, streng Hulsius dict. (1618) 2, 198ᵇ; strenger herr un padron, signor rigoroso, severo, fiero, crudo, brusco Kramer t.-ital. 2 (1702) 1010ᶜ. hierzu treten noch verwendungen, in denen streng seit dem mhd., wohl von der bedeutung 'fortis' her, eine unbeugsame, unnachgiebige, hartnäckige haltung bezeichnet. (nicht hierher, sondern aus 'tenax fortis' gl. affatim zu erklären: tenex strengi ahd. gl. 4, 21, 58 St.-S.):
nû was der unguote man
harte strenge dar an
daz er im deheines gemaches
sô vil sôs obedaches
in sînem hûse engunde
Hartmann v. Aue Gregorius 2848 Paul-Leitzm.;
die wîle sie in sâhen
dar an alsô strengen,
daz er niht wolte hengen
ir bete, der sie bâten
Heinrich v. d. Türlin crône 19 074 Scholl;
(das rohr zur eiche:)
swâ der man niht mac geragen,
dâ sol er sich ducken
und vor dem winde niderdrucken.
ich hæte nu lange verlorn daz leben,
wold ich als du widerstreben.
dîn strenger muot hat dich betrogen
(13. jh.) altdt. beispiele 41 in: zs. f. dt. altert. 7 (1849) 381
dise menschen sint allen menschen gelöibig und barmherzig; si ensint nüt strenge noch hertmuͤtig, denne vil gnedig Tauler pred. 176 Vetter; es musz ein streng fürnemmen sein, so ein ding gewisz soll sein, vnd nit fehlen; es ligt an dem, in desz hand es ist. aber alle ding hie auff erden seind in solchen strengen hertzen nicht, sonder es ist alles ein rohr, das wehet der wind wie er will Paracelsus opera (1616) 2, 466 H.; mancher armer mann, der solcher strengen, hartköpfigen leüte nicht viele gesehen, der entsetzet sich darüber Reinicke fuchs (1650) 138; als wenn Horatius den Labeonem insanum nennet, ist soviel als wunderlich, streng, eigensinnig, mit dem man nicht umgehen kan Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 125;
du gingest bis daher in grosser stille hin:
der harte eigensinn verfolgte zwar dein leben,
...
an seinem creutze ward dein strenger sinn zerrieben
Zinzendorf teutsche ged. (1766) 211;
sprichwörtlich pflegte man ... einen strengen, unbiegsamen mann zu bezeichnen: er ist in der Ruhla hart geschmiedet worden br. Grimm dt. sagen (1891) 2, 176. — ähnlich: streng auff seiner meinung pertinax, pertinaci animo Frisius dict. (1556) 225: da zeiget ein jeder ein besundre art an (selig zu werden) und stryt jeder streng, sin meinung sye gerecht Zwingli w. 1, 74 Schuler-Sch.; hie besehe der, so uf den tag des gesprächs so streng us dem heiligen Paulo ... bewären sich understuͦnd, dasz Paulus nach sinem sinn ouch hätte satzungen ... ggeben ebda 222; gegen uns verleugnet er streng und steif jede übersetzung aus Byron Göthe IV 28, 151 W. der in den angeführten verwendungen vorliegende gebrauch wird nun von anderen entwicklungszweigen des wortes her um neue bedeutungsmomente bereichert. einerseits tritt die vorstellung hinzu, dasz die heftige, grimmige oder harte, unbeugsame haltung der wahrung einer ordnung dient und gegen deren verletzung eingenommen wird. diese auffassung entwickelt sich im sachbereich der rechtsprechung (1), wird aber bald auf das obrigkeitliche, erzieherische usw. verhalten ausgedehnt (vgl.B). andererseits bilden sich anwendungen des wortes auf eine der (mönchischen) zucht unterstehende lebensweise heraus (2), aus denen der allgemeine gebrauch des wortes das vorstellungselement einer zuchtvollen, auf zucht dringenden haltung hinzugewinnt. in beiden fällen nimmt die entwicklung von der bedeutung 'hart, peinvoll' (II A) ihren ausgang.
1)
seit dem mhd. wird streng 'acerbus, hart, peinvoll' auf strafe, gericht und urteil angewendet. die auffassung kann sich dabei mit naheliegender umdeutung des wortsinnes von den folgen für den betroffenen auf die handhabung von recht und strafe, also zunächst von 'peinvoll' zu 'grausam, unerbittlich, unnachsichtig' verschieben; dieser wortsinn wird jedoch durch die in der sache begründete vorstellung des gerechten und der rechtsordnung dienenden vorgehens modifiziert, so dasz sich die kernvorstellung der schonungslosen, aber gerechtfertigten und auf gesetzlichkeit dringenden härte herausbildet:
es ist ein strenge schärpf gerich (bestrafung)
gein mir mit worten hie getân
Wolfram v. Eschenbach Parzival 330, 10 L.;
dar nach sont wir gedenken an daz strenge geriht unsers herren St. Georgener prediger 336 Rieder; denne blibe bi dir selber, und lǒffent dir och dine gebresten engegen mit swerem strengem urteil und straffende dich, do bi blip und straffe dich selber vil hert Tauler pred. 238 Vetter; da besaz her Cone von Falkenstein erzebischof zu Trire unde jungher Johan herre zu Limpurg ein strenge gerichte zu Limpurg uf dem berge mit irme selbes libe v. Wolfhagen Limburger chron. 68 Wyss; er hielt das strengst gericht uber syn lant das irgent in der welt was Lancelot 1, 17 Kluge; o was strengen herten vrteyls das was, das der vater in sein eygen plute tochter vnd tiechter thet Arigo decameron 354 Keller; szo Christus keme mit seyner strengen gerechtickeyt, wurde er niemant selig machen (1522) Luther 10, 1, 2, 37 W.; gleichwie ain übelthaͤter, der des malefitz vnd strengen vrtails des tods begeben ist, widerumb gefuͤert wirt in faͤncknuss, daselb zegewartten ainer gemaͤsen bürgerlichen pen, nach gelegennhait seiner verschuldung Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 41 Reithm.;
mein freund aber der redt für mich,
das mich der richter gnediglich
von dem strengen urteyl frey machet
Hans Sachs 1, 432 lit. ver.;
ob die zwai urthailen aine oder die ander strenger were, so soll er (der richter) der miltern volgen (16. jh.) österr. weist. 5, 682;
die götter haben vns ergötzt,
was wir so lang gelitten han,
vnd haben strenge straff gethan
an Amulio, dem vetter mein
(1618) Ayrer dramen 67 lit. ver.;
dasz die herrschafft sich um einen ... gewissenhafften mann umsehe, der ihr mit pflichten verbunden sey, an ihrer statt alles und jedes zu verwalten, wie er ihms an jenem strengen und erschrecklichen gerichtstage vor dem allerhöchsten weltrichter trauen werde zu verantworten Hohberg georg. cur. (1682) 1, 35ᵃ;
wo Friedrich Wilhelm thronet,
bey dem gerechtigkeit und strenge strafe wohnet
Gottsched ged. (1751) 1, 394;
alle öffentlichen oder heimlichen versammlungen, zu denen nur irgend die religion ihren namen gab, ... waren in diesen edikten bei strengen strafen untersagt Schiller 7, 53 G.; die vornehmeren ... waren durch das strenge strafexempel genügsam geschreckt, um nicht wieder ... die pläne des königs zu stören Droysen gesch. Alexanders d. Gr. (1833) 298.
a)
den vollzogenen wandel zu 'severus' erweisen die seit dem 14. jh. auftretenden und im 16. jh. häufiger werdenden anwendungen auf die person des richters: owe, rechte richter, des strengen gerihtes! wie wigest du dü aller minsten ding so groz, dero nieman von kleini ahtet ... owe, zornliche anblik des strengen richters, wie reht scharph dinü gericht sint! Seuse dt. schr. 285 Bihlm.; dan er (Christus) kummeth nicht als eyn strenger richter, nicht als eyn zcorniger her, wil nichts forderen von dir, sonder ... kummeth darumb, das er sich dein erbarme Luther 9, 635 W.;
dein strenger richter thut eingohn
(gott betritt nach dem sündenfall das paradies)
(1548) Hans Sachs 1, 44 lit. ver.;
ob auch ain richter unseren leuten daselbs zu schwär oder zu streng wär, anders dan von alters herkomen (1620) österr. weist. 5, 97; der strenge richter an jenem tage kommen wird, zu richten die lebendigen vnnd die todten Spee güld. tugendb. (1649) 51;
mein Jesus ist mein ehre,
mein glanz und helles licht.
wenn der nicht in mir wäre,
so dürft und könnt ich nicht
vor gottes augen stehen
und vor dem strengen sitz;
ich müszte stracks vergehen,
wie wachs in feuershitz
Paul Gerhard bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 3, 388ᵃ;
in ihrer brust trägt sie (Klytämnestra) den strengsten richter
M. Beer s. w. (1835) 57;
es scheint fast, als sei der ewige ursprung alles lebens dem jungen Luther nur als der strenge richter und rächer erschienen, der die sündhaftigkeit ... mit der qual der höllenstrafen heimsuche Ranke s. w. (1867) 1, 196. im gleichen sinne steht streng bei gesetz und den verben des urteilens und strafens: wie mügen wir des so gruntlichen uns schamen und wie das so strenge sol geurteilt werden Tauler pred. 215 Vetter;
ich vertrag dem sunder lang,
zwar aber ich richt denn streng
bei Mone schausp. d. mittelalters 1, 293;
doctor Mart. redet von der groszen barbarey und härtigkeit des sächsischen rechts, wie es gar strenge und scharfe gesetz hätte (1538) Luther tischr. 4, 164 W.; die gewaltigen ... werden gewaltig vnd strenge gestrafft Ambach vom zusauffen (1544) B 3ᵇ; der quell der strengsten gesetze ist güte A. G. Kästner verm. schr. 2 (1772) 19; so strenge richtet und schlieszet nur der, den sein eignes herz verurtheilt Klinger w. (1809) 3, 96; so streng wie er straft niemand sich vielleicht für seine fehler Deinhardstein ges. dram. w. (1848) 1, 130. ähnlich in der wendung strenger eifer:
auf! rächender Justinian,
bestrafe doch der dichter wahn,
...
erhebe dich, und zeige frey,
wie schwer dein strenger eifer sey
Gottsched ged. (1751) 1, 201;
(er) diente dem richter als herrenknecht, ward die geiszel der diebe und fröhnte der justiz mit strengem eifer Musäus volksmärchen 1, 7 Hempel.
b)
eine zwiefache entwicklung nimmt die verbindung strenges recht. einerseits bezeichnet sie im alten wortsinne den 'peinlichen' rechtsvollzug, also meist die anwendung der todesstrafe:
ich will den harten muth des fürsten überbitten,
dass er das strenge recht (todesurteil) nicht auf das fest ausführ
Gryphius trauersp. 67 lit. ver.;
ach, lasz erbarmung gehn vor strenges recht
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 4, 2;
sein rachschwerdt, welches auch der mutter nicht geschont,
und der verrätherey mit strengem recht gelohnt
J. E. Schlegel w. (1761) 1, 10;
damals gab es ein strenges recht gegen die zigeuner, sie todtzuschlagen, wo sie sich finden lieszen Arnim s. w. (1853) 1, 8; das strenge schuldrecht, nach welchem der schuldner für die rückgabe des empfangenen zunächst mit seinem leibe haftet Mommsen röm. gesch. 1 (1856) 25. andererseits entspricht die formel dem summum (strictum) ius (gegensatz: aequitas) des römischen rechts, bezieht sich also auf die genaue, unbillige härten nicht beachtende einhaltung des rechtswortlautes; vgl. iuris rigus, summum ius das streng recht Alberus nov. dict. (1540) k 3ᵃ; streng recht is oft groot unrecht Mensing schlesw.-holst. 4, 884: daher ... man auch das recht teylet ynn streng und gelind recht, und was tzu streng ist, lindert man, das ist equitas, moderatio, clementia iuris (1522) Luther 10, 1, 2, 174 W.; denn so sagen auch die heiden, das ist die tegliche erfarunge ... strenge recht ist das grossest vnrecht (summum ius summa iniuria) ebda 53, 661;
ist wol geredt, doch der gestalt,
das' auch mit masz, vnd ohne gwalt,
nicht nach dem strengen recht allzeit,
geschehe, welchs offt weit vnrecht geit
(1582) Hayneccius Hans Pfriem 1130 ndr.;
(ich) erkenne, dasz, wann der gerechte gott mit mir handeln wolte nach seiner strengen grechtigkeit, so wäre ich werth des ewigen todes und der ewigen verdamnisz; allein ich appellire von seiner strengen gerechtigkeit zu seiner grundlosen barmhertzigkeit (1660) Schupp Corinna 53 ndr.; man versäumte nichts, ... alle fähigkeiten an ihm zu entwickeln, deren der staat ... bedarf: die pflege des strengen gerichtlichen rechts, des läszlichern, wo klugheit und gewandtheit dem ausübenden zur hand geht Göthe I 24, 129 W. im sinne unbedingter wahrung der gesetzlichkeit (vgl. C):
(Paulet:) schlieszt eure rechnung mit dem himmel ab.
(Maria:) ich hoff' auf seine gnade, sir — und hoffe
auf strenges recht von meinen ird'schen richtern
Schiller 12, 409 G.
c)
anwendungen des wortes auf gefangenschaft und sklaverei schlieszen sich der oben bezeichneten entwicklung an; die bedeutung 'acerbus, durus' (vgl. auch streng von band und fessel unter II D 1) geht (soweit ein straf- oder unterdrückungswille vorausgesetzt wird) in 'severus' über: er (graf Wolf v. Baden) wurt gen Durlach gefürt und daselbs in ainer strengen gefengnus ... enthalten Zimmer. chron. ²1, 178 Barack; würde ich sodenn nicht unbillich lebenslang über die, welche mich in ein so strenges gefängnüs (die ehe) verdammt hätten, zu seufzen ursach haben? Lohenstein Arminius (1689) 2, 144ᵇ;
ja Stambuls bluthund droht samt seinen Tartarhorden
mit strenger sclaverey, mit sengen und mit morden
Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 8;
so laszt uns ... weib und kind verbrennen, und sie mit uns der strengen knechtschaft entreissen Klinger neues theater (1790) 1, 7. — insbesondere drückt die bezeichnung strenger arrest die gewollte schärfe der bestrafungsart aus: der strenge arrest ist kurz schwarzer oder strenger Horn soldatenspr. (1899) 120. ähnlich bezeichnet streng in bildlichen verwendungen die unerbittlichkeit eines zwanges:
die jahre sind vergangen,
in welchen wir geherrscht; doch steht die tugend fest,
die sich kein strenges joch der laster zwingen lässt
Gryphius trauersp. 179 lit. ver.;
wesentlicher unterschied zwischen dem verhältnisz der frauen in Rom und Konstantinopel: die ersteren trugen ein strenges joch der sitte, die letzteren den zwang der einsperrung (1845) Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 165.
2)
ebenfalls von 'acerbus' ausgehend wandelt sich der wortsinn in verbindungen, die sich auf eine der zucht unterworfene lebensweise beziehen, zu 'zuchtvoll, der zucht unterstehend'.
a)
so in der verbindung strenges leben und ähnlichen anwendungen, die zunächst die entbehrungsvolle härte des mönchischen lebens bezeichnen: dar nach sont wir gedenken an die strenkait der hailigen, wie strengez leben si hie uff ertrich hattent umb daz ewig leben ... von daz raitzet och unz arbait ze lidenne umb daz selb leben dar umb och sü ez littent st. Georgener pred. 337 Rieder;
der heilig und der wol gesite
in sînes vater hûs vür wâr
vuorte stille und offenbâr
vil strengez leben bitter,
sô daz den gotes ritter
nieman dar inne erkande
Konrad v. Würzburg Alexius 713 Gereke;
da der ain münch ward, da hyelt er sych so streng und hertt und so gar ordenlich das in der appt offt umb sein zw vil thun straffet Johann Hartlieb dialogus miraculorum 383 Drescher; der clostir eczlichis hot czwey tusint monche, di do stetlichis nicht andirs essin wen wassir unde brot, und sint kusch und han eyn strenge lebin und eyn erlichis und schern stetlichis iren bart und ir houbt d. md. Marco Polo 21 Tscharner; der ... hie in zeyt vmb gott verdient hat mit seinem strengen andächtigen seligen leben manuale curatorum pred. (1516) 64ᵃ;
gy sindt dat rechte Venus kyndt,
de gerne by houesschen frouwen sindt.
gy vragen nicht nha strenghem leuenn:
eyne volle kanne de kumpt yuw euenn,
eynn vette mölly des morgens vro,
eynn gude kann wyns offte beers dar tho
(1527) Burkard Waldis d. verlorene sohn 24 ndr.;
die väter haben ein grosz ansehen und schein gehabt ihres guten wandels und strengen lebens halben (1538) Luther tischr. 4, 57 W.; ritte er ausz, so hette sie niemandts von mannen bey jhr, weder jung noch alt; war er denn daheim, so dorffte sie niemandt ansehen. also führt die fraw ein strenger vnd bezwungner leben, denn ein klosterfraw buch d. liebe (1687) 102ᶜ; die gemeinen leute halten den äusserlichen gottesdienst, wie er es in der that ist, vor etwas sehr grosses, und dencken: hat es nichts zu sagen, wenn ich mich hier nicht so strenge aufführe, so werde ich auch von gott nicht viel zu befürchten haben, wenn ich in andern dingen, die er vor geringer hält, etwas nachläszig bin vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 21 Gottsched; sonsten lebet Cajus vor seine person und mit den seinigen unsträflich strenge und genau Thierbach diarium Herrnhuth. (1750) 2, 195; ihre absicht, die zeitlichen güter für die ewigen, das vergängliche für das unvergängliche, ein bequemes leben für ein strenges zu verlassen, und die kasteyungen des leibes der wollust vorzuziehen Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 136; ob ich gleich alt bin, so bin ich doch ... gesund und frisch, und die kleinen ungemächlichkeiten, ach! eine folge der enthaltsamkeit, des strengen lebens und der busze, sichern eher mein hinfälliges leben, als dasz sie es bedrohen Klinger w. (1809) 3, 101. noch in jüngerer sprache und auszerhalb des religiösen sprachgebrauches, wenn auch z. teil durch diesen beeinfluszt, wechselt streng zwischen den bedeutungen 'hart, schwer' und 'zuchtvoll': aber dies war ein strenges leben für die armen kammmacher; so kühl sie von gemüt waren, gab es doch, seit einmal ein weib im spiele, ganz ungewohnte erregungen der eifersucht, der besorgnis, der furcht und der hoffnung G. Keller ges. w. (1889) 4, 238; im verhältnis zu dem langen, strengen, kampfvollen leben, welches mein teil auf erden gewesen war, ... war das, was mir heute, an diesem zweiten november 1861 geschah, wenig bedeutend Raabe s. w. I 6, 158; ihr vater, hochbetitelt, aber kärglich besoldet, hatte die fehlenden äuszeren annehmlichkeiten ersetzt durch vornehme gesinnung und strenge lebensführung Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 30. hierher auch: vor allen dingen aber musz er (der jäger) ihn (den leithund) ... in einer strengen lebensart erhalten Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 8.
b)
ebenso in den verbindungen des wortes mit regel und (in älterer zeit meist gleichbedeutendem) orden:
vor was die regel (der minne) zwir so streng
...
das manigem mocht geschehen,
zu werben mer, dann ain jar,
ee das er dannocht wurd gewar,
ob in sein fraw erchannt
liederbuch d. Hätzlerin 242 Haltaus;
nimm unsern orden an dich, darin würst du gewisz selig, dann er ist der strengest (1522) Zwingli dt. schr. (1828) 1, 74;
in den strengen liebesorden
bin ich durch ein kindt (Amor) bracht worden
Opitz teutsche poemata 47 ndr.;
derentwegen freymütig sich den strengen regln und satzungen unterworffen in die fuszstapffen der apostel getretten Abr. a s. Clara mercks Wienn (1680) 39; die Stoiker, dieser strenge moralische orden Wieland Agathon (1766) 1, 241; schon bei lebzeiten des stifters dieses strengsten der bettelorden Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 2, 113;
von dem harten strohsackbette
ruft des ordens strenge regel
in die kirche zu der mette
Weber Dreizehnlinden (1907) 40;
die gründung neuer mönchsorden mit immer strengeren regeln Schürr d. altfrz. epos (1926) 27; die verstorbene (war) auf anraten der Jesuiten zu ihren lebzeiten einem strengen, frommen orden beigetreten O. M. Graf unruhe (1948) 261.
c)
auch in der wendung jemanden streng halten kann die bedeutung 'hart, eingeschränkt' leicht in 'zuchtvoll, der zucht unterworfen' übergehen: die von vater und muter und iren mannen strenge vnd herte gehalten sein Arigo decameron 17 Keller; ich weisz nicht, ob du als ich gemerckt hast, wie wir so streng und hart gehalten sein und zu uns kein mann herein mag Montanus schwankb. 59 lit. ver.; wie denn der präceptor den jungen herrn und uns ganz strenge gehalten Schweinichen denkw. (1878) 15; anno do. 1385 war einer von Torberg vogt zu Wolhusen, der hielt die armen leüt gar streng, deszwegen sie die Lucerner vmb hilff anrufften, vnd wurden jre burger Stumpf Schweizerchron. (1606) 530ᵃ; weil er hochgedachten printzen gar zu scharff und strenge gehalten (1714) Berliner geschrieb. zeitungen 11 Friedländer; graf Theodor ... besasz ... seines vaters rücksichtsvolle, nachgiebige liebe, während Hermann desto strenger gehalten wurde Holtei erz. schr. (1861) 7, 24;
kennt ihr des grafen Nimian töchter nicht?
...
die mutter hält sie streng und eingezogen
Tieck schr. (1828) 3, 220;
sein vater, ein gutmütiger mann, hatte ihn eher verzogen als streng gehalten Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 339.
B.
seit dem 16. jh. entwickelt die bedeutung 'severus' ein reich gegliedertes anwendungsgebiet, wobei sich die unter A gekennzeichneten bedeutungsmomente in wechselndem verhältnis miteinander mischen. das wort bezeichnet eine haltung entschiedener, auf ordnung, zucht und wohlverhalten dringender härte oder festigkeit, die im obrigkeitlichen oder erzieherischen verhalten wie auch im menschlichen umgang oder in der persönlichen lebensführung eingenommen wird.
1)
auf die von einer machtstellung aus eingenommene, dem verhalten des richters vergleichbare haltung bezogen 'hart, unnachsichtig, unerbittlich': darumb ist ynn der wellt nott eyn strenge hart weltlich regiment (1524) Luther 15, 302 W.; wann der löwe den fuchs allhie so streng anredet: so sollen dabey obrigkeiten erinnert seyn, dasz sie einen beklagten mann nicht so hart anfahren Reinicke fuchs (1650) 138; er hatte den vnbeständigen Parthen, die die freiheit liebten, viel zu streng geherrschet A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 87; das ganze schreiben kahm ihm nicht führ, als wan es von so liber hand geschriben wäre; dan sie rädet ihn fast nicht anders an, als in furcht, und gleichsam als einen strängen gebüter, dehm si unterthänig wäre (1645) Zesen adriat. Rosemund 35 ndr.;
mit lächeln trieb er seine rathgebende
gemahlinn, (die ihm, was sich nicht ziemte, rieth;)
mit heiterm und grausamem lächeln
trieb er sie streng, eine thörinn, von sich
Herder 27, 30 S.;
streng zu seyn geziemt wohl dem eigenthümer und dem sachwalter, die mittelsperson hat immer eine peinliche lage (1817) Göthe IV 28, 116 W.;
worte der liebe, ich trau euch so gern.
streng mag die zeit, die feindliche, walten,
darf ich an euch nur den glauben behalten
Körner w. 2, 76 Hempel;
man war gegen die schwachen der strenge herr ... dagegen ward die strenge da vermiszt, wo sie an ihrem platz gewesen wäre Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 65; die strenge sinnesweise Heinrichs III. erweckte ein allgemeines murren Ranke s. w. (1867) 1, 17; der Hagenbucher war ein strenger mann, und es konnte kein dienstbote bei ihm aushalten Stifter s. w. 5, 1 (1908) 268; (das mädchen) hatte keine gute zeit zu hause, denn ihre mutter war strengen und harten sinnes E. Wiechert missa sine nomine (1950) 335. redensartlich: gott strafft ... strenge obrigkeit durch auffrührische vnterthanen Lehmann floril. polit. (1662) 2, 824; strenge herren regieren nicht lange Kramer t.-ital. 2 (1702) 1010ᶜ; strenge herrn und kalte winter regieren nicht lang Schellhorn sprichw. (1797) 73 nr. 255. von masznahmen auch 'radikal, rücksichtslos durchgreifend': die zeytlichen gutter, die der kirchenn geweszen sein, solten nit auffs strengist widder foddert werden Luther 6, 457 W.; musz man übermäszige steuern tragen, so müssen die steuergesetze streng seyn Dahlmann gesch. d. frz. revolution (1845) 39; wenn einmal ein consul für den spanischen dienst pflichtmäszig strenge aushebungen veranstaltete, so machten die tribunen gebrauch von ihrem verfassungsmäszigen recht ihn zu verhaften Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 67; streng und rasch wurde sie (die armee) reorganisiert dass., 2 (1889) 146. mit dem nebensinn 'hart, bitter': dasz er triumphierend in Rom einziehe und seinen alten feinden ... eine späte, aber strenge reue bereite Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 4, 56. von gott und den göttern, vom schicksal und vom tode: o du grymer tod, wie kanst du so hert vnd so streng seyn, daz du dir nicht last aberbitten vnd weder gab noch mut an dir hilffett? (1509) Fortunatus 94 ndr.; zu got darff ich nit gon, ich hallt jhn fur streng, hart, zornig (1524) Eberlin v. Günzburg s. schr. 3, 240 ndr.;
Jupiter du strenger gott,
wie bist du gegen mir so grob
Spreng Ilias (1610) 36ᵇ;
trennt Atropos dereinst den lauf von meinen tagen,
durch ihren strengen schnitt
anmuth. gelehrsamk. (1751) 8, 217 Gottsched;
er (der held) steht, wann wider ihn das strenge schicksal ficht
Haller ged. (1882) 71;
so schicken die strengen götter, unsere fassung zu vereiteln, nur immer unvorgesehenes übel Lessing 2, 358 L.-M.; die strenge Persefoneia Voss Odyssee 214 Bernays; zwei ganz verschiedene opfer der strengen, willkürlichen und unerbittlichen todesgöttin Göthe I 23, 255 W.;
und die seele musz mit grauen
wie in einen abgrund schauen,
strenger gott, ich fürchte dich
Eichendorff s. w. (1864) 1, 588;
aber es ist ein strenger und gerechter gott, der sie (die busze) verhängt hat E. Wiechert missa sine nomine (1950) 190. — im sinne von 'unerbittlich' wohl auch:
zwar Phaeton ergriff
die zügel, aber als der strenge wagen lieff
...
verflucht er, doch zu spät, die hochgewünschte macht
Gryphius trauersp. 35 lit. ver.
2)
ebenfalls an das verhalten des richters anknüpfend bezeichnet streng eine nichts nachsehende, keine lässigkeit duldende einstellung: wie viel schwache kynder, iunckfrawen vnd iungling seindt durch der gleychen strenge geferliche fragen in der vnseligen beycht verfuret worden J. Strausz beychtpüchlin (1523) B 3ᵃ; das die männer, so sie heim in jr hausz giengen, kusten jre weiber vnd töchter, vnd namen do mit acht, ob sie von jnen wein schmeckten. sie waren des weins halb darumb so streng, das sie meinten die trunckenheit geb gros vrsach, vnd were ein anfang der leiblichen verfellung S. Münster cosmogr. (1550) 232; die strenge eifersucht, mit welcher die gesetze über die zucht des frauenzimmers wachen Haller Usong (1771) 22; zudem waren meine gläubiger gewisz nicht von den strengsten Bräker s. schr. (1789) 1, 250;
strenge wie mein gewissen bemerkst du, wo ich gefehlet;
darum hab ich dich stets wie — mein gewissen geliebt
Schiller 11, 185 G.;
(die Germanen) halten die frauen hoch; sie leben keusch und in strenge beschützter ehe Scherer litt.-gesch. ⁷4. insbesondere vom urteil über menschen und verhaltensweisen: dasz durch unschuldiges sinnliches vergnügen das strenge und überspannte in unseren urtheylen und sitten seine schärfe verlieret Zimmermann einsamkeit (1784) 4, 315; einige nationen sind gegen solche art des humors nachgiebiger, andere strenger Hegel w. (1832) 10, 2, 227; eigen ist es, dasz sie selbst ihren zustand strenger oder milder ansieht, je nachdem sie in gedanken Apollonius strenger oder milder darüber urteilend glaubt O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 233; ihr seid eine strenge, Dawja, ihr wiszt nicht, wieviel schweisz das gekostet hat A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 101; ich glaube, herr rektor, man kann den fall nicht streng genug beurteilen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 85.
3)
so auch von der kritik und vom kritiker 'scharf urteilend, hohe anforderungen stellend, unbestechlich': darumb wolt ich dise myne flyssige arbait ... dyner genaden hoher erkantnusz befelhen, als ainem rechten strengen richter ze erkennen und urtailen, ob sie wirdig sye, in die welt zewandeln Steinhöwel de claris mul. 16 lit. ver.;
ja, um es stärker zu verdammen,
bannt er (der kritiker) sein häuflein (anhänger) auch zusammen:
das, weil es nur im finstern tobt,
sein strenges kritisiren lobt
anmuth. gelehrsamk. (1751) 1, 388 Gottsched;
vielleicht findet mancher unsre kritik zu strenge. strenge soll sie seyn, zu strenge ist sie nicht (1769) Gerstenberg recensionen 314 lit.-denkm.; o dasz Leszing lebte! er sollte der erste seyn, der diesen abschnitt läse, und der unpartheiische forscher des wahren, der gegen sich selbst am strengsten war, würde auch in dieser kleinigkeit unpartheiisch entscheiden Herder 15, 344 S.; nur der kunstliebhaber liebt wirklich die kunst, der auf einige seiner wünsche völlig verzicht thun kann, wo er andre ganz befriedigt findet, der auch das liebste noch streng würdigen mag, der sich im nothfall erklärungen gefallen läszt, und sinn für kunstgeschichte hat Fr. Schlegel Athenäum 1, 2, 18;
wer uns am strengsten kritisirt?
ein dilettant, der sich resignirt
Göthe I 2, 243 W.;
werde, kann ich bestehen vor dem strengen richterstuhl der kritik? E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 12 Gr.; dagegen war Mozarts urtheil über Clementi streng und scharf O. Jahn Mozart (1856) 3, 53; ich freue mich unendlich auf das ms.; werde sehr streng sein — so streng ich es gegen sie vermag (1882) Rodenberg an C. F. Meyer in: s. br. 113 Langm. in ähnlicher auffassung: so ist das unschuldige auge der strengste aber auch der edelste richter, ja der könig unter den sinnen Bettine Brentanos frühlingskranz (1841) 110. entsprechend strenge forderungen: kein einziges (gedicht), das nicht den strengsten forderungen genüge thäte Gerstenberg br. üb. d. merkwürd. d. litt. 206 lit.-denkm.; ob man nicht ... durch ernstere, unerläszliche, strenge forderungen diejenigen schüler vertreiben sollte, von denen wenig hoffnung ist (1807) Göthe IV 30, 107 W.; dass wir genötigt sind, weit strengere methodische forderungen zu stellen Brunn kl. schr. (1898) 3, 67. ähnlich: die wahl der mitglieder (einer gesellschaft) war in der that streng, weil nur vorzüge des geists einen weg dazu bahnten Schiller 4, 267 G.
4)
meistens tritt jedoch die bedeutung 'zucht fordernd oder übend, der zucht unterworfen' stärker hervor; so in der fast tautologischen, nur teilweise die bedeutung 'acerbus' streifenden wendung strenge zucht: ein junges bäumlein, das in kasten stehet, oder zwischen mawren eingesperrt ist, das wächst nicht wol, bringt auch wenig frucht. eben also geschichts mit kindern, die in strenger zucht sind Lehmann floril. polit. (1662) 1, 148;
wird nun der knabe grosz,
der ältern strenger zucht, der lehrer aufsicht los;
so lacht ihm stets das herz bey hunden, wild und pferden
Gottsched crit. dichtkunst (1751) 29;
auch die strengste zucht müszte ein kind zu so unnatürlichen gesinnungen nicht verleiten Lessing 10, 144 L.-M.; eine freyheit des umgangs ... war den Römerinnen ... durch stille strenge zucht, durch hausfleiss ... erworben Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 357; deswegen ist eine feste ordnung und eine strenge zucht und ein unverbrüchlicher gehorsam erfunden — und das nennen sie mannszucht E. M. Arndt schr. (1845) 1, 277; die herzliche ... zuneigung der eltern zu einander ..., die strenge zucht eines ... geordneten hausstandes bildeten die gesunde luft, in welcher Mozart herangewachsen war O. Jahn Mozart (1856) 2, 3; seine truppen muszten ... die strengste manneszucht halten Mommsen röm. gesch. 3 (1866) 21; pflichtverletzung, die in diesem staate der strengen mannszucht ohne vorgang war Treitschke dt. gesch. (1897) 1, 226; denn die moralischen qualitäten der strengeren zucht, des ruhigeren gehorsams haben mit der bildung nichts zu thun Nietzsche w. 1 (1895) 183; das verbindungsleben habe ihn völlig in anspruch genommen. dort herrsche nämlich eine verdammt strenge zucht H. Mann d. untertan (1949) 68.
5)
disziplin und leistungen fordernd: wie wohl aber mich ... das viertägige schröcklichste fieber, beneben der täglichen strengen creützschule, darin mir seit zwölff jahren ... schwere lectiones von gott zu lernen auffgegeben worden, die grosse eitele forcht desz todts ... verachten lehren (1643) Moscherosch insomnis cura par. 13 ndr.; man rühmt die Schulpforte und die strenge erziehung daselbst (1772) Heinse in: br. zw. Gleim, Heinse u. Müller 1, 115 Körte;
denn der Tilly verstand sich aufs commandiren.
dem eigenen körper war er strenge;
dem soldaten liesz er vieles passiren
Schiller 12, 25 G.;
general Suwarow ... hielt ein scharfes und strenges kommando Hebel w. 2, 143 Behaghel;
so formte mich des geistes strenger wille
Körner w. 2, 12 Hempel;
die körperliche schwäche des kindes hinderte meine eltern, mich jenen strengen schulunterricht genieszen zu lassen, ohne welchen man es ... zu nichts mehr bringt Gutzkow ges. w. (1872) 4, 73; unter einer strengen direction erreichten sie das ungewöhnliche zusammenspiel, wodurch das Wiener orchester sich auszeichnete O. Jahn Mozart (1856) 3, 10; den märkischen besitztümern ..., die durch seinen sohn mit aller sorgfalt, welche die rücksicht auf einen strengen und ernsten vater einflöszen kann, regiert wurden Ranke s. w. (1867) 1, 46; welcher von den beiden herren strenger gegen seine diener sei, hielt schwer zu entscheiden. sie forderten viel, aber niemals ein unrecht; sie waren oft unerbittlich hart, aber sie ehrten in dem geringsten, ja noch in dem unverbesserlichen — den menschen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 12; immer schärfer und strenger wurde der dienst, damit wir recht gut abschnitten Renn adel im untergang (1947) 48.
6)
vom erzieherischen verhalten 'zucht fordernd, keine lässigkeit duldend': der lehrmeister dieses kindes, ein strenger mann, bestrafet dasselbe wegen der unanständigen verdrehung des gesichtes Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 57 vorr.; übrigens muss bey unsrer erziehungsmethode mit strenger sanftmuth verfahren werden Bode Montaigne (1793) 1, 330;
im zimmer ists zu enge,
und stäubt auch gar zu viel,
und die mama ist strenge;
sie schilt aufs kinderspiel
Overbeck verm. ged. (1794) 196;
sie (die kaiserin) ist eine zärtliche und strenge mutter ... es kommen belohnungen und auch strafen vor, eben so gut wie bei privatleuten Ranke s. w. 30 (1875) 8; gelt, Louise, du bist gut; um so mehr, weil deine mutter nie hat strenge gegen dich sein brauchen (1843) Schücking in: s. br. 135 Muschler; nur bat sie den bruder, streng, doch nicht hart gegen den knaben zu sein A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 271; war der meister ein etwas grämlicher formalist geworden, der, streng gegen seine gesellen, mit frau und kindern auch nicht freundlich that G. Keller ges. w. (1889) 2, 127; etwas vom geiste eines pensionats ... hatte sich alsbald all dieser pflegerinnen bemächtigt ... einzelne oberschwestern hatten dazu beigetragen, indem sie strenge schulvorsteherinnen nachahmten mit lieblingen und launischen abneigungen A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 138.
7)
auf die einhaltung sittlicher forderungen, gesellschaftlicher formen oder allgemeinen wohlverhaltens bedacht (vgl. auch C 3 d):
du bist dir selber streng, darum verfolgt dein muth
mit mehrerm recht auch ja der laster böse brut
König ged. (1745) 133;
(der beichtvater) ist ein strenger mann, der mir schon wegen des liedchens 'komm in meine zelle' die absolution verweigert hat Göthe I 45, 31 W.;
unsre reize zu verhüllen,
schreibt die strenge mutter vor;
ach! was hilft der gute willen,
quellen sie nicht selbst empor?
Novalis schr. 4, 156 Minor;
ernst und streng weiset sie deine feurige liebe in die schranken des wohlstandes zurück Brentano Godwi (1801) 1, 42; die bittre frucht der leidenschaft malt auch der strengste sittenrichter nicht mit gehässigeren farben J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 115; der strenge herr gab dem jungen lieutenant eines tages eine höflichkeitslehre, die er nie wieder vergessen hat. aufgefordert abzulegen, wollte ich den degen ohne weiteres in die ecke stellen, als ein 'im vorzimmer, wenn ich bitten darf' mich rektifizierte (1866) Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 22. entsprechend: misz Sampsons sittenlehre scheinet nicht die strengste zu seyn Lessing 2, 329 L.-M.; meine strenge ... moralische ideen S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 139;
wenn einem mädchen, das uns liebt,
die mutter strenge lehren gibt
von tugend, keuschheit und von pflicht
Göthe I 4, 158 W.;
unterhalb der geordneten deutschen wirklichkeit, dieser dienstwelt mit strengen rechtlichkeitsbegriffen und altpreuszischen soldatenordnungen, tat sich ihm eine kellerwelt auf von ungesetzlichkeit A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 438; nirgendwo herrschen strengere formen als in kasinos und unter verwaltungsbeamten ebda 21. vom umworbenen mädchen 'zucht fordernd, spröde unnahbar':
vor jhrem (ihrer äuglein) strengen blick
weicht jederman zu rück
Voigtländer oden u. lieder (1642) 12;
und ohngeachtet meine aufführung so streng gegen sie (die männer) ist, dasz ich kaum den vierdten theil meiner verehrer jemahlen, und diesen dazu nicht mehr als einmal gesprochen habe vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 218 Gottsched;
ach! strenge Sylvia! wie könnt ich besser seyn?
du suchest mein verderben
Neukirch ged. (1744) 28;
ich schweige von den prüden, strengen, spröden und betschwestern Knigge umgang m. menschen (1796) 2, 126;
du irrst; sei hart und streng, du wirst ihn zärtlich finden.
versuch es nur einmal, bereit ihm kleine pein:
erringen will der mensch, er will nicht sicher sein
Göthe I 9, 9 W.
bildlich:
frisch denn, kameraden mein!
funkelnd schön im mondesglanze
strenges lieb, muszt unser sein
(die stadt Wittenberg, die erstürmt werden soll)
Eichendorff s. w. (1864) 1, 399.
8)
in der lebensauffassung ernst, zuchtvoll und der leichtlebigkeit abgeneigt: deszwegen hat der mensch auch das was seiner natur entgegengesetzt ist ... in sich aufzunehmen. der leichte sehe nach ernst und strenge sich um, der strenge habe ein leichtes und bequemes wesen vor augen, der starke die lieblichkeit, der liebliche die stärke, und jeder wird seine eigene natur nur desto mehr ausbilden, je mehr er sich von ihr zu entfernen scheint Göthe I 47, 30 W.;
diese weichlichen gesänge, die ich hier zusammenflocht,
wenn sie auch der strenge tadelt, hat's die liebe je vermocht?
Platen w. 1, 146 Hempel;
die strenger gesinnten miszbilligten die einführung neuer genüsse und neuer bedürfnisse Ranke s. w. (1867) 2, 30; als ich gott und unsterblichkeit entsagte, glaubte ich zuerst, ich würde ein besserer und strengerer mensch werden, ich bin aber weder besser noch schlechter geworden (1849) G. Keller br. u. tageb. 2, 220 Ermat.;
wohl wird man edler durch das leiden
und strenger durch erlebte qual;
doch hoch erglühn in guten freuden,
das adelt seel' und leib zumal
ders., ges. w. (1889) 9, 67;
dagegen wahrten die österreichischen landschaften ihre besondere stellung. die geistlichen dichter, welche hier, strengeren sinnes, nur rein geistliche stoffe bearbeiteten, konnten gegen die spielleute nicht aufkommen Scherer litt.-gesch. ⁷103; ernst und streng an sich arbeiten Rilke br. 2 (1950) 37. als gemütseinstellung 'herb, verschlossen, der gefühlsäuszerung abhold':
das herz gefällt mir nicht, das streng und kalt
sich zuschlieszt in den jahren des gefühls
Schiller 13, 174 G.;
ein schauer faszt mich, thräne folgt den thränen,
das strenge herz es fühlt sich mild und weich
Göthe I 14, 6 W.;
dieses vertrauen Montans eröffnete das strenge herz des astronomen ebda 25, 272; und mit segnender geberde abschied nehmend, verschwand der hohe greis ..., streng sich den danksagungen der gerührten herzen entziehend H. v. Chézy erz. u. nov. (1822) 1, 29. dagegen von einer mehr nach auszen gekehrten als innerlich gelebten haltung: den reichen legt man all ding wol ausz, also wann sie zornig vnd bitter sindt, so sindt sie ernsthafft vnd streng S. Franck sprichw. (1541) 1, 19ᵇ; einem rechten weltweisen musz es nie an gelde fehlen ... jeder weltweise musz ein strenger mann sein. wer aber kein geld hat, ist der gröszte sklave eines jeden (1808) Pückler-Muskau briefw. u. tageb. 2, 1, 85. ähnlich: jene strenge und gemessene stimmung ..., welche die weiber immer während einer wäsche befällt G. Keller ges. w. (1889) 4, 230.
9)
schon früh findet sich streng auf den ausdrucksgehalt von wort oder miene angewendet, jedoch anfangs noch in der bedeutung 'acerbus, unsanft, bitter':
stillen myn drurn du solt,
holt fraw hochgeborn.
...
scharff, strenng sind all din wort
mhd. minnereden II 45 Thiele;
vnd Christus zaigt mit worten streng,
dj strasz zur höllen, brait vnd geng
J. v. Schwarzenberg d. teutsch Cicero (1535) 130ᵇ;
all jr (der Atropos) gesicht vor vnlust bran,
vnd sah gar streng jr schwestern an
(1553) Scheit frölich heimfart v. 956 Strauch.
später 'severus', oft mit dem nebensinn 'verurteilend, verweisend' und vom blick 'prüfend und mahnend': wie er aber solches vermercket, sprach er mit strengen worten zu ihnen (1726) volksb. v. geh. Siegfried 86 ndr.; eben das verlangen wir von ihm (dem freunde), ein lächelndes und ein strenges wachsames auge Cramer d. nord. aufseher (1758) 43;
doch sein strenges auge hiesz
die heftig wallende empfindung schweigen
Schiller 12, 138 G.;
herr Hugh bannte ihn mit einem strengen blick an den tisch Fouqué zauberring (1812) 1, 29; hier ... hatte sie ... die grüsze der vorübergehenden entgegengenommen und meist mit einem gewissen strengen ernst erwidert Gutzkow ritter v. geiste (1850) 1, 281; genug, rief der vater in strengerem tone, wir wollen mit solcher sache nicht länger spielen G. Keller ges. w. (1889) 6, 37; da masz er diese fünf herausgeputzten gänse, eine nach der anderen, von oben bis unten, und erklärte ihnen streng und abweisend, es gäbe dinge, die denn doch ernster seien als eine theatervorstellung H. Mann d. untertan (1949) 242; sie tadelte selten. trotzdem wirkte jede weisung, die sie gab, wie ein vorwurf, und wenn madame in sehweite war, war es Simone, als sei jede ihrer bewegungen von einem strengen auge überwacht Feuchtwanger Simone (1950) 48. entsprechend vom physiognomischen ausdruck: sein einst so schönes, gutmüthiges angesicht hatte einen leisen zug von härte bekommen, und sein auge war strenge geworden Stifter s. w. 3 (1911) 169; ihre neue helferin, Renata, war fast noch ein schulmädchen, sehr bleich, die augen leuchtend schwarz, die züge für dieses alter etwas zu streng Carossa winterl. Rom (1947) 9. 'scharf, entschieden, eindringlich', von tadel und ermahnung: ich läugne nicht, ... dasz ich mir vorgenommen hatte, ihr betragen gegen Aurelien sehr streng zu tadeln Göthe I 23, 78 W.;
... das ist Arndt,
der hat zu allen zeiten
vor'm fremden wesen streng gewarnt
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 102;
es ist nicht streng genug zu rügen, in welcher unverantwortlichen impietät ... die meisten einrichtenden regisseure ... mit Shakespeare verfahren O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 48.
10)
in der wendung strenge arbeit paszt sich streng der wechselnden geltung seines beziehungswortes an. vom mhd. bis weit in die jüngere sprache hinein 'hart, schwer' (vgl. Wolfram v. Eschenbach unter II 1 a):
darmit er sich gar kaum erneert
mit mhü und arbeit streng und hert
(1558) Hans Sachs 9, 168 lit. ver.;
etlich in strenger arbeyt saur,
aufführten an dem schlosz die maur
Spreng Äneis (1610) 12ᵃ;
oder habet ihr (gefallene engel) diesen ort (die hölle) erwehlet, hier nach der strengen arbeit des gefechts eure müde dapferkeit ausruhen zu lassen Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 20; da gabs schmutzige und zum theil auch strenge arbeit Bräker s. schr. (1789) 1, 167. beim verbum wohl in neutralerer auffassung 'eifrig, emsig': arbeite in der jugend streng, so lebst du dann froh und lang Düringsfeld sprichw. (1875) 1, 454ᵇ;
der alt is in die achtz'ger jahr,
der ganze kopf voll weisze haar;
aber der arbet noch ganz streng
Karl Stieler ged. 3, 44 Reclam.
so auch strenger fleisz:
bei dir ist zeit und müh nun gar wol angeleget,
dieweil dein stränger fleisz des kaisers huld beweget
Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 161;
dabey ist er geheim, und von so strengem fleisz,
dasz viel' ihn oft im bett erwacht gefunden haben,
in federn nicht sowohl, als schriften, ganz begraben
König ged. (1745) 171.
schlieszlich mit dem nebensinn 'zuchtvoll, pflichtbewuszt': es ist gut, dasz die strenge arbeit am wörterbuch mich nöthigt, die gedanken von der betrachtung unserer zeit abzuwenden W. Grimm in: briefw. mit Dahlmann u. Gervinus (1885) 1, 522; denn männlich wolle er sein schicksal ertragen, das schicksal eines letzten seines geschlechtes, der da in strenger arbeit und zurückgezogenheit die ehre des hauses bis zum erlöschen zu wahren habe G. Keller ges. w. (1889) 5, 76. — entsprechend: nachdem ich glücklich in Weimar angekommen bin, habe ich mich sogleich dem strengsten fleisz ergeben Göthe IV 11, 84 W.;
vielleicht gelingt's, die arbeit zu vollenden,
wend ich dereinst noch strengen fleisz daran
Gries Ariosts ras. Roland (1804) 1, 60.
C.
'ohne lässigkeit oder abweichung, unbedingt, genau, strikt, entschieden'. (als beiwort zu adjektivenz. b. streng katholisch, streng vertraulich — oder zu einem substantiv oder pronomen mit präpositionz. b. streng im takte, streng unter uns — begegnet das wort nur in diesem anwendungsbereich und erst seit dem 19. jh.).
1)
mehrere wortverbindungen, die streng seit dem frühnhd. hauptsächlich von der bedeutung 'severus' her eingeht, legen zugleich die vorstellung des genauen und unbedingten innehaltens einer vorschrift oder norm nahe. dadurch wird eine bedeutungsverschiebung angebahnt, die bald den selbständigen gebrauch im letztgenannten sinne zuläszt (s. 2). in der wendung etwas streng halten ('innehalten') zeigt sich dieser wandel (von 'zuchtvoll' oder aber von 'assiduus' aus) schon früh vollzogen: dy monche di haldin ir e gar strenge, unde ir lebin ist kusch und erlich d. md. Marco Polo 15 Tscharner (vgl. auch strenge, f., C 2).
a)
in der wendung streng auf etwas halten 'severus, mit nachdrücklicher schärfe', übergehend in 'strikt, genau': gott hat alle wege strenge uber disem wort gehallten: wer das schwerd nympt, soll durchs schwerd umbkomen Luther 18, 330 W.; darob (leichtfertige händel nicht zu gestatten) ist vil jar ganz streng gehalten worden Zimmer. chron. ²4, 77 Barack;
hab auch, wie sie, vor augen got
und halt streng ob seinem gebot
Hans Sachs 1, 218 lit. ver.;
man sagt, dasz dieser bischoff Petrus ob solchen der geistlichen vrtel vnd bann sehr streng gehalten habe Rätel Curäi chron. (1607) 387; ihr haustyrann, der so streng auf sein männerrecht hielt Klinger w. (1809) 158; der graf musterte indesz die übrigen (schauspieler). er fragte einen jeden nach seinem fache, und äuszerte gegen Melina, dasz man streng auf fächer halten müsse Göthe I 21, 239 W.; ich ... gehe zu niemanden und nehme keinen besuch an. hielte ich nicht so strenge darauf, so hätte ich meine zeit mit ehre empfangen und ehre geben hinbringen müszen (1786) ders., IV 8, 84 W.; zu einem metzger, der katholisch war und streng auf die fasten hielt br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 79; ich rathe jedoch, auf die einmüthigkeit des verfahrens etwas strenger zu halten Schopenhauer s. w. 1, 27 Grisebach; (der alte) hielt streng darauf, sein sohn muszte 'sie' zu ihm sagen Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 42.
b)
im gleichen sinne von gebot und verbot: mit dem gut sol man also thon. man soll lassen nemen, soll leyhen und geben unserm nechsten, wa und wenn er wil. und das sind strenge gepot (1526) Luther 10, 1, 2, 819 W.;
unküscheit kündt ir streng verbietten,
vor welcher ir üch alzyt hietten,
wie der esel thut im meyen
Murner narrenbeschwörung 22 ndr.;
Kirke, die mir aufs strengste befohlen,
ja die insel zu meiden der menschenfressenden sonne
J. H. Voss Odyssee 225 Bernays;
es ist strenge verbothen, hanf oder flachs bei denen feuerstellen im hause zu dörren und zu gramlen (1818) österr. weist. 3, 239, 29; auf das strengste war alles fuhrwerk ohne ausnahme hinter die colonne beordert Göthe I 33, 19 W.; obgleich in den fasten alle öffentlichen vergnügungen streng verboten waren, erlaubte man doch diese concerte O. Jahn Mozart (1856) 1, 64; gar zu gern hätten wir einige schüsse in die stille luft gesandt, wenn es nicht streng untersagt gewesen wäre G. Keller ges. w. (1889) 1, 136; strenge weisung war ergangen, jede reibung mit der bevölkerung zu vermeiden Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 127; wie er gegen strenges verbot eine zigarre rauchte ders., geschw. Oppermann (1948) 140. eindeutig die strikte befolgung bezeichnet streng in der anwendung auf ausdrücke des gehorsams. strenge mit möglichster befolgung der vorschrift, genau, z. b. ein strenger gehorsam Voigtel wb. (1783) 3, 372ᵃ: also dasz das ein werk des gesetzes ist, welchs das gesetz ernstlich fodert und streng gethan will haben (1533) Luther tischr. 1, 499 W.; in dem das gesetz von den menschen ... ein unnachläszlichen, gantz vollkommenen und strengen gehorsam fordert, ohn einigen auch den geringsten fehler und misztritt Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 57; (der löwe) ist ein gewaltiger held, ein führer bey nachtzeit, im dunkeln ist sein gang, des waldes thiere gehorchen ihm strenge maler Müller w. (1811) 1, 21; er wuszte in den lehensmannschaften kriegerischen geist zu nähren: man sah bei ihm nur stattliche leute und geschickte führer, er hielt auf strengen gehorsam Ranke s. w. 14 (1870) 31.
c)
hieran schlieszen sich in jüngerer zeit ähnliche verwendungen; strenge pflicht: (die schaubühne) kleidet die strenge pflicht in ein reizendes lockendes gewand Schiller 3, 516 G.; die beobachtung der anbefohlenen vorschriften (wird) iederman zur strengsten pflicht gemacht (1818) österr. weist. 3, 242, 9; doch ist es nicht deutlich, wie streng die verpflichtung zu erscheinen war K. O. Müller die Dorier (1824) 1, 181. — entsprechend: ich werde ... stets meine pflichten ... streng erfüllen Pocci lust. komödienbüchl. (1859) 172; wenn ich auch einerseits alle meine pflichten als staatsdiener und richter strenge erfülle br. von und an Herwegh 362 M. Herwegh. strenge ordnung:
auf strenges ordnen, raschen fleisz
erfolgt der allerschönste preis
Göthe I 15, 1, 312 W.;
ein thätiger und wachsamer fürst ... stellte in allen zweigen der verwaltung die strengste ordnung her, ... griff mit eiserner hand durch Häusser dt. gesch. (1854) 1, 54; nicht allein über haus und küche, auch über stall und sattelkammer wachte ihr sachverständiger blick, auf strenge ordnung haltend in: Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 153. vom gelübde 'unbedingt bindend': die nonnen haben sich nicht allein durch ein strenges gelübde der keuschheit, sondern auch noch durch starke gitter vor ihren fenstern verwahrt Lichtenberg verm. schr. (1800) 1, 329. mit dem beisinn 'acerbus':
vor dir — legt ich betäubt der eide strengsten ab,
der mich dem mörder des geliebten übergab
Gotter ged. 2 (1788) 414.
d)
von wache und wachsamkeit, untersuchung, nachforschung und kontrolle sowie von rechenschaft und prüfung; auch hier verbindet sich das moment des scharfen, keine lässigkeit duldenden vorgehens mit dem der genauigkeit: und hielte man strenge wachten allenthalb, dann man truwet einandern nichts Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 304; ist jm nicht also, das der mensch vmb all empfangne zeitliche gaben, vmb gelt, gut, nahrung etc. wird gott strenge rechenschafft geben müssen Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 14; bey so vielen strengen untersuchungen Stephanie d. j. sämtl. lustsp. (1771) 246; wenn seine beweise nicht immer die strengste probe aushalten (1759) Lessing 8, 26 L.-M.;
von diesem unverzeihlichen versehn
soll man die strengste rechenschaft mir geben
Schiller 5, 1, 49 G.;
er (Boris) läszt im ganzen reich die strengsten nachforschungen thun ebda 15, 2, 409;
nun setzt euch, freunde, sagt mir, wer es weisz,
warum diesz aufmerksame strenge wachen
den unterthan des landes nächtlich plagt?
Shakespeare 3 (1798) 144;
allein von jeder note, die er niederschrieb, wuszte er die strengste rechenschaft abzulegen Schubart ästhetik (1806) 208; ich will auf's land und unter strenger aufsicht arbeiten und mich bessern Bäuerle kom. theater (1820) 1, 32; die neue ausgabe ... machte diesem eine letzte strenge durchsicht derselben zur ... pflicht Matthisson schr. (1825) 1, 3; je wichtiger das einzige ziel alles philosophirens, die erkenntniss aussersinnlicher wahrheiten und die strenge prüfung der festigkeit dieser erkenntniss ist, desto interessanter muss die beschäftigung seyn W. v. Humboldt ges. schr. (1903) 1, 288; meine hausarbeiten für das gymnasium wurden von meinem vater noch strenger überwacht als sonst Storm s. w. (1898) 1, 68; unsere wünsche bedürfen doch beständig einer strengen und gewissenhaften kontrolle Fontane ges. w. (1905) I 5, 267; er ist unter strenger aufsicht Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 42.
e)
in übertragenem gebrauch der bedeutung 'eng, fest' (von band und fessel, s. II D 1) treten noch wendungen wie streng an etwas binden, gebunden sein hinzu, die ebenfalls zu der bedeutung 'genau, unbedingt' führen können: also banden sie einander nicht strenge an das abendmal G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 53ᵃ; so sind wir geneigt zu wünschen, dasz herr R. sich weniger strenge an die anzahl der strophen und verse gebunden ... hätte (1769) Gerstenberg recensionen 221 lit.-denkm.; indessen ist der Deutsche an diese arten der gewöhnlichen wortfolge nicht so strenge gebunden Adelung lehrg. d. dt. spr. (1782) 2, 554; sie wollen sich streng daran binden, jedesmal den inhalt anzuzeigen, und wo es nöthig ist, proben von der behandlungs- und schreibart geben J. G. Forster s. schr. (1843) 8, 124; da die deutsche kirche von anfang an sich an den römischen ritus streng gebunden fand Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 62.
2)
mit dem ende des 16. jhs. beginnt die bedeutung 'genau, ohne abweichung, unbedingt' in selbständigerer verwendung aufzutreten.
a)
so in wendungen wie etwas streng nehmen 'es genau berücksichtigen', doch auch 'es damit genau nehmen': diese sternen der glacieischen arth, die regieren den winter, es sey in dem wasser, in früchten, erdtreich wo etwas ist, da ein feuchte seyn mag, da ist es der congelation vnterworffen. die andern stern, schnee vnd anders, ist nichts an dem orthe zum winter so streng zu rechnen: dann der schnee ist des winters regen Paracelsus opera 2, 87 B Huser; so man fast streng will sein, macht aufzug (bezeichnung einer abgabe) als vil, als des selbigen guets oder weingarten ain jarzins wär (16. jh.) österr. weist. 5, 15, 16; mus derowegen (in der orthographie), wo es der rechte laut ausdrüklich nicht erfodert, nicht gar zu strenge verfaren werden Butschky hoch-dt. kanzelley (1659) 23; es ist eine ernsthafte sache um die kunst, wenn man es ein wenig streng nimmt (1787) Göthe IV 8, 261 W.; ihr urtheil über Jean Pauls ästhetik ist im wesentlichen das meinige; nur habe ich ihn weniger streng genommen, weil ich hier nie viel tiefe oder einsicht von ihm erwartete Solger nachgel. schr. u. briefw. (1826) 1, 435; die ortsnamen wirst du überhaupt nicht zu strenge nehmen, denn du weiszt, dasz alle höchst wichtigen ... begebenheiten ... überall geschehen sind Brentano ges. schr. (1852) 5, 5;
nicht allzu streng musz man das leben nehmen!
sie (anrede) fordern viel von andern, mehr von sich
Bauernfeld ges. schr. 4 (1871) 135
später oft adverbial streng genommen: streng genommen ist die moralische kraft im menschen keiner darstellung fähig, da das übersinnlich nie versinnlicht werden kann Schiller 10, 110 G.; sein werk besteht, strenge genommen, aus novellen Tieck schr. (1828) 4, 121; nach ihrer (der populären philosophie) erklärung giebt es, streng gefasst, weder ein unegoistisches handeln noch ein völlig interesseloses anschauen Nietzsche w. (1895) 2, 17; 'verwirklicht' werden eben, streng genommen, gar nicht die werte selbst Nic. Hartmann ethik (²1935) 136.
b)
seit dem 18. jh. 'strikt, genau' bei verben und verbalsubstantiven der innehaltung von richtlinien, normen usw.: dieser gewohnheit wird auch so strenge von ihnen nachgelebet vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 276 Gottsched; so wollen es die gesetze. man sieht, dasz sie billig sind, und man will, dasz sie aufs strengste beobachtet werden Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 196; nichts war an ihren sitten ruhmwürdiger, als die strenge beobachtung der ehelichen treue M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 26; hofbälle, die meistenteils aus zwölf bis fünfzehn personen bestanden, da auf die eigentliche courfähigkeit strenger geachtet wurde, als an den gröszten höfen E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 38 Gr.; musz die erasmische aussprache des altgriechischen auch in verdeutschten namen strenge befolgt ... werden? J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 12; der reinen theorie streng folgen W. v. Humboldt ges. schr. (1903) 1, 241; es bildete sich eine ... streng innegehaltene satzung, dasz in jeder oper ein duett, ... und ein terzett ... vorkommen muszte O. Jahn Mozart (1856) 1, 250; ein programm, dessen strenger einhaltung wir den 20-jährigen frieden danken Bennigsen nationallib. partei (1892) 67; man sah ihn die strasze wieder heraufkommen ..., streng darauf bedacht, den transport des getränkes zu decken H. Mann d. blaue engel (1950) 209; du selbst verlangst strengste anerkennung der gesetze Fr. Wolf besinnung (1947) 89.
c)
sehr häufig auch bei wörtern wie stillschweigen, geheimnis, inkognito:
doch kündig ihm zugleich ein strenges schweigen an
Gottsched dt. schaubühne (1740) 2, 16;
jedoch ward alles von stunde an
in noch strengerm geheim gethan
Kortüm Jobsiade (1799) 3, 74;
ew. hochwohlgeboren werden gewisz ohne meine bitte diese blätter auf's strengste secretiren (1819) Göthe IV 31, 238 W.; bei der taufhandlung selbst wollte sie im strengsten incognito seyn Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 48; ich habe ihr das strengste stillschweigen gelobt Tieck schr. (1828) 7, 149; wobei ich natürlich auf strengste diskretion von ihrer seite rechne (1833) Pückler briefw. u. tageb. (1873) 3, 168; so war ich denn mit einemmale dem gefolge einer im strengsten inkognito reisenden fürstlichen person attaschirt Gaudy s. w. (1844) 2, 46; es galt mir gegenüber strenge geheimhaltung aller militärischen maszregeln und absichten als regel Bismarck ged. u. erinn. 2, 117 volksausg.
d)
vom beginn des 19. jhs. an bezeichnet streng schlieszlich in jeder beziehung die abweichungslose genauigkeit und unbedingtheit, mit der etwas eingehalten wird oder einzuhalten ist: er hat den alexandriner mit strenger cäsur gewählt (1820) Göthe I 41, 1, 162 W.;
geometrie, die allbeherrscherin:
sie schaut das all durch ein gesetz belebt,
sie miszt den raum und was im raume schwebt;
sie regelt streng die kreise der natur,
hiernach die pulse deiner taschenuhr
(1828) Göthe I 4, 286 W.;
du weiszt, ich soll dich strenge meiden
Tieck schr. (1828) 11, 163;
und sich nach streng zugemessener verneigung starr und steif wieder aufrichtete Gaudy s. w. (1844) 13, 101; er zog deshalb auf seiner karte von Europa nach dem lineal mit bleistift einen strich ... und war so, immer streng dem striche nachreisend und weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten berg gekommen Immermann w. 2, 91 Hempel; es gehört mit zu Angelas verschrobenheiten, dasz sie alles nach der strengsten zeiteintheilung thut Stifter s. w. 1 (1904) 96; Georg Gossenbrod in Tyrol, der ... über alle landesherrlichen rechte strenge buch hielt Ranke s. w. (1867) 1, 135; inzwischen beschränkte man sich gegen den hauptfeind auf die strengste defensive Mommsen röm. gesch. 2 (1889) 176; die zwischensätze sind streng contrapunktisch gehalten O. Jahn Mozart (1856) 1, 521; die strenge imitation der antike im gegensatz zu ihrer freieren benutzung Justi Winckelmann (1866) 1, 394; auf das strengste aber ward der könig bei seinen zusagen festgehalten Ranke s. w. (1867) 17, 43; so ist es ... bei dem deutschen heere strenger brauch, dass die soldaten vor beginn des tanzes sporen und degen abzulegen haben Böhme gesch. d. tanzes (1886) 88; die zeitverhältnisse des solos sind unsicher, nur der chor bewegt sich streng im takte Bücher arbeit u. rhythmus (⁴1899) 353; die sache bleibt natürlich streng unter uns H. Mann d. untertan (1949) 433; streng vertraulich ebda 130; streng kommentmässig ebda 267; Otfrid schreibt mit wenig ausnahmen ... strengen zeilenstil Heusler dt. vers.-gesch. 2 (1927) 39; er ... hielt sich streng zurück von allen öffentlichen dingen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 139; strenge soziale grenzen, die sogar an der uniform kenntlich gemacht wurden Renn adel im untergang (1947) 34. oft in der wendung sich streng an etwas halten, auch etwas streng halten, streng an etw. festhalten (vgl. 1 a): er hat sich jedoch streng nach der observanz der kirchenväter halten müssen Bettine dies buch geh. d. könig (1843) 2, 474; Guido ist fortgewachsen in die länge, Marie trotz der streng gehaltenen fasten in die breite (1823) Görres ges. br. (1858) 3, 108; der ehrliche förster hielt sich streng an die frommen sitten seiner groszältern Ch. v. Schmidt ges. schr. (1858) 1, 98; die reform ... hatte ... streng daran festgehalten Mommsen röm. gesch. 2 (1889) 260; zunächst hielt er (Gryphius) sich bei der übersetzung der Gibeoniter noch streng an sein original, wie es ihm eben im ersten drucke vorlag. nur den titel änderte er H. Palm in: Gryphius trauersp. 727 lit. ver.; ich habe vor allem streng an dem grundsatz festgehalten, die zur publication geeigneten stellen wortgetreu aufzunehmen jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 5, XI; er wollte, sich streng an die grundlinien haltend, die formulierung des einzelnen dem augenblick überlassen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 79.
e)
vom festhalten einer absicht oder eines standpunktes 'unbedingt, entschieden, unbeirrbar':
der churfürst ist
ein gnädger herr, ...
der, was er reif beschlossen, streng vollführt
Z. Werner Martin Luther (1807) 16;
du hast all die fähigkeiten, die ihm für die strenge verfolgung solcher plane mangeln Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 1, 289; der gesetzgeber musz, je mehr die bevölkerung zunimmt, desto strenger seinem plane nachgehen J. Möser s. w. (1842) 2, 18.
f)
in den anwendungen auf scheidung und absonderung tritt meist der nebensinn 'scharf, hart, kompromiszlos' hinzu: wenn ich zu reformiren hätte, müszte das schöne geschlecht, wenn es ja kochen soll, mit strenger ausschlieszung alles dessen, was odem gehabt, sich auf milchspeisen und gemüse einschränken Hippel s. w. (1828) 1, 326; was artistisch wäre, nähme man in die neue anstalt, das historisch-antiquarische bliebe drüben, wobey man überhaupt keine strenge grenzlinie zu ziehen brauchte Göthe IV 21, 7 W.; ist denn unsere strenge scheidung von recht und gewalt in der that eine richtige? Ihering geist d. röm. rechts (1852) 104; die förmlichere etikette, welche dazumal die stände strenger schied O. Jahn Mozart (1856) 3, 213; um so strenger (als Calvin jeden gläubigen zur kirche rechnet) will er diejenigen absondern, welche sie durch wort oder that verleugnen Ranke s. w. (1867) 8, 125; eigenschaften, durch die sich die übersetzungen der höfisch-ritterlichen gedichte streng von der heimischen saga scheiden R. Meissner die strengleikar (1902) 136; die gestapo hatte strengste absonderung der juden von den arischen arbeitern befohlen Klemperer l. t. i. (1949) 235.
3)
in einem vom vorigen abgezweigten verwendungsbereich gibt das beiwort streng an, dasz der begriff seines beziehungswortesgegenüber einer möglichen lässigeren auffassungin seinem entschiedensten grade, seiner konsequentesten und reinsten form zu gelten habe.
a)
ein früher ansatzpunkt dieser verwendung zeigt sich in der verbindung des wortes mit fasten (später auch diät). streng geht hier von der bedeutung 'acerbus', daneben wohl auch von 'assiduus' aus; bei verlagerung der auffassung kann es mitunterim sinne der bedeutung 2 — auf die genaue innehaltung der enthaltsamkeit bezogen werden, wird aber vor allem zu einer bezeichnung für deren entschiedensten grad: ye mer er (ein mönch) gebett, ye strenger er gefastet hat, ye wütiger er wider das euangelion tobet Luther 52, 71 W.;
hastu einen rausch gehabt? geh zu Filtzen nur zu gaste;
denn auff einen starcken rausch nützet eine strenge faste
Logau s. sinnged. 180 lit. ver.;
dasz deshalb der hl. fundator die seinigen mit strenger fasten also ausgemergelt, damit sie nicht feist wurden, um willen die porten des himmels gar eng (1679) Abr. a s. Clara w. 2, 66 Strigl; die strengste diät Kästner verm. schr. 1 (1755) 55; mich hat das fieber ein paarmal schrecklich angepackt, ... ich habe es aber sogleich mit chinapulvern und strenger diät glücklich fortgejagt (1782) Heinse in: br. zw. Gleim, Heinse u. Müller 2, 461 Körte; bey einem sehr strengen diätetischen verhalten kann ich meine zeit sehr wohl nutzen Göthe IV 19, 404 W.; das schaale, traurige bier, die strengen fasten, der gehorsam, der mürrische, scheinheilige abt, alles ist zum verzweifeln Tieck schr. (1828) 3, 164; sie haben einen schweren magen- und darmkatarrh und müssen bei strenger diät einige zeit liegen Renn adel im untergang (1947) 249.
b)
ferner sind von den anwendungen unter 2 her jederzeit übergänge in den vorliegenden bedeutungskreis möglich, da streng in vielen fällen zugleich die auffassung 'ohne abweichung, strikt, genau' und 'entschieden, konsequent' zuläszt: der ... sich wunderbar verändernde schall dieser kleinen thierchen (vögel usw.) ist dann und wann so sonderbar, dasz er sehr oft einer ... nach den strengsten regeln in ordnung gebrachten melodie ähnlich wird Scheibe d. crit. musicus (1745) 49; dem dichter ist nicht sowohl um strenge vollständigkeit und zulänglichkeit der vorschriften, als um auszeichnung der wichtigsten unter ihnen ... zu thun Eschenburg entwurf (1783) 94; zweifle ... niemand an der strengsten unpartheilichkeit des urtheils Göthe I 48, 7 W.; lohnt sichs gewisz der mühe ... (hinsichtlich einer etymologischen orthographie) der strengsten consequenz zu huldigen Schmeller mundarten Bayerns (1821) 10; wie viel besser hätte ich sein beispiel eisernen fleiszes und strenger zurückgezogenheit benutzen sollen Chamisso w. (1836) 5, 235; ein enges niedriges häuschen fiel ihr ein, streng aus schiefer, mit grünen läden Kahlenberg Eva Sehring (1901) 127; da beide schiffe streng abgeblendet fahren muszten Göttinger tagebl. vom 23. 6. 1915, abendausg.; der grosze einflusz ..., den schule und wissenschaftliche erziehung ausgeübt haben auf die ausbildung eines streng folgerichtigen denkens bei der oberschicht der kulturvölker Havers hdb. d. erkl. syntax (1931) 33; die sache war todsicher. sie war streng legal Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 100. häufig in den verbindungen strenge wahrheit und strenge form (rechtens): er oder ich kann von der strengen wahrheit abirren, wäre es auch nur ein haarbreit Herder 2, 92 S.; in solchen schrifften ... wo die strengste wahrheit mit der annehmlichkeit des vortrags verbunden seyn soll Lichtenberg nachlasz (1899) 7, 19; ferner hatte er keine vollmacht von den beyden andern höfen aufzuweisen ... und verlangte und erhielt acceszions urkunden auch für sie, welches nach der strengen form eine anomalie seyn möchte (1785) Göthe IV 30, 38 W.; jede abweichung von der strengsten wahrheit ohne leidenschaft anzuzeigen ebda I 46, 100; nach ihrer offenen und der strengsten wahrheit gemässen rechtfertigung W. v. Humboldt br. an Welcker (1859) 31; es ergibt sich jetzt, wie sträflich und gefährlich es ist von der strengen form des rechts zu weichen J. Grimm an Dahlmann in: briefw. (1885) 1, 143; der strengsten wahrheit gemäsz Gaudy s. w. (1844) 2, 145; das capital führte gegen die arbeit ... den krieg, natürlich wie immer in strengster form rechtens Mommsen röm. gesch. 2 (1889) 75.
c)
hierher gehört auch die verwendung als beiwort zu ausdrücken des glaubensbekenntnisses, der weltanschauung oder der politischen richtung. die ersten diesen gebrauch berührenden anwendungen sind wohl von 'assiduus, eifrig' her zu verstehen: ortodoxus strenger lieb halber (aus -haber) gottes (1466) Diefenbach nov. gl. 274ᵃ; strenger liebhaber des glaubens catholicus, orthoduxus, voc. inc. teut. (Speyer um 1485) ee 6ᵇ. so auch die folgende stelle, wenn nicht schon die bedeutung 'genau, entschieden' zugrundeliegt: sie (die Türken in Damaskus) wollen andächtiger seyn, denn die Türcken in Europa, welche nicht so streng seyn Schweigger reyszbeschr. (1619) 320. seit der zweiten hälfte des 18. jhs. bezeichnet streng ganz im sinne der vorstehenden verwendungen sowohl die genaue beachtung der glaubensinhalte als auch deren extremen charakter: denn in der that giengen die Taboriten und strenge Hussiten viel weiter M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 7, 171; der gerade weg aus Galiläa nach Jerusalem führte in drei tagereisen nach der hauptstadt. nur der ganz strenge jude machte den umweg durch Peräa Tholuck commentar z. d. ev. Johannis (1827) 85; die gehäuften zeichen des strengsten katholicismus Solger nachgel. schr. (1826) 1, 40; (er) ist wieder ein strenger, und ... sogar ein harter intoleranter protestant geworden (1842) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 91 Schulte-K.; die Franzosen suchten dadurch einer verbindung der streng katholischen faction mit Spanien ... zuvorzukommen Ranke s. w. (1867) 17, 23; besäszen wir noch ein evangelium aus einem streng und ungebrochen judenchristlichen kreise, so würden die reden Jesu unstreitig ein ganz anderes aussehen haben D. F. Strausz ges. schr. 6 (1877) 37; war Drusus ... streng conservativ gesinnt Mommsen röm. gesch. 2 (1889) 213; es war streng katholisch dort, und in dem punkte verstanden sie keinen spasz Storm s. w. (1898) 4, 74; auch die frommen brüder in Jesu von Weylarn, die stets geglaubt hatten, durch überlegene klugheit und streng religiöse abgrenzung unberührt von allem zu bleiben, wurden nicht verschont O. M. Graf unruhe (1948) 448. so auch in der wendung strenge (häufiger strikte) observanz, vgl. Schulz-Basler deutsches fremdwb. 2 (1942) 228: in zehn jahren wird der dünkel, womit die rhythmiker von der strengen observanz sich jetzt vernehmen lassen, höchst lächerlich seyn (1807) Göthe IV 19, 283 W.
d)
von 'severus' (B 7) ausgehend schlieszen sich wendungen wie strenge tugend, redlichkeit, gesetzlichkeit usw. dem vorstehenden gebrauche an:
ich weis, dasz deine brust die strengste tugend nährt
Gottsched dt. schaubühne (1740) 2, 197;
das lob der strengsten ehrlichkeit musz man ihm lassen J. M. Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 17; man sagt, sie sei ein beispiel der strengsten tugend Schiller 3, 14 G.; die strenge gesetzlichkeit des volks (der Römer) Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 12; er ist von strenger redlichkeit Iffland theatr. w. (1827) 1, 212; so kann ich versichern, dasz ich mich mit der strengsten gewissenhaftigkeit an das mir vorliegende heft gehalten ... habe Solger vorles. über ästhetik (1829) 12; der ganze erwerb war inner den grenzen der strengsten rechtlichkeit betrieben Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 223.
e)
in selbständiger verwendung tritt die genannte bedeutung seit der mitte des 18. jhs. auf; zunächst in den wendungen im strengen verstande, in der strengen bedeutung (des wortes), im strengen sinne (des wortes), meist superlativisch: es sei ungereimt zu sagen, dasz die schönen künste eigentliche und im strengsten verstande so genannte wissenschaften sein könten G. F. Meier betracht. (1757) 6; wahre gedichte nach der strengsten bedeutung des worts Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 48; man muss, wenn man von dem nutzen der physiognomik redet, nie blos auf das sehen, was im strengeren sinne wissenschaftlich heissen kann Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 159; Athens verfassung war ... in eine vollkommene demokratie verwandelt; im strengsten verstande war das volk souverain Schiller 9, 169 G.; Jesus war ... als Messias auch der gottessohn, und zwar im strengsten wortverstande Strausz ges. schr. (1879) 4, 6; im unterschied vom kuhgeld ... war das zeuggeld ... zahlmittel im strengen sinne des wortes Luschin v. Ebengreuth münzkde u. geldgesch. (1904) 135. dann bald in allgemeinerem gebrauch: die kohle ist dieser merkwürdige körper der uns diesen begriff (des schwarzen) am strengsten gewährt Göthe II 5, 1, 132 W.; ein übergang aus der strengen aristocratie zur gemischten politie Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 223; und die wahl läszt sich selten streng rechtfertigen Thibaut bürgerl. recht (1814) 422; während gross sein und den blick für die nothwendigkeit haben, streng zusammengehört Nietzsche w. (1895) 1, 498; dort war ... für s = 6 der strenge wert von T₀ = 0,3030; der angenäherte ist 0,3455 Czuber wahrscheinlichkeitsrechn. (1908) 1, 115; ein in diesem sinne verstandener 'oberster wert' wäre in der tat das strenge gegenstück zum absolut wertindifferenten N. Hartmann ethik (²1935) 563.
4)
streng in abwandlungen der bed. 2 und 3.
a)
an die bedeutung 'genau' schlieszen sich weiterführende anwendungen des wortes auf wissenschaftliche verfahrensweisen und verwandtes.
α)
von der beobachtung 'genau, exakt, sorgfältig': diese durch strenge beobachtungen nicht zu schlichtende streitfrage Peschel völkerkde (1874) 9 anm. 3; (die brüder Grimm) haben die strenge beobachtung und untersuchung nicht blos auf die geschriebenen denkmäler beschränkt Scherer kl. schr. (1893) 1, 8.
β)
von definition, beweis und schluszverfahren 'exakt, stringent': die beweise sind strenge mittel der überzeugung Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 4, 43; es ist unstreitig, dasz Aristoteles überhaupt keine strenge logische definition von der tragödie geben wollen Lessing 10, 110 L.-M.; dasz sie (die logik) eine wissenschaft ist, welche nichts als die formalen regeln alles denkens ... ausführlich darlegt und strenge beweiset Kant 3, 8 akad.; dennoch beweisen diese folgerungen nicht allzu streng J. Grimm kl. schr. (1864) 2, 13; wie die richtigen strengen schlüsse dadurch zu stande kommen, dasz man das verhältnisz der begriffssphären genau betrachtet Schopenhauer s. w. 1, 89 Gr.; doch bleibt es immer misslich auf geologische vorgänge sich zu stützen, die selbst noch strengere beweise entbehren Peschel völkerkde (1874) 428. — ähnlich: über solche heilthümer vergangener zeit suche ich mit die strengsten zeugnisse zu verschaffen Göthe I 24, 118 W.
γ)
'exakt und methodisch diszipliniert, von festen prinzipien geleitet': strenge lehrer der beredsamkeit wollen aber, dasz man die menschen mehr durch ihre handlungen als durch worte malen soll Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1756) 4, 291; mit vorsatz haben wir dem schönen feuer, dem schönen natürlichen entsagt; wir opfern alles einer strengen vernunft auf; und stolz auf unser opfer, sagen wir, dasz wir genauigkeit haben (1768) Gerstenberg rezensionen 86 lit.-denkm.; von dem strengsten vortrage vollkommener begriffe Herder 2, 92 S.; diese klasse (die philosophen) versteht, vielleicht mehr als jemals, ihr handwerk und treibt es, mit recht, abgeschnitten, streng und unerbittlich fort Göthe IV 11, 177 W.; die handwerke ... (werden) durch die bezeichnung 'strenge künste' von den 'freien' entschieden getrennt und abgesondert ebda I 25, 1, 220 W.; hier zuerst bildete sich ... eine einseitige geringschätzung gegen strenge philologische kenntnisse aus Steffens was ich erlebte (1840) 1, 187; da meine vorträge nicht sowohl wissenschaftlich strenge sind, als vielmehr nur in unterredungen bestehen Stifter s. w. 14 (1901) 5; eine schule strengen denkens Lange gesch. d. materialismus (1866) 6; der dichter darf sich ... manches erlauben, was dem strengen historiker als sünde anzurechnen wäre Scheffel ges. w. (1907) 1, 103; aber betroffener fast steht man vor dem menschlichen bilde dieses romantikers (J. Grimm), der beinahe von heute auf morgen die kraft und den entschlusz fand, streng, induktiv, geduldig stein an stein zu fügen und sich von der beobachtung leiten zu lassen, weil ihm aufging, dasz die unbeschwerte spekulation, selbst bei richtigen grundahnungen, unfehlbar in die irre führen müsse Hübner kl. schr. z. dt. phil. (1940) 30; er studierte dann an deutschen universitäten, genosz die strenge schule Julius Petersens G. Kartzke in: dt. literaturzeitung 74 (1953) 346.
b)
in unterschiedlichen, im ganzen jedoch an die bedeutung 3 angelehnten verwendungen 'entschieden, ausgeprägt, konsequent', besonders von form- oder entwicklungstendenzen (vgl.D 1 c): da die gegenstände der natur eine wahre würcklichkeit haben, so musz ihre würckung auch strenger, ernsthafter, und dauerhafter seyn, als die würckung des nachgeahmten bildes Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 64; in diesen kämpfen erhielt das fränkische Gallien einen neuen zusatz germanischer kräfte durch die kriegsscharen, welche hauptsächlich die schlachten lieferten, und dann zur abwehr der feinde und erhaltung des gehorsams angesiedelt wurden. alles gewann eine gröszere und strengere gestalt Ranke s. w. (1867) 8, 11; ich glaube, dasz mit fester und kluger ausnutzung des sieges ... die deutsche einheit in strengrer form zu erreichen war, als zur zeit meiner betheiligung an der regirung schlieszlich geschehn ist Bismarck ged. u. erinn. 1, 60 volksausg.; das zweite lied hat dieses erste durchweg zur inneren voraussetzung: der verfasser nimmt anstosz an der parteilichkeit gegen Kriemhild; er nimmt anstosz an den schlechten manieren Hagens und Volkers ... er hat alles strenger motiviert, mehr aus den umständen, aus der natürlich gespannten situation, aus einem konflikt edler beweggründe Scherer litt.-gesch. ⁷120; die formenfülle der flexion darf keineswegs unterschätzt werden, aber sie ist entschieden strenger und einförmiger als die wortbildung R. Blümel in: germ.-rom. monatsschr. 8 (1920) 13; die historische umwelt dieser blütezeiten (der kunst im 13. u. 16. jh.) gibt eine durchaus verschiedene ansicht. die erste wurde zeitig auf der mittagshöhe einer zu strenger einheit durchgearbeiteten kultur, deren reifstes, zusammengefasztestes symbol sie war Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 1.
D.
seit der mitte des 18. jhs. entwickeln sich anwendungen des wortes, in denen einem meist sinnlichen eindruck die qualität streng als ausdrucks- oder stimmungswert beigelegt wird. streng bezeichnet dabei im wesentlichen eine dem lieblichen und anmutigen abgekehrte, jedoch schönheit keineswegs ausschlieszende erscheinungsform, die meist durch die merkmale des straffen, hart konturierten sowie (der wirkung nach) des herben, ernsten und schlichten gekennzeichnet ist. der ursprung dieser übertragung ist wohl darin zu suchen, dasz etwa den erscheinungsmerkmalen 'straff, herb, dem lieblichen abgekehrt' der ausdruckswert 'zuchtvoll, ernst, der leichtlebigkeit abgeneigt' (vgl.B 8) anempfunden wurde. daneben begegnen jedoch von anderen gebrauchsweisen des wortes abgeleitete verwendungen (vgl. 1 c und d sowie 2 c).
1)
auf den ausdruckswert künstlerischer gestaltungstendenzen bezogen gewinnt dieser gebrauch seit dem ende des 18. jhs. weite verbreitung; zur lexikalischen buchung vgl.: streng sagt eben das, was hart und trocken sagt; ein strenger stil, ein strenges kolorit Jacobsson technol. wb. 4 (1784) 318ᵃ; streng in der mahlerei hart; eine strenge farbe halten Campe 4 (1810) 710ᵇ.
a)
vom gesamteindruck der künstlerischen gestaltungsweise. kennzeichnend ist die opposition des wortes streng zu anmutig (s. u. anmuth. gelehrsamk.), schön, reizend (Göthe) und zart (Scherer): daraus entstand eine zugleich prächtige und einfältige, künstliche und natürliche, tropische und gemeine, männliche und geputzte, kurze und weitläuftige, anmuthige und strenge, lebhafte und heftige schreibart anmuth. gelehrsamk. (1751) 8, 567 Gottsched; so lesen sie was Winckelmann vom hohen styl der Grichen sagt. leider führt er dort diese Minerva nicht an. wenn ich aber nicht irre so ist sie von jenem hohen strengen styl da er in den schönen übergeht (1787) Göthe IV 8, 131 W.;
den göttern
aller völker der welt bietet ihr wohnungen an,
habe sie schwarz und streng aus altem basalt der Ägypter,
oder ein Grieche sie weisz, reizend, aus marmor geformt
ebda I 1, 237;
es ist das grade, strenge, oder wenn man will, das harte des alten styls Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 131; bärtige Hermesköpfe strengen alterthümlichen styls archäol. ztg. 1, 3 Gerhard;
erst schwach — verstärkt — ein voller chor;
in strenger einfalt steigt's empor
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 82;
wir entdecken zarte züge neben den strengen Scherer litt.-gesch. ⁷9; wie Overbeck, Veit, Steinle die heilige geschichte, von der man längst nichts mehr wissen wollte, in der strengen alten weise wieder malten, so schrieb Mendelssohn seine oratorien, seine kirchenwerke Riehl musik. charakterköpfe (1899) 1, 84; gemessen an der alten strengen saga hat die sprache des königsspiegels freilich etwas künstliches, oft geradezu etwas virtuosenhaftes R. Meissner die strengleikar (1902) 137; ein hauptinteresse des spätromanismus betrifft die detailformen. diese verlieren nun den letzten rest von dem strengen und wortkargen wesen der älteren zeit Dehio kunsthist. aufsätze (1914) 21; der eindruck der pracht verbindet sich mit einer strengen simplizität, wie wir ihr sonst nicht begegnen ders., gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 50; nicht die stark bewegten gestalten, die das mittelalter ... hie und da verwendet hat, sondern die strengen axialfiguren ... verkörpern den stilistischen fortschritt der mittelalterlichen kunst sowohl in der skulptur als auch in der malerei Dvořák kunstgesch. als geistesgesch. (1925) 96.
b)
in speziellerem sinne 'hart, scharf, klar' von der linienführung, auch von der gliederung eines bildnerischen kunstwerkes: die grazie in den gemälden des Guido ..., oder das höhere ideal in den strengern umrissen des Raphael Urbino (1766) Gerstenberg recensionen 3 lit.-denkm.; aber ein übertriebenes wesen, sonderlich in der zeichnung der schienbeine, und der strenge und harte schnitt der muskeln der wade zeiget sich an allen Winckelmann s. w. (1825) 3, 357; die schärfsten und strengsten linien, selbst eines Michel Angelo, sind traum und schatten gegen das hohe leben eines Tizianischen kopfs Heinse s. w. 4, 15 Sch.; denn Kalon und Hegesias (bildhauer) haben härter ... gearbeitet, Kalamis weniger streng, noch weicher Myron (nam duriora ... Callon atque Hegesias, iam minus rigida Calamis, molliora ... Myron fecit, Quintilian 12, 10, 7) Göthe I 46, 44 W.; das ganze ist ... im ersten ägyptischen stile gearbeitet, dahin deutet das magere, strenge und muskellose Brentano ges. schr. (1852) 5, 435; sind muskeln und knochen gar zu strenge angegeben worden H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 1, 25; links steht Semele ... (langer chiton, mantel mit strengen falten) Furtwängler vasenbeschreibg. (1885) 446; wieder tönt die strenge vertikale des kopfes als die hauptstimme aus dem bilde heraus Wölfflin klass. kunst (1901) 45; die geraden strengen linien eines römischen siegesthores Ric. Huch triumphgasse (1902) 11. so auch: ich werde dir dann zeigen, dasz ich keine falschen waden trage, wie du dir wegen der strengen form meines beines einbildest (1832) Pückler briefw. u. tageb. 1, 108; die häuser des dorfes hoben sich scharf, in strengen umrissen von der luft ab Zahn Lukas Hochstraszer (1907) 57.
c)
auf komposition und aufbau von werken der literatur, musik und kunst angewendet bezeichnet streng die konsequenz, mit der ein gestaltungsprinzip befolgt wird; der gebrauch stützt sich auf die anwendungen unter C 3 (vgl. auch C 4 b): ich habe grosze lust mich nunmehr in der einfachen tragödie, nach der strengsten griechischen form zu versuchen (1801) Schiller br. 6, 277 Jonas; Newton hatte durch eine künstliche methode seinem werk ein dergestalt strenges ansehn gegeben, dasz kenner der form es bewunderten und laien davor erstaunten Göthe II 2, 4 W.; um die strenge form und die gleichförmigkeit des ganzen auch in der vorrede zu behaupten, will ich sie in paragrphen schreiben Jean Paul w. 49/51, 3 Hempel; diese echte polyphonie ... ist begründet auf contrapunktische studien, deren reife früchte uns überall geboten werden, so selten auch die strengen formen der contrapunktischen schreibweise uns unmittelbar entgegentreten O. Jahn Mozart (1856) 4, 265; der dichter hat sein werk nach einem überlegten plane strenge componirt Scherer litt.-gesch. ⁷123; die strengste fassung der hallenanlage ist die, der die breite der schiffe und der joche einander gleichgesetzt werden, mithin die grundfigur der gewölbe das quadrat ist Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 25; zweigeschossig, von strengster und reich betonter, äuszerst schlanker architekturgliederung in spitzbogen und wimpergen durchgestaltet, steht er da (der Claren-altar im Kölner dome), ein zeugnis noch immer strophischen sehens Pinder d. kunst. d. ersten bürgerzeit (1937) 142.
d)
gelegentlich kennzeichnet streng die persönlichkeit des künstlers, wobei die angeführten gebrauchsweisen wechselnd die auffassung bestimmen können: (die bravourmäszige behandlung der solosätze) galt ... damals für keineswegs unverträglich mit kirchlichem stil, und auch ernste und strenge meister des vorigen jahrhunderts ... haben sie ... nicht ausgeschlossen O. Jahn Mozart (1856) 3, 392; er habe früher sich zum strengen deutschen zeichner ausgebildet, der es im sichern führen von stift und kohle fast seinem berühmten meister gleichgethan und die farbe für ein mehr oder weniger notwendiges übel gehalten habe G. Keller ges. w. (1889) 2, 151; man hätte ihn auffordern sollen, ein ganzer künstler zu sein, deutsch wie Scarlatti und italienisch wie Mozart, ein hoher, reiner und strenger tondichter, wie die alten Italiener und die besten unter den alten und neuen Deutschen Riehl musik. charakterköpfe (1899) 1, 247; selbst der strengste abseitige lyriker hatte gerade vier seiten erscheinen lassen, in denen er auf erhabene weise den ruhm und den schlachtentod als ausweg pries aus der hündischen gemeinheit des alltags A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 340.
2)
verstreuter und in der auffassung weniger einheitlich ist die anwendung des wortes auf ausdrucksqualitäten auszerhalb des künstlerischen bereiches. ein frühes zeugnis physiognomischen sehens findet sich bei Opitz (wenn nicht zu dieser zeit noch 'stark, stämmig' anzusetzen ist):
ihr mahlwerck der natur, ihr blumen in den gründen,
ihr stiller auffenthalt,
ihr strengen fichten ihr, ihr sträuch, ihr hohen linden,
du schattenreicher waldt,
dasz ja kein starcker wind die zier an deinen zweigen,
die bletter dir versehr'
opera (1689) 2, 157.
strenge schönheit begegnet mehrfach bei Eichendorff: sie athmete nicht mehr, stumm und bleich in strenger todesschönheit s. w. (1864) 2, 479; mit dem schlanken pantherleib, zu beiden seiten von den langen dunklen locken umwallt, ruhte sie in ihrer strengen schönheit wie eine furchtbare sphynx auf den schilden ebda 3, 278.
a)
dem gebrauch unter 1 a und b stehen die anwendungen auf die bekleidung am nächsten. sie sind literarisch nur schwach bezeugt, jedoch sind verbindungen wie strenger schnitt eines kleides, strenges kostüm (klassisches, schneiderkostüm), auch strenge frisur u. ä. in der gegenwärtigen umgangssprache durchaus gebräuchlich: streng und ernst kleidete sie der dunkle mantel Scheffel ges. w. (1907) 2, 24; hier sah ich die garderobe der groszen und reichen vom sammetschlafrock oder der atlasgesteppten hausjacke bis zum abendlich strengen frack (1937) Th. Mann ausgew. erz. (1953) 363.
b)
hieran fügen sich anwendungen auf den gesamten habitus eines menschen: das ganze gebaren der zwei frauen hatte etwas unmittelbar imponierendes: einfach, starr, streng saszen sie unter ihren romanischen bibeln und erbauungsbüchern Scheffel ges. w. (1907) 3, 96; weisz, schmal, streng sasz Marcia vor ihm Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 119; (der oberst) machte eine sehr förmliche verbeugung und ging schwarz und streng hinaus Renn adel im untergang (1947) 359. von ausdrucksbewegungen im tanze: streng, scharf, trocken, heftig, und in sanften stellungen mehr feierlich als angenehm, zeigte sie (Mignon) sich Göthe I 21, 183 W. vom sprachlichen ausdruck: wir gebrauchen ja alle ziemlich viel fremdwörter, aber solche seltene strenge worte, wie alte offiziere oder gelehrte sie haben — das ist sie, und es macht einen so guten kontrast mit dem hübschesten mund und dem reizendsten kinn von der welt, das sie hat Hugo von Hofmannsthal pros. schr. 2 (1907) 150. allgemeiner von den wesensunterschieden der geschlechter:
denn wo das strenge mit dem zarten,
wo starkes sich und mildes paarten,
da giebt es einen guten klang
Schiller 11, 308 G.
c)
in sehr unterschiedlichen auffassungen kann streng schlieszlich auch sonst der anmutung ausdruck verleihen, die von einer gegebenheit auszugehen scheint. die verwendungen bleiben im begriffskreis der eingangs genannten, sich um den ausdruckswert 'herb' gruppierenden merkmale, sind jedoch zum teil auch von anderen bereichen des wortgebrauches her bestimmt. — streng als ausdruck eines stimmungswertes:
es fliegt der tag, ihm folgt die strenge nacht
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 241;
ermüdung kämpft in seinen zügen,
die nacht ist streng, der dienst ist schwer
ebda 55.
'ernst, gewichtig' mit dem beisinn 'acerbus':
ach die sterne strahlen,
strenge kunde bringend,
auch wider willen dem wissenden
Fouqué held d. nordens (1810) 1, 107;
es haften zu strenge erinnerungen daran, um mit ihm zu spielen ders., altsächs. bildersaal (1818) 4, 7. mit den nebentönungen 'fordernd, verpflichtend, bindend' auch 'unerbittlich':
ihn,
den schauer göttlicher geheimnisse
im reiche der natur
und der gnade;
den schreiber tiefes sinns,
den sanften prediger der strengen wahrheit,
das vorbild jeder lehre —
kennen nur wenig edle
Schubart s. ged. (1825) 2, 183;
bei uns kommt das wort geschichte nicht von schichten und episch ordnen und pragmatisch durchweben, sondern von dem vielbedeutenden strengen worte: geschehen her Herder 3, 469 S.;
er (Schiller) hatte früh das strenge wort gelesen,
dem leiden war er, war dem tod vertraut
Göthe I 16, 168 W.;
freundschaft ist eine blume, die im thale,
nicht auf der menschheit strenger höh' gedeiht
Wildenbruch Karolinger¹⁸ 69.
dem vorigen ähnlich, doch an die bedeutung 'exakt, präzis' anklingend: mit eiserner kette band sie (die natur) die dürre zahl und das strenge maasz Novalis in: Athenäum (1798) 3, 197; süszer schlaf! du kommst wie ein reines glück ungebeten, unerfleht am willigsten. du lösest die knoten der strengen gedanken, vermischest alle bilder der freude und des schmerzes Göthe I 8, 303 W.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9,10 (1957), Bd. X,III (1957), Sp. 1403, Z. 1.

strenge1, f.

¹strenge, f.,
eigenschaftsbezeichnung auf -in- zum adj. streng (s. d. die weitere verwandtschaft). ahd. strengī, mhd. nhd. strenge; as. strengi (in meginstrengi Heliand C 4354), dazu die neubildung strengia (in meginstrengiu Heliand M 4354, wenn nicht mit Sievers PBB 5 [1878] 147 das ungewöhnliche -u im nom. sg. des jō-stammes als schreibfehler angesehen werden musz). hiermit konkurriert eine bildungsweise auf -iþa, die zwar ahd. nur einmal begegnet: strengida 'fortitudo' Tatian 128, 4, doch im ae. üblich geworden ist: strengu, strengđ (mit synkope der mittelsilbe und endung -u bzw. endungslos), ne. strength; vgl. ferner ostfries. strengte Doornkaat Koolman 3, 335ᵇ. im mhd. erhält das wort einen weitaus schärferen konkurrenten in der abstraktbildung strengheit bzw. strengigkeit (s. d.), die im mnd. (strengicheit, strenkheit), nl. (strengheid), dän. (strenghed) sowie im schwed. (stränghet) allein üblich ist. strengheit, strengigkeit vermag bis ins 17. jh. hinein den gebrauch von strenge stark einzuschränken (s. u.). — den maa. ist das wort, wie viele abstracta, fremd. obd. hält sich zuweilen das volle -i der endung, vgl. strengj Boner Herodot (1535) 28ᵇ, und schweizerdeutsches strengi schweiz. id. 11, 2306; vereinzelt steht strengin (dat. sg.) Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 202. einen plural kennt das wort nicht, die folgende verwendung bei Arndt (im sinne von 'harte anforderungen') ist einmalig und ungewöhnlich: der rüstige, damals noch in der fülle der kraft blühende vater mutete uns mit recht die übungen und arbeiten zu, welche er hatte durchgehen müssen; er sah es überhaupt gern, wenn wir aus eignem triebe oder im wackern wettkampf uns strengen und härten auflegten, die er eben nicht befohlen hatte s. w. (1892) 1, 48 R.-M.zu vereinzelten umlautlosen formen vgl. das adj. streng. in bedeutung und gebrauch schlieszt sich das wort zunächst der entwicklung des adjektivs an, doch wird seine verbreitung im spätmhd. und älteren nhd. erheblich durch das aufkommende strengigkeit eingeschränkt, das die substantivierung aller auf das menschliche verhalten bezogenen bedeutungen des adjektivs fast völlig an sich zieht (vgl. strengigkeit 1, 2, 5 und 6). nach dem versiegen seiner ausgangsbedeutung 'stärke, macht, festigkeit' (A 1 — im frühnhd. durch strengigkeit 2 'tapferkeit, tatkraft' fortgesetzt) verbleiben dem worte daher in diesem zeitraum hauptsächlich die bedeutungen 'acerbitas' (B 1), 'rapiditas' (von flieszenden gewässern, B 2) und 'härte, schärfe, rauheit' (von kälte und witterung, B 3) sowie einige sporadisch an den gebrauch des adjektivs anknüpfende verwendungen (B 4). während strengigkeit in der bedeutung 'härte, unerbittlichkeit, rauheit' (s. d. 6) den älteren wortsinn von streng 'severus' (s. d. III A) wiedergibt, folgt strenge dem sich herausbildenden modernen sinngehalt des adjektivs und bezeichnet eine auf die beobachtung von verhaltensregeln dringende haltung der entschiedenen festigkeit (C). in dieser bedeutung gewinnt es seit dem schwinden von strengigkeit im jüngeren nhd. seine gröszte verbreitung.
A.
stärke, tapferkeit (zu streng I).
1)
ahd. strengi begegnet nur in glossen (daneben im Tatian einmal strengida, s. o.). für 'kraft, stärke': robor strengi (R.), robore krefti (Ra.) ahd. gl. 1, 241, 38 St.-S.; robor strengin (robur fortitudo, corp. gloss. Lat. 4, 563, 17) ebda 4, 18, 13. 'stärke, standhaftigkeit, festigkeit': munia (= mœnia) edificia uel firmitas festinot cymbrumka edho strenki (K.) 1, 207, 39; tenacitas firmitas einstriti strengi (K.) 1, 258, 3; firmitas fortitudo fasti strengi (Pa.) 1, 158, 11. bes. für die stärke, die macht gottes: Ezechiel (hebr. eigenname mit der bedeutung 'stärke gottes', s. Sleumer liturg. lex. [1916] 124ᵇ) fortitudo dei rachenteo strangi cotes (Pa.), strenki kotes (K.) 1, 136, 39; Ozia (Ozias, hebr. eigenname mit der bedeutung 'stärke des herrn', s. Sleumer 228ᵇ) fortitudo dei strenki kotes (K.) 1, 223, 13. so wohl auch in einer spätmhd. stelle:
der oben swebt und niden hebt
dir vor und hinden, neben strebt
und ewig lebt, ie was an anevange,
der alt, der jung und der von sprung
trilitz gevasst in ainlitz zung
an misshellung mit unbegriffner strange
Oswald v. Wolkenstein 90, 6 Schatz.
2)
nur lexikalisch findet sich strenge im älteren nhd. als synonym zu tapferkeit: handueste, strenge, dapfferkeit, beringe Frisius dict. (1556) 1246ᵇ s. v. strenuitas; strenuität die tapferkeit, strenge Spanutius (1720) 452; strenge, strengheit, dapfferkeit fortitudo, magnanimitas Aler dict. (1727) 1853ᵃ.
3)
die wendung seiner streng bzw. (in der anrede) euer streng als wenig gebräuchliche (bei Metcalf forms of address in German [St. Louis 1938] nicht verzeichnete) formel der titulierung zunächst adliger, dann überhaupt hochstehender personen schlieszt sich an die gebrauchsweise des adj. (I A 3) an; sie ist ferner beeinfluszt durch andere, ähnliche formeln wie euer gestreng(en) (teil 4, 1, 2, sp. 4254) und vor allem durch häufigeres euer gnade(n) (teil 4, 1, 5, sp. 554ff.), euer liebde(n) (teil 6, sp. 916), an die sich auch die erst spät auftauchende vollere form euer strengen angelehnt haben mag: die knecht haben seiner streng ettlichs dinglich von Amrang gen Landshut gefürt Altenhohenauer rechn. v. 1514 Cgm. 697, f. 162 bei Schmeller-Fr. bayer. 2, 816;
itzt kompt er gleich; ich wil es wagen,
sein streng nach meinen eltern fragen
(1545) Hans Sachs 8, 341 lit. ver.;
ich danck ewr streng, welche ir leben
für mich habt in gefahr gegeben
(1551) ebda 8, 314;
wolledl gestrenger richter und gebietender herr, die weilen eur streng mich des rechtens fragen, so wille ich zu recht sprechen (17. jh.) österr. weist. 1, 10; bittent derohalben des herrn streng wolle uns als arme undertanen noch bei der alten gerechtigkeit bleiben lassen, so wollen wür in alweg des herrn streng ganz undertenigen gehorsamb in allerding erzaigen und laisten (17. jh.) ebda 10, 136; der koch habe ein tieffen reverentz gemacht und gesagt: gott dancke e. strengk Schupp schr. (1663) 109;
eur strengen! darf erzherzogliche durchlaucht
gehör beim kaiser hoffen?
Grillparzer s. w. 9, 12 Sauer.
lexikalisch: strenge hoggi gestrenge ò gestrengigkeit titolo di nobiltà in astratto Kramer t.-ital. 2 (1702) 1011ᵇ; ich bitte ew. strengten te, vir strenue, rogo Weber lex. (1770) 674ᵇ.
B.
im mhd. und älteren nhd. knüpft strenge an einige der unter streng II angeführten bedeutungen des adjektivs an.
1)
bitternis, härte, beschwerlichkeit, mühsal (zu streng II A):
dannen schiet sus Parzivâl.
ritters site und ritters mâl
sîn lîp mit zühten fuorte,
ôwê wan daz in ruorte
manec unsüeziu strenge
Wolfram v. Eschenbach Parzival 179, 17 Lachm.;
dîne stîge und dîne stege
und alle dîne rûhe wege,
swie tief sie sint und enge,
ich envorhte dehein ir strenge
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 1965 Weinhold;
sîn denken und sîn trahten
im alsô nâ ze herzen gienc
daz in der sorgen kraft bevienc
mit bitterlîcher strange
Reinfrid v. Braunschweig 13 345 lit. ver.;
von strenge und von swere der gepert (partus) begonde sie vorterben Wenzel-bibel gen. 35, 17 bei Jelinek mhd. wb. 692; wir ... ritend nüechter gar ein herten weg, das mengem onmächtig ward von hitz und strenge des wegs quelle v. j. 1519 in: schweiz. id. 11, 2306. seltener strenge der zeit (vgl.strenge zeit unter streng II 1 a): iniquitas temporis vngelaͤgenheit, schwaͤre oder strenge der zeyt Frisius dict. (1556) 700ᵇ; so offnen ... wir ... allen ... dasz wir darum dasz wir fuͤrsechind und fuͤrkommind die herte und strenge des zites ... wir uns ... zusammen ... gebunden (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 276ᵃ. sporadisch begegnet die bedeutung auch im jüngeren nhd.:
schmerzen, welche dich berührten,
rühren mich in gleicher strenge
Göthe I 4, 293 W.;
doch der, erschöpft von niedrer arbeit strenge,
an krankheit vor der abfahrt noch gestorben
Müllner dram. w. (1828) 4, 141.
im übergang zu bedeutung C 1 d: andere haben sich dem landbau und der strenge eines mühsamen lebens ergeben, um sich gegen ungemächlichkeit und arbeit abzuhärten Bode Montaigne (1793) 3, 91. vgl. auch: die strenge der fasten l'austérité du jeûne Schwan nouv. dict. (1783) 2, 734ᵇ. in mundartlicher redensart: d'mängi macht d'strengi 'was an sich nicht lästig ist, schwierig ist, wird es durch öftere wiederholung' schweiz. id. 11, 2306.
2)
die reiszende schnelligkeit strömenden wassers, rapiditas (zu streng II B): so laden sy alsz dann auff die selbigen esel heut vnd fel, die füren sy vberland mit jnen inn Armenien, dann man mag von strengi wegen disz wassers nit vbersich faren Boner Herodot (1535) 39ᵇ; von wegen der strenge des wassers bey der überfahrt Xylander Polybius (1574) 493; im jahre 1639 hat ein bürger von Husum einen kleinen sommerteich umb die Wehle herumb zu legen vorgenommen, damit so viel wassers nicht ein und auszgehen solte, und also des strohmes strenge gebrochen würde Danckwerth Schleswig u. Holstein (1652) 143ᵃ; lapides adesi verschlissen vnd auszgehölt von strenge desz wassers Frisius dict. (1556) 32ᵃ; rapiditas die schnälle vnd strenge, eigentlich der wasseren Calepinus XI ling. (1598) 1223ᵃ. auch: rigor stillicidij strenge desz tachtropffens so er falt Frisius dict. (1556) 1162ᵇ.
3)
bis zur gegenwart die härte, schärfe und rauheit kalter witterung (zu streng II D 5); frigoris uis die strenge, reüche vnd grösze der kelte Frisius dict. (1556) 1389ᵃ; die strenge der luft, der witterung l'âpreté, l'inclémence du ciel, de l'air Schwan nouv. dict. (1783) 2, 734ᵇ:
si liesen sich nit irren do
des kalten zites streng
noch des weges leng
der sœlden hort 1725 Adrian;
so was ouch dero zit nit muͤglich ... über den hochen St. Bernhart ... ze reisen von strenge wegen des winters (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 27; dieweil aber dises gewächsz das erste vnd das ander jar vberausz zart ist, so soll mans vonwegen der grossen hitz der sonnen vnd grosser stränge der nacht allwegen zudecken Sebiz feldbau (1580) 257; warumb wuͤrde nicht eben die kaͤlte und strenge des frosts zu gleicher weise alles vogelvieh von unsern europeischen grentzen wegtreiben? Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 369;
in die schön gewesnen gänge (des gartens)
eil ich, da des herbstes strenge
ihnen schmuck und anmuth raubt
Schwabe belust. (1741) 1, 524;
aber sie sollten nicht vergessen, dasz zehn bis zwanzig nackende kinder aller strenge der witterung ausgesetzt sind Kretschmann s. w. (1784) 5, 144; die strenge der jahreszeit diente zum vorwand ihres zögerns Schiller 4, 148 G.; sehr breite gassen würden hier auch wegen der strenge der Rheinluft im frühling und herbst nicht eben gewöhnlich sein Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 196; muszten wir mit der strenge eines ungewöhnlich rauhen klimas kämpfen J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 116; die geringe strenge der winter Ritter erdkde (1822) teil 3, 413; in de grôtste strengte fan de winter Doornkaat Koolman ostfries. 3, 335ᵇ;
der jänner muss mit strenge walten,
sonst wird sich der frühling nit gut halten
bei Fischer schwäb. 5, 1858.
4)
vereinzelt folgt strenge noch einigen weiteren frühnhd. verwendungen des adjektivs, im ganzen als bezeichnung der intensität.von der schnellkraft des fluges (s.streng II B 2): diser falk ist auch nit grosz ... aber an der sterck vnd an der künhait vnd strenge des fluges in der paisz, so ist er grosz, wann er vacht wild genns vnd rayger vnd krenich Mynsinger v. d. falken 11 lit. ver. — strenge einer krankheit (s.streng II A 1): er sye einmal 3 tag in eim höwhüsli glegen, das er vor strenge dieser krankheit nit mögen dannen keren quelle v. 1551 in: schweiz. id. 11, 2306. — zu streng II D 1: strenge, enge, so etwas nach bey ein anderen ist compressus (-us) Maaler teutsch spr. (1561) 392ᵇ. — zu der verbindung strenges gift (streng II D 3): von der vnnatürlichen auffbrechung, die da geursacht wirdt ausz strengin vnd hertin des frantzösischen giffts, ausz welchem in der heylung sonderlich widerwertigs entsteht Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 202. — von feuer und hitze (streng II D 4): dieweil aber auch die gebranten wasser von der strenge vnd gewalt des feurs wegen zum offtermal nach brand schmecken Sebiz feldbau (1580) 411;
ihr (der sonne) stral, der feurig trifft,
zertheilet durch die heisze strenge
der aufgethürmten wolken menge
Schwabe belust. (1741) 3, 367.
streng für 'assiduus, intensiv und beharrlich' findet im gebrauch des substantivs keinen nennenswerten niederschlag; für die Schweiz wird die umgangssprachliche wendung in aller strengi 'mit eifer, eifrig, heftig' verzeichnet: aber der güggel het eneⁿ keiⁿ rueʷ g'lōⁿ (den hühnern) bis si endlig g'gangeⁿ sind und uf den tisch und dō d'brōdbrösmeli z'sämeⁿg'leseⁿ hend in aller strengi schweiz. id. 11, 2306; ebda weitere belege.
C.
mit dem überwiegenden teil seiner anwendungen entspricht das wort dem adj. streng in dessen moderner bedeutung 'severus' (III A, B) und den davon abgeleiteten gebrauchsweisen (III C, D).
1)
severitas. im frühnhd. knüpft strenge gelegentlich noch an streng 'rauh, heftig, grimmig' an; vgl. seueritas strenge, reüche, ernsthaffte Frisius dict. (1556) 1209ᵃ; austeritas reuche, herbe, strenge Calepinus XI ling. (1598) 148ᵇ: derhalben ich mich denn verwunder ... warumb jhr als ein schöne frauw euch dieser rauheit vnnd strenge gegen mir gebrauchen Amadis 1, 339 lit. ver.;
wol auff und last uns auch ratschlagen,
auff unser tochter drutzig sagen,
ir unthat nach der streng zu plagen
(1545) Hans Sachs 2, 33 lit. ver.;
ja, der rat dunckt mich auch der best,
das ich mit strenge nichts versaum,
sonder halt das volck in dem zaum
und thus mit schwerer bürdt beladen
(1551) ebda 10, 390.
ähnlich noch im jüngeren nhd. bei ausdrücken des zornigen affekts (vgl.streng 1 B 2):
sie hasst ihn jetzt und zwar mit solcher strenge,
dass sie den tod viel eh'r als ihn umschlänge
Gries Ariosts rasender Roland (1804) 1, 33;
überliefre mich
der ganzen strenge seines zorns
Schiller 13, 209 G.
im übrigen folgt das wort jedoch dem modernen, im frühnhd. sich ausbildenden wortsinn des adjektivs und bezeichnet eine auf die beobachtung von verhaltensregeln dringende, zucht fordernde und übende haltung der härte oder entschiedenheit. von dieser kernbedeutung aus kann sich die auffassung nach zwei richtungen verschieben. einerseits wird strenge deutlich von affektgeladener härte unterschieden: ich ehre die strenge — ich verabscheue härte Iffland theatr. w. (1827) 1, 98. die milde, als gegensatz solcher härte, kann sich darum mit strenge paaren: jedoch wo finden wir heute einen geschikten rathgeber? ... gelehrt aber doch wohlgesittet ... dessen feuer mit sittsamkeit und dessen strenge mit gelindigkeit gemässiget Bodmer crit. poet. schr. (1741) 1, 80; die milde vorwalten zu lassen, welche für die gründliche strenge eine so schöne begleiterin ist aus Schleiermachers leben (1860) 1, 344; durch den seltenen verein von ... liebe und strenge O. Jahn Mozart (1856) 1, 9. doch wird im allgemeinen milde im sinne von 'nachsichtigkeit' als gegensatz vonstrenge empfunden: Matthei am XI. da er sy (die verächter des wortes gottes) schilt, handelt er nicht aus der liebe, sunder aus strenge des glaubens (non ex charitate, sed fide) (1525) Luther 17, 1, 382 W.; hervorragende begabung ... kann die gleichheit aller vor dem sittengesetz nicht aufheben; die übertretung desselben mag jeder mit strenge oder mit milde beurtheilen O. Jahn Mozart (1856) 3, 173; während der staat früherhin mit heilsamer strenge alle seine institutionen und namentlich die steuerverfassung sofort in seinen neuerworbenen provinzen eingeführt hatte, waltete jetzt am hofe eine nachsichtige milde Treitschke dt. gesch. 1 (1897) 145. andererseits kann das wort in verschiedenem sinne die radikale unerbittlichkeit bezeichnen: ich wollte unerbittlich gegen ihn seyn, und überlegte nicht, dasz ich es gegen ihn nicht allein seyn könnte; wenn ich meine zu späte strenge erspart hätte, so würde ich wenigstens ihre flucht verhindert haben Lessing 2, 299 L.-M.; vaters strenge bricht mein herz Herder 25, 150 S.; mitleid findet sich nur in schwächlichen gemüthern, und allein die strenge erhält die menschen bei ihrer schuldigkeit Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 76; dasz niemals noch die eintreibung der steuern mit so erdrückender strenge geübt sey Dahlmann gesch. d. frz. revol. (1845) 95; und nun begannen die qualen der reue, des gebeugten stolzes, der gebrochenen strenge, nun überhäufte sich die einsame frau mit schweren selbstanklagen: wär'ich nicht verschlossen geblieben ..., taub für ihre bitten Holtei erz. schr. (1861) 5, 100;
(Siegfried:) der ruf von deiner schönheit drang gar weit,
doch weiter noch der ruf von deiner strenge,
und wer dir immer auch ins auge schaut,
er wird es nicht im höchsten rausch vergessen,
dasz dir der dunkle tod zur seite steht.
(Brunhild:) so ist's! wer hier nicht siegt, der stirbt sogleich
Hebbel s. w. 4, 55 Werner.
auch die härte des schicksals oder schicksalhafter gegebenheiten: wenn ... des schicksals strenge ... uns trennt Becker Mildheim. liederb. (1799) 6; die strenge der weissagung Bürger s. w. 253 Bohtz;
ich beklage mich,
brachtst du gleich mich ins gedränge,
über meines schicksals strenge,
schöner feind! nicht über dich
Lenz ged. 117 Weinhold;
nothwendigkeit und schicksal! herbe strenge!
Göthe I 16, 257 W.;
vaterland, du riefst den sänger
...
gieb die friedlichen gesänge,
oder gieb des krieges strenge;
gieb mir lieder oder tod!
Körner w. 1, 131 Hempel.
ähnlich: sie sind dahin, die ewig wonnevollen tage, wo ich noch hoffen durfte — jetzt hat mit kalter strenge die schmerzlichste gewiszheit sie verdrängt Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 471.
a)
entschiedene und zielbewuszte, auf die erfüllung einer forderung oder ordnung dringende härte oder festigkeit, vorwiegend im sachbereich der regierung, rechtsprechung und erziehung: das eyn furst sich ynn vier ortt teylen soll: ... auffs vierde gegen die ubelthetter mit bescheydenem ernst und strenge (1523) Luther 11, 278 W.; dieweil er sich selbs des todts schuldig wayss, vnd erkent die strenge des richters Eberlin v. Günzburg s. schr. 3, 262 ndr.; so soltet jhr sie mit aller strenge davon abmahnen vnnd abhalten Moscherosch gesichte (1650) 2, 166; ein paar junge mädchen, wovon das eine in aller strenge erzogen und das andere in aller einfalt aufgewachsen Lessing 10, 5 L.-M.; ich will mich aller strenge geduldig unterwerfen, die mein vater über mich beschlossen hat Rabener s. schr. (1777) 3, 267; die das volk nicht minder durch frömmigkeit ..., als durch ernsthaftigkeit und strenge zu regieren wissen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 339; sie richtet durch liebe tausendmal mehr aus, als durch strenge J. M. Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 19; erziehung ist nach meinem begriff nicht abrichtung, das ist ein zweck, den ich durch strenge allenthalben erhielte — es ist die entwicklung der angebohrnen anlage durch die umstände (1789) Caroline br. 1, 50 Waitz; unserm wanderer fiel der ernst auf, die wunderbare strenge, mit welcher sowohl anfänger als fortschreitende behandelt wurden Göthe I 25, 1, 9 W.; hat sie ihre obliegenheiten nicht geleistet, so bitte den rechtsgang in seiner strenge walten zu lassen (1817) ders. IV 28, 116 W.; freundliche strenge, und duldung, können mich von allen moralischen und künstlerischen fehlern heilen Brentano Godwi (1801) 1, 5;
vor der strenge seines vaters, vor dem allgewaltigen zar,
floh von Moskau weg Alexis, der aus zartem stoffe war
Platen w. 1, 16 Hempel;
sein nachfolger war der würdige Pertinax; als aber dieser mit strenge auf ordnung bedacht war, wurde er von den Prätorianern ermordet Dittmar weltgesch. (1854) 2, 22; die behörden, statt mit strenge durchzugreifen, erstreckten die ... volksschmeichelei auch hierauf Mommsen röm. gesch. 2 (1889) 67; der churfürst von Mainz ward ... aufgefordert, ein zeichen seiner strenge gegen den urheber so vieler schmähschriften zu geben Ranke s. w. (1867) 1, 297; (er) beschlosz, nunmehr mit männlicher strenge seinen willen durchzusetzen und die gattin zu dem zu zwingen, wofür sie ihm einst danken würde G. Keller ges. w. (1889) 5, 111; die strenge, mit der sie ihn zum fleisze ... anhielt Ludwig ges. schr. (1891) 2, 323; der blick, den sie nach der kaiserlichen loge schleuderte, war so voll von auflehnung, dasz Diederich mit äuszerster strenge einschritt H. Mann d. untertan (1949) 383; alle strenge der polizeilichen überwachung war nach rechts verlegt, wo das zivil sich um die sitze balgte ebda 476; mit der strenge, mit der sie einem patienten eine unangenehme medizin aufnötigte Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 139.
b)
entsprechend von der fordernden härte und bestimmtheit eines gesetzes, einer verordnung u. ä.; vgl.gesetzstrenge rigor juris Stieler stammb. (1691) 2189: wirstu deine kräfften gegen der strenge des geses (!) abmessen Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 61; der reiz der beute bewog niemand sich der strenge der geseze zu unterwerfen Haller Alfred (1773) 55; sie haben unrecht, sich über die strenge der neun und dreiszig artikel zu beklagen Nicolai Seb. Nothanker (1773) 3, 58; dasz nürnbergische gesperrte handwerker ausgewandert, und vermuthlich durch die strenge der verordnungen ausgetrieben worden sind ders., reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 1, 261; der kräftige sinn für recht und unrecht, für ehrwürdige einfalt und strenge der gesetze Thibaut bürgerl. recht f. Deutsche (1814) 426; so darf man nicht mit der strenge der gerechtigkeit mit ihnen handeln, man musz sie durch milde und groszmut allmälig wieder zum besseren erziehen Arndt s. w. (1892) 1, 239; (die tendenz,) gegenüber der altväterischen strenge der bestehenden verfassung gelindere und zeitgemäszere grundsätze zur geltung zu bringen Mommsen röm. gesch. 2 (1874) 106; ob er (d. richter) der strenge des gesetzes oder der stimme der menschheit in seinem spruch folgen solle Meinecke Boyen (1896) 1, 29; in diesen alten deichordnungen herrscht oft ... eine solche der wichtigkeit des gegenstandes angemessene strenge Allmers marschenb. (³1900) 28.
c)
so auch von normen, formgesetzen, regeln u. dgl. im hinblick auf die härte und entschiedenheit der in ihnen enthaltenen postulate: (die dramatische regel von der einheit des tages) ist nicht sowol eine regel nach der strenge, als vielmehr eine milderung der regel. die regel selbst ist, dasz die handlung nicht länger daure, als die vorstellung Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1756) 2, 239; im discours sur la tragoedie beschwert sich der verfasser über die strenge der französischen poesie und über das schwere joch des reims Gottschedin br. 1, 21 Runkel; ein grundsatz, welcher in solcher ausschlieszlichen strenge ... kaum aus der nothwendigkeit kirchlicher ordnung zu rechtfertigen seyn dürfte Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 1, 8; dasz das dichterische naturell des auszerordentlichen mannes ... endlich doch den forderungen der französischen tragödie sich fügt und wenigstens bis auf einen gewissen grad ihrer strenge sich unterwirft (1827) Göthe IV 42, 112 W.; die den hexameter noch reiner machen wollten, und der technischen strenge die natürliche leichtigkeit des verses opferten Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 51.
d)
die zuchtvolle härte einer lebensweise.
α)
die strenge des ordens, des lebens etc. austerità, asprezza dell' ordine, della vita Kramer t.-ital. 2 (1702) 1011ᵃ; die strenge eines ordens mildern to mitigate the rigor of an order Ludwig t.-engl. (1716) 1897: wie hatte ich es so gut in meinem vorigen kloster, freundliche vorgesetzte, wenig wurde die strenge der regel beobachtet Tieck schr. (1828) 3, 163; dieser orden (von Cluny), der eine wesentliche verschärfung in der strenge der zucht gegenüber dem Benediktinerorden gebracht hatte Schürr d. altfrz. epos (1926) 27.
β)
von der militärischen disziplin und ausbildung: denn die ganze strenge des dienstes sollte nun bald wieder beginnen Immermann w. 1, 35 Hempel; nicht in der strenge der zucht allein liegt die heilende kraft der militärischen disciplin Jhering geist d. röm. rechts (1852) 253; ich (empfand) doch einen wahren durst, mich der strenge (des milit. dienstes) hinzugeben, so komisch auch ihre nächsten kleinen zwecke waren G. Keller ges. w. (1889) 2, 90; der dienst, trotz aller strenge, gefiel ihm wohl Fontane ges. w. (1905) I 1, 83.
e)
die entschiedene haltung der kritik, die in ihrem urteil nachdrücklich und unbestechlich auf der erfüllung allgemeiner verbindlichkeiten oder gesetzmäszigkeiten besteht: ich glaube nicht, dasz mein beurtheiler mir alle gerechtigkeit hat wiederfahren lassen ... ich konnte fordern, dasz er ... entweder die strenge milderte, oder wenigstens das aus meiner vorrede angeführte, was ich selbst zu ihrer (der gedichte) entschuldigung gesagt hatte Dusch verm. schr. (1758) vorr. b 3ᵇ; auch fehlte es ihm in seinem vaterlande nicht an gegnern, die ihn mit der äuszersten strenge und bitterkeit beurtheilten (1769) Gerstenberg rezensionen 238 lit.-denkm.; gedenken sie, dasz sie das schwere amt eines kunstrichters auf sich genommen, und verfahren sie nach aller strenge mit diesen leuten B. Mayr satiren (1769) 117; sie müssen indesz ... von ihrer kritischen strenge schon etwas nachlassen Lessing 18, 315 L.-M.; gegen die sache selbst, wo sie anderer meinung sind, verfahren sie mit aller critischen strenge (1810) J. Grimm an Benecke, briefw. 18 Müller; die figur der Venus hat ... etwas steifes, welches allerdings nicht zu entschuldigen wäre, wenn man eine zeichnung ... mit gleicher strenge wie ein vollendetes kunstwerk beurtheilen dürfte Göthe I 48, 222 W.; die strenge des richtenden publicums Solger nachgel. schr. (1826) 1, 63; dasz das endurtheil des ästhetischen und das des historischen beurtheilers, wenn beide in gleicher strenge zu werke gingen, immer übereinstimmen wird Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 11;
dichter und recensent in einer person, nun warum nicht?
wenn sich die strenge nur kehrt gegen das eigene werk
Greif ged. ⁵403;
und so hören wir Winckelmann stets über griechischen druck mit schwerzubefriedigender strenge urtheilen Justi Winckelmann (1866) 1, 43.
f)
strenge als zuchtvolle, der leichtlebigkeit abgeneigte, auf sittlichkeit und wohlverhalten bedachte persönliche haltung in der lebensführung:
Roms Phocion, das muster alter strenge,
auch Cato hat zu seinem trunk gelacht
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 45;
im äusserlichen zeigten sie eine gewisse strenge und ernsthaftigkeit, und gaben auch vor, dass sie die übrigen menschen von der üppigen und verdorbenen lebensart ... zurücke zu führen suchten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 5, 180; das kann euch trösten, die ganze stadt, das ganze land sind von eurer heiligkeit, eurer frömmigkeit und strenge überzeugt Klinger w. (1809) 3, 101; zuweilen brach auch seine alte strenge und sein stolz wieder hervor. er zürnte über seine klagen; wie ein könig wollte er dulden und schweigen Novalis schr. 4, 41 Minor; man wird fragen, wie es möglich war, dasz eine so fanatische strenge (der Calvinisten) in dem lebenslustigen Genf durchdringen konnte Ranke s. w. 8 (1876) 126; weil Milton in seiner eifrigen strenge einmal von falschen bärten und nachtschwärmern gesprochen Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 13; die Griechen wuszten während ihrer bessern zeit dieselbe (die sinnlichkeit) wenigstens in die formen des menschlich schönen zurückzuführen; während die Römer, nach anfänglich gröszerer strenge, in der folge mit den schätzen des überwundenen Asiens auch alle wildheit dortigen sinnentaumels in ihre hauptstadt verpflanzten Strausz ges. schr. (1876) 6, 167. entsprechend strenge der sitten o. ä.: durch die neue ingredienzen, welche in diesen gottesdienst waren hineingebracht worden, hoffte er auch eine gewisse strenge und reinigkeit der sitten einzuführen allg. dt. bibl. (1765) 1, 2, 148; wenn sie ... unserm helden nicht vergeben können, dasz er ein vaterland nicht liebte, welches alles mögliche gethan hatte, sich ihm verhaszt zu machen: so müssen wir ... die strenge ihrer sittenlehre bewundern Wieland Agathon (1766) 2, 188; die strenge meiner grundsätze S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 14;
erweitert jetzt ist des theaters enge,
in seinem raume drängt sich eine welt,
nicht mehr der worte rednerisch gepränge,
nur der natur getreues bild gefällt,
verbannet ist der sitten falsche strenge,
und menschlich handelt, menschlich fühlt der held
Schiller 11, 323 G.;
blosz ... der eifrige wunsch, einen nicht unwürdigen theil der menschheit mit der strenge ihres (Kants) systems auszusöhnen, konnte mir auf einen augenblick das ansehen ihres gegners geben (1794) Schiller br. 3, 455 Jonas; dasz ich die fichtische unerbittliche sittliche strenge in den grundsätzen bei ihm bewundern muszte, ergab sich sehr bald Arndt s. w. (1892) 1, 137; (er) meinte, die religiösen überzeugungen des herrn staatsanwalts seien offenbar von mönchischer strenge H. Mann d. untertan (1949) 236.
g)
in gesteigerter auffassung die herbe grösze und entschiedenheit einer lebensform: von diesem tag an wurden wir uns immer heiliger und lieber, tiefer unbeschreiblicher ernst war unter uns gekommen ... voll herrlicher strenge und kühnheit war unser gemeinsames leben Hölderlin ges. dicht. 2, 87 Litzm.; wie alles, was der Germane aus sich heraus bildete, eine einseitige grösze und strenge zeigt, so auch die rücksichtslose hingabe an die wilde poesie des kampfes G. Freytag ges. w. 17 (1887) 78; ihre ganze strenge, hoheit, keuschheit will er diesem abschaum hinwerfen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 122.
h)
strenge als im menschlichen umgang eingenommenes verhalten, geäuszert durch entschiedenen, festen ton und brüsk verweisenden ausdruck in wort und miene:
o waffnet eure gütgen blicke nicht
mit dieser finstern strenge
Schiller 14, 343 G.;
als ich mit der gröszten ehrfurcht zu ihm trat, fragte er mich mit der gröszten strenge, wer mich in das haus eingesetzt habe, und mit welcher befugnisz ich darin angefangen habe mauern zu lassen Göthe I 44, 154 W.; der graf vom Strahl (mit noch milder strenge) H. v. Kleist w. 2, 194 E. Schmidt (regieanweisung); wie können sie das verantworten? fragte Dunker mit einer strenge des tones, welche seinem weichen organe gar nicht natürlich war H. Laube ges. schr. (1875) 1, 250; es hat sich so gefügt, sagte er mit einer gewissen strenge, dasz du durch diese grundsätze gelitten hast Storm s. w. (1898) 1, 163; sooft aber die dicken leute sich zeigten, schwoll Unrat von streitsucht. er behandelte sie schon längst mit strenge H. Mann d. blaue engel (1950) 134. von der zuchtvollen, unnahbaren haltung des umworbenen mädchens: manche ... martert sich ab mit angenommener strenge, nur die verzweiflung ihres anbethers ... immer kräftig zu erhalten maler Müller w. (1811) 3, 149;
wie bebt vor deiner küsse menge
ihr busen und ihr voll gesicht;
zum zittern wird nun ihre strenge,
denn deine kühnheit wird zur pflicht
Göthe I 1, 50 W.;
um als reichste der bräute noch in der letzten der stunden
für die erduldete strenge ihm überschwenglich zu lohnen
Hebbel w. 8, 296 Werner;
sie behielt ihre strenge gegen Johannes bei, sprach nie mit ihm und erwiderte niemals seine botschaften G. Keller ges. w. (1889) 6, 74.
2)
genauigkeit, striktheit, konsequenz (im anschlusz an streng III C).
a)
die striktheit und entschiedenheit, mit der ein leitender grundsatz innegehalten wird; so schon vereizelt im 16. jh. (vgl.etwas streng halten unter streng III C 1): wenn nu das erste gepot Carlstadischer strenge nach zu hallten were (d. i. nach der strenge Carlstadischer ausegung) Luther 18, 79 W.;
jr kriegsknecht hielt jr inn der meng
ewr ehr vnd ayd inn rechter streng
Schwartzenberg teütsch Cicero (1535) 143ᵃ.
sonst erst seit der mitte des 18. jhs.: er war ein inpietist, denn einen orthodoxen kann ich ihn nicht nennen, fals nehmlich die orthodoxie, wie ich fast vermuthe, eine strenge der observanz ist, sich und andere an angenommene regeln zu binden Hippel lebensläufe (1778) 2, 206; um die strenge ihres gehorsams gegen gott recht zu würdigen Schleiermacher s. w. (1834) II 4, 103. häufiger in präpositionaler fügung mit (in) strenge:
denn das gesetz der mäszigung wurd ihm gegeben,
wurde gethan mit der strenge, die zu hofnung
leitet
Klopstock oden (1889) 2, 68;
indem die sammler sich mit strenge darauf beschränkt haben, nur deutsche (bilder) zu vereinigen dt. museum (1812) 2, 370 Fr. Schlegel; deszwegen war unsere erste sorgfalt die bilder zu sondern, alsdann unter rubriken zu theilen, wenn gleich nicht mit der gröszten strenge Göthe I 49, 1, 66 W.; der sonntag dagegen (sollte) allezeit mit der sabbathanischen strenge der Schotten gefeiert werden Ranke s. w. 16 (1875) 79; bitte halte mit eiserner strenge auf regelmäszigkeit im essen (1851) Bismarck br. an s. braut u. gattin 268 H. v. Bism.; das bestreben ..., auch an seinem leben die geschichtliche ... auffassungsweise in aller strenge durchzuführen D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 3, 46; die apostel und deren nachfolger, ... hatten recht wohl erkannt, dasz es nicht gut sei, den neubekehrten ... mit puritanischer strenge die altgewohnten religiösen tänze zu verbieten Böhme gesch. d. tanzes (1886) 15. vielfach in der wendung: nach der (in, mit) strenge beobachten: diese versart schickte sich unvergleichlich zum gespräch: aber es schien schwer zu seyn, sie allemal und nach der strenge zu beobachten Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 3, 306; die unaussprechliche empfindung eines wohlgezogenen frauenzimmers, die immer mit gewissenhafter strenge ihre pflichten beobachtet ... hat Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 223; der das zeitmaasz nicht in der äuszersten strenge zu beobachten weis Quantz anweisung d. flöte zu spielen (1789) 8; der stolze mann, der die kleinstädtische rangordnung immer mit der äusserten strenge beobachtet wissen wollte Langbein s. schr. (1835) 31, 53.
b)
formelhaft in der verbindung etwas nach (in) der strenge nehmen (gleichbedeutend mit etwas streng nehmen, s.streng III C 2 a) 'es mit etwas genau nehmen' oder 'etwas genau nehmen': wenn man die einheit des orts nach der strenge nimmt, so erfodert sie, dasz alles gantz genau auf einem platze vorgehe Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1756) 2, 241; doch auch hier muss man meine worte nicht in aller ihrer strenge nehmen Lessing 10, 174 L.-M.; nach der äussersten strenge genommen ist in der gegenwärtigen vorstellungsart das bild des ich ein mathematischer ... punkt Fichte s. w. (1845) 1, 273; unverzeihlich lange ists, lieber Gervinus, dass ich nicht geschrieben habe, oder wenn sie es nach der strenge nehmen wollen, auf ihren letzten brief nicht geantwortet J. Grimm in: briefw. (1885) 2, 98. verkürzt: verzeihe mir diese ausschweifung, zu welcher ich nach der strenge kein recht hatte Stolberg ges. w. (1820) 8, 317.
c)
als bezeichnung des höchsten grades von entschiedenheit und konsequenter ausprägung, die einem begriff oder sachverhalt (gegenüber einer möglichen lässigeren auffassung) beigelegt wird. (auch hier begegnen, bei flieszenden bedeutungsübergängen zum vorigen, präpositionale wendungen wie in aller strenge): gleichwie diese nachricht nicht in aller strenge und ihrer ganzen ausdehnung nach wahr ist M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 78; der idealismus, der nur schwer in seiner ganzen strenge festgehalten werden kann Fr. Schlegel s. w. (1846) 1, 156; in vielen werken von Goethe findet sich diese reinheit der sprache in ihrer ganzen strenge und vollkommenheit ebda 2, 203; hieraus ergiebt sich fürs erste leicht, was unter hügelland, bergland, alpenland u. s. w. zu verstehen ist, wenn auch hier von keinem mathematisch begrenzten maaszstabe ausgegangen werden kann und soll, da dieser selten in seiner strenge bei den weitesten erdräumen angelegt werden kann Ritter erdkde (1822) 1, 74; man ... hat ... gefolgert, dass in der zeit des Phidias die symmetrie nicht mehr in der äusserlichen strenge genommen worden sey Welcker alte denkmäler (1849) 1, 185; zu diesem zwecke muszte er (Kant) die grosze sonderung unserer erkenntnisz a priori von der a posteriori vornehmen, welches vor ihm noch nie in gehöriger strenge und vollständigkeit, noch mit deutlichem bewusztseyn geschehen war Schopenhauer s. w. 1, 535 Gr.; er verwarf nämlich die deutsche silbenmessung nach dem accent durchaus, indem er das quantitätsprincip der classischen metrik in aller strenge auch für unsern vers geltend machte Justi Winckelmann (1866) 1, 376; Hindostan ... und Mittelchina ... bescheint beinahe die nämliche sonne und bedeckt ein ähnliches pflanzenkleid, die natur ... ist an beiden orten gleich gross und fast gleich schrecklich, von Südchina wenigstens lässt sich dies mit grosser strenge behaupten Peschel völkerkde (1874) 328; an strenge der gliederung, an wohlbemessenem gang ... kommen ihr (e. abhandlung) wenige Grimmsche aufsätze gleich Scherer kl. schr. (1893) 1, 18.
d)
von der entschiedenen und präzisen fassung eines begriffes, der stringenz eines schlusses oder beweises: die genaue strenge der schlüsse (erwarb) dem philosophen bewunderung Cramer nord. aufseher (1758) 52; heiszt dieses nicht alles widerrufen, was einmal in aller strenge erwiesen worden ...? Kant w. (1838) 8, 56; auch hier also ist die strenge des begriffes und beweises alles Herder 3, 461 S.; daraus nämlich, dass die quadratzahlen der umlaufszeiten der erde und des Jupiters sich verhalten wie die kubikzahlen der halbmesser ihrer bahnen, lässt sich mit geometrischer strenge beweisen Schubert verm. schr. (1823) 2, 19; es ist diesz die ohnmacht der natur, die strenge des begriffs nicht festhalten und darstellen zu können Hegel w. (1832) 5, 45; und es kann gegen die strenge des schlusses wohl nichts eingewendet werden, dass die menschliche sprache vorhanden gewesen sein müsse, bevor ein feuer künstlich bereitet werden konnte Peschel völkerkde (1874) 144. im sinne unerbittlicher gesetzmäszigkeit: der grundsatz, dasz den naturgang kein wenn und aber wende, ist gar bald leichtsinnig angenommen und in menschlicher willkür falsch angewandt: ihm folgt dann in den wirkungen des handelns der tragische erfahrungssatz in unabwendbarer strenge nach, dasz der schicksalsgang sich nach dem naturgang richte Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 30.
e)
die auf prinzipien gegründete exaktheit und methodische konsequenz einer lehrmeinung, schule, theorie usw. wie auch des wissenschaftlichen verfahrens überhaupt: zu unsern zeiten kann die sokratische lehrart mit der strenge der itzigen methode ... verbunden werden (1759) Lessing 8, 26 L.-M.; ein schriftsteller, dem es um wissenschaftliche strenge zu thun ist, wird sich deswegen der beyspiele sehr ungern und sehr sparsam bedienen Schiller 10, 390 G.; wie kann eine wissenschaft auf wissenschaftliche strenge ... anspruch machen, die meistens in usum delphini ... angeordnet ... ist Fr. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 2, 142; aber doch hatte die Heynische philologie ... den mangel der vernachlässigung der lehre von den sprachformen, den mangel der grammatischen strenge Arndt s. w. (1892) 1, 53; wobei denn gar leicht auch willkührlichkeit und sophistik an die stelle der wissenschaftlichen strenge treten Schleiermacher s. w. (1834) I 3, 118; verliert das gesetz der kausalität ... nichts an seiner sicherheit und strenge Schopenhauer w. 3, 62 Gr.; die eigentliche schule des alten Joh. Sebastian Bach in ihrer strenge und gelehrsamkeit wurde noch mehr vertreten durch seinen ältesten sohn Wilhelm Friedemann Bach O. Jahn Mozart (1856) 3, 357; an der strenge der methode der naturwissenschaften zu ändern Lange gesch. d. materialism. (1866) 328; besonders die mathematiker betrieben es (d. glasperlenspiel) mit einer zugleich asketischen ... und formalen strenge H. Hesse d. glasperlenspiel (1943) 1, 44.
f)
gelegentlich verbindet der wortsinn die vorstellung der genauigkeit und konsequenz mit der des zuchtvoll beherrschten verhaltens (vgl. 1 f): des vaters erstaunenden fleisz und arbeitsamkeit, so wie seine seltene strenge und gewissenhaftigkeit Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 43; das geschäft verlangt ernst und strenge, das leben willkür; das geschäft die reinste folge, dem leben thut eine inconsequenz oft noth, ja sie ist liebenswürdig und erheiternd Göthe I 20, 41 W.; doch nicht immer waltet die tiefe geschäftsstille, die unverbrüchliche strenge der arbeit in diesen räumen (den kontoren) G. Keller ges. w. (1889) 3, 40; er kann sich an strenge, consequenz und unermüdlichkeit nicht genug thun jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 4, 28.
3)
in seinen anwendungen auf die künstlerische gestaltungsweise zielt strenge, weitaus weniger differenziert als das adjektiv (streng III D), auf den gesamteindruck eines kunstwerkes ab. es bezeichnet eine schlichte und herbe straffheit der darstellungsweise, die in der konturierten schärfe oder archaischen härte der einzelformen wie auch in der klarheit und entschiedenheit des gesamtaufbaues hervortreten kann: wie der mangel anatomischer känntnisze von ihnen auf gewisze art durch äuszere genauigkeit ... und die schönheit, von der sie gar nichts wusten, durch strenge ersetzt sey Herder 2, 136 S.; führt (des jungen künstlers neigung) zum leichten, weichen und sanften, so bemühe er sich aus allen kräften um genauigkeit und strenge Göthe I 47, 252 W.; an strenge steht Goethe wohl den alten nach — aber er übertrifft sie an gehalt ... Goethe wird und musz übertroffen werden ... an gehalt und kraft, an mannichfaltigkeit und tiefsinn — als künstler eigentlich nicht ..., denn seine richtigkeit und strenge ist vielleicht schon musterhafter als es scheint Novalis schr. 2, 243 Minor; den feinsten eindruck macht der portikus und der pronaos des grossen tempels, ... er ist von der gröszten einfalt, voll würde, strenge und höchster vollendung Ritter erdkde (1822) teil 1, 764; man gewahret hier unangenehme steife strenge in der stellung so wie in der ganzen gestalt H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 1, 26; es (das bild) wirkt mit der strenge und reinheit eines antiken epos Stifter s. w. 14 (1901) 46; entwickeln sie (die ornamente in der architektur) ein so reiches ... spiel vegetabilischer und animalischer formen, dasz dieser üppige reichthum die knappe strenge der grundform durch den schein der willkühr verhüllt O. Jahn Mozart (1856) 4, 9; der einflusz jener meister und ihrer kunst zeigt sich auch in einer gewissen herbigkeit und strenge, welche durch polyphone anlage und selbständigkeit der stimmführung veranlaszt, von Mozart keineswegs an sich vermieden wird ebda 3, 383; das haupt einer ... Athene ... erinnerte an die herbe strenge des hohen stils Justi Winckelmann (1866) 1, 273; Pollajuolo's stärke war die strenge der zeichnung, seine farbe ist kalt und undurchsichtig H. Grimm Michelangelo (1890) 1, 147; eine kalte strenge weht durch das ganze lied Scherer litt.-gesch. ⁷55; obgleich man ihm (Mayr) nachrühmt, dasz er durch manchen zug deutschen ernstes und deutscher strenge die verflachte italienische oper wieder aufgefrischt, so ergab er sich doch wesentlich der fremden art Riehl musik. charakterköpfe (1899) 1, 238; ein zug von wehrhafter strenge erfüllt den ganzen bau (der kirche) Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 107; ein neues schlosz ... (sollte) erstehen, geräumig und hell, und ausgestattet ... in einer gemischten stilart aus empire und neuzeit, aus kühler strenge und wohnlichem behagen Th. Mann königl. hoheit (1953) 364.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1957), Bd. X,III (1957), Sp. 1447, Z. 71.

strenge2, f.

²strenge, f.,
harnzwang, dysurie, s.stränge, oben sp. 867f., vgl. auchharnstrenge teil 4, 2, sp. 491.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1957), Bd. X,III (1957), Sp. 1459, Z. 29.

strengen, vb.

strengen, vb.,
denominative ableitung von streng, adj.; ags. gestrangian 'stärken, confortare' Grein sprachschatz 640ᵇ. (aisl. strengja 'festbinden' wird als denominativum zu strengr 'schnur, strick' [nhd. strang] anzusehen sein, vgl. Cleasby-Vigfusson 598 und Walde-Pokorny 2, 650). — das wort ist in der dt. spr. im gegensatz zu jüngerem anstrengen nicht häufig und bleibt in der neueren zeit auf poetischen sprachgebrauch beschränkt; Adelung, der nur die bedeutung 'scharf anziehen' (vgl. unten 5) kennt, nennt es 4 (1780) 824 veraltet.
1)
'stark machen, stärken' (zu streng I A): conroborabatur kestarchit uuas, kestrengit uuas ahd. gl. 1, 730, 1 St.-S., zu Luc. 1, 80 (vulgata: confortabatur spiritu; 1. dt. bibel: wart gesterckt im geist; Luther: war starck im geist). besonders im sinne von 'kräftig ausüben, zur geltung bringen':
di lude in alle forchten
an werken unde an worten
alse einen heileclichen man,
der strengen rechtekeit began
leben d. hl. Elisabeth 4014 Rieger;
so kumt der unselden barn,
der also strenget sin gebot
daz her sich selben nennet got
Heinrich v. Hesler apokalypse 18867 Helm;
damit aber niemand meyne, dasz man der sachen etwa zu viel thue, und die klage zu hoch strenge Scriver seelenschatz (1737) 1, 687ᵇ. im jüngeren nhd. vor allem vom anspannen und steigern der kräfte, vgl.sich, seine kräfte strengen faire tous ses efforts Schaffer dt.-frz. (1834) 2, 3, 305ᵃ. oft in gehobener ausdrucksweise für anstrengen (s. d., teil 1, sp. 492f.): ein grad von handlung, anstrengung im Laokoon mehr bringt den körper aus seiner leidenden fassung, in die letzte strengende wuth des angrifs Herder 8, 106 S.;
dulden wollt ich als mann, und strengte mich; aber es siegte
Amor
Voss Ovids verwandl. (1798) 2, 159;
ihr, o gewaltige hände, bezwangt die hörner des stieres?
euch sah Elis gestrengt
ebda 2, 137;
alle kraft der glieder, so glaubst du, strengt er zum fischfang
ders., Theokrits Bion u. Moschus (1808) 7;
wacker strengend die kraft der hände, erfaszt er das werkzeug
Gaal d. nord. gäste (1819) 38;
er ackert und strenget die kräfte,
es wird ihm so schwer und es wird ihm so sauer
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 188.
vereinzelt den blick strengen:
ihr auge folgt ihm, bis er, immer kleiner,
ihr nur ein fliehend pünktchen schien,
und noch, als der gestrengten blicke keiner
ihn mehr erreichte, sah sie ihn
Baggesen poet. w. (1836) 5, 51.
vgl. auch den kampf strengen ihn mit gröszerer anstrengung der kräfte fortsetzen Campe 4 (1810) 711ᵃ. in mundartlich verengter bedeutung 'seine kräfte beim gehen anstrengen': strenge stark zugehen, im gehen ausholen, ausschreiten Müller Aachen 238; Rovenhagen 142. reflexiv sich strengen gegen etwas 'sich stark machen, sich sträuben, sich auflehnen': were, dat ienich here sich daran strengen wolde, keren, speren oder dar afdriuen wolde Wism. urk. v. 1346 bei Schiller-Lübben 4, 431ᵃ; würde jemand sein, der sich dagegen strengen würde, wir wollen mit vnsern räthen vnd mit euch darauff rahtfordern, wie dem entgegen zukommen Schütz hist. rer. Pruss. (1592) buch 9, Ee 6ᵇ.
2)
jemanden hart angehen, ihn drängen, bedrängen, ihm hart zusetzen (vgl.streng II C 1 a u. c): urguere, arguere strangen (Pa.) strenken (K.) ahd. gl. 1, 124, 7 St.-S.;
ich wil ouch dardurch beihte,   daz ist min gir die meiste,
ich han getan vil leihte   wider vater svn den geiste,
da von vns beiden frevden zil so lenget;
die frvht von Titurele   wird vil liht von sunden sust gestrenget
jüng. Titurel 4984 Hahn;
zu welchen tagen die aidgnoszen, als si zuͦ Lucern zsamen komen warend, an die von Zürich widerum strangten und an wissen ze han begertend J. v. Watt dt. hist. schr. 2, 104 G.wohl im sinne von 'treiben':
bey nahe thät es noth, man gienge selbst aufs feld,
und sähe hie und da, ob alles recht bestellt,
zerschlüge mit dem stock die gantz gelasznen schollen,
woran der faule knecht das pferd nicht strengen wollen
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 406.
strengen, anstrengen monere, incitare, instigare Stieler stammb. (1691) 2189; strengen anstrengen, belästigen Schmeller 2, 817.
3)
im mhd. vereinzelt das leben strengen 'es hart, bitter, beschwerlich machen' (zu streng II A 1 'acerbus'; vgl. strenges leben ebda III A 2 a):
er hiez in vurwart mere
ein teil sine leben strengen
unde die vaste lengen
väterbuch 24 003 Reissenberger;
ir man die hutlute uzlas,
die er starc und veste
zu deme amte weste,
und hiez ir strengen ir leben
passional 32, 13 Köpke.
4)
(sich) strengen vom wetter, bes. von kälte, frost, winter, 'härter, schärfer werden' (zu streng II D 5): de küll strengt sik die kälte wird strenger Mensing schlesw.-holst. 4, 884; Schumann Lübeck 31. prägnanter: strenge sehr kalt werden Müller Aachen 238; strengen kalt werden, vom wetter Leithäuser Barmen 152ᵇ. verbreitet im sprichwort: wenn sich die tage lengen, so thut sich der winter strengen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Ddd 4ᵃ; Spanutius (1720) 631; wenn de dage sikk anfangen to längen, pleggt sikk de winter to strengen Dähnert plattdt. wb. (1781) 467ᵇ; baîgenne e dêze tâ lingen, baîgent e wonter tâ stringen Jensen nordfries. 591; vgl. ferner Woeste westfäl. 258ᵃ; Böning Oldenburg 109; Müller Aachen 238; Rovenhagen Aachen 142; Friedli Bärndütsch 2, 135; schweiz. id. 11, 2302.
5)
zusammenziehen, zusammenschnüren, einengen; zu streng II D 1, doch mag hier teilweise auch das verwandte strang (oben sp. 854ff.; vgl. auchsträngen, vb., sp. 870) die bedeutung beeinfluszt haben: strengen, zuͦsamen strengen, wol knüpffen distringere, perstringere, stringere Maaler teutsch spr. (1561) 392ᶜ; wo es sich gehöret wird alles mit stecknadeln, häcklein, spangen ... vnd knöpffen zusammen gehefftet, geknüpffet vnd gestrenget (connectuntur et astringuntur) Comenius güld. sprachenthür (1638) F 4ᵇ. der folgende beleg steht wahrscheinlich unter unmittelbarer einwirkung von strang, subst.:
(der in der jugend sterbende) wird sehr früe dem dienst entrissen,
an welchen vns die sünde strengt
Simon Dach ged. 3, 33 Ziesemer.
eng umwinden, beengen, einengen: strengen, zwengen, enge einziehen serrer, restreindre Rädlein dict. (1711) 853ᵃ; zeuch in (den leidenden) ausz (entkleide ihn), dasz in nichts streng oder irr von kheinen ding bei Schmeller-Fr. 2, 817;
diesen zierlich und kräftig doch
kaum geborenen säugling
faltet in reinster windeln flaum,
strenget in köstlicher wickeln schmuck
klatschender wärterinnen schaar
Göthe I 15, 1, 226 W.
anziehen, straffen:
Delius schaut ihn neulich, noch stolz von der schlange besiegung,
als er das schnellende horn einbog mit gestrengeter senne
Voss Ovids verwandl. (1798) 1, 36;
sonder entschlusz nun stutzt er, und senkt so wenig die zügel,
als er sie strengt
ebda 81.
im bilde die zügel an einen strengen ihn scharf behandeln, bedrücken:
auff den Kossakenberg
...
halt itzo noch nicht an der mörder strenge zügel,
die an dich Tanais (der flusz Don), dein böser nachbar, strengt
Fleming geist- u. weltl. poemata (1660) 586
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1957), Bd. X,III (1957), Sp. 1459, Z. 34.

strengs, adv.

strengs, adv.,
verkürzt aus volleren fügungen im adverb. genitiv wie etwa strenges laufs oder strenges gangs (1608) Spangenberg griech. dramen 2, 127 Dähnhardt (vgl.streng II B 2). vorwiegend zur intensitätsangabe einer fortbewegung 'heftig, rasch': die ritter gottes jagten in strengs nach, sluegen sy an der flucht ernider als das vich (15. jh.) Ulrich Füetrer bayer. chron. 64 Spiller; das sie also gewapnet vnder den banern strengs ghen Rom zu zögen Carbach Livius (1551) 48ᵃ; ist stracks forthgezohen ... vnd strengs auff Thermum zu gerucket Xylander Polybius (1574) 264. dazu auch die steigerung: mitler weil ritte der zwerg sein weg fort, bisz er den Amadis vnnd seine gesellen erfolget, welche allgemach fürgezogen waren, aber so bald er zu jnen kommen, reisten sie etwas strengers (1569) Amadis 1, 394 lit. ver. im sinne von 'reiszend' bei flieszenden gewässern (vgl.streng II B 1): torrens strengs, mit vngestüme daher fahrend Calepinus XI ling. (1598) 1474ᵃ. vereinzelt 'intensiv und beharrlich' (zu streng II C): darauff haben sie strengs gearbeit, hat je einer den andern an der arbeit ersetzt, also das sie weder zu tag noch zunacht daz werck vnderlassen Xylander Polybius (1574) 316.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1957), Bd. X,III (1957), Sp. 1472, Z. 43.

verstrengen, verb.

verstrengen, verb.,
denominativbildung zum adj. strenge, nicht gebräuchlich, als 'strenge, strenger werden' bei Campe; 'strenger machen, anziehen' ostfries. Doornkaat 1, 468ᵇ; trans. wie intrans. mnl. Verdam 639ᵃ. räumlich davon getrennt, dem sinne nach aber mit dem nl. sich berührend, verstrengung bei Fischart: (zwei quacksalberinnen) macheten ihr alsbald ein solch schrecklich restrinctiff, verstrengung, einpfrengung und verstricktiff Garg. 157 neudr.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1913), Bd. XII,I (1956), Sp. 1797, Z. 69.

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Zitationshilfe
„strenge“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/strenge>, abgerufen am 24.11.2020.

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